In der Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt es einen sogenannten «Sorgenstock». In diesen Kasten kann man Zettel mit allen möglichen Anliegen hineinwerfen, Anliegen, die dann in einem Gottesdienst (hier oder in einer der umliegenden Kirchen) in den Fürbitten genannt werden.
Alles ist hier möglich, von guten Schulnoten bis zu Zahnschmerzen, vom Kinderwunsch bis zum Frieden auf der Welt, von der Rettung der Wale bis zu mehr Glück und Gesundheit für die alten Tante.
Ich bin froh, dass es die Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt, und ich bin froh, dass es diesen Sorgenstock gibt, denn ich fülle ihn nach jeder Fahrt mit Zettelchen und Zetteln, mit Papierlein und Papieren.
Nicht, dass ich so viele Sorgen hätte, nein, wo denken Sie hin!
Auf meinen Zetteln steht zum Beispiel:
HERR, schenke, dass der Unbekannte, der es nicht schafft, das Video der Politikerin so zu schalten, dass ihr Name richtig erscheint, weil er den Zugriff auf den Video-Account falsch gelegt hat, seine Sache in den Griff bekommt, und das Video mit dem richtigen Namen unterlegt wird und die Beschwerden aufhören.
HERR, schenke, dass der Mitarbeiter der Firma ATACOM AG, dem die magere strenge blonde HR-Tante verzweifelt zu erklären versucht, DASS und auch WARUM die ATACOM AG sich von ihm trennen muss, sich nicht weiter quer stellt, sondern einsichtig und reumütig geht und zur RAV trabt und neue Stellen sucht.
HERR, schenke, dass der junge Mann, der seinen Rucksack im Zug nach Bern liegen liess, und dem man sagte, dieses Gepäckstück sei in Basel, wo es aber nicht war, und der jetzt aufgeregt herumtelefoniert, seinen Rucksack wiederfindet.
HERR, schenke, dass der Werbekampagnen-Vorschlag, dessen Präsentation schon in einer Woche sein wird, angenommen wird, obwohl weder das Budget, noch die Idee, noch ein Arbeitsplan, noch irgendwelche Details klar sind, und dass der Kunde begreift, warum ein Schokoriegel unbedingt, und ohne Zweifel, und absolut notwendig von einem Tintenfisch angepriesen werden muss.
Nun werden Sie sich fragen, wie ich zu diesen Informationen komme. Ist der Video-Untertitel-Mensch auf mich zugegangen? Hat die magere strenge blonde HR-Schnepfe ihr Leid ausgeschüttet? Hat mir der junge Mann die Rucksack-Geschichte erzählt? Hat der Werber mir eine SMS geschrieben?
Nein.
Nein.
Es ist so:
Ich sitze, nachdem ich zwischen Solothurn und Olten in der S 20 einen ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten habe, im IC Olten-Basel und gönne mir im Restaurant einen Doppio. Das ist so ein bisschen «Ferien im Alltag» und Lebensqualität, dasitzen, lesen, hinausschauen und entspannen. Nun sitzen eben auch ganz viele andere Menschen dort, viele mit Handy oder Laptop oder Tablet, alle mit Kopfhörer und telefonieren.
Laut.
Unüberhörbar.
Deutlich.
Ich höre nur diese Menschen, nicht ihre Gesprächspartner, aber der Inhalt der Unterredungen ist doch ganz klar. Früher flüsterten solche Personen in ein kleines Mikro, aber das ist out, unmodern, nicht mehr en vogue. Man tut es laut. Und so bekomme ich das alles mit, und dann schreibe ich die Anliegen auf Zettel…
In der Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt es einen sogenannten «Sorgenstock». In diesen Kasten kann man Zettel mit allen möglichen Anliegen hineinwerfen.
Ich bin froh, dass es die Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt, und ich bin froh, dass es diesen Sorgenstock gibt, denn ich fülle ihn nach jeder Fahrt mit Zettelchen und Zetteln, mit Papierlein und Papieren.
Und das ist gut so, ich müsste den Gedankenkram sonst mit nach Hause nehmen.
P.S. Die Bahnhofskirche ist natürlich eine Erfindung.
Wäre aber doch eine gute Idee.
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