Montag, 18. Juni 2018

WM-Spezial 2: Wie pathologisch ist es, ein Fussballmuffel zu sein?


Konstatieren wir mal die Fakten:

Ich weiss, wie man Fussball spielt und spiele gelegentlich sogar selber.
Ich kenne die Regel, weiss was ein Offside und ein Foul ist.
Ich weiss, dass alle 4 Jahre eine von der FIFA veranstaltete Weltmeisterschaft stattfindet.
Ich weiss, dass die WM gerade in Russland über die Bühne geht.
Ich weiss, dass meine Wahl- und meine Echtheimat dabei sind.
Ich weiss, dass der Gastgeber dabei ist (das Gastland ist immer gesetzt) und ich weiss, dass San Marino NICHT teilnimmt.

Aber:
Ich weiss nicht alle Teilnehmer.
Ich kenne nicht die Gruppen.
Ich werde kein einziges Spiel anschauen.
Ich werde kein Ergebnis im Kopf haben, es sei denn der BLICK titelt so gross, dass man es nicht überlesen kann.

Bin ich nicht ganz normal? Was stimmt mit mir nicht? Oder anders gesprochen: Ist mein Zustand nicht doch so pathologisch, dass ich Hilfe benötige? Ich beschliesse, mich an Profis zu wenden.
Die meisten Beratungsstellen sind allerdings keine Hilfe, «Wenn Sie etwas nicht interessiert, dann interessiert Sie das nicht», bekomme ich zu hören, oder «Dann gucken Sie halt keine Spiele», erst die fünfte Stelle nimmt meine Sorgen ernst. «Um Himmels willen», ruft die Dame der Spiel-Phobiker-Selbsthilfe, «da vereinsamen Sie ja völlig, da werden Sie ja zum Sozialproblematiker!» Zum Glück kennt sie einen Fachmann, den auf Anti-Fussball-Psychosen spezialisierten Dr. med. Rudi Dumf-Engs.

Die Praxis des Psychiaters liegt im 3. Stock eines 50er-Jahre-Gebäudes in der Basler Innenstadt. Schon beim Hineinkommen ist klar zu erkennen, dass Dumf-Engs ein grosser Fussballfan ist; die Wände sind mit Bildern grosser Spieler (Pelé, Beckenbauer, Maradona, Beckham etc.) dekoriert und auf den Tischen im Wartezimmer liegen nicht die GALA, Schöner Wohnen oder Frau mit Herz, sondern der Kicker und die 11 Freunde.
Der grossgewachsene, grauhaarige, stattliche Arzt bittet mich in sein Sprechzimmer; ich darf mich auf die Couch legen und mein Problem schildern. Dumf-Engs nickt vertrauensvoll, dann heisst er mich die Augen schliessen und eine Weile zu Stichworten von ihm Bilder erscheinen lassen. Ein paar Minuten tut sich nichts, dann aber fange ich an zu stammeln:
«Langweilig… es ist so langweilig…die spielen gar nicht…ich bin am Einschlafen…ich wollte doch für meine Feriencamp-Jungs…ich meine auf dem Laufenden sein…und dann spielen die gar nicht…die schieben nur den Ball hin und her…das ist so öde…»
«Haben Sie 1982 in einem Feriencamp gearbeitet?»
Ich erwache wie aus einer Trance: «Stadtranderholung, die waren nur tagsüber da, aber… aber…wie kommen Sie auf 1982?»
«Was Sie gerade geschildert haben, ist der sogenannte Nichtangriffspakt von Gijón, auch als Schande von Gijón bezeichnet, bei der die deutsche und die österreichische Nationalmannschaft nicht wirklich spielten, weil man vorher die benötigten Punkte ausgerechnet hatte. Deutschland musste gewinnen, Österreich durfte nur knapp verlieren, und als in der 10. Minute das 1:0 erreicht war, hörte man auf zu kämpfen.»
«Sie kennen das Spiel?»
«Guter Mann, es ist Legende. Da sind Bücher darüber geschrieben worden. Ich glaube, da haben wir klar Ihr Trauma gefunden. Aber wenn Ihnen dieser Match den Fussball verleidet hat – was ich verstehen kann – dann kann ich Ihnen klar sagen, dass so etwas nicht mehr vorkommen kann.»
«Weil Fussball anständiger geworden ist?»
«Nein, weil man seit dem Nichtangriffspakt von Gijón, der Schande von Gijón die beiden letzten Gruppenspiele gleichzeitig stattfinden lässt, damit keine Mannschaft sich irgendetwas ausrechnen kann, so etwas wie 1982 wird nie mehr vorkommen.»

Frohgemut verlasse ich die Praxis, kaufe mir sämtliche Fussballmagazine, die es am Kiosk gibt, setze mich in ein Café und beginne die Gruppen auswendig zu lernen. Ich kreuze mir die Spiele an, die ich zeitlich verfolgen kann und beginne mich zu freuen.
Es ist wunderbar, wie schnell Dr. Rudi Dumf-Engs mein Problem bei der Wurzel packen konnte.

Die Frage, die sich nun stellt, ist:
Gibt es ähnliche Ärzte auch für Nicht-Leser, für Nicht-Theatergeher, gibt es sie für Nicht-Kunstinteressierte und für Nicht-Klassikhörer? Wahrscheinlich weniger. Aber das ist schade. Warum ist es pathologisch, nicht zu wissen, wer in die Achtelfinale kommt, aber nicht pathologisch, nicht zu wissen, wer den Literaturnobelpreis 2018 bekommt? Was der Streit über die Volksbühne beinhaltet? Warum schaut einen jede(r) entsetzt an, wenn man «Ach, ist gerade WM?», aber niemand, wenn man «Ach, war gerade ART?» sagt?

Es bräuchte noch viele Psychiater.

P.S. Der Nobelpreis 2018 wird gar nicht verliehen, das könnte man als Schande von Stockholm bezeichnen.
ABER DAS WISSEN SIE HOFFENTLICH.

  



Freitag, 15. Juni 2018

WM-Spezial 1: Die Fussball-Oper


DER SCHUSS INS TOR
Oper in fünf Bildern
Text von Maria Druselbach-Heimstadt
Musik von Peter v. Tupurtz

Personen:
Tribun Frojda, Torwart der Skodischen Nationalmannschaft (Tenor); Oka Btesch, Ersatzstürmer der Ljodischen Nationalmannschaft (Tenor); Rüpfü Zaschum, Ljodischer Nationaltrainer (Bass); Dsiur Klypp, Masseur der Skodischen Nationalmannschaft (Bariton); Gfeeha Ubu, Verteidiger der Ljodischen Nationalmannschaft (Bass), Ein Sportreporter (Bariton)

Ljodisches Nationalteam, Skodisches Nationalteam, Bewohner von Jibinit

Ort und Zeit: Jibinit (Hauptstadt von Skodien) / Gegenwart

1. Bild: Innenstadt von Jibinit
Begeistert begrüssen die Bewohner von Jibinit ihr Nationalteam mit der Nationalhymne (Chor: O du Perle an der Trökscha), die Spieler zeigen sich siegesgewiss und versprechen, alles zu geben. Während die Spieler in ihre Unterkünfte gehen und das Volk sich verliert, bleiben Tribun und Dsiur zurück; Tribun gesteht seinem Masseur, dass er seit einem halben Jahr mit dem Ljoden Oka Btesch ein Paar sei. (Arie: Seine Flanke und sein Schienbein liessen mich erschaudern) Dsiur warnt Tribun, die Sache könne nur böse enden. (Arie: Nur dem Fussball weihe dein Leben)

2. Bild: Hotelzimmer in Jibinit
Ermattet vom Liebesakt liegen die beiden Liebenden auf dem Hotelbett. Sie beschliessen, dass dies ihr letztes Spiel sein werde und hoffen, dass Oka nicht zum Einsatz kommt. Sie wollen nach Australien auswandern und dort ein neues Leben beginnen. (Szene und Duett: Fern unsrer Heimat züchten wir Schafe)

3. Bild: Trainingszentrum der Ljoden
Rüpfü gibt seinem Team die letzten Instruktionen, die Spieler stimmen begeistert die Ljodische Hymne an. (Arie und Chor: Seid vorne scharf und hinten dicht / Heil dir, Ljodien, heil dir Vaterland) Gfeeha hat das Paar beobachtet und erzählt seinem Trainer die Geschichte, fassungslos bleibt Rüpfü zurück. Er lässt Oka holen und stellt ihn zur Rede. (Duett: Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt gutes Kicken allemal) Oka bittet, nicht zum Einsatz kommen zu müssen, Rüpfü sagt ihm, dass er mit grosser Sicherheit in der Endphase drankomme und dann auch schiessen müsse, sonst werde eine grausame Strafe auf ihn warten. Erschüttert bleibt Oka zurück. (Arie: O, wenn ich doch nicht treffen müsste)

4. Bild: Public Viewing in Jibinit
Bewegt und fasziniert schaut das Volk der 2. Halbzeit zu, es steht noch 0:0. (Chor: Auf in den Kampf, ihr Skoden!) Auf dem Riesenbildschirm sieht man, kommentiert von einem Sportreporter, wie Oka in der 85. Minute eingewechselt wird. 90 Sekunden vor Spielende rast er auf das Skodische Tor zu, schiesst aber schwächlich, Tribun lässt den Ball, den ein Primarschüler gehalten hätte, passieren. Das Volk ist ausser sich. (Chor: Wehe! Wehe! Tormann, du liessest die Wacht!)

5. Bild: Flughafen von Jibinit
Die Mannschaften haben sich in der Halle versammelt. Rüpfü und Dsiur verkünden das Urteil: Als Strafe für ihr Verhalten werden Tribun und Oka in die Verbannung geschickt, sie müssen in Australien Schafe züchten. (Szene und Chor: Hinweg mit euch) Tunlichst verschweigen die zwei, dass dies eh ihr Plan war. Allein bleiben sie zurück und schwelgen in ihrer Liebe. (Schlussduett: Wie brandheiss ist dieses Füsschen)

Musik:
Die zwischen Tonalität, freier Tonalität, Atonalität, Polytonalität und Banalität schweifende Musik ist gespickt mit Zitaten der Opernliteratur. Interessant ist das Leitmotiv b-e-c-(k)-e-(n)-b-a-(u)-e-(r).

Werkgeschichte:
Der Schuss ins Tor wurde 2014 zur Feier des deutschen Sieges in Auftrag gegeben, man liess den Autoren dabei freie Hand. Leider hatte der DFB schlussendlich nicht den Mumm, die Oper aufführen zu lassen. Nun wird Der Schuss ins Tor während der WM in Russland seine UA erleben, selbstverständlich an streng geheimem Ort, welcher Musiker wandert schon gerne nach Sibirien?  

P.S. Wäre eine Schweizer Erstaufführung nicht eine grossartige Aufgabe für junge Schweizer Opernkollektive?

Montag, 11. Juni 2018

Die Traumberufe von 15jährigen Jungs


Mein schwierigstes Fach, das ich unterrichte, ist Berufskunde.
Das liegt vor allem an der Tatsache, dass meine Klientel ja Jugendliche sind, die in der normalen Schule nicht funktioniert haben; um das übliche Missverständnis gleich auszuräumen: Sie sind weder «lernbehindert» noch «schwererziehbar», sie haben einfach Probleme. Und diese Probleme machen sich auch bei der Berufswahl bemerkbar.
Um mir die Arbeit zu erleichtern, habe ich einen kleinen Leitfaden verfasst, aus dem ich hier ein paar Stellen bringe, denn das kurze Abhandeln der am meisten genannten Berufswünsche der 15jährigen Jungs, hilft auch jungen Männern, die eine normale Schule besuchen.
Fragt man 15-16jährige Kerle, werden stets die sechs gleichen Traumjobs angegeben:
Profikiller
Zuhälter
Profigamer
Fussballer
Drogendealer
Toy Boy
Wohlan, lasst uns diese Berufe einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Profikiller
Du ballerst gerne herum (virtuell)? Du hast gerne eine Waffe in der Hand (virtuell)? Du siehst gerne Blut (virtuell)? Nun, dann hast du gewisse Voraussetzungen für den Beruf. Aber mal ganz ehrlich: Wie sieht es denn in der Realität aus? Hast du schon einmal ein Huhn getötet? Oder gar eine Sau? Wahrscheinlich hast du ein zu gutes Herz. Prüfe dich selbst, ob du wirklich ein grundböser Mensch bist – mit grosser Wahrscheinlichkeit bist du es nicht. Verlasse dich nicht darauf, was deine Eltern und deine Lehrer sagen, vielleicht behaupten sie, du seist böse, aber das zählt nicht. Wenn du es ernst mit dem Wunsch meinst, mache den Check unter www.am-I-bad-enough.com

Zuhälter
Ein schöner und ehrbarer Beruf, wenn man ihn seriös betreibt. Du hilfst Frauen Geld zu verdienen und beschützt und bewahrst sie vor Unannehmlichkeiten. Es gibt nur ein kleines Problem: 90 % der Jungs an deiner Schule wollen Lude werden, aber nur 0,02 % der Mädchen geben als Berufswunsch «Nutte» an. Geht irgendwie nicht auf, oder?

Profigamer
Mikoshasho Tumikori, dein grosses Vorbild, verdient 3 Millionen im Jahr. Bei dem 25jährigen aus Tokio kommen zu den enormen Preisgeldern noch diverse Einnahmen aus anderen Quellen; Mikoshasho Tumikori hat einen eigenen You-Tube-Kanal, in dem er Games vorstellt und probespielt, etliche Gamer-Zeitschriften lassen Mikoshasho Tumikori neue Spiele testen, nebenbei macht Mikoshasho Tumikori Werbung für verschiedene Firmen. Dein Problem wird aber nun sein, dass Mikoshasho Tumikori auf der Weltrangliste auf Platz 5 steht und du auf Platz 78654. Werden Gamer’s World oder Gamer’s Place dich über das neue Killer-Creek VII schreiben lassen, wenn sie Mikoshasho Tumikori haben können?
Siehste. Der Teufel sch.. eben immer auf den gleichen Haufen.

Fussballer
Können wir ähnlich abhaken wie den letzten Punkt: DU BIST ZU SCHLECHT. Nein, dass du bei den Junioren vom FC Bottrop spielst und auch regelmässig Tore schiesst, langt nicht.
Noch Fragen?

Drogendealer
Ein schöner Beruf, er vereint eigentlich diverseste Fähigkeiten und Arbeitsfelder: Es hat ein bisschen Chemie, ein bisschen Detailhandel, es hat ein wenig Logistik und ein wenig Buchhaltung. Du bist viel unterwegs, lernst interessante Leute kennen und führst ein grosses Team. Du machst Menschen glücklich und zufrieden.
Problem: Du musst in der Ausbildungszeit ganz, ganz, ganz tief unten durch. Wenn Lehrjahre «keine Herrenjahre» sind, dann sind hier die Lehrjahre Sklavenjahre. Wenn der Lehrmeister dich normalerweise bei von dir gemachten Fehlern anschnauzt, dann reagiert er hier ein bisschen heftiger, er schiesst dich in die Beine.
Wenn du also tough genug bist, dann mache die Ausbildung, du würdest dann aber auch jede andere Lehre mit Kusshand schaffen.

Toy Boy
Du bist schön? Athletisch gebaut? Gut bestückt und potent? Dann wartet hier ein toller Job auf dich: Am Pool fläzen, Cocktails trinken, shoppen gehen, und als Gegenleistung die «Chefin», die «Sugar Mammy» 3-4 pro Tag sexuell befriedigen.
Aber Achtung: Mit 25 musst du alle Schäfchen im Trockenen haben, bei den ersten Fettpölsterchen, bei den ersten Falten, beim geringsten Nachlassen deiner Standfestigkeit wirst du gegen die nächste Generation ausgetauscht.

So. Das war mal Klartext, liebe Jungs.
Wenn ihr jetzt doch was Normales machen wollt, euer Berufskundelehrer hilft.