Donnerstag, 15. August 2019

Tragen Sie Beton? Vom Unsinn der Farbnamen


Ich habe wieder einmal einen Katalog vor mir und lese mit Staunen die Anzeigen für Kleidungsstücke:

Hose schwarz-weiss gestreift, Baumwolle 69,90.-
(Streifen auch in Grau, Grey, Anthrazit, Asche, Beton, Mauer, Wolke, Stein, Elefant, Asphalt, Maus, Silber, Stahl und Granit)

T-Shirt grün, 90% Baumwolle, 10% Elasthan 49,90.-
(auch in Green, Rasen, Wiese, Gras, Mint, Minze, Menthe, Zucchetti, Salat, Gurke, Petersilie, Schnittlauch, Basilikum, Blatt, Stängel, Kaktus und Smoothie)

Jacke rot, reine Wolle 139,90.-
(auch in Red, Rouge, Blut, Theaterblut, Ketchup, Tomate, Feuerlöscher, Signal, Paprika, Chili, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang und Scham)

Zum Glück habe ich Knarf, einen Kumpel, der im Bekleidungshandel arbeitet. Ich mache ein Foto, schicke es per Handy und bitte ihn, mich anzurufen – was er nach einer Stunde auch tut. «Hey Rolf, was gibt’s?» «Was es gibt? Hast du dir den Schwachsinn mal angesehen? Was treibt ihr Textilleute da?» «Wegen der Farbenvielfalt? Oh, ich könnte dir locker noch jeweils 5 Farben mehr aufzählen, und zwar wichtige, bei den Grautönen fehlt eindeutig Gips, bei den Grüntönen Efeu und bei den Rottönen Rose…» «Aber wer kann das unterscheiden? Und Minze, Mint und Menthe ist doch das Gleiche.» «Keineswegs, Minze hat ein bisschen mehr gelb drin wie die anderen und Menthe ist ein wenig heller und Mint glänzt mehr. Da braucht man halt schon ein ganz feines Auge.»
Knarf ist auch keine Hilfe.

Zum Glück treffe ich Liu im Café. Liu ist Grafikerin und muss sich mit Farben ja auskennen. Was sie auch tut. «Rolf», meint sie, «es gibt ca. 100 Grautöne, 120 Grüntöne und 130 Rottöne. Für uns Grafiker und für die Drucker haben die alle Nummern, z.B. E456; wenn aber nun jemand auf die Idee kommt, ein Kleidungsstück in dieser Farbe zu machen, dann kann er ja schlecht schreiben: T-Shirt auch in F598 erhältlich, oder? Also sitzen in diesen Kleiderbuden irgendwelche armen Teufel und überlegen sich Namen für diese Nuancen. Und mal ganz ehrlich: Aubergine, Petrol, Mauve und Lachs hast du inzwischen auch als Farbe akzeptiert, und das waren vor 30 Jahren auch nur ein Gemüse, ein Treibstoff, eine Blume und ein Fisch, und genauso wirst du in 20 Jahren Hosen in Zucchetti, Diesel, Petunie und Karpfen tragen…»

Nein, werde ich nicht.

Ich laufe lieber nackt herum als in einer Kombination Theaterblut/Beton. Stellen Sie sich mal die Brauntöne vor! Da gibt es dann Sch.., K…, – kann  ich jetzt hier gar nicht schreiben, sonst käme ich aus dem sit venia verbo gar nicht heraus.

Ich hoffe nur, der Farbenwahn macht vor der normalen Sprache halt. Wenn jemand das Blaue vom Himmel lügt, dann soll er das Blaue vom Himmel lügen und nicht Tinte, Wasser oder Pflaume. Wenn ein junges Mädchen (oder Kerlchen) sanft errötet, dann soll sie oder er auch weiterhin erröten und nicht ertomaten, erpaprikanen oder erbluten.
Und wird man nicht auch weiterhin «Ganz in Weiss» heiraten wollen und nicht in Schnee, in Papier, in Koks, in Mehl, in Zucker, in Salz und in Ei?

Ich weiss nicht, wo diese Leute sitzen, welche Firmen da ihre Hand mit im Spiel haben und welche Agenturen da ihre Hirne einsetzen, ich habe nur einen Wunsch:
HÖRT AUF! WIR HABEN JETZT GENUG FARBEN!

Als ich aus dem Café komme, liegt ein Flyer im Briefkasten. Man ruft zur Volksabstimmung über eine Änderung der Schweizer Flagge auf, der Bundesrat hat beschlossen, die Fahne von Rot/Weiss auf Tomate/Mehl umzustellen. Dagegen wendet sich ein überparteiliches Komitee, das eher aus konservativen und bürgerlichen Kreisen kommt. Aber dieses mal muss man ihnen recht geben: NEIN heisst die Parole. 

 

Dienstag, 13. August 2019

Unmissverständlich! Haben Sie verstanden?


Am Pfingstdienstag stand vor dem Eingang zum Hinterhaus ein Müllsack und oberhalb von ihm klebte ein Zettel:
Welchen Teil von
«am Pfingstmontag keine Kehrrichtabfuhr»
haben Sie missverstanden?

Nun, manchmal muss man Dinge wohl schärfer ausdrücken.
Unmissverständlich – so sagt man doch, oder? Unmissverständlich. So, dass auch der letzte Dummkopf, der letzte Trottel, so, dass auch Menschen mit einem IQ unter Zimmertemperatur oder Leute, für die eine Ausgabe der Micky Maus der Gipfel ihrer Intellektualität ist, die Dinge verstehen.
Unmissverständlich eben.
Also hätte man den Ursprungszettel so gestalten müssen:

Stellen Sie am 9.6.2019 keine Müllsäcke raus!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Ja nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Unhöflich – aber unmissverständlich.

Verstehen Sie den Satz «Liebe Badegäste, wir bitten Sie vor dem Schwimmen die Duschen zu benutzen, vielen Dank»? Auch dieser Satz scheint missverständlich zu sein. Viele Leute schienen zu denken, dass man die Duschen
a) umgehen kann, wenn man nur badet
b) auch zum Tanzen, Musik hören oder plaudern benutzen kann
c) es ja nur eine Bitte und kein Befehl ist
Missverständlich eben. Und so lautet der Satz neu:

Liebe Badegäste!
Vor dem Baden und Schwimmen ist das Duschen obligatorisch!

Zudem wird er auch noch auf Französisch wiederholt, denn sonst würden die Elsässer Badegäste behaupten, sie hätten nichts kapiert – obwohl ja Dusche/douche und obligatorisch/obligatoire die gleichen Worte sind.

Wie interpretieren Sie das Folgende:

Last Call.
Mr. Roman Koller, booked on KLM 45645 to New York, please come to Gate 56.

Ist das missverständlich? Kann man da noch ein «kommen, wenn man Lust hat» oder ein «kommen, wenn man Zeit hat», kann man da noch ein «vielleicht, möglicherweise und jetzt nicht» hineinlesen?
Scheinbar schon. Denn in Schiphol hat man sich angewöhnt, das Ganze ein wenig schärfer, eben unmissverständlich auszudrücken:

Mr. Roman Koller, booked on KLM 45645 to New York,
YOU ARE DELAYING THE FLIGHT!!!!!!
Please come to Gate 56 immediately or we will proceed to offload your luggage.

Warum tun wir uns so schwer, Dinge zu begreifen, wenn sie freundlich, bittend, wenn sie nett und nettlich, wenn sie höflich, mit schönen Wörtern und in anständigem Tonfall vorgetragen werden? Warum muss alles immer so UNMISSVERSTÄNDLICH gesagt werden?
Vielleicht, weil in unseren Gehirnen irgendein kleines Männlein sitzt, dass uns ständig kleine teuflische Einflüsterungen macht: «Er hat gesagt, er bittet, wenn er bittet, heisst das, dass er keine Berechtigung hat, zu befehlen, deshalb muss er bitten und wenn er nur bittet, dann kannst du befolgen oder auch nicht…», «Es steht: KEINE ABFUHR, das heisst aber nicht, dass man den Sack nicht schon rausstellen darf, sonst hätte man das ja explizit gesagt…», «Man sagt, du sollst da und da hin kommen, aber man hat ja nicht gesagt, zu welchem Zeitpunkt…»

Schon der Beginn der Menschheit beginnt mit einer solchen missverständlichen (???) Aussage:
Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.
Besser hätte der HERR gesagt:
Guck, der Baum da! FINGER WEG DAVON! Absolutes Essverbot – sonst fliegst du raus!





Freitag, 9. August 2019

Hans Z., der Datenverweigerer


Hans Z. ist ein böser Bube, er ist ein finsterer Geselle, ein düsterer Heimlichtuer, er ist ein dunkles und graues Ungetüm. Stellen Sie sich vor, was der Kerl gestern gemacht hat:

Hans Z. verliess gestern um 8.00 das Haus, stieg in den Bus und fuhr zum Bahnhof. Dort löste er ein Ticket nach Poppenhofen. Dieses Ticket hatte er natürlich nicht wie anständige Leute am heimischen PC gebucht, sondern löste es mit Bargeld (!) am Automaten (!!). Sein Handy hatte er zwar dabei, aber ausgeschaltet (!!!). Nun ging Hans Z. zum Supermarkt am Bahnhof und kaufte mit Bargeld (!!!!) sich zwei Sandwiches und etwas zum Trinken. Als die Kassiererin nach der Payback-Karte fragte, erklärte er entrüstet, dass er eine solche nicht besitze (!!!!!). Hans Z. fuhr also nach Poppenhofen, von wo er eine sechsstündige Wanderung durch die Poppenhofener Berge machte, am Nachmittag erreichte er sein Ziel, das Seewirtshaus Anker, wo er ein Bier bestellte und Würstchen mit Bratkartoffeln ass. Muss hier noch erwähnt werden, dass Herr Z. seine Konsumation bar beglich (!!!!!!) und nicht wie ein normaler Mensch mit einer Mastercard, Visacard, American Express oder Diner’s Club. Als Hans Z. um ca. 19.00 wieder seine Wohnung erreichte, hatte er den ganzen Tag keine digitalen Spuren hinterlassen.

Leute wie Hans Z. sind Datenverweigerer.
Datenverweigerer sind das Schlimmste, was einer modernen Gesellschaft passieren kann. Wie soll eine Wirtschaft funktionieren, wie soll Werbung gemacht werden, wie sollen Menschen zu Kauf und Miete, zu Reise und Spiel, zu Konsum und Geldausgeben animiert werden, wenn wir ihre Daten nicht haben? Wie soll es zu Wachstum und DAX-Punkten kommen, wenn hier Menschen durch die Welt latschen, die uns keine Anhaltspunkte über ihr Leben geben?

Datenverweigerer sind böse Buben, böse Mädchen, sind finstere Gesellen und Gesellinnen, düstere Heimlichtuer, sind dunkle und graue Ungetüme. Was hat den so einer wie Hans Z. zu verbergen?
Na?
Natürlich kommt jetzt wieder der Spruch «Ich möchte einfach nicht, dass jeder weiss, was ich treibe.» Aber warum denn nicht?
Wahrscheinlich ist Hans Z. Agent einer geheimen Macht. Die Fahrkarte nach Poppenhofen am Automaten zu kaufen, kann ja nur den Grund haben, verschleiern zu wollen, dass man ebenda hinwill. Die Verweigerung von Kredit- und Payback-karte kann ja nur die Ursache haben, dass man in den Poppenhofener Wäldern etwas ganz Böses, etwas ganz Finsteres gemacht, getrieben hat.Was tat Hans Z. zwischen Unterschlucht und Oberschlucht? Was trieb er zwischen den «5 Eichen» und dem Poppenhofener See? Wen hat er getroffen und welche Geheimnisse sind dort verraten worden? Ist Geld, ist Rauschgift, sind Drogen, falsche Pässe, ist Uran oder Plutonium übergeben worden? Und wem? Sind hier die CIA, die NSA, sind die Russen, die Syrer oder die Iraner mit im Spiel?
Fest steht: Hans Z. KANN kein gutes Gewissen haben, sonst hätte er seinen Datensatz nicht so konsequent versteckt.

«Ich möchte einfach nicht, dass jeder weiss, was ich treibe.» Dieser Satz hat im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr. Wer nichts zu verbergen hat, der kann, nein, der soll und muss seine Daten zu Verfügung stellen. Wenn wir uns die Liste ansehen, die hier verlorenging und welche Branchen geschädigt wurden, dann kann einem schwindlig werden.

Fahrt nach Poppenhofen
Deutsche Bahn
Tourismus Kreis Poppenhofen
Einkauf
Sandwichindustrie
Grossbäckereien
Wurstwaren
Wanderung ohne Handy
Fitness und Freizeit
Fitness-Apps
Wanderbekleidung und -schuhe
Einkehr im Gasthaus
Wurstwaren (wieder!)
Gemüse- und Obstgeschäfte
Bierbrauereien

Nehmen wir nur einmal die Würste (es geht jetzt um die Wurst, sorry für das blöde Wortspiel):
Die Information, dass hier ein Mensch scheints gerne WURST isst, dass er WURST auf seinem Brot möchte, dass er nach einer langen Wanderung WURST zu sich nimmt, das ist für Firmen wie BELL® oder MEICA® Gold wert, gerade in den Zeiten des grassierenden Vegetarismus, Veganismus, des Fructuarismus und der Rohköstler.
Nein.
Wenn wir der Datenverweigerung nicht Herr werden, wird es schlecht um unsere Wirtschaft stehen.

Morgen will Hans Z. übrigens nach Pullenblauen. Wieder wird er NICHT online buchen, wird seinen Lunch BAR bezahlen und KEINE Paybackkarte haben, wieder wird er mit AUSGESCHALTETEM Handy in ein Gasthaus gehen, wo er OHNE Kreditkarte zahlt.
Wahrscheinlich trifft in den Pullenblauener Bergen einen Syrer, Russen oder Chinesen, dem er Geld, Rauschgift, Drogen, falsche Pässe, Uran oder Plutonium weitergeben wird.
Anders kann es nicht sein.