Montag, 15. Januar 2018

Christin-Sabine Ullmann, die böse kleine Schwester



Clara-Dora Ullmann wäre eigentlich eine ganz brauchbare Person. Sie bewohnt mit ihrer Schwester das kleine Häuschen, das sie von ihren Eltern geerbt haben, führt gut Haus und Garten, arbeitet zu 80% auf einer Anwaltskanzlei, füttert und pflegt ihre drei Katzen und hat somit immer gut zu tun. Clara-Dora Ullmann kleidet sich modisch, aber nicht aufgetakelt, sie geht einmal pro Woche zum Friseur, einmal ins Schwimmbad und einmal zur Maniküre. Donnerstags geht sie abends in einen Lesekreis, der sich mit aktueller Literatur beschäftigt und sonntags in den Gottesdienst der Landeskirche. Sie hat ein Abo der örtlichen Tageszeitung, ein Abo des Verkehrsverbundes und ein Abo des Stadttheaters, sie isst viel Obst und Gemüse, ohne Veganerin zu sein, trinkt mässig Alkohol (mal ein Gläschen schon) und raucht 14 Zigaretten – im Jahr. Clara-Dora Ullmann ist also eine normale, nette Frau, ein wenig langweilig, aber OK.

Clara-Dora Ullmann wäre eigentlich eine ganz brauchbare Person, man könnte sie zu jedem Essen und zu jeder Feier einladen, man könnte sie zu Ausflügen und Reisen mitnehmen, sie würde auf keiner Vernissage, bei keinem Vortrag, sie würde bei keinem Apéro und keinem Konzert eine allzu schlechte Figur abgeben. Clara-Dora Ullmann würde man auch gerne besuchen, man würde gerne in ihrem gepflegten Haus, auf ihrer gepflegten Terrasse oder in ihrem gepflegten Garten sitzen, man würde gerne von ihren selbstgebackenen Kirsch-, Apfel-, Vanille- und Schokokuchen kosten und sich von ihr mit ihrem unvergleichlichen Gemüsegratin oder ihrer unvergleichlichen Mousse verwöhnen lassen. Man könnte es gut haben mit Clara-Dora Ullmann, wäre da nicht…

Die Schwester.
Eben diese Schwester, mit der sie das Haus teilt, die Schwester, die immer dabei ist und alles so unerträglich macht.

Christin-Sabine Ullmann ist ein Ekel. Sie vereint in einem Masse schlechte Eigenschaften auf sich, das sogar Jack the Ripper oder Graf Voldemort neidisch machen würde. Christin-Sabine Ullmann ist geizig, geldgierig, dabei verlogen, betrügerisch und korrupt bis ans Limit. Das allerdings hindert sie nicht, gleichzeitig frömmlerisch, bigott und gelegentlich fanatisch zu sein, sie ist launisch, borstig, sie ist misanthropisch und verbittert und ihre scharfe Zunge haben schon manche zu spüren bekommen. Im Gegensatz zu ihrer Schwester trägt sie altmodische, altbackene Kleider, geht nie ohne das Kopftuch aus dem Haus, das sie um ihren strenggewobenen Dutt legt. Natürlich geht sie nicht in die Landeskirche zu dem «linken» Pfarrer, sondern in eine altreligiöse Gemeinschaft, wo noch «Recht und Gebote herrschen». Wie gesagt: Diese sehr gesetzliche Haltung hindert Christin-Sabine Ullmann keineswegs daran, bei ihrem Job (75%) auf dem Bezirksamt jedem Bestechungsversuch offen zu begegnen und hemmungslos dem Meistzahlenden alle Aufträge zuzuschanzen.
Neuerdings, und das ist eine Entwicklung, die auch Clara-Dora beunruhigt, sieht man sie zusammen mit Typen, die einen nicht glücklich machen, mit Alt-, Spät-, Halb- und Vollnazis, zusammen mit Ausländerfeinden und Schwulenhassern, mit Menschen, denen ein normaler aus dem Wege geht. 

Nun ist das Dumme, dass man die grosse Schwester eben nur mit der kleinen zusammen bekommt. Lädt man Clara-Dora ein, zu einem Tee, einem Kaffee, einem schönen Abendessen, einem Glas Wein, dann wird sie Christin-Sabine mitbringen und diese wird den Nachmittag, den Abend zerstören, versauen, miesmachen, sei es, dass sie einem förmlich den Rosenkranz um die Ohren schlägt, sei es, dass sie Hetzreden führt, vielleicht verbreitet sie aber auch nur schlechte Laune. Oder sie klaut einem Geld aus dem Portemonnaie oder Schmuck aus der Schatulle.
Ginge man aber zu Ullmanns heim, zu einem Kaffee, einem Tee, zu einem Fondue in der Stube oder einer Grillade auf der Terrasse, würde das Gleiche passieren. Auch wenn Christin-Sabine Gäste eigentlich hasst, würde sie nie in ihren Räumen bleiben, nein, sie würde sich dazu setzen, und bewirken, dass jene gehen, bevor das letzte Glas und die letzte Tasse ausgetrunken sind.

Natürlich findet Clara-Dora nie einen Partner.
Wer will schon eine Schwägerin, die so ein widerlicher Mensch ist, dass sogar Stalin und Sauron ihr Platz 1 in der Bösartigkeits-Challenge einräumen? Wer will eine Schwägerin, die geizig, geldgierig, die gemein, verlogen, eine Angeheiratet, die korrupt und bestechlich, dabei bigott, frömmlerisch und fanatisch ist? Eine Person, mit der man sich nur wenige Minuten im gleichen Raum aufhalten kann, ohne Erfrierungen zu bekommen?
Bisher gingen daher Partnersuchversuche von Clara-Dora immer schief.

Die Frage, die sich jetzt jeder stellt, ist natürlich:
Warum schmeisst die grosse die kleine Schwester nicht einfach raus?
Ganz einfach: Christin-Sabine gehört das halbe Haus. Sie müsste ausbezahlt werden und das würde Clara-Dora erst einmal in einen Schuldenberg stürzen. Und selber das Feld räumen will sie auch nicht.

Clara-Dora Ullmann wäre eigentlich eine ganz umgängliche Frau.
Eine, die man einladen oder besuchen könnte.

Wäre da nicht Christin-Sabine Ullmann.
Die kleine Schwester.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Warten



Wissen Sie, was wir 2018 wieder am meisten tun werden?

Wir werden warten.

Wir werden zwar auch schlafen, essen, trinken, wir werden unsere Wohnungen putzen und aufräumen, wir werden 2018 arbeiten und freizeiten, wir werden Sex haben und Sport machen (für viele ist das eh das Gleiche), wir werden Wehwehchen haben und zum Arzt gehen, lange Haare bekommen und zum Friseur, wir werden 2018 Musik hören und Bücher lesen, wir werden Filme schauen und Mails angucken, wir werden viele Dinge tun, aber am meisten werden wir…

Genau.
Warten.
Wie wir auch 2017 und 2016 und 2015 am meisten gewartet haben.

Und zwar nicht nur die Menschen, die aus religiösen und ideologischen Gründen warten, die eine Heilserwartung haben, da steckt ja das Warten schon drin, also die, die auf das Reich Gottes, den Jüngsten Tag, die auf den Kommunismus warten, diejenigen, die auf Armageddon oder das Neue Jerusalem, die auf Ragnarök oder andere apokalyptische Dinge warten, sondern alle.

Wir werden warten.
Im Winter werden wir auf das Frühjahr, im Frühling auf den Sommer warten, dann in der heissesten Jahreszeit auf den Herbst und wenn die Blätter fallen, wieder auf den Winter.
Wir werden auf die Fastnacht warten, auf den Valentinstag, auf Ostern, wir werden auf die Spargelzeit und die Öffnung der Freibäder warten, auf Halloween und auf die Weihnachtszeit. In jener Zeit wird dann wieder ganz schlimm gewartet, auf das Christkind, den Weihnachtsmann, auf den Samichlaus und auf den Tannenbaum.

Warten.

Wir werden Stunden, wenn nicht Tage in Warte-Schleifen zubringen und uns Musik anhören, Pour Elise oder New Age, die Kleine Nachtmusik oder New York, New York. Wir werden die Callcenter verfluchen und Verwünschungen an die Herstellerfirmen und Dienstleister schicken, aber wir werden warten. 

Wir werden auf Züge, Busse und Trams warten, auf Warteplätzen und in Wartehäuschen, wir werden warten, bis endlich ein Verkehrsmittel kommt, wenn wir das Unglück haben, in Deutschland zu wohnen, kann das sehr lange gehen. Die DB ist wohl die Organisation, die die grösste Anzahl Leute zum Warten zwingt.
Aber Auto und Flugzeug sind da nicht besser. Was machen Sie in einem Stau? Genau, warten, dass es weitergeht; und was Sie an einem Flughafen zusammenwarten, das geht auch auf keine Kuhhaut, Sie warten am Check-in, an der Sicherheitskontrolle, Sie warten beim Boarding und dann im Flieger auf den Start, und nach der Landung warten Sie noch einmal eine Stunde auf Ihr Gepäck, bis Sie merken, dass es nicht nach München, sondern nach Murmansk geschickt wurde, klingt ja auch so ähnlich.

Wir werden warten.
Auf bessere Zeiten.
Auf die Rechnung im Restaurant, die man vor 45 Minuten angefordert hat.
Auf den Monteur, der gesagt hat, er komme «zwischen 8.00 und 10.00», was IMMER 9.59 heisst.
Auf die Kontogutschrift, die Sie brauchen, um Ihre Krankenkassenprämie zu zahlen, denn die Versicherung wartet nämlich nicht.

Deutschland wird weiter auf seinen Flughafen warten und Stuttgart auf seinen Bahnhof. Generell werden im ehemaligen Land der Präzision und des Fleisses 3498 Bauprojekte auf ihre Fertigstellung warten, die sich sicher wieder bis 2019 verschiebt.

Wir werden warten.  
Wir werden zwar auch viele andere Dinge tun, aber fast jede Tätigkeit ist mit Warten verbunden, beim Schlaf werden wir warten, bis Morpheus endlich erscheint, beim Essen warten, bis das Nudelwasser endlich kocht. Beim Sex werden wir warten, bis der oder die andere in Stimmung ist  und beim Sport bis endlich das Gerät im Fitnessstudio oder die Dusche im Hallenbad frei ist. Wir werden Wehwehchen haben und beim Arzt – warten. Wir werden lange Haare bekommen und beim Friseur – warten. Wir werden Musik hören und Filme schauen und Mails angucken, und dabei werden wir auf Download, Dateiöffnung, Weiterleitung…

Genau.
Warten.

In diesem Sinne: Ein fröhliches Wartezweitausendundachtzehn.








Montag, 8. Januar 2018

Die längste Koalitionsverhandlung: Die traurige Geschichte eines Post



Auch Posts haben ihre Geschichte, ihre Chronologie, die oft eine bemitleidenswerte und jammervolle Geschichte, die oft eine bemitleidenswerte und jammervolle Chronologie ist. Da hat sich ein Thema überholt, ist inaktuell geworden, da hat man über einen Affen gelästert und dann stirbt dieser Affe und über Tote sagt man ja nichts Schlechtes. Da hat sich eine Situation, eine Sache total verändert, da hat sich etwas zum Guten oder Bösen gewendet und dann passt dieser Post nicht mehr.
Hier kommt die bemitleidenswerte und jammervolle Story, die Vita eines Post:

22. 9. 2013        
Deutschland wählt einen neuen Bundestag. Die CDU als stärkste Fraktion übernimmt die Führung in den Sondierungen und Koalitionsverhandlungen.

Herbst 2013
Die Sondierungen mit den GRÜNEN scheitern, daraufhin werden Verhandlungen mit der SPD bezüglich einer GroKo geführt, diese ziehen sich verdammt (s.v.v.) in die Länge.

13. 3. 2013
Ich schreibe einen Post, in dem ich die Story über die Längste Party aller Zeiten aus dem vortrefflichen Buch Das Leben, das Universum und der ganze Rest als Längste Koalitionsverhandlung aller Zeiten umschreibe. 

28. 11. 2013
SPD, CDU und CSU geben das Gelingen der Verhandlungen bekannt: Die GroKo ist da.

ebenfalls 28. 11. 2013
Ich schimpfe, ich fluche und wüte. Diese Merkel! Ich schreibe meinen Post um, kürze den Adams-Text und veröffentliche unter dem Gejammer, dass Angie mir meinen Post kaputtgemacht hat, einen kleinen Ausschnitt der eigentlich geplanten Sache:
Die längste und erfolgloseste Koalitionsverhandlung aller Zeiten geht jetzt in die vierte Generation und immer noch macht niemand Anstalten irgendein Dokument zu unterschreiben. Irgendjemand hat mal einen Kugelschreiber gezückt, aber das ist nun auch schon wieder elf Jahre her, und einen Nachahmer hat es nicht gegeben…
Vor kurzem hat es vor den Toren geknallt und geblitzt, und man ist der Auffassung, dass es von Schlachten herrührt, die sich Rebellen und Milizen in dem seit Jahrzehnten unregierten Land liefern…
Eines der Probleme, und zwar eines, das immer schlimmer wird, ist, dass alle Leute bei dieser Konferenz die Kinder oder Enkel oder Urenkel der Leute sind, die schon zu Anfang nicht unterschreiben wollten, und aufgrund der ganzen Chose von Zuchtwahl, regressiven Erbanlagen und so weiter heisst das, dass die Leute, die jetzt verhandeln, entweder fanatische Diskutierer sind oder Schwachsinn plappernde Idioten oder, öfter und öfter,  beides…
Ich mache keine zwei Dokumente und speichere die neue Version.

24. 9. 2017
Deutschland wählt einen Bundestag. Das Ergebnis lässt schwierige Verhandlungen aufscheinen. Noch am Wahlabend verkündet Schulz: Die Sozis gehen in die Oppo! Basta!
Nun wird gejamaicat, was aber scheitat. (sorry für diesen Reim)
Neuwahlen drohen, aber der Buprä spricht ein Machtwort.
Nun beginnen erneut Verhandlungen, Verhandlungen die sich bis ins neue Jahr hinziehen.

31. 12. 2017
An Sylvester kommt mir die Idee: Jetzt! Jetzt haben wir schon bald 2018 und noch immer keine Regierung, jetzt, jetzt, jetzt würde der Post passen, nun kann ich ihn bringen, bis ins Neue Jahr ist nun wirklich eine zu lange Frist, frohgemut gehe ich ins ankommende Annum.

3. 1. 2018
Ich suche den alten Post und stelle fest: Ich habe ihn damals, als die Heinis ihre GroKo bekanntgaben, verstümmelt. Statt «alles markieren», «neues Dokument» und dies dann ändern, habe ich in der Adams-Parodie wie mit der Machete gewütet. Und ich kriege die Paraphrase nicht mehr zusammen.  

Auch Posts haben ihre Geschichte, ihre Chronologie, die oft eine bemitleidenswerte und jammervolle Geschichte, die oft eine bemitleidenswerte und jammervolle Chronologie ist.
Aber die Story dieses Post ist sicher die traurigste und elendste.