Donnerstag, 16. November 2017

Es ist verboten zu verbieten



Bisher hatte ich gedacht, dass jede Stadt, jede Gemeinde, dass jede Region und jeder Kanton, hatte ich gedacht, dass jedes Land und jeder Kontinent eigene, spezielle und zurechtgeschnittene Verbote haben, Verbote, die sich in einsehbare, halbeinsehbare und nichteinsehbare untergliedern.

Zu den einsehbaren gehört sicher,
dass es in Deutschland verboten ist auf Bahnhöfen zu rauchen
dass es in Basel verboten ist im Tram zu essen oder trinken
dass es in Den Haag verboten ist rundum den Bahnhof Alkohol zu trinken
dass es in Andalusien verboten ist Tauben zu füttern

Zu den halbeinsehbaren gehört sicher, dass es in Freiburg im Breisgau verboten ist, Strassenmusik mit elektronisch verstärkten Geräten zu machen. Aus Sicht der Einzelhändler, die 30 Minuten La Paloma schon unplugged kaum aushalten, verständlich, führt es doch zu der Schieflage, dass Sie kein Wir-sammeln-für-unsere-Abschlussfahrt-Strassensingen mit einer Schulklasse machen können (da brauchen Sie nämlich ein kleines Keyboard), aber eine achtköpfige Blechblasformation den Marcia di Trionfo aus Aida schmettern darf.
Ebenso halbeinsehbar sind die ganzen Bestimmungen auf Flughäfen. Wieso wird mir eine WMF-Gabel, die sich aus Versehen noch in meinem Rucksack befindet (ich hatte sie für einen Tupperware-Lunch dabei), abgenommen und entsorgt? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich, laut «Allahu Akbar» schreiend, zum Cockpit renne, dies mit der Gabel aufbreche und mit der gleichen Gabel Pilot und Copilot töte, ist doch relativ gering.

Von den nichteinsehbaren befinden sich die schönsten in den USA, alles Verbote, von denen man vergass sie aufzuheben – oder man wollte keine Diskussionen. So ist es in bestimmten Bundesstaaten verboten
in Hotelzimmern Orangen zu schälen
als geschiedene Frau am Sonntag Fallschirm zu springen
oder
100 Mal um den Hauptplatz einer Stadt zu fahren

Bisher hatte ich gedacht, dass jede Stadt, jede Gemeinde, dass jede Region und jeder Kanton, hatte ich gedacht, dass jedes Land und jeder Kontinent eigene, spezielle und zurechtgeschnittene Verbote haben, und dass man diese Verbote nicht in andere Städte, Regionen, Länder, in andere Gemeinden, Dörfer und Weiler überträgt.
Nun aber wird ein Rauchverbot auf Bahnhöfen in der Schweiz diskutiert, also paffen nur noch in den gekennzeichneten Bereichen, und mir wird angst und bange. Was, wenn nun jedes Land alle Verbote des anderen übernimmt? Nach dem Motto «klappt doch da ganz gut»?
Vielleicht darf ich in zwei Jahren im Bahnhof nicht mehr rauchen, an der Tramhaltestelle nicht mehr rauchen (wie in Stuttgart), im Umkreis von 1 km um den Bahnhof kein Bier mehr trinken, im Tram nicht mehr essen (gilt jetzt schon) und auch in der Innerstadt generell nicht mehr? Man findet bestimmt eine Stadt auf der Welt, in der es ein generelles Essverbot im öffentlichen Raum gibt.

Bevor man das Rauchverbot von der DB übernimmt, sollte man sich erst einmal fragen, ob es dort wirklich funktioniert.
Tut es nämlich nicht.
Da die Züge immer gröbstens Verspätung haben und die 25 Minuten Umsteigezeit (mit bequemer Möglichkeit zum Aufsuchen der Raucherzone) auf 5 Minuten schrumpfen, rennen die meisten dann doch mit Kippe über die Perrons. Und niemand sagt was. Übrigens sieht man auch regelmässig Bahnmitarbeiter mit Fluppe an den ICE-Türen stehen.

Verbote über Verbote, dabei würde es doch reichen, wenn jede(r) ein wenig gesunden Menschenverstand walten liesse. Wenn alle im Tram nur Sandwiches und Wasser zu sich nehmen würden, nicht aber Hamburgerorgien veranstalteten und dann noch das ketchupbeschmierte Papier liegen liessen, bräuchte es kein Essverbot. Wenn die Leute sich vor den Bahnhöfen nicht hinhockten und sich dort betränken, bis sie anfangen, Lumpenlieder und Edith Piaf zu singen und womöglich Leute anzupöbeln, müsste man den Alkohol nicht verbieten. Wenn alle Raucher es unterliessen, direkt neben Nichtrauchern zu paffen oder mit einer Zigarre auf die Rolltreppe zu steigen, dann müsste man nicht so rigoros gegen die Glimmstängel vorgehen.

Aber wahrscheinlich ist dieser gesunde Menschenverstand eben nicht vorhanden.
Ist ja ein Dauerthema von mir…

Im unglaublich tollen Theaterstück des Grips-Theaters (gibt es das eigentlich noch?) Ruhe im Karton tauchte in den Siebzigern der Spruch auf
Es ist verboten, zu verbieten.
Kann ich mich nur anschliessen.

Ich möchte weiterhin vor dem Bahnhof eine Bierdose öffnen dürfen, ich möchte auf dem Perron rauchen, genauso wenig wie ich mir das Orangenschälen in Hotelzimmern nehmen lasse oder das 100-Mal-um-den-Platz-fahren. Und ich möchte weiterhin am Sonntag geschiedenen Frauen beim Fallschirmspringen zugucken. Die sind nämlich wirklich reizvoll.

  




                                                                                  

Montag, 13. November 2017

Bitte keine Musicals mehr! Bitte!



Ich muss neulich auf der Geburtstagsparty von meinem Freund Kalle relativ betrunken gewesen sein. Sonst hätte ich nicht diesem Michi Schlottinger, der sich als Event-Kultur-Stimulator-Impresario vorstellte, meine Telefonnummer gegeben. Den schon der Titel Event-Kultur-Stimulator-Impresario sollte einen stutzig machen. Jedenfalls notierte sich Schlottinger meinen Anschluss und rief schon am nächsten Tag an. Und so sass ich an einem Sonntagnachmittag mit einem Event-Kultur-Stimulator-Impresario im Café Royal, nippte an einem Cappuccino und hörte mir an, was Michi Schlottinger von mir wöllte (sic).
«Musical», sagte er.
Und ich dachte natürlich sofort, dass er ein Dirigat von mir wolle, eine Choreinstudierung oder ein Keyboardspiel, aber ich lag weit daneben, so weit weg wie sich der Cappuccino von den Cocktails des verfluchten Abends befand.
«Musical», sagte er nochmals, «wir machen aus deinem Blog ein Musical.» Und als ich meine Brauen so hoch zog, dass sie fast an der Decke klebten, zog er einen Entwurf aus der Tasche und gab ihn mir zu lesen:

1.Bild

Rolf sitzt am PC und grübelt, springt dann auf und singt:
Ich trinke keinen Kaffee
Ich trinke einen Grog
Ich schreibe keine Lyrik
Ich schreibe einen Blog
Dann schwebt der Erzengel von oben herab und trällert:
Vom Himmel hoch da kommt ich her
Ich bin der beste Korrekteur
Die beiden freunden sich in einem kurzen Dialog an und singen darauf:
Jetzt wird alles gecheckt
Jetzt wird alles korrekt
Jetzt ist alles perfekt
Und dann erscheint noch Josi und schmettert:
Kommentar – Kommentar – Kommentar
Ich schreib einen, der ist
Wunderbar – Wunderbar – Wunderbar
Und dann packen die drei ihre Koffer und gehen die Abenteuer erleben.
Terzett:
Wir geh’n ins Abenteuer
Wir fahren ohne Steuer
Wir fahren in die Welt
Kommt, lauscht, was sie erzählt
Folgen acht Bilder mit den schönsten Stories, weitere Personen (Merkel! Trump!) – Musik Crossover (DJ Bobo, Bob Dylan, Gershwin, Nono, Stones, Oberkrainer)

Angewidert gab ich ihm das Schriftstück zurück. Ob ihm klar sei, fragte ich, dass die «Stories» keine Erzählgeschichten seien, sondern nur Ausgangspunkte für satirische Betrachtungen, und ob das Satirisch-Glossistische überhaupt einen Platz finde? «Papperlapapp», grunzte der Event-Kultur-Stimulator-Impresario, «die Stories sind Stories und Glossistisches braucht das Publikum eh nicht.»
Ich verliess fluchtartig das Café und meinte, ich werde mich melden. Was ich natürlich nicht tun werde. Zusätzlich habe ich meine Telefonnummern geändert und bin umgezogen, dass Schlottinger mich ja nicht findet.

Warum muss man alles und jedes zu einem Musical machen?
Warum müssen die herrlichsten Geschichten und Novellen, Romane und Theaterstücke dran glauben? Warum kann man nicht irgendetwas Schönes in Ruhe lassen?
Einer meiner Lieblingstexte ist der Kleine Prinz, und eine meiner Lieblingsstellen daraus die Szene, wo der Fuchs kommt. Der Fuchs erklärt dem Kleinen Prinzen, dass er erst gezähmt werden müsse und wie eine solche Zähmung vor sich ginge. Wenn ich mir nun ausmale, wie ein Darsteller auf die Bühne käme, in einem kitschigen Fuchskostüm, und diese herrlichen Worte sänge, dann wird mir fast körperlich übel. Also kann man nur hoffen, Saint-Exupéry wird in Ruhe gelassen.

Genauso schlimm wie die Vertonung von Romanen ist die Ansammlung von Liedern bestimmter Sänger und Songschreibern, um die man dann eine Handlung baut, auch hier haben so viele ihr Einverständnis gegeben, dass es einem schlecht wird. (Udo1 und Udo2, hattet ihr das wirklich nötig?)

Gestern kam ich an einem Plakat vorbei, dass mir die Haare zu Berge stehen liess:
DER KLEINE PRINZ. DAS MUSICAL.
Es gibt es also schon.

Gut, dann muss ich jetzt aktiv werden.
Ich werde eine subversive Gruppe gründen, die sich ins Foyer schleicht und dort die Typen musikalischen Verhaltens von Adorno verteilt.

Donnerstag, 9. November 2017

Wüstes Donaulied oder: Werden Jugendliche zu wenig überwacht? (ein heikler Post!)



Jetzt bin ich doch wirklich gefragt worden, wie das andere Donaulied geht. Also Leute, ich kann den Text hier wirklich nicht einfach abdrucken, er ist zu schlimm, zu sexistisch, er ist zu gewaltverherrlichend und frauenfeindlich, er ist böse und daneben, aber ich werde ihn paraphrasieren und mir dann einige Gedanken darüber machen, denn er passt sehr gut in die seit dem durch die Beilattacken von Flums und durch andere von Jugendlichen ausgeübte Gewalttaten angeheizte Diskussion.

Nun aber die Story, die wir auf eine mit johoho-trullalala angereicherte Schunkelmelodie auf Klassenreisen und Pfadifahrten sangen:
Der Ich-Erzähler berichtet, er habe, als er weiland an der Donau spazieren gegangen sei, am Strand ein schlafendes Mädchen gefunden. Da die Kleidung der jungen Dame verrutscht gewesen sei, habe er nicht umhinkönnen, sich ihr geschlechtlich zu nähern. Sie sei darauf schwanger gewesen. Inzwischen habe sie, immer noch partnerlos acht Kinder und das neunte sei auf dem Weg.
Vor allem die letzte Strophe zeigt die ganze Perfidie solcher Songs: Hier wird das Opfer als Schlampe dargestellt, siehste, denkt man da, die hatte es ja auch nicht anders verdient.

Ich würde mich schämen, dass ich solche Lieder, solche Songs, dass ich solche Lumpengesänge und Drecksarien geschmettert habe, wenn es nicht eine kleine Entschuldigung gäbe:
Ich war 12.
Wie aber haben nun unsere Lehrer und Leiter, wie haben die Erwachsenen reagiert, wenn sie so etwas hörten? Oh doch, sie haben das gehört, denn selbst wenn man es nur im Zimmer oder beim Wandern mit Abstand, wenn man es nur unter der Dusche oder beim Holzsammeln grölt, eine Gruppe von zehn Buben ist laut genug. Wie reagierten die Erwachsenen nun?
Gar nicht.
Wahrscheinlich dachten sie, das ist eine Phase, das vergeht, das ist vorpubertär, das gibt sich, wahrscheinlich dachten sie, mal abwarten und Tee trinken, hat schon immer geholfen.

Was würde heute passieren?

Heute würde das Donaulied natürlich aufgenommen und als Video auf Facebook, Youtube und Instagram gestellt. Heute würde das Donaulied innert eines Tages ein paar hundert Male angeklickt und angeschaut und angehört. Dann würde hoffentlich ein Shitstorm von weiblicher Seite über die Urheber hereinbrechen – Hoffentlich! Hoffentlich! Hoffentlich! – und das Lied würde wieder gelöscht. Wenn es aber dumm liefe, dann würden die Sänger in die Aufmerksamkeit der Erwachsenen geraten. Gerade das wird ja stets gefordert, wenn ein Jugendlicher – wie neulich der Beilschläger in Flums – auf andere losgeht. Stets hört man dann die selbe Leier, man müsse viel mehr darauf achten, welche Bilder, welche Lieder, welche Texte und welche Filme ein Teen liket und postet, und auch die Teens sollten untereinander viel wachsamer sein.

Heute würde ich also, zusammen mit Andi und Tom und Flo und wie meine Kumpels sonst alle hiessen, relativ schnell in die Fänge von Sozialarbeit und Psychologie geraten. Man würde uns bequatschen und bereden, man würde uns beobachten und therapieren, man würde uns stigmatisieren und isolieren. Denn in jedem von uns steckte ja ein potentieller Vergewaltiger. Und vielleicht würde die ständige Überthematisierung der Dinge erst recht irgendwelchen Unsinn in unseren Köpfen auslösen.


Jetzt kann man mir natürlich einwenden, dass der Beilattentäter älter als 12 war. Und dass er wirklich wüste Dinge gepostet hat. Das Problem ist, dass man diese Dinge immer im Nachhinein feststellt. Hätte wirklich einer meiner Kameraden eine Frau vergewaltigt, vielleicht mit 18, vielleicht mit 28, vielleicht mit 38, Männer sind Schweine und bleiben es immer, dann wäre man eventuell auf die Idee gekommen zu sagen: «Der hat auch schon als Teenie Lieder gesungen, die frauenfeindlich und gewaltverherrlichend waren.» Was wir bräuchten, wären klare Statistiken, klare Auflistungen. Wie viele Jugendliche posten Bilder von blutigen Köpfen und blutigen Bäuchen und wie viele von denen machen wirklich von einer Waffe Gebrauch? Nicht umgekehrt! Natürlich haben alle Gewalttäter auch entsprechend schräge Einträge in den Sozialen Medien. Das ist wie immer in der Statistik; man muss die Fragen richtig stellen: Wie viel % der Gefangenen sind Ausländer? versus Wie viel % der Ausländer werden straffällig? Wie viel % der Junkies haben vorher Haschisch genommen? versus Wie viel % der Kiffer nehmen nachher Heroin?

Jetzt bin ich doch wirklich gefragt worden, wie das andere Donaulied geht. Liebe Leser, ich kann den Text hier wirklich nicht publizieren, er ist zu schlimm, zu sexistisch, er ist zu gewaltverherrlichend und frauenfeindlich, er ist böse und daneben.

Ich schäme mich, dass ich solche Lieder, Songs, dass ich solche Drecksarien gesungen habe.

Wenn es nicht eine kleine Entschuldigung gäbe:

Ich war 12.