Donnerstag, 2. April 2020

Soziale Distanz


Der
                                                               heutige                                                               Text

ist                                                                                          ein                                                                        wenig

kürzer                                  weil                                                                      die

                                                                               Wörter

sich                                        in                                                                           konsequentem

                               Social                                                                   Distancing

befinden.


Ein                                                         deutscher                                                                           


                                                                                                                                     Zoologe

hat                                                                                       das

übrigens


neulich                                                                   schön                                                    



ausgedrückt:

               
                                 Es                                     sollte                                               immer

ein                                                                             Lama                       
  
                                   zwischen

uns                                                                                                                    passen.


In                                                          diesem                                                                                     



Sinne:


                                Bleiben




Sie                                                                                                    gesund.

Montag, 30. März 2020

Lasst uns kurvertieren!


Ich habe jetzt nicht nur einen Erzengel, sondern auch einen Cherub. (Cherub, nicht etwa Cherubim, das wäre der Plural, das ist genauso wie 1 Talib, 2 Taliban, das kriegt man ja fast nicht mehr weg…) Die betreffende Person hat – obgleich der Kindheit längst entwachsen – eine Engelsstimme, die die höchsten Höhen der Sopranpartien im Fluge erreicht. Und er erweist sich auch als ein wunderbarer Korrektor und hat einen Fehler gefunden, den mein Erzengel – wahrscheinlich ob der namen-, namenlosen Freude, dass ich mich seines Themas annahm – überlesen hat:
Kurvertieren.
Zunächst begreife ich nicht, was mein Cherub will, ich denke, es geht um den deutsch-schweizer Konflikt bezüglich Kuvert/Couvert oder Sauce/Sosse, dann entdecke ich das „r“. Es heisst natürlich
kuvertieren
und nicht
kurvertieren.

Jetzt komme ich ins Nachdenken: Müsste dieses Wort nicht existieren, im Sinne von „in Kurven legen, kurvig machen“? Jetzt sagen Sie nicht, es gibt schon solche Wörter. Klar, es gibt kurven, das heisst aber selbst in Kurven gehen.
Das Auto kurvt um die Ecke. Ich kurve durch die Gassen.
Es gibt sogar ein spezielles Wort für einen Fluss, der in Kurven fliesst:
Der Holderbach mäandert hier sehr stark.
Warum aber gibt es kein Wort für „in Kurven legen“?    

Das Gegenteil ist doch eines der wichtigen Wörter der deutschen Sprache: begradigen. Gerade machen ist wichtig, wir wollen alles gerade, korrekt, linear und ausgerichtet. Wir begradigen unsere Flüsse, wir begradigen unsere Bäche, wir begradigen unsere Penisse und wir begradigen unsere Nasenscheidewände.
Wir begradigen unsere Meinungen.
Wir begradigen unsere Ansichten.

Warum muss eigentlich alles immer gerade sein? Nehmen wir doch einmal die Flüsse, einer der grössten Flussbegradiger war Johann Gottfried Tulla (1770 – 1828), er stellte 1809 die Ideen einer Begradigung des Rheins vor, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts dann in extremen Arbeiten durchgeführt wurde. Dafür wurden ihm die höchsten Ehren zuteil, in Baden wimmelt es von Tullastrassen, Tullaplätzen, es wimmelt von Tulla-Türmen und Tulla-Brunnen, es gibt Tullapromenaden und Tulla-Parks. (Ich war in meiner Freiburger Studienzeit übrigens oft zu Gast in einer Frauen-WG in der Tullastrasse, die wir wegen der Damen in „Trulla-Strasse“ umbenannten, aber das nebenbei und es ist ja auch leicht frauenfeindlich…)
Gab es aber je einen Fluss-Kurvertierer?
Der gute Rhein, der europäische Strom, der Fluss des Weines und der Loreley, oder – wie Böll ihn nennt – „Undines gewaltiger Vater“ ist nämlich nicht gefragt worden, ob er die nächsten 150 Jahre geradeaus fliessen will, eingezwängt in ein enges Flussbett. Also: Ich werde jetzt Flusskurvertierer. Ich werde den europäischen Staaten Pläne vorlegen, die Ströme unserer Länder wieder in Schlaufen und Schlingen, in Kurven und Mäander zu legen, stellen Sie sich vor, wie hübsch das aussehen wird, wenn Inn und Rhein, wenn Mosel und Aare, wenn Ems, Weser, Seine und Po, wenn Rhone, Elbe und Ter, wenn Arno, Tiber, Themse und…
Donau, wie konnte ich dich vergessen, du Strom des Walzers und der Schlösser, du Donau so blau, pling-pling, pling-pling.
also auf jeden Fall, wenn alle die Flüsse in reizenden Kurven fliessen würden. Und bei jeder Schiffahrt würde man sich fragen, was jetzt hinter der Biegung kommt: Eine Insel mit Villa? Ein Felsen mit Nixen? Ein Ausflugslokal? Ein Park? Ein See? Ein Seeungeheuer?

Ich bin in Schwärmen gekommen. Aber habe ich nicht recht?
Während ich dies schreibe, höre ich den 1. Satz des Ersten Brandenburgischen Konzertes BWV 1046. (Nein, ich muss nicht schreiben, von wem. BWV heisst Bach-Werke-Verzeichnis, es ist also von Bach, gell, Sie haben sich immer verlesen und gedacht, diese Stücke wären von BMW gesponsert…) Also, ich höre diesen wunderbaren g-duresken Dreivierteltakt, und denke, dass da ja auch keine gerade Linie drin ist, das umspielt und trillert, das läuft und verziert, das diminuiert und akkordzerlegt, eine reine Reduktion auf die Stammtöne wäre kotzlangweilig.
Übrigens ist ja auch der 3/4-Takt eine kurvige Sache, man kann dazu nicht marschieren, das ist ja meistens geradlinig und geradeaus. Zu einem solchen Takt muss man tanzen – ja, und das in Kurven, wie auch zu Donau, so blau, pling-pling, pling-pling…

Lasst uns also unser Leben ein wenig kurvertieren! Ein wenig. Lasst uns ein wenig mehr in Schlingen und Schlaufen, in Kurven und Mäandern leben.

Und wenn Sie mir jetzt sagen, der Text heute wäre ein bisschen konfus, würde ein wenig eiern und kurven und hätte keine Stringenz (was für ein scheussliches Wort), ja er wäre nicht geradlinig…

Damit machen Sie mir das grösste Kompliment.    

Freitag, 27. März 2020

Noch mal die Zahlen: Hütet euch vor dem www


Nach dem netten Intermezzo mit den Kettenmails kehren wir noch einmal zu den Zahlen und ihrer Pseudomystik zurück.
Ich habe kurz im letzten Post die Zahl 23 erwähnt. Über keine andere Zahl wird so viel Unsinn geschrieben wie über diese Dreiundzwanzig, Zahl der Illuminaten, Zahl der geheimen Weltverschwörung, Zahl des Bösen und des Verborgenen. Und wenn man die Internetseiten liest, dann ist man schnell auf der Schiene und schreit:
„Das ist doch kein Zufall!“
„Alles an einem 23.! Alles um 23 Uhr!“
„Immer die 23, immer die 23, immer die 23!“
So wurde Olof Palme angeblich genau um 23.23. Uhr ermordet. Das erscheint uns natürlich ein handfestes Indiz zu sein.

Die Lösung liegt in der menschlichen Eigenschaft, zufällige Zusammentreffen stärker zu bewerten als die Situationen, in denen nichts zusammentrifft. Am 1. März 1950 war die berühmte Kirchenexplosion in Nebraska. Der Kirchenchor des Ortes Beatrice hätte um 19.15 zusammenkommen sollen um für den nächsten Gottesdienst zu proben, aber aus irgendeinem Grund waren alle zu spät. Um 19.25 flog die Kirche in die Luft. Zufall oder göttliche Rettung?
Ich habe in der Nacht, als Johannes Paul II starb, von ihm geträumt, und ich träume sonst nie vom Papst…

Mein grossartiger Namensvetter Rolf Dobelli empfiehlt in seinem wunderbaren Buch Die Kunst des klaren Denkens (aus dem übrigens auch das Chor-Beispiel ist), stets eine Skizze mit den 4 Kombinationen zu machen und dann die Wahrscheinlichkeiten einzutragen.

Chor probt pünktlich, Kirche explodiert nicht
Chor probt unpünktlich, Kirche explodiert nicht
Chor probt pünktlich, Kirche explodiert
Chor probt unpünktlich, Kirche explodiert
 
Sie träumen nicht vom Papst und er stirbt nicht
Sie träumen vom Papst und er stirbt nicht
Sie träumen nicht vom Papst und er stirbt
Sie träumen vom Papst und er stirbt

Na? Genau:
Das Ereignis links oben hat eine Wahrscheinlichkeit von über 98%. In tausenden Kirchen der Welt wird jede Woche geprobt und die Kirche explodiert nicht. Wir träumen jede Nacht von Leuten, denen es am nächsten Morgen noch wunderbar geht…

Und so ist mit den Zahlen. Wenn wir Listen machen, um welche Uhrzeit, an welchem Datum Ereignisse geschehen, dann finden wir natürlich immer wieder den 23. oder 23.23. Uhr. Und dann schreien wir auf, weil uns das mehr auffällt wie die Fälle, wo es nicht stimmt.
Man muss also mal genau rechnen: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein historisches Ereignis (Gründung eines Staates, Kriegsanfang, Friedensschluss, Attentat, und so weiter) an einem 23. eines Monats stattfindet? Genau. 12 durch 365, das macht 0,032876712… also circa 3 Prozent. Bei 1000 Ereignissen (Gründung eines Staates, Kriegsanfang, Friedensschluss, Attentat, und so weiter) sind das dann schon 30. Also, dreissig Ereignisse (Gründung eines Staates, Kriegsanfang, Friedensschluss, Attentat, und so weiter, aber auch Geburt eines Königssohnes, Hochzeit von Staatsoberhäuptern, aber auch Erdbeben, Sturmfluten) wird man ja schon finden, um dann sagen zu können:
Siehste.
Ein dreiundzwanzigster!
Und wenn man 10000 Ereignisse nimmt, dann hat man schon 300 Geburten, Hochzeiten, Fluten, Erdbeben oder Attentate.

Aber so rational denken wir eben nicht immer. Ich wollte Ihnen noch eine Homepage empfehlen, die Ihre Ratio ein wenig unterstützt:
Aber jetzt, wo ich das schreibe, schreit etwas in mir auf:
W – W – W, das ist ja 23 – 23 – 23!
Das ganze Internet ist in den Händen der Illuminaten! Ich kann ja nichts buchen, nichts bloggen, ich kann nicht mailen oder skypen oder streamen, ich kann nicht auf Google-Maps oder in die Wikipedia ohne den Geheimbündlern in die Hände zu fallen…
Und dann hilft nichts, als den Kopf eine Minute unter kaltes Wasser zu halten und sich ein paar Ohrfeigen zu geben und tief durchzuatmen um dann wieder klar zu denken.

Aber eine Sache finde ich auch noch witzig: Die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel wurde im Jahr 1777 von Isaac Iselin gegründet. Das kann ja fast kein Zufall sein (G ist der siebte Buchstabe). Ich finde aber keine Information im Netz. Vielleicht wissen Sie – falls Sie Basler oder Baslerin sind – da mehr…

Auf jeden Fall:
1 12 12 5 19     7 21 20 5
2 12 5 9 2 5 14    19 9 5    7 5 19 21 14 4
8 1 12 20 5 14    19 9 5    1 2 19 20 1 14 4