Dienstag, 18. August 2026
Bei vielen Waren weiss ich gar nicht mehr, was das ist
Da stand zum Beispiel über einem Laden «FOR YOU – Bischubaschu vom Feinsten». Was um aller Welt ist Bischubaschu? Ich linste ein wenig in den Laden, dort stand eine Theke und dahinter zwei Mädels in Schürze, die Mädels, die gerade den Shop verliessen, hatten Becher in der Hand bzw. in den Händen, Bischubaschu musste also ein Getränk sein. Ich fragte nun mutig, beherzt und couragiert nach, was dieses Produkt mit dem komischen Namen sei, erntete aber trotz mutiger, beherzter und couragierter Frage nur Gelächter. Anscheinend hatte ich mich als hoffnungslos Gestriger geoutet.
Nun gut, es gab ja mein Smartphone und es gibt Google, so fand ich heraus, dass Bischubaschu ein afrikanisches Getränk ist, das aus aufgebrühtem Efeu besteht. Was es nicht alles gibt…
Ich schlenderte weiter und stiess auf einen Laden, der mit einem Schild «I-NOSE-PLUG / Elektronische Nasenstöpsel» warb.
Ich probierte es noch einmal und trat mutig, beherzt und couragiert in das Geschäft und fragte mutig, beherzt und couragiert den sehr korrekt gekleideten Verkäufer. Er kicherte nicht, sondern erklärte mir, was I-Nose-Plugs machen: Die Stöpsel nehmen Geruchspartikel war, analysieren sie und senden die Informationen sofort aufs Phone. Man fragt sich also nie mehr: «Nach was riecht es hier?», sondern man schaut nur noch auf sein Smartphone.
Sehr praktisch.
Sehr unpraktisch allerdings, wenn sich der Plug irrt, denn man riecht ja selbst nichts mehr, man würde also die giftigen Gase nicht wahrnehmen und wenn auf dem Handy «Mandeln» steht, würde man das Zyankali nicht riechen.
Beim übernächsten Geschäft fiel mir ein Aufsteller mit der Aufschrift JAN & JENS & JON / SHADOWFOOD & DRINKS & MORE auf.
Was auch immer Shadowfood sein mochte, Jan, Jens und Jon mochten das &-Zeichen und sahen in ihren engen schwarzen T-Shirts und ihren kurz geschnittenen blonden (Jens?), roten (Jan?) und schwarzen (Jon?) Haaren so unnahbar aus, dass ich keinen Mut und keine Courage aufbrachte.
Aber wieder half mir mein Universe-X-34-Phone aus der Patsche: Shadowfood ist Essen, das wie ein Schatten gegen die Hitze hilft (…aha, daher auch «& drinks…) Als Beispiele werden Gurkensandwich, Karottensalat und Zuchinipastetlein genannt.
Geht es Ihnen nicht auch manchmal so?
Dass Sie durch die Stadt laufen und haben keinen blassen Schimmer mehr, was in den Läden eigentlich angeboten wird?
Kluge Menschen werden jetzt einwenden, dass das immer so war. Einmal wurde ja die erste Pizza, das erste Gelato, einmal wurde der erste Döner und das erste Sushi angeboten. Einmal – das ist nun schon lange her – der erste Kaffee und der erste Tee. Ja, einmal muss es sogar den Schrei «Ughuh! Ihi! Ugagaga! Untu! Ihi!» gegeben haben, mit dem ein Urmensch seinen Kollegen zum ersten Mal ein auf Feuer gebratenes Fleisch anbot.
Ja.
Gut.
Aber was neu ist, ist die Geschwindigkeit, mit der Dinge viral gehen, gehypt werden und bald wieder verschwinden.
Ich muss mir Bischubaschu nicht merken, ich gebe dem Laden höchstens 10 Wochen, dann haben alle das Zeug probiert und finden es entweder doof oder sie finden es toll, merken aber, dass sie Efeu auch ums Haus haben und keine 12 Franken für einen Becher bezahlen müssen.
Ich gebe auch dem Stöpsel-Shop nicht lange. Der Hype wird lustig sein, aber irgendwann findet es man ja auch doof, nicht mehr selber Düfte in die Nase zu ziehen.
Und Gurkenbrote und Karottenzeug ist auch nicht so originell, und irgendwann wird es auch wieder kühler…
Ich war neulich im Einkaufscenter St. Peter shoppen. So weit, so gut. Was mich aber während eines sonst relativ unterhaltenden und lustigen Nachmittages ein bisschen drausbrachte, war die Anzahl der Geschäfte, bei denen ich gar nicht mehr wusste, was sie eigentlich verkaufen.
Und so gehe ich heute ins Shoppingcenter St. Jakob und bin mal gespannt, was mir dort um die Ohren gehauen wird.
Freitag, 14. August 2026
Das Märchen vom Fussballspieler und seiner Frau
Heute erzähle ich euch ein Märchen:
Es war einmal ein Mann, der lebte in Bummen an der Bumme mit seiner Frau in kleinen, bescheidenen Verhältnissen. Er hatte eine Stelle als Unter-Büromensch, die ihm ein kleines Gehalt sicherte, sie arbeitete beim Supermarkt an der Kasse. Den Rest ihrer Zeit widmete Marion-Lu, so hiess sie, (ganz traditionell) Haus und Garten und Magnus-Till, so hiess er, einem Hobby: Er spielte im FC Bumme und engagierte sich dort auch im Vorstand.
Einmal arbeitete sie im Garten und fand auf einem Kohlblatt eine fette Raupe. Sie wollte sie gerade zermanschen, da sprach diese: «Töte mich nicht, ich bin eine verwunschene Prinzessin.» Und so liess Marion-Lu sie leben. Als sie Magnus-Till die Geschichte erzählte, da rief er: «Du hast sie einfach leben gelassen? Sie hätte dir sicher einen Wunsch erfüllt! Gehe hin und frage sie, ob ich nicht Vereinspräsident werden kann.» Und so ging sie in den Garten, wobei sie bemerkte, dass inzwischen einige Wolken aufgezogen waren. Und sie rief:
Mona, Mina, Muna, Matt
Raupe, Raupe, auf dem Blatt,
Ach, mein Mann, der Magnus-Till
Will nicht so, wie ich es will.
Da erschien die Raupe und fragte, was er denn wolle. Und sie sagte: «Er will Vereinspräsident werden.» «Geh wieder hinein, er ist es bereits.»
So wurde Magnus-Till Vereinspräsident und eine Weile sehr glücklich, er legte sich einen neuen Schreibtisch zu, neues Briefpapier und neue Visitenkarten. Aber dann merkte er, dass es noch viele Ebenen über ihm gab und man noch viel mehr Macht bekommen könnte. Und so schickte er Marion-Lu wieder in den Garten.
Als sie dort ankam, tröpfelten schon einzelne Regentropfen. Und sie rief:
Mona, Mina, Muna, Matt
Raupe, Raupe, auf dem Blatt,
Ach, mein Mann, der Magnus-Till
Will nicht so, wie ich es will.
Und die Raupe kam und fragte: «Was will er denn nun?» «Ach», seufzte Marion-Lu, «er will Präsident des Deutschen Fussballbundes werden.» «Kein Problem», sprach die Raupe. Schon geschehen.»
Ja, jetzt war Magnus-Till happy! Er musste nur noch 20% in sein altes Büro, den Rest der Zeit verbrachte er im Verband, schrieb und dachte, organisierte, gab Interviews und bereiste die Welt. Und da bemerkte er, dass ja noch Leute über ihm waren. Und schon liess seine Happyness ein wenig nach. Und er sandte seine Frau erneut zur Raupe.
Als Marion-Lu im Garten ankam, war ein richtiger Sturm mit ersten Blitzen losgegangen. Und sie rief laut:
Mona, Mina, Muna, Matt
Raupe, Raupe, auf dem Blatt,
Ach, mein Mann, der Magnus-Till
Will nicht so, wie ich es will.
«Was will er denn dieses Mal?» Mit diesen Worten kroch die Raupe unter einem Strunk hervor. «Er will FIFA-Präsident werden.» «No Problem. Er ist ab heute Präsident der FIFA.»
Nun begann eine herrliche Zeit. Alle Kameras der Welt waren auf Magnus-Till gerichtet und er ging bei den Mächtigen ein und aus. Büro in der Grösse eines Fussballfeldes, eigene Assistenten, eigenen Visagist und eigene Homepage. Er war nun etwas! Nur eines wurmte ihn: Er musste Meisterschaften organisieren, die er nicht vollständig bestimmen konnte (zum Beispiel Rote Karten und so), und richtig verdienen an ihr tat er auch nicht.
Und so musste die arme Frau ein letztes Mal zur Raupe. Als sie in den Garten kam, blitzte es und donnerte es und der Regen prasselte vom Himmel. Und sie rief:
Mona, Mina, Muna, Matt
Raupe, Raupe, auf dem Blatt,
Ach, mein Mann, der Magnus-Till
Will nicht so, wie ich es will.
Die Raupe kam und fragte: «Und jetzt?» «Jetzt will er, dass die WM ihm gehört.» «Geh wieder hinein», sprach die Raupe, «er ist wieder einfacher Spieler. 3. Mannschaft, Ersatz, und im Vorstand ist er auch nicht mehr.»
So.
Nun kann man nur darauf hoffen, dass Märchen wahr werden…
Dienstag, 11. August 2026
Wer will Jens Spahn zurück?
Ich habe mich in fast 1500 Posts noch nie wirklich mit Jens Spahn beschäftigt.
Warum ist das so? Der gute Jens böte ja nun weiss der Himmel genug Möglichkeiten für einen Satiriker ihn nach allen Regeln der Kunst auf die Schippe zu nehmen. Irgendwie aber hat er sich immer weg- und durch- und vorbeigewunden, als sei er zu schlüpfrig und nicht greifbar. So wie ein glatter und nasser Fisch. Sagen wir es doch so: Er ist aalglatt.
Nun dachte ich, der Kerl sei weg vom Fenster und man müsse sich nicht mehr mit ihm befassen, nun liest man, dass bestimmte Menschen in der Union wirklich ein Comeback von ihm möchten. Himmel!
Gut, dann muss Jens halt doch wieder auf den Tisch, von dem ich ihn gerne gehabt hätte.
Ein guter Freund, mit dem ich das Freitags-Café der Rosa Hilfe Freiburg e. V. betrieb (ein Non-Profit-Ding), pflegte und pflegt zu sagen: Es gibt Menschen, die sind «homosexuell» (er spricht und sprach die Anführungszeichen ganz reizend aus), aber nicht schwul. Man könnte hier nun auch noch ergänzen: Es gibt Menschen, die sind «schwul», aber nicht queer.
Herr Spahn hätte noch vor zehn Jahren sich lieber im Weihwasserbecken ertränkt oder sich totgegeisselt als sich als «schwuler Mann» zu bezeichnen. Nun hat er das neulich getan, aber als «queer» würde er sich sicher nie sehen. Und irgendwie passt er da – obwohl er sich ja deutlich von der AfD distanziert – auch auf gespenstische Weise zu Alice im Wunderland, die mit einer Frau lebt, aber von sich niemals als «Lesbe» oder «queere Person» redet…
Jens propagiert sich auf seiner Homepage eindeutig als Westfale. Nun kommen mir bei den Westfalen immer die Worte der rheinischen Separatistin Hölthohne aus «Gruppenbild mit Dame» in den Sinn: «…meinetwegen ein paar Westfalen dazu, wenns denn nicht anders geht, aber was bringen die uns denn ein? Klerikalismus, Heuchelei und Kartoffeln – ich weiss nicht genau, was die da anbauen – und die Wälder und Felder, na, meinetwegen, die kann ich auch nicht mit nach Hause nehmen – die bleiben da schön stehen, aber meinetwegen ein paar Westfalen dazu…» Es ist jetzt sehr fies formuliert, aber erinnert der Kopf des J. S. nicht sehr an eine Kartoffel? Von der Heuchelei wird ja noch zu reden sein.
Westfalen sind stur. Und diese Sturheit zeigte sich in herrlicher Weise in der Corona-Geschichte. Da muss es Telefonate zwischen RKI-Wieler und ihm in dieser Art gegeben haben:
Spahn: Wir nennen es «Ungeimpften-Pandemie».
Wieler: Machen wir nicht, es ist blöd und vor allem unwissenschaftlich. Ich möchte nicht, dass du das öffentlich sagst.
Spahn: Gut, dann nenne ich es «ungeimpfte Pandemie».
Wieler: Das ist noch dümmer. Ich möchte aus Sicht des RKI, dass du die zwei Worte gar nicht im Kontext gebrauchst. Klar?
Spahn: Ich habˋs: «Pandemie der Ungeimpften».
Nun zur Heuchelei.
Die Basler Regierung beschloss kurz vor Bundesfeier 2026, auf die Feuerwerke auf dem Rhein und auf dem Bruderholz zu verzichten. Der Tenor war, dass man den Bürgerinnen und Bürgern nicht das eigene Knallen verbieten könne und dann riesengrosse Raketen starten. Denn auf dem Rhein wäre das Problem nicht so gross gewesen Wasser), aber auf dem Bruderholz-Hügel, denn einem trockenen Baum ist es wurscht, ob ihn ein staatlich genehmigter Funke entzündet oder ein illegaler privater.
Diese Haltung hätte man Jens und Daniel gewünscht.
Nicht das machen, was
* allen nicht erlaubt ist
* Nur Reiche können
* und auch der eigenen Haltung eigentlich widerspricht…
Herr Spahn spricht hier von einem «Spannungsfeld». Schönes Wort. Ich werde es mir merken. Wenn ich Ihnen dann in ein, zwei Wochen die Nase breche, und Sie auf mein T-Shirt blicken (falls Sie das dann noch können) und dort «Matthäus 5, 9» lesen (falls Sie das dann noch können), dann werde ich auch von einem «Spannungsfeld» reden.
Zur Erklärung:
Im 9. Vers des 5. Kapitels des Matthäusevangeliums steht «Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heissen.»
Ich habe mich in fast 1500 Posts noch nie wirklich mit Jens Spahn beschäftigt.
Irgendwie aber hat er sich immer weg- und durch- und vorbeigewunden. So wie ein glatter und nasser Fisch. Er ist aalglatt.
Nun dachte ich, der Kerl sei weg vom Fenster und man müsse sich nicht mehr mit ihm befassen, nun liest man, dass bestimmte Menschen in der Union wirklich ein Comeback von ihm möchten.
Besser nicht.
So ein Baby braucht doch volle Aufmerksamkeit.
Freitag, 7. August 2026
Juli-Reise 2026 (4): Von Linzertorte und OÖ
Auch wieder ein Aschenbrödel?
Wie Brünn ist auch Linz so eine Stadt, die man immer wieder übersieht, die also wie Cinderella neben den «schönen» Schwestern nicht bemerkt wird. Wie oft fährt man nach Wien und kurz davor kommt dann diese Stadt und man denkt: Müsste man auch mal hinfahren – was man aber dann doch nicht tut. Wir haben es getan. Und waren angenehm überrascht, es ist eine wunderschöne Stadt, die viel zu bieten hat. Und immerhin die drittgrösste Gemeinde in Österreich.
Linzertorte, original
Das ist wahrscheinlich das, was Ihnen jetzt zu Linz einfällt. Linzertorte. Ist gar nicht so falsch, die Linzertorte kommt wirklich aus Linz, und Sie können hier auch in dem Geschäft einkaufen, das seit vielen Jahren die originale Linzertorte herstellt:
Konditorei Jindrak
oder:
Tortenmacher Heuschober
Das finden Sie nun sicher widersprüchlich, es kann ja schliesslich nur EINEN originalen Tortenladen geben, also entweder Jindrak ODER Heuschober, es reiht sich aber in eine ganze Serie von «originale» und «älteste» ein. So gibt es ja in Deutschland mindestens vier Gasthöfe, die der älteste sind, und Röhrl, Löwen, Bären und Riese machen da gar nicht schlecht Geschäft damit.
Die Linzertorte von Jindrak ist übrigens sehr gut. Die andere probierten wir nicht.
Das dämlichste Landeskürzel der Welt
Das ist nun ein Titel, den ich heute und ohne Berechtigung verleihe, aber wenn man den Rundfunk, den Nahverkehr, die Verbände, die Zeitungen betrachtet, stösst man immer auf das «OÖ» (als Internetadresse dann «ooe») Was wie ein Kuhmuhen oder ein Schaflaut klingt, oder was einen an ein Stöhnen (aus welchem Grund auch immer) erinnert, das ist einfach das Kürzel für Oberösterreich, also für das Bundesland, dessen Hauptstadt Linz ist. Aber die Oberösterreicher sind da schon arm dran, man stelle sich den folgenden Dialog vor: «Ich komme aus Bottrop, aus NRW.» «Ich komme aus Linz, aus OÖ.»
Man darf Gutes wiederholen
Unserer kulinarischer Tag war immer der gleiche, nicht, weil es in Linz keine Kneipen gibt, auch nicht, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, sondern weil man in eine Lokalität auch ein zweites, drittes, viertes Mal gehen darf, wenn sie gut ist. Warum muss ich immer etwas Neues suchen, wenn ich zufrieden bin? Ausserdem: Am zweiten Tag kannte man uns schon und am letzten wurden wir mit Küsschen und Tränen auf die Heimreise geschickt (ist gelogen, aber es gab Handschlag…)
So gab es Frühstück im Jindrak (nicht nur mit Linzer), Eis um 15.00 im Eissalon am Schillerplatz (das After Eight-Eis!) und Abendessen im Biergarten «Spiegelhof» (schon optisch Ferien pur). Und das jeden Tag.
Keine Söhne der Stadt
Wir haben die Stadt angesehen, waren ausgiebig im Lentos, im modernen Kunstmuseum, wir sind mit dem Bähnli auf den Pöstlingerberg und noch einmal mit Wurm & Noé auf die Donau.
Was wir links liegen liessen, sind die beiden Söhne der Stadt: Stifter und Bruckner. Vielleicht sollte man nicht so viel Thomas Bernhard lesen, wenn man die beiden wirklich mögen will. Er bezeichnet in «Alte Meister» ihre Werke als konfus, unklar und stümperhaft, Stifter nennt er «totes Germanistenpapier», Bruckner einen «Musikverwischer». Also 10 Jahre Bernhard-Abstinenz und dann noch mal nach Linz…
So viel von der Reise.
Ab nächster Woche muss ich mich ja wieder aktuelleren Dingen widmen, was da alles passiert, ich sage nur Spahn und Infantino…
Dienstag, 4. August 2026
Juli-Reise 2026 (3): Von Windbeuteln und Regengüssen
Brünn – die unbekannte Schöne
Was fällt Ihnen zu Brno ein?
Menschen, die noch im alten Jahrtausend gross wurden, werden sich vielleicht noch an das Lied von Peter Alexander erinnern:
Wie Böhmen noch bei Öst′reich war
vor finfzig Jahr, vor finfzig Jahr,
hat sich mein Vater g'holt aus Brünn
a echte Wienerin.
Das Lied ist so hässlich wie unstimmig. Denn natürlich sagt man, jeder Wiener habe eine Brünner Grossmutter, viele haben wirklich tschechische Vorfahren, aber Brno ist nicht Böhmen, es ist Mähren. Und wie Mähren ein wenig ein Schattendasein neben Böhmen führt, so steht die zweitgrösste Stadt des Landes immer ein bisschen im Schatten der Goldenen Stadt Prag.
Dabei muss dich Brno keineswegs verstecken: Eine wunderschöne, pulsierende, lebendige Metropole, in der man sich einfach wohlfühlt. Gerade für Fans des «Neuen Bauens» (die wir sind) ein Mekka: Angefangen natürlich mit der Villa Tugendhat, über die Kolonie Nový dům und das Café Zeman (wo man einen weltmeisterlichen Větrník, einen Karamell-Windbeutel, bekommt) und das Hotel Avion (in dem wir übernachteten).
Wie spricht man das eigentlich aus?
Die Frage wird ja häufig gestellt. Und dann wird gleich gesagt: «Das Tschechische kann man nicht sprechen, das besteht nur aus Konsonanten.» Totaler Quatsch. Keine Sprache besteht nur aus Konsonanten, aber man muss nicht alle Vokale schreiben. Wenn Sie probieren «Brno» ganz ohne Vokal zu reden, werden Sie merken, dass das nicht geht. Zwischen R und N ergibt sich ein winziger Selbstlaut. Der genau richtig ist. Also sehr, sehr, sehr praktisch. Wenn man das im Deutschen auch machen würde, also «schreiben» als «schreibn» schriebe (wunderbarer Satz!), dann sprächen die Süddeutschen, die ihr «schreibä» vermeiden wollen, nicht die sogenannte Überkorrektur «schreibeen».
Hitzegewitter am einzigen fixen Termin
Wenn ein Gewitter droht, dann ist es gut, wenn man keine Termine hat. «Es tröpfelt? Ach, dann gehen wir später ins Zeman, der Větrník kann und wird warten.» «Schon die ersten Blitze? Dann machen wir erst einmal einen Mittagsschlaf. Schliesslich sind wir ja eh in einem ikonischen Gebäude.»
Sie ahnen es: Wir hatten in Brno einen einzigen Timeslot, nämlich am 19. Juli um 15.00 in der Villa Tugendhat. Das von Mies van der Rohe errichtete Weltkulturerbe-Gebäude kann nur mit Führung besichtigt werden. Und um 13.30 gab es das einzige Gewitter unserer Reise. Eine halbe Stunde lang kam so viel Wasser vom Himmel, dass Noah schon wieder Holz gesammelt hätte. Schön blöd. Aber zum Glück hörte es nach 14.00 schnell wieder auf. Denn das Wohn-Esszimmer der Villa Tugendhat ist atemberaubend, und es wäre schrecklich gewesen, das zu verpassen.
Der Platz der Fragen
So nenne ich jenen Hauptplatz, der eigentlich Náměstí Svobody, also «Freiheitsplatz» heisst. Denn es stellen einem sich, wenn man sich darauf befindet, drei Fragen:
Ist das wirklich eine Pestsäule?
Warum ist der Platz drei- und nicht viereckig?
Was ist das für ein schwarzes penisförmiges (sorry) Ungetüm?
Aber es gibt Antworten:
Ja, das ist eine Mariensäule, die an die Epidemie Ende 17. Jahrhundert erinnert.
Viele tschechische Plätze sind dreieckig, weil die Städte an Weggabelungen entstanden. Ein Land also immer und ewig am Scheideweg.
Und das schwarze Ding ist eine Uhr – die niemand lesen kann, dafür spuckt sie immer um 11.00 Glaskugeln aus. (Sie brauchen natürlich eine funktionierende Armbanduhr, um genau um 11.00 unter der Uhr zu stehen, denn die können sie ja nicht lesen.) By the way: Die Jugendlichen aus Brno nennen das Teil wirklich «pták» (Schwanz).
So viel für heute. Am Dienstag dann noch Linz.
Freitag, 31. Juli 2026
Juli-Reise 2026 (2): Fortbewegung zu Wasser und zu Schiene
Schwimmbäder am Morgen
Ach Göttelchen, werden Sie sagen, war er wieder schwimmen, dem fällt auch nix Neues ein. Also, also, muss ich antworten, wir wurden von der Wirtin gereinigt und ich wurde von einer Eidechse besucht und ich habe Radler getrunken, das ist doch viel Neues, aber der Schwumm (kein Fehler, ein Helvetismus) am Morgen ist einfach das Herrlichste. Und der fand jedes Mal statt: Im Wöhrd-Bad auf der Donauinsel in Regensburg, im Za Lužánkami in Brno und im Parkbad in Linz. «Wer ein Land kennenlernen will, der muss in seine Gefängnisse gehen.» Diesen Satz sagt man Nelson Mandela nach. Ich möchte gerne «Gefängnisse» durch «Schwimmbäder» ersetzen. Ich war stets der einzige Tourist. Im Hallen- oder Freibad lernen Sie Land und Leute kennen.
Was mich erstaunte, war, dass in jedem der drei Bäder morgens der Eintritt mit Zahlen möglich war (und zwar um 6.00 oder 7.00 Uhr). Die Kassen waren offen. Wenn man in Basel wohnt, wo zum Frühschwimmen nur der Hintereingang geöffnet wird (und auch das nur für Abo und Onlinebuchung), dann ist das das wahre Paradies.
Die zweite Schifffahrt gibt es günstiger
Wenn man an der Donau ist, dann muss man natürlich eine Donauschifffahrt machen, mit einer Donauschifffahrtsgesellschaft und einem Donauschifffahrtsgesellschaftskapitän. Das übliche «Dampf» muss hier wegfallen. Die Donauschifffahrtsgesellschaft heisst Wurm & Noé und bietet die 45-minütige «Strudelfahrt» und die 90-minütige «Walhallafahrt» an. (Zur kurzen Erklärung: Der Strudel ist die Verwerfung im Wasser, die durch die Steinerne Brücke entsteht, Walhalla ist die im 19. Jahrhundert errichtete akropolisnachäffende Ruhmeshalle.)
Wir entschieden uns für die Strudelfahrt – ganz entsprechend dem alten deutschen Volkslied «Als wir jüngst in Regensburg waren, sind wir über den Strudel gefahren» – und genossen eine Dreiviertelstunde pure Erholung. Dann fanden wir das doch so toll, dass wir auch noch Tickets für die Walhallafahrt kauften. (Allerdings ohne Aussteigen, es wäre nämlich 479 Stufen aufwärts gegangen, bei 32°.) Die Dame der Donauschifffahrtsgesellschaft war so begeistert von dem «Zweitkauf», dass sie uns die Karten für die zweite Donauschifffahrt 4 Euro günstiger gab.
Oberfränkische Kundenfreundlichkeit.
Regionalzug (oder Intercity?) mit vielen Pfadfindern und Fragezeichen beim Umstieg
In Berlin fährt man ab «Alex», in der Oberpfalz fährt man mit «alex». «alex» heisst die Gesellschaft, die mehrmals täglich München mit Prag (über Regensburg) verbindet. Bis Furth am Wald (Grenzbahnhof) fuhren wir mit dem Deutschlandticket, also aber auch ohne Platzreservierung. Ab Furth hatten wir zwei Plätze gebucht. Nun bringt man es nicht fertig, diese Sitze schon ab München anzuzeigen. Also sassen natürlich zwei junge Männer drauf, die wir nicht vertreiben durften. Es fanden sich aber Sitzplätze an einem Vierertisch bei einem sehr netten Ehepaar, mit dem wir uns 100 Minuten blendend unterhielten.
Dann Furth im Wald: Das Ehepaar stieg um, wir rückten an die Fensterplätze und wie von Geisterhand erschienen die Reservierungen: «Furth im Wald – Prag hl. n.» bei unseren Sitzen und «evtl. reserviert» bei allen anderen. Also blieben wir sitzen. («hl. n» heisst übrigens «Hlavní nádraží», auf Deutsch einfach Hauptbahnhof.)
In Dobřany erschien dann die Meute, die «eventuell» reserviert war: 100 aus dem Sommerlager heimfahrende Scouts. Nun, da ich auch einmal bei den Pfadis war, kam eine gewaltsame Auseinandersetzung nicht in Frage, wir konnten uns aber auf wundersame Weise einigen, nicht zuletzt deswegen, weil der Leiter ein sehr gutes Englisch sprach: Die jungen Männer wichen von unseren Plätzen, diese gingen an zwei kleine Scouts und wir konnten sitzen bleiben.
In Prag dann noch eine kleine Aufregung, denn die Tschechischen Eisenbahnen geben das Gleis eines Zuges erst kurz vor Abfahrt bekannt. Ungewohnt, aber OK. Denn SIEHT man dann endlich den Zug auf der Abfahrtstafel und IST man auf Bahnsteig 4, dann BLEIBT es auch dabei. Nicht wie in Deutschland, wo zwar das Gleis seit einer Stunde in der App steht, dann aber in letzter Sekunde per Lautsprecher geändert wird.
So viel für heute.
Am Dienstag geht es weiter. In Brno. Brünn.
Dienstag, 28. Juli 2026
Juli-Reise 2026 (1): Von neuen und nicht neuen Dingen
Die Wirtin reinigt den Gast
Wenn wir in Stuttgart sind und wenn es passt, dann sind wir zum Essen in der «Trattoria da Peppe» in Stuttgart-Botnang. Der Namensgeber Giuseppe eröffnete in den 70ern das Restaurant im Nebenhaus in der Libanonstrasse, er verstarb viel zu früh und sein Neffe Michele führt das (hervorragende) Lokal in Botnang weiter, und wenn wir in Stuttgart sind, dann gehört ein Besuch bei «Da Peppe» einfach dazu. Dieses Mal gibt es als Vorspeise Orangensalat mit Crevetten und als Hauptgang Penne mit Safransauce. Und dieser Safran erweist sich als leicht tückisch, denn kleckernd vom letzten Löffel hinterlässt er bei meinem Mann einen Fleck in der klassischen Safranfarbe: Safrangelb. Die Reinigungsbemühungen werden von Angela, der Frau von Michele, Wirtin und guter Seele des Ladens beobachtet. Sie erscheint mit Wasser, Seife, Lappen und säubert meinem Mann das Shirt. Wir haben viel erlebt, aber dass die Chefin den Gast säubert, das gab es noch nie.
Der Besuch der Eidechse
Das Thema «Man soll jeden Tag etwas Neues erleben» setzt sich am nächsten Tag fort. Wie ein Besuch bei Peppe gehört auch ein Besuch im Mineralbad Leuze zum festen Stuttgart-Programm. Ich habe es vielleicht schon erwähnt, aber in meiner Heimatstadt hat man es mit den Bädern wie mit den Fussballvereinen, man ist für die Kickers oder für den VfB, man geht ins Leuze oder ins Mineralbad Berg, niemals ins andere. Aber das wollte ich gar nicht erzählen, was so lustig war, war, dass ich beim Sonnenbaden von einer kleinen Eidechse besucht wurde. Ich hätte das gar nicht bemerkt, wenn ich nicht auf einem weissen Handtuch gelegen hätte. Aber so sass das sicher nur 5 cm Länge Wesen eine Weile neben mir, bis es bei der ersten Bewegung meinerseits wieder enthuschte. Meine Bemühungen, es zu verfolgen und den Kontakt weiterzupflegen waren natürlich ob seiner Tarnung im Grase erfolglos. Jedenfalls war mir das auch noch nie passiert.
Radler in Regensburg
Am Mittwoch ging es über Ulm und Ingolstadt nach Regensburg. (Übrigens alles mit Regionalzügen und dem Deutschlandticket, aber das nur nebenbei.) Endlich im Hotel angekommen, wünschte sich mein Mann ein Radler. Das tut er manchmal, aber nur auf Reisen. Ich selbst halte eigentlich Bierpanschen für ein Verbrechen. Aber irgendwie liess ich mich überreden und so sassen wir nach dem Einchecken und Auspacken auf der Hotelterrasse und tranken alkoholfreie Radler. Da das SORAT Insel Hotel (wie schon der Name sagt…) sich auf der Insel zwischen den beiden Donauarmen befindet, hat man von der Terrasse aus einen wirklich spektakulären Blick auf die Steinerne Brücke, den Dom und die Altstadt – und natürlich die Donau. Und weil das so spektakulär war, wurde das «Radler um Fünf mit Blick» für ein paar Tage Tradition. Und reihte sich in die Gruppe der neuen Erfahrungen ein.
By the way: Für die Schweizer Leser, die das doch nicht wissen sollten: Ein Radler ist ein Panaché.
Die Story von der Brücke ist jetzt nicht neu
Die letzte Chose für heute ist nun der Kontrast zu allem Vorangehenden und kann mit «Immer wieder das Gleiche» übertitelt werden. Die berühmte Steinerne Brücke in Regensburg (Weltkulturerbe!) hat nämlich eine Geschichte und die geht in aller Kürze so: Der Baumeister habe – so die Sage – wegen einer Wette mit dem Münsterbauer den Teufel hinzugezogen, habe aber dann statt der geforderten Menschen für den Satan Tiere über die Brücke getrieben, dieser habe dann das Bauwerk zerstören wollen, was aber nicht gegangen sei, er selbst habe es zu fest gebaut gehabt.
Die gleiche Story wird – in Variation – in der Schweiz erzählt, es ist die Sage von der «Teufelsbrücke», die sich im Uri über die Schöllenschlucht am Gotthard spannt. Anscheinend hatten Menschen in allen Zeiten das Bedürfnis, den Teufel auszutricksen, sich seiner zu bedienen und dann die Zahlung zu verweigern. So gleichen sich die Erzählungen.
So viel für heute.
Am Freitag mehr.
Freitag, 24. Juli 2026
Die AfD und die Gretchenfrage ("Wie hast du es mit der Demokratie?")
Sie haben sicher schon oft von der «Gretchenfrage» gehört, in vielen Kommentaren, Texten, Kolumnen, in vielen Äusserungen, in vielen Interviews, in vielen Berichten und Reportagen wird ja dieser Begriff immer wieder gesagt und geschrieben. Und Sie wissen als gebildeter Mensch natürlich, dass hier nicht die Gretel aus dem Märchen gemeint ist, also nicht Hänsel gefragt wird, aber wissen Sie wirklich, wie die originale «Gretchenfrage» wörtlich lautet? Hier ist sie:
Margarete:
Versprich mir, Heinrich!
Faust:
Was ich kann!
Margarete:
Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
Faust windet sich nun ein wenig, er redet herum und sich heraus und hebt zu einer langen philosophisch-pantheistischen-allgemeinreligiösen Erklärung an, die aber Gretchen nicht wirklich beeindruckt, sie bringt es dann genau auf den Punkt:
Margarete:
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.
Faust:
Liebs Kind!
Margarete:
Es tut mir lange schon weh,
Dass ich dich in der Gesellschaft seh.
Faust:
Wieso?
Margarete:
Der Mensch, den du da bei dir hast,
Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst;
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht.
Gretchens Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich an die nächsten Wahlen in Deutschland denke. «Wie hast du’s mit der Demokratie?», das ist doch die entscheidende Sache, die Gretchenfrage, und da kann man eben auch sehr lange um den heissen Brei herumreden, man kann philosophieren und deklamieren, man kann sogar alles umdrehen und behaupten, dass die Corona-Massnahmen und die ökologischen Bedingungen die Diktatur zeigen und dass die AfD die Demokratie zurückbringt, man kann dann auch unter dem Stichwort MEINUNGSFREIHEIT irgendwann alles erlauben, Schwulenhetze und Ausländerfeindlichkeit usw.
«Wie hast du’s mit der Demokratie?»
Wir müssen es aber – wie Gretchen – auf den Punkt bringen: «Die Menschen, die ihr da bei euch habt, sind uns in tiefer innrer Seele verhasst.» Es geht also nicht um die Parteimitglieder, sondern um die, die mitlaufen, mitschreien, den «Dunstkreis», das «Umfeld», die Holocaustleugner, die in der gleichen Buchreihe wie ein AfD-Politiker verlegt werden, und viele andere.
Die Jungs und Mädels, die ihre Videos mit «Ausländer raus»-Gesängen in den Sozialen Medien sind nicht in der Partei, nicht einmal in der Jugendorganisation, aber sie sind Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen, Nichten und Neffen, eng genug, dass man sich auf sie verlassen kann, weit genug, dass man sich von ihnen distanziert.
Sie haben sicher schon oft von der «Gretchenfrage» gehört, in vielen Kommentaren, Texten, Kolumnen, in vielen Äusserungen, in vielen Interviews, in vielen Berichten und Reportagen wird ja dieser Begriff immer wieder gesagt und geschrieben.
Und jetzt ist die Gretchenfrage wieder topaktuell, und sie fragt nach der Demokratie – und bitte, lieber Rechten, seid ehrlich: Schwafelt nicht philosophisch, sondern sagt, wer bei euch mitmarschiert.
Dienstag, 21. Juli 2026
Wir schaffen die Krankheiten ab!
Wenn wir die Probleme, die zurzeit die Gesellschaft beschäftigen, betrachten, dann fällt uns ja auf, dass wir immer auf das Thema Krankheit stossen:
* Die Krankheitskosten, die die Krankenkassen stemmen müssen, steigen und steigen.
* Die Arbeitenden sind zu viel krank.
* Es gibt zu viele alte Menschen, und prekärerweise sind sie mit 80 kerngesund, werden dann alt und mit 100 doch noch krank.
Nun werden Massnahmen ergriffen. Wichtige Massnahmen, entscheidende Massnahmen.
Zum Beispiel zahlen die Kassen keine Homöopathie mehr. Angesichts der Unsummen, die hier für Globuli zum Fenster hinausgeworfen wurden, eine gute Sache. De facto ist es gar nicht so viel Geld, de facto ist nur ein Euro pro Kopf, aber es geht ja ums Prinzip. Also, die Hahnemann-Jünger geben natürlich viel mehr aus, aber das ist ja eine falsche Rechnung.
Ebenso wird das Hautkrebs-Screening nicht mehr angeboten. Auch das ein wichtiger Punkt, denn wo kommen wir hin, wenn die Leute ständig zum Dermatologen rennen und ihre Haut begutachten lassen, ich kenne Menschen, die machen da einen richtigen Sport daraus, Schwimmen gehen, Sonnenbaden und dann gleich zum Arzt, und erst später zum Friseur die Haare wieder stylen lassen. Aber vielleicht sind das Spezialfälle…
Massnahmen. Man tut etwas und reagiert.
Weil alle ständig krankfeiern, wird die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag verlangt. Sehr sinnvoll, Blaumachen ade. Allerdings verursacht die Chose auch wieder Kosten, Kosten, die man ja im Krankenkassengesetzt eigentlich herunterschrauben wollte. Ich habe neulich meine Hausärztin angerufen, ob ich nach einem Montagssturz (also ein Sturz am Montag) am Donnerstag wieder arbeiten gehen könnte. Sie riet ab und das Telefonat (180 Sekunden) kostete 50 Franken. – By the way: An diesem Beispiel sieht man auch, dass, wenn die Leute gerne arbeiten, man GAR KEINE Krankschreibung braucht.
Und dann die Alten, die Rentner!
Der wunderbare und herrliche Kabarettist Olaf Schubert führte in der heute-show aus, dass die Gesellschaft immer älter werde und dadurch die Rentenkassen belaste. Als „Lösung“ für dieses Problem verwies er auf den bestehenden Ärztemangel. Die Kernaussage seines bitterbösen Humors war, dass eine schmalere Gesundheitsversorgung und ein damit einhergehender früherer natürlicher Ausstieg aus dem Leben den Staatshaushalt entlasten würden.
Das ist natürlich sehr, sehr schwarzer Humor.
Aber mathematisch korrekt. (War nicht Merz so ein Mathe-Fan?)
Meine Lösung ist tiefgreifender, elementarer und globaler:
Wir schaffen die Krankheit ab.
Meine Mutter sagte stets: «Die beste Krankheit taugt nix.» Und ich muss ihr da völlig rechtgeben. Im Gegensatz zu den vielen Büchern, die Krankheiten fast glorifizieren («Krankheit als Weg», Krankheit als Chance», «Krankheit als Sprache der Seele») kann ich den Krankheiten nichts abgewinnen. Was hat man von einer Grippe ausser Fieber? Was hat man von Asthma ausser Atemnot? Was hat man von Windpocken ausser Jucken? Was hat man von Diabetes ausser Durst und Müdigkeit?
Nichts.
Gar nichts.
Daher plädiere ich für die Abschaffung der Krankheiten.
Sagen Sie jetzt nicht, ich sei ein Träumer. Wenn es Menschen gibt, die sich für die Schönheit mit dem Hammer ins Gesicht hauen und wenn es Wissenschaftler gibt, die behaupten, jeder kann 105 werden, man muss nur wollen, dann finden sich sicher auch Mitkämpfer und Mitstreiter, die die Abschaffung der Krankheiten mit angehen.
Wir schaffen die Krankheiten ab!
Freitag, 17. Juli 2026
Die Überbelegung des ÖV mit virtuellen Personen
Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern? Sind die Ausländer schuld? Ist unser Land zu voll? Wo liegt das Problem?
Fragen über Fragen.
Und die mit den Ausländern ist ja nicht unerheblich, denn die Situation im Umsteigebahnhof Olten morgens um 7.00 wurde ja von den Befürwortern der 10 Millionen genug-Initiative als Argument ins Feld geführt, und ja, ja, «Morgens um Sieben ist die Welt in Ordnung», diesen in meiner Jugend so populären Buch- und Filmtitel kann man auf Olten Bahnhof sicher nicht anwenden, aber fahren Sie mal mit der Buslinie 311 von Stans nach Seelisberg, an einem Montag um 10.00. Da kann es sein, dass Sie der einzige Fahrgast sind. (Ja, das ist das Seelisberg, von dem der Feuerwächter im 2. Akt des Tell gerufen hat, aber Sie lenken ab…)
Es geht also beim ÖV vor allem um die Verteilung und nicht um die generelle Überbelegung. Thema Gleitzeit, Thema Homeoffice, usw.
Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern? Sind die Ausländer schuld? Ist unser Land zu voll? Wo liegt das Problem?
Ich möchte aber heute den Blickwinkel ein wenig anders setzen: Ich möchte heute das Augenmerk auf die virtuelle Überbelegung lenken.
Virtuelle Überbelegung?
Stellen wir uns vor, ich sitze in einem Wagen, in dem sich sechs Vierersitzgruppen befinden. Es ist keine Stosszeit, also ist jede Vierergruppe mit je einer Person belegt. Dazu kommen aber die vielen, vielen Menschen, die per Handy oder Tablet zugeschaltet sind:
Der grosse Mann in der Gruppe neben mir schaut ein Video einer Streetdance-Darbietung, da er sein (grosses) Tablet so gedreht hat, dass ich den Bildschirm sehen kann, flackern 12 Tänzerinnen und Tänzer durch den Rand meines Gesichtsfeldes.
Die Frau in der Gruppe direkt vor mir befindet sich in einer Video-Konferenz mit zirka zehn teilnehmenden Personen. Ich höre nur sie, und den Bildschirm sehe ich auch nicht, aber dennoch spüre ich die Atmosphäre, Zoom-Atmosphäre, Teams-Atmosphäre, Google Meet-Atmosphäre, Cisco Webex-Atmosphäre.
Der Mann schräg vor mir führt ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin, auch hier höre ich nur ihn, aber sehr laut und deutlich und in dem typischen Manager-Sprech: «…sollten wir aber im Flow…» «…briefst du mich dann am…», «…die Synergien sollten aber trotz Deadline im Fokus…».
Die Frau hinter mir telefoniert mit einer Freundin, leider ist auch diese auf laut geschaltet, was einen sehr ablenkt, zum Glück wechseln die beiden immer wieder ins Türkische, dann wird es zwar noch lauter, aber ich bin weniger abgelenkt – klingt paradox, ist aber so.
Der Mann schräg hinter mir schaut ein Video, das seine Familie zu seinem Geburtstag (heute? gestern? vorgestern?) aufgenommen hat. Würde mich nicht stören, aber immer, wenn er laut lacht (und er grölt wirklich laut) zwingt es mich, mich zu ihm umzuschauen und sehe dann seine Frau, seine Tochter mit Mann, seinen Sohn mit Frau und seine 5 Enkelkinder.
Zählen wir zusammen:
Ich + Mann neben mir + 12 Dancer + Frau vor mir + 10 Konferenzteilnehmer + Mann schräg vor mir + Mitarbeiterin + Frau hinter mir + Freundin + Mann schräg hinter mir + 10 Familienangehörige
…sind…
…nach Adam Riese…
…Trommelwirbel…
Vierzig Personen.
Verstehen Sie nun, was ich mit «virtueller Überbelegung» meine? All diese Leute sind zwar nicht realiter da, sie nehmen mir keinen Platz weg, sie riechen nicht, sie stinken nicht, sie haben kein Gepäck und keine Taschen. Aber trotzdem beengen sie mich, weil eben doch irgendwie da sind.
Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern?
Also, Homeoffice wäre schon einmal eine gute Lösung, das würde schon einmal die Zoom-Menschen und Teams-Menschen aus den Zügen und Bussen holen. Und vielleicht müsste man manche Wagen auch handyfrei machen.
Dienstag, 14. Juli 2026
Sind Ausdauer und Beharrlichkeit Tugenden?
Und ich hätte fast schon aufgehört. Es ist einem doch eben nicht ganz egal…
Sicher kennen Sie alle Maler, die, wenn Sie der einzige Gast auf der Vernissage sind, beteuern, es ginge ihnen nicht um Zahlen, wenige, aber kunstverständige Leute, das wäre viel wichtiger als Masse, wer wolle schon Masse!
Sicher kennen Sie Lyrikerinnen, die, auf ihre Auflagenhöhe angesprochen, aufschreien, dass sei ihnen total wurscht, darum ginge es nicht, sie schrieben aus einem Drang heraus, das sei Berufung und innerer Trieb, wer denke schon an Zahlen, das sei so etwas von schnöde und spiesserhaft.
Sicher kennen Sie Musiker, die Ihnen erzählen, sie hätten schon vor zwei oder drei Leuten musiziert und das sei ein genauso grosser Genuss gewesen wie vor zwei- oder dreihundert oder wie vor 2000 oder 3000.
Sie alle lügen.
Wie gedruckt.
Ich bin kein Maler und keine Lyrikerin, aber ich bin Musiker, und ich habe schon Konzerte erlebt, gespielt, gegeben und musiziert, bei denen sich vier Zuhörerinnen und Zuhörer auf den Zuschauerraum verteilten. Macht keinen Spass, natürlich gibt man sich auch für die Mühe, spielt und musiziert endlos schön, aber wirklich Fun ist es nicht. Übrigens auch, wenn Festgage gezahlt wird. Ohne Festgage ist es doppelt blöd.
Ich freue mich also, dass die Seitenaufrufszahlen seit Juni super aussehen. Ich wollte nämlich im Herbst schon aufhören.
«Siehst du», sagt ein Kumpel zu mir, «das zeigt wieder, dass Beharrlichkeit eben immer zum Ziel kommt. Wer A sagt, muss auch B und C und D sagen. Konsequenz ist es, jeden Weg zu Ende zu gehen. Denke an alle, die nicht aufgaben und als erste Berge bestiegen, Meere überquerten und Rekorde aufstellten.»
Hier muss ich nun meinem Kumpel deutlich widersprechen: Beharrlichkeit ist sicher nicht IMMER das Richtige.
Bei meiner Post-Geschichte ist zum Beispiel ein entscheidender Punkt, das es mich nichts kostet, weiterzumachen. Die Site ist gratis, und ich opfere jeweils nur Lebenszeit, aber ich tue das ja für eine Sache, die unendlich Spass macht: Schreiben. Texte verfassen. (Ach, ach, ach, ach, wenn das nur endlich meine Deutschschülerinnen und -schüler begreifen würden, aber das ist ein anderes Kapitel.) Es wäre komplett anders, wenn ich pro Post etwas zahlen müsste und pro Aufruf etwas bekäme. Es wäre auch anders, wenn das Schreiben mich körperlich kaputtmachen würde.
Wie ist das aber nun mit den «Beharrlichen», die Berge bestiegen und Meere überquerten und Rekorde aufstellten? Wir kennen ihre Namen, aber wir kennen nicht die Namen der vielen, die scheiterten. Einfach weil die Historie allen Scheiterns noch nicht geschrieben wurde.
Niemand kennt Max K., der 1897 bei der Erstbesteigung des Berges L. nicht umkehrte (trotz Donnergrollen) und (natürlich) abstürzte.
Niemand kennt Ulrike Z., die 1775 als erste versuchte, den Bodensee zu durchschwimmen und schon nach 1 km ertrank.
Niemand kennt die vielen, vielen, vielen Alchimisten, die sich vergifteten oder sich in die Luft jagten, weil sie Gold herstellen wollten. Es sei denn, es entstand (aus Versehen) Porzellan oder Schiesspulver.
Bertolt Brecht bringt es im Doppelstück vom «Jasager» und «Neinsager» auf den Punkt:
Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.
Und natürlich kommt einem «Das Versprechen» in den Sinn, in dem ein Polizist auf einen Mörder wartet, dem er eine Falle gestellt hat, Tag um Tag, Jahr um Jahr, ein nutzlos vertanes Leben, denn der Kinderschänder ist längst tot.
Seit Juni läuft es extrem gut mit meinen Seitenaufrufen. Und das freut mich – um es einmal ganz schwäbisch auszudrücken – saumässig. Es ist einem doch eben nicht ganz egal…
Und ich hätte fast schon aufgehört. Blieb aber mit Ausdauer dabei. Aber Achtung: Beharrlichkeit ist OK, wenn es weder Gesundheit noch Geld kostet, wenn man bei etwas bleibt, was einem eh Spass macht. Wenn es gefährlich wird und das Leben ruiniert, dann muss man auch einmal umkehren.
Freitag, 10. Juli 2026
Schadenfreude ist super - Trumps Anruf hat nix genutzt
wissen Sie, was die schönste Freude ist? Es ist – nein, nicht die Vorfreude – die Schadenfreude.
Aber natürlich nicht, wenn ein alter Mensch mit Rollator stürzt, wenn ein Blinder das Falsche greift, wenn ein Schüler die Antwort nicht weiss. Richtigen Spass macht die Schadenfreude nur, wenn die Opfer der Häme nicht ganz unschuldig sind.
Wollen Sie Beispiele? Gerne.
Als ich mit einer Schulklasse bei Ascona im Abschlusslager war, da fuhren wir (wie jede Klasse es dort macht) am Mittwoch über den See nach Luino (Italien) auf den Markt. Im Schiff ging ein junger Mann an uns vorbei und stierte und glotzte auf zwei sehr hübsche Schülerinnen, M. und A. Aber weil er so glotzte und stierte, verpasste er den richtigen Einstieg in die Treppe ins Untergeschoss und polterte die Stiege hinunter. Wir lachten laut. Wir lachten hässlich. Und wir hatten keinerlei schlechtes Gewissen, denn der junge Kerl wäre ja nicht gestolpert, wenn er auf die Treppe geschaut und nicht auf M. und A. gestiert und geglotzt hätte.
Als die Freiburger Pianistin A. D. mit Ach und Krach ihr Aufbaustudium geschafft hatte, war die Fachgruppe doch sehr erstaunt, dass die Gute sich für eine Solistenausbildung bewarb; natürlich liess man sie in der Aufnahmeprüfung durchrasseln. Nun hatte man aber zwei Faktoren nicht bedacht: Erstens war der Kommission ein kleiner Formfehler unterlaufen, ein kleiner, aber eben doch ein Formfehler. Zweitens hatten A. D.s Eltern Geld und kannten gute Advokaten. Die Klavierspielerin erstritt sich einen Studienplatz. Da nun aber keine der hochrangingen Pianistinnen und keiner der meisterhaften Pianisten sie unterrichten wollte, kam sie zu Herrn M., der sonst Schulmusiker lehrte, aber nicht einmal im Hauptfach, sondern in der Kunst, Gesangsklassen bei «Horch, was kommt von draussen rein» oder «Yesterday» zu begleiten, also im sogenannten Schulpraktischen Klavierspiel.
Unsere Schadenfreude kannte keine Grenzen.
Sie war orgiastisch und gnadenlos.
Unsere Schadenfreude wuchs in Unermessliche, als A. D. zum Examen antrat. Die Kommission der Bewertung ihres Diplomkonzertes bestand zu 50% aus Pianisten und zu 50% aus Juristen. Und sie liessen sie durchfallen – ohne Formfehler.
Schadenfreude also.
Und die Schadenfreude konnte nun wieder einmal sprudeln, sprudeln angesichts der Trump-Infantino-FIFA-Schweinerei. Die hat nämlich gar nichts gebracht.
Schauen wir die Fakten doch noch einmal an: Da wird ein Stürmer per Roter Karte für das nächste Spiel gesperrt, und dann ruft der Landeschef beim FIFA-Chef an, um diese Sperre aufzuheben. Und der Funktionär sagt nicht das, was jeder vernünftige Mensch sagen würde: «Hat es dir ins Hirn gesch…?», nein, er hebt die Sperre auf. Und der Stürmer darf stürmen, obwohl die halbe Welt kopfsteht, und dann bringt das gar nix. Weil die USA 1:4 gegen Belgien verlieren, Balogun hin oder her, und das Ganze hat gar nix gebracht.
Und unsere Schadenfreude ist grenzenlos.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wissen Sie, was die schönste Freude ist? Es ist – nein, nicht die Vorfreude – die Schadenfreude.
Aber natürlich nicht, wenn ein alter Mensch mit Rollator stürzt, wenn ein Blinder das Falsche greift, wenn ein Schüler die Antwort nicht weiss. Richtigen Spass macht die Schadenfreude nur, wenn die Opfer der Häme nicht ganz unschuldig sind.
P.S.
Da Gianni sich nun als absolut beeinflussbar gezeigt hat, finde ich, auch der Bundesrat der Eidgenossen sollte sich einmischen. Immerhin ist Infantino Walliser und immerhin ist er korrupt und immerhin hat es die Nati bis ins Viertelfinale geschafft. Und am Sonntag spielen wir gegen Argentinien.
Also.
Lieber Martin Pfister, als für Sport zuständiger Bundesrat sollten Sie beim Schweizer (!) FIFA-Präsidenten anrufen und er soll sich darum kümmern, dass die Eidgenossen endlich einmal Weltmeister werden.
Dienstag, 7. Juli 2026
Schweizer Kantone haben zu viel Geld
Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten nicht zu viele Schulden machen. Denn Schulden sind Geld, das den nachfolgenden Generationen fehlen wird. Wenn man also ein Schwimmbad für Millionen baut oder ein Theater für Milliarden, wenn man prasst und spendiert, dann bestiehlt man eigentlich die Kinder und Enkel. Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer müssen also darauf bedacht sein, dass ihre Finanzen irgendwie in Ordnung sind und der Schuldenberg nicht wächst.
Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten aber auch nicht zu viel Geld anhäufen. Denn angehäuftes Geld ist Geld, das dieser Generation fehlt. Wenn man also KEIN Schwimmbad baut oder KEIN Theater, wenn man sich den neuen Park verkneift und vom neuen Zoo absieht, wenn man spart und hamstert, wenn man häuft und hortet, hortet wie Fafner oder Smaug, dann bestiehlt man eigentlich die Bürger, die jetzt gerade zahlen. Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer müssen also darauf bedacht sein, dass ihre Finanzen irgendwie in Ordnung sind und der Vermögensberg nicht wächst.
Zugegeben, letzteres Problem (ein Luxusproblem) haben wenige Orte. In Deutschland ist es eher selten. Aber in der Schweiz kommt es vor. Zugegeben.
Und witzigerweise enthält das Wort «zugegeben» gerade den Kanton, der mit seinem Überschuss kämpft:
Zug.
In Zug wird diskutiert, ob man bei grossen Mehrsummen der Bevölkerung Geld zurückzahlt bzw. gutschreibt. Warum nicht Steuersenkungen? Weil Steuersenkungen immer eine Wette auf die Zukunft sind (es könnte ja weniger Gewerbeeinnahmen geben) und solche Rückzahlungen eine Reaktion auf das Vergangene.
Auch Basel überlegt solche Dinge.
Man könnte natürlich auch mit den Überschüssen viele tolle Dinge anstellen:
ein Opernhaus
ein Theater
ein Museum
Schwimmbäder, Sporthallen, Laufkurse
Spitäler und Reha-Einrichtungen
Aber der Punkt ist, dass die meisten dieser Dinge schon existieren. Gut, Zug hat nun kein Opernhaus, aber das wunderbare Opernhaus Zürich ist hier einfach zu nah.
Was also tun mit dem Geld? Und hier kommt nun meine Idee ins Spiel:
Die Städtepatenschaft.
Natürlich gibt es das schon, aber stets so, dass eine mitteleuropäische Stadt (zum Beispiel eine deutsche) die Patenschaft für eine Stadt in der sogenannten «Dritten Welt» übernimmt, so finanziert Huppenheim an der Hupper eine Schule in Burkina Faso, Würz an der Würzach ein Spital in Peru und Sapplingen am Sapperberg ein Stadion in Bangladesch. Das nun macht aber gar keinen Sinn mehr, da an der Hupper und der Würzach und am Sapperberg ja nun selbst Schulen und Spitäler und Sportanlagen gebraucht werden, natürlich, sie sind da, aber halt so marode, dass sie fast unbrauchbar sind.
Und hier kommen nun die Schweizer ins Spiel:
Statt Geld an die Steuerzahler zurückzuerstatten unterstützen bestimmte Kantone deutsche Gemeinden in einer Patenschaft. Der Kanton Zug finanziert in Huppenheim an der Hupper den Neubau einer Gesamtschule mit Sporthalle, Aula und lückenlosem W-Lan. Schwyz spendiert Würz an der Würzach ein Krankenhaus mit allen Schikanen und Basel gibt Geld, damit in Sapplingen am Sapperberg ein neues Stadion gebaut werden kann.
Dafür gibt es einmal im Jahr eine Dankeschön-Reise für die Eidgenössischen Politiker mit Empfang im Rathaus und Apéro.
Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten nicht zu viele Schulden machen.
Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten aber auch nicht zu viel Geld anhäufen.
Und für alle Probleme gibt es eine Lösung.
Freitag, 3. Juli 2026
Die deutsche Mannschaft reist heim
Die BRD ist aus der WM ausgeschieden.
Die Nationalmannschaft reist heim.
Ach, ach, ach.
Dabei hätten wir doch so sehr einen kleinen Aufsteller gebraucht! So ein Booster, so ein «Ruck», so eine Welle der Begeisterung hätte dem Land so gut getan! Ein WM-Titel hätte zwar nicht alle Renten-, Krankenversicherungs- und Steuersorgen aufs Mal vernichtet, aber er hätte Schwung gebracht, die Menschen wären wieder mit Elan zum Schaffen gegangen, Firmen hätten sich erweitert, die Wirtschaft wäre in die Aufwärtsspirale gestartet, alles wäre besser geworden.
Ach, ach, ach weh.
Auch Herrn Merz hätte ein Einzug ins Achtel-, Halb- oder Ganzfinale so gutgetan. Er kann zwar überhaupt nix für das Abschneiden «seiner» Fussballjungs, aber irgendwie macht man ja den Landeschef für irgendwie alles verantwortlich, für Erfolg und Misserfolg, irgendwie ist ein Kanzler auch immer schuld am WM-Titel oder am Ausschneiden. Merz hätte ein Pokal so, so, so gut getan.
Aber war nichts…
Die BRD ist nicht mehr dabei.
Das schwarz-rot-goldene Team fliegt nach Hause.
Wir sind weg vom Fenster.
Im Elfmeterschiessen!
Im Elfmeterschiessen!
Das ist ja das Allerblödeste. Da sind zwei Teams gleich gut, da hat man nach 90 Minuten gleich viel Tore, gleich viel Goals, dann kommt Nachspielzeit, dann Verlängerung, und dann kommt das bescheuerte Elfmeterschiessen (das die Schweizer Penaltyschiessen nennen). Und jetzt ist es mehr oder weniger Zufall. Ein kleiner missratener Sprung vom Torwart und zu Ende ist die Sache.
Es wäre doch sinnvoll, in einem solchen Fall einfach BEIDE Teams weiterzuschicken, ok, ok, ok, da kippt dann der gesamte Spielplan, aber das muss dann halt sein.
Oder…
Wenn es dann eh nur auf den Zufall ankommt, könnte man doch den ganzen WM-Zirkus, den ganzen WM-Blödsinn verkürzen und nur an EINEM Wochenende Penalty-Schiessen veranstalten. Man bräuchte dann auch nicht mehr so grosse Stadien. Ich meine, Dart oder Pfeil und Bogen oder Sportschützen, die schiessen ja auch nur einfach im Stehen und rennen nicht vorher noch herum.
Deutschland ist ausgeschieden.
Der vierfache Weltmeister hat die Weltmeisterschaft verlassen.
Die Jungs von Nagelsmann fliegen heim.
Und das gegen Paraguay! Fast zur gleichen Zeit, wie unser Aussenminister in Paraguay mit Paraguay, Uruguay, Brasilien und Argentinien verhandelt, schmeissen die Südamerikaner uns aus der WM! Ich finde, da sollte man doch das ganze Mercosur-Abkommen noch einmal in Frage stellen. Das kann ja nicht sein. Wir schliessen da Verträge mit denen und dann besiegen die uns.
Vielleicht hätte aber eine Nichtteilnahme an der WM auch Verhandlungsgegenstand sein können, wobei das ein argentinischer oder brasilianischer Minister unmöglich seinem Volk klarmachen könnte.
Trotzdem. Um Frau Merkel abändernd zu zitieren: «Unter Freunden besiegt man sich nicht.»
Die BRD ist nicht mehr dabei.
Der Traum vom Titel ist ausgeträumt.
Die Buben dürfen nicht mehr spielen.
Nun wird natürlich die Nagelsmann-Frage immer lauter. Erstaunlich ist aber, dass in einem solchen Fall so schnell nach Rücktritt geschrien wird und in anderen Fällen gar nicht. Was ist schlimmer? Ein Ausscheiden aus der WM oder 1200 km falsche Kabel zu verlegen (wir hatten es davon…)? Aber da bleiben bisher alle im Amt.
Deutschland ist draussen.
Die BRD ist aus der WM ausgeschieden.
Die Nationalmannschaft reist heim.
Dienstag, 30. Juni 2026
Das Schlimmste ist vorüber
Diesen Satz hat wohl nun jeder Nachrichtensprecher und jede Meteorologin in den letzten Tagen ca. 100 mal gesagt. Das Schlimmste ist vorüber, und damit war gemeint, dass das Thermometer wieder deutlich unter 40° geht. Man beachte hier wohl: Unter 40°. In meiner Jugend, als man noch von «30 Grad im Schatten» sprach und damit «sehr heiss» meinte, da hätte man schon 35 Grad Celsius als schlimm bezeichnet.
Das Schlimmste ist vorüber.
Mich erinnert dieser Satz an einen Song des wunderbaren (2003 mit 59 Jahren viel zu früh verstorbenen) Liedermachers Ulrich Roski, den allerdings meistens die Liedermacherin Joana sang, häufig als letztes Lied vor der Pause. («Nach dem nächsten Song machen wir eine Pause und er hat den bezeichnenden Titel Das Schlimmste ist vorüber.»)
In dem Song, in dem stets Reime auf -rüber gesucht werden (Kaliber, Fieber, Lieber, trüber…) geht der Blick vom Allgemeinen über einen Diaabend, bei dem man die Hälfte von 500 Lichtbilder, eine Zahnerkrankung, bei der man 14 von 22 zu ziehenden Zähnen und einem 30-Kilometer-Gehen, bei dem man 20 gelaufene jeweils hinter sich hat. Und das ganze Lied schliesst dann mit der herrlichen Strophe:
Jeder freut sich, wenn ihm wieder mal ein großer Wurf gelungen,
ist zufrieden, wenn er wieder eine Hürde übersprungen
doch dann steht da eines Tags ein dünner Wicht
und man ruft verärgert, geh mir aus dem Licht!
Dann hat man wohl zu lang die große Lippe riskiert
und fühlt sich von Gevatter Hein und seiner Hippe brüskiert
Und man fragt ihn ganz verwirrt, was kommt denn nun?
Vielleicht sagt der dann auch voll Trost, Kopf hoch, mein Lieber
das Schlimmste ist jetzt sowieso vorüber.
Der Song ist 1973 entstanden, da wusste Roski noch nicht, wie früh Gevatter Hein ihn mit seiner Hippe brüskieren würde.
Das Schlimmste ist vorüber.
Ich überlege mir, warum Roski keine Strophe zu Hitzewellen und Klimawandel geschrieben hat. Nun, weil das Thema «Klimawandel» 1973 noch sehr, sehr, sehr ferne lag. Das kam erst viel, viel, viel später.
1978.
Also, klar, das ist jetzt nicht so viel später, aber damals hielt das jeder ja für Spinnerei. Warum 1978? Weil in diesem Jahr Hoimar von Ditfurth in seiner Fernsehreihe QUERSCHNITT in dem Beitrag «Der Ast, auf dem wir sitzen» alles genau erklärte und vorhersagte.
Nur wollte es niemand hören – das ist bei Propheten häufig so.
Gut.
Aber dann dichten wir doch selber noch eine solche Strophe:
Es wird wärmer auf der Erde, schon sehr lang, nicht auf die Schnelle
und im Juni 26 haben wir `ne Hitzewelle
Özden Terli schreit «Wir haben den Salat –
in Hessen hat es einundvierzig Grad!
Doch am Montag werden alle wieder heiter und munter,
da wird`s besser, denn dann geht das Thermometer wieder runter
und wir messen nur noch sechsunddreissig Acht.»
Und du gäbst ihm gerne einen Nasenstüber,
wenn er lacht: «Das Schlimmste ist vorüber.»
In diesem Sinne: Einen schönen Tag.
Das Schlimmste (Glosse-Lesen) ist ja jetzt vorüber…
Freitag, 26. Juni 2026
Shonagonnen 4: Was wir bei der Hitze tun und nicht tun sollten
Eigentlich ist es ja zu heiss zum Schreiben. Eigentlich sollte ich mir Hitzeferien (CH) oder Hitzefrei (D) geben.
Aber:
Die Zahl der Seitenaufrufe hat im Juni einen Höchststand erreicht. Anscheinend sind 38° oder 40° zwar Mist zum Schreiben, aber gut zum Lesen. Oder haben alle gerade – ausser mir – Hitzefrei/Hitzeferien und sitzen daheim und lesen die Glosse.
Wie dem auch sei, ich shonagonne heute einfach ein bisschen zum Thema «Hitze»
Vielleicht muss man das Wort «shonagonnen» doch noch einmal erklären.
Es bedeutet «eine poetische Liste im Stile des Kopfkissenbuches der Hofdame Sei Shōnagon schreiben». Dieses Verb fügt sich in eine ganze Reihe von Tunwörtern ein, die nach Dichtern, Autoren oder Musikern benannt sind: Wenn ein Journalist sich irgendwo undercover in Verkleidung einschleicht, dann heisst das im Schwedischen er «wallrafft». Der zupackende Bogenstrich des Musica Antiqua Köln-Chefs Reinhard Goebel ist so legendär, dass man in der Alte Musik-Szene, wenn jemand mit dem Bogen rumst und bumst, sagt, er oder sie «goebele». Die Wörter «heinen» oder «heine(l)n» sind ebenso solche Ableitungen wie «kafkaesken».
Wenn ich also Posts immer wieder «Shonagonnen» nenne – ich verdeutsche bewusst durch Hinweglassung des Striches über dem O – dann meine ich, dass Listen in ihrem Stile folgen.
Hier also die aktuellen:
Was wir bei der Hitze nicht tun sollten
Hot Jazz hören
Erhitzte Diskussionen führen
Den «Sonnengruss» im Yoga machen
Heisse Eisen (wie Rente) anpacken
Breite Bettelsuppen kochen
Uns warm anziehen
Den «Feuervogel» anhören oder ansehen
Uns an den heissen Busen drücken lassen
Mit der Klara in die Sahara fahren
Dahin gehen, wo der Pfeffer wächst
Was wir bei der Hitze tun sollen
Cool Jazz hören
Uns eine Kaltmamsell* bestellen
50x den «Eisbär» von Grauzone hören
Die Badewanne mit Eiswürfeln füllen und dann einen Hechtsprung hinein machen
Whiskey on the Rocks ohne Whiskey trinken
Die Winterreise hören
Herbstgedichte von Rilke lesen
«Die gescheiterte Hoffnung» anschauen
Einen nassen Lappen auf den Kopf legen
Nichts tun
IN diesem Sinne: Kommen Sie gut durch das Glut-Wochenende
* «Kaltmamsell» ist ein veralteter (und problematischer) Ausdruck für eine Frau, die beim Catering die kalte Küche (Salate, Sandwiches) betreut.
Dienstag, 23. Juni 2026
Trinken Sie auch genug bei der Hitze?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?
Das «Genugtrinken» ist ja so DER Tipp, den Sie immer bekommen, wenn es heiss wird, und ich meine nicht so «angenehm warm» oder «sommerlich warm», sondern so richtig diese Tropentemperaturen, die wir gerade haben. 38°. 39° 40°. Man soll genug trinken, heisst es.
Dabei wären andere Tipps vielleicht viel effektiver. Zum Beispiel «Nicht arbeiten – zuhause bleiben». Nichts hilft so gut gegen die Hitze, wie im kühlen Zimmer zu bleiben (vielleicht sogar die Rollläden herunterziehen) und die Beine hochzulegen.
Hitzefrei. (so in D)
Hitzeferien. (so in CH)
Das kennen Sie noch aus der Schule? Dann sind alt, mindestens so alt wie ich. Meine jungen Leute kennen das nämlich nur noch aus den Erzählungen der Alten und Hitzefrei/Hitzeferien schwurbelt so auf der gleichen Stufe wie Aschenputtel und Dornröschen herum, also im Bereich der Legenden und Sagen. Aber es war doch früher toll: Wenn das Thermometer um 10 Uhr morgens schon 30° hatte, dann fiel Mathe und Bio aus, genauso wie Deutsch und Geschichte, man durfte heim.
Warum wird also die Parole «Nicht arbeiten» nicht ausgegeben? Nun, weil es z.B. in Deutschland ein so anderes Signal wie «8 Stunden-Tag ade», «Rente mit 70» und «weniger Krankschreibung» wäre, man will die Leute ja um des Himmels willen nicht daran erinnern, dass es auch mit weniger Arbeit ginge…
Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?
Um es gleich einmal klarzustellen: Wir reden hier von Wasser, Mineralwasser, kaltem Tee, unsüssem Saft, von solchen Dingen. Wir reden nicht von Kaffee. Und Wir reden nicht von Wein und Spirituosen. Das müssen wir – so glaube ich – betonen, weil doch einige Menschen eine falsche Vorstellung vom Trinken bei Hitze haben. Der «schöne kühle Weisswein» oder der «Bommerlunder eisgekühlt» sind nicht die idealen Getränke, denn sie entziehen ja dem Körper Wasser, sind also gegen den Durst so effektiv wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Fuss gegen Schmerzen. Wir müssen das auch betonen, weil neuerdings auch wieder Obersäufer Parteichefs werden.
Ja, Herr Kubicki, ich rede von Ihnen.
Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?
Was ist aber nun, wenn Sie richtig viel, also 1 Liter, 2 Liter, 3 Liter getrunken haben? Richtig, das H2O will auch wieder hinaus. Und hier haben wir, wenn wir unterwegs sind, an vielen Orten und in vielen Gemeinden ein Problem: Es gibt keine öffentlichen Toiletten. Die Zeit, in der die Männer überall hinpinkelten (Woyzeck!), ist zum Glück vorbei, die Frauen durften es ja nie, ausser in Versailles, da hoben auch die Frauen ihre Röcke, aber das ist ja ein anderes Kapitel und wir wollen nicht abschweifen.
In Basel sieht es da gar nicht so schlecht aus: Wenn Sie z. B. am Bankverein sind, dann haben Sie Möglichkeiten am Barfüsserplatz, am Aeschenplatz, oder Sie gehen ins Theater ins «Foyer Public», und haben sogar noch das Gefühl, etwas für die Kultur zu tun, auch wenn Sie im Theaterfoyer nur die Klos aufsuchen.
Wenn Sie aber in Solothurn am Bahnhof sind, ist es eine Katastrophe, ich muss ehrlich zugeben, dass ich mir manchmal die Woyzeck-Variante bzw. die Versailles-Variante überlege, man hat dort die Wahl, beim Café Spettacolo teuer etwas zu trinken und dann den Schlüssel für den Keller zu bekommen oder für einen getwinteten Franken in diese unglaublich stinkende Blechbüchse zu gehen. In Basel und Olten kostet es am Bahnhof auch, aber da ist es wenigstens sauber…
Nein, Trinken löst eben Wasserdrang aus, und das ist nicht immer einfach. Schon Thomas Bernhard schreibt 1985 übrigens in «Alte Meister» über das Toilettenproblem im Wiener Musikverein.
Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?
Also, ich gehe jetzt etwas trinken.
Wasser.
Freitag, 19. Juni 2026
Warum stehen alle Sicherheitsleute am Eingang?
- die Drehtüre hinten Richtung Einkaufszentrum
- die Drehtüre vorne beim Kassenbereich
- den «Kinderwagenstreifen» zwischen beiden Kassen
Ich wähle meistens (also nicht meistens, weil… dazu eben unten…) den «Kinderwagenstreifen». Natürlich nicht, wenn mir gerade ein Kinderwagen samt Mama entgegenkommt.
Warum?
Weil es bequemer als die Drehtüren sind. Haben Sie einmal Ihre Sporttasche in so einer Drehtüre verheddert? Ich wünsche es Ihnen nicht.
Ich gehe also durch den Mittelgang, ohne Probleme, mit Schwung und guter Laune, und ich grüsse die Frau an der Kasse, die nichts dagegen hat.
Es sei denn…
Es sei denn…
Es sei denn, die drei Männer der Securitas stehen dort. Das tun sie vor allem an Wochenenden und an heissen Ferientagen. Denn an Wochenenden und an heissen Ferientagen will man anscheinend nicht, dass jemand durch den Kinderwagenmittelgang läuft, also wird das von den drei Muskelprotzen verhindert. An Wochenenden und an heissen Ferientagen gehe ich also brav durch die Drehtür – und passe auf meine Tasche auf…
Natürlich habe ich mir überlegt, was passieren würde, wenn ich versuche, einfach durchzurennen. Was würde geschehen. Einer drei Bodybuilder finge mich ein, er finge mich ein und würde dabei wahrscheinlich nicht gerade sanft vorgehen. Lohnt diese Aktion einen Knochenbruch? Sicher nicht. Schlimmer noch aber wäre, dass diese Aktion, die Aktion «Losrennen – Einfangen – Schlägerei» direkt vor dem Kassenhaus passieren würde, und die Kassiererin müsste reagieren. Sie würde Anita da Ruos holen, und obwohl Anita mich kennt, müsste sie (natürlich!) Partei für ihre Sicherheitsleute ergreifen.
Ergebnis: Badi-Verbot. Anita ist nämlich die Chefin des Gartenbades.
Ein solches Hausverbot käme für mich der Todesstrafe gleich.
Also Drehtür.
Eines allerdings frage ich mich: Warum stehen die drei Nasen am Eingang?
Wir erinnern uns:
Die Sicherheitsleute wurden letztes Jahr eingesetzt, um heiklen Situationen im Gartenbad zu begegnen. Man entschied sich in Basel für diesen Weg, als Alternative zu Badiverbot für alle Ausländer, Hausverbot bei jeder Kleinigkeit, Videoüberwachung, und, und, und. Nun fände ich es aber auch notwendig, dass die Schränke, die Kästen muskelbepackt in der Badi herumlaufen und nicht einfach am Eingang stehen.
Was? Es ist heiss?
Natürlich, natürlich, ab morgen haben wir weit über 30°, vielleicht 36°, vielleicht 37°, eventuell klettert das Thermometer sogar auf satte Vierzig, und selbstverständlich ist es sehr, sehr, sehr schweisstreibend, in engem schwarzen Shirt und langen Hosen in der prallen Sonne herumzulaufen, aber – um es einmal klar zu sagen – das ist der Job.
Das ist denen ihr Job.
Ich stelle mir vor, ich liege auf der Wiese und gerate in Konflikt mit Jugendlichen, die dort Ball spielen. (Das übergrosse Schild LIEGEWIESE – BALL SPIELEN VERBOTEN scheint für diese Teenies unsichtbar zu sein.) Wenn jetzt einer die Faust erhebt, dann finde ich es NICHT beruhigend, dass am Eingang drei Sicherheitsmänner stehen.
Wenn irgendjemand sich am Schloss meiner Kabine zu schaffen macht, dann finde ich es NICHT entspannend, dass alle drei Securitasnasen sich bei der Kasse versammelt haben.
Jungs!
Ich will euch als Streife im Bad. Sonst könnt ihr heimgehen.
Und es wäre klar eine Win-Win-Situation:
Wenn ihr endlich euren Job macht, kann ich auch an Wochenenden und an heissen Ferientagen den Kinderwagenstreifen benutzen.
Dienstag, 16. Juni 2026
Unehrenhafte Entlassung für den S21-Kabelsünder!
Im Film «Latter Days» wird ein junger Mormonenmissionar beim Kuss mit seinem schwulen Wohnungsnachbarn erwischt – und darauf heimgeschickt. Dieses Heimschicken ist für jeden jungen Mormonen das Schrecklichste, was passieren kann, vor allem aber für seine Familie. Denn die Missionsfahrenden sind der ganze Stolz und die ganze Pracht einer Mormonenfamilie. Man kann allerdings aus gesundheitlichen Gründen heimfahren (oder wegen eines Todesfalls), oder eben schandhaft. «I will be sent home in shame!», so gesteht er unter Tränen seinem Nachbarn.
Viele Armeen der Welt kannten und kennen die unehrenhafte Entlassung. Wenn ein Soldat Mist baute, dann konnte man ihm die Uniform ausziehen und ihn zum Teufel jagen. Es sei denn, er hatte desertiert, dann erschoss man ihn. Auch bei Offizieren konnte eine solche unehrenhafte Entlassung greifen, denen riss man dann die Epauletten von der Uniformen – oder sie durften sich selbst erschiessen, man brachte ihnen eine Waffe und liess ihnen zwei Stunden Zeit…
Bei den Managern, die versagen, liegt der Fall ein bisschen anders: Man einigt sich mit ihnen auf die Auflösung ihres Vertrages und zahlt ihnen dafür, dass sie gröbsten Mist gebaut haben, eine hohe Abfindung, jene Millionen, die als «Goldener Fallschirm» bezeichnet werden.
Wie aber nun liegt die Sache bei höheren Beamten?
Nehmen wir mal einen ganz fiktiven Fall: Da ist man am Bauen und stellt fest, dass man jahrelang die falschen Kabel gelegt hat, und zwar über 1000 Kilometer falsche Kabel, Schächte und Kabel passen nicht und der Eröffnungstermin eines Bahnhofes verschiebt sich um weitere (4? 5? 6? 7?) Jahre. Natürlich ist das Ganze fiktiv, so etwas kommt ja nicht vor, aber lassen Sie uns überlegen, was in diesem Fall passieren würde.
Und was passieren sollte.
Und was passiert.
Was passieren sollte:
Alles, was oben beschrieben wurde, miteinander. Der Betreffende (ich schreibe männlich, weil ich mich nicht vorstellen kann, dass eine Frau so schludert, aber man weiss ja nicht…) sollte heimgeschickt werden, wobei «home» hier Salt Lake City meint, die Mormonenmetropole, und für jeden normalen Menschen ist ein Leben in Salt Lake City die Höchststrafe. Man sollte ihm die Epauletten abreissen und ihn zum Teufel schicken.
Ohne Gehalt.
Ohne Abfindung.
Ohne Pension.
Vielleicht sollte man doch auch die Methode des «Ehrenvollen Suizids» erwägen; man könnte ja hier eine gewissen kulturelle Breite anbieten, von der in der Schatulle gelieferten Knarre wie bei Schnitzler bis zum japanischen Kultselbstmord, dem Seppuku. Aber auch Erhängen oder Vergiften wären möglich.
Was passieren wird:
Man wird einen Schuldigen suchen und ihn nicht finden. Die Verantwortung wird von oben nach unten und wieder von unten nach oben und wieder von oben nach unten und wieder von unten nach oben, von oben nach unten, von unten nach oben geschoben werden und es wird nichts geschehen.
Denn während des Hin-und-her-Schiebens wird Gras über die Sache wachsen.
Mehr Gras.
Viel Gras.
Und irgendwann hat man andere Sorgen.
Vielleicht passiert aber auch das: Ein Minister, ein Präsident, ein hoher Beamter tritt von seinem Amt zurück und erhält bis zum Lebensende seine fette Pension. Der «monatliche Silberfallschirm» ist die Beamtenvariante des «Goldenen Fallschirms».
Ich habe – das haben Sie gemerkt – zum Indikativ gewechselt. Denn das Furchtbare ist ja, dass die Kabelgeschichte NICHT fiktiv ist.
Und dass ich inzwischen nicht mehr glaube, Stuttgart was-auch-immer-Zahl noch zu erleben.
Und auch dieses Jahr plane ich meine Reise nach Stuttgart so, dass ich NIE mit dem HBF in Berührung komme.
Freitag, 12. Juni 2026
Sind Sie ein Versteher?
Junge Menschen werden Horst Herold nicht mehr kennen. Horst Herold war in den Zeiten der RAF Chef des BKAs, also des Bundeskriminalamtes, er war sozusagen der Gegenspieler von Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe und den vielen weiteren. Herold versuchte in seiner Amtszeit, stets die Ursachen der totalen Radikalisierung einer zunächst friedlichen Linken zu finden. Herold sah die RAF als «Entmischungsprodukt» der Studentenbewegung. Er verstand, dass die politischen Unruhen der späten 1960er Jahre, der Vietnamkrieg und die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit der Eliten den ideologischen Nährboden für den Linksterrorismus bildeten.
Und genau das hat man ihm immer vorgeworfen.
Man warf ihm vor, sich mit Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe und den vielen weiteren ein Stück weit zu solidarisieren. Ausgerechnet ihm, der Meinhof und Baader und Mohnhaupt und so viele weitere zur Strecke gebracht hat.
Es gab das Wort nicht, aber heutzutage würde man ihn als «RAF-Versteher» bezeichnen.
Es gibt eine Liste, die Synonyme für «Weichei», also «schwacher, unmännlicher und untougher Mann» zusammenfasst:
Warmduscher
Schattenparkierer
Turnbeutelvergesser
Beckenrandschwimmer
Badekappenträger
Schiffschaukelbremser
…
Frauenversteher
Inzwischen ist «Putin-Versteher», «Trump-Versteher», «AfD-Versteher», «Russland-Versteher» ja zum schlimmsten Wort, geworden, dass man jemand sagen kann. Denn es wird ja stets mit der totalen Zustimmung gleichgesetzt. Ein «Putin-Versteher» finde die Bombardierung der Ukraine OK, ein «Trump-Versteher» unterstütze eine fatale Politik, ein «AfD-Versteher» wählt auch diese Partei. Und (leider) ist das ja auch häufig so. Aber vielleicht nicht IMMER. Es MUSS nicht sein.
Seit wann und warum ist «-versteher» eigentlich zum Schimpfwort geworden? Ich weiss es nicht.
Etwas Verstehen zu wollen, ist zunächst eine gute Sache. Und gerade wenn man etwas bekämpfen will, dann ist ein komplettes Verstehen doch unerlässlich.
Ich erwarte von einem Arzt, der mich behandelt, dass er die Krankheit versteht, wenn nicht, ist er ein Kurpfuscher und kein Mediziner.
Ich erwarte von einem Kammerjäger, dass er versteht, wie sich Schaben, Motten, Wanzen, Kakerlaken, Läuse und Flöhe verhalten, wie könnte er sonst gegen Schaben, Motten, Wanzen, Kakerlaken, Läuse und Flöhe vorgehen?
Ich erwarte von einem Experten für IT-Sicherheit, dass er Hacker versteht (vielleicht sogar selbst einmal einer war?).
Wir hatten es oben vom Kriminalisten Herold. Ein noch schöneres Beispiel liefert der fiktive Laienkriminalist Father Brown bei G. Chesterton. Er versetzt sich so sehr in die Lage des Möders, dass er quasi den Mord dann selbst begeht. Father Brown sagt, dass es nur die Gnade Gottes ist, in dem Moment, in der Sekunde, in dem Augenblick, in dem wir den anderen töten wollen, keine Waffe zu haben.
Brown sagt:
I am a man, and all men are men: therefore, all men are brothers and sisters; therefore, all men are my enemies. And I have committed all the crimes myself.
Hören wir doch auf, den -versteher zu demütigen. Verständnis ist immer etwas Gutes. Was wir dann daraus machen, ist eine ganz andere Sache.
Dienstag, 9. Juni 2026
Arbeiten Sie gerne?
Als ich mit 18 Jahren meinen Zivildienst im «Sonnenhof e. V:» in Schwäbisch Hall, einem Heim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche antrat (ich wähle bewusst die Sprechweise von damals), bekam ich alle Bewunderung meiner Umgebung: Wie ich das nur machen kann, all das Leid und das Unglück, so eine schwere Aufgabe, usw., usw.
Tatsächlich war es natürlich ganz anders. Ich verbrachte in Schwäbisch Hall zwei wunderbare Jahre und hatte viel Freude bei der Arbeit; mangelnde Intelligenz – man muss das so direkt sagen – tut nämlich nicht weh.
In Zivi-Sitzungen parodierten wir manchmal die Meinung der Aussenstehenden. Gab es viele Neue, machten wir eine Vorstellungsrunde, in der mindestens einer sagte «Ich bin der XY und ich arbeite im Sonnenhof mit geistig behinderten Kindern», worauf mindestens einer antwortete: «Ist das nicht sehr, sehr, sehr schwer?»
Dass ich für meine Arbeit Geld bekam, fanden alle Menschen OK. Meinen Sold konnte ich ganz für mich behalten, da ich Logis hatte und vollverpflegt war, zudem wurde in den Schulferien das «Hausschlafen» (Nachtbereitschaft) bezahlt. Niemand fand das übertrieben.
Wenn ich erzähle, dass ich mit meinen Jungs am Theater Basel an Produktionen wie «La Bohème» oder «Turandot» oder «Carmen» beteiligt bin, bekomme ich keine mitleidige Bewunderung, ich bekomme vor allem Neid und begeistertes Mitfühlen: So eine schöne Arbeit, Eintauchen in die Welt der Kunst, diese schöne Musik und überhaupt…
Niemand, der so redet, hat jemals die Spannung und Hektik, die Anstrengung und Nervosität, den totalen und absoluten Stress am Theater vor einer Generalprobe erlebt. Es ist ein Wunder, dass es da keine Tote gibt. Das gilt nun für alle Beteiligten, bei mir kommt hinzu, dass ich mit 20 Kindern dort bin.
Wenn ich nun Menschen erzähle, dass ich pro Probe und Vorstellung ein Extrahonorar erhalte, sind sie fassungslos: «Aber du machst das doch gerne?» «Das ist doch so eine künstlerische Arbeit?» «So schöne Musik und dann Kohle?»
Warum sind wir so unfair in der Beurteilung von Arbeit und Bezahlung? Zwei Maximen scheinen sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben zu haben:
Erstens
Ob deine Arbeit anstrengend und stressig ist, oder schön und genussvoll, entscheidest nicht DU, das entscheidet die ALLGEMEINHEIT nach einer strengen Tabelle. Kunst ist schön und genussvoll, Pflege ist anstrengend und stressig, Büroarbeit ist Faulenzen, Handwerk ist härteste Arbeit usw., usw.
Zweitens
Arbeit, die du gerne machst, die dir Befriedigung und Freude verschafft, Arbeit, die du als schön und genussvoll empfindest, sollte schlecht oder nicht bezahlt werden.
Das bringt die Gesellschaft in eine komische Spirale: Wir brauchen dringend Arbeitskräfte, für Handwerk und Bau, für Pflege und Spital, für alle möglichen Bereiche, wir haben zu wenig Menchen, die Zwiebeln schneiden und zu wenig, die Betten machen, wir haben zu wenig, die die Hecken schneiden und zu wenig, die die Strassen teeren. Aber wehe!
Wehe!
Wehe!
Wehe, wenn man Menschen findet, die gerne Zwiebeln schneiden, die gerne Betten machen, die gerne Hecken schneiden und gerne Strassen teeren. Die stehen ja dann im Verdacht, ihren Lohn ganz umsonst zu bekommen.
Also werden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ständig am Jammern sein. («Die Zwiebeln brennen SO in den Augen.», «Mein Rücken!», «Die Hecken zerstören meine Hände mit ihren Dornen.», «Heisser Teer bei 40°!») Das Jammern macht sie dann krank und dann fehlen wieder Arbeitskräfte…
Ausserdem bringt die ganze Jammerei die Gesellschaft in so ein Null-Bock-Stimmung – die Stimmung, die wir in der BRD gerade haben.
Wir müssen vielleicht zwei neue Maximen erfinden:
Erstens
Jede Arbeit hat unseren Respekt verdient. Wenn sie völlig unnötig, überflüssig redundant und blödsinnig ist, dann schaffen wir sie ab und überlassen sie den Robotern.
Zweitens
Jede Arbeit hat ihren Lohn verdient, und wenn jemand gerne arbeitet, zahlen wir ihr oder ihm nicht weniger.
In diesem Sinne: An die Arbeit, Leute!
Freitag, 5. Juni 2026
Kubicki, der Wolf im Schafspelz (das Sousaphon im Streichorchester)
Es gibt Menschen, die sind im falschen Club.
Im Film «Take the Money and Run» (auf Deutsch «Woody, der Unglücksrabe») ist der Protagonist Mitspieler in einer Marching Band. Allerdings mit dem blödesten Instrument, dem Cello. Und so sieht man Woody, wie er sich stets hinsetzt, um zu spielen, dann aber ist die Kapelle schon viel weitergelaufen, er nimmt Cello und Stuhl und läuft ihnen hinterher, holt sie ein, nimmt wieder Platz… Dieser Vorgang wiederholt sich nun etliche Male. Weil eben ein Cello kein Instrument ist, das in eine Marschmusik gehört.
Es gibt Menschen, die sind im falschen Club.
Man könnte hier grosse und lange Listen erstellen.
Von Leuten, die Bewegung und Austoben bräuchten, und die dann in einen Schachverein gehen. Und dort nicht stillsitzen können.
Von Leuten, die denken in einem Lesezirkel kämen sie endlich zum Lesen (oder noch besser: es würde ihnen vorgelesen) und die dann feststellen müssen, dass alle die Bücher VORHER gelesen haben.
Von Leuten, die unbedingt Synchronschwimmen machen wollen, aber eine Chlorallergie haben UND auch rechts und links nicht unterscheiden können.
Und so weiter.
Und so weiter.
Es gibt Menschen, die sind im falschen Club.
Aber: Es gibt auch Menschen, die sind in der falschen Partei.
Ich habe über das Thema im März geschrieben, als Özdemir gewählt wurde:
Özdemir ist ein lustiger Kerl. Er ist eigentlich Grüner, aber irgendwie doch nicht. Er hat für die Grünen die Wahl gewonnen, indem er sich maximal von ihnen distanzierte. Damit ist er ein treuer Nachfolger von Kretschmann, der ja irgendwie auch so war.
Menschen, die im Grunde genommen in der falschen Partei sind. Man könnte sie – je nachdem ob man für oder gegen diese Partei ist – als «Wölfe im Schafspelz» oder «Schafe im Wolfspelz» bezeichnen.
Die Schafswölfe / Wolfsschafe haben eine lange Tradition. Immer wieder gab es so Gestalten, die einfach in der falschen Partei waren.
Helmut Schmidt zum Beispiel. Ein SPDler, der aber eine völlig konservative und aufrüstende Politik machte. Ich weiss von vielen CDUlern (u.a. meine Eltern), die ständig sagten: So ein toller Hecht, und wir würden ihn wählen, wenn er nicht in der falschen Partei wäre.
…
Ja, und dann war da noch der Mittellehrer in der grössten Baselbieter Gemeinde, der für die Grünen im Landrat sass, aber keinen einzigen Tag mal mit dem ÖV in die Schule kam…
Nun haben wir wieder so einen Kerl, einen Typ, der aber klar kein «Schaf im Wolfspelz» sondern ein «Wolf im Schafspelz» ist:
Wolfgang Kubicki.
Während ein Kretschmann eigentlich in die CDU gehörte und eine Süssmuth in die SPD und ein Wehner in die DKP, ist dieser Herr nun nichts anderes als ein verkappter AfDler. Wolfi ist Klimaschutzgegner, Impfskeptiker, Brandmauer-Feind, Anti-Woke usw., usw., usw.
Weidel und Chrupalla haben die Wahl auch ausdrücklich begrüsst.
Es gibt Menschen, die sind in der falschen Partei.
Kubicki ist – um im Beispiel von oben zu bleiben – das Sousaphon in einem Streichorchester. Aber während Woody der Marching Band ja nicht schadet, gar nicht schadet, überhaupt nicht schadet (er kommt ja nie dazu, auch nur einen Ton zu spielen), kann ein lautes Blech in einem ppppp-Stück wie zum Beispiel «Åses Tod» alles, alles kaputtmachen.
Wir sind gespannt, wohin Wolfi die FDP führt.
Auf jeden Fall in die falsche Richtung.
Dienstag, 2. Juni 2026
Shonagonnen 3: Was wir uns viel geiler vorgestellt haben
Ich habe vor sechs Jahren mit dem Post «Ich werde Kopfkissenbuchschreiber» eigentlich eine Reihe von Posts im Stile der Hofdame Shōnagon beginnen wollen.
Sie erinnern sich:
Das Kopfkissenbuch (auch: „Kopfkissenhefte“) (jap. 枕草子, Makura no Sōshi) der Dame Sei Shōnagon ist eines der frühesten und zugleich bedeutendsten literarischen Prosawerke der japanischen Literatur. Es entstand um das Jahr 1000 n. Chr. und gehört zu der Heian-Periode.
Es ist eine Art Tagebuch, geschrieben von Sei Shōnagon, die der Kaiserin als Hofdame diente und eine freundschaftliche Beziehung zu ihr entwickelte.
Der Name des Werks wird auf die Aufbewahrung der Aufzeichnungen in einem hohlen Kopfkissen (枕) aus Porzellan zurückgeführt. Das Kopfkissenbuch besteht aus 320 meist kurzen Einträgen zu verschiedenen Themen des Alltags am kaiserlichen Hof und bildet so eine Sammlung scharfsinniger Beobachtungen, verschiedener Anekdoten, Aufzählungen von Dingen und sehr direkter, offener Meinungen sowie Eindrücke und Gefühle.
(Quelle: Wikipedia)
Mich faszinieren seit jeher die Aufzählungen der Dame, die sie unter Stichworten wie «Schöne Dinge» oder «Dinge, vor denen man Angst hat» aufschrieb.
Bertold Brecht hat in seinem Gedicht «Vergnügungen» (1954) sich auch klar an diesen Shōnagon-Aufzählungen orientiert:
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
Ich war bei den Posts 2020 nicht konsequent, ich habe zwar aufgezählt, aber dann doch wieder längere Abschnitte geschrieben.
Dieses Mal (diese Male – es wird jetzt hoffentlich Tradition) werde ich ganz stur pro Punkt nur eine Zeile brauchen.
Und, bevor wir starten, es sei noch gesagt, dass ich die ersten beiden Zeilen ( die auch die letzten beiden sind) Till Reiners verdanke, der hier das Thema «Friedrich Merz» wunderbar auf den Punkt brachte.
Nun aber:
Dinge, die wir uns viel geiler vorgestellt haben
Sex unter der Dusche
Bundeskanzler sein
Shopping im Mega-Outlet
eine echte Sachertorte
Hammer-Looksmaxxing
Austern
Kaviar
am Gala-Diner mit King Charles teilnehmen
FDP-Vorsitz
Filme mit 4 Oscar-Preisträgern
«Die Holländerinnen»
Mini Pralinés von Lindt
Bungee Jumping
den Äquator zu überfliegen
Sex unter der Dusche
Bundeskanzler sein
Freitag, 29. Mai 2026
Ich traf ins Schwarze: Die beiden Pallas sind Cousinen
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Ich hatte im September 2025 im Post «Liebe Frau Palla» geschrieben:
Ich war ja bei Ihrer Er-Nennung, also bei der Nennung Ihres Namens angenehm überrascht. Nicht weil ich Sie kenne, sondern weil ich jemand anderes kenne, der so heisst, eigentlich die so heisst. Das ist nun nicht ungewöhnlich, wenn man Menschen mag, die «Mulisch» heissen, dann sind zunächst einmal alle «Mulisch» positiv belegt, und wenn man «Hobler» mag, dann ist jede und jeder «Hobler» zunächst für einen eine Gute, ein Guter. Am Beginn seines wunderbaren Dramas lässt Lessing den Prinzen einer Emilia Bruneschi einen Riesenwunsch erfüllen, nur weil sie Emilia heisst, eine andere Emilia, nämlich die Titelfigur des Stückes, Emilia Galotti, ist das wahre Ziel seiner Begierde…
Und ich kenne nun eine herrliche Künstlerin, die aus dem Bündnerland stammt und in Zürich wohnt und arbeitet, Ursula Palla, zunächst Videokünstlerin, nun arbeitet sie mit filigranster Bronze. Vielleicht sind Sie sogar verwandt, immerhin stammen Sie aus Südtirol und «Palla» könnte ja sowohl im Rätoromanischen als auch im Ladinischen heimisch sein, aber das müsste man genauer recherchieren.
Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Es hat sich nämlich nun herausgestellt, dass die beiden Damen echt verwandt sind. Und zwar nicht um 18 Ecken, wie man sagt oder so, wie alle Rothschilds oder Kennedys oder so, wie alle Thurn und Taxis oder alle Krupps verwandt sind, sondern ganz, ganz, ganz nah.
Sie sind Kusinen.
Für die Schweizer: Cousinen.
Ersten Grades.
Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Nein.
Nein.
Das ist sogar falsch: Ich treffe sehr häufig ins Schwarze.
Manchmal ist das Schwarze auch ein Wespennest, so habe ich immer wieder Musikerinnen und Musiker gefragt, warum sie nicht … obwohl sie doch … oder weil sie … und bekam immer einen Schwall von Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger um die Ohren geschrien. Und als sich Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger gelegt hatten, fanden wir dann doch Lösungen.
Da war die semiprofessionell Blockflöte spielende Kindergärtnerin, die ich fragte, warum sie nicht Musikalische Früherziehung studiert.
Da war die Stimmbildnerin, die ich nach einer wunderschönen Mozartmesse fragte, warum sie nicht mehr singt. («mehr» betont)
Da war die Kontrabassistin, die auch Barockoboe studiert hatte und in nicht-historischen Orchestern Bach dudelte und die ich fragte, warum sie auf Violone umsteigt.
Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Und dann eine Lösung.
Wer übrigens auch meistens ins Schwarze trifft, sind die Wirtschaftsweisen – man gestatte mir den kleinen Gedankensprung – die ja auf gewisse Dinge schon seit 15 Jahren hinweisen. Man müsste auf diese Schwarztreffer – sie sind eben «Schwarztreffer» und keine «Schwarzseher» – jetzt nur noch hören…
Und nicht: Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger. Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Manchmal treffe ich voll ins Schwarze:
Die beiden Damen Palla sind Kusinen.
(Cousinen)
Dienstag, 26. Mai 2026
Reiche leiden weniger unter den Krisen, also: Reich werden
Wir machen am Anfang ein kleines Quiz über das aktuelle Deutschland:
A) Wen trifft die Irankrieg-Energiekrise am meisten?
B) Wen trifft die Behebung des Defizits in den Krankenversicherungen am meisten?
C) Wen trifft die Rentenproblematik am meisten?
D) Wen treffen die hohen Mieten am meisten?
Denken Sie nach und lesen Sie dann weiter.
Die Antworten sind:
A) Menschen mit geringem Einkommen.
B) Menschen mit geringem Einkommen.
C) Menschen mit geringem Einkommen.
D) Menschen mit geringem Einkommen.
Wie lange mussten Sie nachdenken? 10 Sekunden? 1 Minute? 10 Minuten?
ZEHN MINUTEN?
Dabei liegt es doch klar auf der Hand.
Ich will ein bisschen aus der eigenen Schule plaudern. Vor ca. 15 Jahren war ich unverschuldet in einer finanziell recht schwierigen Situation. Damals hatte ich ein Monatsbudget, das bis auf den Rappen ausgerechnet war.
Hätte damals das Generalabonnement ODER die Miete ODER die Krankenversicherung um 50 Franken zugelegt, wäre es eng geworden, aber durch Streichung gewisser Dinge (kein Kaffee mehr auswärts, die alte Jeans doch flicken usw.) doch zu stemmen gewesen.
Hätte damals das Generalabonnement UND die Miete UND die Krankenversicherung um je 50 Franken zugelegt, hätte ich Konkurs angemeldet.
Zum Glück passierte das nicht, aber ich kann mich in Menschen hineinversetzen, die sich fragen, ob am Wochenende Essen noch drin ist…
Man fragt sich aber nun, ob die deutsche Bundesregierung diese Empathie noch besitzt.
Es gibt – um dem Ganzen nun eine positive Wendung zu geben – also nur eine Lösung: Werdet reich!
In der Küche der ehemaligen WG meines besten Freundes hingen viele Postkarten an der Wand, darunter war eine mit der unglaublichen Sentenz:
VIEL GELD MACHT EINFACH REICHER.
Das ist doch grossartig. Besser kann man es nicht ausdrücken.
Wie wird man nun reich? Und somit in die Lage versetzt, dass einem die Punkte A), B), C) und D) nichts mehr ausmachen?
Auch hier gibt es wieder vier Punkte, benennen wir sie mit vier kleinen Buchstaben
a) Heirat: Nehmen Sie Abstand von der grossen Liebe, von Romantik und Träumen und so, heiraten Sie nicht Wärme und Schönheit, sondern Geld. «Geld gesucht, Mann/Frau kein Hindernis» Zuschriften unter Chiffre 3475dge78 – das ist die Anzeige der Zukunft.
b) Erbschaft: Wesentlich schwieriger, weil man ja Vater und Mutter und Tante und Onkel sich nicht einfach im Internet aussuchen kann. Wenn aber, ja wenn Sie noch über eine Tante, Grosstante, Urgrosstante oder Onkel, Grossonkel, Urgrossonkel verfügen, die oder den Sie lange nicht besucht haben, dann, ja dann schleunigst hin! Jeden Tag sich um die Person kümmern, bevor es UNICEF®, Save the Children®, der WWF® oder wie die Erbschleicher alle heissen, tun…
c) Lottogewinn: Sehr schön, um reich zu werden, nur sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Macht aber nix, trotzdem versuchen, schliesslich HABEN ja schon Leute gewonnen.
d) Kriminalität: Kriminell zu werden ist die einzige sichere Methode um wirklich reich zu werden. Leider. Aber wenn Sie erst einmal Ihre unnötigen Skrupel beiseite geräumt haben, dann stehen Ihnen alle
Möglichkeiten offen, von A wie Autodiebstahl bis Z wie Zuhälterei gibt es eine Riesenpalette um sich auszutoben.
Also immer daran denken: VIEL GELD...
VIEL GELD MACHT EINFACH REICHER.
Freitag, 22. Mai 2026
Warum gibt es in den Innenstädten keine Schnürsenkel?
Dinge, die selten sind, Spezialbedarf und Spezialistenzeug.
Dinge, die peinlich sind, oder die Läden, die sie verkaufen.
Dinge, die gross und sperrig sind.
Zu den ersten gehören solche Sachen wie Anglerausrüstung, Werkzeuge und Musiknoten.
Wenn Sie zum Beispiel an die Aare fischen gehen wollen und haben alle ihre Köder vergessen, dann wird es schwierig sein, beim Umsteigen in Bern einen Laden zu finden, der diese komischen fliegenartigen Häklein verkauft.
Wenn Sie einen Spezialschrauber brauchen, der Ihnen die Herdabdeckung lüpft, werden Sie selbst in Zürcher Innenstadt eine Weile herumrennen müssen, um einen solchen Herdabdeckungslüpferspezialschrauber zu finden.
Und wenn Sie in St. Gallen die Spaurmesse dirigieren sollen und haben Ihre Partitur vergessen, dann werden Sie vielleicht keinen Notenhandel auftreiben, der die Missa KV 258 vorrätig hat. (Nur in Stuttgart kennen ich ein Notengeschäft, das alle – ich betone: ALLE – Eulenburg-Studienpartituren da hat…)
Hier hat der Online-Handel alle Spezialgeschäfte aus den Innenstädten vertrieben.
Zum zweiten gehören Dildos und S/M-Bedarf.
Natürlich, natürlich, es hat in Bern, Zürich und St. Gallen Sexshops, aber wissen Sie, wo die sind? Und trauen Sie sich danach zu fragen: «Entschuldigen Sie, Sie sehen aus wie ein Einheimischer, wo ist hier denn der nächste Sexshop?» Und wenn es die eigene Stadt ist, möchte man ja nicht unbedingt gesehen werden.
Zwei Dinge, die die Peinlichkeit verloren haben – dieser kleine Exkurs sei mir gestattet – sind übrigens Kondome und Klopapier. Präservative werden inzwischen in jedem Drogeriemarkt ins Regal gelegt, und das ist gut so, es sind in den 50er Jahren noch junge Frauen schwanger geworden, weil man (Mann) es nicht übers Herz brachte, beim Drogisten nach Kondomen zu fragen. WC-Papier kann jeder Mensch inzwischen ungeniert nach Hause tragen, offen! Ging früher nicht, selbst die Klorolle im Auto verbarg man unter einem Häkelhütchen – was doof war, denn jeder wusste ja, was sich unter dem Häkelhut befand. Die WC-Papier-Peinlichkeit ist übrigens total unverständlich, denn jeder Mensch muss ja, und jeder braucht Klopapier.
Grosse Dinge wie LKWs, 60 Mensch-Zelte, Granitblöcke und Gartenhäuser bekommen Sie nicht in den Innenstädten. Nicht in der Berner Innenstadt. Nicht in der Zürcher Innenstadt. Weil man einen LKW nicht aus der Fussgängerzone herausbekommt. Genauso wenig wie 60 Mensch-Zelte, Granitblöcke und Gartenhäuser.
Was aber ist das Problem mit Schnürsenkeln? (oder für die Eidgenossen: Schuhbändeln)
Sie sind nicht selten. Kein Spezialbedarf.
Sie sind nicht peinlich.
Sie sind nicht gross und sperrig.
Vor sechs Wochen riss mir um die Mittagszeit der Schnürsenkel. Damals bin ich zwei Stunden in der Basler Innenstadt herumgerannt um einen neuen zu finden.
MIGROS: Fehlanzeige
COOP: Fehlanzeige
Alle Kaufhäuser: Fehlanzeige.
Sämtliche Schuhläden: Natürlich vorrätig, aber als Ersatz beim Kauf von Luxusschuhen ab 600 Franken.
Sämtliche Sportgeschäfte: Natürlich vorrätig, aber als Ersatz beim Kauf von Luxussneakers ab 700 Franken.
Bis ich dann meine geheime Spezialadresse fand…
Was ist das Problem mit Schnürsenkeln? (Schuhbändeln)
Fast jeder Mensch trägt welche mit sich herum, und kommt dann in eine bescheuerte Situation, wenn diese reissen. Und sie reissen immer im dümmsten Moment. Sie sind auch nicht gefährlich, natürlich, man könnte jemand damit erwürgen, ich habe allerdings noch nie von einem solchen Mord gehört…
Nein.
Ich verstehe das nicht. Zumal MIGROS und COOP eine Menge Mist anbieten, den man akut nun wirklich nicht braucht. (Duftkerzen und so…)
Ach so,
Sie wollen meine Spezialadresse? Weil ihre Schnürsenkel (Schuhbändel) auch schon sehr dünn sind?
So sehen Sie aus.
Die bleibt geheim. Sonst kaufen Sie mir alles weg und ich habe das Nachsehen.