Dienstag, 19. Mai 2026

Quarterlife? Noch eine Krise?

Ich habe neulich ja schon geschildert, dass ich ein treuer SWR-Hörer bin. Und neben diversen anderen Sendungen ist auch «Das Wissen» in meiner Hitliste. (Leider kann ich nur in den Ferien und am Wochenende um 8.30 Radio hören.) Am letzten Samstag war die Arbeitssuche von Mitte 20-jährigen das Thema, eine Arbeitssuche, die sich immer schwieriger gestaltet. In dieser Sendung tauchte nun der Begriff der «Quarterlife Crisis» auf. Und eben dieser Begriff machte mich stutzig.

Was sagt Google zu diesem Thema?
Die Quarterlife-Crisis ist eine Sinn- und Orientierungskrise, die häufig im Alter zwischen 20 und Mitte 30 auftritt. Betroffene hinterfragen ihr Selbstbild, ihre Karriere und Lebensentscheidungen tiefgreifend. Ausgelöst wird sie oft durch den Druck, den Erwartungen des Erwachsenenlebens gerecht zu werden und sich in einer Welt unendlicher Möglichkeiten zurechtzufinden.

Ach du liebe Zeit.
Bisher hatte ich geglaubt, das Leben habe vier Krisen für uns parat:
Die Trotzphase.
Die Pubertät.
Die Midlife Crisis.
Den Altersstarrsinn (auch als «Endlife Crisis» tituliert).
Zwischen der Pubertät und der Mittellebenskrise – so dachte ich – sind mal eben 20 Jahre Ruhe, oder noch mehr.

Wie viele Krisen werden denn nun noch auftauchen? Zwischen 30 und 50 klafft ja nun immer noch ein grosses Loch.
Wobei: Wer mit 20 schon seine Kinder in die Welt setzt, gerade bei Menschen, die eine ordentliche Berufsausbildung machen, kann das ja gut sein, der leidet dann mit 40 eventuell schon am «Empty Nest Syndrom», also an der Verzweiflung und Leere, die eintritt, wenn die Kinder das warme und gemütliche Zuhause verlassen.
Wer nun aber mit 20 Familie macht, der hat sicher keine Quarterlife Crisis, das ist nämlich – lassen Sie uns das mal ganz hässlich sagen – ein Scheiss-Akademiker-Problem. Wer nun ordentlich quarterlifekriselt, und dann erst mit 30 Kinder in die Welt setzt, der hat erst mit 50 sein Empty Nest, und das fällt dann mit der Midlife Crisis zusammen.

Anders formuliert:
Wir schaffen es gar nicht, sämtliche Krisen anzulaufen, die uns das Leben in seiner reichen Fülle parat hält.
Ich habe ja eh eine Theorie, die allerdings psychologisch nicht erforscht und nicht abgestützt ist: Die Summe aller Krisen ist immer gleich. Wer also (nach der Herter-These) ausgiebig trotzt, bei dem ist die Pubertät nicht schlimm, wer richtig wild pubertiert, da ist dann die Midlife milder, und wer bis zum 80. Lebensjahr noch gar nie gekriselt hat, da kommt dann ein böser, hartnäckiger und gemeiner Altersstarrsinn.

Aber habe ich jetzt nicht von etwas vergessen?
Das Geburtstrauma! Natürlich.
Und den Tod.
Wir kommen ja schon in einer Riesenkatastrophe auf die Welt und verabschieden uns auch in einem nicht ganz unproblematischen Prozess…
Und dann ist mit 65 auch noch eine ganz schlimme Zeit, man hört auf zu Arbeiten und fällt in ein Riesenloch – es sei denn, man hat so viel Geld, dass man die ersten 5 Jahre der Rente komplett auf Kreuzfahrtschiffen verbringen kann und beim Kapitänsdinner den Köchen zuschauen kann, wie sie die Torten mit Wunderkerzen bringen. (…da-da-dada-daaaa-da-da-dada-daaaa…, ja, ich habe zu viel «Traumschiff» geschaut…)

Was bleibt eigentlich übrig?
Fast nichts.
Ich schlage deshalb den Psychologen vor, nicht mehr die Krisenzeiten zu benennen, die ja unser Leben total bestimmen, sondern die Stabilitätszeiten. Sind viel weniger und deshalb auch klarer zu definieren.

Das Schöne ist: Ich selbst befinde mich – wenn alle Rechnungen stimmen – zurzeit in einer solchen Stability Time, die Midlife Crisis ist hinter mir, und die Rente kommt noch. Ausserdem habe ich mit 4 dermassen getrotzt, mit Auf-den-Boden-werfen und Herumschreien und literweise Tränen, dass danach sowieso nix mehr kam, so kam ich ja auf meine Theorie.

In welcher Stability befinden Sie sich gerade?
Aber egal, seien Sie getrost:
Die nächste Krise kommt bestimmt.









Freitag, 15. Mai 2026

Ganz genau hinsehen...

Wir unterhalten uns über eine Folge des Verbrauchermagazins «Kassensturz», in der eine Masche gezeigt wurde, mit der Betrüger Menschen, die einen Ungezieferbefall hatten, gnadenlos abzockten – indem sie ihren Schrecken ausnützten. «Kann mir nicht passieren», meint mein Bekannter Roman, «ich sehe immer genau hin.»

Genau hinsehen. Gute Sache.

In einem anderen Gespräch dreht es sich um «Abschreiben während des Tests», Lehrerinnen und Lehrer unter sich. Wir alle mussten zugeben, dass wir beim Korrigieren immer wieder einmal ziemlich merkwürdige Übereinstimmungen feststellen mussten, A hatte von B «abgekupfert». Wir alle – ausser Helga. Helga gibt an, dass bei ihr noch niemals, nie, zu keiner Zeit und bei keiner Gelegenheit jemand abgeschrieben hätte. «Ich sehe immer genau hin.»

Gute Sache. Genau hinsehen.

Horst, ein Mediziner, den ich bei einer Vernissage treffe, rät mir (sollte man bei Vernissagen nicht über Kunst reden – und dort hinsehen?), ich sollte bei ihm mehrere Vorsorgeuntersuchungen machen. Eine dieser Vorsorgen ist ein Hautkrebsscreening, das er speziell entwickelt hat. Horst kann auch kleine Melanome (<0,0001mm) erkennen und damit sehr früh handeln. Wie er das macht? Er sieht angeblich genau hin.

Genau hinsehen. Gute Sache.
Ich frage mich allerdings: Wie wollen die Leute das machen?

Wie geht Roman auf Ungezieferjagd? Rückt er sämtliche Möbel von der Wand und schraubt die Lamperien ab? Forscht er in den Teppichritzen und kratzt an den Tapeten? Es ist praktisch unmöglich, eine einzelne Wanze zu finden, aber hat man nur eine irgendwie eingeschleppt, ist man verseucht. Dass Ungeziefer sich nur in «Drecklöchern» findet, ist ein Märchen, das jeder Kammerjäger dir widerlegt.

Wie kann sich Helga sich ihrer Sache so sicher sein? Seit es Klassenarbeiten gibt, wird abgeschrieben. Und wenn ein Jüngelchen den Spickzettel auf dem Oberschenkel unter seinen Shorts hat, kann sie den zwar entdecken und konfiszieren – ihre Stelle ist sie los. Sie wird sich dann fragen, ob es nicht vernünftiger ist, sich zu 100% neben ihn zu stellen, dann aber kupfern alle andern ab.

Horst Screening ist unschlagbar, allerdings schafft er mit seiner High-Tech-Super-Hyper-Lupe nur 3cm2 in der Minute. Man kann sich ausrechnen, wie lange eine Untersuchung bei ihm dauert und – das ist ja auch immer wieder das Thema! – was es kostet.

An die drei Menschen, an Roman, Helga und Horst muss ich denken, wenn ich lese, dass Politikerinnen und Politiker, dass Ministerinnen und Minister irgendwo «genau hinsehen».
So zum Beispiel die Sache mit dem Tankrabatt:

Ministerin Reiche betonte, dass die befristete Senkung der Energiesteuer (16,7 Cent pro Liter auf Diesel und Benzin bis Ende Juni 2026) zwingend an die Verbraucher weitergegeben werden müsse. Sie erwarte, dass das Bundeskartellamt die Weitergabe genau überwache, und drohte bei nicht erfolgter Entlastung mit Maßnahmen.

Man will also genau hinsehen, was da läuft. Die Frage ist – wie bei den Beispielen oben – wie man das anstellen will. Deutschland hat 14000 Tankstellen. Wird das Kartellamt überall vorbeilaufen? Oder Frau Reiche selber? Und was macht man, wenn der Betreiber, versichert, schwört, beteuert und bekräftigt, er habe unendliche Vorräte, die schon VOR der Steuersenkung eingekauft wurden? Geht man dann ins Büro und schaut die Bücher an?
Nein.
Man kann vereinfacht sagen, jede Regelung, bei der man GANZ GENAU hinsehen muss, ob sich überhaupt jemand dran hält, ist Murks.

So.
Jetzt gehe ich in die Küche und werde einen Kuchen backen. Butter verflüssigen, Eier trennen, Mehl…
Nein, ich muss mein Mehl nicht sieben. Ich schaue immer ganz genau hin, ob da Klümpchen sind.

Dienstag, 12. Mai 2026

Die Huren-, Wein- und Lärmsteuer in Bullhausen (eine Geschichte aus dem Mittelalter)

Mitte des 16. Jahrhunderts herrschten – so geht die Sage – im Städtchen Bullhausen an der Bull desolate Zustände:
Die Leute ernährten sich nur von süssen und fetten Speisen, dazu tranken sie Unmassen an Wein, Bier, Schnaps und Most und rauchten ständig ihre Tobakspfeifen.
Jeder Mann war mindestens einmal in der Woche Gast im Badhaus «Zur geifernden Gans» im Gerberquartier, wo er sich von den Badhuren Anna, Lisa und Mona verwöhnen liess.
Der Lärm auf den Strassen war zum Teil so ohrenbetäubend, dass man auch in den Zimmern Mühe hatte, sich zu unterhalten, da hatten alle Handwerker ihre Produktionen auf die Gasse verlegt, da kamen Fuhrwerke und da schrieen Knechte. Und das praktisch rund um die Uhr.
Der Gang zur Kirche wurde auch zur Seltenheit.

Der Rat von Bullhausen an der Bull tagte etliche Frist, und dann hatten sie eine Lösung: Steuern, Gebühren und Bussen.
Auf Zucker und Fett erhob man einen Heller, auf ein Glas Most zwei, auf Bier und Wein drei und auf ein Glas Schnaps vier. Tabak wurde mit fünf Hellern besteuert.
Ein Besuch im Badhaus bei Anna, Lisa und Mona wurde mit einer Sonderabgabe von 3 Batzen belegt.
Die Ruhezeiten wurden folgendermassen definiert: Vor Sonnenaufgang, zwei Stunden am Mittag und nach Sonnenuntergang. Wer ausserhalb diesen Zeiten lärmte, musste vier Taler an die Ratskasse zahlen.
Jeder Nicht-Besuch der Kirche hatte eine Spezialabgabe von 1 Taler, 1 Batzen und 1 Heller zur Folge.

Die Massnahme hatte zwei Auswirkungen:
Völlerei und Sauferei, Hurenwesen, Lärm und Gottlosigkeit nahmen zwar nicht ab, aber wurden auch nicht mehr und hielten sich stet auf ihren Niveaus. 
Bullhausen an der Bull wurde reich durch viele, viele, viele Taler, Batzen und Heller.

Aber dann…
Aber dann…
Dann kam Herbatius Volkenmeyder in die Stadt. Volkenmeyder war 1534/1535 in Münster gewesen und hatte irgendwie das Täufer-Gemetzel überlebt. Nun zog er als selbsternannter Prophet durch die Lande und rief in den Städten, in die er kam, das Reich Gottes aus. Zu seinen wichtigen Botschaften (die sich in vielen Punkten auch stark von den Münsterleuten unterschieden) zählten:
Der HERR hasst fette und süsse Speisen, er hasst Alkohol und Tabak, also ernährt euch gesund und frugal, meidet schädliche Substanzen, denn euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Der HERR schuf EINEN Mann und EINE Frau, alles andere ist Hurerei und absolut vom Teufel!
Der HERR ruhte am Siebten Tag und ihr könnt auch einmal Ruhe geben. Beten und Bibel lesen ist besser als lärmen.
Jeder Mensch muss einmal in der Woche in die Kirche.

Man könnte nun denken, dass die Bullhausener diesen Menschen sofort fortjagten, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Man hörte auf ihn, und Bullhausen erlebte eine Erweckung, wie sie sich niemand vorgestellt hatte:
Man ass gesund und trank wenig Alkohol (gar nicht ging nicht, dazu war das Wasser zu schlecht), der Tabak wurde verboten.
Das Badhaus «Zur geifernden Gans» schloss seine Pforten und Anna, Lisa und Mona zogen nach Rattelburg an der Rattel weiter.
Die Bewohner waren nachts ruhig und gingen am Sonntag in den Gottesdienst.

Und der Rat?
Er war unglücklich, todunglücklich, denn auf einmal floss ja kein Geld mehr. Wo waren die Heller, Batzen und Taler, die man als Abgaben, Bussen und Steuern eingenommen hatte? Man hatte doch die Menschen einfach mässigen wollen, es war doch nie die Idee gewesen, dass die einfach AUFHÖREN mit all ihrem schlechten Tun.

Und so beschloss der Rat von Bullhausen, dass man eingreifen müsse. Man stellte Herbatius Volkenmeyder zur Rede und ihn vor zwei Alternativen: Bleiben und als Ketzer verbrannt zu werden (immerhin taufte er, wenn auch in ärgster Heimlichkeit) oder morgen zu verschwinden.
Herbatius Volkenmeyder entschied sich fürs Gehen.
Und in Bullhausen an der Bull war wieder alles in Ordnung.

Diese Sage sei eine Warnung an alle Politiker, die Abgaben, die als Regulativ gedacht sind, gleichzeitig in den Haushalt mit einpreisen. Es kann ja nicht sein, dass die, sich falsch verhalten, darauf stolz sein können, etwas für die Allgemeinheit zu tun.









 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

Freitag, 8. Mai 2026

Bitte keine Bilder von Radiomoderatoren zeigen!

Zu den Lieblingssendungen, denen meine Mutter früher gerne im Radio lauschte, gehörte «Sie wünschen, wir spielen» in SDR 1 mit Heinz Kilian. Ich selber konnte dieses Wunschkonzert nur in den Schulferien hören (es kam von 11.00 bis 12.00), fand es aber auch immer grossartig. Und zwar nicht wegen der Qualität der Musikbeiträge (das bewegte sich oft zwischen «Ich hab` Ehrfurcht vor schneeweissen Haaren» und «Die Rasenbank am Elterngrab»), sondern weil es so schön «menschelte». Denn da wurden Leute angerufen, die es vorher nicht wussten, und wenn dann die Rentnerin Erna in Welzheim im Schwäbischen Wald begriff, dass sie gerade LIVE im SÜDDEUTSCHEN RUNDFUNK war, das war schon herrlich…
Ich selbst wusste sogar, was ich wünschen sollte, wenn meine Mutter angerufen worden und nicht da gewesen wäre: «Kein schöner Land» und damit unsere Verwandten auf der Schwäbischen Alb grüssen.

Nun war Mitte der 70er Jahre ein «Tag der Offenen Tür» im Funkhaus des SDR in der Villa Berg, jener wunderbaren ehemaligen Königs-Sommerresidenz (und Wohnsitz der Grossfürstin Wera), in dem damals das ganze Radiozeug war.
Bei diesem Tag konnte man nun auch alle Radiosprecher live begutachten. Und das war ein Schock: Heinz Kilian war ein alter Mann! Nein, nicht wirklich alt, er war 1975 genau 60 Jahre alt, und das ist nicht alt, ich selbst bin 61, Smiley, aber er hatte halt schon graue Haare und viele, viele, viele Falten. Und im Radio – das ist jetzt der entscheidende Punkt – klang er jung wie ein Teenager.

Man will also Radiosprecher gar nicht sehen.
Aber genau das tut SWR Kultur jetzt.

Ich habe nämlich die Liebe zum Radiohören von meiner Mutter übernommen. Natürlich höre ich nicht mehr das Wunschkonzert im Ersten Programm des Süddeutschen Rundfunks, auch weil es den SDR gar nicht mehr gibt, er wurde ja 1998 mit dem Südwestfunk zum SWR vereinigt.
Ich höre SWR Kultur (was einmal «2» hiess…) auf meinem Laptop. Und hier komme ich nicht umhin, immer wieder auf die Homepage zu blicken.

Während SWR Kultur nun lange die entsprechenden Sendungsankündigungen mit Bilder mit Foto-Wiederholungs-Effekt dekorierte – was schon scheusslich war – ist man nun auf Idee gekommen, mir die Fotos der Moderatorinnen und Moderatoren zu zeigen. Nach dem Motto «man will doch einmal sehen, wer…»
Nein.
Will man nicht.

Wir machen uns doch immer beim Hören der Stimme ein Bild von der Person. Ich habe das schon im März 2021 in einem Post beschrieben:
Als ich meine deutsche Steuerberaterin meine letzte Steuererklärung gemacht hatte und noch Unterlagen da waren, da schlug ich ihr vor, diese persönlich bei ihr abzuholen und endlich uns endlich einmal zu sehen; wir hatten bis dato nur telefoniert und gemailt und geschrieben und wussten nicht, wie der bzw. die andere aussieht. Und die Überraschung war gross: Frau Lupsane war nicht gross und blond, wie ich sie «gehört» hatte, sondern klein und schwarzhaarig. Und sie hatte mich 20 Zentimeter grösser und 20 Kilo schwerer «gehört».
Und dieses Bild wird nun betreffs Radio zerstört.

Und die Leute von SWR Kultur klingen alle so jung und frisch und hübsch, dass ich diese Menschen sicher nicht sehen will:
Da zeigt mir ein Herr in einer schlechten Gesichtsaufnahme, dass er nicht nur überdimensional viele Falten hat, sondern sich auch mies rasiert.
Da posiert ein Mann im Tweedjackett mit Haaren bis zum Arsch – geht gar nicht, Rockerjacke und dann 20jährig im Jugendsender, oder Altrocker in Wacken, aber nicht in einer Sendung über Adorno.
Da sehe ich eine Moderatorin, die ihre Bluse so weit geöffnet hat, das ich ihr Chinesischer-Drache-Tattoo auf dem Schulterblatt sehen kann. (Will ich alles NICHT sehen, nicht das Tattoo, nicht das Schulterblatt, nicht die Bluse und nicht die Frau...)
usw.
usw.

Meine Mutter war bitter enttäuscht, als sie ihren Lieblingsmoderator in Natura sah. Und ich bin es jeden Tag:
Lieber SWR, kehre zurück zum Symbolbild.
Meinetwegen mit Wiederholungseffekt, wenn es unbedingt sein muss. Aber ich möchte diese Menschen wieder nur hören und nicht sehen.



Dienstag, 5. Mai 2026

Politiker sind wie Künstler und sollten nicht auf der Bühne streiten...

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Ich habe noch nie erlebt, dass der Liedbegleiter in der «Winterreise» vor der «Krähe» auf einmal sagt: «Ich müsste mehr Gage bekommen» oder ein Mitglied eines Chores mitten in der Aufführung meint, das Tenue sei scheusslich und sie wolle lieber grün tragen. Künstler verhandeln keine internen Angelegenheiten vor Publikum.

Gut, es gibt Ausnahmen.
Johnny Cash unterbrach am 22. 2. 1968 in London, Ontario (Kanada) die Show und machte seiner Gesangspartnerin June Carter vor 7000 Fans einen Heiratsantrag – weil er sie im Stillen schon x-mal gefragt und sie immer abgelehnt habe. Und sie nahm an! Die Szene gilt als einer der romantischsten Momente der Showbusinessgeschichte. Sie heirateten gleich am 1. März.

Gut, es gibt Ausnahmen.
Bei einer Aufführung während der «Innsbrucker Tage für Alte Musik» trat einer der Musiker nach der Pause vor den Vorhang und gab bekannt, das Orchester würde erst weiterspielen, wenn die Schecks mit dem Honorar auf den Pulten lägen. Sie hatten nämlich mitbekommen, dass man ihnen das Geld vorenthalten wollte, und diese ungewöhnliche Aktion war die letzte verzweifelte Möglichkeit, an ihre Gage zu kommen. Es funktionierte übrigens: Nach 15 (!) Minuten waren die Schecks da und «Giulio Cesare in Egitto» (oder war es «Ariodante»?) konnte zu Ende gespielt werden.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Alle Unstimmigkeiten, seien es finanzielle, organisatorische, seien es musikalische oder literarische, alle Dinge, die den künstlerischen Prozess stören könnten, werden da verbannt.
Der Darsteller des Tybalt fällt nicht einfach aus der Rolle und meint zum Publikum, die Proben seien zu lang und zu unkonzentriert gewesen.
Die Elfe schreit nicht den Ritter an, wenn er im Ballett «Hominius im Elfenwald» einen falschen Sprung macht.

Es geht sogar die Legende, dass ein berühmtes Streichquartett dieses Wir-sind-auf-der-Bühne-anständig so weit getrieben haben, dass sie DORT sich makellos aufführten, SONST aber die Hölle los war: Der Manager musste vier verschiedene Hotels buchen, weil sie sich nicht im Frühstücksraum über den Weg laufen durften. Wie gesagt, eine Legende, sie kursiert seit Jahrzehnten in Musikerkreisen, aber niemand kann genau sagen, um welches Quatuor es sich handelt – ein Urbaner Mythos.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.

Aber nun sind Politiker ja auch so so ein bisschen so etwas wie so Künstler. (Die vielen «so» sind bewusst gesetzt):
Sie gehen auf Bühnen, sie reden, sie tragen etwas vor, dafür haben sie sich vorbereitet, sie haben sich auch schön angezogen und sich geschminkt.
Und sie dürsten nach dem Applaus des Publikums.

Warum dann machen unsere Politikerinnen und Politiker genau diese Fehler, die keine Künstlerin und kein Künstler machen würde? Warum sagt Herr A «B» und dann sagt Frau C «B auf keinen Fall» und dann versucht D zu vermitteln und meint «B und nicht-B» ist eh das gleiche, und dann…
Und das Verworrene ist ja, dass Schwarz-Rot genau den gleichen Fehler wie die Ampel macht.

Man könnte hier – wie so oft! wie so oft! wie so oft! – von den Schweizern lernen.
Bundesrat Beat Jans hatte in den letzten Jahren eine wundervolle und zauberhafte Rede, die er mehrfach bei Chorveranstaltungen gehalten hat (was nix schadete, denn sie war wirklich klasse). In dieser Rede verglich er den siebenköpfigen Bundesrat mit einem Chor: Man probt, man müht sich ab, es gibt auch einmal Dissonanzen, einer singt schräg, man hat noch nicht den gleichen Beat und den gleichen Ton. Aber dann der Auftritt! Der ist einstimmig.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Und Politiker sollten es auch nicht machen. Denn es gibt nur eine Seite, die von den CDU-SPD-Querelen profitiert.
Die Rechten.





Freitag, 1. Mai 2026

So long, Herr Kretschmann!

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!

So, jetzt sind Sie einfach verabschiedet worden. Mit Staatsakt und Blasmusik. Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands und derjenige meines Heimatlandes, der am längsten im Amt war.
Und derjenige Ministerpräsident, über den ich in den meisten Posts geschrieben habe.
Und eigentlich immer positiv.

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!

So schrieb ich im April 2015:
Es ist zu verstehen, dass Alt-Ministerpräsident Öttinger seine Partei warnt, im Wahlkampf personell gegen Winnie vorzugehen. Der Mann, so Ötti im Interview, sei zu be- und geliebt, sei so sehr everbody’s darling, dass der Schuss nur nach hinten losgehen könne. Man solle ihn, so der Altmini wörtlich, nicht als „Bösen Buben“ handeln. Recht hat er. Das Schlimmste, was Winnie in den letzten Monaten gemacht hat, war, dass er in der Missa Sanctae Juliae von Boccone falsch eingesetzt hat, aber soll man davon nun ableiten, dass Kretschi auch im Landtag den Ton nicht trifft, sich im Ton vergreift, seine(n) Part(ei) nicht im Griff hat?

und im Februar 2016:
Die GRÜNEN haben für die Landtagswahl fünf schlagende, gute, bewährte, fünf hervorragende Argumente, und diese lauten:
1.) Kretschmann
2.) Kretschmann
3.) Kretschmann
4.) Kretschmann
Nun raten Sie mal das fünfte! Hihihihi, falsch, das 5. Argument lautet Ökologie, allerdings belegt Winnie dann wieder die Plätze 6-10.

und im Juli 2023:
In Hall wird auf den Kirchenstufen Freilichttheater gespielt. Ein Ereignis, das sich lohnt. Bei der Premiere von «Maria Stuart» am 20. 7. haben wir allerdings noch ein spezielles Spektakel: In den ersten Reihen springen vier Männer mit verkabelten Ohren umher, es muss also irgendein prominentes Wesen im Publikum sein. Mein Partner neben mir behauptet, er habe die weisse Stoppelfrisur des Landesvaters gesehen. Ich bezweifle das, aber ob der Security muss ja ein Zu-Bewachender da sein. Bei der Begrüssung wird es dann aufgeklärt, es ist in der Tat, tatsächlich und wirklich Winfried Kretschmann. Als Schirmherr der Freilichtspiele Schwäbisch Hall ist er zur Schiller-Premiere mit Gattin erschienen.
Was mich allerdings so erfreut, ist, dass der Ministerpräsident von B.-W. eben nur vier Männlein zu seiner Bewachung braucht. Das war in Deutschland nicht immer so, eben ein Jahr nach jenem Tag im Jahr 1970 wäre eine so unbedenkliche Teilnahme unmöglich gewesen. Allein alle die Fachwerkhäuser rings um den Markt böten ja eine wunderbare Schusslinie…

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!

Ihre schwäbisch-lapidare-einfache-bürgernahe Kommunikation wird unvergessen bleiben.

Interviewer: «Was empfinden Sie nach Ihrer Wiederwahl?»
Sie: «Ich freue mich.»
Interviewer: «Ich meine, was für ein Gefühl…?»
Sie: «Freude.»

oder:

«Jo, dia Windräder auf dene Berge, jo, i fend dia ja au scheisslich, dia send jo nit schön. Abbr em Käller nutze se jo nix.»

Was werden Sie tun, im Ruhestand, in der Rente? In der Pension?
Hoffentlich das eine: Regelmässiger die Chorproben besuchen, denn wir wissen ja, wie nötig gute Stimmen in den Kirchenchören sind…

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!



Dienstag, 28. April 2026

Die Rente als Thema

 
Die Rente ist in Deutschland immer noch und schon wieder ein Thema. *







*
Das ist jetzt kein vollständiger Post, das ist allenfalls eine Basis. Eine Basis-Absicherung der zweimalwöchentlichen Textierung. Weitere Ideen und Ausführungen müssten dann dazu kommen.

 


 

Freitag, 24. April 2026

Hallenbad kapituliert! Zurück zum Schlüssel!

Ich habe im November 2024 zur Wiedereröffnung des Hallenbades Rialto unter dem Titel «Man kann Zettel nicht gelesen aufhängen» das Folgende gepostet:

Das neu- bzw. wiedereröffnete Schwimmbad Rialto ist ein Bijou […] Mir gefallen auch die Umkleideräume, obwohl diese immer von sich reden machen, und eben von diesen soll nun auch die Rede sein […] Nun haben die Macher des neu- bzw. wiedereröffneten Schwimmbades auf etwas verzichtet, was stets sehr störend war: Schlüssel.
[…] Bei den Schränken hat man sich für ein Zahlen-System entschieden. Ein Zahlensystem, das auf ca. 50 Aushängen erklärt wird:
ERSTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «AUF» STELLEN.
ZWEITER SCHRITT: CODE BEI GEÖFFNETER TÜRE EINGEBEN (Z.B. 1234)
DRITTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «ZU» STELLEN.
VIERTER SCHRITT: CODE VERSTELLEN
Es ist nun völlig logisch, was passieren kann, wenn man diese Aushänge nicht liest, man dreht den Riegel nach links und beginnt «4567» oder «0000» oder «2929» einzugeben, dann verstellt man die Zahlen – und wird sein Kästchen nie wieder aufbekommen, denn das Schloss hat sich die Kombination gemerkt, die VOR dem Verschliessen eingestellt war, und die hat man natürlich keines Blickes gewürdigt.
Gut, man kann den Bademeister holen. Was die meisten tun – die wenigsten rennen in der Badehose auf die Strasse, gerade bei Novembertemperaturen ist das auch nicht so ratsam. Der Bademeister erzählt mir, dass er am Tag ca. 40 Male geholt wird und dass die Menschen dann immer furchtbar fluchen:
[…]
Dabei wäre es so einfach. Man müsste den an allen vier Seiten (!) sämtlicher (!) Säulen sowie innen in allen (!) Kästchen hängenden Zettel genau durchlesen.
[…]

Nun vor ein paar Tagen die riesengrosse Sensation:
Das Hallenbad Rialto hat jetzt wieder Schränke mit Schlüsseln eingeführt.

Das Sportamt der Stadt Basel hat also kapituliert. Kapituliert vor der Ignoranz und Dummheit der Leute. Wahrscheinlich auch auf Drängen der Bademeister (es hat wirklich nur Männer dort), die ihre halbe Arbeitszeit damit zugebracht haben, die Schränke der Leute zu öffnen, die nicht fähig waren, eine Gebrauchsanweisung zu lesen.

Interessant ist, dass man wirklich zurück zum Schlüssel geht und nicht etwa zu einem System wie das folgende:
Schrank verschliessen
*Gartenhag* drücken
Vierstelligen Code eingeben
*Schlüssel* drücken
System piepst, Schrank ist verschlossen
Dieses System wird von vielen Hotelsafes verwendet, aber auch von der Badi der Stadt Solothurn, und auch von den Lockern in der Garderobe im Amare in Den Haag, wo wir die Matthäuspassion hörten.
Also ein System, das seit Jahren funktioniert…

Zurück zum Schlüssel?
Was für ein Quatsch.
Das ist wie der Schwule, der nach ein paar verunglückten heterosexuellen Versuchen mit 23 sein Coming Out hat, die erste Beziehung zu einem Mann verläuft aber auch nicht so toll (emotional, im Bett schon), und er kehrt reumütig zu den Frauen zurück.
Das ist wie der Rückkehr zur Atomkraft, weil Öl und Gas immer wieder Probleme bereiten, weil der Ausbau der Erneuerbaren nicht vorankommt, so als ob es nicht schon Milliarden Tonnen Atommüll gäbe – und ein Fukushima und ein Tschernobyl nie stattgefunden hätten.
Das ist wie ein Land, das unter den aktuellen islamischen Diktatoren leidet und sich den Sohn des alten Diktators als neuen Präsidenten wünscht – wir nennen keine Namen.
Wenn B nicht funktioniert, gehen wir zurück zu A – und überlegen nicht, ob es nicht ein anderes B geben könnte.

Das Rialto ist dennoch ein Bijoux. Ich bin aber froh, dass ich morgen ins Gartenbad St. Jakob gehen darf und für den Sommer meinen (nicht lachen!) Schlüssel holen darf.
Aber den von meiner eigenen Kabine.







Dienstag, 21. April 2026

Tipps für Magyar: Wie geht man mit so viel Macht um?

Natürlich freut sich die Welt über die Abwahl von Orbán. Und ich als Schwuler freue mich natürlich gleich doppelt. Und natürlich freut sich die Welt über die Wahl von Peter Magyar. Und das es eine eindeutige ist.

Aber Moment: Musste es SO eindeutig sein? Der gute Mann hat eine 2/3-Mehrheit. Und wir wissen, was Macht mit charismatischen Menschen macht: Sie korrumpiert sie.
Das ist ja die Geschichte mit dem Ring: Alle Guten, die Elben, Gandalf usw. lehnen es ab, den Ring zu nehmen. Sie könnten doch «so viel Tolles bewirken», aber sie wissen, dass der Ring sie versauen würde. Nur der kindliche Frodo schafft es.
Aber ist Peter Magyar ein Frodo?
Wie schafft man es, dass man den Lockungen der Macht nicht erliegt?

Hier kommen nun drei Tipps für charismatische Staatsmänner, die Macht bekommen haben, wie sie es bewerkstelligen, dass die Macht sie nicht versaut.
(Ich schreibe bewusst nur in der maskulinen Form, weil das Ganze doch ein bisschen ein Macho-Problem ist.)

Mama dabei!

Jeder Politiker ist ja ein bisschen ein Narzisst.
Und wenn er dann bei der Pressekonferenz am Pult steht, dann fühlt er sich grossartig, er fühlt sich machtvoll und super, er fühlt sich schön und erhaben und fotogen. Er strahlt etwas aus, was man als «Ich bin die Sonne und ihr seid die Sterne und ich glänze und ihr spiegelt nur» umschreiben könnte.
Hier kommt nun die Mama ins Spiel, die bei allen Presseterminen und allen Interviews dabei ist. Wenn Politiker X gerade anhebt, um seine Misserfolge der letzten Monate schönzureden, um sich selbst ins Sonnenlicht zu stellen, springt Mama auf, rennt zum Pult und wischt X ein paar Fussel von der Jacke. Oder putzt ihm die Brille. Oder noch schlimmer die Mundwinkel. Oder kämmt ihn noch mal durch. Dabei schüttelt sie den Kopf, so als ob sie sagen möchte: «Der Bubi, wie er wieder rumläuft.»
Und die Ankündigungen des grossen Präsidenten werden nach dieser Aktion eben die Ankündigungen eines Menschensohnes sein, denn für unsere Mütter sind wir immer die Buben geblieben – und das ist auch gut so.

Normal-Day

Jeder Machtmensch soll einen Tag im Monat im normalen Leben verbringen. Und zwar inkognito und ohne Bewachung. Also quasi als «wallraffender Staatsmann». Und als «wallraffender Staatsmann» erlebt man nun, wie eine normales Leben aussieht:
Schon das Warten an der Bushaltestelle (oder Tram, S-Bahn, whatever) wird zum Aha-Erlebnis, so lange steht man da also, der Bus kommt ja ewig nicht, und dann bekommt man nicht einmal einen Sitzplatz. Und im Supermarkt ist alles so teuer! Und bestimmte Delikatessen gibt es da gar nicht! Und was ein normaler Mensch im Büro alles machen muss, da muss man ja schreiben und lesen und kopieren und beschaffen und man kann nichts, nichts, nichts delegieren. Und am Abend will man in einen Club und der Türsteher lässt einen nicht hinein – weil er ja gar nicht weiss, wen er da abweist.
Der Normal-Day hat nun die Funktion, dass X seine Privilegien erst einmal wieder als Privilegien begreift, 5(!) Wagen mit Chauffeur, Essen steht auf dem Tisch, Mails lesen und beantworten die PAs (15 an der Zahl) und natürlich kommt man in jedes Konzert, jeden Club und in jedes Theaterstück…

Glosse lesen

Nicht diese Glosse. Also: Nicht nur diese Glosse. Sondern Satire überhaupt. Und das Satire-lesen sollte als heiliger Akt NICHT an die Persönlichen Assistenten delegiert werden. Nicht von dem PA erfahren, dass TITANIC oder CHARLIE HEBDO einen als Affen bezeichnet hat, sondern das selber konsumieren.
Der mittelalterliche König hatte seinen Fool, seinen Narren, seinen Spassmacher, und der Hofnarr hatte gerade die Funktion, dem König ALLES sagen zu dürfen. Und zwar dem König persönlich – zu dem er immer vorgelassen wurde.

Und wenn man dann am Normal-Day die TITANIC liest und die Mama daneben auch noch «guck mal, wie scheisse du da aussiehst» reinruft, dann wird man fast zum Frodo und kann mit der Macht umgehen.

Noch besser wäre natürlich ein System, wie es der beste Staat der Welt hat, das den Politikern so wenig Macht wie möglich gibt…

Freitag, 17. April 2026

Holland 2026 (II)

Und weiter geht es im Bilderbogen, im Kaleidoskop, in der Collage mit Impressionen aus Den Haag.

Ostergottesdienst mit Gospel in Sint-Martha

Ich gehe als Lutheraner, wenn ich die Auswahl zwischen ev.-reformiert und katholisch habe, sehr häufig zu den Katholiken. So auch am Ostersonntag in Den Haag. Die passende Messe findet um 9.15 in der Sint-Martha-Kerk im Quartier Schilderswijk statt. (Kleiner Exkurs: Ich finde die Heilige Martha immer eine lustige Figur, weil sie ja von Jesus ermahnt wird, sie habe viel Haushaltsmühe, aber ihre Schwester, die «nur» zuhört, tue das Richtige, die Kirche aber häufig die Martha viel höher stellt – zum Beispiel in meiner schwäbischen Heimat. Aber ich will nicht abschweifen…)
Als ich die Kirche um 9.00 betrete, erklingt schon fetzige Musik. Vorne sind vier vollschlanke Sängerinnen, eine Gitarristin und eine Drummerin am Gospeln: «He has risen – Hallelujah! Hallelujah – praise the Lord!» Alle sechs haben dunkle Hautfarbe.
Bei uns wäre ein Ostergottesdienst ohne irgendein Werk mit KV-Nummer (z.B. KV 220 oder KV 317) undenkbar und würde zu Kirchenaustritten führen.
Aber hier? Als ich mich umschaue, merke ich, dass ich überhaupt der einzige Weisse bin. Ich komme mir vor wie in Harlem. Es wird ein Gottesdienst, an den ich noch lange denken werde. Der Priester ist dann (by the way) ein Koreaner.

Teenager um 9.00 im Bad

Am Ostermontag gehe ich Schwimmen. Ins «Zwembad Zuiderpark», das einzige, das offen hat, denn die Haager haben ihre Öffnungszeiten sehr reduziert.
Um 9.00 ist das Schwimmbecken schon sehr gut belegt, etliche Leute wollen wohl die Schoko-, Marzipan-, Krokant- und Zuckereier abtrainieren, die sie am gestrigen Tage gesucht und vielleicht auch schon gleich genascht haben.
Was mich sehr erstaunt, sind vier männliche Teenager (so um die 16 Jahre), die sich im Wasser tummeln. Ich habe genügend mit Jungs in dem Alter zu tun und weiss, was die bei uns an einem Feiertag vor 12.00 mittags machen: Im Bett liegen und schlafen – bestenfalls schon wach sein und gamen. Aber niemals das Haus verlassen. Ticken holländische Teenager anders? Oder war das die grosse Ausnahme? Auf jeden Fall will ich nie mehr etwas über «die Jugend von heute» sagen.

Der Haagse Markt

Ich habe bei meinem Aufenthalt viel Neues entdeckt. Das ist erstaunlich, wenn man in einer Stadt das ca. dreissigste Mal ist. (Ich habe ja auch schon viel gepostet…) Aber dennoch, es gibt immer wieder neue Dinge zu sehen, wenn man die Augen offen hält.
So hatte ich den Haager Markt, an dem ich oft vorbeigefahren bin, wegen der hohen Mauer für einen Grossmarkt gehalten, dieses Mal sah ich aber einen Eingang mit Schild «Welkom op Haagse Markt» – das würde man ja für Grosshändler nicht aufstellen. So schlenderten wir zwei Stunden auf dem grössten Publikumsmarkt der Niederlande und kamen aus dem Staunen nicht heraus: So viel Zeug! So viel Kitsch! So viel Essen und so viel Kleider! Beim einen Stand glänzten ungelogen 1000 Uhren, am anderen gab es Kleider mit Glitter und Flimmer und Pailletten, an der einen Bude lagen 50 Kabeljau in Erwartung der Esser, an der anderen konnte man aus 60 Nusssorten aussuchen. Über allem Geruch, über allem Geschrei. Ich habe viele italienische Mercati besucht, aber das war mehr.

Im Atelier

Wenn wir gerade beim Thema «x-mal vorbeigelaufen und nicht gesehen» sind, das mit dem Atelier der Künstlerin Tineke Porck war auch sehr, sehr, sehr lustig. Wir hatten sie vor drei Jahren kennengelernt, und wir hatten dieses Mal verabredet, sie in ihrem Atelier zu besuchen (sie macht wunderbare Sachen). Nun waren wir also in der Ankerstraat 21 in Scheveningen – und ich musste feststellen, dass die Badhuiskade 10, in der ich die ersten 10 Mal Den Haag verbrachte, nur 20 Meter Luftlinie entfernt ist. Da Tineke seit 30 Jahren in ihrem Atelier arbeitet, sind wir uns sicher einmal, zweimal, öfters, immer über den Weg gelaufen, aber wenn man sich nicht kennt, dann kennt man sich eben nicht…

So viel für heute. Am Dienstag wieder ernstere Themen.

P.S.
Ich habe vor drei Jahren über die wuchernde Englisch-Sprechen-Manie der Niederländer geschimpft – das ist nicht besser geworden.



 

Dienstag, 14. April 2026

Holland 2026 (I)

Ich war wieder einmal in Holland. Und ich schreibe nun ein paar Impressionen – wie schon im Sommer nicht chronologisch, sondern einfach so, als Kaleidoskop, als Collage, als Bilderbogen.

Achtung beim Strasse überqueren

In den Niederlanden musst man immer schon aufpassen, wenn man von einer Strassenseite auf die andere wollte.
Fahrräder!
Oder wie die Niederländer sagen: Fietsen!
Die Vorliebe von Jan und Grit, Piet und Antje für dieses Verkehrsmittel liegt an der Geographie, das Königreich der Niederlande ist flach. Jeder Bürger und jede Bürgerin dieses Landes, Jan und Grit, Piet und Antje besitzen im Durschnitt drei Fietsen, sodass zwischen Arnhem und Rotterdam ca. 54 Millionen Dinger herumrasen.
Aber wir waren ja am Strassenrand – und stehen an dem Streifen, den ich getrost als «Todesstreifen» bezeichnen würde, denn wer ihn unbewacht betritt, hat kaum Überlebenschancen. Es sind nämlich inzwischen nicht nur die Fietsen, die von rechts ohne Gnade angerast kommen, es sind viele verschiedene Gefährte:
* Bakfietsen (das sind die Velos mit dem Kuhfänger, die angeblich zum Transport von Kindern gebraucht werden, in Wirklichkeit hat dieser Kuhfänger allein die Funktion, fussgehenden Menschen möglichst schlimme Verletzungen zuzufügen)
* Trottinetts – und ihre wesentlich tödlichere Variante, die E-Trottinetts
* High-Tech-Rollstühle, die eine Geschwindigkeit von 120 km/h erreichen können
Nein, bevor man diesen Streifen betritt, sollte man ein Stossgebet gen Himmel richten und sich vergewissern, dass die Lebensversicherung bezahlt ist…

Gratis Getränke im Concertgebouw

Wir geniessen einen wunderbaren Konzertabend im Kleinen Saal des Concertgebouw in Amsterdam (Klavierquintette von Schumann und Dvořák mit herrlich inspiriert spielenden jungen Musikern). In der Pause stehen ganz viele Tabletts mit Getränken herum, Weisswein, Rotwein, Mineralwasser und Orangensaft. Und irgendwie scheint auch fast jeder und jede ein Glas in der Hand zu haben. Ich bin mir sicher, dass das so eine Freunde-des-Concertgebouws-Pausen-Trinken-Sache ist, aber mein Mann, der sehr Lust auf einen Orangenjus hat, drängt mich, der Sache nachzugehen. «Sorry», spreche ich eine ältere Dame an, «zijn de dranken helemaal gratis?» «Natuurlijk», antwortet sie, «u heeft dat met het ticket betaald.»
Das ist doch nun einmal eine grossartige Sache: Die Ticketpreise (mit 45,-- eh schon sehr, sehr, sehr moderat) beinhalten Getränk, und zwar nicht EIN Getränk, sondern «all you can drink». Ich habe so etwas noch nirgendwo erlebt, und gerade in Basel kostet die Pausenverpflegung ein Vermögen. Wir sollten diese niederländische Variante also unbedingt bei uns einführen.
Vielleicht könnte man auch so mehr junges Publikum anlocken: «Leute, ihr müsst zweimal 40 Minuten so langweilige Kammermusik ertragen, aber in der Pause dürft ihr saufen, saufen so viel ihr wollt…»

Die Gaben der Länder im Vredespaleis

Ich bin zum dritten Male im Vredespaleis, jenem wunderschönen Gebäude, das die beiden internationalen Gremien beherbergt, das Internationale Schiedsgericht und den Internationalen Gerichtshof (nicht den ICC, das ist woanders). Sie kennen sicher das historistische Bauwerk mit dem Turm aus «heute» und «Tagesschau».
Während die beiden vorigen Führungen sehr stark das Sponsoring des Milliardärs Carnegie betonten, sodass man das Gefühl bekam, er habe ALLES bezahlt, rückte unsere Guide dieses Mal die Gaben der Länder in den Fokus. Jedes Land (fast jedes) hat nämlich etwas gestiftet, und WAS die Nationen gaben, ist sehr lustig:
Die Niederländer stifteten den Grund und Boden.
Die Schweizer schenkten die Uhr im Turm. (Wer hätte es gedacht…)
Die Italiener gaben den Marmor.
Dänemark, dieser Wasser- und Inselchenstaat, zahlte den Springbrunnen.
Und was gaben die Deutschen? Das, was preussische Ordnung und teutonische Strukturiertheit zeigt: Den Zaun, der um das Gebäude geht.
Wie dem auch sei: Die Idee des Vredespaleis, Reden statt Schiessen, wäre heute so nötig wie nie zuvor…

Am Freitag noch mehr Storys aus Den Haag.






Freitag, 10. April 2026

Keine Lust, einen Unsinn zu lesen...

Ich bin – wie Sie wissen – ein grosser Fan und Kenner von Heinrich Böll. Ich habe sogar in den ersten Jahren dieser Glosse in den Texten «Deutsche Utopien III / 1-4» die Bölltexte «Deutsche Utopien I» und «Deutsche Utopien II» weitergeführt und seinen Stil nachgeahmt.
Ein Bekannter schickte mir nun neulich einen Artikel über Böll und seine Texte und Theorien, der sich – so mein Bekannter – angenehm vom literaturwissenschaftlichen Mainstream unterscheidet. Fazit dieses vierseitigen Pamphletes sei, ganz kurz gesagt: Heinrich Böll würde heutzutage AfD wählen.
Ich werde diesen Text nicht lesen.

Ein anderer Bekannter schickt mir ein Video, in dem ein Berliner Allgemeinmediziner den (wahrscheinlich verblüfften) Zuschauerinnen und Zuschauern erklärt, warum das HIV nicht existiert. (Bitte nicht HIV-Virus, wie viele sagen, das ist wieder so ein Pleonasmus, wir hatten es neulich davon…) Nach Aussage von Dr. XY sterben die ganzen Schwulen an Poppers und nicht am Erreger. Und er ist stolz darauf, mehrere Homosexuelle NICHT zum Test geschickt zu haben – trotz schon sich anbahnender Kaposi-Flecken.
Ich werde dieses Video nicht angucken.

Eine Bekannte schickt mir dann noch einen Link, einen Link zu einer Seite, aus der minutiös aufgelistet ist, welche Videos ARD und ZDF in letzter Zeit so geschnitten haben, dass die Themen falsch und tendenziös dargestellt wurden, Videos zu den Themen Corona, Ukraine, Klima usw. So hatte jemand zum Beispiel gefilmt, dass die angeblichen Coronapatienten gar nicht an die Geräte angeschlossen waren.
Ich werde den Link nicht anklicken.

Warum werde ich den Text über Böll nicht lesen?
Warum werde ich das Video nicht anschauen?
Warum werde ich auf den Link nicht klicken?
Soll man nicht sich mit allem auseinandersetzen, auch andere Perspektiven kennenlernen, sich überall informieren?
Soll man nicht…?

Ich stosse auf ein wunderbares Zitat der Feministin Judith Jannberg (in «Ich bin Ich»), in dem sie erklärt, warum sie sich auf keine Diskussionen mit Total-Machos einlässt. Sie schreibt dort:

Ich habe keine Lust.

Ich finde das wundervoll. Und so kann ich das auch sagen.
Ich habe keine Lust, irgendwo zu lesen, dass Heinrich Böll heutzutage auf gemeinsamen Podien mit Alice Seidel stünde.
Ich habe keine Lust, einem Doktor zuzuschauen, der eigentlich wegen Behandlungfehler und unterlassener Hilfeleistung ins Kittchen gehört.
Ich habe keine Lust, irgendwelche Links zu klicken, die mir das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen rauben und umgekehrt Vertrauen in die «Unabhängigen» schenken soll, unabhängige Medien, in denen irgendwelche Heinis in ihrem Wohnzimmer sitzen und von anderen Wohnzimmern «Experten» zuschalten, die dann mit einer Wir-wissen-ja-alle-besser-Bescheid-Miene die Weltlage analysieren.

Ich habe keine Lust.

Dazukommt, dass die Algorithmen, wenn man irgendwo einen Quatsch online anguckt, einen mit Schwachsinn bombardieren. Auf einmal bekommt man bei YouTube Sellner-Videos angeboten, und hofft, dass der Verfassungsschutz nicht mitschaut. (Martin Sellner ist der österreichische Neonazi, der die Remigration predigt.)

Ich habe keine Lust mehr auf so Sachen.
Meine Zeit ist mir zu schade.
Und wenn mir jetzt viele Leute vorwerfen, ich sei engstirnig und festgefahren, gut, dann bin ich halt engstirnig und festgefahren. Wenn es ein Zeichen für einen eingeschränkten Horizont ist, sich mit der Frage, ob «Het Achterhuis» echt ist oder nicht, einfach nicht auseinandersetzen zu wollen, dann habe ich gerne einen eingeschränkten Horizont.

Ich habe auf gewisse Dinge keine Lust mehr.






Dienstag, 7. April 2026

Neue Hallenbäder!

Nachdem ich lange meiner Schwimmbad-Kollektion nichts hinzugefügt habe, konnte ich in den letzten Monaten doch wieder einiges auf meine Liste dazuschreiben:

Hallenschwimmbad Wrocław
Hallenbad Poznań
Hallenbad Grenzach-Wyhlen
Hallenbad Maulburg
Sole Uno Rheinfelden
Hallenbad Falkenstein Balsthal
Hallenbad Brühl Mümliswil-Ramliswil

Die beiden ersten habe ich auf meiner Tournee mit der Knabenkantorei kennengelernt. Ich berichtete schon im Herbst:

Dann aber Wroclaw! Ein absolut sehenswertes Hallenbad vom Beginn des 20. Jahrhunderts, herrlich anzuschauen und zu beschwimmen, geöffnet 5.30 bis 0.00, und das jeden Tag. Jedes Bad bei uns könnte sich hier zehn Scheiben abschneiden. Das Bad ist in 5 Minuten vom Hotel aus zu erreichen, ich bin um 6.30 dort, einziger Wermutstropfen: Ich benötige eine Badekappe, die ich da für 10 Złoty erwerbe…
Schwieriger wird es in Poznań: Das Hallenbad ist zu weit weg zum Laufen und es ist sehr kompliziert, mit dem ÖV zu fahren. Also doch Uber…
Im Hallenbad ziehe ich brav meine Badekappe an – und stelle fest, dass ich der einzige Schwimmer mit Kappe bin. Es ist also anscheinend keine nationale Regel…

Die beiden nächsten liegen über der Grenze, am Hochrhein bzw. im Wiesental, und es ist erstaunlich, dass ich noch nie dort war. Dabei sind die Orte perfekt zu erreichen. Der eine mit einer Buslinie, der Linie 38, im 15 Minuten-Takt, der andere alle halbe Stunde mit der S-Bahn ab Bahnhof SBB.
Das ist aber nun ein wenig typisch, wenn man in Basel wohnt: Das Ausland ist so nah, aber irgendwie kommt man nicht auf die Idee, dort mal hinzugehen oder hinzufahren. Ich war mit meinen Basler Sängern schon in zwei Tropfsteinhöhlen, in der Slowakei und in Slowenien (wirklich, das ist jetzt kein blödes Wortspiel), und ich war immer wieder überrascht, dass die Guten die Tropfsteinhöhle, die nur ein paar Kilometer von Basel entfernt liegt, nicht kennen. Gut, mit der slowenischen, die gefühlt 1000x grösser ist als die Erdmannshöhle, kann man die Wiesentäler Höhle nicht vergleichen, aber dennoch: Sie wäre sehr nahe. Und genauso ist es mit den Schwimmbädern, weil man als Basler nur im Basler Umfeld denkt, kennt man so Dinge wie ein Grenzwächter Hallenbad nicht.

Erstaunlich ist aber auch, dass ich das Sole Uno noch nicht kannte. Dafür gibt es nun keine Erklärung, denn ich weiss, dass ganz viele meiner Bekannten dort hingehen. Aber es fällt natürlich aus der Reihe, denn es ist ein Wellnessbad, ein Bad zum Liegen, zum Aalen, zum Besprudelt-Werden, zum Wohlfühlen, nicht zum sportlichen Schwimmen.

Echte Neuentdeckungen sind die Bäder in Balsthal und Mümliswil. Diese liegen im Kanton Solothurn und Solothurn bietet hinsichtlich Hallenbädern Erstaunliches: Im Hauptort und im grössten Ort, in Solothurn und in Olten, gibt es praktisch keine Schwimmmöglichkeit. Die Bäder dort haben solche Öffnungszeiten, dass man diese sich gar nicht merken will:
Montag geschlossen
Dienstag 18.30 – 19.00
Mittwoch 7.00 – 9.00
usw.
Die Solothurner gehen nach Zuchwil, das ist praktisch ein Vorort und hat ein riesiges Sportzentrum, aber es ist eben doch eine eigene Gemeinde.
Und nun leisten sich diese winzigen Orte im Bezirk Thal (und nur wenige Kilometer von einander entfernt!) eigene Hallenbäder. Ich finde das schön. Und die Bäder? Natürlich nicht spektakulär, aber schön zum Schwimmen, sauber, ordentlich, und man hat das witzige Gefühl, dass man der Einzige ist, der die Bademeisterin siezt. Was auch stimmt.

Nachdem ich lange meiner Schwimmbad-Kollektion nichts hinzugefügt habe, konnte ich in den letzten Monaten doch wieder einiges auf meine Liste dazuschreiben:
Und ich hoffe, dass 2026 noch einige Bäder dazukommen.




   


Freitag, 3. April 2026

Ist "völkerrechtswidriger Krieg" ein Pleonasmus?

Neulich fragte mich ein Freund per E-Mail, ob es «Koifisch» oder «Koikarpfen» oder «Koikarpfenfisch» heisse. Ich war ob dieser Ladung an Pleonasmen so erschlagen, dass ich – die beiden einfachen und den doppelten mit einem dreifachen überbietend – zurückschrieb, er könne ja «online im Internet nachgoogeln». Leider verstand der Freund meine Ironie nicht.

Wir sind ständig mit Pleonasmen konfrontiert. Ob das die «Tsunami-Welle» oder die «DIN-Norm» ist, ob das «Rückantworten» oder «Zukunftsprognosen» sind oder ob es sich um «PIN-Nummer» oder «Aussenfassade» handelt.
Ich lasse jetzt einmal den Fall weg, in dem der Pleonasmus ein Stilmittel ist
Die helle Sonne
Bringt den lichten Tag,
Die dunkle Nacht
Uns nicht mehr schrecken mag.
Und sage: Ständig wird etwas zu viel gesagt.

Um herauszufinden, ob ein Begriff pleonastisch ist, kann man sich verschiedene Fragen stellen:
Steckt das hintere Wort im vorderen schon drin? Das ist der Fall bei der D(eutsche)I(ndustrie)N(orm)-Norm der Fall, ebenso bei P(ersonal)I(dentification)N(umber)-Nummer.
Ist das eine ein Überbegriff? Jeder Koi ist ein Karpfen und jeder Karpfen ein Fisch, jeder Tsunami ist eine Welle.

Schwieriger ist es bei der Kombination Adjektiv + Nomen. Hier muss man immer fragen, ob es auch anders ginge. «Nasses Wasser» – gibt es auch trockenes? Wohl kaum, ich jedenfalls war als Immerschwimmer noch nie in einem trockenem Wasser. «Weisse Milch» – gibt es auch schwarze? Seit Celan natürlich schon:
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

«Teure Diamanten» – gibt es auch billige? Ja, hier ist natürlich der Begriff «billig» heikel, denn für einen Milliardär ist etwas anderes teuer als für einen Sozialhilfeempfänger, aber Industriediamanten könnten sich auch Leute mit kleinerem Geldbeutel leisten.

Ein immer wieder auftretender Pleonasmus (oder Nicht-Pleonasmus) ist der «völkerrechtswidrige Krieg».
Ist das nicht doppelt gemoppelt? Oder doch nicht? Wenn es Kriege gibt, die gegen das Völkerrecht stehen und es nicht pleonastisch ist, muss es ja den «völkerrechtskonformen Krieg» geben.

Als Pazifist der Alten Schule sage ich natürlich: Nein, Quatsch und Unsinn, jeder Krieg ist gegen das Völkerrecht. Aber ein Blick ins Internet belehrt mich eines Besseren, es gibt den «völkerrechtskonformen Krieg», wobei hier immer nur eine Seite «völkerrechtskonform» handeln kann, nämlich wenn sie angegriffen wird und sich verteidigt, oder wenn ein UN-Mandat vorliegt.

Bei einem «völkerrechtskonformen Krieg» muss man sich anständig verhalten und so und keine Gefangenen misshandeln und so und Zivilisten dürfen nicht zu Schaden kommen. Aber genau hier liegt das Problem: Das mit der Anständigkeit funktioniert meistens nicht. Ich sage nur Kollateralschaden und so.

Wir müssten also – so glaube ich – noch eine neue Kategorie der Pleonasmen einführen, nämlich den De-Facto-Pleonasmus. De-Facto-Pleonasmus bedeutet: Es ist eigentlich keiner, es ginge auch anders, nur kommt das in Wirklichkeit nie vor.
De-Facto-Pleonasmen sind:
ein wenig gemogelte Steuererklärung
gelifteter Filmstar
gewaltbereiter Fussballfan
alkoholtrinkender Künstler

und eben der «völkerrechtswidrige Krieg»

So viel für heute.
Ich bin immer mit heiterer Freude erfüllt, wenn ich weiss, dass viele die zweimal in der Woche erscheinende Dienstag-Freitag-Glosse online im Internet lesen.









 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 31. März 2026

Orlando von Alliz - ein Hansdampf in allen Gassen

Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles kann – und alles macht. Nein, das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles macht, ob er es kann, muss jeweils neu entschieden werden.

Zunächst ist Orlando ein Sänger, eigentlich ein Tenor aus dem Spiel- und Lyrikfach, er hat aber gar keine und überhaupt keine Probleme damit, auch mal ins dramatische Fach zu wechseln, oder auch mal im Baritonwald zu wildern. Einen Siegfried und einen Parsifal hat er uns bisher erspart, aber wer weiss? Gut, er hat offiziell gerade mit Singen aufgehört, aber bei von Alliz weiss man nie, vielleicht präsentiert er sich zu seinem 90. Geburtstag doch als Walther von Stolzing…

Dann ist er aber nun vor allem Kulturmanager und Kulturbotschafter, leitet Haydn-Wochen und Beethoven-Festivals, und er lässt es sich nicht nehmen, bei den Eröffnungskonzerten wortgewandt und wortreich durch das Programm zu führen. Nein, das ist jetzt auch wieder nicht ganz richtig, denn «wortgewandt» ist das ja nicht wirklich, «wortreich» aber ist es auf jeden Fall. Orlando von Alliz bewirft uns mit Superlativen, als ob er Reklame für Seife oder Werbung für Parfum machte, da sitzt dann immer das BESTE Orchester, geleitet vom FACHKUNDIGSTEN Dirigenten, und dazu kommt die TOLLSTE Sängerin und sie präsentieren die SCHÖNSTE Arie vom HERRLICHSTEN Komponisten, und das alles in einem Tonfall geredet, als ob er den Zirkusdirektor in der «Verkauften Braut» darstellen würde, er steht aber eigentlich gerade NICHT im Theater.

Apropos Theater: Jetzt führt Orlando von Alliz auch noch Regie, aber nicht – wie man ja von einem Musiker erwarten würde – so, dass man in die Partitur schaut und in die Musik hineinhört, nein, da wird eine Zauberflöte in eine Eishalle gelegt (mit echten Eisläuferinnen und Eisläufern) und ein Figaro in einen Karate-Wettbewerb (mit ständigem Handkantenschlag), das hat zwar nichts mit der Oper zu tun, ist aber wahnsinnig witzig.

Wir können also gut sagen: Orlando von Alliz ist ein Hansdampf in allen Gassen.

Was ist ein «Hansdampf in allen Gassen» ?
Wikipedia schreibt dazu:
Als Hansdampf in allen Gassen wird umgangssprachlich ein aktiver, vielseitiger und umtriebiger Mensch bezeichnet, ein Tausendsassa bzw. ein Generalist. Der Ausdruck Hans Dampf in allen Gassen geht auf die gleichbedeutende Wendung Hans in allen Gassen zurück. Die Wendung stammt vom Kuchen, der am Johannistag nach dem Abbacken in der Lohnbäckerei dampfend nach Hause getragen wurde.
Spannend, nicht? Wusste ich auch nicht, und da die «Meistersinger» am Johannistag spielen, wäre das mit dem Walther gar nicht so weit hergeholt.

Die Frage ist, ob wir Hansdampfs in allen Gassen brauchen. Wären in dieser Welt nicht Menschen nötig, die ohne Dampf in wenigen Gassen unterwegs sind, also Leute, die ganz ruhig die Dinge angehen, wenige Dinge, von denen sie aber Ahnung haben?

Warren Buffet und Charlie Munger, die beiden US-Finanztypen, haben dem «Hansdampf in allen Gassen» ein ganz anderes Konzept entgegengesetzt, den «Circle of Compentence». Der «Circle of Compentence» ist der Kreis der Dinge, die ich weiss, die ich kann, in denen ich kompetent bin. Dabei ist es völlig unerheblich – so Buffet und Munger – wie gross dieser Kreis ist, entscheidend ist, dass ich weiss, wo die Grenze, die Linie dieses Kreises verläuft.

Ein Mensch, der sich im Kompetenzkreis bewegt, wird allerdings weniger wahrgenommen als ein Hansdampf in allen Gassen, das ist logisch, wer nur – um im Bilde zu bleiben – in einer Gasse bleibt, weil er dort hingehört, den sehen halt nur die Bewohner dieser Gasse. Einen Hansdampf kennen alle…
Dennoch: Mehr kompetente Menschen wären toll.

Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles kann – und alles macht. Nein, das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles macht, ob er es kann, muss jeweils neu entschieden werden.
Der Himmel bewahre uns vor den Romanen, die er noch schreiben und den Bildern, die er noch malen könnte.

























 

 

 

  

 

 

Freitag, 27. März 2026

Die FDP-Abschiedsparty

Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Und seine Stimme auch. Während er vor 20 Jahren noch aussuchen konnte, ob er den Tristan in München oder Berlin singt (die Premieren überschnitten sich), konnte er vor 5 Jahren froh sein, wenn Kiel oder Trier ihn für einen Lohengrin B-Besetzung fragten, und dieses Jahr sind die Angebote, die ihm sein Agent übermittelt, katastrophal:
Dritter Gefährte des Seneca in Augsburg
Parpignol in St. Gallen
Friseur Hyppolyte in Pforzheim
(für die Nicht-ganz-Opern-Firmen: Das ist «L`incoronatione di Poppea», «Bohème» und «Rosenkavalier»
Aber er wird eines annehmen.

Sein Kollege Ivan Tschedrinek hat es anders gemacht: Als er merkte, dass sein Siegfried nicht mehr ewig geht, beschloss er seine Karriere mit einem fulminanten Ring an der Hamburgischen Staatsoper. 20 Minuten Standing Ovations, danach Party ohne Ende – heute lebt er vom Kurse geben.
Man muss auch aufhören können.

Wenn ich an die Herren Tenöre denke, dann kommt mir die FDP in den Sinn. Die Freien Demokraten stellten den ersten Bundespräsidenten. Sie waren jahrelang in Regierung, und ein FDP-Schwergewicht (und das meine ich jetzt ganz wörtlich) hat die deutsche Einheit gemanagt. Die Liberalen waren aus dem Bundestag nicht wegzudenken.
Und nun?
Und nun?

Ich denke, es ist an der Zeit aufzuhören, und zwar bevor man aus der LETZTEN Regierung und aus dem LETZTEN Landtag geflogen ist. Bevor man stolz sagt: «Aber in Winsen an der Aller sind wir im Gemeinderat», bevor man verkündet: «In Vogtsburg (Kaiserstuhl) stellen wir den Bürgermeister», bevor dann auch auf der Gemeindeebene tote Hose ist.
Nein.
Wir timen die Auflösung der FDP auf den 30. Mai und machen eine grosse Fete.

Der 30. Mai ist ein guter Tag, nicht deshalb, weil es einmal einen Karnevalsschlager «Am 30. Mai ist der Weltuntergang» gab, sondern weil da das Hambacher Fest war, sozusagen die Anfänge der Liberalität – und das Ende dann eben auch dann.

Es wird zunächst ein vielfältiges Kulturprogramm geben. Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Auftragskomposition «Das Ende», die Zeilen aus einem Hesse-Gedicht vertont:
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Das Hauptthema nimmt die Buchstaben A – D – E – F – D – (P) als schöne Mollmelodie. (Wer es kann, singt das jetzt mal, es klingt wirklich schön.)

Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt der Chansonette Margot Agnastrazi – Sie ahnen, wer sich dahinter verbirgt: Agnes Strack-Zimmermann trägt Brecht-Songs vor, viel Dreigroschen, und hier natürlich ihr Lieblingslied, der Kanonen-Song:
Soldaten wohnen
Auf den Kanonen
Von Cap bis Couch Behar.

Dann wird getanzt, und wer jetzt meint, Politiker seien keine guten Tänzer, der soll sich erst einmal die Videos vom Bundeskanzler anschauen, da können die Liberalen absolut mithalten.

Und später gibt es Alkohol – das erste Mal seit Jahren (und auch das letzte Mal), dass die FDP mit irgendetwas über 20% zu tun hat.

Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Aber er hat jetzt ein grosses, tolles und auch für ihn letztes Engagement. Er singt als Ausklang der grossen FDP-Party
«Time to Say Goodbye»