Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –
Ja, gut, gut, möchte man hier dem Teufel zurufen, der das so schön in Faust II sagt. (Erinnern Sie sich? Faust II ist eines von den Werken, von denen jeder und jede, absolut jede und jeder betont, wie wichtig sie sind, die aber keine Sau gelesen hat…) Ja, gut, möchte man dem Mephisto zuschreien – aber ein bisschen Original gibt es doch schon, das dürfte doch schon sein?
Damit wir uns recht verstehen: Ich meine hier nicht «originell», ich meine «original». Das erste ist ja inzwischen meistens eine Rechtfertigung für jede Art von Unbenehmen (sic).
Wenn Sie bei einem Abendessen mit ihren potenziellen Arbeitgeber mit einem Faserstift ein Herz auf die Tapete malen, dann kann das lieb gemeint sein, es ist auf jeden Fall sehr originell, trotzdem ist es Sachbeschädigung und die Stelle bekommen Sie wahrscheinlich auch nicht.
Wenn Sie im Schluss-Amen des «Messiah» von G. Fr. Händel aufstehen und laut «Engführung! Umkehrung!» rufen, zeugt das von profunder Kenntnis der musikalischen Strukturen, es ist auch wahnsinnig originell, Sie werden sich damit aber keine Freunde machen – wahrscheinlich erhalten Sie im Konzertgebäude Hausverbot.
Ich meine also «original» und nicht «originell».
Original also.
Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie viele Tribute-Shows es zurzeit gibt? Ich habe auf einem Spaziergang in der Weihnachtszeit an jeder Hausecke ein Plakat gesehen: «Falco-Tribute-Show», «Die grosse Stones-Tribute-Gala», «Beatles-Tribute», «ABBA-Tribute», und so weiter, und so weiter, und so weiter. Es waren insgesamt 50 Stück. Am meisten gefiel mir ein Plakat, auf dem
DIE ÄLTESTE EAGLES-TRIBUTE-GRUPPE
stand. Das ist doch grossartig, hier wird also gesagt: «Hört mal her, Leute, wir sind die originalen Nachmacher von den Eagles, die anderen Nachmacher machen uns nach, sie machen uns also das Nachmachen nach, dabei sind wir die originalen Nachmacher…»
Als ich heimkam, fand ich einen Flyer für einen Dinner-Revue-Schuppen. Sie bieten im Januar, Februar, April, Juni, September, Oktober und Dezember je einen Abend mit Musik und Bühne und gutem Essen an – aber alles Tribute! Nicht eine einzige echte Nummer.
Aber auch in der Klassik macht sich zurzeit eine Unoriginalität (sic) breit, die einen stutzen macht:
Da hat der Alte-Musik-Spezialist Jan-Wilhelm van Doppendorst das Brimborium nachgebaut, ein Tripelrohrblattinstrument aus dem 16. Jahrhundert, das in manchen Stücken eingesetzt wurde und heute oft durch ein Englischhorn ersetzt wird. Aber weil es doch de facto relativ wenig Stücke für das Brimborium gibt, bearbeitet Jan-Wilhelm van Doppendorst wild durch die Renaissance- und Barockzeit: Bach, Doppelkonzert; Händel, Triosonaten; Pariser Tanzbuch, Couperin, Pieces de Clavecin; usw.
Entschuldigung,
wirklich Entschuldigung,
man kann doch kein Originalinstrument spielen und dann auf dem Originalinstrument lauter Bearbeitungen. Und wenn es halt insgesamt nur 145 Takte für Brimborium gibt, dann spielt man eben als Hyper-Spezialist diese 145 Takte.
Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –
Ja, gut, aber ein wenig original darf schon sein.
Und so postulieren wir die Originalität als vierten und letzten Vorsatz für das Jahr 2026.
P. S. «Engführung» heisst, ein Thema, eine Melodie setzt ein, bevor die andere Stimme zu Ende ist, «Umkehrung» ist eine Spiegelung des Themas.
Freitag, 16. Januar 2026
Gute Vorsätze (4): Originalität
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