Anonym
(12. Jahrhundert)
Dû
bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.
Stopp mal!
Nee, stopp mal wirklich!
Das ist doch jetzt eine echte
Schweinerei. Das ist so was von übergriffig, da bleibt mir die Spucke weg. Ich
gehöre also dir. Seit wann? Gibt es da einen Kaufvertrag? Notariell? Ach so,
das ist eine Schenkung – auf Gegenseitigkeit. Du hast dich mir geschenkt und ich
habe mich – ohne mein Einverständnis dir gegeben. Und das ist jetzt ok, oder
was? So nach dem Motto: Du gibst mir dein Auto und nimmst dafür alle meine
Bücher. Und ich sitze dann mit einem Opel, den ich in Basel City ja absolut
nicht brauche, da und habe nichts zu lesen. Oder du gibst mir eine Posaune und
nimmst mein E-Piano mit, und ich kann dann meine Partituren vorbereiten, in dem
ich in dieses Dings puste. Abgesehen davon, dass ich eh keinen Ton rausbringe,
hätten auch meine Nachbarn grosse Freude daran. Nee, so geht das nicht. Wenn du
mich willst, dann komme mit einem ordentlichen Vertrag und wir gehen zum Notar.
Geht aber auch nicht, der
Sklavenhandel ist in der Schweiz seit ??? abgeschafft – hatten wir überhaupt
einen ausser den Verdingkindern? – und ein solcher Vertrag gilt als
sittenwidrig, und sittenwidrige Verträge sind von vorneherein null und nichtig.
Behalt du dich also mal und ich behalte mich.
Und dann das mit dem Schliessen.
Du hast mich in dein Herz geschlossen. Will ich das? Ich kenne dich ja gar
nicht richtig.
Vielleicht hörst du Helene Fischer oder – noch schlimmer – gehst an die
Auftritte dieser Plastik-Barbie und grölst «Atemlos durch die Nacht» mit,
während sechshundert halbnackte Tänzer die viermal geliftete Diva umwirbeln.
Vielleicht gibt es für dich nichts Grösseres, als die Wochenenden auf
dem Motorrad zu verbringen, laut donnernd und wahnsinnig schnell, nach dem
Motto: Meine Honda fährt zwar auch mit Kraftstoff, der CO2 produziert, aber ein
bisschen Spass muss sein.
Vielleicht twitterst du irgendwo, dass Trump es doch «eigentlich ganz
gut macht.»
Vielleicht hast du «auch schon einmal ein Buch gelesen», aber das war
in der 9. Klasse und deine Mutter musste dich mit der Pistole dazu zwingen,
weil du sonst den Deutsch-Test versaut hättest.
Vielleicht trägst du aufgeschnittene Hosen.
Vielleicht…
Vielleicht…
Vielleicht…
Nee, ich möchte schon ein wenig Mitsprache haben, wer mich ins Herz
schliesst.
Und dann verlierst du den Schlüssel!
Man sollte überhaupt keine Schlüssel verlieren, keine Hausschlüssel,
keine Wohnungsschlüssel, erst recht keine Schlüssel von Büros und
Arbeitsstätten, auch auf die Schlüssel vom Vereinsheim oder von der Turnhalle
sollte man aufpassen. Stelle dir vor, Petrus hätte die Schlüssel des
Himmelreichs verloren, dann kämen wir jetzt alle in die Hölle. Stelle dir vor,
der Major der City of London müsste der Queen sagen: «Majestät,
traditionsgemäss kriegst du jetzt hier den Schlüssel, aber ich habe ihn
verhühnert.»
Aber den Schlüssel deines Herzens zu verlegen, zu verschusseln, den
Schlüssel zu dem Ort, wo ich jetzt drinstecke, ist bodenlos. Ich will da wieder
raus. Und zwar ernsthaft.
Wir haben nun mehrere Möglichkeiten:
1) Wir sprengen dein Herz. Tut
zwar ein wenig weh, und vielleicht bricht es auch dabei, aber das kann ich
nicht ändern.
2) Wir holen einen Schlüsseldienst. Ist sanfter, kostet aber eine
Kleinigkeit. Die Herz-Aufschliesser-Dienste nennen sich übrigens
Psychotherapie.
3) Beste Lösung: Du suchst. Und suchst. Und suchst weiter. Irgendwo muss
der verdammte Herzschlüssel ja sein. Wo hast du ihn zuletzt gesehen?
Nachdenken.
4) Wenn du katholisch bist, dann kannst du auch zu Antonius beten.
Allerdings will der auch Geld, zu zahlen in die Antoniuskasse in der nächsten
Kirche.
Jedenfalls möchte ich alles sofort rückgängig.
Ich will dich nicht.
Du gibst mich frei.
So einfach ist das.
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