Freitag, 23. Januar 2026

Utopie: Wir teilen die Welt auf

Ich habe am 25. November letzten Jahres einen Post geschrieben, in dem ich unter dem Stichwort «Utopist» zwei Ideen von mir gezeigt habe:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.

Nun habe ich aber angesichts der politischen globalen Lage gesehen, dass man die Sache vielleicht von oben her angehen müsste. Vielleicht sollten erst einmal die mächtigen der Welt formulieren, welche Gebiete sie haben, und welche sie loswerden möchten. Ich stelle mir da eine Art Tauschbörse vor, so, wie man das ja in alten Zeiten immer gemacht hat.

Die Methode «jede und jeder sagt, was er oder sie will» ist nämlich gar nicht schlecht. Mir fallen hier zwei Situationen ein, zwei Situationen, in denen es gar nicht anders ging, als alle Bedürfnisse zu sichten und zu verhandeln – nämlich, weil man eine Lösung brauchte.

Am ersten Tag des Semesters trafen sich alle Studierenden meiner Klavierprofessorin, Annekathrin Klein, in ihrem Zimmer und wir machten den Stundenplan. Es gab, da sie sich am Nachmittag um ihre Söhne kümmern musste, die Stunden um 7.30, 8.30, 9.30 und 10.30 an den Tagen von Montag bis Freitag. Also wurden alle Wünsche aufgeschrieben, und dann wurde verhandelt: «Jens, könntest du auch Freitag 9.30?» «Anita, ist Dienstag, 10.30 die einzige Möglichkeit?» Also, hat man mir so gesagt. Ich war immer nach fünf Minuten draussen, meine absolute Traumstunde (Montag 7.30) machte mir niemand streitig…

Genauso, nach dem gleichen Verfahren machten wir (der Klassenlehrer und ich) immer die Aufteilung der Rollen bei unseren Musicals. Alle Schülerinnen und Schüler schrieben ihre Wünsche auf, und dann schrieben wir das an die Tafel und es wurde diskutiert. Und sehr oft war es einfach, weil es gar nicht so viele Überschneidungen gab. Und wenn es doch schwierig war, dann fanden wir kreative Lösungen. So wurden manchmal aus zwei Polizisten drei, oder ein Mann bekam ausser seiner Frau noch eine Schwägerin…

So.
Und genauso könnte man doch eine Haben-und-Weghaben-wollen-Konferenz gestalten. Alle Staaten der Erde treffen sich, und dann soll jeder Machthaber, jeder Staatspräsident, jede Königin und jede Kanzlerin sagen, welche Region sie haben und welche Region sie losbekommen möchte. Vielleicht mit Begründung.

Und da steht dann zum Beispiel auf der Tafel:

USA: will Grönland und Venezuela. (Bodenschätze)
RUSSLAND: will Ukraine, Baltikum, Moldawien und Georgien (alte UDSSR wiederherstellen)
CHINA: will Taiwan (gehört zum Land)
SCHWEIZ: will das Wallis loswerden (muss man nach der zu-wenig-Kontrolle-Katastrophe eigentlich nicht begründen), will die Balearen (als Segelnation braucht man ein Meer)
DEUTSCHLAND: will den Osten loswerden (so vermeidet man einen AfD-Landeschef eines BRD-Bundeslandes)
ITALIEN: will den Mezzogiorno loswerden (arm + Mafia + Flüchtlinge)
usw.
usw.
usw.

Nun kommt man ins Diskutieren:
Kann man Trump das Wallis anbieten und er verzichtet auf Grönland? Immerhin hat das Wallis ACHT Golfplätze (darunter den höchstgelegenen in Europa) und Grönland hat nur ZWEI.
Kann man Putin Sachsen-Anhalt und Brandenburg anbieten und er lässt das Baltikum in Ruhe?
Könnte die Schweiz auch Vulcano und Stromboli nehmen und die Balearen lassen?
Und am Ende findet man sehr, sehr, sehr schöne und kreative Lösungen…

Ich habe am 25. November letzten Jahres einen Post geschrieben, in dem ich unter dem Stichwort «Utopist» zwei Ideen von mir gezeigt habe:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.
Und wir ergänzen:
* Wir fragen jeden Machthaber, welche Regionen er HABEN und welche er LOSWERDEN möchte.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 20. Januar 2026

Nachruf Erich von Däniken

Nun mussten wir uns auch von dem bekanntesten Schweizer Bücherschreiber verabschieden.
Dürrenmatt? Der ist längst tot – und war nicht der bekannteste.
Frisch? Genauso.
Wen ich meine? Nun, ich habe bewusst «Bücherschreiber» und nicht «Dichter» oder «Schriftsteller» geschrieben. Man könnte auch «Publizist» sagen. Oder «Autor».
Wen ich meine?
Erich von Däniken.

Der Gute hat ca. 70 Millionen Bücher verkauft und ist in 30 Sprachen übersetzt. In meiner Jugend stand sicher nicht in jeder Hausbibliothek ein Dürrenmatt (zu links) oder ein Frisch (noch linker) oder gar ein Muschg (Kommunist!), nein, aber ein Exemplar von «Die Götter waren Astronauten» oder «Erinnerungen an die Zukunft» fand sich in jedem Bücherschrank. Und wenn – was häufig vorkam, die Biederfamilie keine Bibliothek besass, sondern nur eine Schrankwand Eiche rustikal, so eine dieganzewohnzimmerwandausfüllendes Ungetüm, in dem der Fernseher stand, die Hausbar, 75 Nippes-Sachen und vielleicht 40 Bücher, so war neben Konsalik und Simmel eben auch immer der gute Schweizer dabei.
Und nicht die erzlinken Dürrenmatt, Frisch und Muschg.

Von Dänikens Grundthese, die er wie ein Leitmotiv, eine Idée fixe immer wieder variierte, veränderte, neu gruppierte, die er sang, spielte, die er schrieb und redete, war:
Das, was im kollektiven Gedächtnis der Menschen als «Götter» geblieben ist, waren Ausserirdische, die unseren Planeten besuchten, und dem Homo Sapiens alles beibrachten, was er benötigt. Und sie haben Spuren hinterlassen. Und sie werden wieder kommen. Unermüdlich bereiste der gelernte Gastronom die Welt, um Spuren zu finden, um seine Grundthese zu belegen.

Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist brillant.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist spannend.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist eloquent.
Sie hat nur einen Nachteil: Sie ist kompletter Schwachsinn. Kompletter Scheissdreck (sit venia verbo). Kompletter Bullshit.

Ich gehe jetzt gar nicht auf die einzelnen Punkte ein. Hier haben genügend Wissenschaftler ganze Arbeit geleistet, unter anderem der von mir so geschätzte Hoimar von Ditfurth, der seine «Querschnitt»-Sendung nicht nur nutzte, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen (in den 70ern!), sondern auch sehr schön Däniken widerlegte.
Nein.
Ich muss auf die einzelnen Punkte nicht eingehen.

Die wichtigste Frage, die der gute Schweizer nie beantworten konnte: Was um alles in der Welt haben Ausserirdische auf diesem Punkt des Weltalls verloren? Der Kosmos ist riesig, ich meine, wirklich riesig, unvorstellbar riesig, und in diesem riesigen Kosmos schweben Millionen von Galaxien, Milliarden von Sonnensystemen, und natürlich hat es irgendwo Leben (vielleicht auch in einer ganz anderen Form). Warum aber sollten sich diese Lebensformen unserer Erde nähern? Und wenn doch – das ist die viel heiklere Frage – warum sollten sie landen?
Wenn Sie von Basel nach Berlin fahren, dann kommen Sie durch unzählige hässliche Gemeinden, Orte, die in den 60ern aus dem Boden gestampft wurden, da sehen Sie so viel Unarchitektur (sic), so viel Eingänge mit Glasbausteinen und so viele Gartenzwerge, da wird Ihr Auge von so vielen Baumärkten und Mehrzweckhallen beleidigt, dass Sie gar nicht so schnell kotzen wie gucken können. Und sicher sind Sie froh, wenn Sie an Dümpelstetten-Haselstein und Gross-Werla, wenn Sie an Pumpburg an der Sohle und Flusserleben an der Flusser mit 300 km/h vorbeirasen können. Und ganz sicher werden Sie in keinen Regionalzug umsteigen, um Dümpelstetten-Haselstein und Gross-Werla, um Pumpburg an der Sohle und Flusserleben an der Flusser zu besuchen.
Sehen Sie.
Und genauso geht es Aliens mit unserem Planeten: Sie werfen einen kurzen Blick und Tschüss. Nicht landen! Sicher nicht!

Erich von Däniken ist am 10. Januar 2026 in Interlaken gestorben.
Seine Thesen haben uns begeistert und erfreut, sie sind eloquent und brillant.
Aber leider totaler Bullshit.



Freitag, 16. Januar 2026

Gute Vorsätze (4): Originalität

Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Ja, gut, gut, möchte man hier dem Teufel zurufen, der das so schön in Faust II sagt. (Erinnern Sie sich? Faust II ist eines von den Werken, von denen jeder und jede, absolut jede und jeder betont, wie wichtig sie sind, die aber keine Sau gelesen hat…) Ja, gut, möchte man dem Mephisto zuschreien – aber ein bisschen Original gibt es doch schon, das dürfte doch schon sein?

Damit wir uns recht verstehen: Ich meine hier nicht «originell», ich meine «original». Das erste ist ja inzwischen meistens eine Rechtfertigung für jede Art von Unbenehmen (sic).
Wenn Sie bei einem Abendessen mit ihren potenziellen Arbeitgeber mit einem Faserstift ein Herz auf die Tapete malen, dann kann das lieb gemeint sein, es ist auf jeden Fall sehr originell, trotzdem ist es Sachbeschädigung und die Stelle bekommen Sie wahrscheinlich auch nicht.
Wenn Sie im Schluss-Amen des «Messiah» von G. Fr. Händel aufstehen und laut «Engführung! Umkehrung!» rufen, zeugt das von profunder Kenntnis der musikalischen Strukturen, es ist auch wahnsinnig originell, Sie werden sich damit aber keine Freunde machen – wahrscheinlich erhalten Sie im Konzertgebäude Hausverbot.
Ich meine also «original» und nicht «originell».

Original also.
Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie viele Tribute-Shows es zurzeit gibt? Ich habe auf einem Spaziergang in der Weihnachtszeit an jeder Hausecke ein Plakat gesehen: «Falco-Tribute-Show», «Die grosse Stones-Tribute-Gala», «Beatles-Tribute», «ABBA-Tribute», und so weiter, und so weiter, und so weiter. Es waren insgesamt 50 Stück. Am meisten gefiel mir ein Plakat, auf dem
DIE ÄLTESTE EAGLES-TRIBUTE-GRUPPE
stand. Das ist doch grossartig, hier wird also gesagt: «Hört mal her, Leute, wir sind die originalen Nachmacher von den Eagles, die anderen Nachmacher machen uns nach, sie machen uns also das Nachmachen nach, dabei sind wir die originalen Nachmacher…»
Als ich heimkam, fand ich einen Flyer für einen Dinner-Revue-Schuppen. Sie bieten im Januar, Februar, April, Juni, September, Oktober und Dezember je einen Abend mit Musik und Bühne und gutem Essen an – aber alles Tribute! Nicht eine einzige echte Nummer. 

Aber auch in der Klassik macht sich zurzeit eine Unoriginalität (sic) breit, die einen stutzen macht:
Da hat der Alte-Musik-Spezialist Jan-Wilhelm van Doppendorst das Brimborium nachgebaut, ein Tripelrohrblattinstrument aus dem 16. Jahrhundert, das in manchen Stücken eingesetzt wurde und heute oft durch ein Englischhorn ersetzt wird. Aber weil es doch de facto relativ wenig Stücke für das Brimborium gibt, bearbeitet Jan-Wilhelm van Doppendorst wild durch die Renaissance- und Barockzeit: Bach, Doppelkonzert; Händel, Triosonaten; Pariser Tanzbuch, Couperin, Pieces de Clavecin; usw.
Entschuldigung,
wirklich Entschuldigung,
man kann doch kein Originalinstrument spielen und dann auf dem Originalinstrument lauter Bearbeitungen. Und wenn es halt insgesamt nur 145 Takte für Brimborium gibt, dann spielt man eben als Hyper-Spezialist diese 145 Takte.

Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Ja, gut, aber ein wenig original darf schon sein.
Und so postulieren wir die Originalität als vierten und letzten Vorsatz für das Jahr 2026.

P. S. «Engführung» heisst, ein Thema, eine Melodie setzt ein, bevor die andere Stimme zu Ende ist, «Umkehrung» ist eine Spiegelung des Themas.

 

Dienstag, 13. Januar 2026

Gute Vorsätze (3): Tramtüre aufhalten!

Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien.

Wenn man – wie ich es tue – mit Schülern im Einzelunterricht Texte liest, kommt man immer auch bei Theaterstücken vorbei, und hier sicher auch an Stellen, wo einfach geschrien werden muss. Alfred Ill kann im 3. Akt der «Alten Dame» sein «Mein Gott» nicht leise sagen, immerhin haben die Güllener ja gerade seinen Tod beschlossen, nein, wenn ich den Ill lese, dann rufe ich wirklich
MEIN GOTT
und im benachbarten Stillarbeitsraum horcht man auf: Herr Herter liest wieder einmal Dürrenmatt…

Ich schreie auch, wenn ich in der MIGROS oder im COOP jemanden sehe, den ich seit Tagen zu erreichen versuche, wenn dann Marco, der auf keine Mail antwortet und kein Telefon abnimmt und auch WhatsApp nicht bedient, in der Gemüseabteilung steht, während ich bei der Wurst bin (40 Meter Abstand), dann rufe ich auch ganz laut
MAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARCOOOOOOOOOOOOOOO
einfach, weil ich weiss, wenn er jetzt nicht auf mich aufmerksam wird, dann erwische ich ihn wieder 6 Tage nicht…

Ich schreie auch, wenn ich glücklich bin.
Wenn ich die Nachricht bekomme, dass eine Schülerin eine Lehrstelle hat, wenn das Hotel schreibt, dass das mit dem Betten zusammenstellen klappt, wenn meine Kollegin für die Vertretung zusagt, wenn ein alter Kumpel mich in die Ferien einlädt, dann lasse ich einen lauten Juchzer
JIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIPPPPPPPPPPPPPPPPPPPIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEEE
los, egal, ob ich im Tram oder auf der Strasse oder zuhause bin.

Und ich schreie
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.

Es ist nämlich nicht mehr so, dass Menschen, die eine Strassenbahn verlassen, bemerken, dass hier jemand mit hängender Zunge auf sie zugelaufen kommt. Sie steigen aus dem Tram und blicken schnurstracks auf ihr Handy und sind sofort wieder ganz woanders. Dabei wäre es so praktisch: Sie sind an der Türe, können auf der letzten Stufe stehenbleiben, bis ich da bin, das sind meist nur noch ein paar Sekunden. In der Zeit aber, die ich brauche, um dahin zu gelangen, blockiert der Fahrer die Türen, und selbst wenn ich 7 Sekunden später da bin, dann stehe ich zwar am Tram, komme aber nicht mehr hinein.
Daher mein
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
Und ich kann nur hoffen, dass der oder die an der Tramtüre keine Airpods drin hat, sonst nützt das nämlich alles nicht.

Früher, früher, in der guten alten Zeit, da wären die Leute auch drinnen in der Strassenbahn auf mich aufmerksam geworden. Die hätten nämlich aus dem Fenster gesehen, hätten gemerkt, dass da ein Mann auf das Tram zu rennt. Und dann wären sie aufgestanden und hätten den Türknopf gedrückt.
Lange.
Lange.
So lange, bis ich die Türe erreicht gehabt hätte. Aber heute blicken alle aufs Smartphone, sie gucken auf ihr iPhone oder ihr Android, sie sind auf WhatsApp oder Insta oder Snapchat oder YouTube oder «nur» am Chatten oder Telefonieren, aber sie achten nicht auf mich.

Natürlich, Basel ist eine Stadt, in der der ÖV relativ luxusmässig ausgebaut ist. Man muss nur 7-8 Minuten aufs nächste Tram warten. Aber auch diese Minuten können sehr lange sein…

Also noch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Helfen wir anderen Menschen, die Strassenbahn zu erreichen. Bleiben wir an der Türe stehen. Drücken wir auf den Knopf.

Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien. Ich schreie AUFHALTEN! wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.
Und ich würde das gerne nicht mehr tun müssen.















 

     

 

 

Freitag, 9. Januar 2026

Gute Vorsätze (2): Ehrlichkeit

Lieber Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich noch an den Post, den ich am Silvestertag des Jahres 2024 veröffentlichte? Es ging hier um «Klolektüre».
Ich schrieb damals:

Wir bekommen diese Klolektüre von einer ehemaligen Nachbarin und «Glückspost», «Gala», «Frau im Spiegel» und «Schweizer Illustrierte» stapeln sich auf einem Hocker neben dem Waschbecken. Seit wir diese Stapel erhalten, bin ich nun immer über die wichtigen Dinge informiert, über die Sorgen und Nöte der gekrönten Häupter, über die Glücksrezepte der Stars, über die Wohnungen der Popgrössen und über die Geheimnisse der Reichen und Schönen.

In einem dieser Hefte, in der FARBIGEN, lese ich von der Trennung zweier Hochadliger, die sich «auseinandergelebt» haben, Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen gehen seit ein paar Monaten eigene Wege.
Wobei Amor schon wieder seine Pfeile verschossen hat: Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt ist frisch in den dänischen Millionenerben Nils Nielsen verliebt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen brennt für die russische Milliardärin Olga Machunowska.
Beide sind zu haben, denn Nils Nielsen hat sich gerade von einem Victoria’s Secret-Model getrennt und Olga von einem jungen Mann, der für CK posierte.
Schön, wie sich hier doch Herz zu Herzen findet…


Man könnte, wenn man ganz böse ist, die Geschichte aber auch anders lesen.
Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen haben gemerkt, dass der und die andere das, was man braucht, nicht bietet. Nämlich Geld. Knete. Money. Penunzen. Kohle. Moos. Der oder die andere ist zwar adlig, aber das ist man selber, «von und zu» steht im eigenen Namen. Und Doppel-Adel finanziert halt auch noch nicht die 56 Zimmer-Villa, die 20 Leute Personal und den Rolls-Royce. Also guckt man sich nach Geld um – und wird fündig.
Und Nils und Olga wollen nun genau das, was man bietet: Adel. Sie haben bisher sich mit Beauty gepaart, aber Beauty ist vergänglich, Adel ist es nicht.
Die Story ist übrigens nicht neu – schauen Sie sich einmal den «Rosenkavalier» an: Ochs von Lerchenau bietet alten Adel und will Geld. Knete. Money. Penunzen. Kohle. Moos. Und Faninal hat unendlich Geld, ist sogar neugeadelt, aber braucht den Zugang zum alten, wichtigen Adel.

Die zweite Version ist nun die ehrliche, die klingt natürlich nicht so herzerweichend, nicht so Pilcher-mässig, nicht so schön kitschig. Aber es ist die ehrliche Version. Und so ein bisschen mehr Ehrlichkeit täte uns doch allen gut.

So könnten doch Trump und Putin eine Pressekonferenz abhalten, in der sie das Folgende erklären:
«Leute, hört mal her. Wir sehnen uns nach der Guten Alten Zeit. In jener Zeit gab es zwei grosse Mächte, die waren verfeindet, und jede Macht hatte einen Präsidenten, und die Präsidenten hassten sich, aber es war ein guter, ein grosser Hass, ein Hass auf Augenhöhe, und diese beiden Staaten, diese beiden Männer, die teilten die Welt auf. Und in dem Punkt waren sie sich einig. Wenn also die USA ein Land besetzten, dann wartete man, ob die UDSSR zuschlug, wenn nicht, dann war das ok. Und wenn die UDSSR in ein Land einfielen, dann horchte man, was kommt aus Washington, und kam da nix, blieb man in dem Gebiet.
Aber nun ist die Welt von Kleingemüse, das kein Mensch braucht, China, Indien, Scheiss-EU, und Afrika ist auch schon im Kommen. Braucht kein Mensch. Wir wollen zurück in die Gute Alte Zeit.»

Wäre schockierend.
Aber ehrlich.
Sehr, sehr, sehr ehrlich.

Ob wir dann den ehrlichen Äusserungen glauben, oder sie (wie der Herr Biedermann im nach im benannten Theaterstück) einfach wegwischen, steht auf einem anderen Blatt.





Dienstag, 6. Januar 2026

Gute Vorsätze (1): Einfachheit und Klarheit

Ich habe auf der Silvesterparty, auf der ich war, einen interessanten Mann getroffen. Auch einen verwirrenden und verstörenden, denn irgendwie ist alles an ihm ein bisschen mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge.
Da er anonym bleiben möchte, nennen wir ihn Damian.

Damian hat sowohl Jura (in München und Berlin) als auch Geschichte (in Berlin und Hamburg) studiert, in beiden Fächern promoviert und hat europaweit den einzigen Lehrstuhl für Geschichte der Medizingeschichte inne. Damian ist es gewohnt, dass die Leute bei seinem Job die Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen, sodass er mir schon antworten konnte, bevor ich etwas sagte. Es gebe, so er nüchtern, Historikerkollegen, die sich auf die «Geschichte der Informatik» spezialisiert hätten, da würde niemand die Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen, dabei sei die Informatik ja viel jünger als die Medizingeschichte, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sei.

Ich hörte dann auch auf, die Augenbrauen hochzuziehen, die Stirne zu runzeln und den Mund schiefzulegen, sondern hörte mir noch ein bisschen mehr über Damians Leben an, aber irgendwie schien alles bei ihm in die Richtung mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge zu gehen, und so kam ich aus dem Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen gar nicht heraus.

Damian hat drei extrem schräge Hobbys. Er singt in einer Cover-Band, er sammelt Fotografien und reist gerne zu speziellen Zielen.
Klingt jetzt noch nicht schräg, da müssen wir ins Detail gehen.

Die Cover-Band «Best Boys» hat sich auf Songs wie «Show Me the Way to the Next Whiskey Bar» (Doors), «With a Little Help from My Friends» (Cocker) oder «Morning Has Broken» (Stevens) spezialisiert. Das Lustige ist jetzt, dass alle diese Songs ja auch schon Übernahmen von anderen Quellen sind. Die Doors singen eigentlich hier ein Brecht/Weil-Produkt (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny), Cocker singt ein Beatles-Lied und Cat Stevens nimmt eine alte, alte, sehr alte, uralte irische Weise. Die «Best Boys» sind also genau genommen eine Cover-Cover-Band.

Damian sammelt Fotografien, auf denen Fotografen und Fotografinnen dargestellt sind. Da hat zum Beispiel die Assistentin von Candida Höfer die Meisterin beim Herumlaufen mit der Kamera in einem grossen Dom abgelichtet, wo sie den besten Blickwinkel sucht. Da hat zum Beispiel ein Schüler von Thomas Demand ihn beim Zurechtschneiden seiner Pappe fotografiert. Da blicken einem Leibowitz, Doisneau und viele andere MIT der Kamera IN die Kamera.

Ja, und die Reiseziele? Madurodam in Den Haag, Swiss Miniatur in Melide, Miniatur Wunderland in Hamburg. Und da steht er dann quasi immer doppelt in einem Land. So kann er zum Beispiel in Den Haag noch einmal nach Den Haag laufen und sich vor den Buitenhof (oder den Binnenhof) stellen.

Finanzieren tut sich Damian seine Hobbys nicht nur mit seiner Professur für Geschichte der Medizingeschichte (er ist immerhin Ordinarius), sondern auch mit Aktiengeschäfte, aber auch hier kauft er nicht einfach Anteilscheine, sondern – wie könnte es anders sein! wie könnte es anders sein! – Produkte, deren Wert sich von der Wertentwicklung einer bestimmten Aktie ableitet; die also auf steigende oder fallende Kurse spekulieren, sogenannte Derivate.

Als ich den Burschen auf seine aktuellen Lieblingsbücher anspreche, fällt (natürlich!) sehr bald der Titel «Die Holländerinnen», das Werk, das (Warum? Warum? Warum?) den deutschen UND den Schweizer Buchpreis bekommen hat. Hier wird die Geschichte einer Theatertruppe erzählt, die zwei verschollenen Holländerinnen nachspürt, und die während ihrer Suche auch sich noch einmal Geschichten erzählt, und die ganze Story wird in der indirekten Rede gesprochen, vom Pult einer Bühne statt einer erwarteten Poetikvorlesung…
Ich brauchte nach der Lektüre Psychopharmaka, um mein armes Hirn einigermassen wieder in die richtige Stellung zu bekommen.

Ich habe auf der Silvesterparty, auf der ich war, einen interessanten Mann getroffen. Auch einen verwirrenden und verstörenden, denn irgendwie ist alles an ihm ein bisschen mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge.

Einfachheit, Klarheit wäre doch ein guter Neujahrs-Vorsatz.

 

 

 

Freitag, 2. Januar 2026

Warum es keine Jahresvorausschau gibt

Ein frohes und gesundes und erfolgreiches und tolles und genussvolles und kunstreiches und friedvolles und schönes 2026!

Das war ein lustiger Silvesterpost, nicht? Praktisch konkrete Poesie, ich habe einfach die Überschriften aller Beiträge zusammengefügt.
Nun wurde ich gefragt, ob ich nicht das Gleiche für 2026 machen könnte, sozusagen als «Vorausschau».
Hier gibt es eine klare Antwort:
Nein. Kann ich nicht. Die Zukunft bleibt ungewiss.

Natürlich kann ich gewisse Posts und Postfolgen, kann ich bestimmte Abläufe voraussagen.
Es wird sicher ein paar Blogpausen geben. Das kann ich jetzt schon mitteilen, einfach, weil es in den letzten Jahren immer ein paar Pausen gab. Manchmal war ich im Stress, manchmal war ich an Orten, wo das Netz nicht ging, manchmal fiel mir nichts ein. Ein paar Lücken im Blog-Geschehen wird es also geben, nur wann, das ist ungewiss.
Genauso wird es Reisen geben. Und nach jeder dieser Reisen gibt es dann auch wieder mehrere Folgen Impressionen. Wohin? Wollen Sie sich nicht überraschen lassen? OK, dann ein wenig verschlüsselt: Eine Reise wird uns wieder einmal in meine «dritte Heimat», zum Vorbild von Unter den Linden, und eine zweite Reise in meine echte Heimat, und dann…, nein, wir bleiben bei der Überraschung.

Nun haben wir also ca. 28 Termine abgedeckt (zweimal Pause mit 6, je 4 für die vier Reisen), bleiben immer noch 104 minus 28 gleich 76.
Und diese sechsundsiebzig kann ich nicht vorher schreiben. Gut, 75, den heutigen müssen wir ja mitrechnen…

Warum kann ich nicht sagen, was im März passiert? Weil ich nicht Janus bin. Der römische Gott wird stets mit zwei Köpfen dargestellt, mit denen er nach vorne und hinten, ins Licht und ins Dunkel, in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen kann. Nicht umsonst heisst der «Januar» nach ihm.

Wäre es aber ein Vorteil, zu wissen was passiert? Ohne es ändern zu können? Denn wenn ich die Zukunft ändern kann, dann stimmt die Voraussage ja nicht mehr. Wenn ich janushaft sehe, dass meine Wolldecke im Mai von Motten zerfressen wird und ich sprühe sie jetzt kräftigst mit Naphthalin ein und sie bleibt dann heil, dann hat ja die Schau nicht gestimmt, das umgekehrte Grossvater-Paradox.
(Kleine Randbemerkung: Natürlich habe ich kein Naphthalin mehr, das ist verboten, früher fuhren wir von Freiburg aus mit Leidenschaft über die Grenze zu den Galliern, die das noch erlaubten, direkt in France warben schon riesige Schilder «Anti-Mite», nun hat aber die EU zugeschlagen und es überall verboten…)

Aber was, wenn man die Zukunft sehen, aber nicht ändern kann? Ist ja eigentlich komplett doof. Wobei eine Gestalt hier anders denkt:
«Kassiopeia», erklärte Meister Hora, «kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. Nicht viel, aber immerhin so etwa eine halbe Stunde.» «GENAU!» erschien auf dem Rückenpanzer.
Dann erklärt Hora, dass die Schildkröte immer genau weiss, was geschieht, es aber nicht vermeiden kann. Im Falle der vorangegangenen Flucht wusste das Tier, dass sie den grauen Herren NICHT begegnen würden. Und das sei doch immerhin etwas.
Gut, darüber kann man streiten…

Manchmal kann man natürlich auch die Zukunft «herbeischreiben», meistens negativ, aber dafür bin ich zu klein. Die grossen Medien könnten (wenn sie es wollten), das Ende der Regentschaft Merz «heranpublizieren»: HÄLT DER KANZLER DURCH? MERZ BALD AM ENDE? SCHAFFT FRIEDRICH NOCH EIN JAHR? Wenn man das genug schreiben tut, dann wird es irgendwann Wahrheit. Aber dann kippt alles und wir haben die AfD. Und wer will das schon? (ausser Weidel…)

Ich werde auf jeden Fall keine Liste der Themen des Jahres 2026 hier veröffentlichen.

Ein frohes und gesundes und erfolgreiches und tolles und genussvolles und kunstreiches und friedvolles und schönes 2026!
Lassen Sie sich von den Posts überraschen!