Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien.
Wenn man – wie ich es tue – mit Schülern im Einzelunterricht Texte liest, kommt man immer auch bei Theaterstücken vorbei, und hier sicher auch an Stellen, wo einfach geschrien werden muss. Alfred Ill kann im 3. Akt der «Alten Dame» sein «Mein Gott» nicht leise sagen, immerhin haben die Güllener ja gerade seinen Tod beschlossen, nein, wenn ich den Ill lese, dann rufe ich wirklich
MEIN GOTT
und im benachbarten Stillarbeitsraum horcht man auf: Herr Herter liest wieder einmal Dürrenmatt…
Ich schreie auch, wenn ich in der MIGROS oder im COOP jemanden sehe, den ich seit Tagen zu erreichen versuche, wenn dann Marco, der auf keine Mail antwortet und kein Telefon abnimmt und auch WhatsApp nicht bedient, in der Gemüseabteilung steht, während ich bei der Wurst bin (40 Meter Abstand), dann rufe ich auch ganz laut
MAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARCOOOOOOOOOOOOOOO
einfach, weil ich weiss, wenn er jetzt nicht auf mich aufmerksam wird, dann erwische ich ihn wieder 6 Tage nicht…
Ich schreie auch, wenn ich glücklich bin.
Wenn ich die Nachricht bekomme, dass eine Schülerin eine Lehrstelle hat, wenn das Hotel schreibt, dass das mit dem Betten zusammenstellen klappt, wenn meine Kollegin für die Vertretung zusagt, wenn ein alter Kumpel mich in die Ferien einlädt, dann lasse ich einen lauten Juchzer
JIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIPPPPPPPPPPPPPPPPPPPIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEEE
los, egal, ob ich im Tram oder auf der Strasse oder zuhause bin.
Und ich schreie
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.
Es ist nämlich nicht mehr so, dass Menschen, die eine Strassenbahn verlassen, bemerken, dass hier jemand mit hängender Zunge auf sie zugelaufen kommt. Sie steigen aus dem Tram und blicken schnurstracks auf ihr Handy und sind sofort wieder ganz woanders. Dabei wäre es so praktisch: Sie sind an der Türe, können auf der letzten Stufe stehenbleiben, bis ich da bin, das sind meist nur noch ein paar Sekunden. In der Zeit aber, die ich brauche, um dahin zu gelangen, blockiert der Fahrer die Türen, und selbst wenn ich 7 Sekunden später da bin, dann stehe ich zwar am Tram, komme aber nicht mehr hinein.
Daher mein
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
Und ich kann nur hoffen, dass der oder die an der Tramtüre keine Airpods drin hat, sonst nützt das nämlich alles nicht.
Früher, früher, in der guten alten Zeit, da wären die Leute auch drinnen in der Strassenbahn auf mich aufmerksam geworden. Die hätten nämlich aus dem Fenster gesehen, hätten gemerkt, dass da ein Mann auf das Tram zu rennt. Und dann wären sie aufgestanden und hätten den Türknopf gedrückt.
Lange.
Lange.
So lange, bis ich die Türe erreicht gehabt hätte. Aber heute blicken alle aufs Smartphone, sie gucken auf ihr iPhone oder ihr Android, sie sind auf WhatsApp oder Insta oder Snapchat oder YouTube oder «nur» am Chatten oder Telefonieren, aber sie achten nicht auf mich.
Natürlich, Basel ist eine Stadt, in der der ÖV relativ luxusmässig ausgebaut ist. Man muss nur 7-8 Minuten aufs nächste Tram warten. Aber auch diese Minuten können sehr lange sein…
Also noch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Helfen wir anderen Menschen, die Strassenbahn zu erreichen. Bleiben wir an der Türe stehen. Drücken wir auf den Knopf.
Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien. Ich schreie AUFHALTEN! wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.
Und ich würde das gerne nicht mehr tun müssen.