Dienstag-Freitag-Glosse
Freitag, 30. Januar 2026
Warum muss ich alle Handygespräche mitbekommen?
Alles ist hier möglich, von guten Schulnoten bis zu Zahnschmerzen, vom Kinderwunsch bis zum Frieden auf der Welt, von der Rettung der Wale bis zu mehr Glück und Gesundheit für die alten Tante.
Ich bin froh, dass es die Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt, und ich bin froh, dass es diesen Sorgenstock gibt, denn ich fülle ihn nach jeder Fahrt mit Zettelchen und Zetteln, mit Papierlein und Papieren.
Nicht, dass ich so viele Sorgen hätte, nein, wo denken Sie hin!
Auf meinen Zetteln steht zum Beispiel:
HERR, schenke, dass der Unbekannte, der es nicht schafft, das Video der Politikerin so zu schalten, dass ihr Name richtig erscheint, weil er den Zugriff auf den Video-Account falsch gelegt hat, seine Sache in den Griff bekommt, und das Video mit dem richtigen Namen unterlegt wird und die Beschwerden aufhören.
HERR, schenke, dass der Mitarbeiter der Firma ATACOM AG, dem die magere strenge blonde HR-Tante verzweifelt zu erklären versucht, DASS und auch WARUM die ATACOM AG sich von ihm trennen muss, sich nicht weiter quer stellt, sondern einsichtig und reumütig geht und zur RAV trabt und neue Stellen sucht.
HERR, schenke, dass der junge Mann, der seinen Rucksack im Zug nach Bern liegen liess, und dem man sagte, dieses Gepäckstück sei in Basel, wo es aber nicht war, und der jetzt aufgeregt herumtelefoniert, seinen Rucksack wiederfindet.
HERR, schenke, dass der Werbekampagnen-Vorschlag, dessen Präsentation schon in einer Woche sein wird, angenommen wird, obwohl weder das Budget, noch die Idee, noch ein Arbeitsplan, noch irgendwelche Details klar sind, und dass der Kunde begreift, warum ein Schokoriegel unbedingt, und ohne Zweifel, und absolut notwendig von einem Tintenfisch angepriesen werden muss.
Nun werden Sie sich fragen, wie ich zu diesen Informationen komme. Ist der Video-Untertitel-Mensch auf mich zugegangen? Hat die magere strenge blonde HR-Schnepfe ihr Leid ausgeschüttet? Hat mir der junge Mann die Rucksack-Geschichte erzählt? Hat der Werber mir eine SMS geschrieben?
Nein.
Nein.
Es ist so:
Ich sitze, nachdem ich zwischen Solothurn und Olten in der S 20 einen ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten habe, im IC Olten-Basel und gönne mir im Restaurant einen Doppio. Das ist so ein bisschen «Ferien im Alltag» und Lebensqualität, dasitzen, lesen, hinausschauen und entspannen. Nun sitzen eben auch ganz viele andere Menschen dort, viele mit Handy oder Laptop oder Tablet, alle mit Kopfhörer und telefonieren.
Laut.
Unüberhörbar.
Deutlich.
Ich höre nur diese Menschen, nicht ihre Gesprächspartner, aber der Inhalt der Unterredungen ist doch ganz klar. Früher flüsterten solche Personen in ein kleines Mikro, aber das ist out, unmodern, nicht mehr en vogue. Man tut es laut. Und so bekomme ich das alles mit, und dann schreibe ich die Anliegen auf Zettel…
In der Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt es einen sogenannten «Sorgenstock». In diesen Kasten kann man Zettel mit allen möglichen Anliegen hineinwerfen.
Ich bin froh, dass es die Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt, und ich bin froh, dass es diesen Sorgenstock gibt, denn ich fülle ihn nach jeder Fahrt mit Zettelchen und Zetteln, mit Papierlein und Papieren.
Und das ist gut so, ich müsste den Gedankenkram sonst mit nach Hause nehmen.
P.S. Die Bahnhofskirche ist natürlich eine Erfindung.
Wäre aber doch eine gute Idee.
Dienstag, 27. Januar 2026
Der Doktor aus dem Weinland
Aus meiner eigenen Erfahrung heraus bin ich klar der Ansicht, dass man mit CzweiHsechsO (so die chemische Formel) sehr, sehr, sehr vorsichtig umgehen sollte. Das Zeug macht einem die Leber kaputt, kann hochgradig süchtig machen und richtet auch sonst üble Schäden an.
Nun kann man darüber streiten, ob CzweiHsechsO in vernünftigen Dosen vielleicht nicht schadet, ich staune aber immer wieder über Leute, die das Gegenteil behaupten. Nämlich, dass ein Glas Wein am Abend ausgesprochen gesund sei.
Wenn das stimmen täte würde, dann würde ich mich ja geradezu ungesund und fahrlässig verhalten; da ich auf mein Glas Rotwein zum Essen verzichte – und eben ein Wasser oder ein alkoholfreies Bier trinke, oder einen alkoholfreien Wein, der allerdings meist noch nicht an das Niveau seines Kollegen mit Umdrehungen herankommt – würde ich meinem Körper ja Schaden zufügen.
Einer, der die Botschaft vom «gesunden Alkohol» mit Verve verbreitet, ist der Internist Dr. Scholl. («Ein gut gefülltes Glas zum Essen – idealerweise mediterrane Küche – sei in der Regel gut für die Gesundheit und senke u. a. das Diabetes-Risiko»). Er hört nicht auf, zu sagen und zu schreiben: Trinkt ein Glas Wein, das ist gesund und wichtig und richtig für euch…
Was einen nun stutzig macht, das ist die Heimatgemeinde des werten Doktors. Er wäre sehr glaubwürdig als Norddeutscher, als einer von der Heide oder von der Hallig, einer von Weser oder Ems, als Friese oder Holsteiner, nun ist er aber kein Norddeutscher, keiner von der Heide oder von der Hallig, keiner von Weser oder Ems, kein Friese oder Holsteiner, der Gute ist Rheingauer.
Er ist aus Rüdesheim.
Aus einer der wichtigsten deutschen Weingegenden zu stammen, das macht ihn nun ein wenig befangen, wie kann man seriös über einen Stoff nachdenken, wenn alle die Freunde und Verwandten mit dem Stoff ihr Geld verdienen.
Und tatsächlich gibt es unter den unzähligen Winzern, Kellereien, Weingütern usw. in der Rheingaugemeinde auch ein Weingut Scholl. Ob die Besitzer allerdings direkte Familie oder Vettern ersten, zweiten oder dritten Grades sind, das war nicht herauszufinden.
Dr. Scholl ist aber auf jeden Fall befangen.
Befangenheit.
Ein Zustand, in dem ich in eine Sache so verwickelt bin, dass ich eigentlich nicht richtig meinen und urteilen kann. Logisch und klar – aber immer wieder verstossen Menschen in geradezu frecher Weise gegen dieses Prinzip.
Zum Beispiel: Die moderne Legende des Ungeheuers von Loch Ness, jenes Monsters, das auch liebevoll «Nessie» genannt wird, begann im April 1933, als das Ehepaar John und Aldie Mackay von einer Sichtung berichteten, was den Mythos durch lokale Zeitungsberichte berühmt machte. Kleiner heikler Punkt: Die beiden Schotten waren Besitzer des Drumnadrochit Hotels, also Gastronomen, Hoteliers und sie hatten ein klares und eindeutiges Interesse daran, Loch Ness zur Attraktion zu machen. Der See ist nämlich einer von den langweiligen und öden in Schottland, Loch Lomond, Loch Ken, Loch Fyne sind zehnmal schöner.
So ist wahrscheinlich auch eine Friedens- und Konfliktforscherin, die sich klar für eine starke Bewaffnung und grosse Rüstung ausspricht, befangen, wenn sie aus einer Metallindustriefamilie stammt und einmal 40% einer Firma erben wird, die Panzer, Raketen und Bomben herstellt…
Wie ginge man aber nun mit einer solchen Befangenheit um?
Ganz einfach:
Indem man es sagt.
Wenn Sie mich nun fragen, was ich von der Trennung von Knaben- und Mädchenstimmen halte, und ob die Zukunft nicht den gemischten Kinderchören gehört, und ob man nicht… Dann werde ich sagen: «Ich bin befangen – ich verdiene mein Geld bei den reinen Knabenstimmen.»
So.
Jetzt gehe ich zum Abendessen. Und trinke ein schönes Mineralwasser dazu – so ungesund das sein mag.
Freitag, 23. Januar 2026
Utopie: Wir teilen die Welt auf
Ich habe am 25. November letzten Jahres einen Post geschrieben, in dem ich unter dem Stichwort «Utopist» zwei Ideen von mir gezeigt habe:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.
Nun habe ich aber angesichts der politischen globalen Lage gesehen, dass man die Sache vielleicht von oben her angehen müsste. Vielleicht sollten erst einmal die mächtigen der Welt formulieren, welche Gebiete sie haben, und welche sie loswerden möchten. Ich stelle mir da eine Art Tauschbörse vor, so, wie man das ja in alten Zeiten immer gemacht hat.
Die Methode «jede und jeder sagt, was er oder sie will» ist nämlich gar nicht schlecht. Mir fallen hier zwei Situationen ein, zwei Situationen, in denen es gar nicht anders ging, als alle Bedürfnisse zu sichten und zu verhandeln – nämlich, weil man eine Lösung brauchte.
Am ersten Tag des Semesters trafen sich alle Studierenden meiner Klavierprofessorin, Annekathrin Klein, in ihrem Zimmer und wir machten den Stundenplan. Es gab, da sie sich am Nachmittag um ihre Söhne kümmern musste, die Stunden um 7.30, 8.30, 9.30 und 10.30 an den Tagen von Montag bis Freitag. Also wurden alle Wünsche aufgeschrieben, und dann wurde verhandelt: «Jens, könntest du auch Freitag 9.30?» «Anita, ist Dienstag, 10.30 die einzige Möglichkeit?» Also, hat man mir so gesagt. Ich war immer nach fünf Minuten draussen, meine absolute Traumstunde (Montag 7.30) machte mir niemand streitig…
Genauso, nach dem gleichen Verfahren machten wir (der Klassenlehrer und ich) immer die Aufteilung der Rollen bei unseren Musicals. Alle Schülerinnen und Schüler schrieben ihre Wünsche auf, und dann schrieben wir das an die Tafel und es wurde diskutiert. Und sehr oft war es einfach, weil es gar nicht so viele Überschneidungen gab. Und wenn es doch schwierig war, dann fanden wir kreative Lösungen. So wurden manchmal aus zwei Polizisten drei, oder ein Mann bekam ausser seiner Frau noch eine Schwägerin…
So.
Und genauso könnte man doch eine Haben-und-Weghaben-wollen-Konferenz gestalten. Alle Staaten der Erde treffen sich, und dann soll jeder Machthaber, jeder Staatspräsident, jede Königin und jede Kanzlerin sagen, welche Region sie haben und welche Region sie losbekommen möchte. Vielleicht mit Begründung.
Und da steht dann zum Beispiel auf der Tafel:
USA: will Grönland und Venezuela. (Bodenschätze)
RUSSLAND: will Ukraine, Baltikum, Moldawien und Georgien (alte UDSSR wiederherstellen)
CHINA: will Taiwan (gehört zum Land)
SCHWEIZ: will das Wallis loswerden (muss man nach der zu-wenig-Kontrolle-Katastrophe eigentlich nicht begründen), will die Balearen (als Segelnation braucht man ein Meer)
DEUTSCHLAND: will den Osten loswerden (so vermeidet man einen AfD-Landeschef eines BRD-Bundeslandes)
ITALIEN: will den Mezzogiorno loswerden (arm + Mafia + Flüchtlinge)
usw.
usw.
usw.
Nun kommt man ins Diskutieren:
Kann man Trump das Wallis anbieten und er verzichtet auf Grönland? Immerhin hat das Wallis ACHT Golfplätze (darunter den höchstgelegenen in Europa) und Grönland hat nur ZWEI.
Kann man Putin Sachsen-Anhalt und Brandenburg anbieten und er lässt das Baltikum in Ruhe?
Könnte die Schweiz auch Vulcano und Stromboli nehmen und die Balearen lassen?
Und am Ende findet man sehr, sehr, sehr schöne und kreative Lösungen…
Ich habe am 25. November letzten Jahres einen Post geschrieben, in dem ich unter dem Stichwort «Utopist» zwei Ideen von mir gezeigt habe:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.
Und wir ergänzen:
* Wir fragen jeden Machthaber, welche Regionen er HABEN und welche er LOSWERDEN möchte.
Dienstag, 20. Januar 2026
Nachruf Erich von Däniken
Dürrenmatt? Der ist längst tot – und war nicht der bekannteste.
Frisch? Genauso.
Wen ich meine? Nun, ich habe bewusst «Bücherschreiber» und nicht «Dichter» oder «Schriftsteller» geschrieben. Man könnte auch «Publizist» sagen. Oder «Autor».
Wen ich meine?
Erich von Däniken.
Der Gute hat ca. 70 Millionen Bücher verkauft und ist in 30 Sprachen übersetzt. In meiner Jugend stand sicher nicht in jeder Hausbibliothek ein Dürrenmatt (zu links) oder ein Frisch (noch linker) oder gar ein Muschg (Kommunist!), nein, aber ein Exemplar von «Die Götter waren Astronauten» oder «Erinnerungen an die Zukunft» fand sich in jedem Bücherschrank. Und wenn – was häufig vorkam, die Biederfamilie keine Bibliothek besass, sondern nur eine Schrankwand Eiche rustikal, so eine dieganzewohnzimmerwandausfüllendes Ungetüm, in dem der Fernseher stand, die Hausbar, 75 Nippes-Sachen und vielleicht 40 Bücher, so war neben Konsalik und Simmel eben auch immer der gute Schweizer dabei.
Und nicht die erzlinken Dürrenmatt, Frisch und Muschg.
Von Dänikens Grundthese, die er wie ein Leitmotiv, eine Idée fixe immer wieder variierte, veränderte, neu gruppierte, die er sang, spielte, die er schrieb und redete, war:
Das, was im kollektiven Gedächtnis der Menschen als «Götter» geblieben ist, waren Ausserirdische, die unseren Planeten besuchten, und dem Homo Sapiens alles beibrachten, was er benötigt. Und sie haben Spuren hinterlassen. Und sie werden wieder kommen. Unermüdlich bereiste der gelernte Gastronom die Welt, um Spuren zu finden, um seine Grundthese zu belegen.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist brillant.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist spannend.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist eloquent.
Sie hat nur einen Nachteil: Sie ist kompletter Schwachsinn. Kompletter Scheissdreck (sit venia verbo). Kompletter Bullshit.
Ich gehe jetzt gar nicht auf die einzelnen Punkte ein. Hier haben genügend Wissenschaftler ganze Arbeit geleistet, unter anderem der von mir so geschätzte Hoimar von Ditfurth, der seine «Querschnitt»-Sendung nicht nur nutzte, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen (in den 70ern!), sondern auch sehr schön Däniken widerlegte.
Nein.
Ich muss auf die einzelnen Punkte nicht eingehen.
Die wichtigste Frage, die der gute Schweizer nie beantworten konnte: Was um alles in der Welt haben Ausserirdische auf diesem Punkt des Weltalls verloren? Der Kosmos ist riesig, ich meine, wirklich riesig, unvorstellbar riesig, und in diesem riesigen Kosmos schweben Millionen von Galaxien, Milliarden von Sonnensystemen, und natürlich hat es irgendwo Leben (vielleicht auch in einer ganz anderen Form). Warum aber sollten sich diese Lebensformen unserer Erde nähern? Und wenn doch – das ist die viel heiklere Frage – warum sollten sie landen?
Wenn Sie von Basel nach Berlin fahren, dann kommen Sie durch unzählige hässliche Gemeinden, Orte, die in den 60ern aus dem Boden gestampft wurden, da sehen Sie so viel Unarchitektur (sic), so viel Eingänge mit Glasbausteinen und so viele Gartenzwerge, da wird Ihr Auge von so vielen Baumärkten und Mehrzweckhallen beleidigt, dass Sie gar nicht so schnell kotzen wie gucken können. Und sicher sind Sie froh, wenn Sie an Dümpelstetten-Haselstein und Gross-Werla, wenn Sie an Pumpburg an der Sohle und Flusserleben an der Flusser mit 300 km/h vorbeirasen können. Und ganz sicher werden Sie in keinen Regionalzug umsteigen, um Dümpelstetten-Haselstein und Gross-Werla, um Pumpburg an der Sohle und Flusserleben an der Flusser zu besuchen.
Sehen Sie.
Und genauso geht es Aliens mit unserem Planeten: Sie werfen einen kurzen Blick und Tschüss. Nicht landen! Sicher nicht!
Erich von Däniken ist am 10. Januar 2026 in Interlaken gestorben.
Seine Thesen haben uns begeistert und erfreut, sie sind eloquent und brillant.
Aber leider totaler Bullshit.
Freitag, 16. Januar 2026
Gute Vorsätze (4): Originalität
Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –
Ja, gut, gut, möchte man hier dem Teufel zurufen, der das so schön in Faust II sagt. (Erinnern Sie sich? Faust II ist eines von den Werken, von denen jeder und jede, absolut jede und jeder betont, wie wichtig sie sind, die aber keine Sau gelesen hat…) Ja, gut, möchte man dem Mephisto zuschreien – aber ein bisschen Original gibt es doch schon, das dürfte doch schon sein?
Damit wir uns recht verstehen: Ich meine hier nicht «originell», ich meine «original». Das erste ist ja inzwischen meistens eine Rechtfertigung für jede Art von Unbenehmen (sic).
Wenn Sie bei einem Abendessen mit ihren potenziellen Arbeitgeber mit einem Faserstift ein Herz auf die Tapete malen, dann kann das lieb gemeint sein, es ist auf jeden Fall sehr originell, trotzdem ist es Sachbeschädigung und die Stelle bekommen Sie wahrscheinlich auch nicht.
Wenn Sie im Schluss-Amen des «Messiah» von G. Fr. Händel aufstehen und laut «Engführung! Umkehrung!» rufen, zeugt das von profunder Kenntnis der musikalischen Strukturen, es ist auch wahnsinnig originell, Sie werden sich damit aber keine Freunde machen – wahrscheinlich erhalten Sie im Konzertgebäude Hausverbot.
Ich meine also «original» und nicht «originell».
Original also.
Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie viele Tribute-Shows es zurzeit gibt? Ich habe auf einem Spaziergang in der Weihnachtszeit an jeder Hausecke ein Plakat gesehen: «Falco-Tribute-Show», «Die grosse Stones-Tribute-Gala», «Beatles-Tribute», «ABBA-Tribute», und so weiter, und so weiter, und so weiter. Es waren insgesamt 50 Stück. Am meisten gefiel mir ein Plakat, auf dem
DIE ÄLTESTE EAGLES-TRIBUTE-GRUPPE
stand. Das ist doch grossartig, hier wird also gesagt: «Hört mal her, Leute, wir sind die originalen Nachmacher von den Eagles, die anderen Nachmacher machen uns nach, sie machen uns also das Nachmachen nach, dabei sind wir die originalen Nachmacher…»
Als ich heimkam, fand ich einen Flyer für einen Dinner-Revue-Schuppen. Sie bieten im Januar, Februar, April, Juni, September, Oktober und Dezember je einen Abend mit Musik und Bühne und gutem Essen an – aber alles Tribute! Nicht eine einzige echte Nummer.
Aber auch in der Klassik macht sich zurzeit eine Unoriginalität (sic) breit, die einen stutzen macht:
Da hat der Alte-Musik-Spezialist Jan-Wilhelm van Doppendorst das Brimborium nachgebaut, ein Tripelrohrblattinstrument aus dem 16. Jahrhundert, das in manchen Stücken eingesetzt wurde und heute oft durch ein Englischhorn ersetzt wird. Aber weil es doch de facto relativ wenig Stücke für das Brimborium gibt, bearbeitet Jan-Wilhelm van Doppendorst wild durch die Renaissance- und Barockzeit: Bach, Doppelkonzert; Händel, Triosonaten; Pariser Tanzbuch, Couperin, Pieces de Clavecin; usw.
Entschuldigung,
wirklich Entschuldigung,
man kann doch kein Originalinstrument spielen und dann auf dem Originalinstrument lauter Bearbeitungen. Und wenn es halt insgesamt nur 145 Takte für Brimborium gibt, dann spielt man eben als Hyper-Spezialist diese 145 Takte.
Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –
Ja, gut, aber ein wenig original darf schon sein.
Und so postulieren wir die Originalität als vierten und letzten Vorsatz für das Jahr 2026.
P. S. «Engführung» heisst, ein Thema, eine Melodie setzt ein, bevor die andere Stimme zu Ende ist, «Umkehrung» ist eine Spiegelung des Themas.
Dienstag, 13. Januar 2026
Gute Vorsätze (3): Tramtüre aufhalten!
Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien.
Wenn man – wie ich es tue – mit Schülern im Einzelunterricht Texte liest, kommt man immer auch bei Theaterstücken vorbei, und hier sicher auch an Stellen, wo einfach geschrien werden muss. Alfred Ill kann im 3. Akt der «Alten Dame» sein «Mein Gott» nicht leise sagen, immerhin haben die Güllener ja gerade seinen Tod beschlossen, nein, wenn ich den Ill lese, dann rufe ich wirklich
MEIN GOTT
und im benachbarten Stillarbeitsraum horcht man auf: Herr Herter liest wieder einmal Dürrenmatt…
Ich schreie auch, wenn ich in der MIGROS oder im COOP jemanden sehe, den ich seit Tagen zu erreichen versuche, wenn dann Marco, der auf keine Mail antwortet und kein Telefon abnimmt und auch WhatsApp nicht bedient, in der Gemüseabteilung steht, während ich bei der Wurst bin (40 Meter Abstand), dann rufe ich auch ganz laut
MAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARCOOOOOOOOOOOOOOO
einfach, weil ich weiss, wenn er jetzt nicht auf mich aufmerksam wird, dann erwische ich ihn wieder 6 Tage nicht…
Ich schreie auch, wenn ich glücklich bin.
Wenn ich die Nachricht bekomme, dass eine Schülerin eine Lehrstelle hat, wenn das Hotel schreibt, dass das mit dem Betten zusammenstellen klappt, wenn meine Kollegin für die Vertretung zusagt, wenn ein alter Kumpel mich in die Ferien einlädt, dann lasse ich einen lauten Juchzer
JIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIPPPPPPPPPPPPPPPPPPPIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEEE
los, egal, ob ich im Tram oder auf der Strasse oder zuhause bin.
Und ich schreie
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.
Es ist nämlich nicht mehr so, dass Menschen, die eine Strassenbahn verlassen, bemerken, dass hier jemand mit hängender Zunge auf sie zugelaufen kommt. Sie steigen aus dem Tram und blicken schnurstracks auf ihr Handy und sind sofort wieder ganz woanders. Dabei wäre es so praktisch: Sie sind an der Türe, können auf der letzten Stufe stehenbleiben, bis ich da bin, das sind meist nur noch ein paar Sekunden. In der Zeit aber, die ich brauche, um dahin zu gelangen, blockiert der Fahrer die Türen, und selbst wenn ich 7 Sekunden später da bin, dann stehe ich zwar am Tram, komme aber nicht mehr hinein.
Daher mein
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
Und ich kann nur hoffen, dass der oder die an der Tramtüre keine Airpods drin hat, sonst nützt das nämlich alles nicht.
Früher, früher, in der guten alten Zeit, da wären die Leute auch drinnen in der Strassenbahn auf mich aufmerksam geworden. Die hätten nämlich aus dem Fenster gesehen, hätten gemerkt, dass da ein Mann auf das Tram zu rennt. Und dann wären sie aufgestanden und hätten den Türknopf gedrückt.
Lange.
Lange.
So lange, bis ich die Türe erreicht gehabt hätte. Aber heute blicken alle aufs Smartphone, sie gucken auf ihr iPhone oder ihr Android, sie sind auf WhatsApp oder Insta oder Snapchat oder YouTube oder «nur» am Chatten oder Telefonieren, aber sie achten nicht auf mich.
Natürlich, Basel ist eine Stadt, in der der ÖV relativ luxusmässig ausgebaut ist. Man muss nur 7-8 Minuten aufs nächste Tram warten. Aber auch diese Minuten können sehr lange sein…
Also noch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Helfen wir anderen Menschen, die Strassenbahn zu erreichen. Bleiben wir an der Türe stehen. Drücken wir auf den Knopf.
Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien. Ich schreie AUFHALTEN! wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.
Und ich würde das gerne nicht mehr tun müssen.
Freitag, 9. Januar 2026
Gute Vorsätze (2): Ehrlichkeit
erinnern Sie sich noch an den Post, den ich am Silvestertag des Jahres 2024 veröffentlichte? Es ging hier um «Klolektüre».
Ich schrieb damals:
Wir bekommen diese Klolektüre von einer ehemaligen Nachbarin und «Glückspost», «Gala», «Frau im Spiegel» und «Schweizer Illustrierte» stapeln sich auf einem Hocker neben dem Waschbecken. Seit wir diese Stapel erhalten, bin ich nun immer über die wichtigen Dinge informiert, über die Sorgen und Nöte der gekrönten Häupter, über die Glücksrezepte der Stars, über die Wohnungen der Popgrössen und über die Geheimnisse der Reichen und Schönen.
In einem dieser Hefte, in der FARBIGEN, lese ich von der Trennung zweier Hochadliger, die sich «auseinandergelebt» haben, Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen gehen seit ein paar Monaten eigene Wege.
Wobei Amor schon wieder seine Pfeile verschossen hat: Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt ist frisch in den dänischen Millionenerben Nils Nielsen verliebt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen brennt für die russische Milliardärin Olga Machunowska.
Beide sind zu haben, denn Nils Nielsen hat sich gerade von einem Victoria’s Secret-Model getrennt und Olga von einem jungen Mann, der für CK posierte.
Schön, wie sich hier doch Herz zu Herzen findet…
Man könnte, wenn man ganz böse ist, die Geschichte aber auch anders lesen.
Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen haben gemerkt, dass der und die andere das, was man braucht, nicht bietet. Nämlich Geld. Knete. Money. Penunzen. Kohle. Moos. Der oder die andere ist zwar adlig, aber das ist man selber, «von und zu» steht im eigenen Namen. Und Doppel-Adel finanziert halt auch noch nicht die 56 Zimmer-Villa, die 20 Leute Personal und den Rolls-Royce. Also guckt man sich nach Geld um – und wird fündig.
Und Nils und Olga wollen nun genau das, was man bietet: Adel. Sie haben bisher sich mit Beauty gepaart, aber Beauty ist vergänglich, Adel ist es nicht.
Die Story ist übrigens nicht neu – schauen Sie sich einmal den «Rosenkavalier» an: Ochs von Lerchenau bietet alten Adel und will Geld. Knete. Money. Penunzen. Kohle. Moos. Und Faninal hat unendlich Geld, ist sogar neugeadelt, aber braucht den Zugang zum alten, wichtigen Adel.
Die zweite Version ist nun die ehrliche, die klingt natürlich nicht so herzerweichend, nicht so Pilcher-mässig, nicht so schön kitschig. Aber es ist die ehrliche Version. Und so ein bisschen mehr Ehrlichkeit täte uns doch allen gut.
So könnten doch Trump und Putin eine Pressekonferenz abhalten, in der sie das Folgende erklären:
«Leute, hört mal her. Wir sehnen uns nach der Guten Alten Zeit. In jener Zeit gab es zwei grosse Mächte, die waren verfeindet, und jede Macht hatte einen Präsidenten, und die Präsidenten hassten sich, aber es war ein guter, ein grosser Hass, ein Hass auf Augenhöhe, und diese beiden Staaten, diese beiden Männer, die teilten die Welt auf. Und in dem Punkt waren sie sich einig. Wenn also die USA ein Land besetzten, dann wartete man, ob die UDSSR zuschlug, wenn nicht, dann war das ok. Und wenn die UDSSR in ein Land einfielen, dann horchte man, was kommt aus Washington, und kam da nix, blieb man in dem Gebiet.
Aber nun ist die Welt von Kleingemüse, das kein Mensch braucht, China, Indien, Scheiss-EU, und Afrika ist auch schon im Kommen. Braucht kein Mensch. Wir wollen zurück in die Gute Alte Zeit.»
Wäre schockierend.
Aber ehrlich.
Sehr, sehr, sehr ehrlich.
Ob wir dann den ehrlichen Äusserungen glauben, oder sie (wie der Herr Biedermann im nach im benannten Theaterstück) einfach wegwischen, steht auf einem anderen Blatt.