Dienstag, 30. Dezember 2025

Jahresrückblick

Karpfen ist Egli, warum hat die EU keine Chance mehr? Der Handschlag-Weihnachtsbaum ade! Warum bekommt man politische Ansichten nur im Paket? 10 Kubikmeter Papiermüll, Kleinbasler Zeitung «auch fürs Grossbasel». Gewalt als Integrationsvoraussetzung, Blut, Schweiss und Tränen.

Warum gibt es so viele Krimis im Fernsehen? Bitte kein AfD-Bashing mehr! Der ewige Lärm: Pst…ich habe einen runden…meine Geschenke! Parteien äussern sich zur Glosse – letzte Wahlhilfe. Wie es mit den Kaffeebons weiterging, 7 Tipps für Fritze.

Dächer für alle Haltestellen! Wo liegen die falsch adressierten Karten herum? ChatGPT schreibt über mich – Erstaunen, die falschen Blitzentscheidungen. Datenschutz beim Kaffeekauf: Wohnen im Büro! Schuldenmachen im Lateinunterricht. Einfache Lösung für eine Reise.

Pazifismus ist ungeil! WG-Renovierung als Vorbild: Wir gehen kurz in den Weltraum. Warum ist ein «Spiel des Jahres» immer so kompliziert, Hans Rosenthal und ich? «Wollen» und «Werden», Passions-Volksglaube, neue Grenzen in Mitteleuropa. Jetzt einen Schweizer Papst! Köln-Reise 1.

Köln-Reise 2. Brauchen wir Minister? Habemus Regierung, das Tagesgeschehen zerstört meine Glosse. Tanzen! Tanzen? Tanzen! Bezahlbarer Wohnraum: Online-Bewertungen. Am Bahnhof verhaftet; neue Emojis: «es ist bös gemeint».
Blogpause

17. Juni, eine Erinnerung: Brauchen wir «Flavour»? Bitte keine unordentlichen Blumenwiesen! Diese Hitze! Klimawandel.

Offener Brief an Reza Pahlavi. Die Wissenschaft hat festgestellt: Die kleinen hochgestellten Zahlen. Der Laden «Tutti Frutti» ist Geschichte. Einsilbige Bücher lesen, Stadt und Energieunternehmen schreiben mir unnötige Briefe. Friedensnobelpreis für meine Grossmutter! ChatGPT schreibt schlechte Gedichte: Königsschlösser sind Kulturerbe.

Julireise 2025 (1). Julireise 2025 (2). Julireise 2025 (3). Unser Problem mit Abschlüssen, das Plakat. In der Badi: Haben wir ein Ausländerproblem? Zu Risiken und…
Wegen Tournee: Blogpause bis zum 16.9.

Herbsttournee 2025 (1): Von Bahnangestellten, Bauhaus und Bier. Herbsttournee 2025 (2): Von Schlachten, Schraten und Schlechtwerden. Herbsttournee 2025 (3): Von Taxis, Tante-Emma-Läden und Tatsachen. Herbsttournee 2025 (4): Fahrt zurück und Fazit. Liebe Frau Palla!

Keine Bücher von Emeriti, Apple Pi, Auf Wiedersehen, Windows 10. Überall Openair, der Offenluft-Unsinn (Losverfahren). Wir sollten überall auslosen. Berlinreise (1): Vom Botanischen Garten oder: Die Viktoria-Seerose ist ein Märchen. Berlinreise (2): Von Busverspätungen, Schwimmbädern, Amazon und tollem Theater. Stadtbild? Bitte immer so Tatorte wie am Sonntag!

Die Verben-Titel-Bücher aus dem Hanserverlag, Freundschaft der Welt dank seltener Erden (Klimakonferenz). Wo sind Jude, Shaze und Tom im Film? Gedanken über Fussabtreter: Der St. Martins-Fake. Klima-Idee, kein Reisen ohne Heimatkenntnis, ich bin Utopist, und das ist gut so, der schwimmende (im Wasser stehende) Spinnenmann.

Die Bastion der Lateiner ist gefallen! (Vatikan gibt Latein als erste Amtssprache auf), das leidige Thema Alterskontrolle. Frank Gehry ist tot: Ein dekonstruktivistischer Nachruf für einen grossen Dekonstruktivisten, Spezialpreis für Trump ist ok (aber bitte das klar sagen!) Janosch ist immer noch da - und will bald Rente: Jobs, die man machen möchte und Jobs, die man nicht machen möchte. Geld ist ein tolles Geschenk, Stephanstag, Jahresrückblick.

Editorische Anmerkung:
Das sind exakt die Titel der Glossen 2025, allein die Interpunktionen und Satzverbindungen wurden geändert.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 26. Dezember 2025

Stephanstag

Einen gesegneten Stephanstag!

By the way: Wissen Sie eigentlich, warum es «Stephanstag» heisst?
Nein, nicht weil Stefan Raab im Fernsehen kommt. Der kommt erstens gar nicht im Fernsehen, und natürlich ist der Tag älter als dieser Entertainer.
Nein, auch nicht, weil Stefan Zweig da den Literaturnobelpreis bekommen hat, der wird nämlich im Oktober verkündet und lange vor Weihnachten verliehen.
Nein, auch nicht die Geste von Stefan Effenberg! Die war erstens im Sommer (1994) bei einer WM und sehr, sehr, sehr unweihnachtlich. (Sie erinnern sich: Es war der Mittelfinger.)
Auch der Stephansdom hat nur bedingt damit zu tun, er heisst zwar nach dem gleichen Mann, ist aber nicht Namensgeber für den Tag.

Der Stephanstag ist der des Heiligen Stephanus. Des ersten Märtyrers der Kirche.
Die Apostelgeschichte berichtet sehr eindrücklich von der Steinigung dieses Christen der ersten Generation.
Der Hohe Rat hatte den jungen Mann einbestellt, um ihm Gelegenheit zu geben, allen Unsinn, den er (und andere) verzapft hatten, richtigzustellen. Stephanus nutzt aber nicht nur diese Chance nicht, sondern er hält eine lange Predigt, in der er die ganze Geschichte des Volkes Israel erzählt, und zwar so erzählt, dass alles auf diesen Jesus von Nazareth hinführt. Damit macht er sich natürlich keine Freunde, und so zerren sie ihn vor die Stadt und werfen so lange Felsbrocken auf ihn, bis er stirbt.
Interessant ist noch die Tatsache, dass ein Mann auf die Garderobe der Steiniger aufpasst. (Anscheinend wurde eher sportlich, in leichter Kleidung exekutiert.) Dieser Mann, der erste urkundlich erwähnte Garderobier, war Saulus von Tarsus, der spätere Paulus…

Der Stephanstag ist also Märtyrertag, in der katholischen Kirche tragen die Priester rot (im Gegensatz zu den Freudentagen wie Weihnachten = weiss, normal = grün und Fastenzeit = violett).
Und alle Märtyrer (oder solche, die es sein wollen) fühlen sich angesprochen…
Es gibt und gab ja inzwischen unglaublich viele Märtyrer – auf allen Seiten.

Da gab es zum Beispiel den Christen, der unbedingt ins Me'a Sche'arim laufen musste und dort evangelikale Lieder anstimmen und viermal «Jeshua Ha-Mashiach» rufen. Letzteres heisst «Jesus ist der Messias» und das hören die Bewohner des Me'a Sche'arim nicht so gerne, weil sie zu 90% ultraorthodoxe Juden sind. Der Mann wurde mit Eiern, Tomaten, Steinen und Kot beworfen. Und von seinen Kollegen als Märtyrer gefeiert. (Übrigens muss man gar nicht ins Me'a Sche'arim, die Leute dort möchten einfach in Ruhe gelassen werden…)

Da gibt es den rechtslastigen Populisten, der konsequent die empfohlene Redezeit überzieht. Nach etlichen Ermahnungen («Bitte, Herr W…», «Herr W…, Sie sollten zum Ende…», «Herr W…, Sie haben Ihre Zeit nun um 60 Minuten überschritten…») stellt man ihm das Mikrophon ab. Worauf er – ganz Märtyrer – behaupten kann, man liesse ihn im Rat nicht zu Worte kommen. Was ja nicht stimmt, er schwatzt ja doppelt so viel wie andere.

Da gibt es den Schwulen, der der Meinung ist, dass jeder seinen phänomenalen Hintern sehen muss. Zugegeben, sein Po IST phänomenal, und er macht in seinen Jockstraps auch Bella Figura bei jedem CSD und in jeder Gay-Disco. Aber nach Salzburg, nach Bayreuth gehören diese Teile halt nicht, genauso wenig wie ins Casino Monaco oder ein ***-Restaurant. Und wenn er dort nicht reindarf, ist das nicht, wie er – ganz Märtyrer – behauptet, schwulenfeindlich. Denn die Damen müssen auch den Unterschied zwischen Décolleté und «oben ohne» kennen.

Da gibt es noch…
Da gibt es noch…
Da gibt es noch…
Die Reihe liesse sich beliebig fortsetzen. Jemand hat gesagt, vom «Genie zum Wahnsinn» sei es nur ein Schritt, ich füge hinzu, «vom Märtyrer zum Dummkopf ist es auch nur ein Schritt».
Die Frage, warum man nicht auf Politiker schiessen sollte, ist wohl auch beantwortet. Eben weil dann Despot X und Tyrann Y, weil Machthaber Z zum Märtyrer werden.

Heute feiern wir den Tag des Heiligen Stephan. Und die Katholische Kirche hat noch viele andere Märtyrer.
Aber wir brauchen keine neuen.















 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 23. Dezember 2025

Geld ist ein tolles Geschenk!

Morgen ist übrigens Weihnachten.
Und ich habe schon ganz viele Geschenke bekommen, Geschenke in Form von Geld.

Nun werden Sie sagen, ach ja, Geld, Geld ist ja auch nicht alles und Geld macht auch nicht glücklich.
Nun, ich habe diese Geldgeschenke von meinen Arbeitgebern bekommen, das ändert vielleicht die Sicht, aber dennoch: Geld macht glücklich. Doch, doch, doch, Geld macht glücklich, da müssen Sie nur jeden Rentner mit 800 Euro fragen, dem man ein bisschen Geld gibt, und er sich endlich XY kaufen kann.
Geld macht glücklich.
Aber – und das ist das Entscheidende:
Mehr Geld macht nicht glücklicher. Der Milliardär, dessen Vermögen von 100000000000 auf 200000000000 Dollar steigt, ist nicht doppelt so froh und happy, wohl aber die Frau, der man einfach die Schulden zahlt.
Samuel Levinson bringt es in seinem Buch über seine Kindheit in einer kinderreichen jüdischen Familie in New York auf den Punkt: «Geld zu haben kann nie so schön sein, wie es schlimm ist, keines zu haben.»

Morgen ist übrigens Weihnachten.
Und ich habe schon ganz viele Geschenke bekommen, Geschenke in Form von Geld.

Interessant ist, dass dieses Extra-Geld aus verschiedenen Gründen gezahlt wird, ich in meiner Frohnatur aber alles als Präsent und Gabe und Päckchen sehe.
Es sind dies nämlich:
* rückgezahlte Auslagen von Firma 1
* rückgezahlte Auslagen von Firma 2
* Überstunden und Extrastunden Firma 2
* Bonus Firma 1

Morgen ist übrigens Weihnachten.
Und ich habe schon ganz viele Geschenke bekommen, Geschenke in Form von Geld.

Dass ich den Bonus als unverhofftes Geschenk sehe, ist ja schon komisch, er wird jedes Jahr gezahlt und ist de facto Teil des Jahreslohnes. Aber die Überstunden? Und die Auslagen?
Der Trick hier zu erfreulichen Geldgeschenken zu kommen, geht folgendermassen: Man führt über die Stunden und die Auslagen Buch, vergisst aber regelmässig das, was man notiert hat. Sie kennen das wahrscheinlich: Ein Freund, mit dem Sie in ein Restaurant gehen, sagt auf einmal: «Heute zahle ich, ich schulde dir ja noch 50 Franken.» Sie aber hatten die fünfzig Franken völlig vergessen und die Ankündigung erscheint Ihnen wie ein Geschenk, wie ein Präsent, ein völlig unerwarteter Geldsegen.
Und genauso geht es mir jedes Jahr mit dem Geldsegen im Dezember, ich hatte das Jahr über nie wahrgenommen, dass ich noch Geld bekomme, und nun kommt es mir wie ein plötzlicher Goldstrom vom Himmel her vor.

Morgen ist übrigens Weihnachten.
Und ich habe schon ganz viele Geschenke bekommen, Geschenke in Form von Geld.

Was ich mit dem Geld tun werde?
Wahrscheinlich das Schlimmste, was man mit Geld tun kann: Ausgeben. So nett und ironisch formuliert es Böll in den «Ansichten eines Clowns», der Clown schreibt dort, seine (stinkreiche) Mutter würde ihm nie Geld geben, denn er würde das in ihren Augen Schrecklichste damit tun, was man mit Geld machen kann: Er würde es ausgeben.
Aber ganz ehrlich:
Nur reiche Menschen können es sich leisten, unendlich viel Knete auf die Hohe Kante zu legen. (Und ich weiss, das das jetzt sehr klassenkämpferisch klingt, aber macht nix…)

Morgen ist übrigens Weihnachten.
Und ich habe schon ganz viele Geschenke bekommen, Geschenke in Form von Geld.
Und ich habe mich sehr darüber gefreut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 19. Dezember 2025

Jobs, die man machen möchte und Jobs, die man nicht machen möchte

Es gibt Jobs, die man gerne machen möchte.
Und es gibt Jobs, die man nicht gerne machen möchte.

Zu den Jobs, die man gerne machen möchte, gehören:
* Vorkoster bei Reinhold Würth.
* Chef der OeBB
* Weihnachtsmann in einer Familie, bei der die Kinder alles kriegen, was auf dem Wunschzettel steht.
* Finanzdirektor in Basel-Stadt.

Zu den Jobs, die man absolut nicht machen möchte, gehören:
* Vorkoster bei Putin. 
* Chef der DB.
* Weihnachtsmann in einer Familie, bei der die Kinder nichts kriegen, was auf dem Wunschzettel steht.
* Deutscher Bundeskanzler. 

Die Vorkostersache ist – denke ich – klar.
Ein Mann wie Würth, der viele Menschen durch seine Museen glücklich macht, der Bilder gratis ausstellt, der Statuen und Grafiken zeigt, der in Hall und Künzelsau, aber auch an vielen anderen Orten eine kulturelle Institution ist, der braucht sicher niemanden, der ihn vor dem Vergiftetwerden schützen muss.
Wohl aber Wladimir Putin. Auch, weil sich in seinem Umfeld so viele Giftexperten befinden, nämlich die, die in SEINEM Auftrag vergiften, und die könnten nun ja ihre Kenntnisse nun auch gegen IHN verwenden, ein Vorkoster ist hier also unabdingbar.

Die Bahnsache muss erklärt werden.
Mit der OeBB ist nicht die Österreichische Bahn gemeint, sondern die «Oensingen-Balsthal-Bahn», eine nette kleine Gesellschaft, die 4 Kilometer Strecke mit 4 Haltestellen im Kanton Solothurn betreibt, regional, aufgestellt, kantonal, fröhlich, eidgenössisch, sauber, pünktlich, organisiert und allseits beliebt. Die Züge starten in Oensingen, also im IC-Netz der Schweiz und fahren über die Haltepunkte «Thalbrücke» und «Klus» bis Balsthal, wo der Berg ein Weiterfahren verhindert.
Der Chefjob DB, wir müssen ja sagen Chefinnenjob DB, ist eine Herkulesaufgabe, und man darf sich fragen, welche Flüsse Frau Palla zur Verfügung stehen werden, um diesen Augiasstall auszumisten…

Weihnachtsmann ist und bleibt eine ambivalente Aufgabe.
Aeneas und Liu je 18 Pakete zu überreichen, in denen sich von den Super-Games bis zu den Trendklamotten alles ist, was die verwöhnten Gören auf ihre Liste geschrieben haben, ist nicht so schwierig.
Schwieriger ist das bei Kevin und Chantal, die nicht kapieren werden, dass die Katastrophenpäckchen nicht auf dem Mist von Santaclaus gewachsen sind, sondern dass einfach im Bürgergeld Weihnachtsgeschenke nicht mitgeplant sind.

Und in der Politik?
Man möchte Tanja Soland sein, die Finanzfrau von Basel-Stadt. Ihre letzte Pressekonferenz hatte ein bisschen etwas von einer Weihnachtsmann (Weihnachtsfrau)-Show. 16 Millionen Defizit waren geplant (immerhin stopfte man eine Riesensumme in den Songcontest!), nun gibt es 48 Millionen schwarze Zahlen. Da macht doch Regieren Spass, da kann man fast nichts falsch machen, da muss man nur noch überlegen, wohin mit dem Geldsegen: Die Eislaufbahn sanieren? Oder doch eher ein neues Schwimmbad? Oder alle neu gegründeten Chöre und Orchester mit je 400000 subventionieren? (Geht nicht, es sind zu viele, aber macht nichts…)
Aber deutscher Bundeskanzler?
Man möchte nicht in Fritzes Haut stecken. Es ist einfach zu viel zu tun, zu viel liegt im Argen und dann will er es auch noch allen recht machen…
Aber irgendwie hält sich unser Mitleid ja in Grenzen. Er wollte das ja alles. Nur hat er gedacht, es wäre anders. Der Kabarettist Till Reiner hat das neulich so schön auf den Punkt gebracht: «Bundeskanzler sein ist wie Sex unter der Dusche, man hat sich das viel geiler vorgestellt.»

Es gibt Jobs, die man gerne machen möchte.
Und es gibt Jobs, die man nicht gerne machen möchte.

Auf jeden Fall ist man in diesem Jahr gerne angestellt und nicht freiberuflich. Die Feiertage liegen wunderschön, ein sogenanntes Arbeitnehmer-Jahr.







Dienstag, 16. Dezember 2025

Janosch ist immer noch da - und will bald Rente.

Ich möchte heute die Geschichte von Janosch erzählen.

Mit 5 Jahren bekam Janosch eine lebensbedrohliche Krankheit. Sein Immunsystem kollabierte, hohes Fieber, Ausschlag am ganzen Körper, er magerte ab und stand an der Schwelle des Todes. 3 Wochen kämpften die Ärzte um sein Leben, dann war er über dem Berg und nach einem halben Jahr wieder einigermassen hergestellt.

Allerdings hatte die Zeit im Spital (vor allem auf Intensiv) in seiner Psyche herbe Schäden hinterlassen, er war oft schwermütig und still, ein trauriger Einzelgänger, mit dem niemand wirklich zurande kam. Seine psychische Erkrankung gipfelte in einem Suizidversuch mit 18 Jahren. Er konnte aber noch aufgefangen werden und wurde therapeutisch betreut.

Mit 25 war dann alles gut. Janosch hatte sich zu einem fitten, sportlichen, schönen und lebensfrohen Mann gemausert und holte sehr viel nach: Freundschaft, Reisen, Abenteuer. Er fuhr nach Thailand und Australien, er kletterte auf Berge und fuhr schnelle Autos und Fahrräder. Bei einer Semiprofi-Schweiz-Tour passierte dann das Unglück, er stürzte und wie schon 20 Jahre davor kämpfte ein Doktorteam um sein Leben. Auch diese Behandlungen glückten.

Dann lief alles ein wenig in normaleren Bahnen, Ehe, Beruf, Erfolg, Haus, Hund, Kinder, Karriere, Stress. Und diesen Stress bekämpfte unser Held leider mit zu vielen Apéros und Schlummertrünken, sodass er mit 50 vor der Wahl stand, einen Entzug zu machen oder mit 60 zu gehen – seine Leber war ziemlich am Ende. Janosch entschloss sich zum Entzug.

Nun ist er 60 und freut sich auf die Rente.
Und er hört mit Staunen, dass er ein Problem darstellt. Er ist einer von zigtausend Boomern, die sich pensionieren lassen, die Kassen plündern und dann so schrecklich alt werden. Ja, die Menschen werden immer älter, und dann reichen die Rentenkassen nicht.

Janosch ist deshalb so erstaunt, weil er ja der Gesellschaft und Gemeinschaft genügend Möglichkeit gelassen hat, sich von ihm zu verabschieden. Das war aber nie ein Thema. Es war immer klar,
…dass die Medizin alles tut, alles an Arznei, Apparate und Therapie einsetzt, um das junge Leben zu retten und zu stabilisieren.
…dass ein Mensch von einem Suizidversuch abgehalten werden muss, er muss gerettet werden und später betreut.
…dass auch bei riskanten Stürzen, Höhlenunglücken, Skiunfällen, Fallschirmkatastrophen die beteiligten Personen gerettet werden.
…dass Personen, die Drogen-, Sucht-, Nikotin- oder Alkoholprobleme haben, bei einem Entzug begleitet werden, und dass ihnen geholfen wird, von diesen Drogen-, Sucht-, Nikotin- oder Alkoholproblemen loszukommen, damit die Drogen-, Sucht-, Nikotin- oder Alkoholprobleme nicht ein vorschnelles Lebensende herbeiführen.
Die Gemeinschaft der Menschen hat Janosch also geholfen, 60 zu werden – und nun muss sie irgendwie damit umgehen.

Ich bin ja nun auch wie Janosch ein Boomer. Lange hörten wir den Vorwurf unserer Eltern: «Ihr wart so viele! Alles war zu klein, die Schulen, die Kindergärten, die Schwimmbäder!» Dabei konnten wir nix dafür, dass wir da waren, wir hatten uns nicht gemacht. Und nun schreit die junge Generation: «Ihr seid so viele! Und ihr seid immer noch da!»
Ja.
Genau.
Und damit wird man umgehen müssen.

Genau wie Janosch habe ich der Gesellschaft auch ein paar Chancen gegeben, mich loszuwerden (die erste war eine Pylorusstenose, ein Pförtnerkrampf mit 2 Monaten, damals eine gefährliche Sache, weil der Säugling sämtliche Nahrung erbricht). Sie hat sie nicht genutzt.

Und nun freue mich (auch weil ich auf Alkohol und Nikotin inzwischen verzichte) wie Janosch auf ein Leben bis 100.
Man wird damit umgehen müssen.



 

 

Freitag, 12. Dezember 2025

Spezialpreis für Trump ist ok (aber bitte das klar sagen!)

Der Vorstand des Männergesangvereins Pfullendorf hat in seiner letzten Sitzung folgenden ergänzenden Passus für die Vereinssatzung beschlossen:

§ 21 Absatz 5
Ein Mitglied, das 80 Jahre im Chor singt, erhält den Titel «Hyper-Ehrenmitglied» und wird mit einer Nadel mit 8 Rubinen und einer Urkunde geehrt, ausserdem wird sein Portrait im Vereinslokal aufgehängt.

Der Passus ist notwendig geworden, weil Hubi Müller, der 1946 frisch-stimmgebrochen und noch mit Flaum um den Mund mit 15 Jahren als Tenor 1 in den gerade aus Trümmern wieder entstehenden Chor eintrat, nächstes Jahr 95 wird und immer noch singt. (Nun als Bass 2).
Bei der Gründung des Chores 1890 ging die Ehrungsliste absolut nicht so weit, die Leute wurden einfach nicht so alt.

Man sieht zwei Dinge an diesem Beispiel:
Es ist absolut üblich, Ehrungen, Stellen, Titel usw. eigens für bestimmte Personen zu erschaffen.
Es ist nicht ehrenrührig solche Ehrungen, Titel, Stellen usw. für bestimmte Personen extra zu machen, man muss es halt nur eindeutig deklarieren.

Gut, manchmal hat die ganze Sache ein Geschmäckle.
Napoleon machte sich zum «Empereur», denn einen Herrschertitel wollte er partout, und den König hatte man ja ein paar Jahre davor geköpft, gut, dann halt Kaiser, völlig ignorierend, dass es in Europa eigentlich nur einen Kaiser gab…
Göring machte sich zum «Reichsmarschall», der über dem Generalfeldmarschall stand und – im Gegensatz zu diesem – keine militärische Laufbahn durchlebt haben musste. Der Titel blieb singulär für ihn, es gab vorher und nachher keinen anderen.

Manchmal ist eine solche Extrawurst aber echt klasse.
Als dem Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis entzogen wurde, hatte die Uni Tübingen ein Problem: Da stand nun ein hochbezahlter, hochqualifizierter, anerkannter Wissenschaftler, der aber nicht mehr ans Katheder durfte. Denn angestellt war er beim Land Baden-Württemberg, die Aufsicht über seine Lehre hatte aber der Vatikan.
Die Alma Mater löste das Problem elegant nach dem Wahlspruch ihres Gründers Eberhard im Bart: «Attempto» (ich wage es). Da in den Vorlesungen Küngs ohnehin über 50% Protestanten sassen, gründete man kurzerhand ein «Institut für Ökumenische Forschung», verbunden mit einer Professur für «Ökumenische Theologie».
Wenn man Küng gelegentlich vorwarf, er sässe in einem eigens für ihn geschaffenen Stuhl, konnte der Eidgenosse (heimatberechtigt in Sursee) nur lächeln: ER hatte sich das nicht ausgesucht, ER wäre gerne Katholischer Lehrstuhlinhaber geblieben…

So wäre nun die FIFA-Ehrung für Trump auch keine Sache, wenn Infantino ehrlich gewesen wäre. Wenn er ehrlich gesagt hätte:
1.) Es gibt ab 2025 einen FIFA-Friedenspreis.
2.) Der Preis ist auf Donald Trump zugeschnitten und für ihn gemacht.
3.) Daher ist Trump auch der erste Preisträger.

Aber wenn Infantino ein sauber denkender, ehrlicher, fairer und anständiger Mensch wäre, dann wäre er nicht mit Trump befreundet. Er wäre aber auch nicht FIFA-Präsident. Denn ein sauber denkender, ehrlicher, fairer und anständiger Mensch engagiert sich nicht im Profifussball. Oder wirft schon auf nationaler Ebene das Handtuch (wie Keller, der nun echt ein sauber denkender, ehrlicher, fairer und anständiger Mensch ist…)

Der Vorstand des Männergesangvereins Pfullendorf hat in seiner letzten Sitzung einen ergänzenden Passus für die Vereinssatzung beschlossen, der einem Mitglied, das 80 Jahre singt, eine Reihe ganz spezieller Ehrungen zuteilwerden lässt.
Der Passus ist für Hubi Müller gemacht und auf ihn zugeschnitten, Hubi, der seit 1946 seine Stimme erhebt.

Und das ist völlig OK.

Bei Trump hat es einen Geruch, besser gesagt Gestank.





Dienstag, 9. Dezember 2025

Frank Gehry ist tot: Ein dekonstruktivistischer Nachruf für einen grossen Dekonstruktivisten

 

Frank Owen Gehry (eigentlich Frank Ephraim Goldberg) wurde 1929 in Toronto/ Kanada geboren. Er ist ein kanadisch-US-amerikanischer Architekt und Designer, der seit 1947 in Kalifornien lebt.
Bis

1954

studierte

Frank

O. Gehry

Architektur

an der University

of Southern California

in Los Angeles,

danach ein Jahr lang an der Harvard Graduate School of Design.
Anschließend arbeitete er für verschiedene Architekturbüros an der Westküste, bevor er sich 1962 als Architekt selbstständig machte. 1989 wurde ihm der Pritzker-Preis für Architektur verliehen.
Gehrys Arbeiten erregten Aufsehen, weil sie experimentell sind und aus Elementen bestehen, die gebrochen oder zerrissen erscheinen. Seine Gebäude gelten als Beispiele des Ad-hoc- oder Punk-Designs, wodurch Gehry zu einem der wichtigsten amerikanischen Architekten am Übergang von Postmoderne zum Dekonstruktivismus wurde.


Zu Beginn seiner Karriere waren seine Werke durchaus konventionell. Erst gegen Ende der 60er Jahre veränderte er seine architektonische Formensprache, indem er begann vermeintlich "ärmliche" Materialien wie Sperrholz, Wellblech und im Möbelbau sogar Wellpappe einzusetzen. 1983 wurden Gehrys Leuchten in New York ausgestellt - Konstruktionen aus gerissenen, gebrochenen Materialfragmenten, die von innen beleuchtet werden. Zu Gehrys populärsten Entwürfen gehört die Stuhlserie "Powerplay" aus gebogenen Holzfurnierstreifen (1992) für Knoll, die bereits vor ihrer Markteinführung mit einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art gewürdigt wurde.
……………………………………………………………….Gehry war der Sohn von Irving und Thelma Goldberg, deren Eltern als Immigranten jüdisch-polnischer Herkunft ins Land kamen. Sein Vater betrieb bis zum staatlichen Verbot den Verkauf von …………………………………………………………….Glücksspielmaschinen an die Bars in der Umgebung von Timmins im östlichen Ontario, das damals eine Goldgräberstadt war.[5] Aus Abfällen des großväterlichen Eisen- und Haushaltswarenladens bastelte er als Junge seine ersten Häuser und Städte zusammen.[5] Charakteristisch für Gehry sind seitdem abgewinkelte Ebenen, kippende Räume, umgekehrte Formen und eine gebrochene Geometrie. Beispiele sind der Pappsessel "Little Beaver" (1989) für Vitra oder die Serie "Easy Edges" (1971-1972) für Cheru Enterprises. Vitra legte 1992 vier Modelle in einer Reedition neu auf: den "Side Chair", den "Dining Table" und das in drei Größen erhältliche, ineinander stapelbare "Low Table Set".An der University of Southern California (USC) in Los Angeles studierte Gehry Architektur bis 1954, sein Studium finanzierte er sich als Lkw-Fahrer.[5] Lehrer war unter anderem Gregory Ain.[6]

………………………………………….Gehry entwarf einige der phantasievollsten Gebäude, die je gebaut wurden, und erlangte ein Maß an Anerkennung, die nur selten einem Architekten zuteil wird.

Seine

erste

Frau

Anita

war

unglücklich

mit seinem

Nachnamen und

schlug ihm daher gemeinsam mit ihrer Mutter 1954 vor, Goldberg in den weniger offensichtlich jüdischen Namen Gehry zu ändern, was er umgehend tat. Danach nahm er ein Zweitstudium für Stadtplanung an der Harvard Graduate School of Design auf. Ab

1962 betrieb er ein Architekturbüro in Los Angeles unter dem Namen Gehry Partners, LLP. Während der ersten Ehe (die 1968 geschieden wurde) bekam das Paar zwei Töchter.

Auf Drängen von Mark Zuckerberg, dem Vorstandsvorsitzenden von Facebook, entwarf er zudem eine Erweiterung des nordkalifornischen Hauptsitzes des Unternehmens.

Ab 1975 war Gehry mit der Panamaerin Berta Isabel Aguilera verheiratet.[7] Er hatte mit ihr zwei Söhne. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes zog die Familie in ein größeres Haus aus den 1920er Jahren. Seine Frau ermutigte ihn, ihr Wohnhaus in Santa Monica (in dem sie bis zu seinem Tod wohnten) nach seinen Vorstellungen kühn umzugestalten und zu erweitern. 1980 wurde das Gebäude vom American Institute of Architects (AIA) ausgezeichnet.[8]

Der weltberühmte kanadisch-amerikanische Architekt und Designer Frank Gehry ist im Alter von 96 Jahren nach einer kurzen Atemwegserkrankung gestorben. Er verstarb am Freitag in seinem Haus in Santa Monica, Kalifornien, sagte Meaghan Lloyd, Leiterin des Büros Gehry Partners LLP.

Seine Faszination für die moderne Pop-Art führte zu unverwechselbaren, markanten Gebäuden. Zu seinen zahlreichen Meisterwerken zählen das Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles und das Berliner DZ-Bank-Gebäude.

 

 

Freitag, 5. Dezember 2025

Das leidige Thema Alterskontrolle


Liebe Leserinnen und Leser
Wir machen heute ein kleines Quiz:

- In welchem Winkel stehen die Zeiger der Uhr bei 12.15?
- Wie geht der Satz weiter «Klimbim ist unser Leben, und ist es mal nicht wahr…»
- Warum ist es witzig, wenn ein Arzt Dr. Brinkmann heisst?
- Was war auf der Hardthöhe?
- Was machte Rolf Kauka?
- Welches Datum hatte der «Tag der Deutschen Einheit»?

Nun, das ist jetzt nicht einfach ein Quiz. Es ist ein Quiz zur Altersermittlung, wenn Sie alle Fragen wissen, sind Sie auf jeden Fall über 18 – mehr noch, Sie sind ziemlich alt. Die Dienstag-Freitag-Glosse hat sich ob einiger doch heikler Inhalte verpflichtet, bei der FSK mitzumachen und nur noch Leserinnen und Leser über 18 zuzulassen.

Immer wieder hört man ja, dass Politikerinnen und Politiker an Altersgrenzen herumschrauben. Soll die Altersgrenze für Bier auf 18 raufgehen? Sollte man Tabak erst mit 21 kaufen dürfen? Sollte TikTok ab 14 sei? Oder ab 16/18/20 oder sollte man es gleich verbieten? Ab wann sollte man in ein Pornokino dürfen?
Und immer wieder klingt die Parole BIER ERST MIT 18 wie das Nonplusultra des Jugendschutzes, das Ei des Kolumbus, der Stein der Weisen.

Die Sache ist aber die: Jedes Gesetz ist so gut wie seine Durchführung, und jeder Jugendschutz ist so gut wie seine Kontrolle.
Und hier versagen alle Systeme meist vollständig.

Ein Bubenchor hatte einen netten Apéro nach einem Auftritt, die Dame, die Wein und Sekt ausschenkte, fragte die ersten Sänger nach einem Ausweis. Die waren aber beide Mitte 20, auf jeden Fall sichtbar über 18 und entsprechend angesäuert. Nachdem diese ihren Unmut geäussert hatten, prüfte die Dame gar nicht mehr – und gab den Chianti und den Riesling auch an Sänger, die ihr Glas Wein hörbar noch mit Bubenstimme verlangten.

Aber auch wenn das System der Kontrolle funktioniert, kann man nicht verhindern, dass «weitergegeben» wird. Der Kassierer bei COOP oder der MIGROS kann sich nicht darum kümmern, was mit den 30 Dosen Bier passiert, die der 18jährige kauft. Es ist zwar klar, dass er die nicht alleine trinkt, und man sieht auch, dass vor Türe Kids warten, aber hier einzuschreiten, das kann man von keinem verlangen.

Im Internet ist die ganze Sache noch heikler. Wie soll ich herausfinden, ob der junge Mann, der bei der Seite «Grosse Titten – grosse Mösen» seinen Ausweis einscannt, auch selber am Bildschirm sitzen bleibt oder ob er seinen kleinen Bruder den Screen überlässt? Abgesehen davon, dass natürlich ein eingescannter Ausweis 100x – 200x bearbeitet sein kann.

Neuerdings testet man KI. Aber wie das noch in den Kinderschuhen steckt, hat man neulich gesehen: Ein 14jähriger zog sich den Scheitel ein wenig seriöser, klebte sich einen Schnauz an und trug eine Krawatte, die Kamera nahm ihn auf und die KI gab sein Alter als 30 – 40 an. Obwohl ein Blinder sah, dass der Bart ein Fake ist…

Immer wieder hört man ja, dass Politikerinnen und Politiker an Altersgrenzen herumschrauben. Immer wieder klingt die Parole TABAK ERST MIT 20 wie das Nonplusultra des Jugendschutzes, das Ei des Kolumbus, der Stein der Weisen.
Das Problem ist aber die Kontrolle.

So viel für heute.

Ach so, die Antworten (wenn Sie ein Youngster sind)
- 82,5°
- …dann mach ich mir `nen Schlitz ins Kleid und find es wunderbar.
- Dr. Brinkmann hiess der Leiter der «Schwarzwaldklinik» in der ZDF-Soap
- das Verteidigungsministerium (in Bonn)
- Fix und Foxi
- 17. Juni



Dienstag, 2. Dezember 2025

Die Bastion der Lateiner ist gefallen! (Vatikan gibt Latein als erste Amtssprache auf)

Salvete, lectores columnae Martis-Veneris.

Das heisst (für Nichthumanisten) «Seid gegrüsst, Leser der Dienstag-Freitag-Glosse». Es geht heute nämlich um Latein, und das hat einen Grund: Unsere letzte Bastion ist gefallen. Der Vatikan verzichtet.

Ich habe mit dem Latein eine lange Geschichte. Ich habe Ihnen am 25. 3. dieses Jahres davon erzählt:
Ich habe meine Lateinkenntnisse bei Prof. Dr. Werner Stegmaier erworben. Später Ordinarius in Greifswald, war er in 70ern und 80ern Lehrer am Wagenburg-Gymnasium in Stuttgart. (Erfinde ich jetzt nicht, Sie können ihn googeln und er hat auch einen Wikipedia-Eintrag…)
Es gehört übrigens zu den Merkwürdigkeiten meiner Laufbahn, dass ich am mathematisch-naturwissenschaftlichen Wagenburg den besten Lateinunterricht erhielt, aber eine katastrophale Matheausbildung, und dass es sich dann am altsprachlichen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium umdrehte, den besten Matheunterricht der ganzen Stadt und in Latein eine totale Pfeife als Lehrer.

Wie ging es dann weiter?
Nun, Latein wurde mein Wissenschaftliches Beifach an der Uni, ich habe also neben Schulmusik an der Musikhochschule auch Klassische Philologie des Lateinischen an der Albert-Ludwigs-Universität studiert. Und mir wurde einmal eine riesengrosse Ehre zuteil: Im Jahre 1991durfte ich beim «Colloquium Rhenanum», beim Treffen der Freiburger und Strassburger Latinisten den Vortrag der deutschen Seite halten (über die Phaedrus-Fabel III/7 «lupus ad canem»), eine Ehre, die sonst Nebenfächlern nicht zusteht…

In Diskussionen mit Menschen, die dem Latein ein wenig kritisch gegenüberstehen, die meine Studien belächelten, die meinten, es sei ja eine tote Sprache, die es für überflüssig halten, in diesen Diskussionen konnte man nun immer ein Schild hochhalten:
Den Vatikan.
Jener kleine Staat, in dem die Amtssprache das Latein sei, der Latein schreibt und redet und denkt, und der sogar neue Wörter erfindet. Ja! Echt! Schauen sie einmal her:
De sociali quaestione universali agitur, quae humanae vitae dignitati arcte coniungitur. Foederatarum Civitatum Americae Septentrionalis Episcopi socialem nostrae sollicitudinis de caeli status mutatione sensum optime significaverunt, qui tractationem oecologicam tantum praetergreditur, quandoquidem «nostra alterius cura itemque nostra terrae cura penitus nectuntur.
Heisst auf Deutsch:
Es ist ein globales soziales Problem, das eng mit der Würde des menschlichen Lebens zusammenhängt. Die Bischöfe der Vereinigten Staaten haben den sozialen Sinn unserer Sorge um den Klimawandel, der über einen rein ökologischen Ansatz hinausgeht, sehr gut zum Ausdruck gebracht, denn »unsere Sorge füreinander und unsere Sorge für die Erde sind eng miteinander verbunden.
(aus dem Schreiben «Laudate Deum»)

Und nun das:
Der Vatikan, der Sehnsuchtsort der Latinisten, die Bastion in der englischdominierten Welt, das kleine gallische Dorf, die letzte Zufluchtsstätte, dieser Vatikan hat kapituliert.
Die Kurie gibt Latein als erste Amtssprache auf.

Aber ich muss mich ja an die eigene Nase fassen: Mein Latein ist ja auch ziemlich am Ende. Da ich nie an einem BW-Gymnasium unterrichtete, habe ich mein Latein vernachlässigt, ich könnte die meisten Texte heute nicht mehr a prima vista übersetzen. Und das ist im Vatikan eben auch so, viele Leute reden eben doch Englisch miteinander. Der Papst hat nur reagiert, reagiert auf das, was eh Tatsache ist.
Schade ist es doch.

Valete, lectores columnae Martis-Veneris!





Freitag, 28. November 2025

Der schwimmende (im Wasser stehende) Spinnenmann

Jeder in B. kennt ihn: Den Hallenbad-Spinnenmann. Den schwimmenden Nichtschwimmer. Den Stehschwimmer. Den Tiefgraber.

Der Gute ist jeden Tag im Hallenbad, mal am Morgen, mal am Mittag und mal (leider) zur Stosszeit um 17.00.
Er ist ca. 75 Jahre alt und klapperdürr mit langen Armen und Beinen (daher auch der Name «Spinnenmann»).
Das Besondere an ihm ist, dass er mit voller Wucht schwimmt, aber kaum einen Meter vorankommt. Er stösst seine Arme mit Kraft, und er bewegt seine Beine mit Kraft, mit viel Kraft, mit äusserster Kraft, mit extremer Kraft, aber alle seine Bewegungen gegen nach unten, vertikal, sodass der Zugewinn an Strecke praktisch gleich null ist. Er braucht für die Länge von 25 Metern – ungelogen! – 5 Minuten.

Jeder in B. kennt ihn: Den Hallenbad-Spinnenmann. Den schwimmenden Nichtschwimmer. Den Stehschwimmer. Den Tiefgraber. Den meistverhassten Besucher des Hallenbades in B.

Es gibt laufend Beschwerden über ihn, denn er ist wirklich im Weg. Vor allem natürlich zu Zeiten, an denen das Bad voll ist – wie eben zwischen 17.00 und 18.00, wenn alle Bürogummis und Sachbearbeiter, wenn alle Versicherungsangestellten und alle Sekretäre aus den Offices strömen, um ihren Feierabend mit einem erholsamen Schwimmen einzuläuten.

Aber was kann man ihm sagen? Kann man ihm Hausverbot erteilen? Ihm bestimmte Zeiten zuteilen? Was soll der Bademeister sagen und machen? Die Schwierigkeit ist, dass der Spinnenmann seiner Meinung nach das tut, was man in einem Schwimmbad tun darf: Schwimmen. Nach der Meinung der anderen tut er eben das nicht. Natürlich darf man langsam schwimmen, aber wie langsam ist es noch «Schwimmen» und wann ist es «Stehen im Wasser»?
(Wikipedia, sonst so hilfreich, drückt sich um eine klare Definition…)

Jeder in B. kennt ihn: Den Hallenbad-Spinnenmann. Den schwimmenden Nichtschwimmer. Den Stehschwimmer. Den Tiefgraber. Den meistverhassten Besucher des Hallenbades in B. Das klapperdürre Männlein.

Vielleicht aber tun wir dem Manne unrecht.
Vielleicht ist das, was er macht, gar kein Sport, sondern eine Performance.
Seine sinnlose und ineffektive Kraftanstrengung symbolisiert ja in einer unglaublichen Weise viele Aspekte aus Gesellschaft und Politik:

Vielleicht will er die deutsche Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft darstellen, die sich abstrampelt und abmüht, die Geld in die Hand nimmt und Reformen beschliesst, die ackert und sich streitet und nochmal ackert und sich nochmal streitet und einfach nicht vom Fleck kommt.

Vielleicht will er die Klimakonferenzen darstellen, die in regelmässigen Abständen stattfinden und einen immensen Aufwand betreiben, nur um dann wieder festzustellen, dass man nicht vom Fleck gekommen ist.

Vielleicht will er die Kriegsgegner in der Welt symbolisieren, die Kriegsgegner, die nach 3 Jahren Kampf sich endlich an einen Verhandlungstisch setzen, um dann in 8 Wochen einen Waffenstillstand auszuhandeln, einen Waffenstillstand, der dann nach 24 Stunden schon wieder gebrochen wird.

Vielleicht…
Vielleicht…
Vielleicht…
Auf jeden Fall könnte der Mann ein Performer sein, ein Mensch in der Nachfolge Abramovics, Yoko Onos oder Nam June Paiks.

Jeder in B. kennt ihn: Den Hallenbad-Spinnenmann. Den schwimmenden Nichtschwimmer. Den Stehschwimmer. Den Tiefgraber.
Es gibt laufend Beschwerden über ihn, denn er ist wirklich im Weg.
Aber lasst ihn in Ruhe!
Der Mann ist Künstler.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 25. November 2025

Ich bin Utopist - und das ist gut so.

Nach dem letzten Post haben mir viele geschrieben, dass ich ein Utopist sei. Und haben das Wort «Utopist» absolut negativ gemeint.

Dabei haben die lieben Leserinnen und Leser meine richtig utopischen Ideen noch gar nicht gelesen:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.
* Weltraum und die Weltmeere gehören schon allen, nun wird auch alles, was tiefer als 500m im Boden liegt, der Weltgemeinschaft zur Verfügung gestellt.
(Die zweite Idee stammt übrigens gar nicht von mir, ich habe sie aus einem Programmheft des Theater Basel, weiss aber den Autor nicht mehr…)

Nach dem letzten Post haben mir viele geschrieben, dass ich ein Utopist sei. Und haben das Wort «Utopist» absolut negativ gemeint.

Natürlich ist das alles Utopie. Weiss ich. Weiss ich. Weiss ich. Weiss ich.
Aber – nun mal ganz ehrlich gesagt – sind nicht viele Dinge, die für uns heute total selbstverständlich und üblich und normal sind, eben genau das gewesen: Eine Utopie?
Da wären zu nennen:
* das Auto, die Eisenbahn, der Mondflug und Marsflug und Überhauptflug, die S- und U-Bahn und Schiene und Motor…
* die weltweite Kommunikation, das Telefon, das Handy, das Internet und so weiter…
* generell der elektrische Strom, die Elektronik und der Computer…
* der medizinische Fortschritt, die Möglichkeit, an TBC oder anderen Sachen nicht mehr zu sterben.
etc.
etc.

Nach dem letzten Post haben mir viele geschrieben, dass ich ein Utopist sei. Und haben das Wort «Utopist» absolut negativ gemeint.

Aber genauso im politischen und gesellschaftlichen Bereich haben wir heute viele Dinge, für die diejenigen, die sie vor 100 Jahren dachten und forderten als totale Utopisten beschimpft wurden:
Wir haben – bei allem Bashing und Daraufrumhacken – eine Organisation, in der alle Staaten der Welt zusammensitzen und reden und verhandeln, statt sich die Köpfe einzuschiessen und die Länder zu zerstören.
Wir haben mit dem Roten Kreuz eine Organisation, die sich weltweit um humanitäre und medizinische Belange kümmert, und die in allen Nationen geachtet und anerkannt ist.
Ein evangelischer Mann und eine katholische Frau können heutzutage heiraten, ohne dass sie enterbt und verstossen und aus der Familie verbannt wird.
Aber ich gehe noch weiter: Auch zwei Männer, zwei Frauen können heute zusammenleben und man darf sogar auch noch etwas «dazwischen» sein. Und dieses «Dazwischen» wurde ja schon vor 100 Jahren von Magnus Hirschfeld, der ja sicher unter die ganz grossen Utopisten zu rechnen ist.

«Seid realistisch – fordert das Unmögliche» so prangte es in den 70er Jahren von manchen Hauswänden. Und im wunderbaren Schweizer Film «Utopia Blues» wird gesungen

Vill z`lang hämmer gschwige

Vill z`lang hämmer gnickt
Vill z`lang hämmer das gmacht
Wo sich halt eso schickt
Doch jetzt wirds sich ändere
Ja jetzt boued mir
Es ganz nöis Läbe uf
Utopia isch nonig tot!
Utopia isch nonig tot!

Ja, Utopia ist noch nicht tot.
Nach dem letzten Post haben mir viele geschrieben, dass ich ein Utopist sei. Und haben das Wort «Utopist» absolut negativ gemeint.

Aber ich bin stolz drauf.

Freitag, 21. November 2025

Klima-Idee: Kein Reisen ohne Heimatkenntnis


Ich war neulich in Sankt Urban. St. Urban ist eine wundervolle barocke Klosteranlage mit einem weltkulturerbeverdächtigen Chorgestühl. Es war einer der letzten Abende des goldenen Oktobers, wir spazierten in der untergehenden Sonne, die das Gebäude in den herrlichsten Farben erstrahlen liess. Einfach klasse.
Ich war noch nie in St. Urban gewesen.

Dabei liegt St. Urban zwar im Kanton Luzern, aber ganz, ganz, ganz im Norden und ist mit einem Bähnlein in 10 Minuten von Langenthal zu erreichen. Langenthal wiederum ist praktisch neben Olten und Olten ist keine halbe Stunde von Basel entfernt. Also in einem Satz: Das ist nicht weit.

Meine Patentante Pauline («Päule») – Gott habe sie selig – hätte dafür kein Verständnis gehabt. Sie war praktisch nie aus ihrem Dorf in der Zollernalb herausgekommen, ein paar Mal Stuttgart bei uns und einmal Paris mit dem Kirchenchor ausgenommen («Was soll ich woanders? Hier ist es am schönsten!»), aber die Dinge der Umgebung kannte sie.

Sie war nie in den Barockkirchen in Oberösterreich oder in Rom, aber die Wallfahrtskirche St. Anna in Haigerloch, immerhin doch auch eines der schönsten deutschen Barockmonumente, die kannte sie in- und auswendig.
Sie war nie in Potsdam und kannte Sanssouci nicht, wohl aber die Stammburg der Hohenzollern, schliesslich gibt die imposante Anlage dem Kreis um Balingen ja den Namen.
Sie hat nie den Schäfern auf Kreta oder in den Highlands, nie den Schafhütern in Syrien oder Palästina zugeschaut oder sie beobachtet, warum auch, Schäfer bevölkerten früher auch die Schwäbische Alb. (Und gaben ihr ihr typisches Aussehen, denn die Schafe verschmähten den ultralangsamwachsenden Wacholder, frassen aber das Gras drum herum…)

Warum reisen wir immer in Ferne? In die Ferne, um dann dort das toll zu finden, was wir daheim vor der Nase haben?
Meine Jungs sind auf jeder Tournee hin und weg von Tropfsteinhöhlen, von den Stalagmiten und Stalaktiten, sie staunen und staunen, aber KEINER von ihnen war je in der Erdmannshöhle – und die liegt in Schopfheim, also nur einen Katzensprung von Basel entfernt (wenn auch im Ausland).

Warum in die Ferne schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.

So schreibt der Geheimrat – nein, schreibt er nicht, bei Goethe heisst es in Wirklichkeit:

Willst Du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

Aber macht nix. Stimmen tut es doch.
Denn nur, wenn man das Nahe kennt, dann merkt man den Unterschied, natürlich gibt es Berge und Schluchten in Übersee und Flüsse und Vulkane, gibt es dort Wüsten und Steppen, die wirklich einmalig sind, aber diese Einmaligkeit sieht man ja nur, wenn man es mit dem daheim vergleichen kann.

Daraus entwickle ich nun eine Forderung, eine Forderung, die alle Klimaprobleme beendet und allen CO2-Ausstoss gegen Null wandern lässt:

KEIN MENSCH DARF MEHR REISEN, DER SEINE NÄCHSTE UMGEBUNG NICHT EINGEHEND BESUCHT UND ERKUNDET HAT. DIESE KENNTNIS WIRD BEI JEDEM TICKETKAUF ÜBERPRÜFT.

Sie wollen ins Disneyland, stammen aber aus Karlsruhe? Dann zeigen Sie bitte, dass Sie den Europa-Park mindestens 10x besucht haben, dann bekommen Sie einen Flug.
Sie wollen ins MoMa, um dort Warhol und Lichtenstein und Pollock und Rothko anzugucken? Weisen Sie nach, dass Sie alle Post-war-Bilder im Umkreis von 100 Kilometern gesehen haben (die meisten Museen haben ein Bild dieser Meister).
Sie wollen einen Canyon in Thailand? Erst einmal in die Wutachschlucht. Oder in die Via Mala, oder an die Teufelsbrücke.

Ich war neulich in Sankt Urban. St. Urban ist eine wundervolle barocke Klosteranlage mit einem weltkulturerbeverdächtigen Chorgestühl. Es war einer der letzten Abende des goldenen Oktobers, wir spazierten in der untergehenden Sonne, die das Gebäude in den herrlichsten Farben erstrahlen liess. Einfach klasse.

Und es gibt noch viel, viel, viel, viel in der Nähe zu sehen.



Dienstag, 18. November 2025

Gedanken über Fussabtreter - der St. Martins-Fake


Wir haben uns einen neuen Fussabtreter zugelegt. Der alte war am Rand ausgerissen und zerfleddert, er besass nämlich einen Lederrand, der sich zerlegte, wenn man den Gegenstand horizontalen Spannungen aussetzte. Zum Beispiel, wenn man sich mit den Füssen darauf rieb. Und genau das ist es ja, wofür ein Fussabtreter gemacht wird. Also wieder genauso ein Fall, wo die Hersteller nix nachdenken, aber ich will nicht abschweifen.

Der neue Fussabtreter sollte nach unseren Wünschen in den Farben Blau, Schwarz oder Anthrazit gehalten sein, auf keinen Fall in Kackbraun wie der alte. Und auf keinen Fall sollten auf ihm Worte wie
WILLKOMMEN
WELCOME
TRAUTES HEIM GLÜCK ALLEIN
HOME SWEET HOME
stehen, eine solche Fussmatte steht in der gleichen Reihe wie ein Katzenbaum, eine Macramé-Eule, wie ein Holzlättlein-Windspiel und zehn kleine Blumentöpfe mit Usambaraveilchen, nun können ein Katzenbaum, eine Macramé-Eule, wie ein Holzlättlein-Windspiel und zehn kleine Blumentöpfe mit Usambaraveilchen eine gewisse Nostalgie und ein gewisses Kindheitsgefühl auslösen, man würde aber doch darauf verzichten wollen…

Wir schauten nun in MANIFESTUM®, den Katalog für links-intellektuelle Menschen mit hohem Monatseinkommen, also Rundfunkmitarbeiter, Zeitungsredakteure, Museumskuratoren und Dramaturgen, MANIFESTUM® hatte tatsächlich einen Fussabtreter im Angebot, ein wunderschönes Ding in Schwarzgrau, handgewebt aus der Wolle von nordiberischen Ur-Schafen, bio, vegan und unbehandelt, aber den stolzen Preis von 599,99 konnten wir im Moment nicht aufbringen.

Also erstanden wir ein dunkelblaues Exemplar im MUJOB® – für 6 Franken, auch sehr schön und sehr gediegen.

Wir hatten uns nun einen neuen Fussabtreter zugelegt. Der alte war, wie Sie wissen, am Rand ausgerissen und zerfleddert, er besass nämlich einen Lederrand, der sich zerlegte, wenn man sich mit den Füsslein darauf rieb. (Und genau das ist es ja, wofür ein Fussabtreter gemacht wird.)

Es ging nun darum, die alte Fussmatte möglichst elegant und sauber zu entsorgen. Nicht lag näher, als sie zu zerschneiden und die kleinen Einzelteile in den Mülleimer zu tun. Ich schnappte mir nun ein Japanmesser und ging an die Arbeit.

Der schwierigste Schnitt ist in diesem Fall der erste. Nein, der schwierigste Schnitt ist immer der erste – und der tiefste, sang ja schon Cat:

The first cut is the deepest
Baby, I know the first cut is the deepest

Aber nicht abschweifen, der erste Schnitt muss so gesetzt werden, dass er die Unterlage (hier meinen Balkontisch) nicht zerkratzt. Ab der zweiten Zerteilung kann man nämlich die Hälfte der Matte auf der anderen schneiden. Ich hob also den Fussabtreter ein bisschen in die Luft und schnitt so mit Japanmesser hinein.

Und während ich so kämpfte, kamen mir Gedanken. Ich dachte daran, dass wir ja Mitte November haben, und ich dachte daran, dass es wahrscheinlich unmöglich wäre, die Matte zu zerteilen, wenn man sie komplett in der Luft hält, und ich dachte daran, dass es ganz schwer wäre, wenn das Textil leichter und das Messer grösser wäre.

Sie ahnen, worauf ich hinauswill?
Der gute Heilige kann unmöglich diesen Mantel mit dem Schwert so zerteilt haben, wie es auf den Abbildungen dargestellt wird. Wahrscheinlich hat er ihn an der Naht zerteilt, denn normalerweise waren die Mäntel zusammengenäht. Ja, natürlich, da ist die «Lasst-uns-diesen-nicht-zerteilen-Geschichte», aber es ist ja so, dass der Mantel Jesu eine AUSNAHME war…
Die Martinsgeschichte ist also ein Fake, aber das macht nix, sie war auf jeden Fall ein gutes PR.

So.
Jetzt muss ich los, ich brauche immer ein wenig länger.
Weil ich immer noch 10 Minuten vor der Wohnungstüre stehenbleibe und mich über meinen neuen Fussabtreter freue.

























 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

 

Freitag, 14. November 2025

Wo sind Jude, Shaze und Tom im Film?

Liebe Leserin und lieber Leser,
kennen Sie Sally Phillips, Shirley Henderson und James Callis? Nicht? Britische Schauspielerinnen und Schauspieler. Shirley Hendersons Gesicht ist Ihnen wahrscheinlich als das der «Maulenden Myrtha» aus den Potter-Filmen vertraut. Den Namen haben Sie aber nicht gemerkt. Die anderen beiden stehen irgendwo im Nebel der Unbekannten.

Kennen Sie aber Renée Zellweger, Colin Firth und Hugh Grant? Natürlich, was für eine Frage. Und Sie wissen sicher auch, in welchem Film die drei gespielt haben?
Klar: Bridget Jones. Sie verkörperten dort Bridget, den wunderbaren Mark Darcy und den fiesen Daniel Cleaver.

Nun kommen aber auch die anderen wieder ins Spiel. Sally Phillips, Shirley Henderson und James Callis gaben die Rollen der Freunde Bridgets: Sharon (auch «Shazze», «Shaze», oder «Shazzer/Shazer» genannt), Jude und den schwulen Tom.
Dass Sie sich nun partout NICHT an die drei erinnern, liegt daran, dass man im Film ihre Bedeutung auf ein Minimum reduziert hat.

So.
Ich muss mich nun ein wenig outen. Ich lese manchmal auch Bücher, die nicht über allen Zweifel erhaben sind. Und ich tue das ohne schlechtes Gewissen und mit Spass. Das Gleiche gilt für Filme. So habe ich vor vielen, vielen, vielen Jahren «Schokolade zum Frühstück» gelesen und auch den passenden Streifen dazu gesehen. Nun fiel mir neulich in einem Gratis-Bücher-Schrank der Roman wieder in die Hände und ich las ihn noch einmal.
Und nun fiel mir noch einmal auf, was mich damals schon störte: Im Film ist Clique von Bridget eine totale Nebensache. Im Buch sind Sharon (auch «Shazze», «Shaze», oder «Shazzer/Shazer» genannt), Jude und der schwule Tom mithin die wichtigsten Figuren.

Warum verschwindet die Frauenclique im Film? (Ich rechne den Tunten-Tom nun auch mal zu den Frauen – ich als Schwuler darf das…) Weil die Bridget-Gruppe nicht dem entspricht, was wir unter «Frauenfreundschaften» gerne verstünden.
Frauen sollten gerne befreundet sein, sie sollten auch gerne Zeit miteinander verbringen, gerne sich mögen und zusammenhocken, dann aber etwas Nützliches tun:
* Handarbeiten (stricken, häkeln, spinnen, stopfen…)
* mit den Kindern auf den Spielplatz (oder ins Schwimmbad)
* Austausch von Koch, Back- und Einmachrezepten
* Hilfe beim Haushalt, wenn die andere mal krank ist
usw.
usw.
Bridget, Sharon (auch «Shazze», «Shaze», oder «Shazzer/Shazer» genannt), Jude und der schwule Tom tun aber nichts dergleichen, sie hängen herum, stehlen dem lieben Gott die Zeit, rauchen, futtern, quatschen.
Und trinken viel zu viel Alkohol.
Da Bridget ja Tagebuch führt (nicht umsonst heisst das Buch im Original «Bridget Jones's Diary»), werden die Alkoholmengen immer am nächsten Tag verzeichnet – und sind meist hoch.
Pfui.
Geht gar nicht.

Bei Männern ist das natürlich etwas anderes, da geht es um hehre Dinge, Freundschaft, Kameradschaft, einer für alle und alle für einen, da geht es um Ideale und Kunst und Philosophie, da werden Freundschaften zu Bünden und Bündnissen, und der Alkohol spielt nur nebensächlich eine Rolle.
Denkt man.
Denn wenn man genauso hinsieht, dann sind Männerfreundschaften halt doch sehr häufig Sauffreundschaften, die im Nachhinein zu grossen Dingen stilisiert werden. Was haben die «Schubertianer» bei ihren Wochenendfahrten gemacht? Sicher, Kultur ohne Ende, sagt man, aber sie haben auch entsetzlich viel getrunken.
Gesoffen.
Brutal gesagt.
Beim «Mächtigen Häuflein» ging es nicht anders zu.

Liebe Leserin und lieber Leser,
kennen Sie Sally Phillips, Shirley Henderson und James Callis? Nicht? Britische Schauspielerinnen und Schauspieler.
Und es bleibt zu hoffen, dass einmal eine Bridget Jones-Fortsetzung gedreht wird, in der die ganze Liebe weggelassen wird und die drei 90 Minuten lang Sharon (auch «Shazze», «Shaze», oder «Shazzer/Shazer» genannt), Jude und den schwulen Tom spielen dürfen.







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 11. November 2025

Klimakonferenz!

Ich habe noch gar nicht so viel über Klimakonferenzen geschrieben, wie ich gedacht habe. Wenn ich das Stichwort «Klimakonferenz» eingebe, da kommen nur ein paar Posts. Und in den meisten ist der Begriff nur am Rande genannt. Einen Text fand ich allerdings. Ich schrieb nach Glasgow 2021:

Ja, und dann ist da noch das Schlussdokument der Klimakonferenz. Es gibt hier nichts schönzureden oder zu beschönigen: Glasgow war eine Katastrophe. So schön es war, dass – und lassen Sie sich das jetzt mal auf der Zunge zergehen – niemand mehr den Klimawandel abstreitet, angesichts der Tatsache, dass es eins vor zwölf ist, ist ein Packen-wir-es-irgendwie-und-irgendwann-einmal-an einfach zu wenig.
Einfach Mist.
Einfach nix.

Aber wir wollen nicht alles gleichsetzen, dieses Mal wird alles besser, es sind ja dieses Mal ganz viel Betroffene dabei, Indigene zum Beispiel, die ihren Standpunkt schon klar machen werden.

Dann führte ich 2021 aus, dass diese Abschlusserklärungen mich an die Vorsätze meiner Bekanntschaft erinnert, die jeweils zum Neuen Jahr getroffen werden. Der eine will weniger rauchen, die andere abnehmen, der eine mehr Sport, die andere weniger Alkohol.
Und am Ende eines Jahres kann man (meistens) einen Erfolg verbuchen, denn wer von 30 Zigaretten auf 29 kam, wer von 0 Längen Schwimmen auf 1 steigerte, wer nur noch jeden zweiten Tag sich betrinkt, alle diese Leute haben ja reduziert.

So schrieb ich 2021:

Wenn man also kein klares Ziel definiert, dann ist man immer auf der Gewinnerseite.

Und so ist es eben auch mit der Schlusserklärung von Glasgow. „Wir wollen die Kohle reduzieren.“ Das ist ein so netter Satz, eine so entzückende Sentenz, ein so tolles Vorhaben, aber dieser nette Satz, diese so entzückende Sentenz, dieses so tolles Vorhaben bringt halt nix, gar nix, weil dieser entzückende Satz, diese so nette Sentenz, dieser Spruch, dieser Slogan, dieses so tolle Vorhaben keinerlei konkrete Ziele festlegt.
Kohle reduzieren – Bis wann? Und wie viel?

Aber wir wollen nicht alles gleichsetzen, dieses Mal wird alles besser, es sind ja dieses Mal ganz viel Betroffene dabei, Indigene zum Beispiel, die ihren Standpunkt schon klar machen werden.

Ich schloss 2021 mit den Worten:

So bitter es ist: Wir brauchen drastische Massnahmen und die sofort.

Aber wir wollen nicht…
Doch.
Doch.
Doch.
Wir wollen mal gleichsetzen. Welche Klimakonferenz hat in den letzten Jahren wirklich etwas gebracht? Glasgow? Johannesburg? Madrid? Toronto? Baku? Dubai? Sofia?
Wie unerheblich diese Treffen geworden sind, zeigt ja schon die Tatsache, dass ich hier drei Städte hineingemogelt habe, die Sie jetzt – Hand aufs Herz! Hand aufs Herz! Hand aufs Herz! – gar nicht bemerkt haben. Es hab nix in Johannesburg, Toronto und Sofia.

Auch die Anwesenheit der Indigenen kann hier nichts ändern. Denn Sie können ja keinen Druck ausüben, sie können nur hinweisen, hinzeigen, hindeuten auf ein Problem.
Und das Problem ist ja bekannt.
Hinreichend bekannt.

Es tut mir leid, dass ich heute so düster bin. Aber wenn man keine Massnahmen (keine Flüge mehr weltweit unter 500 km – zum Beispiel), sondern nur Ziele beschliesst, dann wird das wieder nix.

Freitag, 7. November 2025

Freundschaft der Welt dank Seltener Erden

Wir erinnern uns sicher noch an Klassenkolleginnen und Klassenkollegen, die immer im Schatten standen. Man liess sie nicht mitspielen, niemand mochte sich neben sie setzen, und beim Völkerball bekamen sie immer den Ball ins Gesicht. Bei Kindergeburtstagen wurden sie nicht eingeladen, und wenn man auf Klassenreise ging, dann sassen sie immer beim Lehrer vorne.

Man kann gar nicht sagen, was man gegen sie hatte, sie waren nicht fies oder gemein oder hässlich, sie stanken nicht oder waren zerlumpt, sie hatten keine ansteckende Krankheit und keinen Makel, sie waren einfach «uncool». Sie blieben auch uncool, wenn sie sich um «Coolness» bemühten, ja dann war es fast umso schlimmer, denn ihre Jeans waren dann eben genau nicht die richtigen, ihre Deos rochen falsch und sie hörten genau die falschen Lieder: Hatten Sie gehört, dass Reggae cool ist, dann kamen sie mit «Sunshine Reggae», einem Song, der jedem echten Marley-Fan den Zorn ins Gesicht trieb…

Aber dann gab es Zeiten, da wurden aus den Mauerblümchen, aus den uncoolen Typen, da wurden aus den Opfern und Klassenärschen die Stars.
Die Helden.
Die Grössten.
Die Supermen und Superwomen.
Die Ritter der Galaxis.
Das war, wenn sie irgendetwas hatten, was alle wollten. Dann konnten sie sich vor Freundinnen und Freunden kaum retten.

Olav zum Beispiel wurde zum beliebtesten Schüler, wenn Herbstmesse war, denn dann kam der Cousin seines Patenonkels, der eine Bahn betrieb, die «Hollabullabolla», so ein wildes Fahrteil, wo man ECHT herumgeschleudert wurde. Und Olav bekam immer ca. 50 Freichips.
Marions Vater arbeitete immer wieder in Paris und brachte von dort Schminksachen mit – und zwar Schminksachen, die man im heimischen Warenhaus einfach nicht bekam (und Internet gab es ja noch nicht). Und immer, wenn Marion mit Rouge, Eyeliner, Mascara, Lipgloss und Puder in die Schule kam, dann war sie umringt von Girls, die angeblich alle ihre beste Freundin waren.
Und Peter wurde zum Disco-Helden, zum Travolta der Kleinstadt, er wurde zum Partyhengst, er wurde zum Coolsten, als das «Zibo» aufmachte und Mani, sein Nachbar als Türsteher anfing. Nun brauchte man Peter, denn er konnte Mani überzeugen, bei den Ausweisen nicht so genau hinzugucken…

Schauen Sie, und in der Weltpolitik ist es genauso.

Frudu der Erste, selbsternannter Kaiser von Timborien, einem abgespaltenen Teil der «Südaustischen Republik», müsste eigentlich Probleme haben. Seit seinem Putsch im Jahre 2015 kämpft er um Anerkennung in der Weltgemeinschaft. Bislang umsonst, vergebens, niemand erkennt Timborien an, niemand hat dort eine Vertretung, niemand lässt eine timborische Botschaft ins Land, ja, es wird mit Frudu nicht einmal geredet. Die einzigen Organisationen, die Timborien ihre Aufmerksamkeit widmen, sind NGOs, und zwar solche, die sich mit Menschenrechten auseinandersetzen. Amnesty International zum Beispiel bereist immer wieder das Land, denn die Gefängnisse sind voll – wie gesagt, Frudu der Erste («der Grosse», wie er sich nennt) kam durch einen Putsch an die Macht.

Nun aber…
Nun aber…
Nun aber…
Nun aber haben timborische Ingenieure Eberhardium gefunden, ein Metall, das zu den seltenen Erden gehört und beim Bau des Quantencomputers (Nobelpreis 2025! Sie erinnern sich?) eine grosse Rolle spielen wird. Und zwar Eberhardium in einer relativ grossen Menge.

Und nun geht es Frudu, wie es Olav ging, ihm passiert das, was Marion passierte und sein Schicksal erinnert an Peters Schicksal:
Für den Januar 2026 hat sich eine Delegation aus Deutschland angekündigt, mit Macron hat er telefoniert und mit Trump tauscht er Nachrichten aus. Putin hat eine Mail geschrieben und die Inder, die Chinesen und Japaner werden schon in diesem Jahr zu Gast sein. Es gibt Baugesuche für 30 Botschaften und die Anerkennung Timboriens ist nur noch Formsache.
Dass die Gefängnisse immer noch voll sind, und dass gefoltert wird – wer will das so eng sehen.

So, nun muss ich enden für heute. Ich muss meinem Nachbar noch einen Blumenstrauss zum Geburtstag vorbeibringen.
Ein saublöder Typ.
Aber er sitzt in der Steuerverwaltung – ich werde nicht der einzige Gast sein.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 4. November 2025

Die Verben-Titel-Bücher aus dem Hanserverlag

Es gibt eine Buchreihe im Hanser Verlag, die ich sehr liebe. Alle ihre Titel sind Verben von Alltagstätigkeiten und in einem Umfang von ca. 100 Seiten wird über dieses Thema essayistisch geschrieben. Bisher las ich

«Wohnen» von Doris Dörrie
«Altern» von Elke Heidenreich
«Lieben» von Emilia Roig
«Essen» von Alina Bronsky und
«Schlafen» von Theresa Enzensberger

Weitere werden folgen.

Das Spannende an der Reihe ist, dass die Bücher die Themen nicht immer streng behandeln, sondern eine grosse Freiheit herrscht. Während Dörrie und Heidenreich ihr Thema relativ allgemein angehen, schreibt Bronsky sehr persönlich, wir erfahren sehr viel über russisches und hessisches Essen (zum Beispiel warum ein «belegtes Brot» für Nicht-Deutsche keine Mahlzeit ist…). Enzensberger schreibt eigentlich mehr über Schlaflosigkeit als über Schlafen, da sie selbst an Insomnie leidet, ist das ganz logisch. Und Roig? Ja, die driftet ein wenig sehr ab, das geht dann am Ende auch noch zum «Tiere lieben», «Pflanzen lieben» und «den Kosmos lieben». Na ja.

Ich hatte nun die Idee, dem Hanser Verlag ein Manuskript meinerseits anzubieten. Sie können sicher erraten, um was es gehen sollte:
SCHWIMMEN
Ich konnte drei Argumente ins Feld führen, warum mein (noch zu schreibendes) Buch dort verlegt werden sollte:
Ich kann gut schreiben.
Ich kann gut schwimmen.
Lange war der «Herter-Röcker-Lörcher» als technisches Grundlagenbuch DER Renner der wissenschaftlichen Abteilung des Hanser-Verlages. Es gibt also eine Verbindung.

Die Antwort des Verlages war aber relativ ernüchternd. Auch sie führten drei Argumente ins Feld, die klar gegen mein Projekt sprachen:
Ich sei keine Frau.
Ich sei nicht prominent.
Die Einreichungen zu den Neuauflagen des «Herter-Röcker-Lörcher» seien relativ abstrus gewesen.

Wie nun damit umgehen?
Ich bin keine Frau, das kann ich nicht ändern. Und merkwürdigerweise werden alle Bücher dieser Reihe von AutorINNEN geschrieben.
Ich bin nicht prominent, das könnte das Buch «Schwimmen» ändern, aber hier haben wir ein Catch22-Problem, ich müsste prominent sein, um das Buch zu schreiben, das mich dann auch wieder berühmt macht.
Das Argument mit dem «Herter-Röcker-Lörcher» konnte ich nicht ganz entkräften, ich WEISS, dass viele Ideen ziemlich seltsam waren, ich habe ja neulich in dem Post über Emeriti (3. Oktober 2025) darauf hingewiesen.

Ich habe nun beschlossen, eine eigene Reihe ins Leben zu rufen. Die Reihe wird genauso wie die Hanser-Reihe aus essayistischen Werken im Umfang von ca. 100 Seiten sein. Allerdings werden die Verben alle eher dem negativen Spektrum angehören. Folgende Bücher erscheinen hier vor meinem geistigen Auge:

«Lügen» von Donald Trump
«Überfallen» von Vladimir Putin
«Hassen» von Bernd Höcke
«Beeinflussen» von Elon Musk

Haben Sie Lust, sich an der Serie zu beteiligen? Noch ist niemand konkret angefragt.
Und folgende Titel sind noch ganz unbelegt:

«Saufen»
«Rauchen»
«Verblöden»

Sie müssen einfach ein Mann sein, ob prominent oder nicht, ist egal.





 

Freitag, 31. Oktober 2025

Bitte immer so Tatorte wie am Sonntag!

Nun hat mich dieses Mal doch eine positive (!) Realität eingeholt, das ist ja manchmal auch möglich. Ich wollte eigentlich einen Post über die deutsche Krimi-Misere schreiben und wollte mit der Umtextierung eines Liedes beginnen.

Das Lied, an das sich wahrscheinlich nur die Boomer erinnern, war ein Schlager von Rudi Carell, den er mit seinem unvergleichlichen (künstlichen) niederländischen Akzent nach der Melodie von «City of New Orleans» von Arlo Guthrie sang:

Wann wird`s mal wieder richtig Sommer?
Ein Sommer, wie er früher einmal war,
So mit Sonnenschein von Juni bis September
Und nicht so kalt und so sibirisch wie im letzten Jahr.

Ich wollte dieses Lied nun noch einmal umtexten:

Wann wird`s mal wieder richtig Krimi?
Ein Krimi, wie er früher einmal war,
So mit Mörder, den man sucht und dann auch findet
Und nicht so kryptisch, wie der letzte Tatort war.

Ich wollte nun von den guten alten Wallace-, und Christie- und Holmes, von den Poirot- und Marple, ich wollte von den Highsmith- und Maigret-Krimis schwärmen, Krimis, in denen man nicht von vornherein weiss, wer der Möder (oder die Mörderin) ist, in denen man raten darf und grübeln, in denen dann am Ende alle im Salon versammelt werden – und der Detektiv (die Detektivin! Es gab ja Marple…) allen die Abläufe mitteilt. Und am Ende war es immer der oder die Unverdächtigste. Oder wie Reinhard Mey sang:

Der Mörder war wieder der Gärtner,
und der plant schon den nächsten Coup.
Der Mörder ist immer der Gärtner,
und der schlägt erbarmungslos zu!

Nun aber hat die ARD am Sonntag, den 26. 10. einen Tatort gesendet, der allen meinen Wunschkriterien entsprach. Und am Ende versammelte im Krimi «Letzte Ernte» die Kommissarin Lindholm (alias Maria Furtwängler) alle Beteiligten im… nein, im Salon nicht, aber im Schuppen (der ja auch Tatort war) und klärte auf.
Und nebenbei…
Ganz nebenbei…
Wirklich nur nebenbei…
Nebenbei erfuhr man einige Dinge über die wirtschaftlichen Sorgen und Probleme der Apfelbauern im Alten Land.

Ach, könnte das doch immer so sein! Ach, könnte das wieder Standard werden! Ach, wäre das schön!
Schön wie bei den guten alten Wallace-, und Christie- und Holmes, bei den Poirot- und Marple, schön wie bei den Highsmith- und Maigret-Krimis, die ich alle so liebe.

Ich möchte keine Tatorte und auch keine Polizeirufe 110 mehr, in denen alle Polizisten 1.) gestörter sind als die Mörder, 2.) alle ihre Leichen im Keller haben und 3.) sich diese Vergangenheiten dann auch noch ständig in die Ermittlungen mischen.
Ich möchte nicht mehr sehen, dass die beiden Polizisten vor 20 Jahren einen Fall falsch gelöst haben und seither nicht nur schlaflos, sondern auch erpressbar sind.
Ich möchte nicht mehr sehen, dass der obskure Anwalt, der sich in den Fall mischt, der Vater der Tochter der Polizistin ist, was sie aber nicht weiss.
Ich möchte nicht mehr sehen, dass die Kollegin des Ermittlers vor 17 Folgen gestorben ist (weil die Schauspielerin aufhören wollte) und der Ermittler seitdem einfach nur noch gaga handelt.
Ich möchte nicht mehr sehen, dass die Mutter der Kommissarin eine gesuchte RAF-Terroristin ist.

Nein, liebe ARD. Weiter wie am Sonntag!
Ich texte mein Lied auch um:

Es wurde mal wieder richtig Krimi!
Ein Krimi, wie er früher einmal war,
So mit Mörder, den man sucht und dann auch findet
Und nicht so kryptisch, wie der vorvorletzte war.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 28. Oktober 2025

Stadtbild?

Der Bundeskanzler schafft es doch immer wieder, eine unnötige Diskussion vom Zaune zu brechen. Ich sage nur „Stadtbild“.
Stadtbild.
Die Wogen schlugen hoch, es gab Demonstrationen und Kundgebungen, bis sich Friedrich Merz dann doch entschloss, ein wenig zu präzisieren: Es geht um die Sicherheit, oder das Fehlen von Sicherheit, das man am Stadtbild erkennt. Oder eigentlich geht es um das Gefühl des Fehlens von Sicherheit. («Fragen Sie meine Töchter.»)

«Stadtbild» ist ein schwieriger Begriff.
Wenn ich durch Basel laufe, dann stören mich auch bestimmte Dinge im Stadtbild. Am meisten stören mich die riesigen Hochhäuser, die eine Schweizer Pharma-Klitsche errichten liess, aber gegen die kann ich nichts machen.
Manchmal stört mich auch die Gruppe am Claraplatz, die da fröhlich grölt und säuft, manchmal, vor allem, wenn ich daran denke, dass dort Männer ihre Söhne mitnehmen, welche lieber eine Ausbildung machen sollten, aber ich schweife ab; wenn mich diese Gruppe stört, dann kann ich einfach weggucken, was ich bei den Hochhäusern der Pharma-Klitsche nicht kann, sie sind dermassen omnipräsent, dass ein Wegschauen unmöglich ist.
Stören mich Ausländer im Stadtbild? Natürlich nicht, ich bin ja selbst einer. Die Gruppe am Claraplatz – das muss man auch einmal klar sagen – besteht praktisch nur aus Einheimischen.

Es kommt nun immer auf den Blickwinkel an. Ich habe die Frage in die Runde geworfen, ob eine Gruppe von 20jährigen Männern aus Afrika das Stadtbild stören würde. Klares Nein. Deutliches Nein. Ein Votum war: «Natürlich nicht. Wenn es Sommer ist, und sie Tanktops tragen, dann ist das doch unglaublich reizvoll.» Und dann gackerten Detlef und Jens los…Vielleicht war die Runde, in die ich die Frage warf, doch die verkehrte. Ich hätte das Thema nicht gerade in der Plüschbar «Pink Panther» ansprechen sollen.

Aber Spass beiseite.

Mit der ungeschickten und dämlichen Erwähnung seiner Töchter – Merz ist ja unglaublich stolz darauf, wieder einmal ein führender Politiker MIT Kindern zu sein – hat er doch etwas Wahres angesprochen: Es geht um die Sicherheit von Frauen. Das heisst es geht um das Gefühl der Sicherheit von Frauen.
Wir könnten ja einmal den Test machen, wir fragen die «Töchter», vielleicht auch die «Enkelinnen», vielleicht auch die «Mütter» und «Grossmütter», wo sie sich unsicher bzw. sicher fühlen:
daheim, in der eigenen Wohnung, im eigenen Bett
bei der Privataudienz bei einem männlichen Mitglied des europäischen Hochadels
im Sport-Einzeltraining in der Turnhalle
beim Heimweg durch den Park, wo zehn 40jährige Syrer stehen
nachts beim Umsteigen am Bahnhof, zehn 18jährige Afrikaner stehen
Das Gefühl der Unsicherheit wird – egal wie die Umfrage ausfällt – nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen. Daheim fühlt man sich natürlich sicher, obwohl doch sehr viele junge Frauen von männlichen Familienangehörigen missbraucht werden, da ist der Übeltäter sehr, sehr nahe. Der gleiche Sachverhalt trifft auch auf den Sporttrainer zu, hier denkt man, der tut einem nix, aber der Missbrauch im Sport ist noch einer der ganz grossen dunklen Sachverhalte. Und ein gekröntes Haupt? Das muss doch anständig sein, vorbildlich, ritterlich, beschützend, es muss «höflich» sein (schliesslich kommt das Wort von «Hof»). Menschen wie Prinz Andrew, der ehemalige spanische und der jetzige schwedische König zeigen, dass das eben nicht so ist.
Und die Syrer und die Afrikaner? Würde ich meine Hände ins Feuer legen? Natürlich nicht, schliesslich sind es – auch Männer. Wobei ich glaube, dass 18jährige vor toughen Frauen eine unglaubliche Angst haben.

Müssen wir also unser «Stadtbild» ändern? Alle rausschmeissen? Alle reinlassen? Wir müssen gucken, dass alle Menschen, egal woher, egal wo, egal wie, sich an die Spielregeln halten – nicht mehr und nicht weniger.

Noch eine nette Anekdote zum Abschluss: In der U-Bahn neulich in Berlin stehen junge Araber für uns drei «Alten» auf. Ohne Verzögerung, mit freundlichem Lächeln. Der eine erklärt uns (in makellosem Deutsch mit Kreuzberger Akzent), da, wo er herkomme, habe man Respekt vor dem Alter und benehme sich auch so.
Ist das jetzt gut oder schlecht? Soll er dieses prächtige Verhalten ablegen und sich «integrieren»? Denn bei uns steht man ja nicht mehr auf, er sei denn, die 90jährige mit Stock bittet flehentlich darum…



Freitag, 24. Oktober 2025

Berlinreise (2): Von Busverspätungen, Schwimmbädern, Amazon und tollem Theater

So, hier noch die versprochene zweite Ladung an Berlin-Impressionen, einfach mal so, ohne konkrete Abschnitte und Überschriften...

Ich ging jeden Morgen schwimmen. Das ist nun nix Neues, nix Spannendes. Spannender ist vielleicht nur, wohin ich ging. Ich fuhr nämlich jeden Morgen mit dem 194 von der Haltestelle Pflügerstrasse zum Ostkreuz und von da mit der S-Bahn zum Bahnhof Springpfuhl, um am Helene-Weigel-Platz in die Schwimmhalle Helmut Behrend zu gehen.

Warum ?
Weil in Berlin eine Schwimmbad-Wüste ausgebrochen ist. Berlin hat fast 40 Hallenbäder, davon sind etliche wegen Renovierung geschlossen, etliche öffnen erst am Nachmittag, etliche sind nur von 6.00 – 8.00 geöffnet, um dann Schulen und Vereinen zur Verfügung zu stehen. Die nächste Schwimmhalle von der Pflügerstrasse wäre das «Wellenbad am Spreewaldplatz», das zurzeit saniert wird (nachdem es seit gefühlt 8 Jahren geschlossen ist, die erste Zeit überlegte man, ob man das Geld findet, das brauchte eine ganze Weile, nun wird es sicher bis 2040 nicht zugänglich sein).

Nach Marzahn also. Man könnte von der Pflügerstrasse auch einfach sitzenbleiben, dann würde die Reise aber 70 Minuten gehen (eine Strecke). Besser ist es natürlich, vom Bus auf die S-Bahn zu wechseln.
Denn:
Die Busse in Berlin sind eine Katastrophe. Ich habe mir während der Woche an der Spree geschworen, nie mehr, niemals mehr, zu keiner Zeit und an keinem Tage über die Busverbindungen der BVB zu lästern. (Zur Erklärung: Die BVB sind die Basler Verkehrs-Betriebe, die BVG ist die Berliner Verkehrs-Gesellschaft.) In Berlin gibt es zwar Busfahrpläne, aber die sind reine Fiktion, dass ein Bus wirklich zur auf dem Zettel angegebenen Zeit erscheint, ist zum letzten Male am 4. Juni 2015 passiert, auf der Linie 109 an der Haltestelle U-Bahnhof Uhlandstrasse.

Wenn ich am S-Bahnhof Ostkreuz die Treppe hinunterkam, konnte ich an der Anzahl der Menschen erkennen, wie viele Busabfahrten man im Rückstand war. Oft kamen dann drei bis vier Busse hintereinander.
Fand man aber in Bus 1, Bus 2, Bus 3 oder Bus 4 einen Platz, dann war noch längst nicht gesagt, dass Bus 1, 2, 3 oder 4 nun auch tüchtig weiterkommen. Eine Fahrt, die auf der App mit 30 Minuten angegeben wird, kann locker, locker, locker 60 Minuten dauern.
Vier Faktoren beeinträchtigen das ordnungsgemässe Fahren der Linien:
zähflüssiger Verkehr
parkende Autos
Umleitungen
Fahrradfahrer

Und natürlich Lieferverkehr – vor allem Amazon!
Für Leute, die auf dem Land leben, auf dem Dorf, die sozusagen zwischen Scheune und Kuhstall ihr Leben fristen, und für die jede Fahrt in die Stadt ein Riesenaufwand ist, der auch Zeit kostet, Zeit, die man mit den Kindern verbringen könnte oder zum Fenster putzen, ist das ja ok. Aber in der Metropole?
Die Anzahl aller Läden in Berlin kann man natürlich nicht eruieren. Aber das Internet nennt mir über 200 Buchläden. Also ca. 16 in jedem Bezirk und ca. zwei in jedem Ortsteil. Kein Grund, irgendetwas bei Amazon zu ordern. Denn das ist ja das Paradoxe: Die Touristen freuen sich so, endlich einmal richtig shoppen zu gehen, denn zuhause gibt es ja nix mehr, keine Läden, weil alle alles online bestellen, aber hier in Berlin…aber wehe, die Ansässigen hier machen das Gleiche wie die in Pasewalk oder Jüterbog.

Wir waren in vier (in Worten vier, in Zahlen 4) wunderbaren Vorstellungen. «Das Dinner» im Deutschen Theater, «Die Möwe» in der Schaubühne (mit einem unglaublich riesigen Baum als Bühnenbild), bei «Familie Flöz» im BE (eine Truppe, die pantomimisch mit Masken spielt, unglaublich gut) und in der «Zauberflöte» in der Deutschen Oper. Alles kraftvolles, vitales, spannendes, alles gekonntes und erfreuliches, alles professionell gemachtes Theater, das nur zwei Fragen zurücklässt:
Warum geht das anderswo nicht genauso? / Zum Beispiel in Basel?
Warum will man das kaputtsparen? (Man hat lange nix gehört, aber es ist zu hoffen, dass der Kultur-Rotstift wieder in der Versenkung verschwindet…)
Dass die Papagena beim Mozart zwei ihrer Einsätze verpasste, schmälerte die Begeisterung nicht, eine Papagena muss ja vor allem schauspielern, die junge Koreanerin bekam dennoch Bravorufe, obwohl etliche Töne fehlten.

So, das waren ein paar Impressionen von der Spree und von der Havel.
Berlin ist immer eine Reise wert.