Dienstag, 15. September 2026
Tarte au citron-Rezept als Beispiel für Rigorosität (Macht halbe Sachen!)
Erstens: Das Thema X-Kuchen steigt am Horizont auf, meist am einem bestimmten Ort und durch ein bestimmtes Ereignis.
Zweitens: Der Beschluss «Wir backen auch einen X-Kuchen» wird gefasst.
Drittens: Wir suchen im Internet nach einem passenden Rezept.
Viertens: Ich (kein wir!) backe den X-Kuchen und alle unsere Gäste werden damit verwöhnt/belästigt.
Stand das «X» vor zwei Jahren für «Mohn» (das Thema Mohnkuchen erschien durch einen phänomenalen Mohnkuchen im Café im Städel Museum in Frankfurt a. M.), steht nun gerade «X-Kuchen» für «Tarte au citron». Das kam durch eine spassige Fiktion, auf unserer Juli-Reise waren wir in Regensburg (wissen Sie), was ich noch nicht erwähnte, ist die folgende Story:
Ich behauptete tagelang, Gloria von Thurn und Taxis hätte uns zu einem Marmorkuchen auf Schloss Emmeram eingeladen. Mein Mann meinte dann irgendwann, ich solle sie anrufen, er habe nicht gerne Marmorkuchen, habe aber bei diesen heissen Temperaturen Lust auf eine säuerlich-kühl-erfrischende Tarte au citron. Nun musste ich zugeben, dass ich gelogen hatte und die Einladung gar nicht bestand. Die gespielte Enttäuschung meines Mannes mündete in das echte Versprechen eine säuerlich-kühl-erfrischende Tarte au citron selber zu machen.
Nun also Schritt 2: Ins Internet.
Als erstes stiess ich auf eine Back-Homepage, die ein Mann gestaltet haben musste, der in seinem früheren Leben (oder jetzigen Leben?) Lehrer in einer Schule für Schlampermenschen sein muss. Man müsse, so schrieb er (wirklich ein Mann), sich genau an die Angaben halten, die er schreibe, sonst könne man es gleich lassen. Entweder genau oder gar nicht. Und wenn er 185 Gramm schreibe, dann meine er 185 und nicht 180 oder 190 oder gar 200. Weiter unten hiess es dann, wenn die Eier in die Zitronencrème, die ja die Füllung bildet, kämen, dann müsse die Temperatur exakt 84,5° betragen und man müsse ein digitales Zuckerthermometer verwenden. Ich überlegte kurz, ein solches Ding bei GALAXUS zu bestellen, dann liess ich den Lehrer Lehrer sein und suchte ein anderes Rezept.
Nachdem ich noch verschiedene Merkwürdigkeiten angeschaut hatte (auch Betty Bossy, der ich sonst sehr vertraue, liess mich hier im Stich, denn sie tut Quark in die Masse, was sicher nicht hineingehört), fand ich auf der Homepage «Backen macht glücklich» eine herrliche Anleitung, die klar und einfach war und man verstehen konnte.
Um es gleich aufzulösen:
Eine Zucker-Stärke-Zitronen-Masse wird aufgekocht, dann kommt bei mittlerer Hitze Butter dazu und bei kleiner Hitze die verquirlten Eier. Nicht zu heiss, denn sonst stockt das Ei und sie haben Zitronenmasse mit Eierstich, aber keine Tarte au citron-Crème. Keineswegs muss die Masse aber 84,5° haben und keineswegs braucht man ein Thermometer.
Die Tarte gelang (nun schon mehrere Male), aber dennoch liess mich die erste Webseite nicht los.
Warum schreibt jemand ein solches Rezept? Was für ein Mensch steckt da dahinter? Wie kann man mit einer solchen Rigorosität den Lesern allen Mut und allen Spass nehmen? Stellen wir uns einmal vor, wenn wir diese Haltung auf andere Bereiche übertragen würden:
«Wenn du DER, DIE und DAS nicht korrekt anwenden kannst, und zwar bei jedem Wort, dann lass das Deutsche lieber sein.» Niemand würde die Sprache Goethes und Schillers – aber auch die Sprache Wilhelm Buschs und Ringelnatzens, und die Sprache Nina Hagens! – mehr lernen, wir sprächen alle nur noch Englisch.
«Wenn du dir die Zeit für ALLE 12 Romanische Kirchen in Köln nicht nehmen kannst (willst?), dann lass die Reise lieber sein.» Wir würden alle zuhause bleiben, denn nirgendwo hat man die Zeit für alle Kulturschätz eines Urlaubsortes.
«Wenn nicht jede und jeder sich Zeit und Musse und Begeisterung für die politischen Themen nehmen, wenn nicht in JEDEM Haus eine Tageszeitung liegt und MINDESTENS eine halbe Stunde für politische Reflektionen ist, dann lieber Diktatur.» Da bleibe ich sprachlos.
Tarte au citron gehört inzwischen zu meinem Repertoire.
Und zwar ohne digitales Zuckerthermometer. Ich habe mich der Rigorosität widersetzt.
Manchmal sind halbe Sachen eben doch auch gut.
Freitag, 11. September 2026
Gute Waren schlecht präsentiert oder: Merz & die Reformen & die AfD
Es gibt in der kleinen Stadt Schubhausen vier Kleidergeschäfte:
Im FUN&FASHION® gibt das Edelste vom Edelsten, Röcke ab 600,-- Hosen ab 700,-- und Mäntel ab 1000,--. Die Ware kommt aus Paris, Mailand und New York und ist entsprechend hervorragend präsentiert, der Laden ist perfekt ausgeleuchtet und auf dem Boden liegt kein Stäubchen, die Farben reichen von Anthrazit zu Blau.
Hier wird Gutes gut verkauft.
Im STRAWBERRY® wird schlechte Ware schlecht präsentiert, die in Asien hergestellten Billigklamotten (Hosen, die schon beim Ansehen reissen und Pullis, die sich aufribbeln) hängen an verrosteten Ständer, der Boden klebt von Bier und Kaugummi. Miese Dinge in mieser Präsentation, so, dass es nicht einmal Bürgergeldempfängerinnen und Bürgergeldempfänger dort vorbeischauen. Ist aber egal, denn der Schuppen ist eine Geldwäsche-Station.
Der SUPERSHOP® hat nun Ware, die sich gar nicht so sehr von den Hosen, Röcken, Mänteln, von den Schuhen und Sandalen, von der Wäsche des STRAWBERRY® unterscheidet. Mieses Zeug, in Hinterzimmern am Ganges, Brahmaputra oder Meghna zusammengepfuscht. Er präsentiert nun aber diesen Ramsch so wie das FUN&FASHION®, in edlen Regalen, auf Terrazzo-Boden und in schönen Farben. Ja, ja, ja, und die Preise sind nicht ganz so wie dort, aber ZUVIEL wird auf jeden Fall gezahlt.
Die Inhaber des SUPERSHOP® haben verstanden, was Marketing heisst.
Sie ahnen es, Sie ahnen es, Sie ahnen es:
Es gibt nun noch die vierte Kombination, ein Laden kurz vor dem Ruin, vor der Pleite, vor dem Konkurs. Es ist die MODEHALLE®. Schon der Name ist ja schlecht gewählt, wer denkt da nicht an Kauf-Halle oder Trink-Halle? Das Geschäft mit dem unsäglichen Namen schafft es, ein Hermestuch so mies auf einem fleckigen Tabla zu drapieren, CK-Unterhosen mies auf Ständer zu hängen, es schafft es, so wenig zu putzen und den Raum (eitergelb und erbsengrün) zu ungekonnt auszuleuchten, dass niemand in diesem Shop etwas findet.
Jetzt denken Sie bestimmt, och, och, och, das ist doch bestimmt wieder so eine doofe Parabel, das soll doch wieder etwas symbolisieren.
Gut, machen wir ein kleines Quiz:
Welcher Laden, welcher Shop, welches Geschäft steht für
Willy Brandt?
Helmut Kohl?
Friedrich Merz?
(Es sind nur drei, weil die, die schlechte Politik schlecht verkaufen, ja sehr bald aus den Medien verschwinden…)
Willy Brandt war wie FUN&FASHION®.
Er schaffte es, eine gute Politik den Leuten gut zu verkaufen – und das musste er, nach dem Kniefall in Warschau war gar nicht sicher, ob die Deutschen weiter mitgehen, mitgehen auf dem Weg zu Entspannung und Dialog. Aber das Volk sagte Ja.
Helmut Kohl war der SUPERSHOP®.
Die Idee, die Wiedervereinigung ohne Nachdenken und mit Dampf voranzutreiben, nach dem Motto «Blühende Landschaften», so als ob in einem Jahr die ganze DDR-Geschichte aufzuholen sei, war heikel und falsch, aber Kohl verkaufte es super. Die, die an die Blüte glaubten, hatten Oberwasser, die Skeptiker wurden weggedrückt.
Und Merz?
Und Merz?
Merz ist die MODEHALLE®. Seine Vorhaben sind gar nicht mal schlecht, sie sind notwendig, bitter notwendig, sie sie überlegt und gar nicht mal so schlecht fundiert. Aber der Herr Bundeskanzler bekommt sie nicht verkauft. Bei Reformen, die allen (oder fast allen) an den Kragen gehen, an den Geldbeutel, an die Substanz, muss man die Leute mitnehmen. Und das kann er nicht. Seine schlecht gewählten Worte sind das Eitergelb und Erbsengrün der MODEHALLE®.
Muss man sich jetzt noch fragen, warum die AfD überall gewinnt?
Merz wollte die AfD halbieren. Er hat sie verdoppelt, aber die CDU halbiert.
Dienstag, 8. September 2026
Warum fahren alle Busse gleichzeitig?
Das sollte kein Problem sein, denn auf der kurzen Strecke zwischen St. Jakob (Tram 14) und Dreispitz (Tram 10/11) verkehren drei Buslinien, der 36er, der 37er und der 47er. Wenn ich aber nun um kurz nach zehn an die Haltestelle komme, stehe ich etwas erstaunt vor der Anzeige:
37 Leimgrubenweg 12 Minuten
47 Bottmingen Schloss 13 Minuten
36 Claraplatz 14 Minuten
Alle drei Busfahrpläne sind so gestaltet, dass die Fahrzeuge praktisch gleichzeitig kommen und gehen und man danach wieder eine Viertelstunde warten muss. Die Achse zwischen 14er und 10er/11er ist ja eine sehr entscheidende, es macht keinen Sinn, die Leute 15 Minuten auf die Folter zu spannen.
Und ich meine hier nicht, das Phänomen, dass drei Busse der gleichen Linie hintereinander fahren. Einer der Beatles (ich weiss nicht mehr, welcher) hat ja schon vor vielen Jahren gesagt, dass er in London einmal drei Busse hintereinander gesehen habe, jeder mit 6 Personen besetzt und er nicht verstanden habe, warum man die Leute nicht in einen Bus setzt…
Dies ist aber nur der Fall, wenn es Verspätungen und Unregelmässigkeiten gibt – und es ist eigentlich ein Zeichen für einen dichten und guten Fahrplan. In Berlin erleben wir in Kreuzberg häufig drei M29er hintereinander, der fährt aber in der Hauptverkehrszeit auch im 3-4 Minuten-Takt.
Das Thema «Sinnvolle Gestaltung von Fahrplänen» reiht sich in das grosse Unternehmen «Wir machen den ÖV attraktiver». Denn wenn wir aus ökologischen Gründen mehr und mehr Bus, Tram, S-Bahn und Zug benutzen sollten, dann muss es doch ein wenig Spass machen.
Ich habe mich am 4. März 2025 in einem Post mit den fehlenden Dächern bei vielen Haltepunkten beschäftigt. Dort schrieb ich:
Warum ist es so schwierig, jeden Haltepunkt mit einem Dach zu versehen?
Man müsste ja kein gemauertes Haus machen, es bräuchte ja keinen Getränkeautomaten, man müsste nicht heizen, man müsste weder Gebäck noch Lektüre, man müsste keine Beschallung und kein Video bereitstellen. Es bräuchte ein paar Stützen und drei Plexiglaswände. Mehr nicht. Es kann also nicht an dem Kostenfaktor liegen.
Woran liegt es dann? Ich weiss es nicht.
Es wäre eine so simple und einfache Möglichkeit, den ÖV attraktiver zu machen.
Sicher gibt es noch viele Punkte, und sicher werde ich noch viel darüber schreiben, denn ich bin ja Berufspendler. Und ich bin es gerne und ausgiebig. Schon alleine wegen des Mittagsschlafes, der ja im Auto nicht so gut geht. (Das ist nun ein Euphemismus, denn wer schon einmal mit Sekundenschlaf gegen die Leitplanke gedotzt ist, dankt allen Heiligen, dass nicht mehr passierte…)
An manchem Sonntag gehe ich um 9.00 ins Schwimmbad und um 10.30 in die Messe in der Heiliggeistkirche. Wenn ich aber nun um kurz nach zehn an die Haltestelle komme, stehe ich etwas erstaunt vor der Anzeige:
37 Leimgrubenweg 12 Minuten
47 Bottmingen Schloss13 Minuten
36 Claraplatz 14 Minuten
Immerhin: Der Haltepunkt hat ein Dach.
Und das ist ja auch viel wert.
Freitag, 4. September 2026
Egoisten und Egozentriker sind arm dran
Mein Bekannter Johannes tut mir leid.
Er ist nämlich Egoist und kommt daher immer zu kurz. Er ist Egozentriker und findet wenig Beachtung und Hilfe. Er ist rücksichtslos und impertinent und kann sich nie durchsetzen.
Ein Widerspruch?
Nun, wenn Sie der Meinung sind, dass Ihnen bei 10 gleichberechtigten Personen 40% einer Sache zustehen und der Verantwortliche teilt genau gerecht auf, also jedem 10%, fühlen Sie sich grob benachteiligt.
Wenn man Ihnen die Hilfe, Liebe und Beachtung schenkt, die einem möglich ist und Sie aber erwarten, dass es MEHR ist, dass der oder die andere sich Beine ausreisst und die Augen auskratzt und den Mond vom Himmel holt, dann fühlen Sie sich ungeliebt.
Sie wollen Beispiele?
Gut.
Johannes hat einen ganzen Packen davon geliefert.
Hier zwei davon.
Vor ein paar Monaten wollte Johannes eine schwere Truhe in den Keller befördern. Was nicht alleine ging, also rief er Joachim an. Joachim bot Johannes an, er könne ihm am folgenden Donnerstag zwischen 16.00 und 21.00 helfen (zur Not auch später). 16.00 und 21.00 Helfen (zur Not auch später) ging nun bei Johannes nicht, jeder normale Mensch hätte nun jemand anderes gefragt, denn Joachim schien ja viele Termine zu haben; aber Johannes ist nun mal kein normaler Mensch.
Er rief Joachim an und meinte, er könne am Donnerstag um 14.00. Als dieser nun meinte, 14.00 sei entschieden zu früh, fragte Johannes, was jener denn um diese Uhrzeit machen würde. Eine unverschämte Frage, denn der andere hatte ja Möglichkeit angeboten und war keine Rechenschaft schuldig. Aber Joachim ist ein lieber Mensch und war hier so unvorsichtig die Wahrheit zu sagen: Donnerstags um 14.00 ist er im Hubert-Bauer-Bad um dort seine Runden zu ziehen (1,5 km). Das, so Johannes, (zweite Unverschämtheit) ginge ja dann auch um 16.00. Geht es nun eben nicht, weil das Bad sich ab vier Uhr extrem füllt.
Joachim meinte dann pampig, so hätten sie nicht gewettet und Johannes müsse sich halt einen Packesel suchen, der immer Zeit hätte. Da Johannes aber niemand fand, erzählt er überall herum, dass NIEMAND ihn unterstützt und dass SOGAR JOACHIM ihn im Stich liesse.
Ja, und dann war da noch diese Matratzengeschichte. Auch sie zeigt, dass man als egoistischer und egozentrischer Mensch arm dran ist.
Johannes verträgt keine harten Matratzen, zuhause hat er ein sehr weiches und anschmiegsames Ding. Nun wollte er seine Kollegin Bettina in Hamburg besuchen und schlug ihr vor, eine Matratze zu kaufen und die ihr zu schicken. Sie müsse diese dann nur auspacken, drei Tage zum Lüften auf den Balkon stellen und fertig. Nach seinem Besuch könne das Ding ja gleich auf dem Bett bleiben oder in ein anderes Zimmer – in den Keller natürlich nicht.
Bettina lehnte ab, das sei ihr jetzt wirklich zu schwierig: Balkon schön und gut, aber es regnet da im Norden nun mal viel und die Matratze würde dann nass und sie könne auch nicht tagelang aufpassen. Im Gästezimmer habe sie schon eine Unterlage, das heisst die neue müsse in den Keller, sie habe nur 3 Zimmer.
Johannes schrieb ihr drauf, dass man die Dinger ja auch aufeinanderlegen könne. Das, so Bettina, sei nicht drin, über dem Bett hinge ein Bild, auf Matratzenkante ausgerichtet und das sehe mit zwei solchen jetzt eben richtig doof aus.
Liess Johannes nicht gelten.
Und er erzählt nun überall, dass seine gute Freundin Bettina ihn nicht bei sich haben will. Auf die Idee, in eines der 427 Hotels an der Alster zu gehen (eines hat sicher weiche Betten) kommt er natürlich nicht.
Mein Bekannter Johannes tut mir leid.
Er ist nämlich Egoist und kommt daher immer zu kurz. Er ist Egozentriker und findet wenig Beachtung und Hilfe. Er ist rücksichtslos und impertinent und kann sich nie durchsetzen.
Ein Widerspruch?
Absolut nicht.
Dienstag, 1. September 2026
Albtraum Heimatliebeförderung
Ich hatte vorgestern einen schrecklichen Albtraum.
Es war das Jahr 2027 und ich war Heimatliebe- und Patriotismusförderungslehrer in Grauersleben (Saale), einem Städtchen mit 90000 Einwohnern in Sachsen-Anhalt. (Sie sehen an der Jahreszahl und an meinem Beruf, dass in meinem Traum die AfD haushoch gewonnen und die Lehrpläne umgekrempelt hatte – das ist ja schon Albtraum genug, aber es kommt noch schlimmer…)
Ich hatte in einer 9. Klasse als Schuljahreseinstieg einen kleinen Fragebogen vorbereitet und sass nun an der Auswertung.
Ich hatte zum Beispiel gefragt, was die Schülerinnen und Schüler als ihre Heimat ansehen und ob sie ihre Heimat lieben und warum (oder nicht).
Folgende Antworten lagen auf meinem Tisch:
Laurent:
Meine Heimat ist Grauersleben und ich finde es echt toll hier, weil es Fussballplätze und Basketballfelder gibt und Halfpipe und alles so Sportzeug und so.
Fiona:
Meine Heimat ist Grauersleben. Ich finde es doof hier, weil es hier überall Funklöcher gibt und dann geht kein Insta und einen guten Piercer gibt es auch nicht. Und die Klamottenläden sind scheisse.
Aadil:
Meine Heimat ist Syrien. Aber hier viel cooler! Frieden, Essen und alles OK. Ich liebe es hier.
Alia:
Ich bin auch aus Syrien und ich vermisse Heimat. Syrien ist Heimat und ich weine oft, wenn ich an die Oma und Opa denke und auch das Essen und die Landschaft.
Ahmed:
Meine Heimat ist Grauersleben, weil ich bin hier geboren. Coolste Stadt der Welt. Im Sommer bin ich immer im Freibad (10-Meter-Turm!!!!) und im Winter kann man Schlittschuhlaufen.
Was tun mit so unterschiedlichen Aussagen? Ach ja, Heimat ist ein so schwieriger Begriff (von dem blöden Patriotismus ganz zu schweigen). Und wie und was soll man da fördern? Und hat nicht Fiona das Recht, ihre Heimat richtig sch… zu finden und mit 18 nach Berlin auszuwandern? Es ist ihr Leben.
Und was ist mit den «Ausländern»? Ist Ahmed überhaupt einer? Und die anderen beiden? Der eine ist schon angekommen und die andere noch nicht. Und alle sind in ihren Gefühlen OK.
Schweissgebadet wachte ich auf.
Gestern hatte ich dann noch einmal einen Albtraum.
Es war ebenfalls 2027 und die AfD hatte gewonnen und natürlich auch die Hochschulen umgekrempelt (wie schon gesagt, Albtraum genug, aber es geht noch weiter…) und ich hatte an der Uni Magdeburg einen Vortrag zum Thema «Deutsche Schriftsteller und ihre Heimat» zu halten. Ich hatte mutig die zwei «Heinrichs», Heine und Böll, ausgewählt. Beide sind ja – obwohl man das oft nicht so sieht – Verkünder und Preiser der Heimat. Wie wunderbar die Passage, in dem Heine im Wintermärchen über die Grenze nach Deutschland zurückreist und anfängt zu weinen und auch bei Böll spielen ja alle Bücher in seiner Heimat, dem Rheinland (das er mit Heine teilt). So heisst es im Gruppenbild mit Dame: «Das ist ja das Herrliche an Leni, dass sie so rheinisch ist.»
Als ich begann, hatten 30 Braunhemden den hinteren Saalausgang umstellt und ein Transparent
HEINE UND BÖLL WAREN LINKE UND LINKE SIND VATERLANDSVERRÄTER
ausgerollt.
Ich sah mich ständig während des Redens nach einem Notausgang hinter dem Bühne um. Dann erwachte ich schweissgebadet.
Wie gesagt:
Heimat ist ein schwieriger Begriff.