Freitag, 4. April 2025

WG-Renovierung als Vorbild: Wir gehen kurz in den Weltraum

Ich habe neulich über die Truppe Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo geschrieben, jene Truppe, die ins Büro zogen.
Heute geht es um Danilo, Daniel, Darius, Daniela und Dagmar.

Danilo, Daniel, Darius, Daniela und Dagmar bewohnen zusammen ein Haus als eine Art 5er-Stundenten-WG. In dieses Haus war vor vielen Jahren zunächst Darius als Untermieter eingezogen, dann folgten nach und nach die anderen, und inzwischen haben die fünf die drei Stockwerke des Häuschens in Freiburg-Littenweiler für sich.
Alle sind eigentlich zufrieden, allerdings hat das Nach-und-nach-und-nach-Einziehen gewisse Ungeschicklichkeiten hervorgebracht:

Danilo bewohnt das Erdgeschoss, und zwar das grösste Zimmer, ein Wohnzimmer mit Gartenblick und viel Platz, das zweitgrösste Zimmer ist eine Abstellkammer, das kleinste Zimmer dient als Gemeinschaftsraum. Nicht ganz praktisch, denn wenn alle fünf zusammenhocken wollen, dann tun sie das in der Küche, oder sie tun es bei Danilo, der dann, wenn er müde wird, seinen Schlafsack im Gemeinschaftszimmer ausrollt. Und die Abstellkammer bietet so viel Raum, dass sich sehr, sehr, sehr viel angesammelt hat…

Daniel arbeitet neben dem Studium im Schichtdienst, und das bedeutet, dass er zu den ungewöhnlichsten Zeiten aus dem Haus geht und wieder heimkommt. Blöderweise muss er dafür durch das Zimmer von Darius durch. Dieser hat seinen Bereich mit Regalen zwar abgetrennt, ist aber sehr häufig in einer Art zugange, die eigentlich ein Durchlaufen peinlich machen. Haben Sie es verstanden? Darius hat Sex, und zwar mit Männern und mindestens dreimal in der Woche. Und wenn dann Daniel am Rande des Darius-Zimmers durchläuft, dann kann er versuchen, nichts zu sehen, aber zu hören bekommt er doch so allerlei…

Dagmar hat den schönsten Ausblick, vor ihrem Zimmer wächst ein riesiger Obstbaum, der vor allem im Frühling in einer weissen Pracht blüht. Nur kann sie das gar nicht so geniessen, denn sie hat eine Pollenallergie und wenn sie einmal das Fenster öffnet, dann ist das so, wie wenn ein Katzenallergiker von einer Mieze komplett abgeschleckt wird.

Nun erreichte Danilo, Daniel, Darius, Daniela und Dagmar vor einigen Tagen die Botschaft, dass sie von Juni bis August 2025 weichen müssen: Der Vermieter (ja, das ist immer noch Miete, so etwas gibt es und wahrscheinlich nur in Orten wie Freiburg) muss das Haus generalrenovieren, und das wird nur gehen, wenn alle fünf für drei Monate weg sind und das Haus leer.

Zunächst ein Schock, aber dann finden alle irgendwie eine Lösung:
Danilo wird sich bei seinen Eltern in Eiderstedt einmieten, um in der Einsamkeit des Nordens nun endlich seine Diplomarbeit zu schreiben.
Darius hat einen Ferienjob in Playa del Inglés auf Gran Canaria, und wenn er nicht gerade Kaffee ausschenkt, wird er dort Sex haben, und sicher mehr als dreimal in der Woche.
Dagmar geht nach Indien, um mit Ayurveda ihren Allergien zu Leibe zu rücken.
Daniela hat eine Praktikumsstelle an einem angesehenen Institut bekommen.
Und Daniel bleibt seiner Schichtdienststelle treu, kann aber bei einem Arbeitskollegen wohnen.

Während die fünf nun zusammensitzen und Aus- und Einzug planen, kommen sie auf grandiose Ideen: Wie wäre es, wenn man VOR dem Wiedereinzug alle Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt und die Zimmer völlig neu verteilt?

So wird Danilo im Erdgeschoss in das mittlere Zimmer ziehen, das grösste wird der Gemeinschaftsraum (mit Blick in den Garten!) und das kleinste wird Abstellbereich. Dass dieser Raum 10 Kubikmeter kleiner ist, ist eine Chance: Ausmisten und Wegwerfen! Ausmisten und Wegwerfen!

Darius und Daniel tauschen die Zimmer. So kann der eine im hinteren Zimmer treiben, was er will, und Daniel kann zur Arbeit, wie und wann er will. Und wenn Daniel dann auch mal eine Freundin hat, dann wird er halt mehr bei ihr sein, denn bei ihm sieht das mehr so nach «Frau fürs Leben» aus und nicht «Mann für eine Nacht» wie bei Darius.

Und auch die beiden Damen tauschen die Räume. Daniela kann den wunderschönen und pittoresken Baum bestaunen – und die andere hat keinen Schnupfen mehr, oder zumindest weniger.

Wäre dieses Vorgehen nicht auch eine Lösung für unsere Erde?
Wir gehen alle mal für ein halbes Jahr weg. Alle 8 Milliarden in den Weltraum, dann wird der Planet saniert und aufgefrischt. Und jetzt wird neu gefragt: Wer braucht wie viel Platz? Wer will wo wohnen? Wie viel Wasser, Bodenschätze, Ackerland haben wir? Können wir das gerecht verteilen? Es wäre super, einmal neu anzufangen.

Also, Elon: Mach einmal etwas Sinnvolles.
Wir brauchen SpaceX-Dinger für ziemlich viele Menschen.





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

Dienstag, 1. April 2025

Pazifismus ist ungeil

Ich blicke auf ein Foto aus den Achtzigerjahren:
Die Aufnahme zeigt einen jungen Mann, der sich ein Doppel-Pappschild, ein sogenanntes Sandwich umgeschnallt hat, er trägt normale Kleidung, ist aber weiss geschminkt. Im Hintergrund, wir befinden uns aller Ansicht nach auf einem Parkplatz, tummeln sich weitere Personen mit Schildern. Auf dem Sandwich des jungen Mannes können wir lesen:

JEDE MINUTE WIRD AUF DER WELT 1 MILLION FÜR RÜSTUNG AUSGEGEBEN.

Es handelt sich also offensichtlich um einen Friedensaktivisten vor einer Friedensdemo. Wir erinnern uns: Das gab es damals. Menschen, die keine Waffen wollten. Menschen, die an den Frieden glaubten. Menschen, die gegen die Pershings demonstrierten. Menschen, die in Mutlangen blockierten. Es gibt noch einen anderen Namen für sie:
Pazifisten.

Aber wenn ich jetzt so dieses Foto betrachte, dann muss ich zugeben, dass diese Leute schon extrem ungeil waren.
Der junge Mann trägt seine schwarzen Haare in einer ganz unmöglichen Topffrisur und
hat eine langweilige Drahtbrille auf der Nase. Seine Statur ist OK, aber athletisch ist sie nicht, dafür sind seine Schulter zu hängend und seine Arme nicht kräftig genug. Er wirkt wie ein Bubi, der wahrscheinlich immer einen Preis der «Stiftung Humanismus Heute» gewinnt, vielleicht auch bei «Jugend forscht» oder «Jugend musiziert», der aber sicher, sicher, sicher keine Pokale auf seinem Wandregal hat, weder in Leichtathletik noch in Schwimmen oder einer Mannschaftssportart.
Ungeil.

Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Frauenfigur in einer Oper singt:
Zivildienstleistende, Zivildienstleistende
Sind schöne Burschen
und dass sie sich später einem solchen in die Arme wirft, der ihr zuflüstert:
Wir wollen eine Zucht von Kriegsdienstverweigerern anlegen!
Nein, sicher nicht.
Es ist auch nicht so, Marie singt im «Wozzeck»:
Soldaten, Soldaten
Sind schöne Burschen
Und der Tambourmajor singt
Wir wollen eine Zucht von Tambourmajoren anlegen!

Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Kapelle den «Marsch der Krankenpfleger» spielt? Oder einen «Aufmarsch der Altenpfleger»? Oder den «Tanz der Heilerziehungspfleger»?
Sicher nicht.
Aber dass der «Marsch der Dragoner» oder «Ulanen reiten durchs Tor» oder «Schwere Kavallerie» gut klingt, das ist jedem klar.

Pazifismus ist eben ungeil.
Wie eben Abrüsten auch viel langweiliger ist als Aufrüsten.
Aufrüsten heisst ja, dass etwas passiert, dass etwas geschieht, da wird Stahl geformt und Eisen gegossen, da wird Technik entwickelt und werden Apparate gebaut, da wird getestet und probiert, und dann knallt es bumst es, das ist stark und männlich, und es macht allen Freude.
Abrüsten dagegen heisst ja, dass hier Dinge verschrottet werden, Dinge, die geformt und gegossen und gebaut wurden, Dinge, in die Firmen und Erfinder Schweiss und Mühe gesteckt haben, Dinge, die ja auch Geld gekostet haben, Dinge, die dann einfach weggeworfen werden.
Wie traurig muss sich eine Rakete fühlen, die sich ihr Leben lang auf den Einsatz freut, freut, zu krachen und zu rumsen und bumsen, und dann einfach auf dem Schrottplatz landet.

Und nun mal ganz ehrlich: Haben Sie nicht auch Freude an Filmen wie «Herr der Ringe» oder «Braveheart» oder «Robin Hood»? Und würden Sie diese Filme auch anschauen, wenn die Protagonisten Bauern wären, die friedlich ihr Land bestellen? Nach dem Motto «Im Märzen der Bauer»? Und ist dann, wenn dem so ist, der Spruch «Schwerter zu Pflugscharen» nicht ein totaler Blödsinn? Mit was soll Aragorn denn kämpfen?

Nein.
Wir sind froh, dass solche Demonstrationen wie auf dem Foto nicht mehr stattfinden, nicht mehr stattfinden, einfach weil sie ungeil sind. 

P.S.
Der Satz JEDE MINUTE WIRD AUF DER WELT 1 MILLION FÜR RÜSTUNG AUSGEGEBEN stimmt natürlich nicht mehr. Inzwischen ist es viel, viel, viel mehr.

P.P.S.
Der ungeile junge Mann auf dem Foto bin natürlich ich. Aufgenommen im Frühjahr 1985 in Schwäbisch Hall.