Dienstag, 8. April 2025

Warum ist ein "Spiel des Jahres" immer so kompliziert?

«Die schöne Müllerin» wurde 2018 zum SPIEL DES JAHRES gewählt. Und weil ich gerne spiele, habe ich mir dieses Spiel gekauft. Und natürlich, weil ich den Liederzyklus mag (und ihn auch schon mehrfach komplett aufgeführt habe…)

Beim Auspacken bekomme ich aber schon die leichte Krise. Die zirka einen halben Kubikmeter grosse Kiste enthält

eine Spielfläche 80cm x 90cm
6 Spielfiguren «Müllerbursche»
6 Spielfiguren «Jäger»
6 Spielfiguren «Müllerin»
30 Bach-Ereignis-Karten
30 Blaueblumen-Ereigniskarten
30 Mühlrad-Ereigniskarten

Zusätzlich finde ich noch eine Spielanleitung, die in ihrem Umfang meine Ausgaben von Goethes «Faust I» und Dantes «Inferno» übersteigt. Gut, das Spiel wird in Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch, Russisch und Chinesisch erklärt, aber auch noch die deutsche Anleitung ist ziemlich lang:

1) Sinn und Ziel des Spieles – es folgen 20 engbedruckte Seiten
2) Spielvorbereitung – es folgen 20 engbedruckte Seiten
3) Spielablauf: Die 5 Phasen mit je 8 Haupt- und 7 Teilrunden – es folgen 20 engbedruckte Seiten
4) Spielende und Gewinn – es folgen 20 engbedruckte Seiten

Und ab diesem Zeitpunkt habe ich keine Lust mehr auf das Spiel, wirklich nicht, da ist mir meine Zeit zu schade, da höre ich mir lieber den Schubert in der (immer noch) wunderbaren Aufnahme mit Fischer-Dieskau und Moore an, oder ich spiele ein paar Stücke selber.

Warum sind diese «SPIELE DES JAHRES» immer so schrecklich kompliziert? Wenn man bedenkt, dass die Mühle-Regeln auf kürzesten Raum passen:

Setzphase: Die Spieler setzen abwechselnd je einen Stein, insgesamt je neun, auf Kreuzungs- oder Eckpunkte des Brettes
Zugphase: Die Spielsteine werden gezogen, das heißt, pro Runde darf jeder Spieler einen Stein auf einen angrenzenden, freien Punkt bewegen. Kann ein Spieler keinen Stein bewegen, hat er verloren.
Endphase: Sobald ein Spieler nur noch drei Steine hat, darf er mit seinen Steinen springen, das heißt, er darf nun pro Runde mit einem Stein an einen beliebigen freien Punkt springen. Sobald ihm ein weiterer Stein abgenommen wird, hat er das Spiel verloren.
Drei Steine einer Farbe, die in einer Geraden auf Feldern nebeneinander liegen, nennt man eine „Mühle“. Wenn ein Spieler eine Mühle schließt, darf er einen beliebigen Stein des Gegners aus dem Spiel nehmen, sofern dieser Stein nicht ebenfalls Bestandteil einer Mühle ist.

Eine Recherche des Investigativ-Journalisten Peer Schmutt hat jetzt Licht in das Dunkel gebracht, und seine im «Tageswochenmonat» veröffentlichte Reportage ist wirklich erhellend, weil sie Skandalöses und Mafiöses zum Vorschein bringt:

Die Jurymitglieder, die das «SPIEL DES JAHRES» ermitteln, werden nach Stunden bezahlt.
Das heisst, das Testen, das Ausprobieren eines Spieles mit einfachen Regeln bringt ihnen wenig Kohle. Das Ausprobieren, das Testen eines komplizierten Spieles macht sie zu reichen Frauen und reichen Männern. Allein das Lesen der Regeln der «Schönen Müllerin» würde diesen Leuten schon einen satten Hunderter auf den Tisch legen…
Insofern lieben die Juryleute komplexe Spiele, Spiele, bei denen man Ewigkeiten Figuren verteilt, Ewigkeiten Karten legt oder sogar – auch das gibt es – erst einmal Zahlen unten auf die Spielsteine klebt. Solche Spiele sind geliebt – und werden dann auch meist SPIEL DES JAHRES.

Aber Otto Normalverbraucher und Lise Normalverbraucherin?
Sie werden NICHT fürs Spielen bezahlt, sondern möchten sich in ihrer knappen Freizeit bei einem netten Spiel erholen; aber sie möchten auch nicht immer nur UNO oder «Mensch, ärgere dich nicht» spielen. Aber wenn ihre knappe Freizeit durch Spielregellesen, Steine bekleben und Karten austeilen draufgeht, dann verlieren sie die Lust.

Im Spielegeschäft, habe ich eine lange Diskussion mit der Verkäuferin, denn sie weigert sich, DIE SCHÖNE MÜLLERIN zurückzunehmen.
Ihr Argument: Auf dem Deckel stehe ganz klar, dass der Karton 18 Figuren, 90 Karten und eine ausführliche Anleitung beinhalte.
Mein Argument: Es steh auch klar «7-80» Jahre.

Und ich kann mir keine Siebenjährigen vorstellen, die sich gedulden, bis Opa nach 90 Minuten das Spiel parat gemacht hat…











 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 4. April 2025

WG-Renovierung als Vorbild: Wir gehen kurz in den Weltraum

Ich habe neulich über die Truppe Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo geschrieben, jene Truppe, die ins Büro zogen.
Heute geht es um Danilo, Daniel, Darius, Daniela und Dagmar.

Danilo, Daniel, Darius, Daniela und Dagmar bewohnen zusammen ein Haus als eine Art 5er-Stundenten-WG. In dieses Haus war vor vielen Jahren zunächst Darius als Untermieter eingezogen, dann folgten nach und nach die anderen, und inzwischen haben die fünf die drei Stockwerke des Häuschens in Freiburg-Littenweiler für sich.
Alle sind eigentlich zufrieden, allerdings hat das Nach-und-nach-und-nach-Einziehen gewisse Ungeschicklichkeiten hervorgebracht:

Danilo bewohnt das Erdgeschoss, und zwar das grösste Zimmer, ein Wohnzimmer mit Gartenblick und viel Platz, das zweitgrösste Zimmer ist eine Abstellkammer, das kleinste Zimmer dient als Gemeinschaftsraum. Nicht ganz praktisch, denn wenn alle fünf zusammenhocken wollen, dann tun sie das in der Küche, oder sie tun es bei Danilo, der dann, wenn er müde wird, seinen Schlafsack im Gemeinschaftszimmer ausrollt. Und die Abstellkammer bietet so viel Raum, dass sich sehr, sehr, sehr viel angesammelt hat…

Daniel arbeitet neben dem Studium im Schichtdienst, und das bedeutet, dass er zu den ungewöhnlichsten Zeiten aus dem Haus geht und wieder heimkommt. Blöderweise muss er dafür durch das Zimmer von Darius durch. Dieser hat seinen Bereich mit Regalen zwar abgetrennt, ist aber sehr häufig in einer Art zugange, die eigentlich ein Durchlaufen peinlich machen. Haben Sie es verstanden? Darius hat Sex, und zwar mit Männern und mindestens dreimal in der Woche. Und wenn dann Daniel am Rande des Darius-Zimmers durchläuft, dann kann er versuchen, nichts zu sehen, aber zu hören bekommt er doch so allerlei…

Dagmar hat den schönsten Ausblick, vor ihrem Zimmer wächst ein riesiger Obstbaum, der vor allem im Frühling in einer weissen Pracht blüht. Nur kann sie das gar nicht so geniessen, denn sie hat eine Pollenallergie und wenn sie einmal das Fenster öffnet, dann ist das so, wie wenn ein Katzenallergiker von einer Mieze komplett abgeschleckt wird.

Nun erreichte Danilo, Daniel, Darius, Daniela und Dagmar vor einigen Tagen die Botschaft, dass sie von Juni bis August 2025 weichen müssen: Der Vermieter (ja, das ist immer noch Miete, so etwas gibt es und wahrscheinlich nur in Orten wie Freiburg) muss das Haus generalrenovieren, und das wird nur gehen, wenn alle fünf für drei Monate weg sind und das Haus leer.

Zunächst ein Schock, aber dann finden alle irgendwie eine Lösung:
Danilo wird sich bei seinen Eltern in Eiderstedt einmieten, um in der Einsamkeit des Nordens nun endlich seine Diplomarbeit zu schreiben.
Darius hat einen Ferienjob in Playa del Inglés auf Gran Canaria, und wenn er nicht gerade Kaffee ausschenkt, wird er dort Sex haben, und sicher mehr als dreimal in der Woche.
Dagmar geht nach Indien, um mit Ayurveda ihren Allergien zu Leibe zu rücken.
Daniela hat eine Praktikumsstelle an einem angesehenen Institut bekommen.
Und Daniel bleibt seiner Schichtdienststelle treu, kann aber bei einem Arbeitskollegen wohnen.

Während die fünf nun zusammensitzen und Aus- und Einzug planen, kommen sie auf grandiose Ideen: Wie wäre es, wenn man VOR dem Wiedereinzug alle Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt und die Zimmer völlig neu verteilt?

So wird Danilo im Erdgeschoss in das mittlere Zimmer ziehen, das grösste wird der Gemeinschaftsraum (mit Blick in den Garten!) und das kleinste wird Abstellbereich. Dass dieser Raum 10 Kubikmeter kleiner ist, ist eine Chance: Ausmisten und Wegwerfen! Ausmisten und Wegwerfen!

Darius und Daniel tauschen die Zimmer. So kann der eine im hinteren Zimmer treiben, was er will, und Daniel kann zur Arbeit, wie und wann er will. Und wenn Daniel dann auch mal eine Freundin hat, dann wird er halt mehr bei ihr sein, denn bei ihm sieht das mehr so nach «Frau fürs Leben» aus und nicht «Mann für eine Nacht» wie bei Darius.

Und auch die beiden Damen tauschen die Räume. Daniela kann den wunderschönen und pittoresken Baum bestaunen – und die andere hat keinen Schnupfen mehr, oder zumindest weniger.

Wäre dieses Vorgehen nicht auch eine Lösung für unsere Erde?
Wir gehen alle mal für ein halbes Jahr weg. Alle 8 Milliarden in den Weltraum, dann wird der Planet saniert und aufgefrischt. Und jetzt wird neu gefragt: Wer braucht wie viel Platz? Wer will wo wohnen? Wie viel Wasser, Bodenschätze, Ackerland haben wir? Können wir das gerecht verteilen? Es wäre super, einmal neu anzufangen.

Also, Elon: Mach einmal etwas Sinnvolles.
Wir brauchen SpaceX-Dinger für ziemlich viele Menschen.





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

Dienstag, 1. April 2025

Pazifismus ist ungeil

Ich blicke auf ein Foto aus den Achtzigerjahren:
Die Aufnahme zeigt einen jungen Mann, der sich ein Doppel-Pappschild, ein sogenanntes Sandwich umgeschnallt hat, er trägt normale Kleidung, ist aber weiss geschminkt. Im Hintergrund, wir befinden uns aller Ansicht nach auf einem Parkplatz, tummeln sich weitere Personen mit Schildern. Auf dem Sandwich des jungen Mannes können wir lesen:

JEDE MINUTE WIRD AUF DER WELT 1 MILLION FÜR RÜSTUNG AUSGEGEBEN.

Es handelt sich also offensichtlich um einen Friedensaktivisten vor einer Friedensdemo. Wir erinnern uns: Das gab es damals. Menschen, die keine Waffen wollten. Menschen, die an den Frieden glaubten. Menschen, die gegen die Pershings demonstrierten. Menschen, die in Mutlangen blockierten. Es gibt noch einen anderen Namen für sie:
Pazifisten.

Aber wenn ich jetzt so dieses Foto betrachte, dann muss ich zugeben, dass diese Leute schon extrem ungeil waren.
Der junge Mann trägt seine schwarzen Haare in einer ganz unmöglichen Topffrisur und
hat eine langweilige Drahtbrille auf der Nase. Seine Statur ist OK, aber athletisch ist sie nicht, dafür sind seine Schulter zu hängend und seine Arme nicht kräftig genug. Er wirkt wie ein Bubi, der wahrscheinlich immer einen Preis der «Stiftung Humanismus Heute» gewinnt, vielleicht auch bei «Jugend forscht» oder «Jugend musiziert», der aber sicher, sicher, sicher keine Pokale auf seinem Wandregal hat, weder in Leichtathletik noch in Schwimmen oder einer Mannschaftssportart.
Ungeil.

Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Frauenfigur in einer Oper singt:
Zivildienstleistende, Zivildienstleistende
Sind schöne Burschen
und dass sie sich später einem solchen in die Arme wirft, der ihr zuflüstert:
Wir wollen eine Zucht von Kriegsdienstverweigerern anlegen!
Nein, sicher nicht.
Es ist auch nicht so, Marie singt im «Wozzeck»:
Soldaten, Soldaten
Sind schöne Burschen
Und der Tambourmajor singt
Wir wollen eine Zucht von Tambourmajoren anlegen!

Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Kapelle den «Marsch der Krankenpfleger» spielt? Oder einen «Aufmarsch der Altenpfleger»? Oder den «Tanz der Heilerziehungspfleger»?
Sicher nicht.
Aber dass der «Marsch der Dragoner» oder «Ulanen reiten durchs Tor» oder «Schwere Kavallerie» gut klingt, das ist jedem klar.

Pazifismus ist eben ungeil.
Wie eben Abrüsten auch viel langweiliger ist als Aufrüsten.
Aufrüsten heisst ja, dass etwas passiert, dass etwas geschieht, da wird Stahl geformt und Eisen gegossen, da wird Technik entwickelt und werden Apparate gebaut, da wird getestet und probiert, und dann knallt es bumst es, das ist stark und männlich, und es macht allen Freude.
Abrüsten dagegen heisst ja, dass hier Dinge verschrottet werden, Dinge, die geformt und gegossen und gebaut wurden, Dinge, in die Firmen und Erfinder Schweiss und Mühe gesteckt haben, Dinge, die ja auch Geld gekostet haben, Dinge, die dann einfach weggeworfen werden.
Wie traurig muss sich eine Rakete fühlen, die sich ihr Leben lang auf den Einsatz freut, freut, zu krachen und zu rumsen und bumsen, und dann einfach auf dem Schrottplatz landet.

Und nun mal ganz ehrlich: Haben Sie nicht auch Freude an Filmen wie «Herr der Ringe» oder «Braveheart» oder «Robin Hood»? Und würden Sie diese Filme auch anschauen, wenn die Protagonisten Bauern wären, die friedlich ihr Land bestellen? Nach dem Motto «Im Märzen der Bauer»? Und ist dann, wenn dem so ist, der Spruch «Schwerter zu Pflugscharen» nicht ein totaler Blödsinn? Mit was soll Aragorn denn kämpfen?

Nein.
Wir sind froh, dass solche Demonstrationen wie auf dem Foto nicht mehr stattfinden, nicht mehr stattfinden, einfach weil sie ungeil sind. 

P.S.
Der Satz JEDE MINUTE WIRD AUF DER WELT 1 MILLION FÜR RÜSTUNG AUSGEGEBEN stimmt natürlich nicht mehr. Inzwischen ist es viel, viel, viel mehr.

P.P.S.
Der ungeile junge Mann auf dem Foto bin natürlich ich. Aufgenommen im Frühjahr 1985 in Schwäbisch Hall.

 

 

Freitag, 28. März 2025

Einfache Lösung für eine Reise

Wir fahren vom Kardienstag bis zum Ostermontag nach Köln.
Es ist eine Reise, die seit langem geplant ist, das Hotel ist bestellt, Konzert- und Theaterkarten sind gekauft, Deutschlandtickets sind geordert, denn wir werden auch kleine Ausflüge machen.

Was lange nicht gekauft war, war die Hin- und Rückreise. Und weil die Bahntickets noch nicht in der Schublade lagen, kam uns noch eine Idee: Das Museum Reinhard Ernst (das ich im November 2024 hier als «absoluten Tipp» bezeichnet habe) zeigt eine Frankenthaler-Ausstellung. Helen Frankenthaler ist bei uns fast gar nicht repräsentiert, sie war eine phänomenale Künstlerin im New York der 60er, und Ernst hat eine Riesensammlung, von der er die schönsten Stücke zeigt.
Sollten wir also auf der Rückreise nicht noch einen Schlenker über die Kurstadt machen?

Am 17. März gingen wir zum Badischen Bahnhof, um Tickets mit Beratung zu kaufen. Ich hatte nämlich beim Online-Versuch mit Schrecken gemerkt, dass es zwischen Baden-Baden und Basel einen Schienenersatzverkehr gibt.
Herauskam nun die folgende Tagesplanung für den 21.4.:
8.00 Aufstehen
9. 36 Abfahrt in Köln, den Rhein entlang bis Wiesbaden mit Umstieg in Koblenz, Transfer ins Museum
ca. 12.30 Besuch der Frankenthaler-Ausstellung
ca. 15.00 Abmarsch Museum
15.30 Abfahrt heimwärts via Darmstadt, Stuttgart, Singen
22.30 Ankunft Basel Badischer Bahnhof
Ein Mammuttag also.

Nun kamen noch folgende Dinge hinzu: Ich hatte vergessen, dass wir am Ostersonntag eine Vorstellung des «Don Giovanni» besuchen würden, und das auch nicht in Köln, sondern in Duisburg, auch wenn die Oper um 18.30 beginnen würde (was sie tut), könnte von einem «früh ins Bett kommen» nicht die Rede sein; umgekehrt würde ich am Osterdienstag (wie an jedem Werktag) um 4.30 aufstehen müssen, heisst, auch bei aller Pünktlichkeit würde es eine kurze Nacht, wenn allerdings DB uns erst um 23.30 oder 0.30 in Basel abliefern würde, käme ich nur zu einem Powernap, allerdings zu einem Powernap nicht PLUS sondern STATT eines Nachtschlafes.

Mir war also nicht wohl, das Ganze war eine bescheuerte Aktion. Dann kam mir am nächsten Morgen eine zündende Idee:
Wie wäre es, wenn man die Tour umdrehte und den Besuch der Frankenthaler-Ausstellung auf der HINFAHRT machte? Wann wir in Köln sein würden, war ja egal, man musste nur dem Hotel Bescheid sagen, dass wir erst um 20.00, 21.00 oder 22.00 erscheinen würden. Und am Mittwoch, den 16. April könnten wir ja ausschlafen…

Also noch einmal zum Badischen Bahnhof, Reise storniert, dann noch einmal gesucht, gefunden, gebucht und – siehe da! – wir entdeckten sogar, dass die Bauarbeiten südlich von Offenburg sein werden und somit eine Reise mit der Schwarzwaldbahn möglich machen, die berühmte Strecke mit ihren Kehrtunnels und Brücken wollte ich meinem Partner eh immer schon einmal zeigen.
Es ergab sich nun folgende ideale Reise:
Am 15. 4. fahren wir um 10. 22 gemütlich nach Frankfurt, dort wechseln wir zur S-Bahn, fahren in die Hessische Landeshauptstadt und gucken dort Frankenthaler. Wenn das beendet ist, fahren wir in aller Ruhe durch den Rheingau nach Köln – und sind dort um 21.00 oder 22.00, völlig egal.
Rückreise am 21. 4. via Karlsruhe und Singen (durch den Schwarzwald), Abreise 11.00, Ankunft 18.15 in Basel.
Und weil bei dieser Variante noch mehr Nahverkehr genutzt wird (Deutschlandticket!), konnte ich nach der Stornierung noch einen Gutschein mitnehmen…

Es zeigt sich, dass es manchmal eine ganz einfache Lösung gibt, aber wir kommen nicht drauf. Wieso habe ich einen halben Tag und eine ganze Nacht gebraucht, um auf die einfachste aller Möglichkeiten zu kommen, nämlich die Reise ganz simpel umzukehren? Warum waren wir so fixiert darauf, der Museumsbesuch müsse auf der RÜCKREISE passieren? Wo ja übrigens der Dienstag vor Ostern auch noch viel leerer sein wird wie der Ostermontag?

Manchmal ist man einfach blind, manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, manchmal liegt die Lösung vor einem und man steigt 10x drüber und bemerkt gar nicht, dass man über etwas steigt.
Manchmal hat man Schuppen vor den Augen, die eben nicht fallen.
Manchmal müsste man jemand fragen – jemand von aussen.

Wenn ich die Welt gerade so betrachte, dann würde ich auch gerne einen Alien anrufen und ihn fragen: «Du, du als Aussenstehender, was machen wir falsch?» Und vielleicht hätte der Alien eine ganz einfache Lösung…

Wir fahren vom Kardienstag bis zum Ostermontag nach Köln.
Und wir freuen uns riesig, und das ist erst einmal gut so.



Dienstag, 25. März 2025

Schuldenmachen lernen im Lateinunterricht

Ich habe meine Lateinkenntnisse bei Prof. Dr. Werner Stegmaier erworben. Später Ordinarius in Greifswald, war er in 70ern und 80ern Lehrer am Wagenburg-Gymnasium in Stuttgart. (Erfinde ich jetzt nicht, Sie können ihn googeln und er hat auch einen Wikipedia-Eintrag…)
Es gehört übrigens zu den Merkwürdigkeiten meiner Laufbahn, dass ich am mathematisch-naturwissenschaftlichen Wagenburg den besten Lateinunterricht erhielt, aber eine katastrophale Matheausbildung, und dass es sich dann am altsprachlichen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium umdrehte, den besten Matheunterricht der ganzen Stadt und in Latein eine totale Pfeife als Lehrer.

Aber ich schweife ab. Ich wollte ja in die Jahre 1977 – 1982 zurück.
In diesen Jahren lernten wir bei Herrn Stegmaier zunächst anhand «Cursus Latinus I», «Cursus Latinus II» und «Cursus Latinus III» die schönen Dinge wie Ablativus Absolutus, von Kennern liebevoll «Abl-Abs» genannt, oder auch das Gerundium und das Gerundivum. Später wendeten wir uns den Lektüren zu, und die erste war – viele von Ihnen werden sich mit Grauen erinnern – «De Bello Gallico» von Herrn Caesar (den wir damals noch «Zäsar» aussprachen und nicht «Kaisar» wie heute).

Stegmaier – und das muss man ihm lassen – konnte aber auch aus einer so drögen und blöden Sache wie einer Kriegsberichterstattung (nix anderes ist der Text) wichtige Dinge herauslesen und uns wichtige Erkenntnisse mitgeben. Eine betraf das Schuldenmachen:
Bevor der gute Julius mit den berühmten Würfelworten den Rubikon überschritt, hatte er nämlich Schulden in astronomischer Höhe angehäuft. Caesar MUSSTE Rom erobern, sonst hätte er den Rest seines Lebens im Schuldturm verbracht. Ja, er hätte die Geldmenge niemals auftreiben können.

Und nun kam der (nicht ganz ernst gemeinte) Rat von Dr. Stegmaier (Prof. war er noch nicht):
Macht keine Schulden in grosser Höhe, wenn dann in schwindelnden Höhen. Wenn ihr die Menge an Zaster zu euren Lebzeiten nicht mehr auftreiben könnt, dann ist es egal, ob ihr sie um 2 oder 20 Millionen übertrefft. Wenn ihr also nur 100000 zurückzahlen könnt, ist es völlig wurscht, ob ihr eine, zwei oder drei Millionen ausleiht. Ihr hinterlasst einen Schuldenberg, wenn ihr sterbt, und nach dem Tod kann es euch egal sein.
Caesar hat das genauso gemacht.

Und Stegmaier redete ja hier zu Privatmenschen, zu Schülerinnen und Schülern, Firmen hatten immer schon die Möglichkeit sich aller Schulden zu entledigen. Ob die FIGIT GmbH 2 Millionen oder 4 Millionen nicht bezahlen kann, das ist völlig egal, es kommt zum Konkursverfahren, das Unternehmen wird zerschlagen, die Gläubiger bekommen (je nach Platz auf der Liste) etwas ab oder sie bekommen nichts. Die Gesellschafter der FIGIT haften nur mit ihrer minimalen Einlage – daher «mit beschränkter Haftung».
Später führte man dann auch den Privatkonkurs ein, einfach weil es als unfair erschien, dass Firmen hier anders behandelt wurden, auf Deutsch, dass Sie mit ihrer Firmen Ihre Schulden «los» würden und als Privatmensch nicht. Also auch hier etwas Ähnliches: Sie zahlen sieben Jahre, dann ist alles wieder gut.
Die modernen Paragrafen geben also noch viel mehr Werner Stegmaier recht, wenn Sie in den Privatkonkurs gehen, dann zahlen Sie Ihren Lohn minus Existenzminimum mal 84, alles darüber hinaus ist geschenkt. Also ist es auch hier völlig wurscht, ob Lohn minus Existenzminimum mal 84 um den Faktor 2, 10, 20 oder 200 übertroffen wird.

Ist die deutsche Politik bei Prof. Dr. Stegmaier in die Lehre gegangen?
Man könnte den Eindruck gewinnen.
Denn auch wenn der wunderbare Ausdruck «Sondervermögen» erfunden wurde, es sind Schulden. «Sondervermögen» klingt ja so, als ob hier Geldsummen irgendwo herumliegen, die für spezielle Anlässe gebraucht werden können:
Das gelbe Sparschwein, in das man das Geld einzahlt, das man spart, seitdem man nicht mehr raucht, und das für Kurzurlaube benutzt wird.
Das rote Sparschwein, in das man übrige Zwei-Euro-Münzen einzahlt, und das für Geschenke benutzt wird.
Das blaue Sparschwein, in das man das Geld einzahlt, das man spart, wenn man immer korrekt parkt, und das für nicht vorhersehbare Reparaturen benutzt wird.
(Und immer steht da Robert Lemke und fragt: «Welches Schweindl hättens denn gern?»)
So ist es aber nicht. Keineswegs. «Sondervermögen» heisst Schulden. Schulden, die die kommenden Generationen bezahlen müssen.

Und hier greift die Caesar-Regel; es ist völlig wurscht, ob der deutsche Staat eine Billion, zwei Billionen oder drei Billionen aufnimmt, zahlen kann man es eh nicht.

Was aber passiert, wenn ein Land pleitegeht? Wenn man die 1000000000000, die 2000000000000 oder die 3000000000000 nicht zahlen kann?
Das ist doch die Frage.

Ich habe meine Lateinkenntnisse bei Prof. Dr. Werner Stegmaier erworben. Später Ordinarius in Greifswald, war er in 70ern und 80ern Lehrer am Wagenburg-Gymnasium in Stuttgart. Und neben vielen Grammatiktricks und Übersetzungsstrategien gab er uns den Rat mit: Schulden nie in grosser Höhe, immer in astronomischer.
Und die Bundesregierung scheint auch in meiner Lateinklasse gewesen zu sein.

     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

Freitag, 21. März 2025

Wohnen im Büro?

Es gab ein wundernettes Chanson, in dem Katja Ebstein sich bei ihrem fiktivem Mann beschwerte, er sei nie daheim:

Dann heirat' doch dein Büro
Dann heirat' doch dein Büro
Stell dir ein Bett dort hinein
Und schlaf mit den Akten und Computern ein
Dann heirat' doch dein Büro
Du liebst es doch sowieso
Dort hast du deine Show
Drum geh' und heirat' doch dein Büro

Ein Freund von mir hat jetzt genau das gemacht. Er hat sich in seinem Büro ein Bett hineingestellt und schläft zwischen Akten und Computern ein. Aber nicht, weil er ein Workaholic ist oder weil er nicht heim zu seiner Freundin will (er hat gar keine), sondern aus simplen finanziellen und taktischen Gründen.
Und das kam alles so:

Vor drei gründete Nino in Zürich eine Ich-AG, also eine Firma, die zunächst nur aus ihm bestand und sich erst einmal etablieren musste. Im Herbst 2024 hatte die Firma, die sich hauptsächlich im Metier Coaching und Beratung tummelte, sieben Angestellte. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeiteten alle seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, nämlich Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo, von zuhause aus, wenn sie nicht gerade unterwegs waren und coachten und schulten. Besprechungen machte man mit Zoom und alles Schriftliche mit Messengerdiensten.

Nun fand man aber irgendwann, dass es toll wäre, wenn Nino, Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo sich regelmässig sehen würden und man für DARFUTIONS® (man darf ja und soll nicht, Nino war schon immer ein Spassvogel…) ein Headquarter hätte, in dem Nino, Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo je einen Schreibtisch hätten.
Gleichzeitig wurde Nino gekündigt, also wohnungstechnisch. Nino war also in der blöden (oder guten?) Situation, zwei Objekte gleichzeitig zu suchen.

In einer normalen Welt – aber welche Welt ist noch normal? – würde man von einer 3-Zimmer-Wohnung mit ca. 80 qm2 und einem Workspace mit vielleicht 150 qm2 ausgehen, und das ist ja schon sehr üppig, Nino, Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo sind ja sehr viel unterwegs, und wenn nicht, möchten sie ja zusammentreffen, es geht also nicht um ein Objekt mit sieben Einzelbüros, sondern eher um einen offenen, loftigen und luftigen Grundriss.

Nino suchte nun.
Und suchte.
Und suchte.

Aber es war wie verhext: Alle Wohnungen, die man ihm anbot, waren entweder ein Wohnklo mit Tisch, oder sie waren nicht renoviert, oder sie waren im Rotlichtbezirk, oder sie hatten kein Tageslicht.
Oder:
Sie waren unbezahlbar. Nino war einfach nicht bereit, für eine schöne, helle und gut geschnittene Wohnung 8500 Sfr hinzublättern.

Ganz anders bei den Büros: Man warf ihm – sofern das sprachlich geht – die Quadratmeter förmlich hinterher. In den vergangenen Jahren hatte man in Wiedikon, Witikon und Wipkingen (ich erfinde das nicht, googlemapsen Sie es) dermassen viele Bürohäuser gebaut, dass Wiedikon, Witikon und Wipkingen von Workspaces überquollen:
300 qm2 für 2000 Sfr in Wiedikon
400 qm2 für 1800 Sfr in Witikon
500 qm2 für 1900 Sfr in Wipkingen.

Und Nino tat das Richtige: Er mietete ein Wohnklo mit Tisch für 500 Franken (als Adresse) und den Workspace in Wipkingen, er bietet nicht Arbeitsraum für Nino, Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo, sondern auch noch 200 Meter Wohnraum für Nino, mit Fitnessraum, Billardtisch, Fernsehzimmer usw., und natürlich dürfen auch Nina, Nena, Nemo, Mona, Moni, Momo und Memo die Räume benutzen.

Selbstverständlich ist das völlig illegal. Nino darf offiziell nicht in seinem Büro übernachten (deshalb habe ich auch alle Namen geändert, und das ganze ist auch nicht in Zürich…), aber was soll der Arme machen?
Es müsste ein Umdenken geben – und ein Umwidmen, wenn wir leerstehende Büros haben und zu wenig Wohnungen.

So gesehen hatte Katja ziemlich recht:

Dann heirat' doch dein Büro
Dann heirat' doch dein Büro
Stell dir ein Bett dort hinein
Und schlaf mit den Akten und Computern ein
Dann heirat' doch dein Büro
Du liebst es doch sowieso
Dort hast du deine Show
Drum geh' und heirat' doch dein Büro