Sie haben sicher schon oft von der «Gretchenfrage» gehört, in vielen Kommentaren, Texten, Kolumnen, in vielen Äusserungen, in vielen Interviews, in vielen Berichten und Reportagen wird ja dieser Begriff immer wieder gesagt und geschrieben. Und Sie wissen als gebildeter Mensch natürlich, dass hier nicht die Gretel aus dem Märchen gemeint ist, also nicht Hänsel gefragt wird, aber wissen Sie wirklich, wie die originale «Gretchenfrage» wörtlich lautet? Hier ist sie:
Margarete:
Versprich mir, Heinrich!
Faust:
Was ich kann!
Margarete:
Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
Faust windet sich nun ein wenig, er redet herum und sich heraus und hebt zu einer langen philosophisch-pantheistischen-allgemeinreligiösen Erklärung an, die aber Gretchen nicht wirklich beeindruckt, sie bringt es dann genau auf den Punkt:
Margarete:
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.
Faust:
Liebs Kind!
Margarete:
Es tut mir lange schon weh,
Dass ich dich in der Gesellschaft seh.
Faust:
Wieso?
Margarete:
Der Mensch, den du da bei dir hast,
Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst;
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht.
Gretchens Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich an die nächsten Wahlen in Deutschland denke. «Wie hast du’s mit der Demokratie?», das ist doch die entscheidende Sache, die Gretchenfrage, und da kann man eben auch sehr lange um den heissen Brei herumreden, man kann philosophieren und deklamieren, man kann sogar alles umdrehen und behaupten, dass die Corona-Massnahmen und die ökologischen Bedingungen die Diktatur zeigen und dass die AfD die Demokratie zurückbringt, man kann dann auch unter dem Stichwort MEINUNGSFREIHEIT irgendwann alles erlauben, Schwulenhetze und Ausländerfeindlichkeit usw.
«Wie hast du’s mit der Demokratie?»
Wir müssen es aber – wie Gretchen – auf den Punkt bringen: «Die Menschen, die ihr da bei euch habt, sind uns in tiefer innrer Seele verhasst.» Es geht also nicht um die Parteimitglieder, sondern um die, die mitlaufen, mitschreien, den «Dunstkreis», das «Umfeld», die Holocaustleugner, die in der gleichen Buchreihe wie ein AfD-Politiker verlegt werden, und viele andere.
Die Jungs und Mädels, die ihre Videos mit «Ausländer raus»-Gesängen in den Sozialen Medien sind nicht in der Partei, nicht einmal in der Jugendorganisation, aber sie sind Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen, Nichten und Neffen, eng genug, dass man sich auf sie verlassen kann, weit genug, dass man sich von ihnen distanziert.
Sie haben sicher schon oft von der «Gretchenfrage» gehört, in vielen Kommentaren, Texten, Kolumnen, in vielen Äusserungen, in vielen Interviews, in vielen Berichten und Reportagen wird ja dieser Begriff immer wieder gesagt und geschrieben.
Und jetzt ist die Gretchenfrage wieder topaktuell, und sie fragt nach der Demokratie – und bitte, lieber Rechten, seid ehrlich: Schwafelt nicht philosophisch, sondern sagt, wer bei euch mitmarschiert.
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