Dienstag, 31. März 2026

Orlando von Alliz - ein Hansdampf in allen Gassen

Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles kann – und alles macht. Nein, das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles macht, ob er es kann, muss jeweils neu entschieden werden.

Zunächst ist Orlando ein Sänger, eigentlich ein Tenor aus dem Spiel- und Lyrikfach, er hat aber gar keine und überhaupt keine Probleme damit, auch mal ins dramatische Fach zu wechseln, oder auch mal im Baritonwald zu wildern. Einen Siegfried und einen Parsifal hat er uns bisher erspart, aber wer weiss? Gut, er hat offiziell gerade mit Singen aufgehört, aber bei von Alliz weiss man nie, vielleicht präsentiert er sich zu seinem 90. Geburtstag doch als Walther von Stolzing…

Dann ist er aber nun vor allem Kulturmanager und Kulturbotschafter, leitet Haydn-Wochen und Beethoven-Festivals, und er lässt es sich nicht nehmen, bei den Eröffnungskonzerten wortgewandt und wortreich durch das Programm zu führen. Nein, das ist jetzt auch wieder nicht ganz richtig, denn «wortgewandt» ist das ja nicht wirklich, «wortreich» aber ist es auf jeden Fall. Orlando von Alliz bewirft uns mit Superlativen, als ob er Reklame für Seife oder Werbung für Parfum machte, da sitzt dann immer das BESTE Orchester, geleitet vom FACHKUNDIGSTEN Dirigenten, und dazu kommt die TOLLSTE Sängerin und sie präsentieren die SCHÖNSTE Arie vom HERRLICHSTEN Komponisten, und das alles in einem Tonfall geredet, als ob er den Zirkusdirektor in der «Verkauften Braut» darstellen würde, er steht aber eigentlich gerade NICHT im Theater.

Apropos Theater: Jetzt führt Orlando von Alliz auch noch Regie, aber nicht – wie man ja von einem Musiker erwarten würde – so, dass man in die Partitur schaut und in die Musik hineinhört, nein, da wird eine Zauberflöte in eine Eishalle gelegt (mit echten Eisläuferinnen und Eisläufern) und ein Figaro in einen Karate-Wettbewerb (mit ständigem Handkantenschlag), das hat zwar nichts mit der Oper zu tun, ist aber wahnsinnig witzig.

Wir können also gut sagen: Orlando von Alliz ist ein Hansdampf in allen Gassen.

Was ist ein «Hansdampf in allen Gassen» ?
Wikipedia schreibt dazu:
Als Hansdampf in allen Gassen wird umgangssprachlich ein aktiver, vielseitiger und umtriebiger Mensch bezeichnet, ein Tausendsassa bzw. ein Generalist. Der Ausdruck Hans Dampf in allen Gassen geht auf die gleichbedeutende Wendung Hans in allen Gassen zurück. Die Wendung stammt vom Kuchen, der am Johannistag nach dem Abbacken in der Lohnbäckerei dampfend nach Hause getragen wurde.
Spannend, nicht? Wusste ich auch nicht, und da die «Meistersinger» am Johannistag spielen, wäre das mit dem Walther gar nicht so weit hergeholt.

Die Frage ist, ob wir Hansdampfs in allen Gassen brauchen. Wären in dieser Welt nicht Menschen nötig, die ohne Dampf in wenigen Gassen unterwegs sind, also Leute, die ganz ruhig die Dinge angehen, wenige Dinge, von denen sie aber Ahnung haben?

Warren Buffet und Charlie Munger, die beiden US-Finanztypen, haben dem «Hansdampf in allen Gassen» ein ganz anderes Konzept entgegengesetzt, den «Circle of Compentence». Der «Circle of Compentence» ist der Kreis der Dinge, die ich weiss, die ich kann, in denen ich kompetent bin. Dabei ist es völlig unerheblich – so Buffet und Munger – wie gross dieser Kreis ist, entscheidend ist, dass ich weiss, wo die Grenze, die Linie dieses Kreises verläuft.

Ein Mensch, der sich im Kompetenzkreis bewegt, wird allerdings weniger wahrgenommen als ein Hansdampf in allen Gassen, das ist logisch, wer nur – um im Bilde zu bleiben – in einer Gasse bleibt, weil er dort hingehört, den sehen halt nur die Bewohner dieser Gasse. Einen Hansdampf kennen alle…
Dennoch: Mehr kompetente Menschen wären toll.

Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles kann – und alles macht. Nein, das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles macht, ob er es kann, muss jeweils neu entschieden werden.
Der Himmel bewahre uns vor den Romanen, die er noch schreiben und den Bildern, die er noch malen könnte.

























 

 

 

  

 

 

Freitag, 27. März 2026

Die FDP-Abschiedsparty

Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Und seine Stimme auch. Während er vor 20 Jahren noch aussuchen konnte, ob er den Tristan in München oder Berlin singt (die Premieren überschnitten sich), konnte er vor 5 Jahren froh sein, wenn Kiel oder Trier ihn für einen Lohengrin B-Besetzung fragten, und dieses Jahr sind die Angebote, die ihm sein Agent übermittelt, katastrophal:
Dritter Gefährte des Seneca in Augsburg
Parpignol in St. Gallen
Friseur Hyppolyte in Pforzheim
(für die Nicht-ganz-Opern-Firmen: Das ist «L`incoronatione di Poppea», «Bohème» und «Rosenkavalier»
Aber er wird eines annehmen.

Sein Kollege Ivan Tschedrinek hat es anders gemacht: Als er merkte, dass sein Siegfried nicht mehr ewig geht, beschloss er seine Karriere mit einem fulminanten Ring an der Hamburgischen Staatsoper. 20 Minuten Standing Ovations, danach Party ohne Ende – heute lebt er vom Kurse geben.
Man muss auch aufhören können.

Wenn ich an die Herren Tenöre denke, dann kommt mir die FDP in den Sinn. Die Freien Demokraten stellten den ersten Bundespräsidenten. Sie waren jahrelang in Regierung, und ein FDP-Schwergewicht (und das meine ich jetzt ganz wörtlich) hat die deutsche Einheit gemanagt. Die Liberalen waren aus dem Bundestag nicht wegzudenken.
Und nun?
Und nun?

Ich denke, es ist an der Zeit aufzuhören, und zwar bevor man aus der LETZTEN Regierung und aus dem LETZTEN Landtag geflogen ist. Bevor man stolz sagt: «Aber in Winsen an der Aller sind wir im Gemeinderat», bevor man verkündet: «In Vogtsburg (Kaiserstuhl) stellen wir den Bürgermeister», bevor dann auch auf der Gemeindeebene tote Hose ist.
Nein.
Wir timen die Auflösung der FDP auf den 30. Mai und machen eine grosse Fete.

Der 30. Mai ist ein guter Tag, nicht deshalb, weil es einmal einen Karnevalsschlager «Am 30. Mai ist der Weltuntergang» gab, sondern weil da das Hambacher Fest war, sozusagen die Anfänge der Liberalität – und das Ende dann eben auch dann.

Es wird zunächst ein vielfältiges Kulturprogramm geben. Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Auftragskomposition «Das Ende», die Zeilen aus einem Hesse-Gedicht vertont:
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Das Hauptthema nimmt die Buchstaben A – D – E – F – D – (P) als schöne Mollmelodie. (Wer es kann, singt das jetzt mal, es klingt wirklich schön.)

Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt der Chansonette Margot Agnastrazi – Sie ahnen, wer sich dahinter verbirgt: Agnes Strack-Zimmermann trägt Brecht-Songs vor, viel Dreigroschen, und hier natürlich ihr Lieblingslied, der Kanonen-Song:
Soldaten wohnen
Auf den Kanonen
Von Cap bis Couch Behar.

Dann wird getanzt, und wer jetzt meint, Politiker seien keine guten Tänzer, der soll sich erst einmal die Videos vom Bundeskanzler anschauen, da können die Liberalen absolut mithalten.

Und später gibt es Alkohol – das erste Mal seit Jahren (und auch das letzte Mal), dass die FDP mit irgendetwas über 20% zu tun hat.

Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Aber er hat jetzt ein grosses, tolles und auch für ihn letztes Engagement. Er singt als Ausklang der grossen FDP-Party
«Time to Say Goodbye»

Dienstag, 24. März 2026

Schlafen vor dem Fernseher

 
Liebe Leserin, lieber Leser

Ich habe neulich im Post «Olympia nervt» folgenden Passus abgeliefert:

Wir schauen stets und jeden Tag um 19.00 heute, dies aber auf 3sat und danach die «Kulturzeit». Dann gibt es Essen, Aufräumen, Packen für den nächsten Morgen, ein paar Mails schreiben und um 21.45 gibt das «heute Journal» (oft mit unserem absoluten Liebling, Gundula Gause – allein der Name ist ja schon göttlich). Um 22.30 liege ich im Bett, denn ich stehe um 4.30 auf.

Ich müsste das Ganze ein wenig relativieren. Es sieht eher so aus:

Wir schauen stets und jeden Tag um 19.00 heute
(wenn ich nicht einschlafe),
dies aber auf 3sat und danach die «Kulturzeit»
(wenn ich nicht einschlafe).
Dann gibt es Essen, Aufräumen, Packen für den nächsten Morgen, ein paar Mails schreiben und um 21.45 gibt das «heute Journal»
(wenn ich nicht einschlafe),
oft mit unserem absoluten Liebling, Gundula Gause – allein der Name ist ja schon göttlich. Um 22.30 liege ich im Bett, denn ich stehe um 4.30 auf.

Ich schlafe vor dem Fernseher ein.
Das halte ich für das Spiessigste und Bünzlihafteste, das es gibt, vor dem Fernseher einzunicken gehört für mich in eine Reihe mit Häkeldeckchen, Klorollen-Umhüllungen, in eine Reihe mit Volksmusik hören und Pilcher lesen, es gehört in eine Kategorie mit Quelle-Katalog und Feinripp, aber dennoch muss ich zugeben: Ich schlafe vor dem Fernseher ein.
Dass ich damit in grosser Gesellschaft bin, ist ein schwacher Trost.

Wenn man «vor dem Fernseher schlafen» googelt, dann erhält man sofort eine Reihe von Gesundheitshinweisen, diese Angewohnheit scheint extrem gefährlich zu sein. Laut mehreren Seiten bewirken regelmässige 15 Minuten Schlaf vor dem TV
Bluthochdruck
Diabetes
Rheuma, Arthrose und Gicht
Mangel an Vitamin A, B, C, D, T, X und Z
Übergewicht
Erhöhung des Krebsrisikos
Zahnschmerzen und Paradentose
Fogumentisis (was auch immer das sein soll)
u. v. a.
Regelmässiger Fernsehschlaf verkürzt das Leben angeblich im gleichen Masse wie Nikotin und Alkohol.

Ich könnte nun verstehen, dass es sehr ungesund ist, vor dem Fernseher zu schlafen und dann später nicht mehr – das ist bei mir aber nicht der Fall, ich gehe ins Bett und schlafe weiter, und anderen geht es genauso. Ich glaube auch das mit der Lebensverkürzung nicht – eine Viertelstunde Fernsehschläfchen bewirkt die gleichen Dinge wie ein Päckchen Camel am Tag und / oder eine Flasche Wein? Unmöglich.
Dazu kommt, dass keine der Gesundheitsseiten eine Therapie oder Abhilfe anbietet.

Nein.
Mich schreckt nicht das Gesundheitsrisiko, ich finde das Schlafen vor dem Fernseher einfach spiessig. Einfach biedermännisch. In einer Reihe mit Häkeldeckchen, Klorollen-Umhüllungen, in eine Reihe mit Volksmusik hören und Pilcher lesen, es gehört in eine Kategorie mit Quelle-Katalog und Feinripp, in die gleiche Schiene wie Kaffeefahrten, Brillen, die mit Ketten um den Hals hängen und gedrechselte Haushaltspapier-Abroller.
Aber ich kann nichts machen. Dabei spielen übrigens auch Qualität und Wert der Sendungen keine Rolle – ich kann bei einem Beitrag über Heinrich Böll genauso einpennen wie während eines Interviews mit Herrn Nagelsmann.

Ein Freund berichtet mir, dass die Health-Sendung «PULS» auf SRF 1 sich vor einem Jahr des Themas angenommen und ein 3stündiges Special gesendet habe.

Leider wüsste er nicht mehr alles.

Er ist bei der Ausstrahlung eingeschlafen.

Freitag, 20. März 2026

Cem Özdemir hält Amtsteilung für "Quatsch"

Wir müssen ein paar klare Wahrheiten hier noch einmal sagen:
Es gibt nur ein Universum.
Es gibt nur einen Gott.
Es gibt nur einen Papst.
Es gibt nur ein’n Rudi Völler (es gibt nur ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler, ein’n Rudi Völler)
Und es gibt nur einen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.

Nach der arschknappen (s.v.v.) Wahl und angesichts der Tatsachen, dass CDU und die Grünen im Landtag gleich viele Sitze haben und sowieso eine Koalition bilden werden, kam die Idee auf, die Macht irgendwie zu teilen. Also irgendwie so etwas wie Rotation oder Doppelspitze.

Kommentar von Cem Özdemir:
«Bevor jetzt die Frage kommt: Wir werden vermutlich auch keine Doppelspitze einführen beim Amt des Ministerpräsidenten, das könnte ja auch ein Vorschlag sein. Das ist alles nicht meins. Wir sind erwachsen hier. Wir machen erwachsene Politik. Die Situation ist einfach zu ernst für Quatsch aller Art.»

Was Cem hier von sich gibt, ist sehr, sehr spannend.
Wir haben ja im vorletzten Post uns mit der Frage auseinandergesetzt, ob er überhaupt ein Grüner ist. Und auch hier muss man ihn als Nichtgrün-Grünen sehen, als Wolf im Schafspelz oder Schaf im Wolfspelz, als Schafswolf/Wolfsschaf, denn die Idee von solchen Teambildungen und Amtsteilungen kommt ja eher von grüner Seite. Waren es nicht die Grünen, die solch Zeug wie Doppelspitze und Rotation und Ämtertrennung eingeführt haben?
 

Auch historisch gibt es übrigens Beispiele für solchen «Quatsch».
In Rom galt bei den Konsuln die Prinzipien der Kollegialität und Annuität, das heisst, es waren immer zwei und sie waren auch nur ein Jahr im Amt – um Missbrauch aller Art zu unterbinden. Kollegialität und Annuität, mein verehrter Lateinlehrer Prof. (inzwischen) Dr. Werner Stegmaier hätte diese beiden Begriffe (er war bekannt für kühne Übersetzungen) sicher mit Doppelspitze und Rotation übersetzt, wenn es diese Begriffe damals schon gegeben hätte.

«Wir sind erwachsen».
Gut, vielleicht ist das das Problem? Vielleicht würden Kinder anders damit umgehen? Ich glaube, Kindern könnte man vermitteln, dass man in einer solchen Situation teilen muss: «Guckt mal, ihr seid jetzt beide genau gleich auf, jetzt teilt ihr den Preis.» Wie heisst es so schön?
Gebt den Kindern das Kommando
Sie berechnen nicht
Was sie tun,
Die Welt gehört in Kinderhände
Dem Trübsinn ein Ende
Wir werden in Grund und Boden gelacht
Kinder an die Macht.
Aber Cem ist ja erwachsen.

Und dann ist ja noch die Geschichte mit der Brezel. Özdemir ist ja aus Bad Urach, der Heimat der Brezel. Und was symbolisiert die Brezel? Doch gerade ein Verschlingen und Ausgleichen, da liegt das, was oben und unten wäre (wenn man die Laugenstange hochkant hält), oder was links und rechts wäre (wenn man sie quer hält), verschlungen nebeneinander. Die Brezel – die Cem ja zu seinem Emblem erkoren hat, Wahlhelfer liessen sich Brezel-Tattoos machen, echt wahr – steht also für das genaue Gegenteil von dem, was Cem sagt. Brezel steht für Rotation und Doppelspitze.

Aber alles umsonst. Cem Özdemir will Ministerpräsident werden, und er wird das durchfechten, denn durch seine 0,5% mehr ist er der Wahlsieger, und dem steht die Regierungsbildung zu.

Wir müssen ein paar klare Wahrheiten hier noch einmal sagen:
Es gibt nur ein Universum.
Es gibt nur einen Gott.
Es gibt nur einen Papst.
Es gibt nur ein’n Rudi Völler (es gibt nur ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler, ein’n Rudi Völler)
Und es gibt nur einen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.









 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 17. März 2026

Leichte Sprache an Gymnasien?

Liebe Leserin, lieber Leser, erkennen Sie den folgenden Text?

Alles, was vergeht, ist nur ein Bild. Alles, was nicht perfekt ist, wird hier Wirklichkeit.
Alles, was man nicht beschreiben kann, wird hier gemacht. Das Weibliche zieht uns nach oben.

Ja, perfekt erkannt, das ist der Schluss von Faust II. Im Original so:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Oder erkennen Sie das?

Die Menschen sind sehr überrascht. Sie sehen die beiden zusammen. Die beiden weinen. Sie weinen vor Schmerz und vor Freude. Alle Menschen weinen mit. Dann erzählen sie dem König die Geschichte. Der König fühlt sich berührt. Das bedeutet: Er fühlt sich bewegt. Der König lässt die beiden zu sich kommen. Er schaut sie lange an. Dann sagt er: Ihr habt mein Herz gewonnen. Ihr habt bewiesen: Treue ist echt. Darum bittet er: Nehmt mich auch auf. Ich will der dritte Partner sein.

Ja, super, Sie sind gut, das ist der Schluss der «Bürgschaft» von Schiller, im Original so:

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Lässt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.«

Ich erspare Ihnen jetzt Texte von Adorno, Bloch oder Habermas, erspare Ihnen Gedichte von George oder Trakl.

Das wäre nun alles zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Denn verstärkt greifen auch die Schulen auf vereinfachte Texte zurück. Und zwar alle – auch die Gymnasien. Und wenn das jetzt auch absolut scheisse (s.v.v.) elitär klingt: Wenn man schwierige Texte nicht mehr hinbekommt, dann muss man auch kein Abitur machen. Es macht übrigens auch nichts, wenn man nicht jedes Wort versteht (verstehe ich bei Shakespeare im Original auch oft nicht), aber es geht doch um die Schönheit der Sprache.

Mal ganz ehrlich: Hätte ein Gustav Mahler so etwas Umwerfendes, Phänomenales, etwas Bombastisches und Titanisches, hätte er so eine Wucht wie den Schluss der 8. Sinfonie hinbekommen, wenn er «Alles, was vergeht, ist nur ein Bild» vertont hätte?

Übrigens: Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich durch Integrale, Sinus, Cosinus, Ableitung, Kurven, Gleichungen usw. gequält und es irgendwie auch geschafft. Aber da gibt es auch keine Erleichterung, es gibt keine «Leichte Mathematik».

Also lasst die Finger von unseren Klassikern.

Und hier noch ein Schwur: An dem Tag, an dem ich Sätze in Leichter Sprache in meiner Glosse schreibe, sollen mir beide Hände abfallen.



Freitag, 13. März 2026

Özdemir - der nichtgrüne Grüne oder: Schaf im Wolfspelz

Nachträglich noch herzlichen Glückwunsch für Cem Özdemir! Für den Wahlgewinner der BW-Wahl am 8. 3. 2026! Für den zukünftigen Ministerpräsidenten!

Özdemir ist ein lustiger Kerl. Er ist eigentlich Grüner, aber irgendwie doch nicht. Er hat für die Grünen die Wahl gewonnen, indem er sich maximal von ihnen distanzierte. Damit ist er ein treuer Nachfolger von Kretschmann, der ja irgendwie auch so war.
Menschen, die im Grunde genommen in der falschen Partei sind. Man könnte sie – je nachdem ob man für oder gegen diese Partei ist – als «Wölfe im Schafspelz» oder «Schafe im Wolfspelz» bezeichnen.
Die Schafswölfe / Wolfsschafe haben eine lange Tradition. Immer wieder gab es so Gestalten, die einfach in der falschen Partei waren.

Helmut Schmidt zum Beispiel. Ein SPDler, der aber eine völlig konservative und aufrüstende Politik machte. Ich weiss von vielen CDUlern (u.a. meine Eltern), die ständig sagten: So ein toller Hecht, und wir würden ihn wählen, wenn er nicht in der falschen Partei wäre.

Eine Lady, die das Gegenteil symbolisierte, ist neulich gestorben und wurde – zu Recht! zu Recht! zu Recht! – mit einem Akt im Parlament geehrt: Rita Süssmuth. Sie war mit allem ihrem Denken und ihrem Einsatz für Frauen, Minderheiten, mit ihrem Anti-AIDS-Kampf eigentlich eine Sozialdemokratin. Oder eine Grüne?

Als 2002 in Freiburg im Breisgau ein neuer OB anstand, also als mein Namensvetter Böhme nicht mehr antrat, machte ich wirklich den Spruch: «Es wird nun Zeit, dass die Stadt einen sozialdemokratischen Bürgermeister bekommt.» Was bei meinen Kollegen zu einem Stirnrunzeln führte – denn Herr Böhme gehört in die SPD. Und ich hatte das alle die Jahre nicht gemerkt! Nicht gemerkt!
Sein Nachfolger wurde dann ein Grüner (der besser zu den Sozen oder in die FDP gepasst hätte…) Und jetzt ist es ein Parteiloser. Sind nicht die Schlechtesten, wir hatten in Stuttgart die besten Zeiten mit einem Parteilosen: Arnulf Klett – den alle in der CDU vermuten, war er aber nicht.
Sein Nachfolger wurde dann einer, den inzwischen auch niemand in der CDU vermuten würde: Manfred Rommel. Legendär wurde sein Eintreten für das Grab der Ensslin auf dem Dornhaldenfriedhof und die RAF-Zahn-Spendenkampagne des Schauspiels unter Peymann.

In welche Partei gehört ein Gerhard Schröder? In welche Partei ein Palmer? Sind das noch SPDler bzw. Grüne oder schon verpackte AfDler?

Ja, und dann war da noch der Mittellehrer in der grössten Baselbieter Gemeinde, der für die Grünen im Landrat sass, aber keinen einzigen Tag mal mit dem ÖV in die Schule kam, nein, immer mit dem eigenen Schlitten und der in der Mittagspause im COOP plastikverpackte Sandwiches und plastikverpackte Salate und plastikverpackte Getränke holte, und dessen Schul-Verbesserungs-Komitee die Regierungsrats-Kandidatin der FDP empfahl, woraufhin die Grünen ihn rausschmissen…

Wie wird man Wolf im Schafspelz bzw. Wolfsschaf bzw. Schaf im Wolfspelz bzw. Schafswolf?
Tja.
Der Weg zum Wolf im Schafspelz bzw. Wolfsschaf bzw. Schaf im Wolfspelz bzw. Schafswolf wäre sicher mal ein Thema, dessen sich die Politologie annehmen sollte, vielleicht tut sie das ja auch schon, ich habe keinen Kontakt (mehr) zu Politologinnen und Politologen. Es wäre sicher ein Fundus für Masterarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften.

Ich glaube nicht, dass jemand bewusst diesen Weg geht, dass man am Morgen aufwacht und sagt: «Ich habe es, ich gehe in die Partei X, da kann ich Karriere machen, ich bin zwar viel eher Y, aber als Y im X, da gibt es Stunk, da falle ich auf.» Nein, so geht das wahrscheinlich nicht, sondern eher so, dass man schon X ist, aber dann in vielen Themen eine Y-Position einnimmt…

Nachträglich noch herzlichen Glückwunsch Cem Özdemir! Wahlgewinner der BW-Wahl am 8. 3. 2026! Für den zukünftigen Ministerpräsidenten!
Er tritt als Grün-Nichtgrüner würdig die Nachfolge des grün-nichtgrünen Winfried an.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 10. März 2026

Die lustigen Reisevorschläge

Ich möchte an einem Sonntag morgens ins Schwimmbad. Da ich nicht alle Tramverbindungen im Kopf habe, schlage ich bei Google Maps nach. Bei einer der vorgeschlagenen Routen werde ich sehr stutzig:
Mir wird die Idee präsentiert, mich an der Grosspeterstrasse in die Linie 15 zu setzen, via Heiliggeistkirche zum Tellplatz, dann abbiegend zur Endhaltestelle Bruderholz. Auf dem Bruderholz verwandelt sich die 15 in die 16, die dann auf der anderen Seite des Hügels herunterfährt und via Heiliggeistkirche (Klappe die Zweite) und Tellplatz (Klappe die Zweite) zur Haltestelle Markthalle fährt.
Von dort sind es 2 Minuten zum Hallenbad.
Ich könnte – so schlägt es Google Maps vor – auch 15 Minuten später los, müsste dann (logischerweise) am Tellplatz raus und die 16 nehmen, die sofort kommt und es ist derselbe Bahnsteig.

Ich möchte am 14. März nach Mainz, nein, falsch, ich fahre am 14. März nach Mainz und ich habe auch schon ein Hotel.
booking.com schlägt mir (ausser Restaurants, Stadtführungen, etc.) einen netten Reiseweg vor: Flug von ZRH nach FRA, also von Zürich Airport Kloten nach Airport Frankfurt am Main.
Dies würde konkret bedeuten: Ich reise mit der SBB erst einmal in die falsche Richtung, nach Süden, nämlich zum Flughafen, von dort – nach Einchecken, Warten, Kontrolle, Warten, Boarding – zum Rhein-Main-Airport. Der natürlich zu weit östlich liegt, also noch einmal 30 Minuten S-Bahn nach Mainz.
Alternative ist die DB, die mich konsequent den Rhein entlang via Mannheim und Worms in die Pfälzische Landeshauptstadt bringen wird. Ja, sagen Sie, DB, aber ich habe 25 Minuten Zeit zum Umsteigen in Mannheim Hbf. und auch keinen Punkt-Termin in Mainz.

Wie solche Fehler zustande kommen, ist klar. Irgendjemand hat da Prioritäten gesetzt, irgendwelche Dinge eingegeben, Dinge wie «Umsteigen vermeiden» oder «Flug besser». Und der Computer sucht dann Reisewege, die diesen Kriterien entsprechen. Man könnte genauso «möglichst kurze Zeit» oder «Eisenbahn bevorzugen» eingeben, und die KI sucht entsprechend.

Fühlt die KI eigentlich, wie doof das ist, nach einer Viertelstunde wieder an der gleichen Haltestelle vorbeizukommen? Sie antwortet mir:

Unser Gehirn ist darauf programmiert, Ziele zu erreichen. Wenn wir denselben Ort erneut passieren (z. B. durch eine Ringlinie oder eine Umleitung), fühlt sich das für das Zeitgefühl wie ein Stillstand oder ein „Rückschritt“ an, da kein räumlicher Distanzgewinn zum Ziel erkennbar ist.

Fühlt die KI eigentlich, wie doof das ist, zunächst einmal zum Airport Zürich in die falsche Richtung zu fahren?

Eine Reise in die falsche Richtung zu beginnen, fühlt sich deshalb so „blöd“ an, weil es eine massive psychologische und kognitive Dissonanz auslöst. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Ziele effizient zu erreichen – eine entgegengesetzte Bewegung wird sofort als Fehler und Verlust markiert.

Wir bewerten die Reisezeit oft doppelt negativ. Nicht nur die Zeit in die falsche Richtung ist „verloren“, sondern wir müssen dieselbe Zeit (und Strecke) auch noch einmal aufwenden, um überhaupt wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen.

Gut, gell?
Aber das Entscheidende ist, dass diese Antworten nicht aus dem Herzen kommen, der Roboter wird sich nie beschweren, dass er zum x-ten Male wo vorbeikommt, die KI kann nichts fühlen, nichts mit dem Herzen wahrnehmen. Sie kann nur im Netz suchen, was Menschen darüber geschrieben haben.

Vielleicht sollten wir doch manchmal wieder den gesunden Menschenverstand einsetzen.
Wenn übrigens ein Punkt zwischen zwei Haltestellen liegt, dann steige ich immer an der ersten aus, weil ich lieber nach vorwärts laufe. Auch wenn der Punkt 10 Meter näher an der nächsten Haltestelle liegt und Google Maps mir andere Dinge vorschlägt…