Freitag, 16. Oktober 2026

Impressionen aus Berlin (2): Philharmonie, Girls und Vorhängeschlösser

So.
Hier die zweite Folge von Impressionen der Reise nach Berlin

Philharmonie als Labyrinth

In der Berliner Philharmonie hören wir ein wunderbares Konzert mit Boulanger, Strawinsky und Bernstein. Da unser Gastgeber einem anderen Menschen noch das Billett geben muss, begeben wir uns schon einmal auf die Suche nach dem Platz: Sollte doch eigentlich gar nicht schwer sein, Grosser Saal / Links / Block E / Reihe 3 / 14 und 15. Sollte. Denn wenn man ohne Insider, ohne Guide, ohne Ortskundigen sich auf die Suche nach Grosser Saal / Links / Block E / Reihe 3 / 14 und 15 begibt, dann braucht man sehr, sehr, sehr lange. Die Philharmonie ist ein Labyrinth. Der Erbauer, Herr Scharoun, hat die Blocks frei im Raum verteilt und jegliche Hinweise sind möglichst klein angeschrieben und es kann durchaus sein, dass sie insgesamt 3-4 Kilometer laufen, um Ihren Platz zu finden. Als das Konzert mit Lili Boulangers «Trauriger Nacht» beginnt, entdecke ich, dass längst nicht alle Plätze besetzt sind. Nun kommt mir ein Gedanke: Vielleicht irren stets zu Konzertanfang etliche Menschen noch auf den Gängen herum? Wer weiss. Dass man aber neulich einen völlig verwesten Leichnam fand, der sich als Besucher des Eröffnungskonzertes 1963 herausstellte, der nicht hinaus gefunden hatte, halte ich für ein Gerücht…

Attraktion für die Mädels am Weissen See

Wir schlendern Hand in Hand zum «Milchhäuschen» am Weissen See. (Kurz zur Erklärung: Der «Weisse See» ist der See im Stadtteil «Weissensee», Bezirk Pankow und wird auch manchmal grotesk als «Weissenseer See» bezeichnet. Wir hatten das Milchhäuschen in einer Architekturausstellung über die 60er und 70er entdeckt und wollten nun im «Osmo by Milchhäuschen» Kaffee und Kuchen geniessen.)
Im dem See umgebenden Park springen uns vier ca. 15jährige Mädchen entgegen: «Seid ihr ein Paar?» Wir nicken. «O, wie süss.» «O, ist das goldig». Sie strahlen und machen das Herz-Zeichen mit den Händen. Eine wünscht sogar, dass wir uns küssen sollen, das lehen wir aber ab, wir sind nicht im Zoo.
Einerseits ist das ja völlig schön, andererseits fragen wir uns schon: In welcher Welt leben diese Girls? Haben Sie noch nie ein Schwulenpaar über 50 gesehen? Sie wohnen in Berlin! Sie wohnen in einer Stadt, die (zusammen mit Köln) schwule Hauptstadt Deutschlands ist, einer Stadt, in der viele, viele queere Organisationen ihren Sitz haben. Es ist eigentlich erschütternd, so sehr und die Hand-Herzchen freuten. Vielleicht sollten sie jungen Damen mal Pankow verlassen, und das nicht immer nur virtuell und im Internet, sondern ganz und in Echtzeit WIRKLICH REAL mal nach Schöneberg fahren. Oder mal den nächsten CSD besuchen.
Schliesslich sind wir im Jahr 2026.

Vorhängeschloss im Kombibad

Am Samstag und Sonntag fahre ich zum Schwimmen ins «Kombibad Gropiusstadt». Dort erwartet mich eine überraschende Sache: Die Schränke brauchen ein Vorhängeschloss. Hat man keines dabei (habe ich natürlich nicht – so etwas erwähnen die Berliner Bäder auf ihrer Homepage natürlich nicht), kann man für 9 Euro eines erwerben. Ich komme mit dem Mann an der Kasse ins Gespräch, ich erzähle, dass ich aus Basel komme, wo im Gartenbau ja genau der gleiche Unsinn gemacht wird, auch dort braucht man ja ein Vorhängeschloss. «Dann kaufen Sie doch eines», meint «dieser, 9 Euro sind ja weniger als 9 Franken.» Ich muss ihn aufklären, dass der Franken inzwischen UNTER dem Euro liegt, dass allerdings ein Vorhängeschloss in Basel nicht 9, sondern 27 Franken kosten würde, also das Dreifache.
Ich kaufe also so ein Ding.
Und dann erzählt mir der Mann noch eine nette Sache: Er macht als Hobby Metallskulpturen und er war schon mehrfach in Basel: Sein Pilgerziel ist der Tinguely-Brunnen, den er für etwas ganz, ganz, ganz Grossartiges hält.
Muss ich ihm recht geben.

So, das war es aus Berlin.
Nächstes Mal wieder andere Dinge.



 

 

 

 

Dienstag, 13. Oktober 2026

Impressionen aus Berlin (1): Barbarini, DHL, Taxis und Bueno

Ja, wir waren wieder einmal in Berlin und ich will Sie mit zwei Posts ein wenig an den Dingen teilhaben lassen, es sind nur ein paar Impressionen, ein paar Eindrücke, ein paar Kleinigkeiten, aber viel Spass beim Lesen.

Feudal im Barbarini

Im Museum Barbarini in Potsdam hat der Sammler Hasso Plattner eine wunderbare Kollektion (seine Kollektion!) von Impressionisten und Neoimpressionisten ausgestellt. Wir schwelgen vier wunderbare Stunden in Monet, Renoir, Sisley, Signac usw. Dazwischen gehen wir in das Café Barbarini und essen Pfirsich-Sahne-Kuchen und Sachertorte, trinken Espresso und viel Mineralwasser. Mit dem Eintritt (32,--), dem Kaffee (30,--) und ein paar Postkarten (28,--) sind wir bei neunzig Euro. Stolze Preise, es scheint den Deutschen, den Berlinern, den Brandenburgern gar nicht so schlecht zu gehen – auch das Café Barbarini ist gerammelt voll, wir finden nur Plätze neben zwei netten Frauen am Vierertisch.
Aber Achtung!
Aber Achtung!
Das Barbarini ist wahrscheinlich keine repräsentative Ecke, um die soziale Situation der Menschen in Brandenburg zu evaluieren und zu dokumentieren. Die Damen, die im Barbarini-Café ihren Mokka trinken und dabei erörtern, ob man die Zauberflöte an der Staatsoper oder an der Deutschen Oper schauen sollte, sind nicht der Durchschnitt.

DHL überall und an allen Ecken

Wir fahren am Dienstag mit dem M29 heim. Zwischen Rio-Reiser-Platz und Görlitzer Bahnhof versperrt uns ein DHL-Fahrzeug den Weg und der Bus braucht eine Weile, um den Transporter zu umschiffen. Am Mittwoch fahren wir wieder mit dem M29 heim und scheinbar steht dasselbe Ding nur 10 Meter weiter. Kann natürlich nicht sein, es ist ein anderes; und nun werden wir aufmerksam: Wir zählen am Donnerstag die DHL-Wagen. Wir kommen in einer Stunde auf 300 Fahrzeuge der Dalsey-Hillblom-Lynn-Bande, die überall stehen, in der zweiten, dritten und vierten Reihe, kreuz und quer und dort, wo sie nicht hingehören. Ganz Berlin ist voll mit DHL. Es wäre eine grossartige Massnahme, wenn die Stadt Berlin sämtliches Ausliefern von Paketen verbieten würde, und natürlich gleich auch Temu, Amazon und wie die alle heissen. Es wäre eine Wohltat für den öffentlichen Verkehr. Er würde wieder fliessen.

Taxifahrer hören nicht zu – wie alle Menschen

Am ersten Abend fahren wir mit dem Taxi vom Hauptbahnhof zu unserem Gastgeber. Wir fragen den Fahrer, ob er weiss, wo sich die XY-Strasse 1 befindet. Natürlich wisse er das, und er fährt fröhlich los. Ich betone noch einmal, das die XY-Strasse bei dem Punkt Z beginnt und nicht, wie man denkt, an der anderen. Von ihm kommt nur ein ja, ja, ja, ja. Nun merken wir schon relativ früh, dass er falsch abgebogen ist und nun sich nun von der stadtnahen Seite der XY-Strasse nähert. Als wir in die hineinfahren, sind wir bei 234 und der Schrecken ist gross. Also, tapfer durchgefahren – aber halt! Ein Teil ist Fussgängerbereich, also drumherum. Ich hätte ihm sagen müssen, dass wir zur anderen Seite wollen, so der Taximensch lapidar. Tatsächlich hören Taxifahrer aber nicht zu, so wie alle Menschen, egal ob Verkäufer oder Callcenter-Mitarbeiter. Niemand hört zu. Dabei sag ich (manchmal) wirklich informative Dinge…

Kein Kinder-Bueno mehr

An einem der Tage komme ich vom Schwimmbad am Helene-Weigel-Platz und habe unbändig Lust auf ein Kinder-Bueno. Am Kiosk S-Bahn Springpfuhl gibt es keine, dort gibt es ausser Zigaretten nur Lollis und Zuckertüten. Im Press&Book am Ostkreuz gibt es ausser Zeitschriften nur gesunde Schokolade. Beim Aussteigen gehe ich noch ins Späti Pflügerstrasse, es hat alle Riegel, Mars, Snickers, Milky Way, usw., usw., aber kein Bueno. Liegt es vielleicht daran, dass diese Leckerei die Lieblingssüssigkeit des (noch) Regierenden Bürgermeisters ist, und dass mit seiner Abwahl Buenos aus den Regalen verbannt wurden? Nun, dann werden wir gespannt sein, was die linke neue Chefin als Favorit-Schoko angibt…

Nächste Folge noch mehr.


Freitag, 9. Oktober 2026

Der gestandene Deutschlehrer

So. Nun hier (oder hier nun) der versprochene Post über Deutsch, Unterricht, Lehrer und PISA.

Ich bekam neulich von einem Bekannten ein WhatsApp mit einem reizenden Cartoon: Zwei Personen, Mann und Frau stehen sich gegenüber, sie stehen vor einem gotischen Fenster, es soll hier wohl ein Korridor einer ehrwürdig-historisierenden-neugotischen Schule angedeutet werden. Der Mann, beleibt, Anzug und Krawatte, Glatze und Nickelbrille (Schulleiter?) fragt die Frau mit Kostüm und Handtasche: «Sind Sie die neue Deutschlehrerin?» Und sie antwortet: «Ja, ich sind.»

Gemein, gemein. Es ist sehr unfair, die ganze deutsche Bildungsmisere immer nur auf die Lehrer zu schieben, aber ein Fünkchen, ein kleines Fünkchen, ein winziges Fünkchen Wahrheit ist ja dran. Ich war in meiner Ausbildung zum Drittfach Deutsch (die ersten beiden waren Schulmusik und Latein) im letzten Jahrgang, der noch die volle Background-Ladung der deutschen Literatur und die ganze Background-Ladung der Linguistik abbekam. Wir lasen noch Hölderlin und pflegten Mittelhochdeutsch und beteten den Saussure rauf und runter – und zwar nicht «didaktisiert», also nicht stets mit der Frage, ob man das im Unterricht braucht.

Ja, angesichts des Cartoons sehnt man sich.
Man sehnt sich…
Man sehnt sich nach dem alten, gestandenen Deutschlehrer.
Sie wissen, was ich damit meine? Sie wollen Beispiele? Gut.

Der gestandene Deutschlehrer kann ca. 200 Gedichte auswendig. Er erwartet aber auch die Kenntnis von MINDESTENS zehn Poemen von seinen Schülerinnen und Schülern. Und er erwartet auch, dass diese Kenntnis nicht mit dem Abitur erlischt. Es kann nun also sein, dass er einen Ehemaligen oder eine Ehemalige auf herbstlicher Strasse im farbigen Blätterwald trifft, ihn oder sie packt und rezitiert:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und wehe (wehe! wehe! wehe!), wenn der oder die Betreffende nicht sofort weitermachen kann:

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Der gestandene Deutschlehrer korrigiert. Er korrigiert Orthografie, Grammatik, Interpunktion, aber auch Sinn- und Bezugsfehler.
Und wenn Sie ihm eine Einladung zu ihrem 60. Geburtstag schicken (er selbst ist dann 90), dann kann es sein, dass sie mit Verbesserungen zurückkommt:

Es würde mich freuen, Sie zu meinem runden Geburtstag einladen zu dürfen.

Vielen Dank. Ich komme gerne. Aber deine Einladung ist nicht korrekt formuliert. Denn: Einladen darfst du immer, darüber musst du nicht freuen. Also: Ich möchte … einladen und es würde mich freuen, wenn …

Der gestandene Deutschlehrer schreibt immer noch für einige Fachzeitschriften, er schreibt gefürchtete Leserbriefe, er sitzt in Gremien und liest, liest, liest. Der gestandene Deutschlehrer führt einen unermüdlichen Kampf gegen Schludrigkeit, Schlamperei, falschen Fremdwörtergebrauch und falsche Kommata.
Wenn dann im Fernseher Frau Slomka oder Herr Sievers «…zwei Dilemma…» sagen, dann brüllt er so laut «DILEMMATA! DILEMMATA! DILLEMATA!», dass man es wirklich fast am Lerchenberg hören kann.
Die Wohnung des Neunzigjährigen könnte inzwischen übrigens eine Putzfrau vertragen. Aber da der gestandene Deutschlehrer eine fehlerfreie zweiseitige handschriftliche Bewerbung verlangt, stehen die Chancen natürlich schlecht, dass er eine engagieren kann…

In den sozialen Medien kursiert ein Cartoon, in dem die neue Deutschlehrerin, auf die Frage, ob sie diese sei, «Ja, ich sind» antwortet. Und da sehnt man sich nach den gestandenen Deutschlehrern.
Obwohl sie uns nervten.
Obwohl wir sie hassten.

Gestandene Deutschlehrer, wir vermissen euch!

Dienstag, 6. Oktober 2026

Rechts wählen heisst den Teufel mit dem Beelzebub austreiben

Achmed ist ein überzeugter Muslim. Ja, man müsste fast sagen, ein bisschen sehr überzeugt, man könnte ihn als fundamentalistisch bezeichnen, oder – wenn diese Analogie zu den Christen erlaubt ist – als muslimilikal. Er nimmt den Koran Wort für Wort, rollt seinen Gebetsteppich aus, er geht in die Moschee und hält den Ramadan ein. Der Hadsch ist für nächstes Jahr geplant.

Achmed stört sich sehr an seinen Nachbarn, Detlev und Markus, ein Paar, das die andere Wohnung im 8. Stock des Hochhauses gemietet hat. Er mag sich gar nicht vorstellen, was da Wand an Wand zu ihm geschieht. Zwei Männer, die… Es ist einfach gegen Allahs Gebot und gegen den Koran und gegen alles Heilige und wenn er denkt, was Detlev und Markus da tun, dann wäre er manchmal gerne wieder in einem Land, wo man solche Leute einen Kopf kürzer macht.

Aber – das muss man klar sagen – Detlev und Markus sind auch nicht gerade die tolerantesten Leute. Für sie ist jeder Glaube sowieso im Mittelalter zuhause, und den Islam halten sie für die schlimmste Religion überhaupt. Und den Unterschied zwischen Islam und Islamismus haben sie noch nie begriffen, Achmed ist also für sie ein Terrorist. (Was er nicht ist, er ist fundamental, aber nicht radikal und eine Bombe würde er nie legen…)

Achmed hat stramm rechts gewählt. Denn wenn endliche eine rechte Partei ans Ruder kommt, dann wird aufgeräumt mit Regenbogen und dem ganzen Schmus. Dann wird der §175 wieder eingeführt und solche Perversen wie nebenan können sich dann wieder in Kellern treffen, auf keinen Fall bekommen sie Wohnungen, wo Wand an Wand fromme Menschen beten. Dann ist vorbei mit queer! Vorbei mit gay!

Aber auch Detlev und Markus haben stramm rechts gewählt. Denn wenn endlich eine rechte Partei ans Ruder kommt, dann schickt man die Achmeds und Mustafas und Alis einfach wieder nach Hause. Remigration! Dann verschwinden die Moscheen und Gebetsteppiche und man kann wieder auf Weihnachtsmärkte gehen, ohne das einem ein Islamist eine Bombe unter dem Hintern zündet.

Beide Parteien, sowohl Achmed als auch Detlev und Markus wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Das ist so, wie wenn man einen Flecken mit einem stark säurehaltigen Mittel bekämpft, es wirkt, der Fleck ist weg, leider ist ob einer kräftigen Dosis HCl auch der Stoff nicht mehr da, sprich, es klafft ein Loch.
Das ist so, wie wenn man eine Krankheit mit einem Medikament angeht, das so viel Nebenwirkungen hat, das der Patient oder die Patientin nach der medikamentösen Therapie viel kränker ist als vorher.
Das ist so, wie wenn man Hornissen aufs Grundstück holt, damit sie die Wespen vertreiben.

Die Sache hat übrigens Tradition. Schon in der Antike kam es vor, dass der Stamm der Vovokier, der mit den Bubukiern im Streit lag, die Mazedonier zu Hilfe rief, während die Bubukier die Perser um Unterstützung baten. Die beiden Grossmächte kamen gerne und fochten auf dem Gebiet der beiden Stämme mit ihren Armeen, schliesslich gewannen die Mazedonier (Alexander, wir erinnern uns) und die Vovokier wurden genauso wie die Bubukier dem grossen alexandrinischen Reich eingegliedert.

Was wird passieren im Mietshaus mit den vielen Stockwerken?
Achmed wird sich nicht mehr an schwulen Nachbarn stören, denn er wird wieder in seiner Heimat wohnen, er wird remigriert sein.
Und Markus und Detlev werden auch mit Achmed keine Probleme mehr haben, auch sie werden dort nicht mehr wohnen, sicher nicht beide, und wenn Detlev doch noch da wohnt, wird der Horst, der Blockwart, genau darauf achten, dass Markus nicht bei ihm übernachtet.

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Passiert leider viel zu oft.

Freitag, 2. Oktober 2026

KI ist doof, weil Erinnerungen so bleiben

Ich sitze an der Konzeption eines Posts über den Deutschunterricht, PISA usw. Dabei fällt mir eine Geschichte aus meiner Schulzeit ein:

Wir hatten eine Klassenarbeit in der 10. Klasse über den Faust I. Das Thema, das ich nahm, hiess «Ist die Szene Nacht die Peripetie des Dramas?» Eine trickreiche Frage, denn der Faust I hat ja (im Gegensatz zum 2. Teil) kein Fünf-Akt-Schema, also muss man erst einmal das Raster quasi über das Drama stülpen, um dann zu schauen, ob jene Szene am Ende des (gedachten) 3. Aktes steht. Trickreich.
Mein Nebensitzer, wir nennen ihn mal Alexis Nikolaopolos (seine Eltern kamen wirklich aus Griechenland), nahm, wie immer, das gleiche Thema, um abschreiben zu können. Nach drei Minuten kam die Frage: «Was ist eine Peripetie?». Meine Antwort: «Alexis, nimm ein anderes Thema.» Worauf der Lehrer uns streng ermahnte, ruhig zu sein, beim nächsten Male gebe es Punktabzug. Der Dialog wiederholte sich noch zweimal, Alexis fragte nach der Peripetie, ich meinte, ein anderes Thema sei angebracht und Herr Beck, unser Deutschlehrer wurde immer genervter. Schliesslich malte ich das ganze klassische 5-Akt-Schema auf ein Blatt und schob es ihm rüber – sein Aufsatz gelang dennoch nicht.

Nette Geschichte.
Sie hat nur einen Haken: Sie kann so nicht stimmen. Die Aufsatzstory muss in der 10. Klasse passiert sein, denn in der 10. Klasse blieb mein Nebensitzer sitzen. Später wechselte ich die Schule und sass nie mehr neben ihm. Faust I und Faust II waren aber – auch wenn wir früher Genies waren – Stoff der 12. und nicht der 10. Klasse. Auch wenn die Szene lebhaft in meiner Erinnerung gespeichert ist, SO kann sie nicht stattgefunden haben.

Vor ein paar Jahren war ich wieder einmal Kiel, zum ersten Mal seit meiner Kindheit, und ich war erstaunt, dass man zum (scheusslichen) Marinedenkmal in Laboe eine halbe Stunde mit dem Schiff fahren muss. In meiner Erinnerung war der Turm DIREKT neben dem Hauptbahnhof gestanden. Nun kann das natürlich nicht sein, ein solches Monument kann man nicht abtragen und kilometerweit entfernt wieder aufbauen, nein, nein, nein, auch hier hatte mein Gedächtnis, meine Erinnerung mir einen Streich gespielt.

Wir können nicht speichern ohne zu verarbeiten.
Diese klare Erkenntnis hat die Hirnforschung vor Jahren schon verkündet. Die Frage ist, warum das so ist.
Warum erzählen dir Augenzeugen nach 5 Jahren total, aber auch wirklich total andere Geschichten?
Warum können sich drei Geschwister nicht einigen, ob die Grossmutter Rosinen in den Kuchen tat oder nicht?
Warum…?
Warum…?
Es scheint ein evolutionärer Vorteil gewesen zu sein. Für den Homo Sapiens war diese Hirnfunktion irgendwann und irgendwo und irgendwie praktisch.

Und nun kommt das Spannende: Der Computer kann das nicht. Die Elektronik kann das nicht. Ihr PC kann das nicht. Die KI kann das nicht.
Eine Datei, die irgendwo abgelegt wurde, ist auch nach 50 Jahren noch genau gleich, ich habe vorhin gerade alte Fotos von Wales 2007 angeschaut, die drei Jungs vor der Kirche stehen noch genau da, wo sie standen.
Wenn das Speichern PLUS wild Verarbeiten aber ein Vorteil war, dann hat die KI da einen entscheidenden Mangel.
Anders gesagt: Wir verarmen, wenn wir uns nur noch auf die elektronische Speicherung verlassen.

Dass Laboe weit von Kieler Innenstadt entfernt liegt, das habe ich inzwischen korrigiert. Wem ich aber den Zettel mit «Das 5-Akt-Schema» hinschob, wer da neben mir sass, oder ob ich Alexis ein ganz anderes Thema erklärte, oder ob die Story ÜBERHAUPT VÖLLIG ANDERS stattgefunden hat, das wird nicht mehr herauszufinden sein. Denn wenn ich Klassenkolleginnen und Klassenkollegen frage, von der ersten oder der zweiten Schule, dann haben die ihre Erinnerungen ja auch verarbeitet…

Es ist hoch spannend.



 

 

Dienstag, 29. September 2026

Theater Köln, Theater Stuttgart und die Opernsprengung

Am 24. September wurde mit grossem Pomp und Gesang und Wagner und rotem Teppich die Kölner Oper wiedereröffnet. Was für ein Fest! Was für ein Anlass! Der Opernchor sang – in bunte Kostüme aus dem Fundus gehüllt – den «Einzug der Gäste» aus dem «Tannhäuser»:

Freudig begrüssen wir die edle Halle,
wo Kunst und Frieden immer nur verweil,
wo lange noch der frohe Ruf erschalle:
Thüringens Fürsten, Landgraf Hermann, Heil!

Schön gesungen, schön gesagt. Aber wäre nicht die Arie der Elisabeth aus dem gleichen Akt, aus dem gleichen Stück und in den gleichen Halle stattfindend, viel passender gewesen?

Dich, teure Halle, grüss' ich wieder,
froh grüss' ich dich, geliebter Raum!
In dir erwachen seine Lieder,
und wecken mich aus düstrem Traum.

Sehr passend! Denn TEUER ist der Bau mit 1500000000 Euro (ich lasse die Strichlein immer bewusst weg, weil es so viel üppiger aussieht, in Worten sind es 1,5 Milliarden) geworden, und vom «düstren Traum» zu singen ist auch schön, denn die Renovation des Hauses war ein Alptraum. Und brauchte 11 Jahre länger als geplant. Verschleppung, mangelnde Kontrolle, keine Bauaufsicht, Mängel, Verwitterung, die man zu spät erkannte und Pfusch, Pfusch, Pfusch, Pfusch.

Aber vergessen! Vergessen! Bei so einem schönen Festakt, bei so viel Wagner und Pomp und Gesang, bei Schnittchen und Sekt, bei rotem Teppich und Scheinwerfern, da vergisst man doch alle Mühe und alle Kosten.

Nun gibt es aber noch mehr Opernhäuser in Deutschland (über 80) und einige stehen zur Renovierung an. Und – ich sagte es schon öfter – es ist toll, dass es da so viel Theater gibt. Was ich im Februar 2012 nach einer Opernpremiere in Trier schrieb, war ironisch gemeint:

Wie ich am Ende meines letzten Posts sagte, hätte der Abend in Trier auch in anderen Städten stattfinden können. Oder anders formuliert: Der Theater-Trier-Reisende kann auch in Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Mainz oder Koblenz aussteigen und eine genauso interessante und schöne Opernvorstellung geniessen. Oder noch einmal anders formuliert: Deutschland hat die grösste Operndichte der Welt.
So weit, so gut. Allerdings wird dieser Satz immer mit einem Unterton gesagt. Einem Unterton, der einen zur Frage bringt: "Kann man da nichts dagegen machen?" Ein verschämter, peinlicher Tonfall, der Tonfall in dem man sagt: "Er hat die Filzläuse." oder in dem man dem Bekannten erklärt, warum man gestern aus dem Beate-Uhse-Shop kam.

Die nächste Renovation, die noch teurer wird, ist die des Grossen Hauses der Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Wie lange sie brauchen wird, steht in den Sternen, denn die Schwaben sind ja inzwischen nicht gerade die Meister im Schnellbauen. Und das ist jetzt euphemistisch ausgedrückt, wenn die Oper so lange braucht wie der Bahnhof, dann gute Nacht.

Vielleicht muss man doch auf den Vorschlag von Pierre Boulez zurückkommen. Der französische Komponist schlug am 25. September 1967 (dass die Kölner Oper am 24. September wieder aufmachte, ist ein lustiger Zufall…) vor, die Opernhäuser in Deutschland zu sprengen.
Also, die Oper in Köln nehmen wir natürlich da raus, das wäre jetzt wirklich doof, das Ding zu sprengen, wenn es gerade für 1,5 Milliarden renoviert wurde.
Aber für Stuttgart…
Da sollten die Verantwortlichen doch einmal prüfen, ob die Idee von Herrn Boulez nicht eine genauere Überlegung verdient.







Freitag, 25. September 2026

Der hektische Mann als Symbol für die Zeit

Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren – wir nennen ihn jetzt mal Ruedi Bitterli – steht immer unter Strom.

Bitterli betritt stets in Liestal meinen Zug, wobei «betritt» ein Euphemismus ist, er stürmt herein, setzt sich dann leicht seufzend auf einen Platz und starrt bis zum Hauenstein-Basistunnel aus dem Fenster. Ich sehe seine schwarzgefärbten Haare in diesem unnatürlich blauen Schimmer leuchten, jenes unnatürliche Schwarzblau, das gefärbte Haare nun mal haben.

Schon im Hauenstein-Basistunnel springt er auf und steht am Ausgang, durch die Glastür sehe ich seine Ohren zucken und seine Augenlider sich 180x pro Minute schliessen (und wieder öffnen). Kurz vor Olten stehe ich dann auch auf und stehe hinter ihm. Sobald der Zug steht, nein, eigentlich bevor der Zug steht, drückt Ruedi hektisch auf dem Öffnungsknopf herum: Dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam… Was natürlich überhaupt nichts bringt.
Aber der werte Herr Bitterli scheint es sehr, sehr, sehr eilig zu haben. Vermutlich muss er einen Anschluss erwischen, der kurz vor sechs Uhr fährt. Nach Solothurn will er nicht, denn der Zug nach Biel fährt um 6.02 und da hat man genügend Zeit. Aber egal, er ist im Stress, toppt aber sein Verhalten noch:

Wenn der Zug steht und die Türe sich öffnet, schiebt der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren sie mit Gewalt zur Seite – also er versucht es. Natürlich geht eine elektrische Tür nicht schneller auf, wenn man schiebt. Nachdem er die Türe «aufgeschoben» hat, zwängt er sich durch den Spalt und rennt davon
…als sei der Leibhaftige hinter ihm her.
…als hätte jemand Hunde auf ihn gehetzt.
…als sei er ein Sprinter im Endspurt.
…als schlösse sich die Tür zum Paradies in 10 Sekunden.

Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren, also Ruedi Bitterli, steht immer unter Strom, aber er ist auch ein wunderbares Symbol für den Umgang mit der Zeit.

Einerseits versucht er, einen Vorgang zu verlangsamen, nämlich den der Haarergrauung, einen Vorgang, der bei allen Menschen ja eintritt und zum Leben dazugehört. Wir alle werden irgendwann grau oder weiss, andererseits versucht er Vorgänge in einer bescheuerten Art zu beschleunigen.

Aber wir müssen uns hier an die eigene Nase fassen und vor der eigenen Türe kehren: Auch uns vergeht die Zeit manchmal viel zu langsam und manchmal viel zu schnell.

Ich schwimme jeden Tag – wie Sie wissen – 500 Meter. Für diesen halben Kilometer brauche ich 17 Minuten. Da ich keine Lust auf Längenzählen habe, und auch gelegentlich, wenn vor mir ein langsamer Mensch oder hinter mir ein schneller Mensch ist, auf die andere Spur wechsle, gehe ich nach der Zeit, also 17 Minuten.
Nun kann es sein (das kommt nicht oft vor), dass ich ein bisschen schlapp bin oder müde oder eventuell auch lustlos, immerhin stehe ich um 4.30 auf, dann vergehen diese 1020 Sekunden sehr, sehr, sehr langsam.
Umgekehrt muss ich alle 3-4 Monate wieder abstoppen, ob die Zeit von 17 Minuten noch stimmt (ich werde ja alt und nicht schneller). Nun geht es den anderen Weg: Ich zähle die Längen, und die Zeit rast, sie rennt, sie ist nicht aufzuhalten.

Sie kennen dieses Phänomen sicher vom Thema «Bus kommt». Wenn Sie einfach warten, dann sind 4 Minuten (240 Sekunden) unendlich lange, Sie haben das Gefühl, Sie könnten in der Zeitspanne, bis der 5er kommt, die ganze Welt retten oder ein 600zeiliges Epos schreiben. Weh aber, weh, weh, wenn Sie am Fahrkartenautomaten, der ja bekanntlich ein Gerät mit Sieben Siegeln ist, in dieser Zeit einen Fahrschein lösen müssen, dann rast die Zeit wie wahnsinnig…

Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren – wir nannten ihn Ruedi Bitterli – steht immer unter Strom. Er hämmert auf den Halteknopf, schiebt die Tür weg und hektikt auf seinen Anschlusszug.
Und ist ein wundervolles Symbol für die Macht des Gottes Chronos.