Freitag, 10. April 2026

Keine Lust, einen Unsinn zu lesen...

Ich bin – wie Sie wissen – ein grosser Fan und Kenner von Heinrich Böll. Ich habe sogar in den ersten Jahren dieser Glosse in den Texten «Deutsche Utopien III / 1-4» die Bölltexte «Deutsche Utopien I» und «Deutsche Utopien II» weitergeführt und seinen Stil nachgeahmt.
Ein Bekannter schickte mir nun neulich einen Artikel über Böll und seine Texte und Theorien, der sich – so mein Bekannter – angenehm vom literaturwissenschaftlichen Mainstream unterscheidet. Fazit dieses vierseitigen Pamphletes sei, ganz kurz gesagt: Heinrich Böll würde heutzutage AfD wählen.
Ich werde diesen Text nicht lesen.

Ein anderer Bekannter schickt mir ein Video, in dem ein Berliner Allgemeinmediziner den (wahrscheinlich verblüfften) Zuschauerinnen und Zuschauern erklärt, warum das HIV nicht existiert. (Bitte nicht HIV-Virus, wie viele sagen, das ist wieder so ein Pleonasmus, wir hatten es neulich davon…) Nach Aussage von Dr. XY sterben die ganzen Schwulen an Poppers und nicht am Erreger. Und er ist stolz darauf, mehrere Homosexuelle NICHT zum Test geschickt zu haben – trotz schon sich anbahnender Kaposi-Flecken.
Ich werde dieses Video nicht angucken.

Eine Bekannte schickt mir dann noch einen Link, einen Link zu einer Seite, aus der minutiös aufgelistet ist, welche Videos ARD und ZDF in letzter Zeit so geschnitten haben, dass die Themen falsch und tendenziös dargestellt wurden, Videos zu den Themen Corona, Ukraine, Klima usw. So hatte jemand zum Beispiel gefilmt, dass die angeblichen Coronapatienten gar nicht an die Geräte angeschlossen waren.
Ich werde den Link nicht anklicken.

Warum werde ich den Text über Böll nicht lesen?
Warum werde ich das Video nicht anschauen?
Warum werde ich auf den Link nicht klicken?
Soll man nicht sich mit allem auseinandersetzen, auch andere Perspektiven kennenlernen, sich überall informieren?
Soll man nicht…?

Ich stosse auf ein wunderbares Zitat der Feministin Judith Jannberg (in «Ich bin Ich»), in dem sie erklärt, warum sie sich auf keine Diskussionen mit Total-Machos einlässt. Sie schreibt dort:

Ich habe keine Lust.

Ich finde das wundervoll. Und so kann ich das auch sagen.
Ich habe keine Lust, irgendwo zu lesen, dass Heinrich Böll heutzutage auf gemeinsamen Podien mit Alice Seidel stünde.
Ich habe keine Lust, einem Doktor zuzuschauen, der eigentlich wegen Behandlungfehler und unterlassener Hilfeleistung ins Kittchen gehört.
Ich habe keine Lust, irgendwelche Links zu klicken, die mir das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen rauben und umgekehrt Vertrauen in die «Unabhängigen» schenken soll, unabhängige Medien, in denen irgendwelche Heinis in ihrem Wohnzimmer sitzen und von anderen Wohnzimmern «Experten» zuschalten, die dann mit einer Wir-wissen-ja-alle-besser-Bescheid-Miene die Weltlage analysieren.

Ich habe keine Lust.

Dazukommt, dass die Algorithmen, wenn man irgendwo einen Quatsch online anguckt, einen mit Schwachsinn bombardieren. Auf einmal bekommt man bei YouTube Sellner-Videos angeboten, und hofft, dass der Verfassungsschutz nicht mitschaut. (Martin Sellner ist der österreichische Neonazi, der die Remigration predigt.)

Ich habe keine Lust mehr auf so Sachen.
Meine Zeit ist mir zu schade.
Und wenn mir jetzt viele Leute vorwerfen, ich sei engstirnig und festgefahren, gut, dann bin ich halt engstirnig und festgefahren. Wenn es ein Zeichen für einen eingeschränkten Horizont ist, sich mit der Frage, ob «Het Achterhuis» echt ist oder nicht, einfach nicht auseinandersetzen zu wollen, dann habe ich gerne einen eingeschränkten Horizont.

Ich habe auf gewisse Dinge keine Lust mehr.






Dienstag, 7. April 2026

Neue Hallenbäder!

Nachdem ich lange meiner Schwimmbad-Kollektion nichts hinzugefügt habe, konnte ich in den letzten Monaten doch wieder einiges auf meine Liste dazuschreiben:

Hallenschwimmbad Wrocław
Hallenbad Poznań
Hallenbad Grenzach-Wyhlen
Hallenbad Maulburg
Sole Uno Rheinfelden
Hallenbad Falkenstein Balsthal
Hallenbad Brühl Mümliswil-Ramliswil

Die beiden ersten habe ich auf meiner Tournee mit der Knabenkantorei kennengelernt. Ich berichtete schon im Herbst:

Dann aber Wroclaw! Ein absolut sehenswertes Hallenbad vom Beginn des 20. Jahrhunderts, herrlich anzuschauen und zu beschwimmen, geöffnet 5.30 bis 0.00, und das jeden Tag. Jedes Bad bei uns könnte sich hier zehn Scheiben abschneiden. Das Bad ist in 5 Minuten vom Hotel aus zu erreichen, ich bin um 6.30 dort, einziger Wermutstropfen: Ich benötige eine Badekappe, die ich da für 10 Złoty erwerbe…
Schwieriger wird es in Poznań: Das Hallenbad ist zu weit weg zum Laufen und es ist sehr kompliziert, mit dem ÖV zu fahren. Also doch Uber…
Im Hallenbad ziehe ich brav meine Badekappe an – und stelle fest, dass ich der einzige Schwimmer mit Kappe bin. Es ist also anscheinend keine nationale Regel…

Die beiden nächsten liegen über der Grenze, am Hochrhein bzw. im Wiesental, und es ist erstaunlich, dass ich noch nie dort war. Dabei sind die Orte perfekt zu erreichen. Der eine mit einer Buslinie, der Linie 38, im 15 Minuten-Takt, der andere alle halbe Stunde mit der S-Bahn ab Bahnhof SBB.
Das ist aber nun ein wenig typisch, wenn man in Basel wohnt: Das Ausland ist so nah, aber irgendwie kommt man nicht auf die Idee, dort mal hinzugehen oder hinzufahren. Ich war mit meinen Basler Sängern schon in zwei Tropfsteinhöhlen, in der Slowakei und in Slowenien (wirklich, das ist jetzt kein blödes Wortspiel), und ich war immer wieder überrascht, dass die Guten die Tropfsteinhöhle, die nur ein paar Kilometer von Basel entfernt liegt, nicht kennen. Gut, mit der slowenischen, die gefühlt 1000x grösser ist als die Erdmannshöhle, kann man die Wiesentäler Höhle nicht vergleichen, aber dennoch: Sie wäre sehr nahe. Und genauso ist es mit den Schwimmbädern, weil man als Basler nur im Basler Umfeld denkt, kennt man so Dinge wie ein Grenzwächter Hallenbad nicht.

Erstaunlich ist aber auch, dass ich das Sole Uno noch nicht kannte. Dafür gibt es nun keine Erklärung, denn ich weiss, dass ganz viele meiner Bekannten dort hingehen. Aber es fällt natürlich aus der Reihe, denn es ist ein Wellnessbad, ein Bad zum Liegen, zum Aalen, zum Besprudelt-Werden, zum Wohlfühlen, nicht zum sportlichen Schwimmen.

Echte Neuentdeckungen sind die Bäder in Balsthal und Mümliswil. Diese liegen im Kanton Solothurn und Solothurn bietet hinsichtlich Hallenbädern Erstaunliches: Im Hauptort und im grössten Ort, in Solothurn und in Olten, gibt es praktisch keine Schwimmmöglichkeit. Die Bäder dort haben solche Öffnungszeiten, dass man diese sich gar nicht merken will:
Montag geschlossen
Dienstag 18.30 – 19.00
Mittwoch 7.00 – 9.00
usw.
Die Solothurner gehen nach Zuchwil, das ist praktisch ein Vorort und hat ein riesiges Sportzentrum, aber es ist eben doch eine eigene Gemeinde.
Und nun leisten sich diese winzigen Orte im Bezirk Thal (und nur wenige Kilometer von einander entfernt!) eigene Hallenbäder. Ich finde das schön. Und die Bäder? Natürlich nicht spektakulär, aber schön zum Schwimmen, sauber, ordentlich, und man hat das witzige Gefühl, dass man der Einzige ist, der die Bademeisterin siezt. Was auch stimmt.

Nachdem ich lange meiner Schwimmbad-Kollektion nichts hinzugefügt habe, konnte ich in den letzten Monaten doch wieder einiges auf meine Liste dazuschreiben:
Und ich hoffe, dass 2026 noch einige Bäder dazukommen.




   


Freitag, 3. April 2026

Ist "völkerrechtswidriger Krieg" ein Pleonasmus?

Neulich fragte mich ein Freund per E-Mail, ob es «Koifisch» oder «Koikarpfen» oder «Koikarpfenfisch» heisse. Ich war ob dieser Ladung an Pleonasmen so erschlagen, dass ich – die beiden einfachen und den doppelten mit einem dreifachen überbietend – zurückschrieb, er könne ja «online im Internet nachgoogeln». Leider verstand der Freund meine Ironie nicht.

Wir sind ständig mit Pleonasmen konfrontiert. Ob das die «Tsunami-Welle» oder die «DIN-Norm» ist, ob das «Rückantworten» oder «Zukunftsprognosen» sind oder ob es sich um «PIN-Nummer» oder «Aussenfassade» handelt.
Ich lasse jetzt einmal den Fall weg, in dem der Pleonasmus ein Stilmittel ist
Die helle Sonne
Bringt den lichten Tag,
Die dunkle Nacht
Uns nicht mehr schrecken mag.
Und sage: Ständig wird etwas zu viel gesagt.

Um herauszufinden, ob ein Begriff pleonastisch ist, kann man sich verschiedene Fragen stellen:
Steckt das hintere Wort im vorderen schon drin? Das ist der Fall bei der D(eutsche)I(ndustrie)N(orm)-Norm der Fall, ebenso bei P(ersonal)I(dentification)N(umber)-Nummer.
Ist das eine ein Überbegriff? Jeder Koi ist ein Karpfen und jeder Karpfen ein Fisch, jeder Tsunami ist eine Welle.

Schwieriger ist es bei der Kombination Adjektiv + Nomen. Hier muss man immer fragen, ob es auch anders ginge. «Nasses Wasser» – gibt es auch trockenes? Wohl kaum, ich jedenfalls war als Immerschwimmer noch nie in einem trockenem Wasser. «Weisse Milch» – gibt es auch schwarze? Seit Celan natürlich schon:
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

«Teure Diamanten» – gibt es auch billige? Ja, hier ist natürlich der Begriff «billig» heikel, denn für einen Milliardär ist etwas anderes teuer als für einen Sozialhilfeempfänger, aber Industriediamanten könnten sich auch Leute mit kleinerem Geldbeutel leisten.

Ein immer wieder auftretender Pleonasmus (oder Nicht-Pleonasmus) ist der «völkerrechtswidrige Krieg».
Ist das nicht doppelt gemoppelt? Oder doch nicht? Wenn es Kriege gibt, die gegen das Völkerrecht stehen und es nicht pleonastisch ist, muss es ja den «völkerrechtskonformen Krieg» geben.

Als Pazifist der Alten Schule sage ich natürlich: Nein, Quatsch und Unsinn, jeder Krieg ist gegen das Völkerrecht. Aber ein Blick ins Internet belehrt mich eines Besseren, es gibt den «völkerrechtskonformen Krieg», wobei hier immer nur eine Seite «völkerrechtskonform» handeln kann, nämlich wenn sie angegriffen wird und sich verteidigt, oder wenn ein UN-Mandat vorliegt.

Bei einem «völkerrechtskonformen Krieg» muss man sich anständig verhalten und so und keine Gefangenen misshandeln und so und Zivilisten dürfen nicht zu Schaden kommen. Aber genau hier liegt das Problem: Das mit der Anständigkeit funktioniert meistens nicht. Ich sage nur Kollateralschaden und so.

Wir müssten also – so glaube ich – noch eine neue Kategorie der Pleonasmen einführen, nämlich den De-Facto-Pleonasmus. De-Facto-Pleonasmus bedeutet: Es ist eigentlich keiner, es ginge auch anders, nur kommt das in Wirklichkeit nie vor.
De-Facto-Pleonasmen sind:
ein wenig gemogelte Steuererklärung
gelifteter Filmstar
gewaltbereiter Fussballfan
alkoholtrinkender Künstler

und eben der «völkerrechtswidrige Krieg»

So viel für heute.
Ich bin immer mit heiterer Freude erfüllt, wenn ich weiss, dass viele die zweimal in der Woche erscheinende Dienstag-Freitag-Glosse online im Internet lesen.









 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 31. März 2026

Orlando von Alliz - ein Hansdampf in allen Gassen

Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles kann – und alles macht. Nein, das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles macht, ob er es kann, muss jeweils neu entschieden werden.

Zunächst ist Orlando ein Sänger, eigentlich ein Tenor aus dem Spiel- und Lyrikfach, er hat aber gar keine und überhaupt keine Probleme damit, auch mal ins dramatische Fach zu wechseln, oder auch mal im Baritonwald zu wildern. Einen Siegfried und einen Parsifal hat er uns bisher erspart, aber wer weiss? Gut, er hat offiziell gerade mit Singen aufgehört, aber bei von Alliz weiss man nie, vielleicht präsentiert er sich zu seinem 90. Geburtstag doch als Walther von Stolzing…

Dann ist er aber nun vor allem Kulturmanager und Kulturbotschafter, leitet Haydn-Wochen und Beethoven-Festivals, und er lässt es sich nicht nehmen, bei den Eröffnungskonzerten wortgewandt und wortreich durch das Programm zu führen. Nein, das ist jetzt auch wieder nicht ganz richtig, denn «wortgewandt» ist das ja nicht wirklich, «wortreich» aber ist es auf jeden Fall. Orlando von Alliz bewirft uns mit Superlativen, als ob er Reklame für Seife oder Werbung für Parfum machte, da sitzt dann immer das BESTE Orchester, geleitet vom FACHKUNDIGSTEN Dirigenten, und dazu kommt die TOLLSTE Sängerin und sie präsentieren die SCHÖNSTE Arie vom HERRLICHSTEN Komponisten, und das alles in einem Tonfall geredet, als ob er den Zirkusdirektor in der «Verkauften Braut» darstellen würde, er steht aber eigentlich gerade NICHT im Theater.

Apropos Theater: Jetzt führt Orlando von Alliz auch noch Regie, aber nicht – wie man ja von einem Musiker erwarten würde – so, dass man in die Partitur schaut und in die Musik hineinhört, nein, da wird eine Zauberflöte in eine Eishalle gelegt (mit echten Eisläuferinnen und Eisläufern) und ein Figaro in einen Karate-Wettbewerb (mit ständigem Handkantenschlag), das hat zwar nichts mit der Oper zu tun, ist aber wahnsinnig witzig.

Wir können also gut sagen: Orlando von Alliz ist ein Hansdampf in allen Gassen.

Was ist ein «Hansdampf in allen Gassen» ?
Wikipedia schreibt dazu:
Als Hansdampf in allen Gassen wird umgangssprachlich ein aktiver, vielseitiger und umtriebiger Mensch bezeichnet, ein Tausendsassa bzw. ein Generalist. Der Ausdruck Hans Dampf in allen Gassen geht auf die gleichbedeutende Wendung Hans in allen Gassen zurück. Die Wendung stammt vom Kuchen, der am Johannistag nach dem Abbacken in der Lohnbäckerei dampfend nach Hause getragen wurde.
Spannend, nicht? Wusste ich auch nicht, und da die «Meistersinger» am Johannistag spielen, wäre das mit dem Walther gar nicht so weit hergeholt.

Die Frage ist, ob wir Hansdampfs in allen Gassen brauchen. Wären in dieser Welt nicht Menschen nötig, die ohne Dampf in wenigen Gassen unterwegs sind, also Leute, die ganz ruhig die Dinge angehen, wenige Dinge, von denen sie aber Ahnung haben?

Warren Buffet und Charlie Munger, die beiden US-Finanztypen, haben dem «Hansdampf in allen Gassen» ein ganz anderes Konzept entgegengesetzt, den «Circle of Compentence». Der «Circle of Compentence» ist der Kreis der Dinge, die ich weiss, die ich kann, in denen ich kompetent bin. Dabei ist es völlig unerheblich – so Buffet und Munger – wie gross dieser Kreis ist, entscheidend ist, dass ich weiss, wo die Grenze, die Linie dieses Kreises verläuft.

Ein Mensch, der sich im Kompetenzkreis bewegt, wird allerdings weniger wahrgenommen als ein Hansdampf in allen Gassen, das ist logisch, wer nur – um im Bilde zu bleiben – in einer Gasse bleibt, weil er dort hingehört, den sehen halt nur die Bewohner dieser Gasse. Einen Hansdampf kennen alle…
Dennoch: Mehr kompetente Menschen wären toll.

Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles kann – und alles macht. Nein, das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, Orlando von Alliz ist ein Künstler, der alles macht, ob er es kann, muss jeweils neu entschieden werden.
Der Himmel bewahre uns vor den Romanen, die er noch schreiben und den Bildern, die er noch malen könnte.

























 

 

 

  

 

 

Freitag, 27. März 2026

Die FDP-Abschiedsparty

Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Und seine Stimme auch. Während er vor 20 Jahren noch aussuchen konnte, ob er den Tristan in München oder Berlin singt (die Premieren überschnitten sich), konnte er vor 5 Jahren froh sein, wenn Kiel oder Trier ihn für einen Lohengrin B-Besetzung fragten, und dieses Jahr sind die Angebote, die ihm sein Agent übermittelt, katastrophal:
Dritter Gefährte des Seneca in Augsburg
Parpignol in St. Gallen
Friseur Hyppolyte in Pforzheim
(für die Nicht-ganz-Opern-Firmen: Das ist «L`incoronatione di Poppea», «Bohème» und «Rosenkavalier»
Aber er wird eines annehmen.

Sein Kollege Ivan Tschedrinek hat es anders gemacht: Als er merkte, dass sein Siegfried nicht mehr ewig geht, beschloss er seine Karriere mit einem fulminanten Ring an der Hamburgischen Staatsoper. 20 Minuten Standing Ovations, danach Party ohne Ende – heute lebt er vom Kurse geben.
Man muss auch aufhören können.

Wenn ich an die Herren Tenöre denke, dann kommt mir die FDP in den Sinn. Die Freien Demokraten stellten den ersten Bundespräsidenten. Sie waren jahrelang in Regierung, und ein FDP-Schwergewicht (und das meine ich jetzt ganz wörtlich) hat die deutsche Einheit gemanagt. Die Liberalen waren aus dem Bundestag nicht wegzudenken.
Und nun?
Und nun?

Ich denke, es ist an der Zeit aufzuhören, und zwar bevor man aus der LETZTEN Regierung und aus dem LETZTEN Landtag geflogen ist. Bevor man stolz sagt: «Aber in Winsen an der Aller sind wir im Gemeinderat», bevor man verkündet: «In Vogtsburg (Kaiserstuhl) stellen wir den Bürgermeister», bevor dann auch auf der Gemeindeebene tote Hose ist.
Nein.
Wir timen die Auflösung der FDP auf den 30. Mai und machen eine grosse Fete.

Der 30. Mai ist ein guter Tag, nicht deshalb, weil es einmal einen Karnevalsschlager «Am 30. Mai ist der Weltuntergang» gab, sondern weil da das Hambacher Fest war, sozusagen die Anfänge der Liberalität – und das Ende dann eben auch dann.

Es wird zunächst ein vielfältiges Kulturprogramm geben. Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Auftragskomposition «Das Ende», die Zeilen aus einem Hesse-Gedicht vertont:
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Das Hauptthema nimmt die Buchstaben A – D – E – F – D – (P) als schöne Mollmelodie. (Wer es kann, singt das jetzt mal, es klingt wirklich schön.)

Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt der Chansonette Margot Agnastrazi – Sie ahnen, wer sich dahinter verbirgt: Agnes Strack-Zimmermann trägt Brecht-Songs vor, viel Dreigroschen, und hier natürlich ihr Lieblingslied, der Kanonen-Song:
Soldaten wohnen
Auf den Kanonen
Von Cap bis Couch Behar.

Dann wird getanzt, und wer jetzt meint, Politiker seien keine guten Tänzer, der soll sich erst einmal die Videos vom Bundeskanzler anschauen, da können die Liberalen absolut mithalten.

Und später gibt es Alkohol – das erste Mal seit Jahren (und auch das letzte Mal), dass die FDP mit irgendetwas über 20% zu tun hat.

Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Aber er hat jetzt ein grosses, tolles und auch für ihn letztes Engagement. Er singt als Ausklang der grossen FDP-Party
«Time to Say Goodbye»

Dienstag, 24. März 2026

Schlafen vor dem Fernseher

 
Liebe Leserin, lieber Leser

Ich habe neulich im Post «Olympia nervt» folgenden Passus abgeliefert:

Wir schauen stets und jeden Tag um 19.00 heute, dies aber auf 3sat und danach die «Kulturzeit». Dann gibt es Essen, Aufräumen, Packen für den nächsten Morgen, ein paar Mails schreiben und um 21.45 gibt das «heute Journal» (oft mit unserem absoluten Liebling, Gundula Gause – allein der Name ist ja schon göttlich). Um 22.30 liege ich im Bett, denn ich stehe um 4.30 auf.

Ich müsste das Ganze ein wenig relativieren. Es sieht eher so aus:

Wir schauen stets und jeden Tag um 19.00 heute
(wenn ich nicht einschlafe),
dies aber auf 3sat und danach die «Kulturzeit»
(wenn ich nicht einschlafe).
Dann gibt es Essen, Aufräumen, Packen für den nächsten Morgen, ein paar Mails schreiben und um 21.45 gibt das «heute Journal»
(wenn ich nicht einschlafe),
oft mit unserem absoluten Liebling, Gundula Gause – allein der Name ist ja schon göttlich. Um 22.30 liege ich im Bett, denn ich stehe um 4.30 auf.

Ich schlafe vor dem Fernseher ein.
Das halte ich für das Spiessigste und Bünzlihafteste, das es gibt, vor dem Fernseher einzunicken gehört für mich in eine Reihe mit Häkeldeckchen, Klorollen-Umhüllungen, in eine Reihe mit Volksmusik hören und Pilcher lesen, es gehört in eine Kategorie mit Quelle-Katalog und Feinripp, aber dennoch muss ich zugeben: Ich schlafe vor dem Fernseher ein.
Dass ich damit in grosser Gesellschaft bin, ist ein schwacher Trost.

Wenn man «vor dem Fernseher schlafen» googelt, dann erhält man sofort eine Reihe von Gesundheitshinweisen, diese Angewohnheit scheint extrem gefährlich zu sein. Laut mehreren Seiten bewirken regelmässige 15 Minuten Schlaf vor dem TV
Bluthochdruck
Diabetes
Rheuma, Arthrose und Gicht
Mangel an Vitamin A, B, C, D, T, X und Z
Übergewicht
Erhöhung des Krebsrisikos
Zahnschmerzen und Paradentose
Fogumentisis (was auch immer das sein soll)
u. v. a.
Regelmässiger Fernsehschlaf verkürzt das Leben angeblich im gleichen Masse wie Nikotin und Alkohol.

Ich könnte nun verstehen, dass es sehr ungesund ist, vor dem Fernseher zu schlafen und dann später nicht mehr – das ist bei mir aber nicht der Fall, ich gehe ins Bett und schlafe weiter, und anderen geht es genauso. Ich glaube auch das mit der Lebensverkürzung nicht – eine Viertelstunde Fernsehschläfchen bewirkt die gleichen Dinge wie ein Päckchen Camel am Tag und / oder eine Flasche Wein? Unmöglich.
Dazu kommt, dass keine der Gesundheitsseiten eine Therapie oder Abhilfe anbietet.

Nein.
Mich schreckt nicht das Gesundheitsrisiko, ich finde das Schlafen vor dem Fernseher einfach spiessig. Einfach biedermännisch. In einer Reihe mit Häkeldeckchen, Klorollen-Umhüllungen, in eine Reihe mit Volksmusik hören und Pilcher lesen, es gehört in eine Kategorie mit Quelle-Katalog und Feinripp, in die gleiche Schiene wie Kaffeefahrten, Brillen, die mit Ketten um den Hals hängen und gedrechselte Haushaltspapier-Abroller.
Aber ich kann nichts machen. Dabei spielen übrigens auch Qualität und Wert der Sendungen keine Rolle – ich kann bei einem Beitrag über Heinrich Böll genauso einpennen wie während eines Interviews mit Herrn Nagelsmann.

Ein Freund berichtet mir, dass die Health-Sendung «PULS» auf SRF 1 sich vor einem Jahr des Themas angenommen und ein 3stündiges Special gesendet habe.

Leider wüsste er nicht mehr alles.

Er ist bei der Ausstrahlung eingeschlafen.

Freitag, 20. März 2026

Cem Özdemir hält Amtsteilung für "Quatsch"

Wir müssen ein paar klare Wahrheiten hier noch einmal sagen:
Es gibt nur ein Universum.
Es gibt nur einen Gott.
Es gibt nur einen Papst.
Es gibt nur ein’n Rudi Völler (es gibt nur ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler, ein’n Rudi Völler)
Und es gibt nur einen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.

Nach der arschknappen (s.v.v.) Wahl und angesichts der Tatsachen, dass CDU und die Grünen im Landtag gleich viele Sitze haben und sowieso eine Koalition bilden werden, kam die Idee auf, die Macht irgendwie zu teilen. Also irgendwie so etwas wie Rotation oder Doppelspitze.

Kommentar von Cem Özdemir:
«Bevor jetzt die Frage kommt: Wir werden vermutlich auch keine Doppelspitze einführen beim Amt des Ministerpräsidenten, das könnte ja auch ein Vorschlag sein. Das ist alles nicht meins. Wir sind erwachsen hier. Wir machen erwachsene Politik. Die Situation ist einfach zu ernst für Quatsch aller Art.»

Was Cem hier von sich gibt, ist sehr, sehr spannend.
Wir haben ja im vorletzten Post uns mit der Frage auseinandergesetzt, ob er überhaupt ein Grüner ist. Und auch hier muss man ihn als Nichtgrün-Grünen sehen, als Wolf im Schafspelz oder Schaf im Wolfspelz, als Schafswolf/Wolfsschaf, denn die Idee von solchen Teambildungen und Amtsteilungen kommt ja eher von grüner Seite. Waren es nicht die Grünen, die solch Zeug wie Doppelspitze und Rotation und Ämtertrennung eingeführt haben?
 

Auch historisch gibt es übrigens Beispiele für solchen «Quatsch».
In Rom galt bei den Konsuln die Prinzipien der Kollegialität und Annuität, das heisst, es waren immer zwei und sie waren auch nur ein Jahr im Amt – um Missbrauch aller Art zu unterbinden. Kollegialität und Annuität, mein verehrter Lateinlehrer Prof. (inzwischen) Dr. Werner Stegmaier hätte diese beiden Begriffe (er war bekannt für kühne Übersetzungen) sicher mit Doppelspitze und Rotation übersetzt, wenn es diese Begriffe damals schon gegeben hätte.

«Wir sind erwachsen».
Gut, vielleicht ist das das Problem? Vielleicht würden Kinder anders damit umgehen? Ich glaube, Kindern könnte man vermitteln, dass man in einer solchen Situation teilen muss: «Guckt mal, ihr seid jetzt beide genau gleich auf, jetzt teilt ihr den Preis.» Wie heisst es so schön?
Gebt den Kindern das Kommando
Sie berechnen nicht
Was sie tun,
Die Welt gehört in Kinderhände
Dem Trübsinn ein Ende
Wir werden in Grund und Boden gelacht
Kinder an die Macht.
Aber Cem ist ja erwachsen.

Und dann ist ja noch die Geschichte mit der Brezel. Özdemir ist ja aus Bad Urach, der Heimat der Brezel. Und was symbolisiert die Brezel? Doch gerade ein Verschlingen und Ausgleichen, da liegt das, was oben und unten wäre (wenn man die Laugenstange hochkant hält), oder was links und rechts wäre (wenn man sie quer hält), verschlungen nebeneinander. Die Brezel – die Cem ja zu seinem Emblem erkoren hat, Wahlhelfer liessen sich Brezel-Tattoos machen, echt wahr – steht also für das genaue Gegenteil von dem, was Cem sagt. Brezel steht für Rotation und Doppelspitze.

Aber alles umsonst. Cem Özdemir will Ministerpräsident werden, und er wird das durchfechten, denn durch seine 0,5% mehr ist er der Wahlsieger, und dem steht die Regierungsbildung zu.

Wir müssen ein paar klare Wahrheiten hier noch einmal sagen:
Es gibt nur ein Universum.
Es gibt nur einen Gott.
Es gibt nur einen Papst.
Es gibt nur ein’n Rudi Völler (es gibt nur ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler, ein’n Rudi Völler)
Und es gibt nur einen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.