Dienstag, 28. Juli 2026

Juli-Reise 2026 (1): Von neuen und nicht neuen Dingen

Ja, wir haben wieder eine Reise unternommen. Und wie jeden Sommer gibt es kleine Impressionen und nette Begebenheiten aus unseren Stationen: Stuttgart, Regensburg, Brno und Linz. Stuttgart wird hier eher am Rande gestreift, weil schon öfters erwähnt (nicht nur im Zusammenhang mit 21), aber auch bei den anderen Städten entnehmen Sie bitte touristische Informationen den gängigen Quellen, es geht hier wirklich um kleine Häppchen aus den 12 Urlaubstagen.

Die Wirtin reinigt den Gast

Wenn wir in Stuttgart sind und wenn es passt, dann sind wir zum Essen in der «Trattoria da Peppe» in Stuttgart-Botnang. Der Namensgeber Giuseppe eröffnete in den 70ern das Restaurant im Nebenhaus in der Libanonstrasse, er verstarb viel zu früh und sein Neffe Michele führt das (hervorragende) Lokal in Botnang weiter, und wenn wir in Stuttgart sind, dann gehört ein Besuch bei «Da Peppe» einfach dazu. Dieses Mal gibt es als Vorspeise Orangensalat mit Crevetten und als Hauptgang Penne mit Safransauce. Und dieser Safran erweist sich als leicht tückisch, denn kleckernd vom letzten Löffel hinterlässt er bei meinem Mann einen Fleck in der klassischen Safranfarbe: Safrangelb. Die Reinigungsbemühungen werden von Angela, der Frau von Michele, Wirtin und guter Seele des Ladens beobachtet. Sie erscheint mit Wasser, Seife, Lappen und säubert meinem Mann das Shirt. Wir haben viel erlebt, aber dass die Chefin den Gast säubert, das gab es noch nie.

Der Besuch der Eidechse

Das Thema «Man soll jeden Tag etwas Neues erleben» setzt sich am nächsten Tag fort. Wie ein Besuch bei Peppe gehört auch ein Besuch im Mineralbad Leuze zum festen Stuttgart-Programm. Ich habe es vielleicht schon erwähnt, aber in meiner Heimatstadt hat man es mit den Bädern wie mit den Fussballvereinen, man ist für die Kickers oder für den VfB, man geht ins Leuze oder ins Mineralbad Berg, niemals ins andere. Aber das wollte ich gar nicht erzählen, was so lustig war, war, dass ich beim Sonnenbaden von einer kleinen Eidechse besucht wurde. Ich hätte das gar nicht bemerkt, wenn ich nicht auf einem weissen Handtuch gelegen hätte. Aber so sass das sicher nur 5 cm Länge Wesen eine Weile neben mir, bis es bei der ersten Bewegung meinerseits wieder enthuschte. Meine Bemühungen, es zu verfolgen und den Kontakt weiterzupflegen waren natürlich ob seiner Tarnung im Grase erfolglos. Jedenfalls war mir das auch noch nie passiert.

Radler in Regensburg

Am Mittwoch ging es über Ulm und Ingolstadt nach Regensburg. (Übrigens alles mit Regionalzügen und dem Deutschlandticket, aber das nur nebenbei.) Endlich im Hotel angekommen, wünschte sich mein Mann ein Radler. Das tut er manchmal, aber nur auf Reisen. Ich selbst halte eigentlich Bierpanschen für ein Verbrechen. Aber irgendwie liess ich mich überreden und so sassen wir nach dem Einchecken und Auspacken auf der Hotelterrasse und tranken alkoholfreie Radler. Da das SORAT Insel Hotel (wie schon der Name sagt…) sich auf der Insel zwischen den beiden Donauarmen befindet, hat man von der Terrasse aus einen wirklich spektakulären Blick auf die Steinerne Brücke, den Dom und die Altstadt – und natürlich die Donau. Und weil das so spektakulär war, wurde das «Radler um Fünf mit Blick» für ein paar Tage Tradition. Und reihte sich in die Gruppe der neuen Erfahrungen ein.
By the way: Für die Schweizer Leser, die das doch nicht wissen sollten: Ein Radler ist ein Panaché.

Die Story von der Brücke ist jetzt nicht neu

Die letzte Chose für heute ist nun der Kontrast zu allem Vorangehenden und kann mit «Immer wieder das Gleiche» übertitelt werden. Die berühmte Steinerne Brücke in Regensburg (Weltkulturerbe!) hat nämlich eine Geschichte und die geht in aller Kürze so: Der Baumeister habe – so die Sage – wegen einer Wette mit dem Münsterbauer den Teufel hinzugezogen, habe aber dann statt der geforderten Menschen für den Satan Tiere über die Brücke getrieben, dieser habe dann das Bauwerk zerstören wollen, was aber nicht gegangen sei, er selbst habe es zu fest gebaut gehabt.
Die gleiche Story wird – in Variation – in der Schweiz erzählt, es ist die Sage von der «Teufelsbrücke», die sich im Uri über die Schöllenschlucht am Gotthard spannt. Anscheinend hatten Menschen in allen Zeiten das Bedürfnis, den Teufel auszutricksen, sich seiner zu bedienen und dann die Zahlung zu verweigern. So gleichen sich die Erzählungen.

So viel für heute.
Am Freitag mehr.

Freitag, 24. Juli 2026

Die AfD und die Gretchenfrage ("Wie hast du es mit der Demokratie?")

Sie haben sicher schon oft von der «Gretchenfrage» gehört, in vielen Kommentaren, Texten, Kolumnen, in vielen Äusserungen, in vielen Interviews, in vielen Berichten und Reportagen wird ja dieser Begriff immer wieder gesagt und geschrieben. Und Sie wissen als gebildeter Mensch natürlich, dass hier nicht die Gretel aus dem Märchen gemeint ist, also nicht Hänsel gefragt wird, aber wissen Sie wirklich, wie die originale «Gretchenfrage» wörtlich lautet? Hier ist sie:

Margarete:
Versprich mir, Heinrich!
Faust:
Was ich kann!
Margarete:
Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.

Faust windet sich nun ein wenig, er redet herum und sich heraus und hebt zu einer langen philosophisch-pantheistischen-allgemeinreligiösen Erklärung an, die aber Gretchen nicht wirklich beeindruckt, sie bringt es dann genau auf den Punkt:

Margarete:
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.
Faust:
Liebs Kind!
Margarete:
Es tut mir lange schon weh,
Dass ich dich in der Gesellschaft seh.
Faust:
Wieso?
Margarete:
Der Mensch, den du da bei dir hast,
Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst;
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht.

Gretchens Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich an die nächsten Wahlen in Deutschland denke. «Wie hast du’s mit der Demokratie?», das ist doch die entscheidende Sache, die Gretchenfrage, und da kann man eben auch sehr lange um den heissen Brei herumreden, man kann philosophieren und deklamieren, man kann sogar alles umdrehen und behaupten, dass die Corona-Massnahmen und die ökologischen Bedingungen die Diktatur zeigen und dass die AfD die Demokratie zurückbringt, man kann dann auch unter dem Stichwort MEINUNGSFREIHEIT irgendwann alles erlauben, Schwulenhetze und Ausländerfeindlichkeit usw.

«Wie hast du’s mit der Demokratie?»
Wir müssen es aber – wie Gretchen – auf den Punkt bringen: «Die Menschen, die ihr da bei euch habt, sind uns in tiefer innrer Seele verhasst.» Es geht also nicht um die Parteimitglieder, sondern um die, die mitlaufen, mitschreien, den «Dunstkreis», das «Umfeld», die Holocaustleugner, die in der gleichen Buchreihe wie ein AfD-Politiker verlegt werden, und viele andere.
Die Jungs und Mädels, die ihre Videos mit «Ausländer raus»-Gesängen in den Sozialen Medien sind nicht in der Partei, nicht einmal in der Jugendorganisation, aber sie sind Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen, Nichten und Neffen, eng genug, dass man sich auf sie verlassen kann, weit genug, dass man sich von ihnen distanziert.

Sie haben sicher schon oft von der «Gretchenfrage» gehört, in vielen Kommentaren, Texten, Kolumnen, in vielen Äusserungen, in vielen Interviews, in vielen Berichten und Reportagen wird ja dieser Begriff immer wieder gesagt und geschrieben.

Und jetzt ist die Gretchenfrage wieder topaktuell, und sie fragt nach der Demokratie – und bitte, lieber Rechten, seid ehrlich: Schwafelt nicht philosophisch, sondern sagt, wer bei euch mitmarschiert.



 

 

 

Dienstag, 21. Juli 2026

Wir schaffen die Krankheiten ab!

Wir schaffen die Krankheiten ab!

Wenn wir die Probleme, die zurzeit die Gesellschaft beschäftigen, betrachten, dann fällt uns ja auf, dass wir immer auf das Thema Krankheit stossen:
* Die Krankheitskosten, die die Krankenkassen stemmen müssen, steigen und steigen.
* Die Arbeitenden sind zu viel krank.
* Es gibt zu viele alte Menschen, und prekärerweise sind sie mit 80 kerngesund, werden dann alt und mit 100 doch noch krank.

Nun werden Massnahmen ergriffen. Wichtige Massnahmen, entscheidende Massnahmen.
Zum Beispiel zahlen die Kassen keine Homöopathie mehr. Angesichts der Unsummen, die hier für Globuli zum Fenster hinausgeworfen wurden, eine gute Sache. De facto ist es gar nicht so viel Geld, de facto ist nur ein Euro pro Kopf, aber es geht ja ums Prinzip. Also, die Hahnemann-Jünger geben natürlich viel mehr aus, aber das ist ja eine falsche Rechnung.
Ebenso wird das Hautkrebs-Screening nicht mehr angeboten. Auch das ein wichtiger Punkt, denn wo kommen wir hin, wenn die Leute ständig zum Dermatologen rennen und ihre Haut begutachten lassen, ich kenne Menschen, die machen da einen richtigen Sport daraus, Schwimmen gehen, Sonnenbaden und dann gleich zum Arzt, und erst später zum Friseur die Haare wieder stylen lassen. Aber vielleicht sind das Spezialfälle…

Massnahmen. Man tut etwas und reagiert.
Weil alle ständig krankfeiern, wird die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag verlangt. Sehr sinnvoll, Blaumachen ade. Allerdings verursacht die Chose auch wieder Kosten, Kosten, die man ja im Krankenkassengesetzt eigentlich herunterschrauben wollte. Ich habe neulich meine Hausärztin angerufen, ob ich nach einem Montagssturz (also ein Sturz am Montag) am Donnerstag wieder arbeiten gehen könnte. Sie riet ab und das Telefonat (180 Sekunden) kostete 50 Franken. – By the way: An diesem Beispiel sieht man auch, dass, wenn die Leute gerne arbeiten, man GAR KEINE Krankschreibung braucht.

Und dann die Alten, die Rentner!
Der wunderbare und herrliche Kabarettist Olaf Schubert führte in der heute-show aus, dass die Gesellschaft immer älter werde und dadurch die Rentenkassen belaste. Als „Lösung“ für dieses Problem verwies er auf den bestehenden Ärztemangel. Die Kernaussage seines bitterbösen Humors war, dass eine schmalere Gesundheitsversorgung und ein damit einhergehender früherer natürlicher Ausstieg aus dem Leben den Staatshaushalt entlasten würden.
Das ist natürlich sehr, sehr schwarzer Humor.
Aber mathematisch korrekt. (War nicht Merz so ein Mathe-Fan?)

Meine Lösung ist tiefgreifender, elementarer und globaler:
Wir schaffen die Krankheit ab.

Meine Mutter sagte stets: «Die beste Krankheit taugt nix.» Und ich muss ihr da völlig rechtgeben. Im Gegensatz zu den vielen Büchern, die Krankheiten fast glorifizieren («Krankheit als Weg», Krankheit als Chance», «Krankheit als Sprache der Seele») kann ich den Krankheiten nichts abgewinnen. Was hat man von einer Grippe ausser Fieber? Was hat man von Asthma ausser Atemnot? Was hat man von Windpocken ausser Jucken? Was hat man von Diabetes ausser Durst und Müdigkeit?
Nichts.
Gar nichts.
Daher plädiere ich für die Abschaffung der Krankheiten.

Sagen Sie jetzt nicht, ich sei ein Träumer. Wenn es Menschen gibt, die sich für die Schönheit mit dem Hammer ins Gesicht hauen und wenn es Wissenschaftler gibt, die behaupten, jeder kann 105 werden, man muss nur wollen, dann finden sich sicher auch Mitkämpfer und Mitstreiter, die die Abschaffung der Krankheiten mit angehen.

Wir schaffen die Krankheiten ab!





Freitag, 17. Juli 2026

Die Überbelegung des ÖV mit virtuellen Personen

Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern? Sind die Ausländer schuld? Ist unser Land zu voll? Wo liegt das Problem?

Fragen über Fragen.
Und die mit den Ausländern ist ja nicht unerheblich, denn die Situation im Umsteigebahnhof Olten morgens um 7.00 wurde ja von den Befürwortern der 10 Millionen genug-Initiative als Argument ins Feld geführt, und ja, ja, «Morgens um Sieben ist die Welt in Ordnung», diesen in meiner Jugend so populären Buch- und Filmtitel kann man auf Olten Bahnhof sicher nicht anwenden, aber fahren Sie mal mit der Buslinie 311 von Stans nach Seelisberg, an einem Montag um 10.00. Da kann es sein, dass Sie der einzige Fahrgast sind. (Ja, das ist das Seelisberg, von dem der Feuerwächter im 2. Akt des Tell gerufen hat, aber Sie lenken ab…)
Es geht also beim ÖV vor allem um die Verteilung und nicht um die generelle Überbelegung. Thema Gleitzeit, Thema Homeoffice, usw.

Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern? Sind die Ausländer schuld? Ist unser Land zu voll? Wo liegt das Problem?

Ich möchte aber heute den Blickwinkel ein wenig anders setzen: Ich möchte heute das Augenmerk auf die virtuelle Überbelegung lenken.
Virtuelle Überbelegung?

Stellen wir uns vor, ich sitze in einem Wagen, in dem sich sechs Vierersitzgruppen befinden. Es ist keine Stosszeit, also ist jede Vierergruppe mit je einer Person belegt. Dazu kommen aber die vielen, vielen Menschen, die per Handy oder Tablet zugeschaltet sind:
Der grosse Mann in der Gruppe neben mir schaut ein Video einer Streetdance-Darbietung, da er sein (grosses) Tablet so gedreht hat, dass ich den Bildschirm sehen kann, flackern 12 Tänzerinnen und Tänzer durch den Rand meines Gesichtsfeldes.
Die Frau in der Gruppe direkt vor mir befindet sich in einer Video-Konferenz mit zirka zehn teilnehmenden Personen. Ich höre nur sie, und den Bildschirm sehe ich auch nicht, aber dennoch spüre ich die Atmosphäre, Zoom-Atmosphäre, Teams-Atmosphäre, Google Meet-Atmosphäre, Cisco Webex-Atmosphäre.
Der Mann schräg vor mir führt ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin, auch hier höre ich nur ihn, aber sehr laut und deutlich und in dem typischen Manager-Sprech: «…sollten wir aber im Flow…» «…briefst du mich dann am…», «…die Synergien sollten aber trotz Deadline im Fokus…».
Die Frau hinter mir telefoniert mit einer Freundin, leider ist auch diese auf laut geschaltet, was einen sehr ablenkt, zum Glück wechseln die beiden immer wieder ins Türkische, dann wird es zwar noch lauter, aber ich bin weniger abgelenkt – klingt paradox, ist aber so.
Der Mann schräg hinter mir schaut ein Video, das seine Familie zu seinem Geburtstag (heute? gestern? vorgestern?) aufgenommen hat. Würde mich nicht stören, aber immer, wenn er laut lacht (und er grölt wirklich laut) zwingt es mich, mich zu ihm umzuschauen und sehe dann seine Frau, seine Tochter mit Mann, seinen Sohn mit Frau und seine 5 Enkelkinder.

Zählen wir zusammen:
Ich + Mann neben mir + 12 Dancer + Frau vor mir + 10 Konferenzteilnehmer + Mann schräg vor mir + Mitarbeiterin + Frau hinter mir + Freundin + Mann schräg hinter mir + 10 Familienangehörige
…sind…
…nach Adam Riese…
…Trommelwirbel…
Vierzig Personen.

Verstehen Sie nun, was ich mit «virtueller Überbelegung» meine? All diese Leute sind zwar nicht realiter da, sie nehmen mir keinen Platz weg, sie riechen nicht, sie stinken nicht, sie haben kein Gepäck und keine Taschen. Aber trotzdem beengen sie mich, weil eben doch irgendwie da sind.

Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern?
Also, Homeoffice wäre schon einmal eine gute Lösung, das würde schon einmal die Zoom-Menschen und Teams-Menschen aus den Zügen und Bussen holen. Und vielleicht müsste man manche Wagen auch handyfrei machen.



 

Dienstag, 14. Juli 2026

Sind Ausdauer und Beharrlichkeit Tugenden?

Seit Juni läuft es extrem gut mit meinen Seitenaufrufen.
Und ich hätte fast schon aufgehört. Es ist einem doch eben nicht ganz egal…

Sicher kennen Sie alle Maler, die, wenn Sie der einzige Gast auf der Vernissage sind, beteuern, es ginge ihnen nicht um Zahlen, wenige, aber kunstverständige Leute, das wäre viel wichtiger als Masse, wer wolle schon Masse!
Sicher kennen Sie Lyrikerinnen, die, auf ihre Auflagenhöhe angesprochen, aufschreien, dass sei ihnen total wurscht, darum ginge es nicht, sie schrieben aus einem Drang heraus, das sei Berufung und innerer Trieb, wer denke schon an Zahlen, das sei so etwas von schnöde und spiesserhaft.
Sicher kennen Sie Musiker, die Ihnen erzählen, sie hätten schon vor zwei oder drei Leuten musiziert und das sei ein genauso grosser Genuss gewesen wie vor zwei- oder dreihundert oder wie vor 2000 oder 3000.
Sie alle lügen.
Wie gedruckt.

Ich bin kein Maler und keine Lyrikerin, aber ich bin Musiker, und ich habe schon Konzerte erlebt, gespielt, gegeben und musiziert, bei denen sich vier Zuhörerinnen und Zuhörer auf den Zuschauerraum verteilten. Macht keinen Spass, natürlich gibt man sich auch für die Mühe, spielt und musiziert endlos schön, aber wirklich Fun ist es nicht. Übrigens auch, wenn Festgage gezahlt wird. Ohne Festgage ist es doppelt blöd.

Ich freue mich also, dass die Seitenaufrufszahlen seit Juni super aussehen. Ich wollte nämlich im Herbst schon aufhören.
«Siehst du», sagt ein Kumpel zu mir, «das zeigt wieder, dass Beharrlichkeit eben immer zum Ziel kommt. Wer A sagt, muss auch B und C und D sagen. Konsequenz ist es, jeden Weg zu Ende zu gehen. Denke an alle, die nicht aufgaben und als erste Berge bestiegen, Meere überquerten und Rekorde aufstellten.»

Hier muss ich nun meinem Kumpel deutlich widersprechen: Beharrlichkeit ist sicher nicht IMMER das Richtige.
Bei meiner Post-Geschichte ist zum Beispiel ein entscheidender Punkt, das es mich nichts kostet, weiterzumachen. Die Site ist gratis, und ich opfere jeweils nur Lebenszeit, aber ich tue das ja für eine Sache, die unendlich Spass macht: Schreiben. Texte verfassen. (Ach, ach, ach, ach, wenn das nur endlich meine Deutschschülerinnen und -schüler begreifen würden, aber das ist ein anderes Kapitel.) Es wäre komplett anders, wenn ich pro Post etwas zahlen müsste und pro Aufruf etwas bekäme. Es wäre auch anders, wenn das Schreiben mich körperlich kaputtmachen würde.

Wie ist das aber nun mit den «Beharrlichen», die Berge bestiegen und Meere überquerten und Rekorde aufstellten? Wir kennen ihre Namen, aber wir kennen nicht die Namen der vielen, die scheiterten. Einfach weil die Historie allen Scheiterns noch nicht geschrieben wurde.
Niemand kennt Max K., der 1897 bei der Erstbesteigung des Berges L. nicht umkehrte (trotz Donnergrollen) und (natürlich) abstürzte.
Niemand kennt Ulrike Z., die 1775 als erste versuchte, den Bodensee zu durchschwimmen und schon nach 1 km ertrank.
Niemand kennt die vielen, vielen, vielen Alchimisten, die sich vergifteten oder sich in die Luft jagten, weil sie Gold herstellen wollten. Es sei denn, es entstand (aus Versehen) Porzellan oder Schiesspulver.

Bertolt Brecht bringt es im Doppelstück vom «Jasager» und «Neinsager» auf den Punkt:

Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.

Und natürlich kommt einem «Das Versprechen» in den Sinn, in dem ein Polizist auf einen Mörder wartet, dem er eine Falle gestellt hat, Tag um Tag, Jahr um Jahr, ein nutzlos vertanes Leben, denn der Kinderschänder ist längst tot.

Seit Juni läuft es extrem gut mit meinen Seitenaufrufen. Und das freut mich – um es einmal ganz schwäbisch auszudrücken – saumässig. Es ist einem doch eben nicht ganz egal…
Und ich hätte fast schon aufgehört. Blieb aber mit Ausdauer dabei. Aber Achtung: Beharrlichkeit ist OK, wenn es weder Gesundheit noch Geld kostet, wenn man bei etwas bleibt, was einem eh Spass macht. Wenn es gefährlich wird und das Leben ruiniert, dann muss man auch einmal umkehren.



Freitag, 10. Juli 2026

Schadenfreude ist super - Trumps Anruf hat nix genutzt

Liebe Leserin, lieber Leser,
wissen Sie, was die schönste Freude ist? Es ist – nein, nicht die Vorfreude – die Schadenfreude.
Aber natürlich nicht, wenn ein alter Mensch mit Rollator stürzt, wenn ein Blinder das Falsche greift, wenn ein Schüler die Antwort nicht weiss. Richtigen Spass macht die Schadenfreude nur, wenn die Opfer der Häme nicht ganz unschuldig sind.

Wollen Sie Beispiele? Gerne.
Als ich mit einer Schulklasse bei Ascona im Abschlusslager war, da fuhren wir (wie jede Klasse es dort macht) am Mittwoch über den See nach Luino (Italien) auf den Markt. Im Schiff ging ein junger Mann an uns vorbei und stierte und glotzte auf zwei sehr hübsche Schülerinnen, M. und A. Aber weil er so glotzte und stierte, verpasste er den richtigen Einstieg in die Treppe ins Untergeschoss und polterte die Stiege hinunter. Wir lachten laut. Wir lachten hässlich. Und wir hatten keinerlei schlechtes Gewissen, denn der junge Kerl wäre ja nicht gestolpert, wenn er auf die Treppe geschaut und nicht auf M. und A. gestiert und geglotzt hätte.

Als die Freiburger Pianistin A. D. mit Ach und Krach ihr Aufbaustudium geschafft hatte, war die Fachgruppe doch sehr erstaunt, dass die Gute sich für eine Solistenausbildung bewarb; natürlich liess man sie in der Aufnahmeprüfung durchrasseln. Nun hatte man aber zwei Faktoren nicht bedacht: Erstens war der Kommission ein kleiner Formfehler unterlaufen, ein kleiner, aber eben doch ein Formfehler. Zweitens hatten A. D.s Eltern Geld und kannten gute Advokaten. Die Klavierspielerin erstritt sich einen Studienplatz. Da nun aber keine der hochrangingen Pianistinnen und keiner der meisterhaften Pianisten sie unterrichten wollte, kam sie zu Herrn M., der sonst Schulmusiker lehrte, aber nicht einmal im Hauptfach, sondern in der Kunst, Gesangsklassen bei «Horch, was kommt von draussen rein» oder «Yesterday» zu begleiten, also im sogenannten Schulpraktischen Klavierspiel.
Unsere Schadenfreude kannte keine Grenzen.
Sie war orgiastisch und gnadenlos.
Unsere Schadenfreude wuchs in Unermessliche, als A. D. zum Examen antrat. Die Kommission der Bewertung ihres Diplomkonzertes bestand zu 50% aus Pianisten und zu 50% aus Juristen. Und sie liessen sie durchfallen – ohne Formfehler.

Schadenfreude also.
Und die Schadenfreude konnte nun wieder einmal sprudeln, sprudeln angesichts der Trump-Infantino-FIFA-Schweinerei. Die hat nämlich gar nichts gebracht.
Schauen wir die Fakten doch noch einmal an: Da wird ein Stürmer per Roter Karte für das nächste Spiel gesperrt, und dann ruft der Landeschef beim FIFA-Chef an, um diese Sperre aufzuheben. Und der Funktionär sagt nicht das, was jeder vernünftige Mensch sagen würde: «Hat es dir ins Hirn gesch…?», nein, er hebt die Sperre auf. Und der Stürmer darf stürmen, obwohl die halbe Welt kopfsteht, und dann bringt das gar nix. Weil die USA 1:4 gegen Belgien verlieren, Balogun hin oder her, und das Ganze hat gar nix gebracht.
Und unsere Schadenfreude ist grenzenlos.

Liebe Leserin, lieber Leser,
wissen Sie, was die schönste Freude ist? Es ist – nein, nicht die Vorfreude – die Schadenfreude.
Aber natürlich nicht, wenn ein alter Mensch mit Rollator stürzt, wenn ein Blinder das Falsche greift, wenn ein Schüler die Antwort nicht weiss. Richtigen Spass macht die Schadenfreude nur, wenn die Opfer der Häme nicht ganz unschuldig sind.

P.S.
Da Gianni sich nun als absolut beeinflussbar gezeigt hat, finde ich, auch der Bundesrat der Eidgenossen sollte sich einmischen. Immerhin ist Infantino Walliser und immerhin ist er korrupt und immerhin hat es die Nati bis ins Viertelfinale geschafft. Und am Sonntag spielen wir gegen Argentinien.
Also.
Lieber Martin Pfister, als für Sport zuständiger Bundesrat sollten Sie beim Schweizer (!) FIFA-Präsidenten anrufen und er soll sich darum kümmern, dass die Eidgenossen endlich einmal Weltmeister werden.

Dienstag, 7. Juli 2026

Schweizer Kantone haben zu viel Geld

Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten nicht zu viele Schulden machen. Denn Schulden sind Geld, das den nachfolgenden Generationen fehlen wird. Wenn man also ein Schwimmbad für Millionen baut oder ein Theater für Milliarden, wenn man prasst und spendiert, dann bestiehlt man eigentlich die Kinder und Enkel. Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer müssen also darauf bedacht sein, dass ihre Finanzen irgendwie in Ordnung sind und der Schuldenberg nicht wächst.

Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten aber auch nicht zu viel Geld anhäufen. Denn angehäuftes Geld ist Geld, das dieser Generation fehlt. Wenn man also KEIN Schwimmbad baut oder KEIN Theater, wenn man sich den neuen Park verkneift und vom neuen Zoo absieht, wenn man spart und hamstert, wenn man häuft und hortet, hortet wie Fafner oder Smaug, dann bestiehlt man eigentlich die Bürger, die jetzt gerade zahlen. Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer müssen also darauf bedacht sein, dass ihre Finanzen irgendwie in Ordnung sind und der Vermögensberg nicht wächst.

Zugegeben, letzteres Problem (ein Luxusproblem) haben wenige Orte. In Deutschland ist es eher selten. Aber in der Schweiz kommt es vor. Zugegeben.
Und witzigerweise enthält das Wort «zugegeben» gerade den Kanton, der mit seinem Überschuss kämpft:
Zug.
In Zug wird diskutiert, ob man bei grossen Mehrsummen der Bevölkerung Geld zurückzahlt bzw. gutschreibt. Warum nicht Steuersenkungen? Weil Steuersenkungen immer eine Wette auf die Zukunft sind (es könnte ja weniger Gewerbeeinnahmen geben) und solche Rückzahlungen eine Reaktion auf das Vergangene.
Auch Basel überlegt solche Dinge.

Man könnte natürlich auch mit den Überschüssen viele tolle Dinge anstellen:
ein Opernhaus
ein Theater
ein Museum
Schwimmbäder, Sporthallen, Laufkurse
Spitäler und Reha-Einrichtungen
Aber der Punkt ist, dass die meisten dieser Dinge schon existieren. Gut, Zug hat nun kein Opernhaus, aber das wunderbare Opernhaus Zürich ist hier einfach zu nah.

Was also tun mit dem Geld? Und hier kommt nun meine Idee ins Spiel:
Die Städtepatenschaft.

Natürlich gibt es das schon, aber stets so, dass eine mitteleuropäische Stadt (zum Beispiel eine deutsche) die Patenschaft für eine Stadt in der sogenannten «Dritten Welt» übernimmt, so finanziert Huppenheim an der Hupper eine Schule in Burkina Faso, Würz an der Würzach ein Spital in Peru und Sapplingen am Sapperberg ein Stadion in Bangladesch. Das nun macht aber gar keinen Sinn mehr, da an der Hupper und der Würzach und am Sapperberg ja nun selbst Schulen und Spitäler und Sportanlagen gebraucht werden, natürlich, sie sind da, aber halt so marode, dass sie fast unbrauchbar sind.

Und hier kommen nun die Schweizer ins Spiel:
Statt Geld an die Steuerzahler zurückzuerstatten unterstützen bestimmte Kantone deutsche Gemeinden in einer Patenschaft. Der Kanton Zug finanziert in Huppenheim an der Hupper den Neubau einer Gesamtschule mit Sporthalle, Aula und lückenlosem W-Lan. Schwyz spendiert Würz an der Würzach ein Krankenhaus mit allen Schikanen und Basel gibt Geld, damit in Sapplingen am Sapperberg ein neues Stadion gebaut werden kann.
Dafür gibt es einmal im Jahr eine Dankeschön-Reise für die Eidgenössischen Politiker mit Empfang im Rathaus und Apéro.

Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten nicht zu viele Schulden machen.
Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten aber auch nicht zu viel Geld anhäufen.
Und für alle Probleme gibt es eine Lösung.