Ich habe im November 2024 zur Wiedereröffnung des Hallenbades Rialto unter dem Titel «Man kann Zettel nicht gelesen aufhängen» das Folgende gepostet:
Das neu- bzw. wiedereröffnete Schwimmbad Rialto ist ein Bijou […] Mir gefallen auch die Umkleideräume, obwohl diese immer von sich reden machen, und eben von diesen soll nun auch die Rede sein […] Nun haben die Macher des neu- bzw. wiedereröffneten Schwimmbades auf etwas verzichtet, was stets sehr störend war: Schlüssel.
[…] Bei den Schränken hat man sich für ein Zahlen-System entschieden. Ein Zahlensystem, das auf ca. 50 Aushängen erklärt wird:
ERSTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «AUF» STELLEN.
ZWEITER SCHRITT: CODE BEI GEÖFFNETER TÜRE EINGEBEN (Z.B. 1234)
DRITTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «ZU» STELLEN.
VIERTER SCHRITT: CODE VERSTELLEN
Es ist nun völlig logisch, was passieren kann, wenn man diese Aushänge nicht liest, man dreht den Riegel nach links und beginnt «4567» oder «0000» oder «2929» einzugeben, dann verstellt man die Zahlen – und wird sein Kästchen nie wieder aufbekommen, denn das Schloss hat sich die Kombination gemerkt, die VOR dem Verschliessen eingestellt war, und die hat man natürlich keines Blickes gewürdigt.
Gut, man kann den Bademeister holen. Was die meisten tun – die wenigsten rennen in der Badehose auf die Strasse, gerade bei Novembertemperaturen ist das auch nicht so ratsam. Der Bademeister erzählt mir, dass er am Tag ca. 40 Male geholt wird und dass die Menschen dann immer furchtbar fluchen:
[…]
Dabei wäre es so einfach. Man müsste den an allen vier Seiten (!) sämtlicher (!) Säulen sowie innen in allen (!) Kästchen hängenden Zettel genau durchlesen.
[…]
Nun vor ein paar Tagen die riesengrosse Sensation:
Das Hallenbad Rialto hat jetzt wieder Schränke mit Schlüsseln eingeführt.
Das Sportamt der Stadt Basel hat also kapituliert. Kapituliert vor der Ignoranz und Dummheit der Leute. Wahrscheinlich auch auf Drängen der Bademeister (es hat wirklich nur Männer dort), die ihre halbe Arbeitszeit damit zugebracht haben, die Schränke der Leute zu öffnen, die nicht fähig waren, eine Gebrauchsanweisung zu lesen.
Interessant ist, dass man wirklich zurück zum Schlüssel geht und nicht etwa zu einem System wie das folgende:
Schrank verschliessen
*Gartenhag* drücken
Vierstelligen Code eingeben
*Schlüssel* drücken
System piepst, Schrank ist verschlossen
Dieses System wird von vielen Hotelsafes verwendet, aber auch von der Badi der Stadt Solothurn, und auch von den Lockern in der Garderobe im Amare in Den Haag, wo wir die Matthäuspassion hörten.
Also ein System, das seit Jahren funktioniert…
Zurück zum Schlüssel?
Was für ein Quatsch.
Das ist wie der Schwule, der nach ein paar verunglückten heterosexuellen Versuchen mit 23 sein Coming Out hat, die erste Beziehung zu einem Mann verläuft aber auch nicht so toll (emotional, im Bett schon), und er kehrt reumütig zu den Frauen zurück.
Das ist wie der Rückkehr zur Atomkraft, weil Öl und Gas immer wieder Probleme bereiten, weil der Ausbau der Erneuerbaren nicht vorankommt, so als ob es nicht schon Milliarden Tonnen Atommüll gäbe – und ein Fukushima und ein Tschernobyl nie stattgefunden hätten.
Das ist wie ein Land, das unter den aktuellen islamischen Diktatoren leidet und sich den Sohn des alten Diktators als neuen Präsidenten wünscht – wir nennen keine Namen.
Wenn B nicht funktioniert, gehen wir zurück zu A – und überlegen nicht, ob es nicht ein anderes B geben könnte.
Das Rialto ist dennoch ein Bijoux. Ich bin aber froh, dass ich morgen ins Gartenbad St. Jakob gehen darf und für den Sommer meinen (nicht lachen!) Schlüssel holen darf.
Aber den von meiner eigenen Kabine.
Dienstag-Freitag-Glosse
Freitag, 24. April 2026
Hallenbad kapituliert! Zurück zum Schlüssel!
Dienstag, 21. April 2026
Tipps für Magyar: Wie geht man mit so viel Macht um?
Natürlich freut sich die Welt über die Abwahl von Orbán. Und ich als Schwuler freue mich natürlich gleich doppelt. Und natürlich freut sich die Welt über die Wahl von Peter Magyar. Und das es eine eindeutige ist.
Aber Moment: Musste es SO eindeutig sein? Der gute Mann hat eine 2/3-Mehrheit. Und wir wissen, was Macht mit charismatischen Menschen macht: Sie korrumpiert sie.
Das ist ja die Geschichte mit dem Ring: Alle Guten, die Elben, Gandalf usw. lehnen es ab, den Ring zu nehmen. Sie könnten doch «so viel Tolles bewirken», aber sie wissen, dass der Ring sie versauen würde. Nur der kindliche Frodo schafft es.
Aber ist Peter Magyar ein Frodo?
Wie schafft man es, dass man den Lockungen der Macht nicht erliegt?
Hier kommen nun drei Tipps für charismatische Staatsmänner, die Macht bekommen haben, wie sie es bewerkstelligen, dass die Macht sie nicht versaut.
(Ich schreibe bewusst nur in der maskulinen Form, weil das Ganze doch ein bisschen ein Macho-Problem ist.)
Mama dabei!
Jeder Politiker ist ja ein bisschen ein Narzisst.
Und wenn er dann bei der Pressekonferenz am Pult steht, dann fühlt er sich grossartig, er fühlt sich machtvoll und super, er fühlt sich schön und erhaben und fotogen. Er strahlt etwas aus, was man als «Ich bin die Sonne und ihr seid die Sterne und ich glänze und ihr spiegelt nur» umschreiben könnte.
Hier kommt nun die Mama ins Spiel, die bei allen Presseterminen und allen Interviews dabei ist. Wenn Politiker X gerade anhebt, um seine Misserfolge der letzten Monate schönzureden, um sich selbst ins Sonnenlicht zu stellen, springt Mama auf, rennt zum Pult und wischt X ein paar Fussel von der Jacke. Oder putzt ihm die Brille. Oder noch schlimmer die Mundwinkel. Oder kämmt ihn noch mal durch. Dabei schüttelt sie den Kopf, so als ob sie sagen möchte: «Der Bubi, wie er wieder rumläuft.»
Und die Ankündigungen des grossen Präsidenten werden nach dieser Aktion eben die Ankündigungen eines Menschensohnes sein, denn für unsere Mütter sind wir immer die Buben geblieben – und das ist auch gut so.
Normal-Day
Jeder Machtmensch soll einen Tag im Monat im normalen Leben verbringen. Und zwar inkognito und ohne Bewachung. Also quasi als «wallraffender Staatsmann». Und als «wallraffender Staatsmann» erlebt man nun, wie eine normales Leben aussieht:
Schon das Warten an der Bushaltestelle (oder Tram, S-Bahn, whatever) wird zum Aha-Erlebnis, so lange steht man da also, der Bus kommt ja ewig nicht, und dann bekommt man nicht einmal einen Sitzplatz. Und im Supermarkt ist alles so teuer! Und bestimmte Delikatessen gibt es da gar nicht! Und was ein normaler Mensch im Büro alles machen muss, da muss man ja schreiben und lesen und kopieren und beschaffen und man kann nichts, nichts, nichts delegieren. Und am Abend will man in einen Club und der Türsteher lässt einen nicht hinein – weil er ja gar nicht weiss, wen er da abweist.
Der Normal-Day hat nun die Funktion, dass X seine Privilegien erst einmal wieder als Privilegien begreift, 5(!) Wagen mit Chauffeur, Essen steht auf dem Tisch, Mails lesen und beantworten die PAs (15 an der Zahl) und natürlich kommt man in jedes Konzert, jeden Club und in jedes Theaterstück…
Glosse lesen
Nicht diese Glosse. Also: Nicht nur diese Glosse. Sondern Satire überhaupt. Und das Satire-lesen sollte als heiliger Akt NICHT an die Persönlichen Assistenten delegiert werden. Nicht von dem PA erfahren, dass TITANIC oder CHARLIE HEBDO einen als Affen bezeichnet hat, sondern das selber konsumieren.
Der mittelalterliche König hatte seinen Fool, seinen Narren, seinen Spassmacher, und der Hofnarr hatte gerade die Funktion, dem König ALLES sagen zu dürfen. Und zwar dem König persönlich – zu dem er immer vorgelassen wurde.
Und wenn man dann am Normal-Day die TITANIC liest und die Mama daneben auch noch «guck mal, wie scheisse du da aussiehst» reinruft, dann wird man fast zum Frodo und kann mit der Macht umgehen.
Noch besser wäre natürlich ein System, wie es der beste Staat der Welt hat, das den Politikern so wenig Macht wie möglich gibt…
Freitag, 17. April 2026
Holland 2026 (II)
Und weiter geht es im Bilderbogen, im Kaleidoskop, in der Collage mit Impressionen aus Den Haag.
Ostergottesdienst mit Gospel in Sint-Martha
Ich gehe als Lutheraner, wenn ich die Auswahl zwischen ev.-reformiert und katholisch habe, sehr häufig zu den Katholiken. So auch am Ostersonntag in Den Haag. Die passende Messe findet um 9.15 in der Sint-Martha-Kerk im Quartier Schilderswijk statt. (Kleiner Exkurs: Ich finde die Heilige Martha immer eine lustige Figur, weil sie ja von Jesus ermahnt wird, sie habe viel Haushaltsmühe, aber ihre Schwester, die «nur» zuhört, tue das Richtige, die Kirche aber häufig die Martha viel höher stellt – zum Beispiel in meiner schwäbischen Heimat. Aber ich will nicht abschweifen…)
Als ich die Kirche um 9.00 betrete, erklingt schon fetzige Musik. Vorne sind vier vollschlanke Sängerinnen, eine Gitarristin und eine Drummerin am Gospeln: «He has risen – Hallelujah! Hallelujah – praise the Lord!» Alle sechs haben dunkle Hautfarbe.
Bei uns wäre ein Ostergottesdienst ohne irgendein Werk mit KV-Nummer (z.B. KV 220 oder KV 317) undenkbar und würde zu Kirchenaustritten führen.
Aber hier? Als ich mich umschaue, merke ich, dass ich überhaupt der einzige Weisse bin. Ich komme mir vor wie in Harlem. Es wird ein Gottesdienst, an den ich noch lange denken werde. Der Priester ist dann (by the way) ein Koreaner.
Teenager um 9.00 im Bad
Am Ostermontag gehe ich Schwimmen. Ins «Zwembad Zuiderpark», das einzige, das offen hat, denn die Haager haben ihre Öffnungszeiten sehr reduziert.
Um 9.00 ist das Schwimmbecken schon sehr gut belegt, etliche Leute wollen wohl die Schoko-, Marzipan-, Krokant- und Zuckereier abtrainieren, die sie am gestrigen Tage gesucht und vielleicht auch schon gleich genascht haben.
Was mich sehr erstaunt, sind vier männliche Teenager (so um die 16 Jahre), die sich im Wasser tummeln. Ich habe genügend mit Jungs in dem Alter zu tun und weiss, was die bei uns an einem Feiertag vor 12.00 mittags machen: Im Bett liegen und schlafen – bestenfalls schon wach sein und gamen. Aber niemals das Haus verlassen. Ticken holländische Teenager anders? Oder war das die grosse Ausnahme? Auf jeden Fall will ich nie mehr etwas über «die Jugend von heute» sagen.
Der Haagse Markt
Ich habe bei meinem Aufenthalt viel Neues entdeckt. Das ist erstaunlich, wenn man in einer Stadt das ca. dreissigste Mal ist. (Ich habe ja auch schon viel gepostet…) Aber dennoch, es gibt immer wieder neue Dinge zu sehen, wenn man die Augen offen hält.
So hatte ich den Haager Markt, an dem ich oft vorbeigefahren bin, wegen der hohen Mauer für einen Grossmarkt gehalten, dieses Mal sah ich aber einen Eingang mit Schild «Welkom op Haagse Markt» – das würde man ja für Grosshändler nicht aufstellen. So schlenderten wir zwei Stunden auf dem grössten Publikumsmarkt der Niederlande und kamen aus dem Staunen nicht heraus: So viel Zeug! So viel Kitsch! So viel Essen und so viel Kleider! Beim einen Stand glänzten ungelogen 1000 Uhren, am anderen gab es Kleider mit Glitter und Flimmer und Pailletten, an der einen Bude lagen 50 Kabeljau in Erwartung der Esser, an der anderen konnte man aus 60 Nusssorten aussuchen. Über allem Geruch, über allem Geschrei. Ich habe viele italienische Mercati besucht, aber das war mehr.
Im Atelier
Wenn wir gerade beim Thema «x-mal vorbeigelaufen und nicht gesehen» sind, das mit dem Atelier der Künstlerin Tineke Porck war auch sehr, sehr, sehr lustig. Wir hatten sie vor drei Jahren kennengelernt, und wir hatten dieses Mal verabredet, sie in ihrem Atelier zu besuchen (sie macht wunderbare Sachen). Nun waren wir also in der Ankerstraat 21 in Scheveningen – und ich musste feststellen, dass die Badhuiskade 10, in der ich die ersten 10 Mal Den Haag verbrachte, nur 20 Meter Luftlinie entfernt ist. Da Tineke seit 30 Jahren in ihrem Atelier arbeitet, sind wir uns sicher einmal, zweimal, öfters, immer über den Weg gelaufen, aber wenn man sich nicht kennt, dann kennt man sich eben nicht…
So viel für heute. Am Dienstag wieder ernstere Themen.
P.S.
Ich habe vor drei Jahren über die wuchernde Englisch-Sprechen-Manie der Niederländer geschimpft – das ist nicht besser geworden.
Dienstag, 14. April 2026
Holland 2026 (I)
Achtung beim Strasse überqueren
In den Niederlanden musst man immer schon aufpassen, wenn man von einer Strassenseite auf die andere wollte.
Fahrräder!
Oder wie die Niederländer sagen: Fietsen!
Die Vorliebe von Jan und Grit, Piet und Antje für dieses Verkehrsmittel liegt an der Geographie, das Königreich der Niederlande ist flach. Jeder Bürger und jede Bürgerin dieses Landes, Jan und Grit, Piet und Antje besitzen im Durschnitt drei Fietsen, sodass zwischen Arnhem und Rotterdam ca. 54 Millionen Dinger herumrasen.
Aber wir waren ja am Strassenrand – und stehen an dem Streifen, den ich getrost als «Todesstreifen» bezeichnen würde, denn wer ihn unbewacht betritt, hat kaum Überlebenschancen. Es sind nämlich inzwischen nicht nur die Fietsen, die von rechts ohne Gnade angerast kommen, es sind viele verschiedene Gefährte:
* Bakfietsen (das sind die Velos mit dem Kuhfänger, die angeblich zum Transport von Kindern gebraucht werden, in Wirklichkeit hat dieser Kuhfänger allein die Funktion, fussgehenden Menschen möglichst schlimme Verletzungen zuzufügen)
* Trottinetts – und ihre wesentlich tödlichere Variante, die E-Trottinetts
* High-Tech-Rollstühle, die eine Geschwindigkeit von 120 km/h erreichen können
Nein, bevor man diesen Streifen betritt, sollte man ein Stossgebet gen Himmel richten und sich vergewissern, dass die Lebensversicherung bezahlt ist…
Gratis Getränke im Concertgebouw
Wir geniessen einen wunderbaren Konzertabend im Kleinen Saal des Concertgebouw in Amsterdam (Klavierquintette von Schumann und Dvořák mit herrlich inspiriert spielenden jungen Musikern). In der Pause stehen ganz viele Tabletts mit Getränken herum, Weisswein, Rotwein, Mineralwasser und Orangensaft. Und irgendwie scheint auch fast jeder und jede ein Glas in der Hand zu haben. Ich bin mir sicher, dass das so eine Freunde-des-Concertgebouws-Pausen-Trinken-Sache ist, aber mein Mann, der sehr Lust auf einen Orangenjus hat, drängt mich, der Sache nachzugehen. «Sorry», spreche ich eine ältere Dame an, «zijn de dranken helemaal gratis?» «Natuurlijk», antwortet sie, «u heeft dat met het ticket betaald.»
Das ist doch nun einmal eine grossartige Sache: Die Ticketpreise (mit 45,-- eh schon sehr, sehr, sehr moderat) beinhalten Getränk, und zwar nicht EIN Getränk, sondern «all you can drink». Ich habe so etwas noch nirgendwo erlebt, und gerade in Basel kostet die Pausenverpflegung ein Vermögen. Wir sollten diese niederländische Variante also unbedingt bei uns einführen.
Vielleicht könnte man auch so mehr junges Publikum anlocken: «Leute, ihr müsst zweimal 40 Minuten so langweilige Kammermusik ertragen, aber in der Pause dürft ihr saufen, saufen so viel ihr wollt…»
Die Gaben der Länder im Vredespaleis
Ich bin zum dritten Male im Vredespaleis, jenem wunderschönen Gebäude, das die beiden internationalen Gremien beherbergt, das Internationale Schiedsgericht und den Internationalen Gerichtshof (nicht den ICC, das ist woanders). Sie kennen sicher das historistische Bauwerk mit dem Turm aus «heute» und «Tagesschau».
Während die beiden vorigen Führungen sehr stark das Sponsoring des Milliardärs Carnegie betonten, sodass man das Gefühl bekam, er habe ALLES bezahlt, rückte unsere Guide dieses Mal die Gaben der Länder in den Fokus. Jedes Land (fast jedes) hat nämlich etwas gestiftet, und WAS die Nationen gaben, ist sehr lustig:
Die Niederländer stifteten den Grund und Boden.
Die Schweizer schenkten die Uhr im Turm. (Wer hätte es gedacht…)
Die Italiener gaben den Marmor.
Dänemark, dieser Wasser- und Inselchenstaat, zahlte den Springbrunnen.
Und was gaben die Deutschen? Das, was preussische Ordnung und teutonische Strukturiertheit zeigt: Den Zaun, der um das Gebäude geht.
Wie dem auch sei: Die Idee des Vredespaleis, Reden statt Schiessen, wäre heute so nötig wie nie zuvor…
Am Freitag noch mehr Storys aus Den Haag.
Freitag, 10. April 2026
Keine Lust, einen Unsinn zu lesen...
Ein Bekannter schickte mir nun neulich einen Artikel über Böll und seine Texte und Theorien, der sich – so mein Bekannter – angenehm vom literaturwissenschaftlichen Mainstream unterscheidet. Fazit dieses vierseitigen Pamphletes sei, ganz kurz gesagt: Heinrich Böll würde heutzutage AfD wählen.
Ich werde diesen Text nicht lesen.
Ein anderer Bekannter schickt mir ein Video, in dem ein Berliner Allgemeinmediziner den (wahrscheinlich verblüfften) Zuschauerinnen und Zuschauern erklärt, warum das HIV nicht existiert. (Bitte nicht HIV-Virus, wie viele sagen, das ist wieder so ein Pleonasmus, wir hatten es neulich davon…) Nach Aussage von Dr. XY sterben die ganzen Schwulen an Poppers und nicht am Erreger. Und er ist stolz darauf, mehrere Homosexuelle NICHT zum Test geschickt zu haben – trotz schon sich anbahnender Kaposi-Flecken.
Ich werde dieses Video nicht angucken.
Eine Bekannte schickt mir dann noch einen Link, einen Link zu einer Seite, aus der minutiös aufgelistet ist, welche Videos ARD und ZDF in letzter Zeit so geschnitten haben, dass die Themen falsch und tendenziös dargestellt wurden, Videos zu den Themen Corona, Ukraine, Klima usw. So hatte jemand zum Beispiel gefilmt, dass die angeblichen Coronapatienten gar nicht an die Geräte angeschlossen waren.
Ich werde den Link nicht anklicken.
Warum werde ich den Text über Böll nicht lesen?
Warum werde ich das Video nicht anschauen?
Warum werde ich auf den Link nicht klicken?
Soll man nicht sich mit allem auseinandersetzen, auch andere Perspektiven kennenlernen, sich überall informieren?
Soll man nicht…?
Ich stosse auf ein wunderbares Zitat der Feministin Judith Jannberg (in «Ich bin Ich»), in dem sie erklärt, warum sie sich auf keine Diskussionen mit Total-Machos einlässt. Sie schreibt dort:
Ich habe keine Lust.
Ich finde das wundervoll. Und so kann ich das auch sagen.
Ich habe keine Lust, irgendwo zu lesen, dass Heinrich Böll heutzutage auf gemeinsamen Podien mit Alice Seidel stünde.
Ich habe keine Lust, einem Doktor zuzuschauen, der eigentlich wegen Behandlungfehler und unterlassener Hilfeleistung ins Kittchen gehört.
Ich habe keine Lust, irgendwelche Links zu klicken, die mir das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen rauben und umgekehrt Vertrauen in die «Unabhängigen» schenken soll, unabhängige Medien, in denen irgendwelche Heinis in ihrem Wohnzimmer sitzen und von anderen Wohnzimmern «Experten» zuschalten, die dann mit einer Wir-wissen-ja-alle-besser-Bescheid-Miene die Weltlage analysieren.
Ich habe keine Lust.
Dazukommt, dass die Algorithmen, wenn man irgendwo einen Quatsch online anguckt, einen mit Schwachsinn bombardieren. Auf einmal bekommt man bei YouTube Sellner-Videos angeboten, und hofft, dass der Verfassungsschutz nicht mitschaut. (Martin Sellner ist der österreichische Neonazi, der die Remigration predigt.)
Ich habe keine Lust mehr auf so Sachen.
Meine Zeit ist mir zu schade.
Und wenn mir jetzt viele Leute vorwerfen, ich sei engstirnig und festgefahren, gut, dann bin ich halt engstirnig und festgefahren. Wenn es ein Zeichen für einen eingeschränkten Horizont ist, sich mit der Frage, ob «Het Achterhuis» echt ist oder nicht, einfach nicht auseinandersetzen zu wollen, dann habe ich gerne einen eingeschränkten Horizont.
Ich habe auf gewisse Dinge keine Lust mehr.
Dienstag, 7. April 2026
Neue Hallenbäder!
Nachdem ich lange meiner Schwimmbad-Kollektion nichts hinzugefügt habe, konnte ich in den letzten Monaten doch wieder einiges auf meine Liste dazuschreiben:
Hallenschwimmbad Wrocław
Hallenbad Poznań
Hallenbad Grenzach-Wyhlen
Hallenbad Maulburg
Sole Uno Rheinfelden
Hallenbad Falkenstein Balsthal
Hallenbad Brühl Mümliswil-Ramliswil
Die beiden ersten habe ich auf meiner Tournee mit der Knabenkantorei kennengelernt. Ich berichtete schon im Herbst:
Dann aber Wroclaw! Ein absolut sehenswertes Hallenbad vom Beginn des 20. Jahrhunderts, herrlich anzuschauen und zu beschwimmen, geöffnet 5.30 bis 0.00, und das jeden Tag. Jedes Bad bei uns könnte sich hier zehn Scheiben abschneiden. Das Bad ist in 5 Minuten vom Hotel aus zu erreichen, ich bin um 6.30 dort, einziger Wermutstropfen: Ich benötige eine Badekappe, die ich da für 10 Złoty erwerbe…
Schwieriger wird es in Poznań: Das Hallenbad ist zu weit weg zum Laufen und es ist sehr kompliziert, mit dem ÖV zu fahren. Also doch Uber…
Im Hallenbad ziehe ich brav meine Badekappe an – und stelle fest, dass ich der einzige Schwimmer mit Kappe bin. Es ist also anscheinend keine nationale Regel…
Die beiden nächsten liegen über der Grenze, am Hochrhein bzw. im Wiesental, und es ist erstaunlich, dass ich noch nie dort war. Dabei sind die Orte perfekt zu erreichen. Der eine mit einer Buslinie, der Linie 38, im 15 Minuten-Takt, der andere alle halbe Stunde mit der S-Bahn ab Bahnhof SBB.
Das ist aber nun ein wenig typisch, wenn man in Basel wohnt: Das Ausland ist so nah, aber irgendwie kommt man nicht auf die Idee, dort mal hinzugehen oder hinzufahren. Ich war mit meinen Basler Sängern schon in zwei Tropfsteinhöhlen, in der Slowakei und in Slowenien (wirklich, das ist jetzt kein blödes Wortspiel), und ich war immer wieder überrascht, dass die Guten die Tropfsteinhöhle, die nur ein paar Kilometer von Basel entfernt liegt, nicht kennen. Gut, mit der slowenischen, die gefühlt 1000x grösser ist als die Erdmannshöhle, kann man die Wiesentäler Höhle nicht vergleichen, aber dennoch: Sie wäre sehr nahe. Und genauso ist es mit den Schwimmbädern, weil man als Basler nur im Basler Umfeld denkt, kennt man so Dinge wie ein Grenzwächter Hallenbad nicht.
Erstaunlich ist aber auch, dass ich das Sole Uno noch nicht kannte. Dafür gibt es nun keine Erklärung, denn ich weiss, dass ganz viele meiner Bekannten dort hingehen. Aber es fällt natürlich aus der Reihe, denn es ist ein Wellnessbad, ein Bad zum Liegen, zum Aalen, zum Besprudelt-Werden, zum Wohlfühlen, nicht zum sportlichen Schwimmen.
Echte Neuentdeckungen sind die Bäder in Balsthal und Mümliswil. Diese liegen im Kanton Solothurn und Solothurn bietet hinsichtlich Hallenbädern Erstaunliches: Im Hauptort und im grössten Ort, in Solothurn und in Olten, gibt es praktisch keine Schwimmmöglichkeit. Die Bäder dort haben solche Öffnungszeiten, dass man diese sich gar nicht merken will:
Montag geschlossen
Dienstag 18.30 – 19.00
Mittwoch 7.00 – 9.00
usw.
Die Solothurner gehen nach Zuchwil, das ist praktisch ein Vorort und hat ein riesiges Sportzentrum, aber es ist eben doch eine eigene Gemeinde.
Und nun leisten sich diese winzigen Orte im Bezirk Thal (und nur wenige Kilometer von einander entfernt!) eigene Hallenbäder. Ich finde das schön. Und die Bäder? Natürlich nicht spektakulär, aber schön zum Schwimmen, sauber, ordentlich, und man hat das witzige Gefühl, dass man der Einzige ist, der die Bademeisterin siezt. Was auch stimmt.
Nachdem ich lange meiner Schwimmbad-Kollektion nichts hinzugefügt habe, konnte ich in den letzten Monaten doch wieder einiges auf meine Liste dazuschreiben:
Und ich hoffe, dass 2026 noch einige Bäder dazukommen.
Freitag, 3. April 2026
Ist "völkerrechtswidriger Krieg" ein Pleonasmus?
Neulich fragte mich ein Freund per E-Mail, ob es «Koifisch» oder «Koikarpfen» oder «Koikarpfenfisch» heisse. Ich war ob dieser Ladung an Pleonasmen so erschlagen, dass ich – die beiden einfachen und den doppelten mit einem dreifachen überbietend – zurückschrieb, er könne ja «online im Internet nachgoogeln». Leider verstand der Freund meine Ironie nicht.
Wir sind ständig mit Pleonasmen konfrontiert. Ob das die «Tsunami-Welle» oder die «DIN-Norm» ist, ob das «Rückantworten» oder «Zukunftsprognosen» sind oder ob es sich um «PIN-Nummer» oder «Aussenfassade» handelt.
Ich lasse jetzt einmal den Fall weg, in dem der Pleonasmus ein Stilmittel ist
Die helle Sonne
Bringt den lichten Tag,
Die dunkle Nacht
Uns nicht mehr schrecken mag.
Und sage: Ständig wird etwas zu viel gesagt.
Um herauszufinden, ob ein Begriff pleonastisch ist, kann man sich verschiedene Fragen stellen:
Steckt das hintere Wort im vorderen schon drin? Das ist der Fall bei der D(eutsche)I(ndustrie)N(orm)-Norm der Fall, ebenso bei P(ersonal)I(dentification)N(umber)-Nummer.
Ist das eine ein Überbegriff? Jeder Koi ist ein Karpfen und jeder Karpfen ein Fisch, jeder Tsunami ist eine Welle.
Schwieriger ist es bei der Kombination Adjektiv + Nomen. Hier muss man immer fragen, ob es auch anders ginge. «Nasses Wasser» – gibt es auch trockenes? Wohl kaum, ich jedenfalls war als Immerschwimmer noch nie in einem trockenem Wasser. «Weisse Milch» – gibt es auch schwarze? Seit Celan natürlich schon:
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
…
«Teure Diamanten» – gibt es auch billige? Ja, hier ist natürlich der Begriff «billig» heikel, denn für einen Milliardär ist etwas anderes teuer als für einen Sozialhilfeempfänger, aber Industriediamanten könnten sich auch Leute mit kleinerem Geldbeutel leisten.
Ein immer wieder auftretender Pleonasmus (oder Nicht-Pleonasmus) ist der «völkerrechtswidrige Krieg».
Ist das nicht doppelt gemoppelt? Oder doch nicht? Wenn es Kriege gibt, die gegen das Völkerrecht stehen und es nicht pleonastisch ist, muss es ja den «völkerrechtskonformen Krieg» geben.
Als Pazifist der Alten Schule sage ich natürlich: Nein, Quatsch und Unsinn, jeder Krieg ist gegen das Völkerrecht. Aber ein Blick ins Internet belehrt mich eines Besseren, es gibt den «völkerrechtskonformen Krieg», wobei hier immer nur eine Seite «völkerrechtskonform» handeln kann, nämlich wenn sie angegriffen wird und sich verteidigt, oder wenn ein UN-Mandat vorliegt.
Bei einem «völkerrechtskonformen Krieg» muss man sich anständig verhalten und so und keine Gefangenen misshandeln und so und Zivilisten dürfen nicht zu Schaden kommen. Aber genau hier liegt das Problem: Das mit der Anständigkeit funktioniert meistens nicht. Ich sage nur Kollateralschaden und so.
Wir müssten also – so glaube ich – noch eine neue Kategorie der Pleonasmen einführen, nämlich den De-Facto-Pleonasmus. De-Facto-Pleonasmus bedeutet: Es ist eigentlich keiner, es ginge auch anders, nur kommt das in Wirklichkeit nie vor.
De-Facto-Pleonasmen sind:
ein wenig gemogelte Steuererklärung
gelifteter Filmstar
gewaltbereiter Fussballfan
alkoholtrinkender Künstler
…
und eben der «völkerrechtswidrige Krieg»
So viel für heute.
Ich bin immer mit heiterer Freude erfüllt, wenn ich weiss, dass viele die zweimal in der Woche erscheinende Dienstag-Freitag-Glosse online im Internet lesen.