Ich sitze an der Konzeption eines Posts über den Deutschunterricht, PISA usw. Dabei fällt mir eine Geschichte aus meiner Schulzeit ein:
Wir hatten eine Klassenarbeit in der 10. Klasse über den Faust I. Das Thema, das ich nahm, hiess «Ist die Szene Nacht die Peripetie des Dramas?» Eine trickreiche Frage, denn der Faust I hat ja (im Gegensatz zum 2. Teil) kein Fünf-Akt-Schema, also muss man erst einmal das Raster quasi über das Drama stülpen, um dann zu schauen, ob jene Szene am Ende des (gedachten) 3. Aktes steht. Trickreich.
Mein Nebensitzer, wir nennen ihn mal Alexis Nikolaopolos (seine Eltern kamen wirklich aus Griechenland), nahm, wie immer, das gleiche Thema, um abschreiben zu können. Nach drei Minuten kam die Frage: «Was ist eine Peripetie?». Meine Antwort: «Alexis, nimm ein anderes Thema.» Worauf der Lehrer uns streng ermahnte, ruhig zu sein, beim nächsten Male gebe es Punktabzug. Der Dialog wiederholte sich noch zweimal, Alexis fragte nach der Peripetie, ich meinte, ein anderes Thema sei angebracht und Herr Beck, unser Deutschlehrer wurde immer genervter. Schliesslich malte ich das ganze klassische 5-Akt-Schema auf ein Blatt und schob es ihm rüber – sein Aufsatz gelang dennoch nicht.
Nette Geschichte.
Sie hat nur einen Haken: Sie kann so nicht stimmen. Die Aufsatzstory muss in der 10. Klasse passiert sein, denn in der 10. Klasse blieb mein Nebensitzer sitzen. Später wechselte ich die Schule und sass nie mehr neben ihm. Faust I und Faust II waren aber – auch wenn wir früher Genies waren – Stoff der 12. und nicht der 10. Klasse. Auch wenn die Szene lebhaft in meiner Erinnerung gespeichert ist, SO kann sie nicht stattgefunden haben.
Vor ein paar Jahren war ich wieder einmal Kiel, zum ersten Mal seit meiner Kindheit, und ich war erstaunt, dass man zum (scheusslichen) Marinedenkmal in Laboe eine halbe Stunde mit dem Schiff fahren muss. In meiner Erinnerung war der Turm DIREKT neben dem Hauptbahnhof gestanden. Nun kann das natürlich nicht sein, ein solches Monument kann man nicht abtragen und kilometerweit entfernt wieder aufbauen, nein, nein, nein, auch hier hatte mein Gedächtnis, meine Erinnerung mir einen Streich gespielt.
Wir können nicht speichern ohne zu verarbeiten.
Diese klare Erkenntnis hat die Hirnforschung vor Jahren schon verkündet. Die Frage ist, warum das so ist.
Warum erzählen dir Augenzeugen nach 5 Jahren total, aber auch wirklich total andere Geschichten?
Warum können sich drei Geschwister nicht einigen, ob die Grossmutter Rosinen in den Kuchen tat oder nicht?
Warum…?
Warum…?
Es scheint ein evolutionärer Vorteil gewesen zu sein. Für den Homo Sapiens war diese Hirnfunktion irgendwann und irgendwo und irgendwie praktisch.
Und nun kommt das Spannende: Der Computer kann das nicht. Die Elektronik kann das nicht. Ihr PC kann das nicht. Die KI kann das nicht.
Eine Datei, die irgendwo abgelegt wurde, ist auch nach 50 Jahren noch genau gleich, ich habe vorhin gerade alte Fotos von Wales 2007 angeschaut, die drei Jungs vor der Kirche stehen noch genau da, wo sie standen.
Wenn das Speichern PLUS wild Verarbeiten aber ein Vorteil war, dann hat die KI da einen entscheidenden Mangel.
Anders gesagt: Wir verarmen, wenn wir uns nur noch auf die elektronische Speicherung verlassen.
Dass Laboe weit von Kieler Innenstadt entfernt liegt, das habe ich inzwischen korrigiert. Wem ich aber den Zettel mit «Das 5-Akt-Schema» hinschob, wer da neben mir sass, oder ob ich Alexis ein ganz anderes Thema erklärte, oder ob die Story ÜBERHAUPT VÖLLIG ANDERS stattgefunden hat, das wird nicht mehr herauszufinden sein. Denn wenn ich Klassenkolleginnen und Klassenkollegen frage, von der ersten oder der zweiten Schule, dann haben die ihre Erinnerungen ja auch verarbeitet…
Es ist hoch spannend.