Ich habe neulich etwas getan, was ich schon ewig nicht mehr gemacht und wovor ich ein wenig Angst hatte: Ich bin auf meine Waage gestiegen. Es war mir klar, dass ich durch den Nikotinentzug zugenommen habe, allerdings sollte der Verzicht auf Alkohol ja dann wieder etwas Positives bringen, aber nichtsdestotrotz, es war klar, das Gewicht von vor 10 Jahren ist es nicht mehr…
Ich war dann sehr, sehr, sehr angenehm überrascht: 76,5 Kilogramm.
Nach alter Rechnung sind das (ich bin 178 cm gross) 1,5 Kilo unter Normalgewicht – und deutlich ÜBER Idealgewicht, aber à la bonne heure.
Aber im modernen System? Im BMI, im «Body Mass Index»?
Ich suchte mir einen BMI-Rechner, gab Grösse und Gewicht ein (wobei ich fairerweise AUFrundete, weil keine Kommastellen möglich waren) und erhielt den Wert von 24,3. Und erhielt die Warnung: Aufpassen, Rolf! Ganz nah am Übergewicht! Keine Schoggi mehr, keinen Kuchen und den Espresso ab jetzt ohne Zucker! Denn ab BMI 25 beginnt die Adipositas.
Ich maulte eine Weile vor mich hin, dann aber stutzte ich: War da nicht etwas mit Alter gewesen? Der Rechner hatte nur nach Grösse und Gewicht gefragt. Ich suchte also eine Alterstabelle, und siehe da: Im Alter von über 60 darf der BMI stramme 29 betragen. Also nix mit Schoggiverbot, Kuchenverbot, Zuckerverbot, alles im Grünen Bereich.
Wie kam es zu den unterschiedlichen Wertungen?
Nun, die Homepage, die einen BMI-Rechner MIT Alter enthält, war eine Seite des Institutes für Endokrinologie und Metabolismus der Universität Erlangen, die Homepage OHNE gehörte ORANG-UTAN-GYM®, einer Kette von Fitnesstempeln, die Studios in D, A, CH betreibt. Und natürlich sind die Leute des Institutes für Endokrinologie und Metabolismus der Universität Erlangen an einer seriösen Betrachtung interessiert, und die Leute von ORANG-UTAN-GYM® nur am Geldverdienen. Sie wollen dir das Folgende einreden: Ganz nah am Übergewicht! Keine Schoggi mehr, keinen Kuchen und den Espresso ab jetzt ohne Zucker! Und Fitness! Crosstrainern! Spinning! Abo bei uns!
Als ich über alles dies nachdachte, kam ich zu einer einfachen Forderung, um die explodierenden Gesundheitskosten zu senken:
Verbot von sämtlichen Hinweisen zu Gesundheit, Gewicht, Bewegung etc. im Internet, die nicht von Medizinern stammen.
Dies würde nämlich folgende Fälle verhindern:
Der 60jährige, der von Praxis zu Praxis rennt, dann endlich einen Arzt findet, der ihm ein Magenband legt, ein Magenband, das seinen BMI von gefährlichen 24,3 auf 19, 8 senkt – obwohl für Menschen in seinem Alter ein solcher BMI natürlich viel, viel, viel zu tief ist…
Die Frau, die umgekehrt viel zu spät zum Dermatologen geht, um ihren Nagelpilz zu zeigen, weil sie ein Jahr lang Kaffeesatz draufgekippt hat (wurde ihr auf Facebook und Insta empfohlen) und die Onychomykose sich unter dem Kaffee fröhlich weiterentwickelt hat…
Der 40jährige, der bei jedem, aber absolut jedem Symptom (juckende Nase, trockener Mund, Schwitzen etc.) eine Homepage findet, auf der das ein Zeichen für ein Karzinom ist und der nun von Apparat zu Apparat und von Tomographie zu Tomographie speeded. Neulich musste man ihm im Unispital Dresden klarmachen, dass sein Symptom xy zwar ein Anzeichen für ein Zervixkarzinom sein könnte, dass aber bei ihm ein Zervixkarzinom biologisch unmöglich sei…
Die ältere Dame, die auf der Website eines Tonika-Herstellers den Test «Fühle ich mich wie 30?» gemacht hat, und die nun ihren Hausarzt bestürmt, ihr die Vitamine A, B, C, F, G1, G3, G5 und H19 zu verschreiben…
Verbietet allen diesen Unsinn, diesen Internet-Quatsch, denn nur die Nachfrage bei meiner Hausärztin, ob ich abnehmen müsse, ob mein Nagelpilz durch Kaffee zu heilen sei, ob ich ein Zervixkarzinom habe und warum ich mich nicht mehr wie 60 fühle, allein diese Konsultationen kosten einen Haufen Geld.
Ich habe neulich etwas getan, was ich schon ewig nicht mehr gemacht hatte und wovor ich ein wenig Angst hatte: Ich bin auf meine Waage gestiegen. Ich war dann sehr, sehr, sehr angenehm überrascht: 76,5 Kilogramm.
Und so leichtfüssig schwebe ich – nicht zum Arzt, sondern von dannen.