Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Und seine Stimme auch. Während er vor 20 Jahren noch aussuchen konnte, ob er den Tristan in München oder Berlin singt (die Premieren überschnitten sich), konnte er vor 5 Jahren froh sein, wenn Kiel oder Trier ihn für einen Lohengrin B-Besetzung fragten, und dieses Jahr sind die Angebote, die ihm sein Agent übermittelt, katastrophal:
Dritter Gefährte des Seneca in Augsburg
Parpignol in St. Gallen
Friseur Hyppolyte in Pforzheim
(für die Nicht-ganz-Opern-Firmen: Das ist «L`incoronatione di Poppea», «Bohème» und «Rosenkavalier»
Aber er wird eines annehmen.
Sein Kollege Ivan Tschedrinek hat es anders gemacht: Als er merkte, dass sein Siegfried nicht mehr ewig geht, beschloss er seine Karriere mit einem fulminanten Ring an der Hamburgischen Staatsoper. 20 Minuten Standing Ovations, danach Party ohne Ende – heute lebt er vom Kurse geben.
Man muss auch aufhören können.
Wenn ich an die Herren Tenöre denke, dann kommt mir die FDP in den Sinn. Die Freien Demokraten stellten den ersten Bundespräsidenten. Sie waren jahrelang in Regierung, und ein FDP-Schwergewicht (und das meine ich jetzt ganz wörtlich) hat die deutsche Einheit gemanagt. Die Liberalen waren aus dem Bundestag nicht wegzudenken.
Und nun?
Und nun?
Ich denke, es ist an der Zeit aufzuhören, und zwar bevor man aus der LETZTEN Regierung und aus dem LETZTEN Landtag geflogen ist. Bevor man stolz sagt: «Aber in Winsen an der Aller sind wir im Gemeinderat», bevor man verkündet: «In Vogtsburg (Kaiserstuhl) stellen wir den Bürgermeister», bevor dann auch auf der Gemeindeebene tote Hose ist.
Nein.
Wir timen die Auflösung der FDP auf den 30. Mai und machen eine grosse Fete.
Der 30. Mai ist ein guter Tag, nicht deshalb, weil es einmal einen Karnevalsschlager «Am 30. Mai ist der Weltuntergang» gab, sondern weil da das Hambacher Fest war, sozusagen die Anfänge der Liberalität – und das Ende dann eben auch dann.
Es wird zunächst ein vielfältiges Kulturprogramm geben. Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Auftragskomposition «Das Ende», die Zeilen aus einem Hesse-Gedicht vertont:
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Das Hauptthema nimmt die Buchstaben A – D – E – F – D – (P) als schöne Mollmelodie. (Wer es kann, singt das jetzt mal, es klingt wirklich schön.)
Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt der Chansonette Margot Agnastrazi – Sie ahnen, wer sich dahinter verbirgt: Agnes Strack-Zimmermann trägt Brecht-Songs vor, viel Dreigroschen, und hier natürlich ihr Lieblingslied, der Kanonen-Song:
Soldaten wohnen
Auf den Kanonen
Von Cap bis Couch Behar.
Dann wird getanzt, und wer jetzt meint, Politiker seien keine guten Tänzer, der soll sich erst einmal die Videos vom Bundeskanzler anschauen, da können die Liberalen absolut mithalten.
Und später gibt es Alkohol – das erste Mal seit Jahren (und auch das letzte Mal), dass die FDP mit irgendetwas über 20% zu tun hat.
Der Heldentenor Georgy Tranikayan ist in die Jahre gekommen. Aber er hat jetzt ein grosses, tolles und auch für ihn letztes Engagement. Er singt als Ausklang der grossen FDP-Party
«Time to Say Goodbye»