Dienstag-Freitag-Glosse
Freitag, 29. Mai 2026
Ich traf ins Schwarze: Die beiden Pallas sind Cousinen
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Ich hatte im September 2025 im Post «Liebe Frau Palla» geschrieben:
Ich war ja bei Ihrer Er-Nennung, also bei der Nennung Ihres Namens angenehm überrascht. Nicht weil ich Sie kenne, sondern weil ich jemand anderes kenne, der so heisst, eigentlich die so heisst. Das ist nun nicht ungewöhnlich, wenn man Menschen mag, die «Mulisch» heissen, dann sind zunächst einmal alle «Mulisch» positiv belegt, und wenn man «Hobler» mag, dann ist jede und jeder «Hobler» zunächst für einen eine Gute, ein Guter. Am Beginn seines wunderbaren Dramas lässt Lessing den Prinzen einer Emilia Bruneschi einen Riesenwunsch erfüllen, nur weil sie Emilia heisst, eine andere Emilia, nämlich die Titelfigur des Stückes, Emilia Galotti, ist das wahre Ziel seiner Begierde…
Und ich kenne nun eine herrliche Künstlerin, die aus dem Bündnerland stammt und in Zürich wohnt und arbeitet, Ursula Palla, zunächst Videokünstlerin, nun arbeitet sie mit filigranster Bronze. Vielleicht sind Sie sogar verwandt, immerhin stammen Sie aus Südtirol und «Palla» könnte ja sowohl im Rätoromanischen als auch im Ladinischen heimisch sein, aber das müsste man genauer recherchieren.
Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Es hat sich nämlich nun herausgestellt, dass die beiden Damen echt verwandt sind. Und zwar nicht um 18 Ecken, wie man sagt oder so, wie alle Rothschilds oder Kennedys oder so, wie alle Thurn und Taxis oder alle Krupps verwandt sind, sondern ganz, ganz, ganz nah.
Sie sind Kusinen.
Für die Schweizer: Cousinen.
Ersten Grades.
Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Nein.
Nein.
Das ist sogar falsch: Ich treffe sehr häufig ins Schwarze.
Manchmal ist das Schwarze auch ein Wespennest, so habe ich immer wieder Musikerinnen und Musiker gefragt, warum sie nicht … obwohl sie doch … oder weil sie … und bekam immer einen Schwall von Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger um die Ohren geschrien. Und als sich Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger gelegt hatten, fanden wir dann doch Lösungen.
Da war die semiprofessionell Blockflöte spielende Kindergärtnerin, die ich fragte, warum sie nicht Musikalische Früherziehung studiert.
Da war die Stimmbildnerin, die ich nach einer wunderschönen Mozartmesse fragte, warum sie nicht mehr singt. («mehr» betont)
Da war die Kontrabassistin, die auch Barockoboe studiert hatte und in nicht-historischen Orchestern Bach dudelte und die ich fragte, warum sie auf Violone umsteigt.
Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Und dann eine Lösung.
Wer übrigens auch meistens ins Schwarze trifft, sind die Wirtschaftsweisen – man gestatte mir den kleinen Gedankensprung – die ja auf gewisse Dinge schon seit 15 Jahren hinweisen. Man müsste auf diese Schwarztreffer – sie sind eben «Schwarztreffer» und keine «Schwarzseher» – jetzt nur noch hören…
Und nicht: Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger. Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Manchmal treffe ich voll ins Schwarze:
Die beiden Damen Palla sind Kusinen.
(Cousinen)
Dienstag, 26. Mai 2026
Reiche leiden weniger unter den Krisen, also: Reich werden
Wir machen am Anfang ein kleines Quiz über das aktuelle Deutschland:
A) Wen trifft die Irankrieg-Energiekrise am meisten?
B) Wen trifft die Behebung des Defizits in den Krankenversicherungen am meisten?
C) Wen trifft die Rentenproblematik am meisten?
D) Wen treffen die hohen Mieten am meisten?
Denken Sie nach und lesen Sie dann weiter.
Die Antworten sind:
A) Menschen mit geringem Einkommen.
B) Menschen mit geringem Einkommen.
C) Menschen mit geringem Einkommen.
D) Menschen mit geringem Einkommen.
Wie lange mussten Sie nachdenken? 10 Sekunden? 1 Minute? 10 Minuten?
ZEHN MINUTEN?
Dabei liegt es doch klar auf der Hand.
Ich will ein bisschen aus der eigenen Schule plaudern. Vor ca. 15 Jahren war ich unverschuldet in einer finanziell recht schwierigen Situation. Damals hatte ich ein Monatsbudget, das bis auf den Rappen ausgerechnet war.
Hätte damals das Generalabonnement ODER die Miete ODER die Krankenversicherung um 50 Franken zugelegt, wäre es eng geworden, aber durch Streichung gewisser Dinge (kein Kaffee mehr auswärts, die alte Jeans doch flicken usw.) doch zu stemmen gewesen.
Hätte damals das Generalabonnement UND die Miete UND die Krankenversicherung um je 50 Franken zugelegt, hätte ich Konkurs angemeldet.
Zum Glück passierte das nicht, aber ich kann mich in Menschen hineinversetzen, die sich fragen, ob am Wochenende Essen noch drin ist…
Man fragt sich aber nun, ob die deutsche Bundesregierung diese Empathie noch besitzt.
Es gibt – um dem Ganzen nun eine positive Wendung zu geben – also nur eine Lösung: Werdet reich!
In der Küche der ehemaligen WG meines besten Freundes hingen viele Postkarten an der Wand, darunter war eine mit der unglaublichen Sentenz:
VIEL GELD MACHT EINFACH REICHER.
Das ist doch grossartig. Besser kann man es nicht ausdrücken.
Wie wird man nun reich? Und somit in die Lage versetzt, dass einem die Punkte A), B), C) und D) nichts mehr ausmachen?
Auch hier gibt es wieder vier Punkte, benennen wir sie mit vier kleinen Buchstaben
a) Heirat: Nehmen Sie Abstand von der grossen Liebe, von Romantik und Träumen und so, heiraten Sie nicht Wärme und Schönheit, sondern Geld. «Geld gesucht, Mann/Frau kein Hindernis» Zuschriften unter Chiffre 3475dge78 – das ist die Anzeige der Zukunft.
b) Erbschaft: Wesentlich schwieriger, weil man ja Vater und Mutter und Tante und Onkel sich nicht einfach im Internet aussuchen kann. Wenn aber, ja wenn Sie noch über eine Tante, Grosstante, Urgrosstante oder Onkel, Grossonkel, Urgrossonkel verfügen, die oder den Sie lange nicht besucht haben, dann, ja dann schleunigst hin! Jeden Tag sich um die Person kümmern, bevor es UNICEF®, Save the Children®, der WWF® oder wie die Erbschleicher alle heissen, tun…
c) Lottogewinn: Sehr schön, um reich zu werden, nur sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Macht aber nix, trotzdem versuchen, schliesslich HABEN ja schon Leute gewonnen.
d) Kriminalität: Kriminell zu werden ist die einzige sichere Methode um wirklich reich zu werden. Leider. Aber wenn Sie erst einmal Ihre unnötigen Skrupel beiseite geräumt haben, dann stehen Ihnen alle
Möglichkeiten offen, von A wie Autodiebstahl bis Z wie Zuhälterei gibt es eine Riesenpalette um sich auszutoben.
Also immer daran denken: VIEL GELD...
VIEL GELD MACHT EINFACH REICHER.
Freitag, 22. Mai 2026
Warum gibt es in den Innenstädten keine Schnürsenkel?
Dinge, die selten sind, Spezialbedarf und Spezialistenzeug.
Dinge, die peinlich sind, oder die Läden, die sie verkaufen.
Dinge, die gross und sperrig sind.
Zu den ersten gehören solche Sachen wie Anglerausrüstung, Werkzeuge und Musiknoten.
Wenn Sie zum Beispiel an die Aare fischen gehen wollen und haben alle ihre Köder vergessen, dann wird es schwierig sein, beim Umsteigen in Bern einen Laden zu finden, der diese komischen fliegenartigen Häklein verkauft.
Wenn Sie einen Spezialschrauber brauchen, der Ihnen die Herdabdeckung lüpft, werden Sie selbst in Zürcher Innenstadt eine Weile herumrennen müssen, um einen solchen Herdabdeckungslüpferspezialschrauber zu finden.
Und wenn Sie in St. Gallen die Spaurmesse dirigieren sollen und haben Ihre Partitur vergessen, dann werden Sie vielleicht keinen Notenhandel auftreiben, der die Missa KV 258 vorrätig hat. (Nur in Stuttgart kennen ich ein Notengeschäft, das alle – ich betone: ALLE – Eulenburg-Studienpartituren da hat…)
Hier hat der Online-Handel alle Spezialgeschäfte aus den Innenstädten vertrieben.
Zum zweiten gehören Dildos und S/M-Bedarf.
Natürlich, natürlich, es hat in Bern, Zürich und St. Gallen Sexshops, aber wissen Sie, wo die sind? Und trauen Sie sich danach zu fragen: «Entschuldigen Sie, Sie sehen aus wie ein Einheimischer, wo ist hier denn der nächste Sexshop?» Und wenn es die eigene Stadt ist, möchte man ja nicht unbedingt gesehen werden.
Zwei Dinge, die die Peinlichkeit verloren haben – dieser kleine Exkurs sei mir gestattet – sind übrigens Kondome und Klopapier. Präservative werden inzwischen in jedem Drogeriemarkt ins Regal gelegt, und das ist gut so, es sind in den 50er Jahren noch junge Frauen schwanger geworden, weil man (Mann) es nicht übers Herz brachte, beim Drogisten nach Kondomen zu fragen. WC-Papier kann jeder Mensch inzwischen ungeniert nach Hause tragen, offen! Ging früher nicht, selbst die Klorolle im Auto verbarg man unter einem Häkelhütchen – was doof war, denn jeder wusste ja, was sich unter dem Häkelhut befand. Die WC-Papier-Peinlichkeit ist übrigens total unverständlich, denn jeder Mensch muss ja, und jeder braucht Klopapier.
Grosse Dinge wie LKWs, 60 Mensch-Zelte, Granitblöcke und Gartenhäuser bekommen Sie nicht in den Innenstädten. Nicht in der Berner Innenstadt. Nicht in der Zürcher Innenstadt. Weil man einen LKW nicht aus der Fussgängerzone herausbekommt. Genauso wenig wie 60 Mensch-Zelte, Granitblöcke und Gartenhäuser.
Was aber ist das Problem mit Schnürsenkeln? (oder für die Eidgenossen: Schuhbändeln)
Sie sind nicht selten. Kein Spezialbedarf.
Sie sind nicht peinlich.
Sie sind nicht gross und sperrig.
Vor sechs Wochen riss mir um die Mittagszeit der Schnürsenkel. Damals bin ich zwei Stunden in der Basler Innenstadt herumgerannt um einen neuen zu finden.
MIGROS: Fehlanzeige
COOP: Fehlanzeige
Alle Kaufhäuser: Fehlanzeige.
Sämtliche Schuhläden: Natürlich vorrätig, aber als Ersatz beim Kauf von Luxusschuhen ab 600 Franken.
Sämtliche Sportgeschäfte: Natürlich vorrätig, aber als Ersatz beim Kauf von Luxussneakers ab 700 Franken.
Bis ich dann meine geheime Spezialadresse fand…
Was ist das Problem mit Schnürsenkeln? (Schuhbändeln)
Fast jeder Mensch trägt welche mit sich herum, und kommt dann in eine bescheuerte Situation, wenn diese reissen. Und sie reissen immer im dümmsten Moment. Sie sind auch nicht gefährlich, natürlich, man könnte jemand damit erwürgen, ich habe allerdings noch nie von einem solchen Mord gehört…
Nein.
Ich verstehe das nicht. Zumal MIGROS und COOP eine Menge Mist anbieten, den man akut nun wirklich nicht braucht. (Duftkerzen und so…)
Ach so,
Sie wollen meine Spezialadresse? Weil ihre Schnürsenkel (Schuhbändel) auch schon sehr dünn sind?
So sehen Sie aus.
Die bleibt geheim. Sonst kaufen Sie mir alles weg und ich habe das Nachsehen.
Dienstag, 19. Mai 2026
Quarterlife? Noch eine Krise?
Ich habe neulich ja schon geschildert, dass ich ein treuer SWR-Hörer bin. Und neben diversen anderen Sendungen ist auch «Das Wissen» in meiner Hitliste. (Leider kann ich nur in den Ferien und am Wochenende um 8.30 Radio hören.) Am letzten Samstag war die Arbeitssuche von Mitte 20-jährigen das Thema, eine Arbeitssuche, die sich immer schwieriger gestaltet. In dieser Sendung tauchte nun der Begriff der «Quarterlife Crisis» auf. Und eben dieser Begriff machte mich stutzig.
Was sagt Google zu diesem Thema?
Die Quarterlife-Crisis ist eine Sinn- und Orientierungskrise, die häufig im Alter zwischen 20 und Mitte 30 auftritt. Betroffene hinterfragen ihr Selbstbild, ihre Karriere und Lebensentscheidungen tiefgreifend. Ausgelöst wird sie oft durch den Druck, den Erwartungen des Erwachsenenlebens gerecht zu werden und sich in einer Welt unendlicher Möglichkeiten zurechtzufinden.
Ach du liebe Zeit.
Bisher hatte ich geglaubt, das Leben habe vier Krisen für uns parat:
Die Trotzphase.
Die Pubertät.
Die Midlife Crisis.
Den Altersstarrsinn (auch als «Endlife Crisis» tituliert).
Zwischen der Pubertät und der Mittellebenskrise – so dachte ich – sind mal eben 20 Jahre Ruhe, oder noch mehr.
Wie viele Krisen werden denn nun noch auftauchen? Zwischen 30 und 50 klafft ja nun immer noch ein grosses Loch.
Wobei: Wer mit 20 schon seine Kinder in die Welt setzt, gerade bei Menschen, die eine ordentliche Berufsausbildung machen, kann das ja gut sein, der leidet dann mit 40 eventuell schon am «Empty Nest Syndrom», also an der Verzweiflung und Leere, die eintritt, wenn die Kinder das warme und gemütliche Zuhause verlassen.
Wer nun aber mit 20 Familie macht, der hat sicher keine Quarterlife Crisis, das ist nämlich – lassen Sie uns das mal ganz hässlich sagen – ein Scheiss-Akademiker-Problem. Wer nun ordentlich quarterlifekriselt, und dann erst mit 30 Kinder in die Welt setzt, der hat erst mit 50 sein Empty Nest, und das fällt dann mit der Midlife Crisis zusammen.
Anders formuliert:
Wir schaffen es gar nicht, sämtliche Krisen anzulaufen, die uns das Leben in seiner reichen Fülle parat hält.
Ich habe ja eh eine Theorie, die allerdings psychologisch nicht erforscht und nicht abgestützt ist: Die Summe aller Krisen ist immer gleich. Wer also (nach der Herter-These) ausgiebig trotzt, bei dem ist die Pubertät nicht schlimm, wer richtig wild pubertiert, da ist dann die Midlife milder, und wer bis zum 80. Lebensjahr noch gar nie gekriselt hat, da kommt dann ein böser, hartnäckiger und gemeiner Altersstarrsinn.
Aber habe ich jetzt nicht von etwas vergessen?
Das Geburtstrauma! Natürlich.
Und den Tod.
Wir kommen ja schon in einer Riesenkatastrophe auf die Welt und verabschieden uns auch in einem nicht ganz unproblematischen Prozess…
Und dann ist mit 65 auch noch eine ganz schlimme Zeit, man hört auf zu Arbeiten und fällt in ein Riesenloch – es sei denn, man hat so viel Geld, dass man die ersten 5 Jahre der Rente komplett auf Kreuzfahrtschiffen verbringen kann und beim Kapitänsdinner den Köchen zuschauen kann, wie sie die Torten mit Wunderkerzen bringen. (…da-da-dada-daaaa-da-da-dada-daaaa…, ja, ich habe zu viel «Traumschiff» geschaut…)
Was bleibt eigentlich übrig?
Fast nichts.
Ich schlage deshalb den Psychologen vor, nicht mehr die Krisenzeiten zu benennen, die ja unser Leben total bestimmen, sondern die Stabilitätszeiten. Sind viel weniger und deshalb auch klarer zu definieren.
Das Schöne ist: Ich selbst befinde mich – wenn alle Rechnungen stimmen – zurzeit in einer solchen Stability Time, die Midlife Crisis ist hinter mir, und die Rente kommt noch. Ausserdem habe ich mit 4 dermassen getrotzt, mit Auf-den-Boden-werfen und Herumschreien und literweise Tränen, dass danach sowieso nix mehr kam, so kam ich ja auf meine Theorie.
In welcher Stability befinden Sie sich gerade?
Aber egal, seien Sie getrost:
Die nächste Krise kommt bestimmt.
Freitag, 15. Mai 2026
Ganz genau hinsehen...
Wir unterhalten uns über eine Folge des Verbrauchermagazins «Kassensturz», in der eine Masche gezeigt wurde, mit der Betrüger Menschen, die einen Ungezieferbefall hatten, gnadenlos abzockten – indem sie ihren Schrecken ausnützten. «Kann mir nicht passieren», meint mein Bekannter Roman, «ich sehe immer genau hin.»
Genau hinsehen. Gute Sache.
In einem anderen Gespräch dreht es sich um «Abschreiben während des Tests», Lehrerinnen und Lehrer unter sich. Wir alle mussten zugeben, dass wir beim Korrigieren immer wieder einmal ziemlich merkwürdige Übereinstimmungen feststellen mussten, A hatte von B «abgekupfert». Wir alle – ausser Helga. Helga gibt an, dass bei ihr noch niemals, nie, zu keiner Zeit und bei keiner Gelegenheit jemand abgeschrieben hätte. «Ich sehe immer genau hin.»
Gute Sache. Genau hinsehen.
Horst, ein Mediziner, den ich bei einer Vernissage treffe, rät mir (sollte man bei Vernissagen nicht über Kunst reden – und dort hinsehen?), ich sollte bei ihm mehrere Vorsorgeuntersuchungen machen. Eine dieser Vorsorgen ist ein Hautkrebsscreening, das er speziell entwickelt hat. Horst kann auch kleine Melanome (<0,0001mm) erkennen und damit sehr früh handeln. Wie er das macht? Er sieht angeblich genau hin.
Genau hinsehen. Gute Sache.
Ich frage mich allerdings: Wie wollen die Leute das machen?
Wie geht Roman auf Ungezieferjagd? Rückt er sämtliche Möbel von der Wand und schraubt die Lamperien ab? Forscht er in den Teppichritzen und kratzt an den Tapeten? Es ist praktisch unmöglich, eine einzelne Wanze zu finden, aber hat man nur eine irgendwie eingeschleppt, ist man verseucht. Dass Ungeziefer sich nur in «Drecklöchern» findet, ist ein Märchen, das jeder Kammerjäger dir widerlegt.
Wie kann sich Helga sich ihrer Sache so sicher sein? Seit es Klassenarbeiten gibt, wird abgeschrieben. Und wenn ein Jüngelchen den Spickzettel auf dem Oberschenkel unter seinen Shorts hat, kann sie den zwar entdecken und konfiszieren – ihre Stelle ist sie los. Sie wird sich dann fragen, ob es nicht vernünftiger ist, sich zu 100% neben ihn zu stellen, dann aber kupfern alle andern ab.
Horst Screening ist unschlagbar, allerdings schafft er mit seiner High-Tech-Super-Hyper-Lupe nur 3cm2 in der Minute. Man kann sich ausrechnen, wie lange eine Untersuchung bei ihm dauert und – das ist ja auch immer wieder das Thema! – was es kostet.
An die drei Menschen, an Roman, Helga und Horst muss ich denken, wenn ich lese, dass Politikerinnen und Politiker, dass Ministerinnen und Minister irgendwo «genau hinsehen».
So zum Beispiel die Sache mit dem Tankrabatt:
Ministerin Reiche betonte, dass die befristete Senkung der Energiesteuer (16,7 Cent pro Liter auf Diesel und Benzin bis Ende Juni 2026) zwingend an die Verbraucher weitergegeben werden müsse. Sie erwarte, dass das Bundeskartellamt die Weitergabe genau überwache, und drohte bei nicht erfolgter Entlastung mit Maßnahmen.
Man will also genau hinsehen, was da läuft. Die Frage ist – wie bei den Beispielen oben – wie man das anstellen will. Deutschland hat 14000 Tankstellen. Wird das Kartellamt überall vorbeilaufen? Oder Frau Reiche selber? Und was macht man, wenn der Betreiber, versichert, schwört, beteuert und bekräftigt, er habe unendliche Vorräte, die schon VOR der Steuersenkung eingekauft wurden? Geht man dann ins Büro und schaut die Bücher an?
Nein.
Man kann vereinfacht sagen, jede Regelung, bei der man GANZ GENAU hinsehen muss, ob sich überhaupt jemand dran hält, ist Murks.
So.
Jetzt gehe ich in die Küche und werde einen Kuchen backen. Butter verflüssigen, Eier trennen, Mehl…
Nein, ich muss mein Mehl nicht sieben. Ich schaue immer ganz genau hin, ob da Klümpchen sind.
Dienstag, 12. Mai 2026
Die Huren-, Wein- und Lärmsteuer in Bullhausen (eine Geschichte aus dem Mittelalter)
Mitte des 16. Jahrhunderts herrschten – so geht die Sage – im Städtchen Bullhausen an der Bull desolate Zustände:
Die Leute ernährten sich nur von süssen und fetten Speisen, dazu tranken sie Unmassen an Wein, Bier, Schnaps und Most und rauchten ständig ihre Tobakspfeifen.
Jeder Mann war mindestens einmal in der Woche Gast im Badhaus «Zur geifernden Gans» im Gerberquartier, wo er sich von den Badhuren Anna, Lisa und Mona verwöhnen liess.
Der Lärm auf den Strassen war zum Teil so ohrenbetäubend, dass man auch in den Zimmern Mühe hatte, sich zu unterhalten, da hatten alle Handwerker ihre Produktionen auf die Gasse verlegt, da kamen Fuhrwerke und da schrieen Knechte. Und das praktisch rund um die Uhr.
Der Gang zur Kirche wurde auch zur Seltenheit.
Der Rat von Bullhausen an der Bull tagte etliche Frist, und dann hatten sie eine Lösung: Steuern, Gebühren und Bussen.
Auf Zucker und Fett erhob man einen Heller, auf ein Glas Most zwei, auf Bier und Wein drei und auf ein Glas Schnaps vier. Tabak wurde mit fünf Hellern besteuert.
Ein Besuch im Badhaus bei Anna, Lisa und Mona wurde mit einer Sonderabgabe von 3 Batzen belegt.
Die Ruhezeiten wurden folgendermassen definiert: Vor Sonnenaufgang, zwei Stunden am Mittag und nach Sonnenuntergang. Wer ausserhalb diesen Zeiten lärmte, musste vier Taler an die Ratskasse zahlen.
Jeder Nicht-Besuch der Kirche hatte eine Spezialabgabe von 1 Taler, 1 Batzen und 1 Heller zur Folge.
Die Massnahme hatte zwei Auswirkungen:
Völlerei und Sauferei, Hurenwesen, Lärm und Gottlosigkeit nahmen zwar nicht ab, aber wurden auch nicht mehr und hielten sich stet auf ihren Niveaus.
Bullhausen an der Bull wurde reich durch viele, viele, viele Taler, Batzen und Heller.
Aber dann…
Aber dann…
Dann kam Herbatius Volkenmeyder in die Stadt. Volkenmeyder war 1534/1535 in Münster gewesen und hatte irgendwie das Täufer-Gemetzel überlebt. Nun zog er als selbsternannter Prophet durch die Lande und rief in den Städten, in die er kam, das Reich Gottes aus. Zu seinen wichtigen Botschaften (die sich in vielen Punkten auch stark von den Münsterleuten unterschieden) zählten:
Der HERR hasst fette und süsse Speisen, er hasst Alkohol und Tabak, also ernährt euch gesund und frugal, meidet schädliche Substanzen, denn euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Der HERR schuf EINEN Mann und EINE Frau, alles andere ist Hurerei und absolut vom Teufel!
Der HERR ruhte am Siebten Tag und ihr könnt auch einmal Ruhe geben. Beten und Bibel lesen ist besser als lärmen.
Jeder Mensch muss einmal in der Woche in die Kirche.
Man könnte nun denken, dass die Bullhausener diesen Menschen sofort fortjagten, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Man hörte auf ihn, und Bullhausen erlebte eine Erweckung, wie sie sich niemand vorgestellt hatte:
Man ass gesund und trank wenig Alkohol (gar nicht ging nicht, dazu war das Wasser zu schlecht), der Tabak wurde verboten.
Das Badhaus «Zur geifernden Gans» schloss seine Pforten und Anna, Lisa und Mona zogen nach Rattelburg an der Rattel weiter.
Die Bewohner waren nachts ruhig und gingen am Sonntag in den Gottesdienst.
Und der Rat?
Er war unglücklich, todunglücklich, denn auf einmal floss ja kein Geld mehr. Wo waren die Heller, Batzen und Taler, die man als Abgaben, Bussen und Steuern eingenommen hatte? Man hatte doch die Menschen einfach mässigen wollen, es war doch nie die Idee gewesen, dass die einfach AUFHÖREN mit all ihrem schlechten Tun.
Und so beschloss der Rat von Bullhausen, dass man eingreifen müsse. Man stellte Herbatius Volkenmeyder zur Rede und ihn vor zwei Alternativen: Bleiben und als Ketzer verbrannt zu werden (immerhin taufte er, wenn auch in ärgster Heimlichkeit) oder morgen zu verschwinden.
Herbatius Volkenmeyder entschied sich fürs Gehen.
Und in Bullhausen an der Bull war wieder alles in Ordnung.
Diese Sage sei eine Warnung an alle Politiker, die Abgaben, die als Regulativ gedacht sind, gleichzeitig in den Haushalt mit einpreisen. Es kann ja nicht sein, dass die, sich falsch verhalten, darauf stolz sein können, etwas für die Allgemeinheit zu tun.
Freitag, 8. Mai 2026
Bitte keine Bilder von Radiomoderatoren zeigen!
Zu den Lieblingssendungen, denen meine Mutter früher gerne im Radio lauschte, gehörte «Sie wünschen, wir spielen» in SDR 1 mit Heinz Kilian. Ich selber konnte dieses Wunschkonzert nur in den Schulferien hören (es kam von 11.00 bis 12.00), fand es aber auch immer grossartig. Und zwar nicht wegen der Qualität der Musikbeiträge (das bewegte sich oft zwischen «Ich hab` Ehrfurcht vor schneeweissen Haaren» und «Die Rasenbank am Elterngrab»), sondern weil es so schön «menschelte». Denn da wurden Leute angerufen, die es vorher nicht wussten, und wenn dann die Rentnerin Erna in Welzheim im Schwäbischen Wald begriff, dass sie gerade LIVE im SÜDDEUTSCHEN RUNDFUNK war, das war schon herrlich…
Ich selbst wusste sogar, was ich wünschen sollte, wenn meine Mutter angerufen worden und nicht da gewesen wäre: «Kein schöner Land» und damit unsere Verwandten auf der Schwäbischen Alb grüssen.
Nun war Mitte der 70er Jahre ein «Tag der Offenen Tür» im Funkhaus des SDR in der Villa Berg, jener wunderbaren ehemaligen Königs-Sommerresidenz (und Wohnsitz der Grossfürstin Wera), in dem damals das ganze Radiozeug war.
Bei diesem Tag konnte man nun auch alle Radiosprecher live begutachten. Und das war ein Schock: Heinz Kilian war ein alter Mann! Nein, nicht wirklich alt, er war 1975 genau 60 Jahre alt, und das ist nicht alt, ich selbst bin 61, Smiley, aber er hatte halt schon graue Haare und viele, viele, viele Falten. Und im Radio – das ist jetzt der entscheidende Punkt – klang er jung wie ein Teenager.
Man will also Radiosprecher gar nicht sehen.
Aber genau das tut SWR Kultur jetzt.
Ich habe nämlich die Liebe zum Radiohören von meiner Mutter übernommen. Natürlich höre ich nicht mehr das Wunschkonzert im Ersten Programm des Süddeutschen Rundfunks, auch weil es den SDR gar nicht mehr gibt, er wurde ja 1998 mit dem Südwestfunk zum SWR vereinigt.
Ich höre SWR Kultur (was einmal «2» hiess…) auf meinem Laptop. Und hier komme ich nicht umhin, immer wieder auf die Homepage zu blicken.
Während SWR Kultur nun lange die entsprechenden Sendungsankündigungen mit Bilder mit Foto-Wiederholungs-Effekt dekorierte – was schon scheusslich war – ist man nun auf Idee gekommen, mir die Fotos der Moderatorinnen und Moderatoren zu zeigen. Nach dem Motto «man will doch einmal sehen, wer…»
Nein.
Will man nicht.
Wir machen uns doch immer beim Hören der Stimme ein Bild von der Person. Ich habe das schon im März 2021 in einem Post beschrieben:
Als ich meine deutsche Steuerberaterin meine letzte Steuererklärung gemacht hatte und noch Unterlagen da waren, da schlug ich ihr vor, diese persönlich bei ihr abzuholen und endlich uns endlich einmal zu sehen; wir hatten bis dato nur telefoniert und gemailt und geschrieben und wussten nicht, wie der bzw. die andere aussieht. Und die Überraschung war gross: Frau Lupsane war nicht gross und blond, wie ich sie «gehört» hatte, sondern klein und schwarzhaarig. Und sie hatte mich 20 Zentimeter grösser und 20 Kilo schwerer «gehört».
Und dieses Bild wird nun betreffs Radio zerstört.
Und die Leute von SWR Kultur klingen alle so jung und frisch und hübsch, dass ich diese Menschen sicher nicht sehen will:
Da zeigt mir ein Herr in einer schlechten Gesichtsaufnahme, dass er nicht nur überdimensional viele Falten hat, sondern sich auch mies rasiert.
Da posiert ein Mann im Tweedjackett mit Haaren bis zum Arsch – geht gar nicht, Rockerjacke und dann 20jährig im Jugendsender, oder Altrocker in Wacken, aber nicht in einer Sendung über Adorno.
Da sehe ich eine Moderatorin, die ihre Bluse so weit geöffnet hat, das ich ihr Chinesischer-Drache-Tattoo auf dem Schulterblatt sehen kann. (Will ich alles NICHT sehen, nicht das Tattoo, nicht das Schulterblatt, nicht die Bluse und nicht die Frau...)
usw.
usw.
Meine Mutter war bitter enttäuscht, als sie ihren Lieblingsmoderator in Natura sah. Und ich bin es jeden Tag:
Lieber SWR, kehre zurück zum Symbolbild.
Meinetwegen mit Wiederholungseffekt, wenn es unbedingt sein muss. Aber ich möchte diese Menschen wieder nur hören und nicht sehen.