Freitag, 17. Juli 2026

Die Überbelegung des ÖV mit virtuellen Personen

Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern? Sind die Ausländer schuld? Ist unser Land zu voll? Wo liegt das Problem?

Fragen über Fragen.
Und die mit den Ausländern ist ja nicht unerheblich, denn die Situation im Umsteigebahnhof Olten morgens um 7.00 wurde ja von den Befürwortern der 10 Millionen genug-Initiative als Argument ins Feld geführt, und ja, ja, «Morgens um Sieben ist die Welt in Ordnung», diesen in meiner Jugend so populären Buch- und Filmtitel kann man auf Olten Bahnhof sicher nicht anwenden, aber fahren Sie mal mit der Buslinie 311 von Stans nach Seelisberg, an einem Montag um 10.00. Da kann es sein, dass Sie der einzige Fahrgast sind. (Ja, das ist das Seelisberg, von dem der Feuerwächter im 2. Akt des Tell gerufen hat, aber Sie lenken ab…)
Es geht also beim ÖV vor allem um die Verteilung und nicht um die generelle Überbelegung. Thema Gleitzeit, Thema Homeoffice, usw.

Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern? Sind die Ausländer schuld? Ist unser Land zu voll? Wo liegt das Problem?

Ich möchte aber heute den Blickwinkel ein wenig anders setzen: Ich möchte heute das Augenmerk auf die virtuelle Überbelegung lenken.
Virtuelle Überbelegung?

Stellen wir uns vor, ich sitze in einem Wagen, in dem sich sechs Vierersitzgruppen befinden. Es ist keine Stosszeit, also ist jede Vierergruppe mit je einer Person belegt. Dazu kommen aber die vielen, vielen Menschen, die per Handy oder Tablet zugeschaltet sind:
Der grosse Mann in der Gruppe neben mir schaut ein Video einer Streetdance-Darbietung, da er sein (grosses) Tablet so gedreht hat, dass ich den Bildschirm sehen kann, flackern 12 Tänzerinnen und Tänzer durch den Rand meines Gesichtsfeldes.
Die Frau in der Gruppe direkt vor mir befindet sich in einer Video-Konferenz mit zirka zehn teilnehmenden Personen. Ich höre nur sie, und den Bildschirm sehe ich auch nicht, aber dennoch spüre ich die Atmosphäre, Zoom-Atmosphäre, Teams-Atmosphäre, Google Meet-Atmosphäre, Cisco Webex-Atmosphäre.
Der Mann schräg vor mir führt ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin, auch hier höre ich nur ihn, aber sehr laut und deutlich und in dem typischen Manager-Sprech: «…sollten wir aber im Flow…» «…briefst du mich dann am…», «…die Synergien sollten aber trotz Deadline im Fokus…».
Die Frau hinter mir telefoniert mit einer Freundin, leider ist auch diese auf laut geschaltet, was einen sehr ablenkt, zum Glück wechseln die beiden immer wieder ins Türkische, dann wird es zwar noch lauter, aber ich bin weniger abgelenkt – klingt paradox, ist aber so.
Der Mann schräg hinter mir schaut ein Video, das seine Familie zu seinem Geburtstag (heute? gestern? vorgestern?) aufgenommen hat. Würde mich nicht stören, aber immer, wenn er laut lacht (und er grölt wirklich laut) zwingt es mich, mich zu ihm umzuschauen und sehe dann seine Frau, seine Tochter mit Mann, seinen Sohn mit Frau und seine 5 Enkelkinder.

Zählen wir zusammen:
Ich + Mann neben mir + 12 Dancer + Frau vor mir + 10 Konferenzteilnehmer + Mann schräg vor mir + Mitarbeiterin + Frau hinter mir + Freundin + Mann schräg hinter mir + 10 Familienangehörige
…sind…
…nach Adam Riese…
…Trommelwirbel…
Vierzig Personen.

Verstehen Sie nun, was ich mit «virtueller Überbelegung» meine? All diese Leute sind zwar nicht realiter da, sie nehmen mir keinen Platz weg, sie riechen nicht, sie stinken nicht, sie haben kein Gepäck und keine Taschen. Aber trotzdem beengen sie mich, weil eben doch irgendwie da sind.

Ist unser ÖV überfüllt? Bricht unser Nahverkehrsnetz zusammen? Sind alle Züge und Busse zu voll? Was muss man ändern?
Also, Homeoffice wäre schon einmal eine gute Lösung, das würde schon einmal die Zoom-Menschen und Teams-Menschen aus den Zügen und Bussen holen. Und vielleicht müsste man manche Wagen auch handyfrei machen.



 

Dienstag, 14. Juli 2026

Sind Ausdauer und Beharrlichkeit Tugenden?

Seit Juni läuft es extrem gut mit meinen Seitenaufrufen.
Und ich hätte fast schon aufgehört. Es ist einem doch eben nicht ganz egal…

Sicher kennen Sie alle Maler, die, wenn Sie der einzige Gast auf der Vernissage sind, beteuern, es ginge ihnen nicht um Zahlen, wenige, aber kunstverständige Leute, das wäre viel wichtiger als Masse, wer wolle schon Masse!
Sicher kennen Sie Lyrikerinnen, die, auf ihre Auflagenhöhe angesprochen, aufschreien, dass sei ihnen total wurscht, darum ginge es nicht, sie schrieben aus einem Drang heraus, das sei Berufung und innerer Trieb, wer denke schon an Zahlen, das sei so etwas von schnöde und spiesserhaft.
Sicher kennen Sie Musiker, die Ihnen erzählen, sie hätten schon vor zwei oder drei Leuten musiziert und das sei ein genauso grosser Genuss gewesen wie vor zwei- oder dreihundert oder wie vor 2000 oder 3000.
Sie alle lügen.
Wie gedruckt.

Ich bin kein Maler und keine Lyrikerin, aber ich bin Musiker, und ich habe schon Konzerte erlebt, gespielt, gegeben und musiziert, bei denen sich vier Zuhörerinnen und Zuhörer auf den Zuschauerraum verteilten. Macht keinen Spass, natürlich gibt man sich auch für die Mühe, spielt und musiziert endlos schön, aber wirklich Fun ist es nicht. Übrigens auch, wenn Festgage gezahlt wird. Ohne Festgage ist es doppelt blöd.

Ich freue mich also, dass die Seitenaufrufszahlen seit Juni super aussehen. Ich wollte nämlich im Herbst schon aufhören.
«Siehst du», sagt ein Kumpel zu mir, «das zeigt wieder, dass Beharrlichkeit eben immer zum Ziel kommt. Wer A sagt, muss auch B und C und D sagen. Konsequenz ist es, jeden Weg zu Ende zu gehen. Denke an alle, die nicht aufgaben und als erste Berge bestiegen, Meere überquerten und Rekorde aufstellten.»

Hier muss ich nun meinem Kumpel deutlich widersprechen: Beharrlichkeit ist sicher nicht IMMER das Richtige.
Bei meiner Post-Geschichte ist zum Beispiel ein entscheidender Punkt, das es mich nichts kostet, weiterzumachen. Die Site ist gratis, und ich opfere jeweils nur Lebenszeit, aber ich tue das ja für eine Sache, die unendlich Spass macht: Schreiben. Texte verfassen. (Ach, ach, ach, ach, wenn das nur endlich meine Deutschschülerinnen und -schüler begreifen würden, aber das ist ein anderes Kapitel.) Es wäre komplett anders, wenn ich pro Post etwas zahlen müsste und pro Aufruf etwas bekäme. Es wäre auch anders, wenn das Schreiben mich körperlich kaputtmachen würde.

Wie ist das aber nun mit den «Beharrlichen», die Berge bestiegen und Meere überquerten und Rekorde aufstellten? Wir kennen ihre Namen, aber wir kennen nicht die Namen der vielen, die scheiterten. Einfach weil die Historie allen Scheiterns noch nicht geschrieben wurde.
Niemand kennt Max K., der 1897 bei der Erstbesteigung des Berges L. nicht umkehrte (trotz Donnergrollen) und (natürlich) abstürzte.
Niemand kennt Ulrike Z., die 1775 als erste versuchte, den Bodensee zu durchschwimmen und schon nach 1 km ertrank.
Niemand kennt die vielen, vielen, vielen Alchimisten, die sich vergifteten oder sich in die Luft jagten, weil sie Gold herstellen wollten. Es sei denn, es entstand (aus Versehen) Porzellan oder Schiesspulver.

Bertolt Brecht bringt es im Doppelstück vom «Jasager» und «Neinsager» auf den Punkt:

Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.

Und natürlich kommt einem «Das Versprechen» in den Sinn, in dem ein Polizist auf einen Mörder wartet, dem er eine Falle gestellt hat, Tag um Tag, Jahr um Jahr, ein nutzlos vertanes Leben, denn der Kinderschänder ist längst tot.

Seit Juni läuft es extrem gut mit meinen Seitenaufrufen. Und das freut mich – um es einmal ganz schwäbisch auszudrücken – saumässig. Es ist einem doch eben nicht ganz egal…
Und ich hätte fast schon aufgehört. Blieb aber mit Ausdauer dabei. Aber Achtung: Beharrlichkeit ist OK, wenn es weder Gesundheit noch Geld kostet, wenn man bei etwas bleibt, was einem eh Spass macht. Wenn es gefährlich wird und das Leben ruiniert, dann muss man auch einmal umkehren.



Freitag, 10. Juli 2026

Schadenfreude ist super - Trumps Anruf hat nix genutzt

Liebe Leserin, lieber Leser,
wissen Sie, was die schönste Freude ist? Es ist – nein, nicht die Vorfreude – die Schadenfreude.
Aber natürlich nicht, wenn ein alter Mensch mit Rollator stürzt, wenn ein Blinder das Falsche greift, wenn ein Schüler die Antwort nicht weiss. Richtigen Spass macht die Schadenfreude nur, wenn die Opfer der Häme nicht ganz unschuldig sind.

Wollen Sie Beispiele? Gerne.
Als ich mit einer Schulklasse bei Ascona im Abschlusslager war, da fuhren wir (wie jede Klasse es dort macht) am Mittwoch über den See nach Luino (Italien) auf den Markt. Im Schiff ging ein junger Mann an uns vorbei und stierte und glotzte auf zwei sehr hübsche Schülerinnen, M. und A. Aber weil er so glotzte und stierte, verpasste er den richtigen Einstieg in die Treppe ins Untergeschoss und polterte die Stiege hinunter. Wir lachten laut. Wir lachten hässlich. Und wir hatten keinerlei schlechtes Gewissen, denn der junge Kerl wäre ja nicht gestolpert, wenn er auf die Treppe geschaut und nicht auf M. und A. gestiert und geglotzt hätte.

Als die Freiburger Pianistin A. D. mit Ach und Krach ihr Aufbaustudium geschafft hatte, war die Fachgruppe doch sehr erstaunt, dass die Gute sich für eine Solistenausbildung bewarb; natürlich liess man sie in der Aufnahmeprüfung durchrasseln. Nun hatte man aber zwei Faktoren nicht bedacht: Erstens war der Kommission ein kleiner Formfehler unterlaufen, ein kleiner, aber eben doch ein Formfehler. Zweitens hatten A. D.s Eltern Geld und kannten gute Advokaten. Die Klavierspielerin erstritt sich einen Studienplatz. Da nun aber keine der hochrangingen Pianistinnen und keiner der meisterhaften Pianisten sie unterrichten wollte, kam sie zu Herrn M., der sonst Schulmusiker lehrte, aber nicht einmal im Hauptfach, sondern in der Kunst, Gesangsklassen bei «Horch, was kommt von draussen rein» oder «Yesterday» zu begleiten, also im sogenannten Schulpraktischen Klavierspiel.
Unsere Schadenfreude kannte keine Grenzen.
Sie war orgiastisch und gnadenlos.
Unsere Schadenfreude wuchs in Unermessliche, als A. D. zum Examen antrat. Die Kommission der Bewertung ihres Diplomkonzertes bestand zu 50% aus Pianisten und zu 50% aus Juristen. Und sie liessen sie durchfallen – ohne Formfehler.

Schadenfreude also.
Und die Schadenfreude konnte nun wieder einmal sprudeln, sprudeln angesichts der Trump-Infantino-FIFA-Schweinerei. Die hat nämlich gar nichts gebracht.
Schauen wir die Fakten doch noch einmal an: Da wird ein Stürmer per Roter Karte für das nächste Spiel gesperrt, und dann ruft der Landeschef beim FIFA-Chef an, um diese Sperre aufzuheben. Und der Funktionär sagt nicht das, was jeder vernünftige Mensch sagen würde: «Hat es dir ins Hirn gesch…?», nein, er hebt die Sperre auf. Und der Stürmer darf stürmen, obwohl die halbe Welt kopfsteht, und dann bringt das gar nix. Weil die USA 1:4 gegen Belgien verlieren, Balogun hin oder her, und das Ganze hat gar nix gebracht.
Und unsere Schadenfreude ist grenzenlos.

Liebe Leserin, lieber Leser,
wissen Sie, was die schönste Freude ist? Es ist – nein, nicht die Vorfreude – die Schadenfreude.
Aber natürlich nicht, wenn ein alter Mensch mit Rollator stürzt, wenn ein Blinder das Falsche greift, wenn ein Schüler die Antwort nicht weiss. Richtigen Spass macht die Schadenfreude nur, wenn die Opfer der Häme nicht ganz unschuldig sind.

P.S.
Da Gianni sich nun als absolut beeinflussbar gezeigt hat, finde ich, auch der Bundesrat der Eidgenossen sollte sich einmischen. Immerhin ist Infantino Walliser und immerhin ist er korrupt und immerhin hat es die Nati bis ins Viertelfinale geschafft. Und am Sonntag spielen wir gegen Argentinien.
Also.
Lieber Martin Pfister, als für Sport zuständiger Bundesrat sollten Sie beim Schweizer (!) FIFA-Präsidenten anrufen und er soll sich darum kümmern, dass die Eidgenossen endlich einmal Weltmeister werden.

Dienstag, 7. Juli 2026

Schweizer Kantone haben zu viel Geld

Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten nicht zu viele Schulden machen. Denn Schulden sind Geld, das den nachfolgenden Generationen fehlen wird. Wenn man also ein Schwimmbad für Millionen baut oder ein Theater für Milliarden, wenn man prasst und spendiert, dann bestiehlt man eigentlich die Kinder und Enkel. Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer müssen also darauf bedacht sein, dass ihre Finanzen irgendwie in Ordnung sind und der Schuldenberg nicht wächst.

Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten aber auch nicht zu viel Geld anhäufen. Denn angehäuftes Geld ist Geld, das dieser Generation fehlt. Wenn man also KEIN Schwimmbad baut oder KEIN Theater, wenn man sich den neuen Park verkneift und vom neuen Zoo absieht, wenn man spart und hamstert, wenn man häuft und hortet, hortet wie Fafner oder Smaug, dann bestiehlt man eigentlich die Bürger, die jetzt gerade zahlen. Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer müssen also darauf bedacht sein, dass ihre Finanzen irgendwie in Ordnung sind und der Vermögensberg nicht wächst.

Zugegeben, letzteres Problem (ein Luxusproblem) haben wenige Orte. In Deutschland ist es eher selten. Aber in der Schweiz kommt es vor. Zugegeben.
Und witzigerweise enthält das Wort «zugegeben» gerade den Kanton, der mit seinem Überschuss kämpft:
Zug.
In Zug wird diskutiert, ob man bei grossen Mehrsummen der Bevölkerung Geld zurückzahlt bzw. gutschreibt. Warum nicht Steuersenkungen? Weil Steuersenkungen immer eine Wette auf die Zukunft sind (es könnte ja weniger Gewerbeeinnahmen geben) und solche Rückzahlungen eine Reaktion auf das Vergangene.
Auch Basel überlegt solche Dinge.

Man könnte natürlich auch mit den Überschüssen viele tolle Dinge anstellen:
ein Opernhaus
ein Theater
ein Museum
Schwimmbäder, Sporthallen, Laufkurse
Spitäler und Reha-Einrichtungen
Aber der Punkt ist, dass die meisten dieser Dinge schon existieren. Gut, Zug hat nun kein Opernhaus, aber das wunderbare Opernhaus Zürich ist hier einfach zu nah.

Was also tun mit dem Geld? Und hier kommt nun meine Idee ins Spiel:
Die Städtepatenschaft.

Natürlich gibt es das schon, aber stets so, dass eine mitteleuropäische Stadt (zum Beispiel eine deutsche) die Patenschaft für eine Stadt in der sogenannten «Dritten Welt» übernimmt, so finanziert Huppenheim an der Hupper eine Schule in Burkina Faso, Würz an der Würzach ein Spital in Peru und Sapplingen am Sapperberg ein Stadion in Bangladesch. Das nun macht aber gar keinen Sinn mehr, da an der Hupper und der Würzach und am Sapperberg ja nun selbst Schulen und Spitäler und Sportanlagen gebraucht werden, natürlich, sie sind da, aber halt so marode, dass sie fast unbrauchbar sind.

Und hier kommen nun die Schweizer ins Spiel:
Statt Geld an die Steuerzahler zurückzuerstatten unterstützen bestimmte Kantone deutsche Gemeinden in einer Patenschaft. Der Kanton Zug finanziert in Huppenheim an der Hupper den Neubau einer Gesamtschule mit Sporthalle, Aula und lückenlosem W-Lan. Schwyz spendiert Würz an der Würzach ein Krankenhaus mit allen Schikanen und Basel gibt Geld, damit in Sapplingen am Sapperberg ein neues Stadion gebaut werden kann.
Dafür gibt es einmal im Jahr eine Dankeschön-Reise für die Eidgenössischen Politiker mit Empfang im Rathaus und Apéro.

Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten nicht zu viele Schulden machen.
Städte, Gemeinden und Kantone, Staaten und Bundesländer sollten aber auch nicht zu viel Geld anhäufen.
Und für alle Probleme gibt es eine Lösung.















Freitag, 3. Juli 2026

Die deutsche Mannschaft reist heim

Deutschland ist draussen.
Die BRD ist aus der WM ausgeschieden.
Die Nationalmannschaft reist heim.

Ach, ach, ach.
Dabei hätten wir doch so sehr einen kleinen Aufsteller gebraucht! So ein Booster, so ein «Ruck», so eine Welle der Begeisterung hätte dem Land so gut getan! Ein WM-Titel hätte zwar nicht alle Renten-, Krankenversicherungs- und Steuersorgen aufs Mal vernichtet, aber er hätte Schwung gebracht, die Menschen wären wieder mit Elan zum Schaffen gegangen, Firmen hätten sich erweitert, die Wirtschaft wäre in die Aufwärtsspirale gestartet, alles wäre besser geworden.
Ach, ach, ach weh.
Auch Herrn Merz hätte ein Einzug ins Achtel-, Halb- oder Ganzfinale so gutgetan. Er kann zwar überhaupt nix für das Abschneiden «seiner» Fussballjungs, aber irgendwie macht man ja den Landeschef für irgendwie alles verantwortlich, für Erfolg und Misserfolg, irgendwie ist ein Kanzler auch immer schuld am WM-Titel oder am Ausschneiden. Merz hätte ein Pokal so, so, so gut getan.
Aber war nichts…

Die BRD ist nicht mehr dabei.
Das schwarz-rot-goldene Team fliegt nach Hause.
Wir sind weg vom Fenster.

Im Elfmeterschiessen!
Im Elfmeterschiessen!
Das ist ja das Allerblödeste. Da sind zwei Teams gleich gut, da hat man nach 90 Minuten gleich viel Tore, gleich viel Goals, dann kommt Nachspielzeit, dann Verlängerung, und dann kommt das bescheuerte Elfmeterschiessen (das die Schweizer Penaltyschiessen nennen). Und jetzt ist es mehr oder weniger Zufall. Ein kleiner missratener Sprung vom Torwart und zu Ende ist die Sache.
Es wäre doch sinnvoll, in einem solchen Fall einfach BEIDE Teams weiterzuschicken, ok, ok, ok, da kippt dann der gesamte Spielplan, aber das muss dann halt sein.
Oder…
Wenn es dann eh nur auf den Zufall ankommt, könnte man doch den ganzen WM-Zirkus, den ganzen WM-Blödsinn verkürzen und nur an EINEM Wochenende Penalty-Schiessen veranstalten. Man bräuchte dann auch nicht mehr so grosse Stadien. Ich meine, Dart oder Pfeil und Bogen oder Sportschützen, die schiessen ja auch nur einfach im Stehen und rennen nicht vorher noch herum.

Deutschland ist ausgeschieden.
Der vierfache Weltmeister hat die Weltmeisterschaft verlassen.
Die Jungs von Nagelsmann fliegen heim.

Und das gegen Paraguay! Fast zur gleichen Zeit, wie unser Aussenminister in Paraguay mit Paraguay, Uruguay, Brasilien und Argentinien verhandelt, schmeissen die Südamerikaner uns aus der WM! Ich finde, da sollte man doch das ganze Mercosur-Abkommen noch einmal in Frage stellen. Das kann ja nicht sein. Wir schliessen da Verträge mit denen und dann besiegen die uns.
Vielleicht hätte aber eine Nichtteilnahme an der WM auch Verhandlungsgegenstand sein können, wobei das ein argentinischer oder brasilianischer Minister unmöglich seinem Volk klarmachen könnte.
Trotzdem. Um Frau Merkel abändernd zu zitieren: «Unter Freunden besiegt man sich nicht.»

Die BRD ist nicht mehr dabei.
Der Traum vom Titel ist ausgeträumt.
Die Buben dürfen nicht mehr spielen.

Nun wird natürlich die Nagelsmann-Frage immer lauter. Erstaunlich ist aber, dass in einem solchen Fall so schnell nach Rücktritt geschrien wird und in anderen Fällen gar nicht. Was ist schlimmer? Ein Ausscheiden aus der WM oder 1200 km falsche Kabel zu verlegen (wir hatten es davon…)? Aber da bleiben bisher alle im Amt.

Deutschland ist draussen.
Die BRD ist aus der WM ausgeschieden.
Die Nationalmannschaft reist heim.



Dienstag, 30. Juni 2026

Das Schlimmste ist vorüber

Das Schlimmste ist vorüber.

Diesen Satz hat wohl nun jeder Nachrichtensprecher und jede Meteorologin in den letzten Tagen ca. 100 mal gesagt. Das Schlimmste ist vorüber, und damit war gemeint, dass das Thermometer wieder deutlich unter 40° geht. Man beachte hier wohl: Unter 40°. In meiner Jugend, als man noch von «30 Grad im Schatten» sprach und damit «sehr heiss» meinte, da hätte man schon 35 Grad Celsius als schlimm bezeichnet.

Das Schlimmste ist vorüber.

Mich erinnert dieser Satz an einen Song des wunderbaren (2003 mit 59 Jahren viel zu früh verstorbenen) Liedermachers Ulrich Roski, den allerdings meistens die Liedermacherin Joana sang, häufig als letztes Lied vor der Pause. («Nach dem nächsten Song machen wir eine Pause und er hat den bezeichnenden Titel Das Schlimmste ist vorüber.»)
In dem Song, in dem stets Reime auf -rüber gesucht werden (Kaliber, Fieber, Lieber, trüber…) geht der Blick vom Allgemeinen über einen Diaabend, bei dem man die Hälfte von 500 Lichtbilder, eine Zahnerkrankung, bei der man 14 von 22 zu ziehenden Zähnen und einem 30-Kilometer-Gehen, bei dem man 20 gelaufene jeweils hinter sich hat. Und das ganze Lied schliesst dann mit der herrlichen Strophe:

Jeder freut sich, wenn ihm wieder mal ein großer Wurf gelungen,
ist zufrieden, wenn er wieder eine Hürde übersprungen
doch dann steht da eines Tags ein dünner Wicht
und man ruft verärgert, geh mir aus dem Licht!
Dann hat man wohl zu lang die große Lippe riskiert
und fühlt sich von Gevatter Hein und seiner Hippe brüskiert
Und man fragt ihn ganz verwirrt, was kommt denn nun?
Vielleicht sagt der dann auch voll Trost, Kopf hoch, mein Lieber
das Schlimmste ist jetzt sowieso vorüber.

Der Song ist 1973 entstanden, da wusste Roski noch nicht, wie früh Gevatter Hein ihn mit seiner Hippe brüskieren würde.

Das Schlimmste ist vorüber.

Ich überlege mir, warum Roski keine Strophe zu Hitzewellen und Klimawandel geschrieben hat. Nun, weil das Thema «Klimawandel» 1973 noch sehr, sehr, sehr ferne lag. Das kam erst viel, viel, viel später.
1978.
Also, klar, das ist jetzt nicht so viel später, aber damals hielt das jeder ja für Spinnerei. Warum 1978? Weil in diesem Jahr Hoimar von Ditfurth in seiner Fernsehreihe QUERSCHNITT in dem Beitrag «Der Ast, auf dem wir sitzen» alles genau erklärte und vorhersagte.
Nur wollte es niemand hören – das ist bei Propheten häufig so.

Gut.
Aber dann dichten wir doch selber noch eine solche Strophe:

Es wird wärmer auf der Erde, schon sehr lang, nicht auf die Schnelle
und im Juni 26 haben wir `ne Hitzewelle
Özden Terli schreit «Wir haben den Salat –
in Hessen hat es einundvierzig Grad!
Doch am Montag werden alle wieder heiter und munter,
da wird`s besser, denn dann geht das Thermometer wieder runter
und wir messen nur noch sechsunddreissig Acht.»
Und du gäbst ihm gerne einen Nasenstüber,
wenn er lacht: «Das Schlimmste ist vorüber.»

In diesem Sinne: Einen schönen Tag.
Das Schlimmste (Glosse-Lesen) ist ja jetzt vorüber…







Freitag, 26. Juni 2026

Shonagonnen 4: Was wir bei der Hitze tun und nicht tun sollten

Eigentlich ist es ja zu heiss zum Schreiben. Eigentlich sollte ich mir Hitzeferien (CH) oder Hitzefrei (D) geben.
Aber:
Die Zahl der Seitenaufrufe hat im Juni einen Höchststand erreicht. Anscheinend sind 38° oder 40° zwar Mist zum Schreiben, aber gut zum Lesen. Oder haben alle gerade – ausser mir – Hitzefrei/Hitzeferien und sitzen daheim und lesen die Glosse.
Wie dem auch sei, ich shonagonne heute einfach ein bisschen zum Thema «Hitze»

Vielleicht muss man das Wort «shonagonnen» doch noch einmal erklären.
Es bedeutet «eine poetische Liste im Stile des Kopfkissenbuches der Hofdame Sei Shōnagon schreiben». Dieses Verb fügt sich in eine ganze Reihe von Tunwörtern ein, die nach Dichtern, Autoren oder Musikern benannt sind: Wenn ein Journalist sich irgendwo undercover in Verkleidung einschleicht, dann heisst das im Schwedischen er «wallrafft». Der zupackende Bogenstrich des Musica Antiqua Köln-Chefs Reinhard Goebel ist so legendär, dass man in der Alte Musik-Szene, wenn jemand mit dem Bogen rumst und bumst, sagt, er oder sie «goebele». Die Wörter «heinen» oder «heine(l)n» sind ebenso solche Ableitungen wie «kafkaesken».
Wenn ich also Posts immer wieder «Shonagonnen» nenne – ich verdeutsche bewusst durch Hinweglassung des Striches über dem O – dann meine ich, dass Listen in ihrem Stile folgen.
Hier also die aktuellen:

Was wir bei der Hitze nicht tun sollten

Hot Jazz hören
Erhitzte Diskussionen führen
Den «Sonnengruss» im Yoga machen
Heisse Eisen (wie Rente) anpacken
Breite Bettelsuppen kochen
Uns warm anziehen
Den «Feuervogel» anhören oder ansehen
Uns an den heissen Busen drücken lassen
Mit der Klara in die Sahara fahren
Dahin gehen, wo der Pfeffer wächst

Was wir bei der Hitze tun sollen

Cool Jazz hören
Uns eine Kaltmamsell* bestellen
50x den «Eisbär» von Grauzone hören
Die Badewanne mit Eiswürfeln füllen und dann einen Hechtsprung hinein machen
Whiskey on the Rocks ohne Whiskey trinken
Die Winterreise hören
Herbstgedichte von Rilke lesen
«Die gescheiterte Hoffnung» anschauen
Einen nassen Lappen auf den Kopf legen
Nichts tun

IN diesem Sinne: Kommen Sie gut durch das Glut-Wochenende

* «Kaltmamsell» ist ein veralteter (und problematischer) Ausdruck für eine Frau, die beim Catering die kalte Küche (Salate, Sandwiches) betreut.