Zu den Lieblingssendungen, denen meine Mutter früher gerne im Radio lauschte, gehörte «Sie wünschen, wir spielen» in SDR 1 mit Heinz Kilian. Ich selber konnte dieses Wunschkonzert nur in den Schulferien hören (es kam von 11.00 bis 12.00), fand es aber auch immer grossartig. Und zwar nicht wegen der Qualität der Musikbeiträge (das bewegte sich oft zwischen «Ich hab` Ehrfurcht vor schneeweissen Haaren» und «Die Rasenbank am Elterngrab»), sondern weil es so schön «menschelte». Denn da wurden Leute angerufen, die es vorher nicht wussten, und wenn dann die Rentnerin Erna in Welzheim im Schwäbischen Wald begriff, dass sie gerade LIVE im SÜDDEUTSCHEN RUNDFUNK war, das war schon herrlich…
Ich selbst wusste sogar, was ich wünschen sollte, wenn meine Mutter angerufen worden und nicht da gewesen wäre: «Kein schöner Land» und damit unsere Verwandten auf der Schwäbischen Alb grüssen.
Nun war Mitte der 70er Jahre ein «Tag der Offenen Tür» im Funkhaus des SDR in der Villa Berg, jener wunderbaren ehemaligen Königs-Sommerresidenz (und Wohnsitz der Grossfürstin Wera), in dem damals das ganze Radiozeug war.
Bei diesem Tag konnte man nun auch alle Radiosprecher live begutachten. Und das war ein Schock: Heinz Kilian war ein alter Mann! Nein, nicht wirklich alt, er war 1975 genau 60 Jahre alt, und das ist nicht alt, ich selbst bin 61, Smiley, aber er hatte halt schon graue Haare und viele, viele, viele Falten. Und im Radio – das ist jetzt der entscheidende Punkt – klang er jung wie ein Teenager.
Man will also Radiosprecher gar nicht sehen.
Aber genau das tut SWR Kultur jetzt.
Ich habe nämlich die Liebe zum Radiohören von meiner Mutter übernommen. Natürlich höre ich nicht mehr das Wunschkonzert im Ersten Programm des Süddeutschen Rundfunks, auch weil es den SDR gar nicht mehr gibt, er wurde ja 1998 mit dem Südwestfunk zum SWR vereinigt.
Ich höre SWR Kultur (was einmal «2» hiess…) auf meinem Laptop. Und hier komme ich nicht umhin, immer wieder auf die Homepage zu blicken.
Während SWR Kultur nun lange die entsprechenden Sendungsankündigungen mit Bilder mit Foto-Wiederholungs-Effekt dekorierte – was schon scheusslich war – ist man nun auf Idee gekommen, mir die Fotos der Moderatorinnen und Moderatoren zu zeigen. Nach dem Motto «man will doch einmal sehen, wer…»
Nein.
Will man nicht.
Wir machen uns doch immer beim Hören der Stimme ein Bild von der Person. Ich habe das schon im März 2021 in einem Post beschrieben:
Als ich meine deutsche Steuerberaterin meine letzte Steuererklärung gemacht hatte und noch Unterlagen da waren, da schlug ich ihr vor, diese persönlich bei ihr abzuholen und endlich uns endlich einmal zu sehen; wir hatten bis dato nur telefoniert und gemailt und geschrieben und wussten nicht, wie der bzw. die andere aussieht. Und die Überraschung war gross: Frau Lupsane war nicht gross und blond, wie ich sie «gehört» hatte, sondern klein und schwarzhaarig. Und sie hatte mich 20 Zentimeter grösser und 20 Kilo schwerer «gehört».
Und dieses Bild wird nun betreffs Radio zerstört.
Und die Leute von SWR Kultur klingen alle so jung und frisch und hübsch, dass ich diese Menschen sicher nicht sehen will:
Da zeigt mir ein Herr in einer schlechten Gesichtsaufnahme, dass er nicht nur überdimensional viele Falten hat, sondern sich auch mies rasiert.
Da posiert ein Mann im Tweedjackett mit Haaren bis zum Arsch – geht gar nicht, Rockerjacke und dann 20jährig im Jugendsender, oder Altrocker in Wacken, aber nicht in einer Sendung über Adorno.
Da sehe ich eine Moderatorin, die ihre Bluse so weit geöffnet hat, das ich ihr Chinesischer-Drache-Tattoo auf dem Schulterblatt sehen kann. (Will ich alles NICHT sehen, nicht das Tattoo, nicht das Schulterblatt, nicht die Bluse und nicht die Frau...)
usw.
usw.
Meine Mutter war bitter enttäuscht, als sie ihren Lieblingsmoderator in Natura sah. Und ich bin es jeden Tag:
Lieber SWR, kehre zurück zum Symbolbild.
Meinetwegen mit Wiederholungseffekt, wenn es unbedingt sein muss. Aber ich möchte diese Menschen wieder nur hören und nicht sehen.
Dienstag-Freitag-Glosse
Freitag, 8. Mai 2026
Bitte keine Bilder von Radiomoderatoren zeigen!
Dienstag, 5. Mai 2026
Politiker sind wie Künstler und sollten nicht auf der Bühne streiten...
Ich habe noch nie erlebt, dass der Liedbegleiter in der «Winterreise» vor der «Krähe» auf einmal sagt: «Ich müsste mehr Gage bekommen» oder ein Mitglied eines Chores mitten in der Aufführung meint, das Tenue sei scheusslich und sie wolle lieber grün tragen. Künstler verhandeln keine internen Angelegenheiten vor Publikum.
Gut, es gibt Ausnahmen.
Johnny Cash unterbrach am 22. 2. 1968 in London, Ontario (Kanada) die Show und machte seiner Gesangspartnerin June Carter vor 7000 Fans einen Heiratsantrag – weil er sie im Stillen schon x-mal gefragt und sie immer abgelehnt habe. Und sie nahm an! Die Szene gilt als einer der romantischsten Momente der Showbusinessgeschichte. Sie heirateten gleich am 1. März.
Gut, es gibt Ausnahmen.
Bei einer Aufführung während der «Innsbrucker Tage für Alte Musik» trat einer der Musiker nach der Pause vor den Vorhang und gab bekannt, das Orchester würde erst weiterspielen, wenn die Schecks mit dem Honorar auf den Pulten lägen. Sie hatten nämlich mitbekommen, dass man ihnen das Geld vorenthalten wollte, und diese ungewöhnliche Aktion war die letzte verzweifelte Möglichkeit, an ihre Gage zu kommen. Es funktionierte übrigens: Nach 15 (!) Minuten waren die Schecks da und «Giulio Cesare in Egitto» (oder war es «Ariodante»?) konnte zu Ende gespielt werden.
Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Alle Unstimmigkeiten, seien es finanzielle, organisatorische, seien es musikalische oder literarische, alle Dinge, die den künstlerischen Prozess stören könnten, werden da verbannt.
Der Darsteller des Tybalt fällt nicht einfach aus der Rolle und meint zum Publikum, die Proben seien zu lang und zu unkonzentriert gewesen.
Die Elfe schreit nicht den Ritter an, wenn er im Ballett «Hominius im Elfenwald» einen falschen Sprung macht.
Es geht sogar die Legende, dass ein berühmtes Streichquartett dieses Wir-sind-auf-der-Bühne-anständig so weit getrieben haben, dass sie DORT sich makellos aufführten, SONST aber die Hölle los war: Der Manager musste vier verschiedene Hotels buchen, weil sie sich nicht im Frühstücksraum über den Weg laufen durften. Wie gesagt, eine Legende, sie kursiert seit Jahrzehnten in Musikerkreisen, aber niemand kann genau sagen, um welches Quatuor es sich handelt – ein Urbaner Mythos.
Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Aber nun sind Politiker ja auch so so ein bisschen so etwas wie so Künstler. (Die vielen «so» sind bewusst gesetzt):
Sie gehen auf Bühnen, sie reden, sie tragen etwas vor, dafür haben sie sich vorbereitet, sie haben sich auch schön angezogen und sich geschminkt.
Und sie dürsten nach dem Applaus des Publikums.
Warum dann machen unsere Politikerinnen und Politiker genau diese Fehler, die keine Künstlerin und kein Künstler machen würde? Warum sagt Herr A «B» und dann sagt Frau C «B auf keinen Fall» und dann versucht D zu vermitteln und meint «B und nicht-B» ist eh das gleiche, und dann…
Und das Verworrene ist ja, dass Schwarz-Rot genau den gleichen Fehler wie die Ampel macht.
Man könnte hier – wie so oft! wie so oft! wie so oft! – von den Schweizern lernen.
Bundesrat Beat Jans hatte in den letzten Jahren eine wundervolle und zauberhafte Rede, die er mehrfach bei Chorveranstaltungen gehalten hat (was nix schadete, denn sie war wirklich klasse). In dieser Rede verglich er den siebenköpfigen Bundesrat mit einem Chor: Man probt, man müht sich ab, es gibt auch einmal Dissonanzen, einer singt schräg, man hat noch nicht den gleichen Beat und den gleichen Ton. Aber dann der Auftritt! Der ist einstimmig.
Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Und Politiker sollten es auch nicht machen. Denn es gibt nur eine Seite, die von den CDU-SPD-Querelen profitiert.
Die Rechten.
Freitag, 1. Mai 2026
So long, Herr Kretschmann!
Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!
So, jetzt sind Sie einfach verabschiedet worden. Mit Staatsakt und Blasmusik. Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands und derjenige meines Heimatlandes, der am längsten im Amt war.
Und derjenige Ministerpräsident, über den ich in den meisten Posts geschrieben habe.
Und eigentlich immer positiv.
Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!
So schrieb ich im April 2015:
Es ist zu verstehen, dass Alt-Ministerpräsident Öttinger seine Partei warnt, im Wahlkampf personell gegen Winnie vorzugehen. Der Mann, so Ötti im Interview, sei zu be- und geliebt, sei so sehr everbody’s darling, dass der Schuss nur nach hinten losgehen könne. Man solle ihn, so der Altmini wörtlich, nicht als „Bösen Buben“ handeln. Recht hat er. Das Schlimmste, was Winnie in den letzten Monaten gemacht hat, war, dass er in der Missa Sanctae Juliae von Boccone falsch eingesetzt hat, aber soll man davon nun ableiten, dass Kretschi auch im Landtag den Ton nicht trifft, sich im Ton vergreift, seine(n) Part(ei) nicht im Griff hat?
und im Februar 2016:
Die GRÜNEN haben für die Landtagswahl fünf schlagende, gute, bewährte, fünf hervorragende Argumente, und diese lauten:
1.) Kretschmann
2.) Kretschmann
3.) Kretschmann
4.) Kretschmann
Nun raten Sie mal das fünfte! Hihihihi, falsch, das 5. Argument lautet Ökologie, allerdings belegt Winnie dann wieder die Plätze 6-10.
und im Juli 2023:
In Hall wird auf den Kirchenstufen Freilichttheater gespielt. Ein Ereignis, das sich lohnt. Bei der Premiere von «Maria Stuart» am 20. 7. haben wir allerdings noch ein spezielles Spektakel: In den ersten Reihen springen vier Männer mit verkabelten Ohren umher, es muss also irgendein prominentes Wesen im Publikum sein. Mein Partner neben mir behauptet, er habe die weisse Stoppelfrisur des Landesvaters gesehen. Ich bezweifle das, aber ob der Security muss ja ein Zu-Bewachender da sein. Bei der Begrüssung wird es dann aufgeklärt, es ist in der Tat, tatsächlich und wirklich Winfried Kretschmann. Als Schirmherr der Freilichtspiele Schwäbisch Hall ist er zur Schiller-Premiere mit Gattin erschienen.
Was mich allerdings so erfreut, ist, dass der Ministerpräsident von B.-W. eben nur vier Männlein zu seiner Bewachung braucht. Das war in Deutschland nicht immer so, eben ein Jahr nach jenem Tag im Jahr 1970 wäre eine so unbedenkliche Teilnahme unmöglich gewesen. Allein alle die Fachwerkhäuser rings um den Markt böten ja eine wunderbare Schusslinie…
Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!
Ihre schwäbisch-lapidare-einfache-bürgernahe Kommunikation wird unvergessen bleiben.
Interviewer: «Was empfinden Sie nach Ihrer Wiederwahl?»
Sie: «Ich freue mich.»
Interviewer: «Ich meine, was für ein Gefühl…?»
Sie: «Freude.»
oder:
«Jo, dia Windräder auf dene Berge, jo, i fend dia ja au scheisslich, dia send jo nit schön. Abbr em Käller nutze se jo nix.»
Was werden Sie tun, im Ruhestand, in der Rente? In der Pension?
Hoffentlich das eine: Regelmässiger die Chorproben besuchen, denn wir wissen ja, wie nötig gute Stimmen in den Kirchenchören sind…
Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!
Dienstag, 28. April 2026
Die Rente als Thema
Die Rente ist in Deutschland immer noch und schon wieder ein Thema. *
*
Das ist jetzt kein vollständiger Post, das ist allenfalls eine Basis. Eine Basis-Absicherung der zweimalwöchentlichen Textierung. Weitere Ideen und Ausführungen müssten dann dazu kommen.
Freitag, 24. April 2026
Hallenbad kapituliert! Zurück zum Schlüssel!
Ich habe im November 2024 zur Wiedereröffnung des Hallenbades Rialto unter dem Titel «Man kann Zettel nicht gelesen aufhängen» das Folgende gepostet:
Das neu- bzw. wiedereröffnete Schwimmbad Rialto ist ein Bijou […] Mir gefallen auch die Umkleideräume, obwohl diese immer von sich reden machen, und eben von diesen soll nun auch die Rede sein […] Nun haben die Macher des neu- bzw. wiedereröffneten Schwimmbades auf etwas verzichtet, was stets sehr störend war: Schlüssel.
[…] Bei den Schränken hat man sich für ein Zahlen-System entschieden. Ein Zahlensystem, das auf ca. 50 Aushängen erklärt wird:
ERSTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «AUF» STELLEN.
ZWEITER SCHRITT: CODE BEI GEÖFFNETER TÜRE EINGEBEN (Z.B. 1234)
DRITTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «ZU» STELLEN.
VIERTER SCHRITT: CODE VERSTELLEN
Es ist nun völlig logisch, was passieren kann, wenn man diese Aushänge nicht liest, man dreht den Riegel nach links und beginnt «4567» oder «0000» oder «2929» einzugeben, dann verstellt man die Zahlen – und wird sein Kästchen nie wieder aufbekommen, denn das Schloss hat sich die Kombination gemerkt, die VOR dem Verschliessen eingestellt war, und die hat man natürlich keines Blickes gewürdigt.
Gut, man kann den Bademeister holen. Was die meisten tun – die wenigsten rennen in der Badehose auf die Strasse, gerade bei Novembertemperaturen ist das auch nicht so ratsam. Der Bademeister erzählt mir, dass er am Tag ca. 40 Male geholt wird und dass die Menschen dann immer furchtbar fluchen:
[…]
Dabei wäre es so einfach. Man müsste den an allen vier Seiten (!) sämtlicher (!) Säulen sowie innen in allen (!) Kästchen hängenden Zettel genau durchlesen.
[…]
Nun vor ein paar Tagen die riesengrosse Sensation:
Das Hallenbad Rialto hat jetzt wieder Schränke mit Schlüsseln eingeführt.
Das Sportamt der Stadt Basel hat also kapituliert. Kapituliert vor der Ignoranz und Dummheit der Leute. Wahrscheinlich auch auf Drängen der Bademeister (es hat wirklich nur Männer dort), die ihre halbe Arbeitszeit damit zugebracht haben, die Schränke der Leute zu öffnen, die nicht fähig waren, eine Gebrauchsanweisung zu lesen.
Interessant ist, dass man wirklich zurück zum Schlüssel geht und nicht etwa zu einem System wie das folgende:
Schrank verschliessen
*Gartenhag* drücken
Vierstelligen Code eingeben
*Schlüssel* drücken
System piepst, Schrank ist verschlossen
Dieses System wird von vielen Hotelsafes verwendet, aber auch von der Badi der Stadt Solothurn, und auch von den Lockern in der Garderobe im Amare in Den Haag, wo wir die Matthäuspassion hörten.
Also ein System, das seit Jahren funktioniert…
Zurück zum Schlüssel?
Was für ein Quatsch.
Das ist wie der Schwule, der nach ein paar verunglückten heterosexuellen Versuchen mit 23 sein Coming Out hat, die erste Beziehung zu einem Mann verläuft aber auch nicht so toll (emotional, im Bett schon), und er kehrt reumütig zu den Frauen zurück.
Das ist wie der Rückkehr zur Atomkraft, weil Öl und Gas immer wieder Probleme bereiten, weil der Ausbau der Erneuerbaren nicht vorankommt, so als ob es nicht schon Milliarden Tonnen Atommüll gäbe – und ein Fukushima und ein Tschernobyl nie stattgefunden hätten.
Das ist wie ein Land, das unter den aktuellen islamischen Diktatoren leidet und sich den Sohn des alten Diktators als neuen Präsidenten wünscht – wir nennen keine Namen.
Wenn B nicht funktioniert, gehen wir zurück zu A – und überlegen nicht, ob es nicht ein anderes B geben könnte.
Das Rialto ist dennoch ein Bijoux. Ich bin aber froh, dass ich morgen ins Gartenbad St. Jakob gehen darf und für den Sommer meinen (nicht lachen!) Schlüssel holen darf.
Aber den von meiner eigenen Kabine.
Dienstag, 21. April 2026
Tipps für Magyar: Wie geht man mit so viel Macht um?
Natürlich freut sich die Welt über die Abwahl von Orbán. Und ich als Schwuler freue mich natürlich gleich doppelt. Und natürlich freut sich die Welt über die Wahl von Peter Magyar. Und das es eine eindeutige ist.
Aber Moment: Musste es SO eindeutig sein? Der gute Mann hat eine 2/3-Mehrheit. Und wir wissen, was Macht mit charismatischen Menschen macht: Sie korrumpiert sie.
Das ist ja die Geschichte mit dem Ring: Alle Guten, die Elben, Gandalf usw. lehnen es ab, den Ring zu nehmen. Sie könnten doch «so viel Tolles bewirken», aber sie wissen, dass der Ring sie versauen würde. Nur der kindliche Frodo schafft es.
Aber ist Peter Magyar ein Frodo?
Wie schafft man es, dass man den Lockungen der Macht nicht erliegt?
Hier kommen nun drei Tipps für charismatische Staatsmänner, die Macht bekommen haben, wie sie es bewerkstelligen, dass die Macht sie nicht versaut.
(Ich schreibe bewusst nur in der maskulinen Form, weil das Ganze doch ein bisschen ein Macho-Problem ist.)
Mama dabei!
Jeder Politiker ist ja ein bisschen ein Narzisst.
Und wenn er dann bei der Pressekonferenz am Pult steht, dann fühlt er sich grossartig, er fühlt sich machtvoll und super, er fühlt sich schön und erhaben und fotogen. Er strahlt etwas aus, was man als «Ich bin die Sonne und ihr seid die Sterne und ich glänze und ihr spiegelt nur» umschreiben könnte.
Hier kommt nun die Mama ins Spiel, die bei allen Presseterminen und allen Interviews dabei ist. Wenn Politiker X gerade anhebt, um seine Misserfolge der letzten Monate schönzureden, um sich selbst ins Sonnenlicht zu stellen, springt Mama auf, rennt zum Pult und wischt X ein paar Fussel von der Jacke. Oder putzt ihm die Brille. Oder noch schlimmer die Mundwinkel. Oder kämmt ihn noch mal durch. Dabei schüttelt sie den Kopf, so als ob sie sagen möchte: «Der Bubi, wie er wieder rumläuft.»
Und die Ankündigungen des grossen Präsidenten werden nach dieser Aktion eben die Ankündigungen eines Menschensohnes sein, denn für unsere Mütter sind wir immer die Buben geblieben – und das ist auch gut so.
Normal-Day
Jeder Machtmensch soll einen Tag im Monat im normalen Leben verbringen. Und zwar inkognito und ohne Bewachung. Also quasi als «wallraffender Staatsmann». Und als «wallraffender Staatsmann» erlebt man nun, wie eine normales Leben aussieht:
Schon das Warten an der Bushaltestelle (oder Tram, S-Bahn, whatever) wird zum Aha-Erlebnis, so lange steht man da also, der Bus kommt ja ewig nicht, und dann bekommt man nicht einmal einen Sitzplatz. Und im Supermarkt ist alles so teuer! Und bestimmte Delikatessen gibt es da gar nicht! Und was ein normaler Mensch im Büro alles machen muss, da muss man ja schreiben und lesen und kopieren und beschaffen und man kann nichts, nichts, nichts delegieren. Und am Abend will man in einen Club und der Türsteher lässt einen nicht hinein – weil er ja gar nicht weiss, wen er da abweist.
Der Normal-Day hat nun die Funktion, dass X seine Privilegien erst einmal wieder als Privilegien begreift, 5(!) Wagen mit Chauffeur, Essen steht auf dem Tisch, Mails lesen und beantworten die PAs (15 an der Zahl) und natürlich kommt man in jedes Konzert, jeden Club und in jedes Theaterstück…
Glosse lesen
Nicht diese Glosse. Also: Nicht nur diese Glosse. Sondern Satire überhaupt. Und das Satire-lesen sollte als heiliger Akt NICHT an die Persönlichen Assistenten delegiert werden. Nicht von dem PA erfahren, dass TITANIC oder CHARLIE HEBDO einen als Affen bezeichnet hat, sondern das selber konsumieren.
Der mittelalterliche König hatte seinen Fool, seinen Narren, seinen Spassmacher, und der Hofnarr hatte gerade die Funktion, dem König ALLES sagen zu dürfen. Und zwar dem König persönlich – zu dem er immer vorgelassen wurde.
Und wenn man dann am Normal-Day die TITANIC liest und die Mama daneben auch noch «guck mal, wie scheisse du da aussiehst» reinruft, dann wird man fast zum Frodo und kann mit der Macht umgehen.
Noch besser wäre natürlich ein System, wie es der beste Staat der Welt hat, das den Politikern so wenig Macht wie möglich gibt…
Freitag, 17. April 2026
Holland 2026 (II)
Und weiter geht es im Bilderbogen, im Kaleidoskop, in der Collage mit Impressionen aus Den Haag.
Ostergottesdienst mit Gospel in Sint-Martha
Ich gehe als Lutheraner, wenn ich die Auswahl zwischen ev.-reformiert und katholisch habe, sehr häufig zu den Katholiken. So auch am Ostersonntag in Den Haag. Die passende Messe findet um 9.15 in der Sint-Martha-Kerk im Quartier Schilderswijk statt. (Kleiner Exkurs: Ich finde die Heilige Martha immer eine lustige Figur, weil sie ja von Jesus ermahnt wird, sie habe viel Haushaltsmühe, aber ihre Schwester, die «nur» zuhört, tue das Richtige, die Kirche aber häufig die Martha viel höher stellt – zum Beispiel in meiner schwäbischen Heimat. Aber ich will nicht abschweifen…)
Als ich die Kirche um 9.00 betrete, erklingt schon fetzige Musik. Vorne sind vier vollschlanke Sängerinnen, eine Gitarristin und eine Drummerin am Gospeln: «He has risen – Hallelujah! Hallelujah – praise the Lord!» Alle sechs haben dunkle Hautfarbe.
Bei uns wäre ein Ostergottesdienst ohne irgendein Werk mit KV-Nummer (z.B. KV 220 oder KV 317) undenkbar und würde zu Kirchenaustritten führen.
Aber hier? Als ich mich umschaue, merke ich, dass ich überhaupt der einzige Weisse bin. Ich komme mir vor wie in Harlem. Es wird ein Gottesdienst, an den ich noch lange denken werde. Der Priester ist dann (by the way) ein Koreaner.
Teenager um 9.00 im Bad
Am Ostermontag gehe ich Schwimmen. Ins «Zwembad Zuiderpark», das einzige, das offen hat, denn die Haager haben ihre Öffnungszeiten sehr reduziert.
Um 9.00 ist das Schwimmbecken schon sehr gut belegt, etliche Leute wollen wohl die Schoko-, Marzipan-, Krokant- und Zuckereier abtrainieren, die sie am gestrigen Tage gesucht und vielleicht auch schon gleich genascht haben.
Was mich sehr erstaunt, sind vier männliche Teenager (so um die 16 Jahre), die sich im Wasser tummeln. Ich habe genügend mit Jungs in dem Alter zu tun und weiss, was die bei uns an einem Feiertag vor 12.00 mittags machen: Im Bett liegen und schlafen – bestenfalls schon wach sein und gamen. Aber niemals das Haus verlassen. Ticken holländische Teenager anders? Oder war das die grosse Ausnahme? Auf jeden Fall will ich nie mehr etwas über «die Jugend von heute» sagen.
Der Haagse Markt
Ich habe bei meinem Aufenthalt viel Neues entdeckt. Das ist erstaunlich, wenn man in einer Stadt das ca. dreissigste Mal ist. (Ich habe ja auch schon viel gepostet…) Aber dennoch, es gibt immer wieder neue Dinge zu sehen, wenn man die Augen offen hält.
So hatte ich den Haager Markt, an dem ich oft vorbeigefahren bin, wegen der hohen Mauer für einen Grossmarkt gehalten, dieses Mal sah ich aber einen Eingang mit Schild «Welkom op Haagse Markt» – das würde man ja für Grosshändler nicht aufstellen. So schlenderten wir zwei Stunden auf dem grössten Publikumsmarkt der Niederlande und kamen aus dem Staunen nicht heraus: So viel Zeug! So viel Kitsch! So viel Essen und so viel Kleider! Beim einen Stand glänzten ungelogen 1000 Uhren, am anderen gab es Kleider mit Glitter und Flimmer und Pailletten, an der einen Bude lagen 50 Kabeljau in Erwartung der Esser, an der anderen konnte man aus 60 Nusssorten aussuchen. Über allem Geruch, über allem Geschrei. Ich habe viele italienische Mercati besucht, aber das war mehr.
Im Atelier
Wenn wir gerade beim Thema «x-mal vorbeigelaufen und nicht gesehen» sind, das mit dem Atelier der Künstlerin Tineke Porck war auch sehr, sehr, sehr lustig. Wir hatten sie vor drei Jahren kennengelernt, und wir hatten dieses Mal verabredet, sie in ihrem Atelier zu besuchen (sie macht wunderbare Sachen). Nun waren wir also in der Ankerstraat 21 in Scheveningen – und ich musste feststellen, dass die Badhuiskade 10, in der ich die ersten 10 Mal Den Haag verbrachte, nur 20 Meter Luftlinie entfernt ist. Da Tineke seit 30 Jahren in ihrem Atelier arbeitet, sind wir uns sicher einmal, zweimal, öfters, immer über den Weg gelaufen, aber wenn man sich nicht kennt, dann kennt man sich eben nicht…
So viel für heute. Am Dienstag wieder ernstere Themen.
P.S.
Ich habe vor drei Jahren über die wuchernde Englisch-Sprechen-Manie der Niederländer geschimpft – das ist nicht besser geworden.