Dienstag, 3. November 2026

Griechenland, Bulgarien, Rumänien (2): Schriften, Sauberkeit und brutale Heilige

Und es geht weiter, weiter mit eindrücklichen Impressionen und impressionistischen Eindrücken von meiner Reise. Wie schon gesagt: Alles Informative entnehmen Sie dem Baedeker (gibt es den noch?) oder Wikipedia oder touristische geprägten Sites, das bekommen Sie bei mir nicht.

Viele Schriften auf dem Weg

Wer von Griechenland über Bulgarien nach Rumänien reist, der hat es mit drei verschiedenen Schriften zu tun. In Thessaloniki wird griechisch geschrieben, in Sofia kyrillisch und in Bukarest lateinisch.
Verwirrend.
Hat man sich gerade daran gewöhnt, beim menschlichsten alle menschlichen Bedürfnisse nach einer τουαλέτα zu suchen, braucht man dann eine ТоалеТна, und dann wiederum toaletă. Hat man gerade gelernt, wenn man richtig, aber richtig Hunger hat, nach einem εστιατόριο zu schauen, dann muss man danach nach einem ресtоранt gucken, und dann endlich nach einem Restaurant.
Schwierig.
Wobei das eben so auch nicht mehr ganz stimmt – leider. Ich war ja vor 20 Jahren schon einmal in Bulgarien, und vor 15 Jahren in Griechenland, und da hatten sie selbst Begriffe wie «Computer Shop» ins Kyrillische oder eben Griechische übertragen. Und ich fand das toll, die eigene Schrift war für alle Völker immer auch eine Sache der Identität. Und heute? Immer mehr wird einfach mit lateinischen Lettern geschrieben, und das ist schade, weil Kultur verlorengeht.
Wenn es auch für den Reisenden so viel, viel, viel einfacher ist.

Sauberes Sofia

Also, nicht nur Sofia ist sauber, ganz Bulgarien ist es. Rumänien übrigens auch.
Jeden Morgen rücken Tausende von Reinigungsmenschen aus und schrubben, fegen, putzen, sie schrubben die Gehsteige und fegen das Laub (wenn sie nicht Laubbläser benutzen, die dort immer noch absolut üblich und 4x so laut sind wie bei uns…) und putzen die Stadt. Und wenn es fünf Putzkräfte hat – ich habe das selbst gesehen! – dann hat es noch einen Supervisor, einen Vorputzer, einen Clean-Kapo, der aufpasst, dass alles richtig gereinigt wird.
Niemand, niemand soll sagen, Südosteuropa sei dreckig und wir können uns alle eine Scheibe davon abschneiden.
Wenn Sie nun an eine WC-Anlage kommen, und dies mit 70 Leuten und alle müssen vor der Busfahrt noch einmal, dann haben Sie ein Sauberkeits-Problem: Der Boden jeder WC-Kiste wird nach jeder Benutzung nass geduscht und das dauert 1,5 Minuten. Es gibt hier nur eine Lösung: Man geht zu mehreren (Platz ist genug) und guckt weg. Sonst sind zwei Stunden wie im Flug vergangen…

Der brutale Heilige

Plovdiv ist ein wirklich sehenswerter Ort. Die Stadt strotzt von römischen Ruinen, mittelalterlichen Mosaiken, wunderschönen Altstadtgassen und kleinen heimeligen Kirchen.
In einer dieser Kirchen entdecke ich ein Doppelbild: Je zwei Reiter sitzen auf ihrem Pferd und stechen mit ihrer Lanze. Die gelben Scheiben hinter ihren Köpfen markieren sie ganz klar als Heilige.
Der linke Reiter sticht auf einen Drachen ein; ganz klar erkenne ich hier den Heiligen Georg, den Drachenkämpfer und Drachentöter, das ist ja ein bekanntes und beliebtes Motiv, und auch in Basel haben wir einen Georg an der Münsterfassade, die Frage, warum der arme Drachen ständig getötet werden muss, muss an anderer Stelle beantwortet werden. Ich selbst habe viel mehr Probleme mit Küchenmotten, aber natürlich sieht ein Heiliger, der gerade eine Motte tötet, nicht so spektakulär aus wie ein Drachentöter.
Der andere Heilige – und hier stutze ich wirklich – rammt EINEM MENSCHEN die Lanze in die Halsschlagader. What the…? Sollten Heilige nicht eigentlich nett und fromm sein? Google und KI helfen uns weiter: Es ist der Hl. Demetrius, der hier einen bösen Zar tötet. Nun gut.
Die Sache mit der anderen Backe muss nicht gerade der Lieblingstext des Heiligen gewesen sein. Jedenfalls erlag Demetrius dann selbst später dem Märtyrertod durch Lanzen – immerhin ging es fair zu.

Am Freitag dann noch mehr. 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 30. Oktober 2026

Griechenland, Bulgarien, Rumänien (1): ADT, Metro und Brodeln

Als ob die Reiserei nicht genug wäre, war ich jetzt noch eine Woche mit dem Chor unterwegs: Griechenland, Bulgarien und Rumänien. Und ich werde einige Impressionen teilen, allerdings eher die kleinen Randbemerkungen und Anekdötlein, die «offizielle Reise» entnehmen Sie bitte den Publikationen und der Social Media des Ensembles.

Personaltyp ADT

Wir fliegen mit einer lustigen Airline zu lustigen Zeiten zu lustigen Flughäfen: Hinflug Wizzair Zürich – Thessaloniki sehr früh (dafür Besammlung um 5.00 am Basel SBB), Rückflug Bukarest Baneasa (das ist ein Airport, der kleiner als der Bahnhof Rheinfelden ist) – Memmingen (!). Die Konditionen der kleinen Fluggesellschaft sind streng; beim Aufgabegepäck sind 20 kg maximal erlaubt, beim Handgepäck 40 x 30 x 20. Jeder Versuch, irgendein Mass zu überschreiten, wird mit Auspeitschen nicht unter 50 Hieben bestraft…
Als ungeübter Flieger stosse ich auf die Angaben auf meiner Bordkarte:
Geschlecht: M / Personaltyp: ADT
Dass ich M wie männlich bin, das ist klar, aber was könnte ADT bedeuten? ADS heisst Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, dann heisst ADT wohl Aufmerksamkeits-Defizit-Typ, die Frage ist nur, welche Konsequenzen das in der Maschine dann hat. Haben alle Stewardessen auf dem Schirm, dass ich mein Zeug vergesse und irgendwelche Sachen umschmeisse? Werde ich besonders betreut?
Dann die Erleuchtung: ADT heisst einfach «adult», Erwachsener.

Eine Metro wie aus der Zukunft

Nachdem ich eine Woche lang die Berliner U-Bahn genossen hatte, war die Metro in Thessaloniki ein Faszinosum. Der Unterschied ist ungefähr so wie zwischen «im Zelt auf dem Matschacker übernachten» und einem ***************-Hotel. Ungefähr so wie die drei Nachbarskinder, die auf dem Schulfest auf E-Gitarren rumschrammeln und ein Konzert der Charts-Nummer-1-Band in der XY-Arena. Alles in der Metro ist neu, modern, blitzt und blinkt, Stahl, Chrome, Glas, und das Tollste ist sicher die Glasscheibe vor dem Gleis, die sich an den Stellen öffnet, an denen die Türen der Züge sind. Es ist also völlig unmöglich, sich in der Bahn einzuklemmen und mitgeschleift zu werden, Einklemmen höchstens in der Glaswand; ein ZURÜCKBLEIBEN BITTE und die rote Warnlampe sind total überflüssig.
Wie kommt Thessaloniki zu einer solchen U-Bahn?
EU-Gelder.
Natürlich. Aber bevor jetzt die Aufschreie aus der EU-kritischen Ecke kommen, sei das Folgende gesagt: Immer wenn man etwas neu baut, dann ist es eben auch etwas Neues. Es ist gar nicht möglich, in einem Land eine ALTE Metro zu bauen. Und – und das ist das, was Merz so konsequent verschweigt – viele Namen auf den Rolltreppen, Kassenautomaten, Sperrgittern usw. sind deutsche. Deutsche Firmen haben hier auch Millionen verdient…

Thessaloniki brodelt

Ich weiss, ich weiss, der «lebendige Süden» ist ein Klischee. Aber es war trotzdem so. Als ich am Samstagmorgen um 6.30 zu einem Prä-Frühstück-Gang aufbrach, da waren überall die Cafés offen, überall brodelte Kaffee und es roch nach frischer Backware. Und überall sassen die Leute, die aus dem Ausgang kamen im Chill-Out.
Aber die Stadt vibriert 24h, ob jetzt am Morgen oder am Mittag oder am Abend beim Sonnenuntergang an der Strandpromenade.
Das Brodeln, das Vibrieren, das Temperament, die Energie hat aber auch eine Gegenseite. Ich erlebe am Strand eine konservative Veranstaltung mit Redner, Nationalflaggen und orthodoxen Kreuzen, die von einem Mann gestört wird, der auf einem E-Trotti mehrfach bewusst mit lauter Musik vorbeifährt. Als ihn einer stoppt und um Unterlassung bittet, gibt es keine Diskussion und kein Geschrei, keine Eskalation, der Trottifahrer haut den anderen sofort auf die Nase.

So viel für heute. Am Dienstag mehr.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Die grosse Liste queerer Kunst

Ramona, die Tochter einer Freundin von mir schreibt ihre Masterarbeit über queere Künstler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen.
Ramona hat eine grosse, lange und beachtliche Liste zusammengestellt, aber als sie mir die grosse, lange und beachtliche Liste zusammenstellt, bin ich an einigen Stellen der beachtlichen und immensen Liste doch ein wenig erstaunt.

Bei den «Künstlerinnen vor 1800» finde ich die folgenden Namen
Hildegard von Bingen
Hrosvit von Gandersheim
Isabella Leonarda
Als ich Ramona darauf anspreche, erhalte ich die Antwort, alle diese Damen hätten ja schliesslich in Frauengemeinschaften gelebt, in reinen «Weiber-WGs», man könne sich ja vorstellen, was…

Ich muss nun doch heftigst widersprechen, Hildegard war Äbtissin im Rhein-Main-Gebiet im 12. Jahrhundert, Hrosvit war Stiftsdame am Harzrand im 10. Jahrhundert und Isabella war Nonne in Novara im 17. Jahrhundert, Hildegard schrieb und musizierte, Hrosvit dichtete und Isabella komponierte, allen drei gemeinsam: Sie lebten in klösterlichen Gemeinschaften, und da leben und lebten halt nur Frauen. Klar, es gibt da auch lesbisches Verhalten, aber nicht alle Nonnen sind Lesben.

Genauso verdächtig finde ich die Liste der «Unverheirateten», hier prangt als erster – wie so oft – der Name
Franz Schubert.
Schubert blieb ledig, unverheiratet, unbeweibt, und sein Freundeskreis, die «Schubertianer» waren alles Männer.
Gut, natürlich kann es sein, könnte es sein, ist es möglich, wäre es möglich, dass von Spaun, von Schwind, Grillparzer und der gute Schubert sich mal auf einer ihrer Ausflüge irgendwo angefasst haben, geschenkt, geschenkt, zumal auch ja immer genügend Alkohol im Spiel war…

Die Ehelosigkeit diverser Maler, Musiker und Dichter hat aber einen ganz anderen Grund: Sie waren zu arm. Kein anständiger Vater gab seine Tochter einem «Pinsler ohne Geld», einem Klavierspieler ohne Einkommen» oder einem «Schreiberling ohne Moos», die «Pinsler ohne Geld», Klavierspieler ohne Einkommen», die «Schreiberlinge ohne Moos wurden deshalb aber nicht schwul, Maler, Musiker und Dichter gingen ins Bordell.

Gibt es darüber Aufzeichnungen?
Natürlich nicht. Schreiben Sie in Ihr Tagebuch: «Heute im Puff, Dolly war wieder erste Sahne.»? Sicher nicht. Erwähnen Sie den Abend im «Cheval Rouge» in Ihren Briefen, in Ihren Mails? Auf keinen Fall. Und was ist mit den Notizen der Nutten? Ich bitte Sie, die wenigsten tun das, die meisten merken sich nicht einmal Gesicht, geschweige denn Namen.

Well, the men come in these places
And the men are all the same
You don't look at their faces
And you don't ask their names
You don't think of them as human
You don't think of them at all
You keep your mind on the money
Keeping your eyes on the wall

Ich weiss, dass ich mich jetzt wie ein totaler Rechter anhöre. Das ist aber Quatsch. Ich finde es total und absolut wichtig, sich mit queeren Künstlern auseinanderzusetzen, aber dann doch bitte mit Leuten, die auch wirklich queer sind oder waren.

Oder noch härter formuliert: Die Devise «alle sind doch ein bisschen schwul, ein bisschen trans, ein bisschen bi, ein bisschen lesbisch, ein bisschen non-binär» ist eine gefährliche Aussage, eben weil sie den Rechten so sehr in die Hände spielt. Ich selbst bin nicht wie alle, aber es gehört zu einer freiheitlich-demokratischen Ordnung, dass ich so sein darf, wie ich bin, auch wenn es «nicht wie alle» ist.

Ich weiss, dass die Errungenschaften, die die queere Community in den letzten Jahren erreicht hat, extrem in Gefahr sind. Das zeigen die CSDs in Deutschland, die praktisch alle von Gegendemonstrationen begleitet werden. Aber bringen hier Darstellungen einer «queeren Kunst» etwas? Jetzt mal ganz ehrlich: Wenn man einem schwarzgekleideten Menschen, der gerade eine Regenbogenflagge verbrennt, sagt: «Hör mal, ganz viele Künstler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen waren schwul oder lesbisch», dann wird es diesen Menschen wenig jucken, weil er Künstler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen sowieso für Ratten und Schmeissfliegen hält. (Der Ausdruck stammt übrigens nicht von Nazis, sondern von Franz Josef Strauss, und er bezog sich auf Journalisten.)
Sollten wir dem schwarzgekleideten Menschen, der gerade eine Regenbogenflagge verbrennt, nicht eher sagen:
«Deine Briefträgerin ist vielleicht lesbisch.»
«Dein Fensterputzer ist vielleicht schwul.»
«Dein Lieblingsfussballer.»

Ramona hat eine grosse, lange und beachtliche Liste zusammengestellt, und eine ähnliche Liste fand ich (stimmt nun echt!) neulich im SWR-Programm. Ich finde nun aber, wir sollten uns beschränken. Wenn wir alle die Künstler und Künstlerinnen nehmen, die wirklich queer waren, sind das immer noch genug.





 

 

 

 

 

  

Freitag, 23. Oktober 2026

Wir mehren die Talente Verspätung und Hass (das Gleichnis von...)

Sie alle kennen (wahrscheinlich) das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden:

Ein Mann muss auf Reisen und gibt seinen Dienern Pfunde (Talente, Minen, irgendwelche Geldbeträge). Der erste bekommt fünf, der zweite zwei und der dritte ein Pfund. Die ersten beiden arbeiten nun mit der ihnen gegebenen Summe und vermehren sie, der dritte vergräbt sein Pfund/Talent/Mine und macht nix. Als der Herr nun wiederkommt, werden die beiden ersten Diener reich belohnt, der dritte wird bestraft.

Was dieses Gleichnis uns sagen soll: Wenn du etwas bekommen hast, was mehr werden kann, sich entwickeln, wachsen, gedeihen, dann fördere es, mehre es, vergrabe dein Pfund, deine Mine, dein Talent nicht.

So weit, so gut.
Die Frage ist nun, für was steht ein «Talent»? Ein «Pfund»?
Ich würde sagen, es sollte ja eigentlich für positive Sachen stehen – manchmal bin ich mir da aber nicht so sicher…

Nehmen wir zum Beispiel den Schweizer und den deutschen Bähnler. Beide bekommen vom Herrn (der sich hier «Betriebsablauf» nennt) fünf Minuten Verspätung geschenkt. Was tut der Deutsche? Er mehrt sein Pfund, er wuchert und augmentiert, schon an der nächsten Haltestelle sind daraus sieben, an der übernächsten Haltestelle neun geworden, und nach anderthalb Stunden ist die Verspätung zweistellig! Und so geht es weiter, und weiter, und weiter und ist man in Basel Badischer Bahnhof fünf Minuten später abgefahren, dann ist man 2 ganze Stunden später als geplant in Berlin.
Ganz anders der Mitarbeiter der SBB: Er macht alles kaputt, er fährt mit fünf Minuten, 300 Sekunden, Verspätung Richtung Berner Oberland von Basel aus ab, und schon zwischen Sissach und Tecknau holt er zwei Minuten auf, und dann im Hauenstein-Basistunnel macht er alles zunichte. Wenn er in Olten aus dem Tunnelportal fährt und der grosse Rangier- und Umsteigebahnhof in Sicht kommt, sind Null Minuten übrig. Fünf geschenkte Minuten, und alle zerstört.
Aber ist «Verspätung» wirklich ein gutes Pfund?

Ist «Bildschirmzeit» ein gutes Talent?
Da habe ich bei meinen Schülerinnen und Schülern ja auch immer das Gefühl, sie wuchern und mehren und augmentieren und lassen wachsen. Hat man mit 11 Jahren nur eine Stunde vor dem Handy oder dem Computer verbracht, sind es mit 12 schon zwei, mit 13 kommt dann der exponentielle Sprung und es werden 4, mit 14 sind es acht und als richtiger Teenager hat man praktisch stets einen Screen vor Augen. «Reduzieren?», so gucken sie mich an, «warum denn?».

Genauso stellt sich die Frage, ob «Hass» und «Misstrauen» brauchbare Talente sind. Jede menschliche Gemeinschaft bekommt ja ein Quäntchen ungute Gedanken mit; stellen Sie sich vor, in einen Neubau ziehen 8 Parteien als Erstbezug. Jede bringt ausser Gepäck und Möbel und Gegenstände auch Gefühle mit, positive, aber auch negative: «Wird der Nachbar nicht zu laut sein?» «Sargsyan – ist das ein muslimischer Name?» Nun kann man das anfängliche Misstrauen in Ablehnung mehren, die Ablehnung in Konflikte, und die Konflikte in puren Hass. Und nach einem Jahr herrscht Krieg im Neubau, und die Verwaltung ist nur noch damit beschäftigt, die Bewohner vom offenen Mord abzuhalten.
Man kann aber auch – wie der «böse» Knecht – alle negativen Gefühle begraben. Man kann tolerant und offen sein, man kann miteinander reden, man kann sich einladen und miteinander feiern. Man kann das Haus zu einem Hort von Freude und Spass machen. Es gehört immer zu meinen schönsten Gefühlen, dass wir mit allen Nachbarinnen und Nachbarn gut auskommen – und es gehört so wenig dazu…

Sie alle kennen (wahrscheinlich) das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden.
Nun müssen wir nur darauf achten, WAS wir mehren und WAS wir vergraben. «Ich habe aus 5 negativen Dingen 20 gemacht.» ist nichts, auf das wir stolz sein könnten.

P.S.:
Abgesehen davon, dass Islamophobie sowieso Mist ist, der Islam gehört zu unserer Gesellschaft dazu, die Mitglieder der Familie Sargsyan sind Christen, Armenier waren schon Christen, als wir noch zu Odin riefen.

Dienstag, 20. Oktober 2026

Fortbildungen

«Ich war neulich auf einer Fortbildung…»

Liebe Leserin, lieber Leser, beobachten Sie einmal die Leute, wenn Sie einen solchen Satz von sich geben. Die Reaktionen reichen von purem Erschrecken über Gähnen bis zu nacktem Hass. Warum ist das so? Ich weiss es nicht. Es gibt doch auch ganz, ganz, ganz tolle Fortbildungen. Nur vielleicht zu wenig…

Die Fortbildungen kann man ganz einfach in vier Kategorien einteilen:
lustig und nutzbringend
lustig und sinnlos
öde und nutzbringend
öde und sinnlos

Zur ersten Kategorien gehörten sicher die drei Stunden, die ich im Frühjahr mit Body Percussion verbrachte.
Ich tat dies, um Punkte für mein Jugend & Musik-Zertifikat zu erhalten, das uns Geld für die Herbstprobenwoche einbringt. Es machte aber auch ganz, ganz, ganz viel Spass. Und als ich eine Woche später bei den Kleinen einspringen musste, da konnte ich mit ihnen gleich die Schenkel-und-Brust-Klopf-Übung einbringen:
Der Walfisch sagt zum Thunfisch:
Was soll ich nur tun, Fisch?
Der Thunfisch sagt zum Walfisch:
Du hast jetzt die Wahl, Fisch!

Zur zweiten Chose gehörte die Fortbildung, die Maria aus der Firmenkantine auf Anraten ihres Arbeitgebers absolvierte: Garderobe und Farbpalette.
Sie lernte, dass sie ein Sommer sei, ihr demnach helle, kalte Farben stünden, sie also Himmelblau und Rosa, aber keines Falls Braun tragen sollte (Herbst! Warm und Dunkel!).
Nun hat die Arme im Service der DOFOMAG eine Uniform, und die ist dunkelbraun. Sie hat also gelernt, dass sie in ihrer Kluft völlig scheisse aussieht und das hat ihren Arbeitseifer ein wenig gebremst.
Lustig und sinnlos eben.

Es gibt nun aber auch Fortbildungen, die sind öde, aber unumgänglich. Alle Sozialarbeiter der Region treffen sich einmal im Jahr zum Tag «Neue Passus in der Sozialgesetzgebung». Da werden dann der geänderte §34, §45a, §67b und §85c diskutiert, völlig dröge und öde, aber für die Arbeit als Sozialmensch einfach unerlässlich. Denn §34, §45a, §67b und §85c haben halt wirklich konkrete Auswirkungen auf den Alltag: Muss/kann/darf man dem Vater ohne Sorgerecht eine Auskunft zu den Schulhöfen erteilen? Welche Stoffe erlaubt der Gesetzgeber einem 14jährigen? Wie lange muss man Jahresberichte aufheben? Usw.

Nun kommen wir aber zur vierten und letzten Kategorien, der «Kategorie des Schreckens».
Schon der Titel löst ein kaltes Schaudern aus, heisst das Ding doch wie «Personalevaluation unter diversifikanten Aspekten» oder «Produktimplementation mit archaistischer Strategie». Und dann
…laufen wir von Plakat zu Plakat.
…schreiben und kleben Post-it-Zettel.
…reden in Gruppen, über Dinge, die keiner kapiert hat.
…schauen bunte Power Point an.
Das Schreckliche ist, dass nur ein Mensch von diesen Tagen wirklich profitiert: Der Seminarleiter. Er verdient mit Kleben, Zeigen, Reden locker seine 10000 an einem Wochenende.

«Ich war neulich auf einer Fortbildung…»
Liebe Leserin, liebe Leser, beobachten Sie einmal die Leute, wenn Sie einen solchen Satz von sich geben. Die Reaktionen reichen von purem Erschrecken über Gähnen bis zu nacktem Hass.
Vielleicht sollte man die vierte Kategorie gesetzlich verbieten und nur noch lustige und/oder sinnvolle anbieten.

 

Freitag, 16. Oktober 2026

Impressionen aus Berlin (2): Philharmonie, Girls und Vorhängeschlösser

So.
Hier die zweite Folge von Impressionen der Reise nach Berlin

Philharmonie als Labyrinth

In der Berliner Philharmonie hören wir ein wunderbares Konzert mit Boulanger, Strawinsky und Bernstein. Da unser Gastgeber einem anderen Menschen noch das Billett geben muss, begeben wir uns schon einmal auf die Suche nach dem Platz: Sollte doch eigentlich gar nicht schwer sein, Grosser Saal / Links / Block E / Reihe 3 / 14 und 15. Sollte. Denn wenn man ohne Insider, ohne Guide, ohne Ortskundigen sich auf die Suche nach Grosser Saal / Links / Block E / Reihe 3 / 14 und 15 begibt, dann braucht man sehr, sehr, sehr lange. Die Philharmonie ist ein Labyrinth. Der Erbauer, Herr Scharoun, hat die Blocks frei im Raum verteilt und jegliche Hinweise sind möglichst klein angeschrieben und es kann durchaus sein, dass sie insgesamt 3-4 Kilometer laufen, um Ihren Platz zu finden. Als das Konzert mit Lili Boulangers «Trauriger Nacht» beginnt, entdecke ich, dass längst nicht alle Plätze besetzt sind. Nun kommt mir ein Gedanke: Vielleicht irren stets zu Konzertanfang etliche Menschen noch auf den Gängen herum? Wer weiss. Dass man aber neulich einen völlig verwesten Leichnam fand, der sich als Besucher des Eröffnungskonzertes 1963 herausstellte, der nicht hinaus gefunden hatte, halte ich für ein Gerücht…

Attraktion für die Mädels am Weissen See

Wir schlendern Hand in Hand zum «Milchhäuschen» am Weissen See. (Kurz zur Erklärung: Der «Weisse See» ist der See im Stadtteil «Weissensee», Bezirk Pankow und wird auch manchmal grotesk als «Weissenseer See» bezeichnet. Wir hatten das Milchhäuschen in einer Architekturausstellung über die 60er und 70er entdeckt und wollten nun im «Osmo by Milchhäuschen» Kaffee und Kuchen geniessen.)
Im dem See umgebenden Park springen uns vier ca. 15jährige Mädchen entgegen: «Seid ihr ein Paar?» Wir nicken. «O, wie süss.» «O, ist das goldig». Sie strahlen und machen das Herz-Zeichen mit den Händen. Eine wünscht sogar, dass wir uns küssen sollen, das lehen wir aber ab, wir sind nicht im Zoo.
Einerseits ist das ja völlig schön, andererseits fragen wir uns schon: In welcher Welt leben diese Girls? Haben Sie noch nie ein Schwulenpaar über 50 gesehen? Sie wohnen in Berlin! Sie wohnen in einer Stadt, die (zusammen mit Köln) schwule Hauptstadt Deutschlands ist, einer Stadt, in der viele, viele queere Organisationen ihren Sitz haben. Es ist eigentlich erschütternd, so sehr und die Hand-Herzchen freuten. Vielleicht sollten sie jungen Damen mal Pankow verlassen, und das nicht immer nur virtuell und im Internet, sondern ganz und in Echtzeit WIRKLICH REAL mal nach Schöneberg fahren. Oder mal den nächsten CSD besuchen.
Schliesslich sind wir im Jahr 2026.

Vorhängeschloss im Kombibad

Am Samstag und Sonntag fahre ich zum Schwimmen ins «Kombibad Gropiusstadt». Dort erwartet mich eine überraschende Sache: Die Schränke brauchen ein Vorhängeschloss. Hat man keines dabei (habe ich natürlich nicht – so etwas erwähnen die Berliner Bäder auf ihrer Homepage natürlich nicht), kann man für 9 Euro eines erwerben. Ich komme mit dem Mann an der Kasse ins Gespräch, ich erzähle, dass ich aus Basel komme, wo im Gartenbau ja genau der gleiche Unsinn gemacht wird, auch dort braucht man ja ein Vorhängeschloss. «Dann kaufen Sie doch eines», meint «dieser, 9 Euro sind ja weniger als 9 Franken.» Ich muss ihn aufklären, dass der Franken inzwischen UNTER dem Euro liegt, dass allerdings ein Vorhängeschloss in Basel nicht 9, sondern 27 Franken kosten würde, also das Dreifache.
Ich kaufe also so ein Ding.
Und dann erzählt mir der Mann noch eine nette Sache: Er macht als Hobby Metallskulpturen und er war schon mehrfach in Basel: Sein Pilgerziel ist der Tinguely-Brunnen, den er für etwas ganz, ganz, ganz Grossartiges hält.
Muss ich ihm recht geben.

So, das war es aus Berlin.
Nächstes Mal wieder andere Dinge.



 

 

 

 

Dienstag, 13. Oktober 2026

Impressionen aus Berlin (1): Barbarini, DHL, Taxis und Bueno

Ja, wir waren wieder einmal in Berlin und ich will Sie mit zwei Posts ein wenig an den Dingen teilhaben lassen, es sind nur ein paar Impressionen, ein paar Eindrücke, ein paar Kleinigkeiten, aber viel Spass beim Lesen.

Feudal im Barbarini

Im Museum Barbarini in Potsdam hat der Sammler Hasso Plattner eine wunderbare Kollektion (seine Kollektion!) von Impressionisten und Neoimpressionisten ausgestellt. Wir schwelgen vier wunderbare Stunden in Monet, Renoir, Sisley, Signac usw. Dazwischen gehen wir in das Café Barbarini und essen Pfirsich-Sahne-Kuchen und Sachertorte, trinken Espresso und viel Mineralwasser. Mit dem Eintritt (32,--), dem Kaffee (30,--) und ein paar Postkarten (28,--) sind wir bei neunzig Euro. Stolze Preise, es scheint den Deutschen, den Berlinern, den Brandenburgern gar nicht so schlecht zu gehen – auch das Café Barbarini ist gerammelt voll, wir finden nur Plätze neben zwei netten Frauen am Vierertisch.
Aber Achtung!
Aber Achtung!
Das Barbarini ist wahrscheinlich keine repräsentative Ecke, um die soziale Situation der Menschen in Brandenburg zu evaluieren und zu dokumentieren. Die Damen, die im Barbarini-Café ihren Mokka trinken und dabei erörtern, ob man die Zauberflöte an der Staatsoper oder an der Deutschen Oper schauen sollte, sind nicht der Durchschnitt.

DHL überall und an allen Ecken

Wir fahren am Dienstag mit dem M29 heim. Zwischen Rio-Reiser-Platz und Görlitzer Bahnhof versperrt uns ein DHL-Fahrzeug den Weg und der Bus braucht eine Weile, um den Transporter zu umschiffen. Am Mittwoch fahren wir wieder mit dem M29 heim und scheinbar steht dasselbe Ding nur 10 Meter weiter. Kann natürlich nicht sein, es ist ein anderes; und nun werden wir aufmerksam: Wir zählen am Donnerstag die DHL-Wagen. Wir kommen in einer Stunde auf 300 Fahrzeuge der Dalsey-Hillblom-Lynn-Bande, die überall stehen, in der zweiten, dritten und vierten Reihe, kreuz und quer und dort, wo sie nicht hingehören. Ganz Berlin ist voll mit DHL. Es wäre eine grossartige Massnahme, wenn die Stadt Berlin sämtliches Ausliefern von Paketen verbieten würde, und natürlich gleich auch Temu, Amazon und wie die alle heissen. Es wäre eine Wohltat für den öffentlichen Verkehr. Er würde wieder fliessen.

Taxifahrer hören nicht zu – wie alle Menschen

Am ersten Abend fahren wir mit dem Taxi vom Hauptbahnhof zu unserem Gastgeber. Wir fragen den Fahrer, ob er weiss, wo sich die XY-Strasse 1 befindet. Natürlich wisse er das, und er fährt fröhlich los. Ich betone noch einmal, das die XY-Strasse bei dem Punkt Z beginnt und nicht, wie man denkt, an der anderen. Von ihm kommt nur ein ja, ja, ja, ja. Nun merken wir schon relativ früh, dass er falsch abgebogen ist und nun sich nun von der stadtnahen Seite der XY-Strasse nähert. Als wir in die hineinfahren, sind wir bei 234 und der Schrecken ist gross. Also, tapfer durchgefahren – aber halt! Ein Teil ist Fussgängerbereich, also drumherum. Ich hätte ihm sagen müssen, dass wir zur anderen Seite wollen, so der Taximensch lapidar. Tatsächlich hören Taxifahrer aber nicht zu, so wie alle Menschen, egal ob Verkäufer oder Callcenter-Mitarbeiter. Niemand hört zu. Dabei sag ich (manchmal) wirklich informative Dinge…

Kein Kinder-Bueno mehr

An einem der Tage komme ich vom Schwimmbad am Helene-Weigel-Platz und habe unbändig Lust auf ein Kinder-Bueno. Am Kiosk S-Bahn Springpfuhl gibt es keine, dort gibt es ausser Zigaretten nur Lollis und Zuckertüten. Im Press&Book am Ostkreuz gibt es ausser Zeitschriften nur gesunde Schokolade. Beim Aussteigen gehe ich noch ins Späti Pflügerstrasse, es hat alle Riegel, Mars, Snickers, Milky Way, usw., usw., aber kein Bueno. Liegt es vielleicht daran, dass diese Leckerei die Lieblingssüssigkeit des (noch) Regierenden Bürgermeisters ist, und dass mit seiner Abwahl Buenos aus den Regalen verbannt wurden? Nun, dann werden wir gespannt sein, was die linke neue Chefin als Favorit-Schoko angibt…

Nächste Folge noch mehr.