Ramona, die Tochter einer Freundin von mir schreibt ihre Masterarbeit über queere Künstler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen.
Ramona hat eine grosse, lange und beachtliche Liste zusammengestellt, aber als sie mir die grosse, lange und beachtliche Liste zusammenstellt, bin ich an einigen Stellen der beachtlichen und immensen Liste doch ein wenig erstaunt.
Bei den «Künstlerinnen vor 1800» finde ich die folgenden Namen
Hildegard von Bingen
Hrosvit von Gandersheim
Isabella Leonarda
Als ich Ramona darauf anspreche, erhalte ich die Antwort, alle diese Damen hätten ja schliesslich in Frauengemeinschaften gelebt, in reinen «Weiber-WGs», man könne sich ja vorstellen, was…
Ich muss nun doch heftigst widersprechen, Hildegard war Äbtissin im Rhein-Main-Gebiet im 12. Jahrhundert, Hrosvit war Stiftsdame am Harzrand im 10. Jahrhundert und Isabella war Nonne in Novara im 17. Jahrhundert, Hildegard schrieb und musizierte, Hrosvit dichtete und Isabella komponierte, allen drei gemeinsam: Sie lebten in klösterlichen Gemeinschaften, und da leben und lebten halt nur Frauen. Klar, es gibt da auch lesbisches Verhalten, aber nicht alle Nonnen sind Lesben.
Genauso verdächtig finde ich die Liste der «Unverheirateten», hier prangt als erster – wie so oft – der Name
Franz Schubert.
Schubert blieb ledig, unverheiratet, unbeweibt, und sein Freundeskreis, die «Schubertianer» waren alles Männer.
Gut, natürlich kann es sein, könnte es sein, ist es möglich, wäre es möglich, dass von Spaun, von Schwind, Grillparzer und der gute Schubert sich mal auf einer ihrer Ausflüge irgendwo angefasst haben, geschenkt, geschenkt, zumal auch ja immer genügend Alkohol im Spiel war…
Die Ehelosigkeit diverser Maler, Musiker und Dichter hat aber einen ganz anderen Grund: Sie waren zu arm. Kein anständiger Vater gab seine Tochter einem «Pinsler ohne Geld», einem Klavierspieler ohne Einkommen» oder einem «Schreiberling ohne Moos», die «Pinsler ohne Geld», Klavierspieler ohne Einkommen», die «Schreiberlinge ohne Moos wurden deshalb aber nicht schwul, Maler, Musiker und Dichter gingen ins Bordell.
Gibt es darüber Aufzeichnungen?
Natürlich nicht. Schreiben Sie in Ihr Tagebuch: «Heute im Puff, Dolly war wieder erste Sahne.»? Sicher nicht. Erwähnen Sie den Abend im «Cheval Rouge» in Ihren Briefen, in Ihren Mails? Auf keinen Fall. Und was ist mit den Notizen der Nutten? Ich bitte Sie, die wenigsten tun das, die meisten merken sich nicht einmal Gesicht, geschweige denn Namen.
Well, the men come in these places
And the men are all the same
You don't look at their faces
And you don't ask their names
You don't think of them as human
You don't think of them at all
You keep your mind on the money
Keeping your eyes on the wall
Ich weiss, dass ich mich jetzt wie ein totaler Rechter anhöre. Das ist aber Quatsch. Ich finde es total und absolut wichtig, sich mit queeren Künstlern auseinanderzusetzen, aber dann doch bitte mit Leuten, die auch wirklich queer sind oder waren.
Oder noch härter formuliert: Die Devise «alle sind doch ein bisschen schwul, ein bisschen trans, ein bisschen bi, ein bisschen lesbisch, ein bisschen non-binär» ist eine gefährliche Aussage, eben weil sie den Rechten so sehr in die Hände spielt. Ich selbst bin nicht wie alle, aber es gehört zu einer freiheitlich-demokratischen Ordnung, dass ich so sein darf, wie ich bin, auch wenn es «nicht wie alle» ist.
Ich weiss, dass die Errungenschaften, die die queere Community in den letzten Jahren erreicht hat, extrem in Gefahr sind. Das zeigen die CSDs in Deutschland, die praktisch alle von Gegendemonstrationen begleitet werden. Aber bringen hier Darstellungen einer «queeren Kunst» etwas? Jetzt mal ganz ehrlich: Wenn man einem schwarzgekleideten Menschen, der gerade eine Regenbogenflagge verbrennt, sagt: «Hör mal, ganz viele Künstler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen waren schwul oder lesbisch», dann wird es diesen Menschen wenig jucken, weil er Künstler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen sowieso für Ratten und Schmeissfliegen hält. (Der Ausdruck stammt übrigens nicht von Nazis, sondern von Franz Josef Strauss, und er bezog sich auf Journalisten.)
Sollten wir dem schwarzgekleideten Menschen, der gerade eine Regenbogenflagge verbrennt, nicht eher sagen:
«Deine Briefträgerin ist vielleicht lesbisch.»
«Dein Fensterputzer ist vielleicht schwul.»
«Dein Lieblingsfussballer.»
Ramona hat eine grosse, lange und beachtliche Liste zusammengestellt, und eine ähnliche Liste fand ich (stimmt nun echt!) neulich im SWR-Programm. Ich finde nun aber, wir sollten uns beschränken. Wenn wir alle die Künstler und Künstlerinnen nehmen, die wirklich queer waren, sind das immer noch genug.