Als ich mit 18 Jahren meinen Zivildienst im «Sonnenhof e. V:» in Schwäbisch Hall, einem Heim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche antrat (ich wähle bewusst die Sprechweise von damals), bekam ich alle Bewunderung meiner Umgebung: Wie ich das nur machen kann, all das Leid und das Unglück, so eine schwere Aufgabe, usw., usw.
Tatsächlich war es natürlich ganz anders. Ich verbrachte in Schwäbisch Hall zwei wunderbare Jahre und hatte viel Freude bei der Arbeit; mangelnde Intelligenz – man muss das so direkt sagen – tut nämlich nicht weh.
In Zivi-Sitzungen parodierten wir manchmal die Meinung der Aussenstehenden. Gab es viele Neue, machten wir eine Vorstellungsrunde, in der mindestens einer sagte «Ich bin der XY und ich arbeite im Sonnenhof mit geistig behinderten Kindern», worauf mindestens einer antwortete: «Ist das nicht sehr, sehr, sehr schwer?»
Dass ich für meine Arbeit Geld bekam, fanden alle Menschen OK. Meinen Sold konnte ich ganz für mich behalten, da ich Logis hatte und vollverpflegt war, zudem wurde in den Schulferien das «Hausschlafen» (Nachtbereitschaft) bezahlt. Niemand fand das übertrieben.
Wenn ich erzähle, dass ich mit meinen Jungs am Theater Basel an Produktionen wie «La Bohème» oder «Turandot» oder «Carmen» beteiligt bin, bekomme ich keine mitleidige Bewunderung, ich bekomme vor allem Neid und begeistertes Mitfühlen: So eine schöne Arbeit, Eintauchen in die Welt der Kunst, diese schöne Musik und überhaupt…
Niemand, der so redet, hat jemals die Spannung und Hektik, die Anstrengung und Nervosität, den totalen und absoluten Stress am Theater vor einer Generalprobe erlebt. Es ist ein Wunder, dass es da keine Tote gibt. Das gilt nun für alle Beteiligten, bei mir kommt hinzu, dass ich mit 20 Kindern dort bin.
Wenn ich nun Menschen erzähle, dass ich pro Probe und Vorstellung ein Extrahonorar erhalte, sind sie fassungslos: «Aber du machst das doch gerne?» «Das ist doch so eine künstlerische Arbeit?» «So schöne Musik und dann Kohle?»
Warum sind wir so unfair in der Beurteilung von Arbeit und Bezahlung? Zwei Maximen scheinen sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben zu haben:
Erstens
Ob deine Arbeit anstrengend und stressig ist, oder schön und genussvoll, entscheidest nicht DU, das entscheidet die ALLGEMEINHEIT nach einer strengen Tabelle. Kunst ist schön und genussvoll, Pflege ist anstrengend und stressig, Büroarbeit ist Faulenzen, Handwerk ist härteste Arbeit usw., usw.
Zweitens
Arbeit, die du gerne machst, die dir Befriedigung und Freude verschafft, Arbeit, die du als schön und genussvoll empfindest, sollte schlecht oder nicht bezahlt werden.
Das bringt die Gesellschaft in eine komische Spirale: Wir brauchen dringend Arbeitskräfte, für Handwerk und Bau, für Pflege und Spital, für alle möglichen Bereiche, wir haben zu wenig Menchen, die Zwiebeln schneiden und zu wenig, die Betten machen, wir haben zu wenig, die die Hecken schneiden und zu wenig, die die Strassen teeren. Aber wehe!
Wehe!
Wehe!
Wehe, wenn man Menschen findet, die gerne Zwiebeln schneiden, die gerne Betten machen, die gerne Hecken schneiden und gerne Strassen teeren. Die stehen ja dann im Verdacht, ihren Lohn ganz umsonst zu bekommen.
Also werden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ständig am Jammern sein. («Die Zwiebeln brennen SO in den Augen.», «Mein Rücken!», «Die Hecken zerstören meine Hände mit ihren Dornen.», «Heisser Teer bei 40°!») Das Jammern macht sie dann krank und dann fehlen wieder Arbeitskräfte…
Ausserdem bringt die ganze Jammerei die Gesellschaft in so ein Null-Bock-Stimmung – die Stimmung, die wir in der BRD gerade haben.
Wir müssen vielleicht zwei neue Maximen erfinden:
Erstens
Jede Arbeit hat unseren Respekt verdient. Wenn sie völlig unnötig, überflüssig redundant und blödsinnig ist, dann schaffen wir sie ab und überlassen sie den Robotern.
Zweitens
Jede Arbeit hat ihren Lohn verdient, und wenn jemand gerne arbeitet, zahlen wir ihr oder ihm nicht weniger.
In diesem Sinne: An die Arbeit, Leute!