Dienstag-Freitag-Glosse
Freitag, 9. Oktober 2026
Der gestandene Deutschlehrer
Ich bekam neulich von einem Bekannten ein WhatsApp mit einem reizenden Cartoon: Zwei Personen, Mann und Frau stehen sich gegenüber, sie stehen vor einem gotischen Fenster, es soll hier wohl ein Korridor einer ehrwürdig-historisierenden-neugotischen Schule angedeutet werden. Der Mann, beleibt, Anzug und Krawatte, Glatze und Nickelbrille (Schulleiter?) fragt die Frau mit Kostüm und Handtasche: «Sind Sie die neue Deutschlehrerin?» Und sie antwortet: «Ja, ich sind.»
Gemein, gemein. Es ist sehr unfair, die ganze deutsche Bildungsmisere immer nur auf die Lehrer zu schieben, aber ein Fünkchen, ein kleines Fünkchen, ein winziges Fünkchen Wahrheit ist ja dran. Ich war in meiner Ausbildung zum Drittfach Deutsch (die ersten beiden waren Schulmusik und Latein) im letzten Jahrgang, der noch die volle Background-Ladung der deutschen Literatur und die ganze Background-Ladung der Linguistik abbekam. Wir lasen noch Hölderlin und pflegten Mittelhochdeutsch und beteten den Saussure rauf und runter – und zwar nicht «didaktisiert», also nicht stets mit der Frage, ob man das im Unterricht braucht.
Ja, angesichts des Cartoons sehnt man sich.
Man sehnt sich…
Man sehnt sich nach dem alten, gestandenen Deutschlehrer.
Sie wissen, was ich damit meine? Sie wollen Beispiele? Gut.
Der gestandene Deutschlehrer kann ca. 200 Gedichte auswendig. Er erwartet aber auch die Kenntnis von MINDESTENS zehn Poemen von seinen Schülerinnen und Schülern. Und er erwartet auch, dass diese Kenntnis nicht mit dem Abitur erlischt. Es kann nun also sein, dass er einen Ehemaligen oder eine Ehemalige auf herbstlicher Strasse im farbigen Blätterwald trifft, ihn oder sie packt und rezitiert:
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und wehe (wehe! wehe! wehe!), wenn der oder die Betreffende nicht sofort weitermachen kann:
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Der gestandene Deutschlehrer korrigiert. Er korrigiert Orthografie, Grammatik, Interpunktion, aber auch Sinn- und Bezugsfehler.
Und wenn Sie ihm eine Einladung zu ihrem 60. Geburtstag schicken (er selbst ist dann 90), dann kann es sein, dass sie mit Verbesserungen zurückkommt:
Es würde mich freuen, Sie zu meinem runden Geburtstag einladen zu dürfen.
Vielen Dank. Ich komme gerne. Aber deine Einladung ist nicht korrekt formuliert. Denn: Einladen darfst du immer, darüber musst du nicht freuen. Also: Ich möchte … einladen und es würde mich freuen, wenn …
Der gestandene Deutschlehrer schreibt immer noch für einige Fachzeitschriften, er schreibt gefürchtete Leserbriefe, er sitzt in Gremien und liest, liest, liest. Der gestandene Deutschlehrer führt einen unermüdlichen Kampf gegen Schludrigkeit, Schlamperei, falschen Fremdwörtergebrauch und falsche Kommata.
Wenn dann im Fernseher Frau Slomka oder Herr Sievers «…zwei Dilemma…» sagen, dann brüllt er so laut «DILEMMATA! DILEMMATA! DILLEMATA!», dass man es wirklich fast am Lerchenberg hören kann.
Die Wohnung des Neunzigjährigen könnte inzwischen übrigens eine Putzfrau vertragen. Aber da der gestandene Deutschlehrer eine fehlerfreie zweiseitige handschriftliche Bewerbung verlangt, stehen die Chancen natürlich schlecht, dass er eine engagieren kann…
In den sozialen Medien kursiert ein Cartoon, in dem die neue Deutschlehrerin, auf die Frage, ob sie diese sei, «Ja, ich sind» antwortet. Und da sehnt man sich nach den gestandenen Deutschlehrern.
Obwohl sie uns nervten.
Obwohl wir sie hassten.
Gestandene Deutschlehrer, wir vermissen euch!
Dienstag, 6. Oktober 2026
Rechts wählen heisst den Teufel mit dem Beelzebub austreiben
Achmed stört sich sehr an seinen Nachbarn, Detlev und Markus, ein Paar, das die andere Wohnung im 8. Stock des Hochhauses gemietet hat. Er mag sich gar nicht vorstellen, was da Wand an Wand zu ihm geschieht. Zwei Männer, die… Es ist einfach gegen Allahs Gebot und gegen den Koran und gegen alles Heilige und wenn er denkt, was Detlev und Markus da tun, dann wäre er manchmal gerne wieder in einem Land, wo man solche Leute einen Kopf kürzer macht.
Aber – das muss man klar sagen – Detlev und Markus sind auch nicht gerade die tolerantesten Leute. Für sie ist jeder Glaube sowieso im Mittelalter zuhause, und den Islam halten sie für die schlimmste Religion überhaupt. Und den Unterschied zwischen Islam und Islamismus haben sie noch nie begriffen, Achmed ist also für sie ein Terrorist. (Was er nicht ist, er ist fundamental, aber nicht radikal und eine Bombe würde er nie legen…)
Achmed hat stramm rechts gewählt. Denn wenn endliche eine rechte Partei ans Ruder kommt, dann wird aufgeräumt mit Regenbogen und dem ganzen Schmus. Dann wird der §175 wieder eingeführt und solche Perversen wie nebenan können sich dann wieder in Kellern treffen, auf keinen Fall bekommen sie Wohnungen, wo Wand an Wand fromme Menschen beten. Dann ist vorbei mit queer! Vorbei mit gay!
Aber auch Detlev und Markus haben stramm rechts gewählt. Denn wenn endlich eine rechte Partei ans Ruder kommt, dann schickt man die Achmeds und Mustafas und Alis einfach wieder nach Hause. Remigration! Dann verschwinden die Moscheen und Gebetsteppiche und man kann wieder auf Weihnachtsmärkte gehen, ohne das einem ein Islamist eine Bombe unter dem Hintern zündet.
Beide Parteien, sowohl Achmed als auch Detlev und Markus wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Das ist so, wie wenn man einen Flecken mit einem stark säurehaltigen Mittel bekämpft, es wirkt, der Fleck ist weg, leider ist ob einer kräftigen Dosis HCl auch der Stoff nicht mehr da, sprich, es klafft ein Loch.
Das ist so, wie wenn man eine Krankheit mit einem Medikament angeht, das so viel Nebenwirkungen hat, das der Patient oder die Patientin nach der medikamentösen Therapie viel kränker ist als vorher.
Das ist so, wie wenn man Hornissen aufs Grundstück holt, damit sie die Wespen vertreiben.
Die Sache hat übrigens Tradition. Schon in der Antike kam es vor, dass der Stamm der Vovokier, der mit den Bubukiern im Streit lag, die Mazedonier zu Hilfe rief, während die Bubukier die Perser um Unterstützung baten. Die beiden Grossmächte kamen gerne und fochten auf dem Gebiet der beiden Stämme mit ihren Armeen, schliesslich gewannen die Mazedonier (Alexander, wir erinnern uns) und die Vovokier wurden genauso wie die Bubukier dem grossen alexandrinischen Reich eingegliedert.
Was wird passieren im Mietshaus mit den vielen Stockwerken?
Achmed wird sich nicht mehr an schwulen Nachbarn stören, denn er wird wieder in seiner Heimat wohnen, er wird remigriert sein.
Und Markus und Detlev werden auch mit Achmed keine Probleme mehr haben, auch sie werden dort nicht mehr wohnen, sicher nicht beide, und wenn Detlev doch noch da wohnt, wird der Horst, der Blockwart, genau darauf achten, dass Markus nicht bei ihm übernachtet.
Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Passiert leider viel zu oft.
Freitag, 2. Oktober 2026
KI ist doof, weil Erinnerungen so bleiben
Ich sitze an der Konzeption eines Posts über den Deutschunterricht, PISA usw. Dabei fällt mir eine Geschichte aus meiner Schulzeit ein:
Wir hatten eine Klassenarbeit in der 10. Klasse über den Faust I. Das Thema, das ich nahm, hiess «Ist die Szene Nacht die Peripetie des Dramas?» Eine trickreiche Frage, denn der Faust I hat ja (im Gegensatz zum 2. Teil) kein Fünf-Akt-Schema, also muss man erst einmal das Raster quasi über das Drama stülpen, um dann zu schauen, ob jene Szene am Ende des (gedachten) 3. Aktes steht. Trickreich.
Mein Nebensitzer, wir nennen ihn mal Alexis Nikolaopolos (seine Eltern kamen wirklich aus Griechenland), nahm, wie immer, das gleiche Thema, um abschreiben zu können. Nach drei Minuten kam die Frage: «Was ist eine Peripetie?». Meine Antwort: «Alexis, nimm ein anderes Thema.» Worauf der Lehrer uns streng ermahnte, ruhig zu sein, beim nächsten Male gebe es Punktabzug. Der Dialog wiederholte sich noch zweimal, Alexis fragte nach der Peripetie, ich meinte, ein anderes Thema sei angebracht und Herr Beck, unser Deutschlehrer wurde immer genervter. Schliesslich malte ich das ganze klassische 5-Akt-Schema auf ein Blatt und schob es ihm rüber – sein Aufsatz gelang dennoch nicht.
Nette Geschichte.
Sie hat nur einen Haken: Sie kann so nicht stimmen. Die Aufsatzstory muss in der 10. Klasse passiert sein, denn in der 10. Klasse blieb mein Nebensitzer sitzen. Später wechselte ich die Schule und sass nie mehr neben ihm. Faust I und Faust II waren aber – auch wenn wir früher Genies waren – Stoff der 12. und nicht der 10. Klasse. Auch wenn die Szene lebhaft in meiner Erinnerung gespeichert ist, SO kann sie nicht stattgefunden haben.
Vor ein paar Jahren war ich wieder einmal Kiel, zum ersten Mal seit meiner Kindheit, und ich war erstaunt, dass man zum (scheusslichen) Marinedenkmal in Laboe eine halbe Stunde mit dem Schiff fahren muss. In meiner Erinnerung war der Turm DIREKT neben dem Hauptbahnhof gestanden. Nun kann das natürlich nicht sein, ein solches Monument kann man nicht abtragen und kilometerweit entfernt wieder aufbauen, nein, nein, nein, auch hier hatte mein Gedächtnis, meine Erinnerung mir einen Streich gespielt.
Wir können nicht speichern ohne zu verarbeiten.
Diese klare Erkenntnis hat die Hirnforschung vor Jahren schon verkündet. Die Frage ist, warum das so ist.
Warum erzählen dir Augenzeugen nach 5 Jahren total, aber auch wirklich total andere Geschichten?
Warum können sich drei Geschwister nicht einigen, ob die Grossmutter Rosinen in den Kuchen tat oder nicht?
Warum…?
Warum…?
Es scheint ein evolutionärer Vorteil gewesen zu sein. Für den Homo Sapiens war diese Hirnfunktion irgendwann und irgendwo und irgendwie praktisch.
Und nun kommt das Spannende: Der Computer kann das nicht. Die Elektronik kann das nicht. Ihr PC kann das nicht. Die KI kann das nicht.
Eine Datei, die irgendwo abgelegt wurde, ist auch nach 50 Jahren noch genau gleich, ich habe vorhin gerade alte Fotos von Wales 2007 angeschaut, die drei Jungs vor der Kirche stehen noch genau da, wo sie standen.
Wenn das Speichern PLUS wild Verarbeiten aber ein Vorteil war, dann hat die KI da einen entscheidenden Mangel.
Anders gesagt: Wir verarmen, wenn wir uns nur noch auf die elektronische Speicherung verlassen.
Dass Laboe weit von Kieler Innenstadt entfernt liegt, das habe ich inzwischen korrigiert. Wem ich aber den Zettel mit «Das 5-Akt-Schema» hinschob, wer da neben mir sass, oder ob ich Alexis ein ganz anderes Thema erklärte, oder ob die Story ÜBERHAUPT VÖLLIG ANDERS stattgefunden hat, das wird nicht mehr herauszufinden sein. Denn wenn ich Klassenkolleginnen und Klassenkollegen frage, von der ersten oder der zweiten Schule, dann haben die ihre Erinnerungen ja auch verarbeitet…
Es ist hoch spannend.
Dienstag, 29. September 2026
Theater Köln, Theater Stuttgart und die Opernsprengung
Freudig begrüssen wir die edle Halle,
wo Kunst und Frieden immer nur verweil,
wo lange noch der frohe Ruf erschalle:
Thüringens Fürsten, Landgraf Hermann, Heil!
Schön gesungen, schön gesagt. Aber wäre nicht die Arie der Elisabeth aus dem gleichen Akt, aus dem gleichen Stück und in den gleichen Halle stattfindend, viel passender gewesen?
Dich, teure Halle, grüss' ich wieder,
froh grüss' ich dich, geliebter Raum!
In dir erwachen seine Lieder,
und wecken mich aus düstrem Traum.
Sehr passend! Denn TEUER ist der Bau mit 1500000000 Euro (ich lasse die Strichlein immer bewusst weg, weil es so viel üppiger aussieht, in Worten sind es 1,5 Milliarden) geworden, und vom «düstren Traum» zu singen ist auch schön, denn die Renovation des Hauses war ein Alptraum. Und brauchte 11 Jahre länger als geplant. Verschleppung, mangelnde Kontrolle, keine Bauaufsicht, Mängel, Verwitterung, die man zu spät erkannte und Pfusch, Pfusch, Pfusch, Pfusch.
Aber vergessen! Vergessen! Bei so einem schönen Festakt, bei so viel Wagner und Pomp und Gesang, bei Schnittchen und Sekt, bei rotem Teppich und Scheinwerfern, da vergisst man doch alle Mühe und alle Kosten.
Nun gibt es aber noch mehr Opernhäuser in Deutschland (über 80) und einige stehen zur Renovierung an. Und – ich sagte es schon öfter – es ist toll, dass es da so viel Theater gibt. Was ich im Februar 2012 nach einer Opernpremiere in Trier schrieb, war ironisch gemeint:
Wie ich am Ende meines letzten Posts sagte, hätte der Abend in Trier auch in anderen Städten stattfinden können. Oder anders formuliert: Der Theater-Trier-Reisende kann auch in Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Mainz oder Koblenz aussteigen und eine genauso interessante und schöne Opernvorstellung geniessen. Oder noch einmal anders formuliert: Deutschland hat die grösste Operndichte der Welt.
So weit, so gut. Allerdings wird dieser Satz immer mit einem Unterton gesagt. Einem Unterton, der einen zur Frage bringt: "Kann man da nichts dagegen machen?" Ein verschämter, peinlicher Tonfall, der Tonfall in dem man sagt: "Er hat die Filzläuse." oder in dem man dem Bekannten erklärt, warum man gestern aus dem Beate-Uhse-Shop kam.
Die nächste Renovation, die noch teurer wird, ist die des Grossen Hauses der Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Wie lange sie brauchen wird, steht in den Sternen, denn die Schwaben sind ja inzwischen nicht gerade die Meister im Schnellbauen. Und das ist jetzt euphemistisch ausgedrückt, wenn die Oper so lange braucht wie der Bahnhof, dann gute Nacht.
Vielleicht muss man doch auf den Vorschlag von Pierre Boulez zurückkommen. Der französische Komponist schlug am 25. September 1967 (dass die Kölner Oper am 24. September wieder aufmachte, ist ein lustiger Zufall…) vor, die Opernhäuser in Deutschland zu sprengen.
Also, die Oper in Köln nehmen wir natürlich da raus, das wäre jetzt wirklich doof, das Ding zu sprengen, wenn es gerade für 1,5 Milliarden renoviert wurde.
Aber für Stuttgart…
Da sollten die Verantwortlichen doch einmal prüfen, ob die Idee von Herrn Boulez nicht eine genauere Überlegung verdient.
Freitag, 25. September 2026
Der hektische Mann als Symbol für die Zeit
Bitterli betritt stets in Liestal meinen Zug, wobei «betritt» ein Euphemismus ist, er stürmt herein, setzt sich dann leicht seufzend auf einen Platz und starrt bis zum Hauenstein-Basistunnel aus dem Fenster. Ich sehe seine schwarzgefärbten Haare in diesem unnatürlich blauen Schimmer leuchten, jenes unnatürliche Schwarzblau, das gefärbte Haare nun mal haben.
Schon im Hauenstein-Basistunnel springt er auf und steht am Ausgang, durch die Glastür sehe ich seine Ohren zucken und seine Augenlider sich 180x pro Minute schliessen (und wieder öffnen). Kurz vor Olten stehe ich dann auch auf und stehe hinter ihm. Sobald der Zug steht, nein, eigentlich bevor der Zug steht, drückt Ruedi hektisch auf dem Öffnungsknopf herum: Dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam… Was natürlich überhaupt nichts bringt.
Aber der werte Herr Bitterli scheint es sehr, sehr, sehr eilig zu haben. Vermutlich muss er einen Anschluss erwischen, der kurz vor sechs Uhr fährt. Nach Solothurn will er nicht, denn der Zug nach Biel fährt um 6.02 und da hat man genügend Zeit. Aber egal, er ist im Stress, toppt aber sein Verhalten noch:
Wenn der Zug steht und die Türe sich öffnet, schiebt der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren sie mit Gewalt zur Seite – also er versucht es. Natürlich geht eine elektrische Tür nicht schneller auf, wenn man schiebt. Nachdem er die Türe «aufgeschoben» hat, zwängt er sich durch den Spalt und rennt davon
…als sei der Leibhaftige hinter ihm her.
…als hätte jemand Hunde auf ihn gehetzt.
…als sei er ein Sprinter im Endspurt.
…als schlösse sich die Tür zum Paradies in 10 Sekunden.
Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren, also Ruedi Bitterli, steht immer unter Strom, aber er ist auch ein wunderbares Symbol für den Umgang mit der Zeit.
Einerseits versucht er, einen Vorgang zu verlangsamen, nämlich den der Haarergrauung, einen Vorgang, der bei allen Menschen ja eintritt und zum Leben dazugehört. Wir alle werden irgendwann grau oder weiss, andererseits versucht er Vorgänge in einer bescheuerten Art zu beschleunigen.
Aber wir müssen uns hier an die eigene Nase fassen und vor der eigenen Türe kehren: Auch uns vergeht die Zeit manchmal viel zu langsam und manchmal viel zu schnell.
Ich schwimme jeden Tag – wie Sie wissen – 500 Meter. Für diesen halben Kilometer brauche ich 17 Minuten. Da ich keine Lust auf Längenzählen habe, und auch gelegentlich, wenn vor mir ein langsamer Mensch oder hinter mir ein schneller Mensch ist, auf die andere Spur wechsle, gehe ich nach der Zeit, also 17 Minuten.
Nun kann es sein (das kommt nicht oft vor), dass ich ein bisschen schlapp bin oder müde oder eventuell auch lustlos, immerhin stehe ich um 4.30 auf, dann vergehen diese 1020 Sekunden sehr, sehr, sehr langsam.
Umgekehrt muss ich alle 3-4 Monate wieder abstoppen, ob die Zeit von 17 Minuten noch stimmt (ich werde ja alt und nicht schneller). Nun geht es den anderen Weg: Ich zähle die Längen, und die Zeit rast, sie rennt, sie ist nicht aufzuhalten.
Sie kennen dieses Phänomen sicher vom Thema «Bus kommt». Wenn Sie einfach warten, dann sind 4 Minuten (240 Sekunden) unendlich lange, Sie haben das Gefühl, Sie könnten in der Zeitspanne, bis der 5er kommt, die ganze Welt retten oder ein 600zeiliges Epos schreiben. Weh aber, weh, weh, wenn Sie am Fahrkartenautomaten, der ja bekanntlich ein Gerät mit Sieben Siegeln ist, in dieser Zeit einen Fahrschein lösen müssen, dann rast die Zeit wie wahnsinnig…
Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren – wir nannten ihn Ruedi Bitterli – steht immer unter Strom. Er hämmert auf den Halteknopf, schiebt die Tür weg und hektikt auf seinen Anschlusszug.
Und ist ein wundervolles Symbol für die Macht des Gottes Chronos.
Dienstag, 22. September 2026
Positiver Rückzug mit Zan Joispeed
Leute, Leute! Leute!
Ich muss euch heute was erzählen.
Ich bin ein völlig neuer Mensch, ich meine wirklich neu, neu von Kopf bis Fuss. Meine Kopfschmerzen sind weg, und mein Bauchgrimmen ist weg, und ich atme tiefer und besser und…, und…, und…
Es ist unglaublich.
Ich war bei Zan Joispeed!
Zan Joispeed ist eigentlich Podologe, aber er hat sich über die Füsse zu den Fussreflexzonen, dann zu den Meridianen und dann zu einer völlig neuen Sicht des Menschseins emporgearbeitet. Und dieses Wissen, diese Energie, diese Lebenswahrheit gibt er jetzt auf sogenannten «Positiven Rückzügen» an die Menschen weiter. Und auf diesen «Positiven Rückzügen» erlebt man so viel, man atmet, macht Yoga und Meditation und Selbsterfahrung, und…, und…, und…
Ich gerate ins Schwärmen. Nun gut. Aber wer Zan Joispeed einmal erlebt hat, ich meine, live erlebt hat, der wird mir beipflichten.
Und das muss ich jetzt auch ganz klar sagen: Zan heilt ganz schwer Kranke! Auch wenn da alle Schulmediziner aufschreien und sogenannte Wissenschafts- und Gesundheitsmagazine wie «Puls» (SRF 1) gegen ihn hetzen, Zan Joispeed ist ein Heiler!
Ich bringe Ihnen zwei Beispiele:
Yanis (34) hatte einen Tumor im Magen. Also, der war von den unfähigen Ärzten nicht diagnostiziert, und es gab da auch kein MRJ oder MSI oder wie das heisst, aber er SPÜRTE ihn, er FÜHLTE ihn, es war völlig klar, dass da irgendetwas ist. Und dann geht Yanis zum «Positiven Rückzug» und der Tumor ist weg! Ja, und um das zu bestätigen, geht er dann doch einmal zum NRI oder MTA oder wie das heisst, und siehe da: Man sieht nix!
Sandra (72) hatte eine Knie-OP und die blöden Doktoren hatten ihr gesagt, dass sie 6 Wochen mit Stöcken (für meine deutschen Leserinnen und Leser: Krücken) herumlaufen müsse, und dann geht sie zu einem «Positiven Rückzug» und kann nach 40 Tagen die Dinger weglegen!
Von psychischen Problemen will ich gar nicht reden…
Leute, Leute! Leute!
Ich bin ein völlig neuer Typ, ich meine wirklich neu, neu von Kopf bis Fuss, von Zehe zu Stirn, vom Rücken bis zum Bauchnabel. Meine Halsschmerzen sind weg, und mein Bauchweh ist weg, und ich atme tiefer und besser, ich habe wieder Energie und Lebensfreude und alle dunklen Wolken sind verschwunden.
Es ist unglaublich.
Jetzt gibt es natürlich Meckerpeter und Mieseliesen (schön, gell? Ist doch viel assonantischer als «Miesepeter» und «Meckerliesen»), die behaupten, Zan würde zu viel Geld verlangen. Für die stolzen 1000,-- (in Worten Eintausend) Franken könnte man eine Woche in Urlaub fahren. Oder vier Jahre Schwimmbad zahlen. Oder 10 wunderbare Massagen buchen. Oder sonst so viele schöne andere Dinge kaufen, die einem irgendwie gut tun.
Ja, die Meckerpeter und Mieseliesen sagen sogar, Zan Joispeed würde das alles nur machen, um Geld zu verdienen! Welche Verleumdung! Zan braucht doch kein Geld, er tut das alles nur, weil er ERKENNTNIS gewonnen hat und GLÜCK und er kann nicht anders, als das weiterzugeben.
Und:
Es geht hier darum, ein neuer Mensch zu werden, nicht um ein bisschen Schwimmen oder ein bisschen Urlaub oder ein bisschen Massage.
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Leute, Leserinnen und Leser, Menschen, Welt:
Ich bin ein völlig neuer Mensch.
Freitag, 18. September 2026
Marschhalt in der KI?
Das war ja schon unglaublich, das war ja schon sehr speziell, dass ein paar Leute vor dem zu raschen Fortschreiten der KI warnen und diese Leute sind nicht irgendwelche Philosophen oder Kulturkritiker oder Kommunisten, es sind die Chefs von KI-Unternehmen. Sie selbst! Die Bosse aus der High Tech rufen: Marschhalt bei der KI! Sie scheinen gemerkt zu haben, dass bestimmte Sachen aus dem Ruder laufen könnten. Da kommt einem doch Goethe in den Sinn:
Und sie laufen! Nass und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen;
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.
Es geht nämlich um das Folgende: Was tun wir, wenn die KI unsere eigentlichen Grundsätze entdeckt und dann so handelt, dass diese Grundsätze verwirklicht werden?
Ich habe im Jahr 2015 vier Posts zum Thema «Roboter» geschrieben, habe aber ein Problem nicht behandelt: Ein Roboter, dem man die Maxime «Schaden vom Menschen abwenden» beigebracht hat, müsste
* Ihnen die Zigarette aus der Hand schlagen.
* Ihre Hausbar ins Klo leeren und die Flaschen ins Leergut kippen.
* Mousse und Speck aus Ihrem Kühlschrank entfernen.
* Sie im Fitnessstudio anmelden.
Was nun aber, wenn die KI global «Schaden von der Menschheit abwenden» als Maxime hätte? Was, wenn die KI «Schaden vom Planeten abwenden» hätte?
Wenn die KI an den Planeten denkt, MUSS sie zum Schluss kommen, dass die schlimmste Sache für den blauen Planet, der da um diesen Fixstern, genannt «Sonne» kreist, eine Spezies der Klasse Mammalia ist, die sich «Mensch» nennt. Diese Spezies macht die Wälder kaputt, macht die Flüsse kaputt, macht die Meere kaputt, macht das Klima kaputt, macht…
Eine KI, die ihren Namen verdient, wird die Menschheit vernichten.
Das Spezielle an dem Aufschrei der KI-Firmen war nun auch der Wunsch nach staatlicher Regulierung – und die Reaktion des Staates darauf. Trump hat ganz klar gesagt, was er von einem Moratorium hält:
Nix.
Gar nix.
Das ist jetzt so, wie wenn in einer Familie die drei Söhne (13, 14, 15) merken, dass sie in die Pubertät kommen (bzw. schon sind) und flehend zum Vater gehen: «Papi, wir sind in bzw. kommen in die Pubertät und wir brauchen Regeln! Bitte beschränke unseren Alkoholkonsum auf 2 Flaschen Bier pro Wochenende! Bitte verbiete uns das ungesunde Rauchen! Bitte schaue, dass wir immer rechtzeitig zuhause und im Bett sind! Und bitte kontrolliere unsere Taschen, ob wir immer Kondome dabei haben! Und am besten schalte die Handys so, dass du immer mitlesen kannst!»
Und der Vater meint: «Nix da, ihr seid alt genug, ich werde den Teufel tun, tobt euch aus, sonst habt ihr ja keine Jugend.»
Das kommt ja so nie vor.
Trumps Argument leuchtet aber ein klein wenig (ein klein wenig! ein bisschen! ein My! eine Nuance!) ein. Amerika hat gerade einen unglaublichen Vorsprung gegenüber China, da wäre es doch jammervoll, wenn man den verschenkt. Wenn nämlich nicht alle Staaten mitmachen, ist ein Moratorium, ein Marschhalt natürlich für die Katz.
Anders formuliert:
Wenn die Menschheit kollektiv gegen die Wand fährt, wollen die USA wenigstens vorne dabei sein.
Ja, das waren unglaubliche Neuigkeiten letztes Wochenende: Die KI-Bosse selbst haben Muffensausen bekommen. Und verlangen einen Marschhalt.
So.
Jetzt gehe ich mir einen Kaffee rauslassen.
Wenn mein Roboter mich lässt.