Dienstag-Freitag-Glosse
Dienstag, 10. März 2026
Die lustigen Reisevorschläge
Mir wird die Idee präsentiert, mich an der Grosspeterstrasse in die Linie 15 zu setzen, via Heiliggeistkirche zum Tellplatz, dann abbiegend zur Endhaltestelle Bruderholz. Auf dem Bruderholz verwandelt sich die 15 in die 16, die dann auf der anderen Seite des Hügels herunterfährt und via Heiliggeistkirche (Klappe die Zweite) und Tellplatz (Klappe die Zweite) zur Haltestelle Markthalle fährt.
Von dort sind es 2 Minuten zum Hallenbad.
Ich könnte – so schlägt es Google Maps vor – auch 15 Minuten später los, müsste dann (logischerweise) am Tellplatz raus und die 16 nehmen, die sofort kommt und es ist derselbe Bahnsteig.
Ich möchte am 14. März nach Mainz, nein, falsch, ich fahre am 14. März nach Mainz und ich habe auch schon ein Hotel.
booking.com schlägt mir (ausser Restaurants, Stadtführungen, etc.) einen netten Reiseweg vor: Flug von ZRH nach FRA, also von Zürich Airport Kloten nach Airport Frankfurt am Main.
Dies würde konkret bedeuten: Ich reise mit der SBB erst einmal in die falsche Richtung, nach Süden, nämlich zum Flughafen, von dort – nach Einchecken, Warten, Kontrolle, Warten, Boarding – zum Rhein-Main-Airport. Der natürlich zu weit östlich liegt, also noch einmal 30 Minuten S-Bahn nach Mainz.
Alternative ist die DB, die mich konsequent den Rhein entlang via Mannheim und Worms in die Pfälzische Landeshauptstadt bringen wird. Ja, sagen Sie, DB, aber ich habe 25 Minuten Zeit zum Umsteigen in Mannheim Hbf. und auch keinen Punkt-Termin in Mainz.
Wie solche Fehler zustande kommen, ist klar. Irgendjemand hat da Prioritäten gesetzt, irgendwelche Dinge eingegeben, Dinge wie «Umsteigen vermeiden» oder «Flug besser». Und der Computer sucht dann Reisewege, die diesen Kriterien entsprechen. Man könnte genauso «möglichst kurze Zeit» oder «Eisenbahn bevorzugen» eingeben, und die KI sucht entsprechend.
Fühlt die KI eigentlich, wie doof das ist, nach einer Viertelstunde wieder an der gleichen Haltestelle vorbeizukommen? Sie antwortet mir:
Unser Gehirn ist darauf programmiert, Ziele zu erreichen. Wenn wir denselben Ort erneut passieren (z. B. durch eine Ringlinie oder eine Umleitung), fühlt sich das für das Zeitgefühl wie ein Stillstand oder ein „Rückschritt“ an, da kein räumlicher Distanzgewinn zum Ziel erkennbar ist.
Fühlt die KI eigentlich, wie doof das ist, zunächst einmal zum Airport Zürich in die falsche Richtung zu fahren?
Eine Reise in die falsche Richtung zu beginnen, fühlt sich deshalb so „blöd“ an, weil es eine massive psychologische und kognitive Dissonanz auslöst. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Ziele effizient zu erreichen – eine entgegengesetzte Bewegung wird sofort als Fehler und Verlust markiert.
Wir bewerten die Reisezeit oft doppelt negativ. Nicht nur die Zeit in die falsche Richtung ist „verloren“, sondern wir müssen dieselbe Zeit (und Strecke) auch noch einmal aufwenden, um überhaupt wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen.
Gut, gell?
Aber das Entscheidende ist, dass diese Antworten nicht aus dem Herzen kommen, der Roboter wird sich nie beschweren, dass er zum x-ten Male wo vorbeikommt, die KI kann nichts fühlen, nichts mit dem Herzen wahrnehmen. Sie kann nur im Netz suchen, was Menschen darüber geschrieben haben.
Vielleicht sollten wir doch manchmal wieder den gesunden Menschenverstand einsetzen.
Wenn übrigens ein Punkt zwischen zwei Haltestellen liegt, dann steige ich immer an der ersten aus, weil ich lieber nach vorwärts laufe. Auch wenn der Punkt 10 Meter näher an der nächsten Haltestelle liegt und Google Maps mir andere Dinge vorschlägt…
Freitag, 6. März 2026
Die Freiheit mit Öl zu heizen
Auf geht`s:
Die Verträge sind gemacht
Und es wurde viel gelacht
Und was Süßes zum Dessert
Freiheit, Freiheit
So beginnt «Freiheit» von Marius Müller-Westernhagen, jenes Lied, das zu einer Hymne der Anti-Corona-Massnahmen-Bewegung wurde, was seinem Schöpfer nun gar nicht recht war, und weshalb er sich öffentlich impfen liess, um seine Distanz zu den Impfgegnern auszudrücken.
Freiheit ist ja nun ein schwieriger Begriff und es ist – so glaube ich – über kaum ein Wort so viel gedacht und geredet und geschrieben worden wie über die Freiheit.
Die Kapelle, rumm-ta-ta
Und der Papst war auch schon da
Und mein Nachbar vorneweg
Freiheit, Freiheit
Ist die einzige, die fehlt
Freiheit, Freiheit
Ist die einzige, die fehlt
Nun aber ist ein grosser Moment in der Freiheitsdiskussion geschehen: Die Bundesregierung hat den Bürgern «ihre Freiheit zurückgegeben». So zumindest Herr Spahn im Fernsehen. Der Hintergrund dieser Freiheits-Aussage ist, dass das Heizungsgesetz geändert wurde. Ja, das Heizungsgesetz! Das Heizungsgesetz! Ab nun haben alle Bürgerinnen und Bürger wieder die Freiheit so heizen, wie sie wollen. Mit Wärmepumpe. Aber auch mit Öl. Mit Gas. Mit Holz. Oder mit einem Atomkraftwerk, das man ja – Loriot sei Dank – im Spielwarengeschäft kaufen kann.
Das Volk hat die Freiheit zurückbekommen, sich klimaschädigend verhalten.
Der Mensch ist leider nicht naiv
Der Mensch ist leider primitiv
Freiheit, Freiheit
Wurde wieder abbestellt
Alle die von Freiheit träumen
Sollen's Feiern nicht versäumen
Sollen tanzen auch auf Gräbern
Nun ist eigentlich klar, dass meine Freiheit da endet, wo mein Nachbar oder meine Nachbarin betroffen sind. Oder die ganze Gesellschaft. In ihrer Freiheit, aber auch in ihrem Wohlergehen, ihrem Leben, in ihrer Gesundheit. Ich habe nicht die Freiheit, nachts um 3.00 Uhr laut Rockmusik zu hören, weil mein Nachbar schlafen will – es sei denn, ich wohne im Wald.
Ich habe eben auch nicht die Freiheit, mit einer Krankheit überall herumzulaufen und alle anzustecken, das war ja die Corona-Diskussion.
Verwaschener ist es nun beim Heizungsgesetz, aber nicht weniger heikel. Ich schade ja nicht meinem Nachbarn, wenn ich zum Öl zurückkehre. Ich schade auch nicht der Gesellschaft, ich schade der ganzen Menschheit. Der «Nachbar» sitzt auf einer Insel im Pazifik und meine Freiheit überspült bei einem Anstieg der Meere einfach seinen Lebensraum.
Schöne Freiheit.
Freiheit, Freiheit
Ist das einzige was zählt
Freiheit, Freiheit
Ist das einzige was zählt
Das Lied ist gesungen.
Und es hat überhaupt nicht gepasst.
So wie die Quatsch-Äusserung von Spahn.
Dienstag, 3. März 2026
Das Ulmer Münster ist nicht mehr die höchste Kirche!
Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.
Ich habe Ulm in meinen Posts x-mal erwähnt. Das liegt nicht an einer totalen Ulm-Euphorie meinerseits, einer völligen Ulmophilie, das liegt vor allem an dem Umstand der Namenskürze. Manchmal schreibe ich nämlich poetisch statt «im Land X» «an den Flüssen A, B und C» oder «von Stadt Y bis Stadt Z», und wenn ich nun statt «in Baden-Württemberg» etwas schreiben will (und gerade keine Lust auf Flüsse habe), dann ist «von Calw bis Ulm» viel praktischer als «von Gschlachtenbretzingen bis Eggenstein-Leopoldshafen».
Im August 2023 habe ich aber doch einen ganzen Post der Stadt Ulm gewidmet, wir waren auf unserer Julireise von Schwäbisch Hall über die Ostalb kommend dort gelandet, um dann nach Stuttgart weiterzufahren. Und wurden vom Schwörmontag mit «Nabada» überrumpelt:
Und dann sind wir in Ulm. Und niemand hat uns gewarnt...
Da ich Stuttgarter bin, ist es erstaunlich, dass eine so wichtige Tradition in der Landeshauptstadt nicht bekannt war: Am vorletzten Montag im Juli schwört der Bürgermeister, dass er auch in den nächsten 12 Monaten der Stadt treu, fair und gut dienen wird...Am Nachmittag fahren dann viele, viele, viele, viele Boote, Schlauchboote, Holzboote, Gummiboote, Nachen, Kähne, geschmückt und ungeschmückt, mit Wimpeln und ohne, mit 1, 2, 3 oder 4 Leuten die Donau hinunter. Ein Riesenspektakel. Ein herrlicher Quatsch. Ein Klamauk sondergleichen. Das Nabada ist in seinen Vorläufern seit dem 19. Jahrhundert belegt...
Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.
Ja, und diesem Superlativ galt der nächste Abschnitt im Post und das ist nun hinfällig: Ulm hat nicht mehr den höchsten Kirchturm der Welt. Die fiesen, gemeinen und hinterhältigen Katalanen haben an ihrer fiesen und gemeinen und hinterhältigen Kirche einfach gemein, hinterfotzig und rücksichtslos weitergebaut und nun ist die Sagrada Familia Um mehr als 10 Meter höher.
Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.
Aber die Ulmer haben es halt auch falsch gemacht: Höhe, Breite, Länge, Gewicht, Schnelligkeit und andere solche Sachen sind messbar. Und alle Superlative, die sich auf solche Werte beziehen, kann man toppen.
Sie hätten sich ein Beispiel an den Stuttgartern nehmen sollen. Die haben nicht den HÖCHSTEN Kirchturm, sondern den ÄLTESTEN Fernsehturm (ich habe neulich berichtet). Dieser Superlativ ist natürlich nie zu toppen, es sei denn man hätte eine Zeitmaschine. Bei Daten, die weit ins Mittelalter hineinreichen (ist beim Fernsehturm nicht der Fall) kann man immer noch mit Unschärfen und Ungenauigkeiten und Unbeweisbarkeiten arbeiten; so gibt es in jedem Land mehrere «älteste Gasthöfe», in England hat sogar gefühlt jeder zweite Ort den «Oldest Pub».
Genauso wunderbar sind gar nicht messbare Grössen wie Schönheit. Und da schiesst ein Ort, der gar nicht so weit von Ulm liegt, ja seit Jahren den Vogel ab. St. Peter und Paul in Steinhausen (Oberschwaben) ist die «schönste Dorfkirche der Welt». Behaupten die Steinhausener jedenfalls seit langer Zeit, so lange schon, dass niemand widerspricht.
Sie alle bekommen ja immer wieder irgendwelche Listen angeboten wie
Das sind die 10 schönsten Fachwerkstädte.
Das sind die 10 schönsten Dörfer.
Das sind die 10 schönsten Fischerorte.
Wer hat das eigentlich gemessen? Wer legt das fest? Wissen wir nicht…
Könnte Ulm jetzt das «schönste Münster» oder den «schönsten Kirchturm» für sich reklamieren?
Nein.
O nein.
Das haben die Breisgauer sich schon unter den Nagel gerissen.
Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.
Aber man könnte ja den «Ulmer Hocker» von Max Bill zum «schönsten Hocker der Welt» erklären.
Der Superlativ ist noch frei.
Freitag, 27. Februar 2026
Brainstorming bei der CDU
- qualitativ gute Ware
- vernünftige Preise
- nettes Verkaufspersonal
Ich stelle mir vor, wie die Firma zu diesen Punkten gekommen ist; wahrscheinlich haben sie ein Brainstorming mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemacht. Sie wissen doch, was ein Brainstorming ist? Ja? Ich habe es immerhin schon in vier Posts erwähnt. Also, bei einem Brainstorming wird alles aufgeschrieben, was einem zu einem Thema einfällt, unkommentiert, ungefiltert, ganz direkt, ganz schonungslos, um keinen Aspekt zu verlieren. Dann in einer zweiten Runde wird aussortiert. Ich stelle mir also das Ergebnis des Gehirnsturmes vor:
GA-Kunden gratis / Halbtax-Kunden gratis / GA-Kunden halber Preis / Halbtax-Kunden halber Preis / vegan / lactosefrei / Luftballons / vernünftige Preise / Valentins-Special / Halloween-Special / laute Musik / schöne Musik / Promis / Kaffeetrinken und Nails / Kaffeetrinken und Botox / nettes Personal / um 4.00 schon öffnen / um 4.30 öffnen / rund um die Uhr / alles rosa streichen / Bilder von lokalen Künstlern / Facebook / Insta / usw…usw…usw…usw…
Ja, und von dem Riesenbrainstorming ist dann eben das Trio «qualitativ gute Ware, vernünftige Preise, nettes Verkaufspersonal» übrig geblieben. Das nenne ich sinnvoll, alles Schräge und alles Absurde einmal denken, aber dann auf sehr handfeste gute Dinge kommen.
Auch die CDU hat ein solches Brainstorming gemacht. Ein Gedankensturm zum Thema: «Wie kriegen wir die Arbeitsmoral der Deutschen wieder ins Lot?» Es ist ja nun so, dass das Vorzeigeland bezüglich Fleiss und Eifer international ins Hintertreffen geraten ist. Die Leute arbeiten Teilzeit, sind ständig krank und spucken schon längst nicht mehr in die Hände, um das Bruttosozialprodukt zu steigern.
Was ergab nun das Brainstorming?
Bezahlte Krankheitstage abschaffen / Bezahlte Krankheitstage erst ab einer Woche / Telefonische Krankmeldung abschaffen / Teilzeit minimieren / von «Lifestyle-Teilzeit» reden / sichere Rente / Arbeitsmoral-Kampagne mit Anke Engelke / Bürgergeld kürzen / vernünftige Löhne / Bürgergeld streichen / Arbeitsmoral-Kampagne mit Angela Merkel / Arbeitsmoral-Kampagne mit Oliver Welke / Arbeitsmoral-Kampagne mit Bastian Pastewka / gutes Betriebsklima / Rente erst mit 70 / Rente erst mit 80 / usw…usw…usw…usw…
Ja, und dann hat man leider bei der Auswertung auf die falschen Dinge gesetzt. Denn hätte man zum Beispiel die südlichen Nachbarn befragt, warum sie so gerne in die Hände spucken und das BSP steigern und warum sie 8 Krankheitstage weniger als die nördlichen Nachbarn haben, dann hätten sie wahrscheinlich gesagt:
- vernünftige Löhne
- gutes Betriebsklima
- sichere Rente
So weit und so einfach. Wenn alle gerne zur Arbeit gehen, weil es ihnen dort gut geht und sie ordentlich verdienen und wenn man auch noch ein Rentensystem hat, das funktioniert, dann muss man nicht auf die Drückeberger schimpfen. Das Stichwort von der «Lifestyle-Teilzeit» ist so ein Wort, das Fritze wieder mal Stimmen und Sympathie kostet, ganz unnötigerweise. Ähnlich wie das Wort vom «Stadtbild».
Dabei sehe ich das Problem durchaus: Die Wirtschaft müsste in Gang kommen, um wieder Spass in die Arbeit und gute Löhne zu bringen, aber man brauchte Leute mit Spass, die man gut bezahlt, um die Wirtschaft in Schwung zu kriegen. Ein Catch22-Problem, ähnlich dem verpackten Messer, für dessen Verpackung man ein Messer bräuchte…
Im Bahnhof Solothurn gibt es seit einiger Zeit einen neuen Bäckerstand, wir nennen ihn mal «Bäckerei Befler». Die Bäckerei Befler ist immer gut besucht, immer viel los und vor allem am Morgen (wenn ich meinen Lunch hole) ist immer eine riesengrosse Schlange. Vielleicht sollte die Chefin mal das deutsche Wirtschaftsministerium übernehmen. Schlechter könnte es ja nicht gehen.
Die Kampagne mit Anke Engelke gibt es übrigens wirklich. Aber nicht für die Arbeitsmoral – nein, für die Deutsche Bahn! Das wäre ja nun auch eine eigene Glosse wert…
Dienstag, 24. Februar 2026
schwer zu erreichen?
Ich hatte neulich Geburtstag. Kommt ja vor.
Und vier Tage danach traf ich einen Kumpel, der mir nachträglich noch gratulierte und meinte, er habe…
So. Sie denken jetzt sicher, er habe es vergessen, das dachte ich nämlich auch, nein, er sagte wörtlich: «Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht, aber du bist ja so schwer zu erreichen.»
Ich war sprachlos.
Ich habe ein Handy (das am Ehrentag auch meistens an war) und ein Festnetz. Bei beiden gibt es die Möglichkeit, auf Band zu sprechen. Beim Handy kann man noch eine SMS schicken.
Ich habe zwei Mailadressen, die ich auch während des Tages kontrolliert habe.
Ich habe WhatsApp.
Ich habe Signal.
Ich habe Telegram.
Ich habe Threema.
Zudem gäbe es noch die veraltete Möglichkeit, mir einen Brief oder eine Karte zu schreiben oder sogar – noch veralteter – bei mir zu klingeln. Ich wäre ab 16.00 sogar zuhause gewesen.
Ich hielt meinem Kumpel diese vielen, vielen, vielen Möglichkeiten vor, und unter Tränen gestand er mir, dass das «schwer zu erreichen» sich eben nicht auf die Unter-, sondern auf die Überzahl der Kanäle bezog.
Den ganzen Tag habe er sich gequält und überlegt und gezaudert. Immer, wenn er ein WhatsApp schicken wollte, habe er gedacht, ob nicht anrufen doch besser sei. Und immer, wenn er Signal schon offen hatte, dann hätte eine innere Stimme ihm «Mail! Mail! Mail!» zugeflüstert. Und dann habe er sich nicht für eine der beiden Mailadressen entscheiden können, und dann habe er Threema geöffnet, sei da aber auch nicht weitergekommen…
So sei es den ganzen Tag gegangen.
Zuerst dachte ich, der Gute sei völlig plemplem.
Dann aber musste ich ihm ein Stück weit recht geben.
Das Internet bietet uns eine derartige Überfülle an Möglichkeiten und Kanälen und Dingen und Informationen und Sachen, dass wir in der Menge der Möglichkeiten und Kanäle und Dinge und Informationen und Sachen einfach ertrinken. Jetzt gibt es ja schon Shopping-Apps wie QuackQuatsch, die das Netz durchforsten und für uns die besten Artikel auslesen und uns dann Badebürsten für sensationelle 29,99 und Korkenzieher für sensationelle 19,99 und Dekantierer für 39,99 anbieten. Und wir kaufen und kaufen und kaufen, die siebte Badebürste und den vierten Korkenzieher und den dritten Dekantierer und freuen uns, dass es uns QuackQuatsch so einfach gemacht hat.
Von Informationen muss ich ja gar nicht reden.
Wir ersaufen in einer Flut von schlecht recherchierten Nachrichten, von Fakes und KI-generierten Dingen, dass einem angst und bange wird.
Natürlich gab es immer Zeitungsenten und Falschmeldungen, sogar in den Lexika standen Sachen, die einfach falsch waren, sogenannte Nihilartikel, man denke nur an die Steinlaus, die es als Erfindung von Loriot immerhin in den Pschyrembel geschafft hatte.
Aber es waren weniger, es waren Einzelfälle. Heute ist es eine Flut.
Und deshalb sind sauber recherchierte Nachrichten und Fakten so wichtig.
Was mache ich nun mit meinem Kumpel? Nun, ich werde ihm nächstes Jahr zwei Tage vor meinem Geburtstag eine Nachricht zukommen lassen:
«Hallöchen! Wenn du mir übermorgen gratulieren möchtest, ich bin an meinem Ehrentag nur von 10.00 bis 10.30 auf dem Festnetz erreichbar.»
Was natürlich nicht stimmt, aber es wird ihm die Qual der Wahl nehmen und seinen Tag wesentlich erleichtern.
Freitag, 20. Februar 2026
Olympia nervt
Also…
Olympia ist ja schon ganz gut, aber…
Manchmal nervt es.
Zum Beispiel, wenn alle Fernsehgewohnheiten durcheinanderkommen. Wir schauen stets und jeden Tag um 19.00 heute, dies aber auf 3sat und danach die «Kulturzeit». Dann gibt es Essen, Aufräumen, Packen für den nächsten Morgen, ein paar Mails schreiben und um 21.45 gibt das «heute Journal» (oft mit unserem absoluten Liebling, Gundula Gause – allein der Name ist ja schon göttlich). Um 22.30 liege ich im Bett, denn ich stehe um 4.30 auf.
Nun kommt dieses Arrangement während der Olympischen Winter- und Sommerspiele völlig durcheinander. Um 19.00 gibt es auf 3sat eine Ersatzsendung, meist «Im Flug über…», und ich weiss nicht, wie oft ich in den letzten Jahren schon über Andalusien geflogen bin, es müssen aber an die 50 Male gewesen sein. Dann wird die «Kulturzeit» zum Glück nicht tangiert, zum Glück, um 21.45 wird es dann wieder schwierig; das «heute Journal» ist schon vorbei, meistens eingequetscht ins Eishockey und verkürzt, wir weichen dann auf «10 vor 10» im Schweizer Fernsehen aus, wenn dort alles normal ist.
Man könnte ja auch früher ins Bett gehen, wenn alles durcheinander ist, aber hier halten wir es mit den beiden Eheleuten bei Loriot, die vor dem kaputten Fernseher sitzen und wo dann der folgende Dialog entsteht:
M: «Ich gehe nach den Spätnachrichten der Tagesschau ins Bett.»
F: «Aber der Fernseher ist doch kaputt.»
M: «Ich lasse mir von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe.»
Olympia also.
Ich kann dem irgendwie nichts abgewinnen.
Ich kann Eiskunstlauf und Eistanzen und auch Freestyle-Skiing und Snowboarden verstehen, das hat ja noch eine Schönheit und Eleganz und zirzensische Qualität, ebenso kann ich Eishockey begreifen, das ist ein Mannschaftssport, wie Fussball oder Volleyball, was ich nicht verstehe, ist, dass Menschen stundenlang Leuten zugucken, die einen Eiskanal runterrasen, immer gleich aussehend, immer das gleiche Eis und am Ende ist irgendjemand 3/100 schneller als ein anderer. Da fehlt mir irgendwie ein Verstehens- und Leidenschafts-Gen.
Was ich verstehen kann, sind die Siegerehrungen.
Ich finde es so schön, dass es Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gibt. Dieses Siegertreppchen mit drei Höhen, aber eben mit drei, das ist schon Klasse.
Ist ja im täglichen Leben nicht so, da zählt immer nur der oder die Erste, da gibt es keinen zweiten und dritten Platz, da wird Silber und Bronze nicht verteilt.
In der Liebe zum Beispiel, da weiss Carla nicht, ob sie Jan oder Johan erhören soll, und lange scharwenzeln die beiden um die Carla herum, aber am Ende heiratet sie eben doch Jan (oder Johan) und Johan (oder Jan) hat das Nachsehen. Wird er sagen, dass er im Werben um die schöne Frau die Silbermedaille bekam? Wahrscheinlich nicht. Er wird – wie schon seit 100 Jahren der Verschmähte – sich davonstehlen und mit Mahler singen:
Wenn mein Schatz Hochzeit macht,
Fröhliche Hochzeit macht,
Hab’ ich meinen traurigen Tag!
Geh’ ich in mein Kämmerlein,
Dunkles Kämmerlein!
Oder wie ist das bei Jobs? Hier könnte ich einiges erzählen, denn ich habe öfters die Silbermedaille bekommen, da konnte ich mir aber nix von kaufen. Ich bekam nicht einmal eine Urkunde: «Gratulation! Herr Rolf Herter hat in der Bewerbung um die Stelle als Musikdirektor in Bad Wulster den ehrenvollen 2. Platz belegt.» Nein, eine Arbeitsstelle bekommt der eine und der andere guckt in die Röhre.
Das ist also recht schön bei Olympia. So wie Eiskunstlauf und Eistanzen und auch Freestyle-Skiing und Snowboarden.
Wenn sie jetzt noch mein Fernsehprogramm in Ruhe lassen, dann ist alles gut.
Dienstag, 17. Februar 2026
Mein BMI - keine Internet-Medizin mehr, bitte
Ich habe neulich etwas getan, was ich schon ewig nicht mehr gemacht und wovor ich ein wenig Angst hatte: Ich bin auf meine Waage gestiegen. Es war mir klar, dass ich durch den Nikotinentzug zugenommen habe, allerdings sollte der Verzicht auf Alkohol ja dann wieder etwas Positives bringen, aber nichtsdestotrotz, es war klar, das Gewicht von vor 10 Jahren ist es nicht mehr…
Ich war dann sehr, sehr, sehr angenehm überrascht: 76,5 Kilogramm.
Nach alter Rechnung sind das (ich bin 178 cm gross) 1,5 Kilo unter Normalgewicht – und deutlich ÜBER Idealgewicht, aber à la bonne heure.
Aber im modernen System? Im BMI, im «Body Mass Index»?
Ich suchte mir einen BMI-Rechner, gab Grösse und Gewicht ein (wobei ich fairerweise AUFrundete, weil keine Kommastellen möglich waren) und erhielt den Wert von 24,3. Und erhielt die Warnung: Aufpassen, Rolf! Ganz nah am Übergewicht! Keine Schoggi mehr, keinen Kuchen und den Espresso ab jetzt ohne Zucker! Denn ab BMI 25 beginnt die Adipositas.
Ich maulte eine Weile vor mich hin, dann aber stutzte ich: War da nicht etwas mit Alter gewesen? Der Rechner hatte nur nach Grösse und Gewicht gefragt. Ich suchte also eine Alterstabelle, und siehe da: Im Alter von über 60 darf der BMI stramme 29 betragen. Also nix mit Schoggiverbot, Kuchenverbot, Zuckerverbot, alles im Grünen Bereich.
Wie kam es zu den unterschiedlichen Wertungen?
Nun, die Homepage, die einen BMI-Rechner MIT Alter enthält, war eine Seite des Institutes für Endokrinologie und Metabolismus der Universität Erlangen, die Homepage OHNE gehörte ORANG-UTAN-GYM®, einer Kette von Fitnesstempeln, die Studios in D, A, CH betreibt. Und natürlich sind die Leute des Institutes für Endokrinologie und Metabolismus der Universität Erlangen an einer seriösen Betrachtung interessiert, und die Leute von ORANG-UTAN-GYM® nur am Geldverdienen. Sie wollen dir das Folgende einreden: Ganz nah am Übergewicht! Keine Schoggi mehr, keinen Kuchen und den Espresso ab jetzt ohne Zucker! Und Fitness! Crosstrainern! Spinning! Abo bei uns!
Als ich über alles dies nachdachte, kam ich zu einer einfachen Forderung, um die explodierenden Gesundheitskosten zu senken:
Verbot von sämtlichen Hinweisen zu Gesundheit, Gewicht, Bewegung etc. im Internet, die nicht von Medizinern stammen.
Dies würde nämlich folgende Fälle verhindern:
Der 60jährige, der von Praxis zu Praxis rennt, dann endlich einen Arzt findet, der ihm ein Magenband legt, ein Magenband, das seinen BMI von gefährlichen 24,3 auf 19, 8 senkt – obwohl für Menschen in seinem Alter ein solcher BMI natürlich viel, viel, viel zu tief ist…
Die Frau, die umgekehrt viel zu spät zum Dermatologen geht, um ihren Nagelpilz zu zeigen, weil sie ein Jahr lang Kaffeesatz draufgekippt hat (wurde ihr auf Facebook und Insta empfohlen) und die Onychomykose sich unter dem Kaffee fröhlich weiterentwickelt hat…
Der 40jährige, der bei jedem, aber absolut jedem Symptom (juckende Nase, trockener Mund, Schwitzen etc.) eine Homepage findet, auf der das ein Zeichen für ein Karzinom ist und der nun von Apparat zu Apparat und von Tomographie zu Tomographie speeded. Neulich musste man ihm im Unispital Dresden klarmachen, dass sein Symptom xy zwar ein Anzeichen für ein Zervixkarzinom sein könnte, dass aber bei ihm ein Zervixkarzinom biologisch unmöglich sei…
Die ältere Dame, die auf der Website eines Tonika-Herstellers den Test «Fühle ich mich wie 30?» gemacht hat, und die nun ihren Hausarzt bestürmt, ihr die Vitamine A, B, C, F, G1, G3, G5 und H19 zu verschreiben…
Verbietet allen diesen Unsinn, diesen Internet-Quatsch, denn nur die Nachfrage bei meiner Hausärztin, ob ich abnehmen müsse, ob mein Nagelpilz durch Kaffee zu heilen sei, ob ich ein Zervixkarzinom habe und warum ich mich nicht mehr wie 60 fühle, allein diese Konsultationen kosten einen Haufen Geld.
Ich habe neulich etwas getan, was ich schon ewig nicht mehr gemacht hatte und wovor ich ein wenig Angst hatte: Ich bin auf meine Waage gestiegen. Ich war dann sehr, sehr, sehr angenehm überrascht: 76,5 Kilogramm.
Und so leichtfüssig schwebe ich – nicht zum Arzt, sondern von dannen.