Dienstag, 17. März 2026

Leichte Sprache an Gymnasien?

Liebe Leserin, lieber Leser, erkennen Sie den folgenden Text?

Alles, was vergeht, ist nur ein Bild. Alles, was nicht perfekt ist, wird hier Wirklichkeit.
Alles, was man nicht beschreiben kann, wird hier gemacht. Das Weibliche zieht uns nach oben.

Ja, perfekt erkannt, das ist der Schluss von Faust II. Im Original so:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Oder erkennen Sie das?

Die Menschen sind sehr überrascht. Sie sehen die beiden zusammen. Die beiden weinen. Sie weinen vor Schmerz und vor Freude. Alle Menschen weinen mit. Dann erzählen sie dem König die Geschichte. Der König fühlt sich berührt. Das bedeutet: Er fühlt sich bewegt. Der König lässt die beiden zu sich kommen. Er schaut sie lange an. Dann sagt er: Ihr habt mein Herz gewonnen. Ihr habt bewiesen: Treue ist echt. Darum bittet er: Nehmt mich auch auf. Ich will der dritte Partner sein.

Ja, super, Sie sind gut, das ist der Schluss der «Bürgschaft» von Schiller, im Original so:

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Lässt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.«

Ich erspare Ihnen jetzt Texte von Adorno, Bloch oder Habermas, erspare Ihnen Gedichte von George oder Trakl.

Das wäre nun alles zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Denn verstärkt greifen auch die Schulen auf vereinfachte Texte zurück. Und zwar alle – auch die Gymnasien. Und wenn das jetzt auch absolut scheisse (s.v.v.) elitär klingt: Wenn man schwierige Texte nicht mehr hinbekommt, dann muss man auch kein Abitur machen. Es macht übrigens auch nichts, wenn man nicht jedes Wort versteht (verstehe ich bei Shakespeare im Original auch oft nicht), aber es geht doch um die Schönheit der Sprache.

Mal ganz ehrlich: Hätte ein Gustav Mahler so etwas Umwerfendes, Phänomenales, etwas Bombastisches und Titanisches, hätte er so eine Wucht wie den Schluss der 8. Sinfonie hinbekommen, wenn er «Alles, was vergeht, ist nur ein Bild» vertont hätte?

Übrigens: Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich durch Integrale, Sinus, Cosinus, Ableitung, Kurven, Gleichungen usw. gequält und es irgendwie auch geschafft. Aber da gibt es auch keine Erleichterung, es gibt keine «Leichte Mathematik».

Also lasst die Finger von unseren Klassikern.

Und hier noch ein Schwur: An dem Tag, an dem ich Sätze in Leichter Sprache in meiner Glosse schreibe, sollen mir beide Hände abfallen.



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