Ich hatte neulich Geburtstag. Kommt ja vor.
Und vier Tage danach traf ich einen Kumpel, der mir nachträglich noch gratulierte und meinte, er habe…
So. Sie denken jetzt sicher, er habe es vergessen, das dachte ich nämlich auch, nein, er sagte wörtlich: «Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht, aber du bist ja so schwer zu erreichen.»
Ich war sprachlos.
Ich habe ein Handy (das am Ehrentag auch meistens an war) und ein Festnetz. Bei beiden gibt es die Möglichkeit, auf Band zu sprechen. Beim Handy kann man noch eine SMS schicken.
Ich habe zwei Mailadressen, die ich auch während des Tages kontrolliert habe.
Ich habe WhatsApp.
Ich habe Signal.
Ich habe Telegram.
Ich habe Threema.
Zudem gäbe es noch die veraltete Möglichkeit, mir einen Brief oder eine Karte zu schreiben oder sogar – noch veralteter – bei mir zu klingeln. Ich wäre ab 16.00 sogar zuhause gewesen.
Ich hielt meinem Kumpel diese vielen, vielen, vielen Möglichkeiten vor, und unter Tränen gestand er mir, dass das «schwer zu erreichen» sich eben nicht auf die Unter-, sondern auf die Überzahl der Kanäle bezog.
Den ganzen Tag habe er sich gequält und überlegt und gezaudert. Immer, wenn er ein WhatsApp schicken wollte, habe er gedacht, ob nicht anrufen doch besser sei. Und immer, wenn er Signal schon offen hatte, dann hätte eine innere Stimme ihm «Mail! Mail! Mail!» zugeflüstert. Und dann habe er sich nicht für eine der beiden Mailadressen entscheiden können, und dann habe er Threema geöffnet, sei da aber auch nicht weitergekommen…
So sei es den ganzen Tag gegangen.
Zuerst dachte ich, der Gute sei völlig plemplem.
Dann aber musste ich ihm ein Stück weit recht geben.
Das Internet bietet uns eine derartige Überfülle an Möglichkeiten und Kanälen und Dingen und Informationen und Sachen, dass wir in der Menge der Möglichkeiten und Kanäle und Dinge und Informationen und Sachen einfach ertrinken. Jetzt gibt es ja schon Shopping-Apps wie QuackQuatsch, die das Netz durchforsten und für uns die besten Artikel auslesen und uns dann Badebürsten für sensationelle 29,99 und Korkenzieher für sensationelle 19,99 und Dekantierer für 39,99 anbieten. Und wir kaufen und kaufen und kaufen, die siebte Badebürste und den vierten Korkenzieher und den dritten Dekantierer und freuen uns, dass es uns QuackQuatsch so einfach gemacht hat.
Von Informationen muss ich ja gar nicht reden.
Wir ersaufen in einer Flut von schlecht recherchierten Nachrichten, von Fakes und KI-generierten Dingen, dass einem angst und bange wird.
Natürlich gab es immer Zeitungsenten und Falschmeldungen, sogar in den Lexika standen Sachen, die einfach falsch waren, sogenannte Nihilartikel, man denke nur an die Steinlaus, die es als Erfindung von Loriot immerhin in den Pschyrembel geschafft hatte.
Aber es waren weniger, es waren Einzelfälle. Heute ist es eine Flut.
Und deshalb sind sauber recherchierte Nachrichten und Fakten so wichtig.
Was mache ich nun mit meinem Kumpel? Nun, ich werde ihm nächstes Jahr zwei Tage vor meinem Geburtstag eine Nachricht zukommen lassen:
«Hallöchen! Wenn du mir übermorgen gratulieren möchtest, ich bin an meinem Ehrentag nur von 10.00 bis 10.30 auf dem Festnetz erreichbar.»
Was natürlich nicht stimmt, aber es wird ihm die Qual der Wahl nehmen und seinen Tag wesentlich erleichtern.
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