Dienstag, 19. August 2025

In der Badi: Haben wir ein Ausländerproblem?

Ich bin gerne und häufig im Freibad. Ich könnte sogar behaupten, dass das Gartenbad St. Jakob quasi mein zweites Zuhause ist, denn ich besitze für das Bad nicht nur ein Abonnement, sondern habe auch eine Kabine gemietet, in der ich Handtücher, Badehosen, Schwimmbrille, Duschgel und Sonnencreme aufbewahre und in der ich mich ungestört umziehen kann.
Das Thema «Freibad» taucht deshalb auch in etlichen Posts von mir auf.

Nun werde ich gefragt, ob ich in letzter Zeit nicht Angst gehabt hätte, man höre ja so einiges, so viel Gewalt und immer – das müsse man ja sagen dürfen – von Ausländern, und dann behalten die ausländischen Jugendlichen neuerdings ihre Unterhosen unter den Badeshorts an, und das sei doch eine Sauerei, und ob das Gartenbad St. Jakob nicht auch alle aus dem Ausland mit einer Sperre behängen müsse…
Und…
Und…

Jetzt mal halblang.
Zunächst einmal ist spannend, dass solche Fragen von Menschen kommen, die a) in Deutschland wohnen, b) dort nie ins Freibad gehen, c) noch nie in Basel waren und d) irgendwo etwas aufgeschnappt haben. Um es klar zu sagen: Wenn Sie, liebe Deutsche, ein korrektes Bild von der Schweiz bekommen möchten, ist die «Weltwoche» nicht unbedingt ein geeignetes Medium.

Wie sind aber nun die Fakten?
Die Badi in Porrentruy hatte Probleme, da kam sehr viel Volk von Frankreich her über die Grenze, ja, und verhielt sich eben nicht besonders gut, lärmte, schlägerte und krakeelte, beleidigte die Badmeisterinnen und Badmeister und belästige andere Leute.
Die Badi Porrentruy schoss aus der Hüfte und verhängte eine Eintrittssperre für Menschen, die keinen Schweizer Wohnsitz haben. (Unter grossem Applaus von rechts, auch von deutschen Rechten, die das ja wirklich nichts angeht.)

Nun ergab sich eine groteske Situation: Michelle (76) und Brigitte (79) aus Villar-le-Sec, einer französische Gemeinde im Département Territoire de Belfort in der Region Bourgogne-Franche-Comté, also jenseits der Grenze, durften nicht mehr in ihr geliebtes Bad nach Pruntrut (so die deutsche Schreibweise), wohl aber die jugendliche Gang aus Bure, einer politischen Gemeinde im Bezirk Porrentruy des Kantons Jura in der Schweiz.

Basel hatte nun auch Probleme. Und Basel reagierte anders. Für ein paar Tage tauchten Sicherheitsleute und Polizei auf, da sah man etliche Trupps von Menschen in Uniform – und dann wurden 10 Hausverbote ausgesprochen (an Ausländer und an Schweizer).
Und seitdem herrschte Frieden.
So kann man es auch machen. Sachbezogen, streng, klar: Wenn du meinst, du musst hier rumschreien und andere belästigen, wenn du nicht auf den Badmeister hörst und hier schlägerst: Da ist die Tür.

Jetzt müssen wir aber noch auf das Unterhosen-Problem eingehen, weil hier so furchtbar gelogen wurde. Der Satz «ausländische Jugendliche haben begonnen, die Unterwäsche anzulassen» bringt mich so auf die Palme, dass ich schreien könnte.
Also:
Praktisch alle Jungs (ja, es sind die Männer!) lassen unter den Badeshorts ihre Unterhosen an, und das tun sie seit 20 Jahren. Warum? Keine Ahnung, es muss irgendwie toll sein, muss irgendwie Spass machen, muss irgendwie geil sein, ich fände es nur eklig, aber ich bin auch kein Jugendlicher. Ein Problem ist die Kontrolle, man kann den Jungs ja nicht in die Hose gucken, jeder Bademeister bekäme da ja sofort eine Anzeige.
Nun tragen viele Jungs Badeshorts, unter denen ganz frech die Unterhose mit einem CK- oder HOM-Logo hervorlugt, zum Teil ist das aber ein Produkt, in das ein Slipteil schon eingearbeitet wurde. Also auch schwierig.

Wir haben es also nicht mit einem Ausländerproblem zu tun. Im Gegenteil, was würde ich tun, wenn ich ein junger Asylant wäre und zum ersten Mal im Gartenbad St. Jakob? Genau. Ich würde gucken, wie es die anderen machen, und selbst wenn ich eigentlich die Hose wechseln wollte, würde ich denken: «Schau mal, die lassen alle die Unterhose an, das mache ich jetzt auch.»

Die letzten 14 Tage der Ferien war es in der Badi so ruhig wie auf einer einsamen Insel. Das merkte man auch an den Securitas-Leuten, denen so langweilig war, dass sie am Ausgang herumstanden und mich daran hinderten, durch den breiten Kinderwagenweg hinauszugehen (ist inkorrekt, aber bequemer) und nicht anständig durch die Drehtür.

Die erste Schulwoche war dann wieder Hully-Gully. Weil alle Basler Schulklassen dort waren – aber mit Lehrpersonal. Aber was soll man machen, wenn im Klassenzimmer im Obergeschoss eines Beton-Glas-Baus 33° herrschen?

Ich bin gerne und häufig im Freibad. Ich könnte sogar behaupten, dass das Gartenbad St. Jakob quasi mein zweites Zuhause ist.
Und das wird auch so bleiben.











 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 15. August 2025

Das Plakat


Ein kleines Quiz: Was ist an diesem Plakat verkehrt?

Stuttgarter Sinfoniker
Leitung: Hubert Derwisch

HIGHLIGHTS DER KLASSIK
über 100 Mitwirkende

Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 1
Ravel: Bolero
Mozart: Eine Kleine Nachtmusik
Smetana: Die Moldau
Vivaldi: Der Sommer
Strauss: Kaiserwalzer

Musical Theater Basel
Samstag, 4. Oktober 2025 / 20.00

Tickets 60,-- bis 120,-- bei allen Vorverkaufsstellen

Die Antwort: Alles.
So klar und einfach.

Es gibt keine «Stuttgarter Sinfoniker». Es ist ein sogenannter Muggen-Haufen (eine Mugge=Musikalisches Geldgeschäft, entspricht dem, was Jazzer und Rocker und Popper und Blueser einen «Gig» nennen). Das heisst, die Musikerinnen und Musiker werden für dieses eine Projekt zusammengestellt. Darf man das dann «Sinfoniker» nennen? Ja, darf man. Der Begriff ist nicht geschützt. Nicht benützen dürfte man «Stuttgarter Philharmoniker», denn die gibt es und die haben ihren Namen natürlich geschützt.
Also: googeln!

Genauso googeln müssen Sie selbstverständlich den Dirigenten. Wahrscheinlich hat er eine Homepage mit einem beeindruckenden Lebenslauf. Das zählt aber nicht, denn alle haben eine Homepage mit beeindruckendem Lebenslauf. So waren alle auf einem Meisterkurs bei Maestro A.B., da Maestro A.B. circa 10 Kurse pro Jahr gibt, mit circa 20 Teilnehmern, waren schon Hunderte bei ihm.

100 Mitwirkende sind eine stolze Zahl.
Aber kein ernstzunehmendes Ensemble prahlt mit seiner Grösse. Genauso wie Sie auf keiner Speisekarte den Hinweis «über 20 Gewürze» oder «über 40 Zutaten» finden werden. Genauso wie kein Autohändler Ihnen einen Mercedes mit dem Hinweis «der hat über 500 Einzelteile» anpreist. Genauso wie Sie beim Kauf eines Seurat in einer New Yorker Galerie Unverständnis ernten, wenn Sie die Anzahl der Punkte wissen wollen.
Dazu kommt jetzt aber noch das Folgende: 100 Mitwirkende sind für Ravel und Smetana notwendig und denkbar, für Vivaldi und Mozart sind sie Quatsch. Wahrscheinlich sogar tödlich. Diese Musik wurde in kleinen und feinen Ensembles musiziert.

Nun zur Auswahl: Schon der Titel «Highlights» entlarvt ja alles. Eine Programmzusammenstellung, die jeder dramaturgischen Idee bar ist, ein Haufen schöner Melodien nach dem Motto «allen Leuten gefällt es». Immerhin hat man auf einen Pseudo-Zusammenhang verzichtet, den ich auch schon gesehen habe. Zum Beispiel «der Donau entlang», wobei man Ravel rausliess, Vivaldi unter dem Thema «auch an der Donau ist Sommer» mit hineinnahm und hoffte, niemand würde bemerken, dass die Moldau in die Elbe und damit in die Nordsee fliesst.

Last, but not least: Das Musical Theater ist natürlich der verkehrte Ort, Klassik gehört ins Stadtcasino und der Preis ist viel zu hoch.

Ein korrektes Plakat sähe nun also so aus:

GANZ GROSSES AD HOC-ORCHESTER AUS STUTTGART
SPIELT
SACHEN, DIE ALLE KENNEN UND ALLE MÖGEN

ZUM BEISPIEL MOZART UND DEN BOLERO

WIR HABEN EINEN DIRIGENTEN, ABER DEN KENNEN SIE NICHT

Musical Theater Basel
Samstag, 4. Oktober 2025 / 20.00

Tickets 60,-- bis 120,-- bei allen Vorverkaufsstellen (der Preis ist viel zu hoch, wissen wir)

Aber wer würde in ein solches Konzert gehen?






Dienstag, 12. August 2025

Unser Problem mit Abschlüssen

Diese Geschichte ist jetzt wirklich wahr – und es ist erstaunlich, dass ich sie noch nie erzählt habe:

Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts war es mein Wunsch, an mein Schulmusikstudium ein Studium Künstlerische Ausbildung Dirigieren oder Chorleitung anzuhängen. Das erwies sich aber nicht so einfach, an mehreren deutschen Konservatorien wurde ich abgelehnt. (Was sich als gut erwies, sehr gut, weil ich dann an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen in Prof. Manfred Schreier, dem Gründer der «Musik der Jahrhunderte», der «Neuen Vokalsolisten Stuttgart» und des Eclat-Festivals, einen idealen Lehrer fand, aber das ist eine andere Geschichte…)
Da ich dachte, vielleicht klappt es gar nicht mit einer weiteren Ausbildung, und da ich parallel eh schon am Arbeiten war, lag es nahe, sich noch für Musikwissenschaft einzuschreiben. Für Schulmusiker – so hatte ich gehört – einfach, denn ihre 10 Semester wurden als Grundstudium anerkannt, sie könnten also nach der Zwischenprüfung einsteigen.

Ich vereinbarte einen Termin mit dem Leiter einer der Abteilungen der Philosophischen Fakultät (sie teilte sich damals in PF 1, PF 2 und PF 3), den Namen habe ich vergessen. An einem schönen Sommermorgen sass ich dann um 11.00 mit allen meinen Unterlagen an einem ehrwürdigen Schreibtisch und dieser Leiter nahm sich alle Zeit der Welt für mich. Oder hatte er so viel Zeit? Er fragte gefühlt nach Hutnummer, Schuhgrösse, Familienstand, Herkunft und Religion. Dann sagte er mir, er müsse mich zum Chef des MuWi-Seminars weiterleiten, griff zum Telefon und vereinbarte dort einen Termin um 13.30. Danach könnte ich wieder zu ihm kommen. Um 15.00.

Inzwischen war es 12.30, ich ging einen Kaffee trinken, ass ein Sandwich und rauchte ein paar Zigaretten. (Ja, damals war ich noch Raucher.)

Um 13.30 sass ich dem Chef des Musikwissenschaftlichen Seminars gegenüber. Dieser studierte meine Unterlagen und meinte dann, der Fall sei ja völlig klar, und zwar so klar, dass es fast schon ein wenig nerve. Ich habe ja einen Abschluss in Schulmusik, genauer gesagt, ein Erstes Staatsexamen Musik als Gymnasiales Lehrfach, und dieses Examen werde immer, immer, stets und grundsätzlich, alle Zeit und in allen Fällen als Zwischenprüfung anerkannt, immerhin hätten wir SchuMus ja 4 Seminarscheine erworben, und wir hätten eine 42seitige Arbeit geschrieben, die einzige Sache, die er empfehle, sei ein wenig Nachholen im Handschriftenlesen, da hätten wir SchuMus manchmal Lücken. Er schrieb mir also einen kurzen Zettel, der das OK anzeigte und schrieb darauf auch, dass dieses OK ein GRUNDSÄTZLICHES sei. Darauf seufzte er, er seufzte laut und meinte, dass er dieses GRUNDSÄTZLICH dem Leiter von PF 1 (oder war es PF 2 oder PF 3?) schon x-mal mitgeteilt habe, mündlich wie schriftlich.

Mit dem Zettel der MuWi wurde ich um 15.00 wieder beim PFler vorstellig, nun ging alles ganz schnell: Er las den Wisch (wobei der das GRUNDSÄTZLICH natürlich überlas), nickte, nahm seinen Stift und schrieb in feinstem Sütterlin (für die jungen Leserinnen und Leser: das ist eine alte Schreibschrift) meine Zulassung zum Hauptstudium im Fach Musikwissenschaft. Das brauchte nur ca. 20 Minuten, dann gab er dieses Papier seiner Sekretärin zum Abtippen. (Echt wahr, wirklich, ohne Sch…!)
Um 16.30 verliess ich das Gebäude. Ich war nach 5 ½ Stunden am Ziel. Nun brauchte ich ausser einer Zigarette etwas Stärkeres – drei Gläser Whiskey waren das Mindeste.

Diese Story kam mir in den Sinn, als ich einen Bericht las. Einen Bericht über die Schwierigkeiten, Abschlüsse anderer Länder (anderer Kontinente) in unseren Breiten anzuerkennen. Von Wochen ist da die Rede, teils von Monaten, teils von Jahren. Von Jahren!

Da hat zum Beispiel eine Fachkraft im sozialen Bereich eine zweijährige Ausbildung mit einem Praktikum abgeschlossen, eine andere hat das Praktikum in der Mitte, bei uns aber müsste das Praktikum am Anfang stehen. Wäre das nicht völlig belanglos, wenn man bedenkt, wie dringend wir solche Fachkräfte brauchen?

Viele Ausbildungen sind in anderen Ländern Studienfächer. So hat eine Kindergärtnerin aus der Ukraine ihre Fähigkeiten an einer Fachhochschule gelernt, in Deutschland ist das eine Lehre. In bestimmten Regionen Italiens kann man Kosmetiker oder Kosmetikerin studieren, bei uns eine Lehre. Könnte man nicht grundsätzlich sagen, dass Menschen, die ein Studium in XY haben, bei uns anerkannt werden, weil ja ein Studium XY einer Lehre XY MINDESTENS gleichwertig ist?

Ich habe übrigens – das sei jetzt einfach der Vollständigkeit halber erwähnt – das Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Freiburg i. Br. danach nie mehr von innen gesehen. Ich brauchte für den MA ja noch ein anderes Fach, das war Germanistik und dort im Grundstudium, das betrieb ich dann, bis es nach zwei Jahren bei Manfred Schreier klappte…







Freitag, 8. August 2025

Julireise 2025 (3)

Und hier kommt die letzte Runde unserer Impressionen von unserer Juli-Reise.

Wer ist der Mann?

Einkaufen im Augsburger Land macht Spass. Also: Nahrung einkaufen. Voraussetzung ist, dass man eine Freundin hat, die dort 30 Jahre lebt und weiss, wo es die besten Weisswürste, die besten Kartoffeln, die besten Eier und die beste Butter gibt. Die weiss, dass man in einer Fischzucht sich die Saiblinge für den Abend selber aussuchen darf und beim Bauer ein Milchautomat zum Selberzapfen steht – mit Milch, die vor drei Stunden noch in der Kuh war. An unserem letzten Tag machen wir die Runde für ein abschliessendes Weisswurst-Frühstück (Sie wissen ja: Die dürfen das 11 Uhr-Läuten nicht hören…) Auf dem Neusässer Markt ist meine Schulfreundin natürlich bekannt und jede Standbesitzerin und jeder Standbesitzer wundern sich, wer der Mann neben ihr ist. «A Poggissl?», fragt der eine, und wir lachen, wir lachen und ich wundere mich, was «Poggissl» wohl bedeuten mag, ich denke so an etwas Unanständiges, ein Neben-Mann, Lover, Seitensprung oder ähnliches. Die andere Standfrau hält mich für ihren Bruder – eine Ähnlichkeit war mir nicht aufgefallen. Ein weiterer Verkäufer hält mich für den Bruder ihres Mannes, ob der Aramäischen Herkunft dessen eine Frage, die mich schon verwundert. Also: Ich hätte nichts dagegen, wie ein Aramäer auszusehen, ich tue es einfach nicht. Aber wir klären alle auf, ich bin ein Schulfreund aus alten Tagen (40 Jahre Abi, so alt sind wir geworden.)
Irgendwann begreife ich auch, was «Poggissl» bedeutet. Das ist kein Neben-Mann, Lover oder Seitensprung, das heisst auf Hochdeutsch – dessen die Menschen dort nicht mächtig sind – einfach «Packesel». Und zu schleppen habe ich ja auch genug.

Weil der Stadt

Kennen Sie Weil der Stadt? Wahrscheinlich nicht. Aber das ist erstaunlich. Denn diese kleine Stadt ist nicht nur ein echtes Schmuckstück mit ihren Kirchen, Türmen und unzähligen Fachwerkhäusern, sie ist Heimatstadt Keplers und ehemalige Reichsstadt. Der Kahlschlag in den 70er Jahren hat hier ganze Arbeit geleistet: Weil der Stadt wurde in den Kreis Böblingen integriert, und man setze es als Endpunkt der S-Bahn-Linie 6, während man die geschichtsträchtigen Gleise weiter nach Calw herausriss.
So bleibt das Städtchen ein Geheimtipp – und das kann es auch bleiben. Die engen Gassen brauchen keine Busladungen. Übrigens braucht der pittoreske Marktplatz auch keine Sommer-Beach mit Sand und Liegestühlen (was wir dort antreffen, was für eine Geschmacksentgleisung).
Weil der Stadt liegt an der Würm, und auch das absolut malerische Flüsschen hat (wie die Stadt) das Pech (oder Glück) ein bisschen abgehängt zu sein: Sie ist kein Nebenfluss des wichtigsten schwäbischen Stromes, sondern muss erst in die Nagold, und diese dann in die Enz, und erst dann geht es in den Neckar.

Treuchtlingen

Wie plant man eine Reise von Schwäbisch Hall nach Ottmarshausen (bei Augsburg), wenn die folgenden Bedingungen bestehen:
Wir müssen im Hotel Scholl in Hall um 11.00 auschecken.
Wir fahren mit dem Deutschlandticket (Nahverkehr) Hessental – Ansbach – Treuchtlingen – Augsburg-Oberhausen – Ottmarshausen (Ortsbus).
Die Umsteigezeiten in Ansbach und Treuchtlingen betragen je 5 Minuten.
Wir sind bei gutem Verlauf um 15.13 in Ottmarshausen, unsere Freunde arbeiten aber bis 17.00.
Die Lösung ist nun einfach; wir planen je eine Stunde Wir-haben-den-Zug-verpasst-Aufenthalt ein, läuft alles wie geschmiert, dann machen wir in Treuchtlingen zwei Stunden Kaffeepause, irgendetwas Nettes wird es da schon geben.
Denkt man. Also, also, Treuchtlingen ist nun wirklich der unnötigste Ort auf Gottes Erdboden. Nein, das stimmt so nicht ganz. Es teilt sich seine Unnötigkeit mit vielen anderen Umsteigebahnhöfen. Mit Eutingen im Gäu zum Beispiel. Oder mit Buchs (SG). Oder Ziegelbrücke (GL).
Unser Aufenthalt ist ein Bäckerei-Café mit einem durch Weidenzäune abgetrenntem Aussenbereich, wo wir zwei Stunden zubringen. Hässlichkeit pur, der Kuchen aber ist gut und der Kaffee auch. Mein Partner liest eine Weile, und ich suche in der Innenstadt noch ein wenig nach schönen Flecken – finde aber keine. Selbst die Altmühl, sonst Inbegriff von Flussromantik ist in dieser Gemeinde langweilig.
Zu unserer Belustigung hat die Stadt Treuchtlingen sogar ein bisschen Unterhaltung bestellt. Ein Baum wird vor unseren Augen gefällt; da er aber völlig gesund ist und nur einem Parkplatz weichen muss, ist unsere Begeisterung so gross wie die der Königin im 1. Akt des Don Carlos: Dort verspricht man ihr für den Winter in Madrid ein Autodafé.

So, das waren meine Eindrücke von der Reise.
Ab dem nächsten Post wieder andere Dinge.



Dienstag, 5. August 2025

Julireise 2025 (2)

Und weiter geht es mit Impressionen von unserer Juli-Reise, und wie am Freitag querbeet, und wie am Freitag unsortiert und nicht chronologisch.

Stuttgart baut am ÖV

Eine Kita-Leiterin steht mit ihren Schützlingen an der Haltestelle in der U-Bahn, sie steht vor einem Screen, der die Nummern
40 41 42 43 44 51 53 57 58 60 62 64 66 68 71 72 73
zeigt. «Guckt mal», so die Frau, «das sind alles Buslinien, die jetzt anders fahren. Weil gebaut wird.» Recht hat sie. Überall wird gebaut und umgeleitet. Als ewige Baustelle ist da natürlich der Bahnhof, der die DB-Gleise und die U-Bahn und die Busse durch einen gefühlt 4 Kilometer breiten Graben trennt, dann ist (wie jedes Jahr) die Stammstrecke der S-Bahn zu, die Strecke HBF-Schwabstrasse, die alle Linien fahren, dazu kommen die Sperrung der U2 und der U9, sowie alle oben genannten Busse. Diese Buslinien sind nun aber zum Teil an mehreren Punkten umgeleitet (oder sollte man «fehlgeleitet» sagen?). Der 43er, der uns vom Charlottenplatz zum Marienplatz bringt, startet vor dem Alten Waisenhaus und nicht im Bohnenviertel, um dann an der Markuskirche noch einmal einen Umweg zu fahren.
Es ist ja schön, sehr schön, wenn gebaut wird. Aber geht da alles mit rechten Dingen zu? Der Bahnhof sollte ja seit Jahren fertig sein, und die Stammstrecke ist JEDEN Sommer gesperrt…

Hall ist immer noch asiatenfrei

Ich weiss, das klingt jetzt sehr, sehr, sehr rassistisch. Ich meine aber nicht einen Chinesen, der in Schwäbisch Hall bei der Bausparkasse meinen Vertrag bearbeitet («auf diese Steine können Sie bauen»), ich meine auch nicht einen Japaner, der in Diakoniekrankenhaus in der Pflege schafft – das sind übrigens interessanterweise die beiden grössten Arbeitgeber. Ich meine erste recht nicht den Inder, der das wunderbare Restaurant am Ende der Gelbinger Gasse betreibt. Ich meine, die zig-tausend Japaner und Chinesen, die sich in Busladungen über die deutschen Fachwerkstädte ergiessen, zum Glück noch nicht über alle, sondern nur über einige. Und diese einige sind dann für jeden normalen Menschen im Eimer. Rothenburg ob der Tauber hat 2 Millionen Besucher im Jahr, das sind 5500 Leute, die sich jeden Tag durch die engen Gassen quetschen. Nur so als Beispiel. Und immer, wenn dann das Bild von St. Michael und der Treppe oder das Panorama vom Kocher aus gesehen im Internet auftaucht, wird mir ganz anders. «Eine der der schönsten Städte Deutschlands liegt in Baden-Württemberg» fand ich neulich, und ich kann immer nur beten, dass der Geheimtipp Hall auch ein Geheimtipp bleibt…

Nicht benutzter Museumspass

Wir haben den Oberrheinischen Museumspass, der uns im Elsass, in der Nordschweiz und in Süddeutschland freien Eintritt in Museen und Galerien beschert.
Eigentlich. Denn dieses Mal haben wir Pech, und zwar in der einen wie in der anderen Richtung.
In Künzelsau (Würth Museum 1, und Würth Museum 2), sowie in Schwäbisch Hall (Kunsthalle Würth und Johanniterkirche) brauchen wir unseren Pass nicht zu zücken, denn der gute Reinhold verlangt keinen Eintritt, alles ist gratis. Kann er sich als sechsreichster Deutscher mit 19000000000 Dollar Vermögen auch leisten, aber gut, es gibt auch Milliardäre, die knausern.
In der Fuggerei breche ich eine längere Diskussion mit der Frau an der Kasse vom Zaun, die dadurch erschwert wird, dass die Gute schlecht Deutsch kann: «Gilt hier der Oberrheinische Museumspass?» «Oberschwein?» «Der Oberrheinische Museumspass.» «Wein-Museum ist woanders.» (Ich zeige das Kärtchen.) «Das ist nur für staatlich, das hier ist privat.» Totaler Unsinn, aber ich kapituliere. Im Brecht-Haus fange ich ob des fast geschenkten Preises von 2,50 Euro die Diskussion erst gar nicht an…
In Stuttgart nun wieder die gleiche Situation wie in Hall: Alles ist gratis. Warum auch immer, wir finden es nicht heraus, weder das Kunstmuseum Stuttgart noch die Staatsgalerie verlangen Geld. Die Staatsgalerie macht es nun aber sehr nett, man muss zum Ticketschalter, bekommt dort eine Karte, und diese Karte (auf der 0,00 Euro gedruckt ist) wird beim Hineingehen auch kontrolliert. Wir fragen uns nun heftig, nach welchen Kriterien hier gehandelt wird. Warum lässt man – wie bei Reinhold Würth – nicht alle einfach hinein? Gibt es Leute, denen das Ticket verweigert wird? Und was wäre so ein Ausschlusskriterium?
Das Kepler-Museum in Weil der Stadt (sein Geburtshaus) lässt uns mit Museumspass wieder nicht hinein, es lässt uns gar nicht hinein, es ist nur samstags und sonntags für je 2 Stunden offen…

Trocken durchs Schmuttertal

Bevor Sie jetzt wie wild googeln müssen: Die Schmutter ist ein Nebenfluss der Donau, der nach 96 Kilometern Lauf bei Donauwörth in die Donau mündet. Sie kennen ja sicher den Spruch
Iller, Isar, Lech und Inn
Fliessen zu der Donau hin.
Und Sie haben sich sicher stets gefragt, warum die Flüsse in der verkehrten Reihenfolge genannt werden, von West nach Ost müsste es ja heissen
Iller, Lech, Isar, Inn
Fliessen zu der Donau hin.
Aber im Original heisst es natürlich
Iller, Schmutter, Lech und Inn
Fliessen zu der Donau hin.
Die Isar braucht kein Mensch. Und ein Spaziergang im Schmuttertal ist ein wunderbares Erlebnis, und obwohl ich meine Freundin bei Augsburg schon öfters besucht habe, konnte ich dieses Mal zum ersten Mal trockenen Fusses durch dieses Tal, bisher war es immer eine nasse, sumpfige und matschige Sache.

So viel für heute, am Freitag die letzte Runde.

Freitag, 1. August 2025

Julireise 2025 (1)

Unsere Juli-Reise führte uns dieses Mal nach Schwäbisch Hall (mal wieder), nach Stuttgart (mal wieder) und nach Augsburg (wo ich schon sehr lange nicht mehr war). Und wieder einmal gibt es Impressionen, aber nicht wie sonst chronologisch, sondern in lockerer und diffuser Reihenfolge.

Die Fuggerei

Augsburger(in), katholisch und bedürftig – das muss man sein, wenn man in einer der 150 Wohnungen in der Fuggerei, der ältesten noch bewohnten Sozialsiedlung, eine Bleibe finden will. Gestiftet vom reichen Kaufmann Jacob Fugger, der Kaiser und Könige mit Geld versorgte, ist sie heute noch eine wunderbare Anlage: Ausser den Nebenkosten zahlen die Leute nur eine Jahresmiete von 88 Cent, und verpflichten sich, jeden Tag für den Stifter drei Gebete zu sprechen. (ein Ave Maria, ein Vater unser und ein Glaubensbekenntnis, ob ein Nicänisches oder Apostolisches konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.) Die Kontrolle, ob wirklich gebetet wird, ist aber anscheinend sehr lax…
Das wäre doch nun eine Sache für Mäzene, mal nicht ein Kunstwerk, kein Museum und kein Stadion spenden, auch nicht für eine Opernaufführung oder ein Konzert, nein, einfach mal 100 Wohnungen bauen. Denn das ist ja das, was gebraucht wird und gebraucht werden wird: Bezahlbarer Wohnraum.

Die Schlüsselnummerfindungsanlage

Im Mineralbad Berg in Stuttgart bekommt man beim Eintreten ein Gummiarmband, das man an den Schrank halten muss und damit diesen verschliessen kann. Wunderbare Technik, man muss sich nur die Nummer des Schrankes merken. Dann kann man getrost schwimmen gehen, auch wenn man das Armband verlieren sollte, ist der Schrankinhalt sicher, denn ein potentieller Dieb oder eine potentielle Diebin (auch Frauen klauen!) weiss ja nicht, zu welchem Kasten der Gummi gehört.
Was aber tun, wenn man die Nummer vergass? Kein Problem, es gibt ein Kästchen, das einem die Schrankziffer mühelos anzeigt. Und es zeigt einem auch noch die verbliebene Badezeit, wichtig, wenn man nicht nachzahlen will. Dieses Kästchen ist natürlich jetzt ein Schildbürgerstreich, denn es führt die Sicherheit gegen Null. Jeder Dieb und jede Diebin kann nun nicht nur lesen, zu welchem Schrank das Gummiarmband gehört, nein, man erfährt auch noch, wie viel Zeit für den Diebstahl bleibt.
Also doch besser, das Armband nicht zu verlieren.

Frühstücksfoto

In Augsburg gehen wir zunächst frühstücken. Im BINOYO® gibt es wunderbare Dinge, leckere Dinge und gesunde Dinge: Ich nehme ein Birchermüesli (und jetzt bitte keinen blöden Spruch über Schweizer im Ausland und so) und mein Partner eine Erdbeer-Smoothie-Bowl. Das BINOYO® serviert nun diese gesunden und leckeren Dinge nun auch noch optisch extrem ansprechend: Das Müesli ist mit einer Reihe Cranberrys, einer Reihe Mandelsplitter, einer Reihe Schokoböhnchen und einer Reihe Kiwistückchen bedeckt und am Rande stecken zwei Apfelspalten und etwas Minze. Die Erdbeer-Smoothie-Bowl wird von Erdbeerscheiben, Schokosplittern, Bananenscheiben und Kokosraspel, sowie von zwei Brom-, zwei Himbeeren und Minze gecovert.
Ich tue etwas, was ich – ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist – noch nie getan habe: Ich fotografiere mein (unser) Frühstück. Das ist total daneben, aber die beiden Schalen sehen einfach zu ansprechend aus.
Was ich nicht tue: Ich stelle (natürlich) die Fotos nicht ins Netz. Sie sind fürs Familienalbum und kommen weder auf Instagram, noch auf Facebook, Snapchat oder sonst einen Kanal. So weit sind wir dann doch nicht…

Regen auf der Treppe

In den 40 Jahren, in denen ich die Freilichtspiele kenne (und damit kenne ich sie immerhin 40% ihrer Lebenszeit, sie feiern dieses Jahr den 100sten), hatte ich wenig Pech mit dem Wetter, Petrus war meistens gnädig, es schauerte selten, und auch, wenn es den ganzen Tag geregnet hatte, klärte es am Abend auf. Dieses Mal schienen die Prognosen aber übel: Am Sonntag, den 20. Juli betrat der Abendspielleiter vor dem «Besuch der Alten Dame» (bitte wieder keine Bemerkung über Schweizer im Ausland!) die Treppe und verkündete die folgende Botschaft:
Man starte jetzt, in ca. 20 Minuten gebe es eine kleine Nieselhusche, da spiele man weiter und das Publikum könne sitzenbleiben, in einer Stunde gebe es dann ein kurzes Gewitter, da unterbreche man und die Zuschauer könnten im Rathaus oder im «Haus der Bauern» Schutz suchen. Jeder dachte: «Wow, diese exakten Prognosen heutzutage!»
Man fing also an, nach 10 Minuten brach dann ein Unwetter los, das nicht nur tonnenweise Regen brachte, sondern auch einen Sturm, der die Requisiten über die Stufen fegte. Man brach das Spektakel komplett ab – Wetter lässt sich halt nie 100% vorhersagen.
Am 22. Juli sahen wir dann den Dürrenmatt bei schönstem Wetter.

So viel für heute, am Dienstag mehr.