Ich hatte vorgestern einen schrecklichen Albtraum.
Es war das Jahr 2027 und ich war Heimatliebe- und Patriotismusförderungslehrer in Grauersleben (Saale), einem Städtchen mit 90000 Einwohnern in Sachsen-Anhalt. (Sie sehen an der Jahreszahl und an meinem Beruf, dass in meinem Traum die AfD haushoch gewonnen und die Lehrpläne umgekrempelt hatte – das ist ja schon Albtraum genug, aber es kommt noch schlimmer…)
Ich hatte in einer 9. Klasse als Schuljahreseinstieg einen kleinen Fragebogen vorbereitet und sass nun an der Auswertung.
Ich hatte zum Beispiel gefragt, was die Schülerinnen und Schüler als ihre Heimat ansehen und ob sie ihre Heimat lieben und warum (oder nicht).
Folgende Antworten lagen auf meinem Tisch:
Laurent:
Meine Heimat ist Grauersleben und ich finde es echt toll hier, weil es Fussballplätze und Basketballfelder gibt und Halfpipe und alles so Sportzeug und so.
Fiona:
Meine Heimat ist Grauersleben. Ich finde es doof hier, weil es hier überall Funklöcher gibt und dann geht kein Insta und einen guten Piercer gibt es auch nicht. Und die Klamottenläden sind scheisse.
Aadil:
Meine Heimat ist Syrien. Aber hier viel cooler! Frieden, Essen und alles OK. Ich liebe es hier.
Alia:
Ich bin auch aus Syrien und ich vermisse Heimat. Syrien ist Heimat und ich weine oft, wenn ich an die Oma und Opa denke und auch das Essen und die Landschaft.
Ahmed:
Meine Heimat ist Grauersleben, weil ich bin hier geboren. Coolste Stadt der Welt. Im Sommer bin ich immer im Freibad (10-Meter-Turm!!!!) und im Winter kann man Schlittschuhlaufen.
Was tun mit so unterschiedlichen Aussagen? Ach ja, Heimat ist ein so schwieriger Begriff (von dem blöden Patriotismus ganz zu schweigen). Und wie und was soll man da fördern? Und hat nicht Fiona das Recht, ihre Heimat richtig sch… zu finden und mit 18 nach Berlin auszuwandern? Es ist ihr Leben.
Und was ist mit den «Ausländern»? Ist Ahmed überhaupt einer? Und die anderen beiden? Der eine ist schon angekommen und die andere noch nicht. Und alle sind in ihren Gefühlen OK.
Schweissgebadet wachte ich auf.
Gestern hatte ich dann noch einmal einen Albtraum.
Es war ebenfalls 2027 und die AfD hatte gewonnen und natürlich auch die Hochschulen umgekrempelt (wie schon gesagt, Albtraum genug, aber es geht noch weiter…) und ich hatte an der Uni Magdeburg einen Vortrag zum Thema «Deutsche Schriftsteller und ihre Heimat» zu halten. Ich hatte mutig die zwei «Heinrichs», Heine und Böll, ausgewählt. Beide sind ja – obwohl man das oft nicht so sieht – Verkünder und Preiser der Heimat. Wie wunderbar die Passage, in dem Heine im Wintermärchen über die Grenze nach Deutschland zurückreist und anfängt zu weinen und auch bei Böll spielen ja alle Bücher in seiner Heimat, dem Rheinland (das er mit Heine teilt). So heisst es im Gruppenbild mit Dame: «Das ist ja das Herrliche an Leni, dass sie so rheinisch ist.»
Als ich begann, hatten 30 Braunhemden den hinteren Saalausgang umstellt und ein Transparent
HEINE UND BÖLL WAREN LINKE UND LINKE SIND VATERLANDSVERRÄTER
ausgerollt.
Ich sah mich ständig während des Redens nach einem Notausgang hinter dem Bühne um. Dann erwachte ich schweissgebadet.
Wie gesagt:
Heimat ist ein schwieriger Begriff.
Dienstag, 1. September 2026
Albtraum Heimatliebeförderung
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