Sie alle kennen (wahrscheinlich) das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden:
Ein Mann muss auf Reisen und gibt seinen Dienern Pfunde (Talente, Minen, irgendwelche Geldbeträge). Der erste bekommt fünf, der zweite zwei und der dritte ein Pfund. Die ersten beiden arbeiten nun mit der ihnen gegebenen Summe und vermehren sie, der dritte vergräbt sein Pfund/Talent/Mine und macht nix. Als der Herr nun wiederkommt, werden die beiden ersten Diener reich belohnt, der dritte wird bestraft.
Was dieses Gleichnis uns sagen soll: Wenn du etwas bekommen hast, was mehr werden kann, sich entwickeln, wachsen, gedeihen, dann fördere es, mehre es, vergrabe dein Pfund, deine Mine, dein Talent nicht.
So weit, so gut.
Die Frage ist nun, für was steht ein «Talent»? Ein «Pfund»?
Ich würde sagen, es sollte ja eigentlich für positive Sachen stehen – manchmal bin ich mir da aber nicht so sicher…
Nehmen wir zum Beispiel den Schweizer und den deutschen Bähnler. Beide bekommen vom Herrn (der sich hier «Betriebsablauf» nennt) fünf Minuten Verspätung geschenkt. Was tut der Deutsche? Er mehrt sein Pfund, er wuchert und augmentiert, schon an der nächsten Haltestelle sind daraus sieben, an der übernächsten Haltestelle neun geworden, und nach anderthalb Stunden ist die Verspätung zweistellig! Und so geht es weiter, und weiter, und weiter und ist man in Basel Badischer Bahnhof fünf Minuten später abgefahren, dann ist man 2 ganze Stunden später als geplant in Berlin.
Ganz anders der Mitarbeiter der SBB: Er macht alles kaputt, er fährt mit fünf Minuten, 300 Sekunden, Verspätung Richtung Berner Oberland von Basel aus ab, und schon zwischen Sissach und Tecknau holt er zwei Minuten auf, und dann im Hauenstein-Basistunnel macht er alles zunichte. Wenn er in Olten aus dem Tunnelportal fährt und der grosse Rangier- und Umsteigebahnhof in Sicht kommt, sind Null Minuten übrig. Fünf geschenkte Minuten, und alle zerstört.
Aber ist «Verspätung» wirklich ein gutes Pfund?
Ist «Bildschirmzeit» ein gutes Talent?
Da habe ich bei meinen Schülerinnen und Schülern ja auch immer das Gefühl, sie wuchern und mehren und augmentieren und lassen wachsen. Hat man mit 11 Jahren nur eine Stunde vor dem Handy oder dem Computer verbracht, sind es mit 12 schon zwei, mit 13 kommt dann der exponentielle Sprung und es werden 4, mit 14 sind es acht und als richtiger Teenager hat man praktisch stets einen Screen vor Augen. «Reduzieren?», so gucken sie mich an, «warum denn?».
Genauso stellt sich die Frage, ob «Hass» und «Misstrauen» brauchbare Talente sind. Jede menschliche Gemeinschaft bekommt ja ein Quäntchen ungute Gedanken mit; stellen Sie sich vor, in einen Neubau ziehen 8 Parteien als Erstbezug. Jede bringt ausser Gepäck und Möbel und Gegenstände auch Gefühle mit, positive, aber auch negative: «Wird der Nachbar nicht zu laut sein?» «Sargsyan – ist das ein muslimischer Name?» Nun kann man das anfängliche Misstrauen in Ablehnung mehren, die Ablehnung in Konflikte, und die Konflikte in puren Hass. Und nach einem Jahr herrscht Krieg im Neubau, und die Verwaltung ist nur noch damit beschäftigt, die Bewohner vom offenen Mord abzuhalten.
Man kann aber auch – wie der «böse» Knecht – alle negativen Gefühle begraben. Man kann tolerant und offen sein, man kann miteinander reden, man kann sich einladen und miteinander feiern. Man kann das Haus zu einem Hort von Freude und Spass machen. Es gehört immer zu meinen schönsten Gefühlen, dass wir mit allen Nachbarinnen und Nachbarn gut auskommen – und es gehört so wenig dazu…
Sie alle kennen (wahrscheinlich) das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden.
Nun müssen wir nur darauf achten, WAS wir mehren und WAS wir vergraben. «Ich habe aus 5 negativen Dingen 20 gemacht.» ist nichts, auf das wir stolz sein könnten.
P.S.:
Abgesehen davon, dass Islamophobie sowieso Mist ist, der Islam gehört zu unserer Gesellschaft dazu, die Mitglieder der Familie Sargsyan sind Christen, Armenier waren schon Christen, als wir noch zu Odin riefen.
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