Hier die zweite Folge von Impressionen der Reise nach Berlin
Philharmonie als Labyrinth
In der Berliner Philharmonie hören wir ein wunderbares Konzert mit Boulanger, Strawinsky und Bernstein. Da unser Gastgeber einem anderen Menschen noch das Billett geben muss, begeben wir uns schon einmal auf die Suche nach dem Platz: Sollte doch eigentlich gar nicht schwer sein, Grosser Saal / Links / Block E / Reihe 3 / 14 und 15. Sollte. Denn wenn man ohne Insider, ohne Guide, ohne Ortskundigen sich auf die Suche nach Grosser Saal / Links / Block E / Reihe 3 / 14 und 15 begibt, dann braucht man sehr, sehr, sehr lange. Die Philharmonie ist ein Labyrinth. Der Erbauer, Herr Scharoun, hat die Blocks frei im Raum verteilt und jegliche Hinweise sind möglichst klein angeschrieben und es kann durchaus sein, dass sie insgesamt 3-4 Kilometer laufen, um Ihren Platz zu finden. Als das Konzert mit Lili Boulangers «Trauriger Nacht» beginnt, entdecke ich, dass längst nicht alle Plätze besetzt sind. Nun kommt mir ein Gedanke: Vielleicht irren stets zu Konzertanfang etliche Menschen noch auf den Gängen herum? Wer weiss. Dass man aber neulich einen völlig verwesten Leichnam fand, der sich als Besucher des Eröffnungskonzertes 1963 herausstellte, der nicht hinaus gefunden hatte, halte ich für ein Gerücht…
Attraktion für die Mädels am Weissen See
Wir schlendern Hand in Hand zum «Milchhäuschen» am Weissen See. (Kurz zur Erklärung: Der «Weisse See» ist der See im Stadtteil «Weissensee», Bezirk Pankow und wird auch manchmal grotesk als «Weissenseer See» bezeichnet. Wir hatten das Milchhäuschen in einer Architekturausstellung über die 60er und 70er entdeckt und wollten nun im «Osmo by Milchhäuschen» Kaffee und Kuchen geniessen.)
Im dem See umgebenden Park springen uns vier ca. 15jährige Mädchen entgegen: «Seid ihr ein Paar?» Wir nicken. «O, wie süss.» «O, ist das goldig». Sie strahlen und machen das Herz-Zeichen mit den Händen. Eine wünscht sogar, dass wir uns küssen sollen, das lehen wir aber ab, wir sind nicht im Zoo.
Einerseits ist das ja völlig schön, andererseits fragen wir uns schon: In welcher Welt leben diese Girls? Haben Sie noch nie ein Schwulenpaar über 50 gesehen? Sie wohnen in Berlin! Sie wohnen in einer Stadt, die (zusammen mit Köln) schwule Hauptstadt Deutschlands ist, einer Stadt, in der viele, viele queere Organisationen ihren Sitz haben. Es ist eigentlich erschütternd, so sehr und die Hand-Herzchen freuten. Vielleicht sollten sie jungen Damen mal Pankow verlassen, und das nicht immer nur virtuell und im Internet, sondern ganz und in Echtzeit WIRKLICH REAL mal nach Schöneberg fahren. Oder mal den nächsten CSD besuchen.
Schliesslich sind wir im Jahr 2026.
Vorhängeschloss im Kombibad
Am Samstag und Sonntag fahre ich zum Schwimmen ins «Kombibad Gropiusstadt». Dort erwartet mich eine überraschende Sache: Die Schränke brauchen ein Vorhängeschloss. Hat man keines dabei (habe ich natürlich nicht – so etwas erwähnen die Berliner Bäder auf ihrer Homepage natürlich nicht), kann man für 9 Euro eines erwerben. Ich komme mit dem Mann an der Kasse ins Gespräch, ich erzähle, dass ich aus Basel komme, wo im Gartenbau ja genau der gleiche Unsinn gemacht wird, auch dort braucht man ja ein Vorhängeschloss. «Dann kaufen Sie doch eines», meint «dieser, 9 Euro sind ja weniger als 9 Franken.» Ich muss ihn aufklären, dass der Franken inzwischen UNTER dem Euro liegt, dass allerdings ein Vorhängeschloss in Basel nicht 9, sondern 27 Franken kosten würde, also das Dreifache.
Ich kaufe also so ein Ding.
Und dann erzählt mir der Mann noch eine nette Sache: Er macht als Hobby Metallskulpturen und er war schon mehrfach in Basel: Sein Pilgerziel ist der Tinguely-Brunnen, den er für etwas ganz, ganz, ganz Grossartiges hält.
Muss ich ihm recht geben.
So, das war es aus Berlin.
Nächstes Mal wieder andere Dinge.
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