So. Nun hier (oder hier nun) der versprochene Post über Deutsch, Unterricht, Lehrer und PISA.
Ich bekam neulich von einem Bekannten ein WhatsApp mit einem reizenden Cartoon: Zwei Personen, Mann und Frau stehen sich gegenüber, sie stehen vor einem gotischen Fenster, es soll hier wohl ein Korridor einer ehrwürdig-historisierenden-neugotischen Schule angedeutet werden. Der Mann, beleibt, Anzug und Krawatte, Glatze und Nickelbrille (Schulleiter?) fragt die Frau mit Kostüm und Handtasche: «Sind Sie die neue Deutschlehrerin?» Und sie antwortet: «Ja, ich sind.»
Gemein, gemein. Es ist sehr unfair, die ganze deutsche Bildungsmisere immer nur auf die Lehrer zu schieben, aber ein Fünkchen, ein kleines Fünkchen, ein winziges Fünkchen Wahrheit ist ja dran. Ich war in meiner Ausbildung zum Drittfach Deutsch (die ersten beiden waren Schulmusik und Latein) im letzten Jahrgang, der noch die volle Background-Ladung der deutschen Literatur und die ganze Background-Ladung der Linguistik abbekam. Wir lasen noch Hölderlin und pflegten Mittelhochdeutsch und beteten den Saussure rauf und runter – und zwar nicht «didaktisiert», also nicht stets mit der Frage, ob man das im Unterricht braucht.
Ja, angesichts des Cartoons sehnt man sich.
Man sehnt sich…
Man sehnt sich nach dem alten, gestandenen Deutschlehrer.
Sie wissen, was ich damit meine? Sie wollen Beispiele? Gut.
Der gestandene Deutschlehrer kann ca. 200 Gedichte auswendig. Er erwartet aber auch die Kenntnis von MINDESTENS zehn Poemen von seinen Schülerinnen und Schülern. Und er erwartet auch, dass diese Kenntnis nicht mit dem Abitur erlischt. Es kann nun also sein, dass er einen Ehemaligen oder eine Ehemalige auf herbstlicher Strasse im farbigen Blätterwald trifft, ihn oder sie packt und rezitiert:
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und wehe (wehe! wehe! wehe!), wenn der oder die Betreffende nicht sofort weitermachen kann:
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Der gestandene Deutschlehrer korrigiert. Er korrigiert Orthografie, Grammatik, Interpunktion, aber auch Sinn- und Bezugsfehler.
Und wenn Sie ihm eine Einladung zu ihrem 60. Geburtstag schicken (er selbst ist dann 90), dann kann es sein, dass sie mit Verbesserungen zurückkommt:
Es würde mich freuen, Sie zu meinem runden Geburtstag einladen zu dürfen.
Vielen Dank. Ich komme gerne. Aber deine Einladung ist nicht korrekt formuliert. Denn: Einladen darfst du immer, darüber musst du nicht freuen. Also: Ich möchte … einladen und es würde mich freuen, wenn …
Der gestandene Deutschlehrer schreibt immer noch für einige Fachzeitschriften, er schreibt gefürchtete Leserbriefe, er sitzt in Gremien und liest, liest, liest. Der gestandene Deutschlehrer führt einen unermüdlichen Kampf gegen Schludrigkeit, Schlamperei, falschen Fremdwörtergebrauch und falsche Kommata.
Wenn dann im Fernseher Frau Slomka oder Herr Sievers «…zwei Dilemma…» sagen, dann brüllt er so laut «DILEMMATA! DILEMMATA! DILLEMATA!», dass man es wirklich fast am Lerchenberg hören kann.
Die Wohnung des Neunzigjährigen könnte inzwischen übrigens eine Putzfrau vertragen. Aber da der gestandene Deutschlehrer eine fehlerfreie zweiseitige handschriftliche Bewerbung verlangt, stehen die Chancen natürlich schlecht, dass er eine engagieren kann…
In den sozialen Medien kursiert ein Cartoon, in dem die neue Deutschlehrerin, auf die Frage, ob sie diese sei, «Ja, ich sind» antwortet. Und da sehnt man sich nach den gestandenen Deutschlehrern.
Obwohl sie uns nervten.
Obwohl wir sie hassten.
Gestandene Deutschlehrer, wir vermissen euch!
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