Dienstag, 19. August 2025

In der Badi: Haben wir ein Ausländerproblem?

Ich bin gerne und häufig im Freibad. Ich könnte sogar behaupten, dass das Gartenbad St. Jakob quasi mein zweites Zuhause ist, denn ich besitze für das Bad nicht nur ein Abonnement, sondern habe auch eine Kabine gemietet, in der ich Handtücher, Badehosen, Schwimmbrille, Duschgel und Sonnencreme aufbewahre und in der ich mich ungestört umziehen kann.
Das Thema «Freibad» taucht deshalb auch in etlichen Posts von mir auf.

Nun werde ich gefragt, ob ich in letzter Zeit nicht Angst gehabt hätte, man höre ja so einiges, so viel Gewalt und immer – das müsse man ja sagen dürfen – von Ausländern, und dann behalten die ausländischen Jugendlichen neuerdings ihre Unterhosen unter den Badeshorts an, und das sei doch eine Sauerei, und ob das Gartenbad St. Jakob nicht auch alle aus dem Ausland mit einer Sperre behängen müsse…
Und…
Und…

Jetzt mal halblang.
Zunächst einmal ist spannend, dass solche Fragen von Menschen kommen, die a) in Deutschland wohnen, b) dort nie ins Freibad gehen, c) noch nie in Basel waren und d) irgendwo etwas aufgeschnappt haben. Um es klar zu sagen: Wenn Sie, liebe Deutsche, ein korrektes Bild von der Schweiz bekommen möchten, ist die «Weltwoche» nicht unbedingt ein geeignetes Medium.

Wie sind aber nun die Fakten?
Die Badi in Porrentruy hatte Probleme, da kam sehr viel Volk von Frankreich her über die Grenze, ja, und verhielt sich eben nicht besonders gut, lärmte, schlägerte und krakeelte, beleidigte die Badmeisterinnen und Badmeister und belästige andere Leute.
Die Badi Porrentruy schoss aus der Hüfte und verhängte eine Eintrittssperre für Menschen, die keinen Schweizer Wohnsitz haben. (Unter grossem Applaus von rechts, auch von deutschen Rechten, die das ja wirklich nichts angeht.)

Nun ergab sich eine groteske Situation: Michelle (76) und Brigitte (79) aus Villar-le-Sec, einer französische Gemeinde im Département Territoire de Belfort in der Region Bourgogne-Franche-Comté, also jenseits der Grenze, durften nicht mehr in ihr geliebtes Bad nach Pruntrut (so die deutsche Schreibweise), wohl aber die jugendliche Gang aus Bure, einer politischen Gemeinde im Bezirk Porrentruy des Kantons Jura in der Schweiz.

Basel hatte nun auch Probleme. Und Basel reagierte anders. Für ein paar Tage tauchten Sicherheitsleute und Polizei auf, da sah man etliche Trupps von Menschen in Uniform – und dann wurden 10 Hausverbote ausgesprochen (an Ausländer und an Schweizer).
Und seitdem herrschte Frieden.
So kann man es auch machen. Sachbezogen, streng, klar: Wenn du meinst, du musst hier rumschreien und andere belästigen, wenn du nicht auf den Badmeister hörst und hier schlägerst: Da ist die Tür.

Jetzt müssen wir aber noch auf das Unterhosen-Problem eingehen, weil hier so furchtbar gelogen wurde. Der Satz «ausländische Jugendliche haben begonnen, die Unterwäsche anzulassen» bringt mich so auf die Palme, dass ich schreien könnte.
Also:
Praktisch alle Jungs (ja, es sind die Männer!) lassen unter den Badeshorts ihre Unterhosen an, und das tun sie seit 20 Jahren. Warum? Keine Ahnung, es muss irgendwie toll sein, muss irgendwie Spass machen, muss irgendwie geil sein, ich fände es nur eklig, aber ich bin auch kein Jugendlicher. Ein Problem ist die Kontrolle, man kann den Jungs ja nicht in die Hose gucken, jeder Bademeister bekäme da ja sofort eine Anzeige.
Nun tragen viele Jungs Badeshorts, unter denen ganz frech die Unterhose mit einem CK- oder HOM-Logo hervorlugt, zum Teil ist das aber ein Produkt, in das ein Slipteil schon eingearbeitet wurde. Also auch schwierig.

Wir haben es also nicht mit einem Ausländerproblem zu tun. Im Gegenteil, was würde ich tun, wenn ich ein junger Asylant wäre und zum ersten Mal im Gartenbad St. Jakob? Genau. Ich würde gucken, wie es die anderen machen, und selbst wenn ich eigentlich die Hose wechseln wollte, würde ich denken: «Schau mal, die lassen alle die Unterhose an, das mache ich jetzt auch.»

Die letzten 14 Tage der Ferien war es in der Badi so ruhig wie auf einer einsamen Insel. Das merkte man auch an den Securitas-Leuten, denen so langweilig war, dass sie am Ausgang herumstanden und mich daran hinderten, durch den breiten Kinderwagenweg hinauszugehen (ist inkorrekt, aber bequemer) und nicht anständig durch die Drehtür.

Die erste Schulwoche war dann wieder Hully-Gully. Weil alle Basler Schulklassen dort waren – aber mit Lehrpersonal. Aber was soll man machen, wenn im Klassenzimmer im Obergeschoss eines Beton-Glas-Baus 33° herrschen?

Ich bin gerne und häufig im Freibad. Ich könnte sogar behaupten, dass das Gartenbad St. Jakob quasi mein zweites Zuhause ist.
Und das wird auch so bleiben.











 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 15. August 2025

Das Plakat


Ein kleines Quiz: Was ist an diesem Plakat verkehrt?

Stuttgarter Sinfoniker
Leitung: Hubert Derwisch

HIGHLIGHTS DER KLASSIK
über 100 Mitwirkende

Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 1
Ravel: Bolero
Mozart: Eine Kleine Nachtmusik
Smetana: Die Moldau
Vivaldi: Der Sommer
Strauss: Kaiserwalzer

Musical Theater Basel
Samstag, 4. Oktober 2025 / 20.00

Tickets 60,-- bis 120,-- bei allen Vorverkaufsstellen

Die Antwort: Alles.
So klar und einfach.

Es gibt keine «Stuttgarter Sinfoniker». Es ist ein sogenannter Muggen-Haufen (eine Mugge=Musikalisches Geldgeschäft, entspricht dem, was Jazzer und Rocker und Popper und Blueser einen «Gig» nennen). Das heisst, die Musikerinnen und Musiker werden für dieses eine Projekt zusammengestellt. Darf man das dann «Sinfoniker» nennen? Ja, darf man. Der Begriff ist nicht geschützt. Nicht benützen dürfte man «Stuttgarter Philharmoniker», denn die gibt es und die haben ihren Namen natürlich geschützt.
Also: googeln!

Genauso googeln müssen Sie selbstverständlich den Dirigenten. Wahrscheinlich hat er eine Homepage mit einem beeindruckenden Lebenslauf. Das zählt aber nicht, denn alle haben eine Homepage mit beeindruckendem Lebenslauf. So waren alle auf einem Meisterkurs bei Maestro A.B., da Maestro A.B. circa 10 Kurse pro Jahr gibt, mit circa 20 Teilnehmern, waren schon Hunderte bei ihm.

100 Mitwirkende sind eine stolze Zahl.
Aber kein ernstzunehmendes Ensemble prahlt mit seiner Grösse. Genauso wie Sie auf keiner Speisekarte den Hinweis «über 20 Gewürze» oder «über 40 Zutaten» finden werden. Genauso wie kein Autohändler Ihnen einen Mercedes mit dem Hinweis «der hat über 500 Einzelteile» anpreist. Genauso wie Sie beim Kauf eines Seurat in einer New Yorker Galerie Unverständnis ernten, wenn Sie die Anzahl der Punkte wissen wollen.
Dazu kommt jetzt aber noch das Folgende: 100 Mitwirkende sind für Ravel und Smetana notwendig und denkbar, für Vivaldi und Mozart sind sie Quatsch. Wahrscheinlich sogar tödlich. Diese Musik wurde in kleinen und feinen Ensembles musiziert.

Nun zur Auswahl: Schon der Titel «Highlights» entlarvt ja alles. Eine Programmzusammenstellung, die jeder dramaturgischen Idee bar ist, ein Haufen schöner Melodien nach dem Motto «allen Leuten gefällt es». Immerhin hat man auf einen Pseudo-Zusammenhang verzichtet, den ich auch schon gesehen habe. Zum Beispiel «der Donau entlang», wobei man Ravel rausliess, Vivaldi unter dem Thema «auch an der Donau ist Sommer» mit hineinnahm und hoffte, niemand würde bemerken, dass die Moldau in die Elbe und damit in die Nordsee fliesst.

Last, but not least: Das Musical Theater ist natürlich der verkehrte Ort, Klassik gehört ins Stadtcasino und der Preis ist viel zu hoch.

Ein korrektes Plakat sähe nun also so aus:

GANZ GROSSES AD HOC-ORCHESTER AUS STUTTGART
SPIELT
SACHEN, DIE ALLE KENNEN UND ALLE MÖGEN

ZUM BEISPIEL MOZART UND DEN BOLERO

WIR HABEN EINEN DIRIGENTEN, ABER DEN KENNEN SIE NICHT

Musical Theater Basel
Samstag, 4. Oktober 2025 / 20.00

Tickets 60,-- bis 120,-- bei allen Vorverkaufsstellen (der Preis ist viel zu hoch, wissen wir)

Aber wer würde in ein solches Konzert gehen?






Dienstag, 12. August 2025

Unser Problem mit Abschlüssen

Diese Geschichte ist jetzt wirklich wahr – und es ist erstaunlich, dass ich sie noch nie erzählt habe:

Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts war es mein Wunsch, an mein Schulmusikstudium ein Studium Künstlerische Ausbildung Dirigieren oder Chorleitung anzuhängen. Das erwies sich aber nicht so einfach, an mehreren deutschen Konservatorien wurde ich abgelehnt. (Was sich als gut erwies, sehr gut, weil ich dann an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen in Prof. Manfred Schreier, dem Gründer der «Musik der Jahrhunderte», der «Neuen Vokalsolisten Stuttgart» und des Eclat-Festivals, einen idealen Lehrer fand, aber das ist eine andere Geschichte…)
Da ich dachte, vielleicht klappt es gar nicht mit einer weiteren Ausbildung, und da ich parallel eh schon am Arbeiten war, lag es nahe, sich noch für Musikwissenschaft einzuschreiben. Für Schulmusiker – so hatte ich gehört – einfach, denn ihre 10 Semester wurden als Grundstudium anerkannt, sie könnten also nach der Zwischenprüfung einsteigen.

Ich vereinbarte einen Termin mit dem Leiter einer der Abteilungen der Philosophischen Fakultät (sie teilte sich damals in PF 1, PF 2 und PF 3), den Namen habe ich vergessen. An einem schönen Sommermorgen sass ich dann um 11.00 mit allen meinen Unterlagen an einem ehrwürdigen Schreibtisch und dieser Leiter nahm sich alle Zeit der Welt für mich. Oder hatte er so viel Zeit? Er fragte gefühlt nach Hutnummer, Schuhgrösse, Familienstand, Herkunft und Religion. Dann sagte er mir, er müsse mich zum Chef des MuWi-Seminars weiterleiten, griff zum Telefon und vereinbarte dort einen Termin um 13.30. Danach könnte ich wieder zu ihm kommen. Um 15.00.

Inzwischen war es 12.30, ich ging einen Kaffee trinken, ass ein Sandwich und rauchte ein paar Zigaretten. (Ja, damals war ich noch Raucher.)

Um 13.30 sass ich dem Chef des Musikwissenschaftlichen Seminars gegenüber. Dieser studierte meine Unterlagen und meinte dann, der Fall sei ja völlig klar, und zwar so klar, dass es fast schon ein wenig nerve. Ich habe ja einen Abschluss in Schulmusik, genauer gesagt, ein Erstes Staatsexamen Musik als Gymnasiales Lehrfach, und dieses Examen werde immer, immer, stets und grundsätzlich, alle Zeit und in allen Fällen als Zwischenprüfung anerkannt, immerhin hätten wir SchuMus ja 4 Seminarscheine erworben, und wir hätten eine 42seitige Arbeit geschrieben, die einzige Sache, die er empfehle, sei ein wenig Nachholen im Handschriftenlesen, da hätten wir SchuMus manchmal Lücken. Er schrieb mir also einen kurzen Zettel, der das OK anzeigte und schrieb darauf auch, dass dieses OK ein GRUNDSÄTZLICHES sei. Darauf seufzte er, er seufzte laut und meinte, dass er dieses GRUNDSÄTZLICH dem Leiter von PF 1 (oder war es PF 2 oder PF 3?) schon x-mal mitgeteilt habe, mündlich wie schriftlich.

Mit dem Zettel der MuWi wurde ich um 15.00 wieder beim PFler vorstellig, nun ging alles ganz schnell: Er las den Wisch (wobei der das GRUNDSÄTZLICH natürlich überlas), nickte, nahm seinen Stift und schrieb in feinstem Sütterlin (für die jungen Leserinnen und Leser: das ist eine alte Schreibschrift) meine Zulassung zum Hauptstudium im Fach Musikwissenschaft. Das brauchte nur ca. 20 Minuten, dann gab er dieses Papier seiner Sekretärin zum Abtippen. (Echt wahr, wirklich, ohne Sch…!)
Um 16.30 verliess ich das Gebäude. Ich war nach 5 ½ Stunden am Ziel. Nun brauchte ich ausser einer Zigarette etwas Stärkeres – drei Gläser Whiskey waren das Mindeste.

Diese Story kam mir in den Sinn, als ich einen Bericht las. Einen Bericht über die Schwierigkeiten, Abschlüsse anderer Länder (anderer Kontinente) in unseren Breiten anzuerkennen. Von Wochen ist da die Rede, teils von Monaten, teils von Jahren. Von Jahren!

Da hat zum Beispiel eine Fachkraft im sozialen Bereich eine zweijährige Ausbildung mit einem Praktikum abgeschlossen, eine andere hat das Praktikum in der Mitte, bei uns aber müsste das Praktikum am Anfang stehen. Wäre das nicht völlig belanglos, wenn man bedenkt, wie dringend wir solche Fachkräfte brauchen?

Viele Ausbildungen sind in anderen Ländern Studienfächer. So hat eine Kindergärtnerin aus der Ukraine ihre Fähigkeiten an einer Fachhochschule gelernt, in Deutschland ist das eine Lehre. In bestimmten Regionen Italiens kann man Kosmetiker oder Kosmetikerin studieren, bei uns eine Lehre. Könnte man nicht grundsätzlich sagen, dass Menschen, die ein Studium in XY haben, bei uns anerkannt werden, weil ja ein Studium XY einer Lehre XY MINDESTENS gleichwertig ist?

Ich habe übrigens – das sei jetzt einfach der Vollständigkeit halber erwähnt – das Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Freiburg i. Br. danach nie mehr von innen gesehen. Ich brauchte für den MA ja noch ein anderes Fach, das war Germanistik und dort im Grundstudium, das betrieb ich dann, bis es nach zwei Jahren bei Manfred Schreier klappte…