Freitag, 8. März 2019

Verspätete Büttenrede: Mutti, komm zurück!


Liebe Närrinnen und Narrlesen!
Draussen steht ein Fan von Angela Merkel mit einem «Brief an Mutti».
Wolle mer en roilasse?
Publikum applaudiert.
Narrhalla-Marsch!
Dam dam daa – dam dam daa – dam dadadam di – dam dadadaa
Dam dam daa – dam dam daa – dam dadadam di – dam dadadaa

Hier steht ein treuer Merkel-Fan,
im Herzen Weh, im Auge Trän’
und ruft mit angsterfülltem Blick:
O Mutti, Mutti, komm zurück!
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )*

Nebst vielen Infos und auch Memos,
nebst viel Protesten und auch Demos
rollt durch das Land ‘ne neue Regung:
die Anti-AKK-Bewegung.
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

Der Karren, den die Dame baut
und den das ganze Land nun schaut,
der stinkt in dicken, fiesen Schwaden,
denn er hat nichts als Mist geladen.
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

Wenn eine in die Bütt will klettern
und, um dort Witze laut zu schmettern
stattdessen in den Fettnapf steigt,
dann ist doch besser, dass sie schweigt.
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

Es gäbe doch viel schöne Themen.
Man könnt’ zum Beispiel ‘s Wetter nehmen
und eines füg’ ich noch hinzu:
Man lässt die Minderheit in Ruh’.

‘s ist schlimm, wenn man in langer Frist
so gar nicht weiss, was man denn IST,
‘s schlimmer noch, ‘s gar nicht gut,
wenn man nicht weiss, was man da TUT.
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

Die Dame soll das Land regieren?
Die Dame soll mal Deutschland führen?
Nun, eines muss man da schon sehen:
Mit Trump wird sie sich gut verstehen.
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

Sie denkt, nun riechen Sie den Braten,
man hätt’ doch auch Un-Diplomaten.
Da liegt sie falsch, daneben, denn:
Es heisst nicht «un-«, es heisst «U - En».
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

Du, Mutti, gabst dir nie so Blösse,
du hattest Stil und hattest Grösse,
das Einz’ge, was bei dir zu klein
das war dein Kostümkittelein
( --daaaaa  --daaaaa --daaaa )

O Mutti, warst du auch stets bieder
Das ist egal, o komme wieder
O komm zurück, ‘s nicht zu spät
BEFREI’ UNS VON DER ANNEGRET

Tosender Applaus, Standing Ovations

Dam dam daa – dam dam daa – dam dadadam di – dam dadadaa
Dam dam daa – dam dam daa – dam dadadam di – dam dadadaa

*  Der bei jeder Pointe gespielte Tusch ist nur ein einfacher Akkord und NICHT, wie ständig falsch zitiert, ein Akkord mit Auftakt, also «daaaa» und nicht «da-daaaa».








Dienstag, 5. März 2019

Warum stieg Petrarca auf den Berg?


Ich habe meinem Lieblingsneffen Tobi die Sache mit Petrarca und dem Mont Ventoux erklärt, also die berühmte Story, wie der Italiener in der Provence auf jenen Berg stieg und von der Schönheit und Pracht der Erde, von der Weite der Existenz und der Weite des Blicks so überwältigt wurde, dass er ins Schreiben und Schwärmen kam, dieses Mont Ventoux- Erlebnis gilt ja quasi als eine der Initialzündungen der Renaissance. Tobi hat geduldig zugehört, dann nickt er ein paar Mal und stellt eine simple Frage:
«Warum ist der Petrarca da raufgestiegen?»
«Na», sage ich, «wahrscheinlich um von der Aussicht überwältigt zu werden.» «Das ist Quatsch, Onkel Rolf, er wusste ja vorher überhaupt nicht, wie schön der Blick sein wird und er wusste überhaupt nicht, dass ihn das überwältigen würde, also, warum ist er da rauf?» Ich grinse: «Er ging dort hinauf, um die Renaissance einzuläuten.» Tobi ist nicht in Nonsenslaune: «Onkel Rooooooooooolf, jetzt blödelst du, nein, ernsthaft, warum ging er rauf?»

Ich habe meiner Lieblingsnichte Gabi die Sache mit Newton und dem Apfelfall erklärt, also die berühmte Story, wie der Engländer sich zum Schlafen unter einen Apfelbaum gelegt hatte und der Boskop ihm auf die Birne fiel und er anfing über den Grund, warum Dinge herunterfallen, nachzudenken und auf das Gesetz der Schwerkraft kam, dieses Apfel-Erlebnis gilt ja quasi als eine der Initialzündungen der modernen Physik. Gabi hat geduldig zugehört, dann nickt sie ein paar Mal und stellt eine simple Frage:
«Warum hat sich Isaac Newton unter den Baum gelegt?»
«Na», sage ich, «wahrscheinlich um den Apfel fallen zu sehen.» «Das ist Quatsch, Onkel Rolf, er wusste ja vorher überhaupt nicht, dass der Apfel fällt und er sich dann Gedanken machen wird, wie die Schwerkraft funktioniert, also warum hat er sich hingelegt?» Ich grinse: «Er legte sich unter den Baum, um eine neue Phase der Physik einzuläuten.» Gabi ist nicht in Nonsenslaune: «Onkel Rooooooooooolf, jetzt blödelst du, nein, ernsthaft, warum?»

Wir wissen es nicht.
Wir wissen nicht, warum sich Petrarca auf den Berg begeben hat und warum sich Newton unter den Baum gelegt hat. Vielleicht hatte sein Hausarzt dem guten Francesco ein wenig Bewegung verordnet, vielleicht hatte er eine Wette verloren, vielleicht hatte er einfach Lust auf die Wanderung, wir wissen nicht, warum sich Newton unter den Baum gelegt hat, vielleicht war er einfach müde, vielleicht wollte der gute Isaac meditieren, vielleicht hatte er einfach Lust darauf.
Wir wissen es nicht.

Und das ist auch gar nicht schlimm.
Das Schlimme ist, dass wir im Nachhinein so tun, als ob die Betreffenden schon eine Ahnung gehabt hätten, als ob Petrarca gesagt hätte: «Leute, klettern wir doch auf den Mont Ventoux und läuten die Renaissance ein…» oder Newton gemeint hätte, er lege sich jetzt unter den Baum und entdecke etwas Grosses.
Wir hätten so gerne Stringenz, wir hätten so gerne Logik und Kausalität in der Geschichte. Und die gibt es eben nicht.

Seien wir ehrlich: 95% unserer Handlungen sind planlos, unüberlegt, sind nach dem Lustprinzip veranstaltet und nur der Spontanität geschuldet, nur 5% unserer Taten sind sinnvoll. Im Nachhinein beladen wir dann unsere Aktionen mit irgendeinem Sinn, wir vertauschen Grund und Ergebnis.

Waren Tobi und Gabi Wunschkinder? Natürlich haben ihre Eltern ihnen das gesagt. Ich aber weiss es besser, im ersten Fall hatte man die Kondomverpackung mit den Zähnen aufgemacht – etwas, was man niemals, niemals, niemals und gar nie tun sollte – im zweiten Fall war es ein völlig verregneter Urlaub auf den Kanaren, eine Woche voller Wasser und Gewitter, eine Woche, in der einem nichts anderes zu tun blieb, als im Bett zu bleiben.
(Natürlich werde ich das meinem Lieblingsneffen und meiner Lieblingsnichte nie erzählen.)
Nicht umsonst gibt es im Deutschen die schöne Wendung «Ich kam zum Film/zur Bühne/zur Musik/zum Schreiben/zum Sport/zur Physik/zur Biologie… WIE DIE JUNGFRAU ZUM KIND.» Wir alle hätten gerne so einen roten Faden in unserem Dasein, dabei ist fast alles Zufall.
Erst im Nachhinein verleihen wir Bedeutung.

Ich habe übrigens nun noch einmal gründlich recherchiert:
Francesco Petrarca hatte schlicht und einfach eine Pauschalreise gebucht, bei der die Besteigung des Mont Ventoux mit zum Programm gehörte.
Isaac Newton hatte einen Hexenschuss, der ihn in die Horizontale zwang.





Freitag, 1. März 2019

Die Tagebücher des Diogenes


Einen editorisch unendlich grossen Wurf hat der Altphilologe Jasper John Jerry im letzten Jahr getätigt. Der Professor für Altgriechisch am Hundley College und anerkannter Experte für die Kyniker hat zum ersten Mal die vor ca. 10 Jahren entdeckten Tagebücher des Diogenes herausgegeben, in einer zweisprachigen Ausgabe, Altgriechisch und Englisch. (Hundley Press, gebunden, 130 Seiten,
£ 340.-)
Wir bringen einen kleinen Auszug:

13. August 380 v. Chr. *
Endlich die passende Tonne gefunden, es war ja schon ziemlich frech, was mir die Makler da anpreisen wollten, ich hatte gesagt, ich wolle eine schlichte und einfache Tonne, und man zeigt mir Luxustonnen mit Goldbeschlag. Wie soll man da kynisch leben, wenn schon die Tonne glitzt und funkelt?

14. August 380 v. Chr. *
Vom Tonnensuchstress erholt.

15. August 380 v. Chr. *
Vom Tonnensuchstress erholt.

16. August 380 v. Chr. *
Vom Tonnensuchstress erholt.

17. August 380 v. Chr. *
In der Sonne gelegen, nachgedacht, einen unglaublich guten Gedanken gehabt, dann aber zu faul gewesen, ihn aufzuschreiben.

18. August 380 v. Chr. *
In der Sonne gelegen, nachgedacht, einen unglaublich guten Gedanken gehabt und ihn notiert.

19. August 380 v. Chr. *
Vom Denken erholt.

20. August 380 v. Chr. *
Der Gedanke von vorgestern ist doch nicht so gut, habe die Tafel wieder gereinigt. Sozusagen Tabula rasa.

21. August 380 v. Chr. *
Plan, morgen einen kleinen Apéro als Tonneneinweihungsfeier zu machen. Kurze Einladungen an meine Freunde verschickt: Nichts mitbringen! (wir sind schliesslich Kyniker)

22. August 380 v. Chr. *
Nette Feier, Andrides, Sophones und Euristos waren da. Und ein paar Hunde, die sehr nette Kunststückchen vorführten.

23. August 380 v. Chr. *
Erholt

23. August 380 v. Chr. *
Erholt

24. August 380 v. Chr. *
In der Sonne gelegen, nachgedacht.

25. August 380 v. Chr. *
In der Sonne gelegen, nachgedacht.

26. August 380 v. Chr. *
Die 10 goldenen Regeln des Kynismus sollten endlich in Angriff genommen werden, bin aber heute zu faul dazu.

27. August 380 v. Chr. *
Nichts gemacht.

28. August 380 v. Chr. *
Nettes Gespräch mit Alexander. Hatte einen beliebigen Wunsch frei. Habe mir gewünscht, er solle mir aus der Sonne gehen.

30. August 380 v. Chr. *
Alexander bewundert mich, hat mich gefragt, ob er ein paar Tage bei mir wohnen dürfte. Aber meine Tonne ist echt zu klein, ausserdem befürchte ich schwule Annäherungsversuche.

31. August 380 v. Chr. *
Alexander aufgebrochen, er muss einen Knoten zerhauen, habe ihm gesagt, dass sei Unsinn und er sollte ein bisschen entspannter sein.

1. September 380 v. Chr. *
Vom Alexanderstress erholt. 

* Natürlich sind die Daten umgeschrieben, da Diogenes nicht VOR Christus rechnen konnte.

Die Griechisch-Deutsche Ausgabe wird vermutlich im Herbst 2019 auf den Markt kommen, verlegt wird das Tagebuch bei DIOGENES. (Blöder Witz, aber ich kann nix dafür!)