Freitag, 25. September 2026

Der hektische Mann als Symbol für die Zeit

Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren – wir nennen ihn jetzt mal Ruedi Bitterli – steht immer unter Strom.

Bitterli betritt stets in Liestal meinen Zug, wobei «betritt» ein Euphemismus ist, er stürmt herein, setzt sich dann leicht seufzend auf einen Platz und starrt bis zum Hauenstein-Basistunnel aus dem Fenster. Ich sehe seine schwarzgefärbten Haare in diesem unnatürlich blauen Schimmer leuchten, jenes unnatürliche Schwarzblau, das gefärbte Haare nun mal haben.

Schon im Hauenstein-Basistunnel springt er auf und steht am Ausgang, durch die Glastür sehe ich seine Ohren zucken und seine Augenlider sich 180x pro Minute schliessen (und wieder öffnen). Kurz vor Olten stehe ich dann auch auf und stehe hinter ihm. Sobald der Zug steht, nein, eigentlich bevor der Zug steht, drückt Ruedi hektisch auf dem Öffnungsknopf herum: Dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam – dam… Was natürlich überhaupt nichts bringt.
Aber der werte Herr Bitterli scheint es sehr, sehr, sehr eilig zu haben. Vermutlich muss er einen Anschluss erwischen, der kurz vor sechs Uhr fährt. Nach Solothurn will er nicht, denn der Zug nach Biel fährt um 6.02 und da hat man genügend Zeit. Aber egal, er ist im Stress, toppt aber sein Verhalten noch:

Wenn der Zug steht und die Türe sich öffnet, schiebt der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren sie mit Gewalt zur Seite – also er versucht es. Natürlich geht eine elektrische Tür nicht schneller auf, wenn man schiebt. Nachdem er die Türe «aufgeschoben» hat, zwängt er sich durch den Spalt und rennt davon
…als sei der Leibhaftige hinter ihm her.
…als hätte jemand Hunde auf ihn gehetzt.
…als sei er ein Sprinter im Endspurt.
…als schlösse sich die Tür zum Paradies in 10 Sekunden.

Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren, also Ruedi Bitterli, steht immer unter Strom, aber er ist auch ein wunderbares Symbol für den Umgang mit der Zeit.

Einerseits versucht er, einen Vorgang zu verlangsamen, nämlich den der Haarergrauung, einen Vorgang, der bei allen Menschen ja eintritt und zum Leben dazugehört. Wir alle werden irgendwann grau oder weiss, andererseits versucht er Vorgänge in einer bescheuerten Art zu beschleunigen.

Aber wir müssen uns hier an die eigene Nase fassen und vor der eigenen Türe kehren: Auch uns vergeht die Zeit manchmal viel zu langsam und manchmal viel zu schnell.

Ich schwimme jeden Tag – wie Sie wissen – 500 Meter. Für diesen halben Kilometer brauche ich 17 Minuten. Da ich keine Lust auf Längenzählen habe, und auch gelegentlich, wenn vor mir ein langsamer Mensch oder hinter mir ein schneller Mensch ist, auf die andere Spur wechsle, gehe ich nach der Zeit, also 17 Minuten.
Nun kann es sein (das kommt nicht oft vor), dass ich ein bisschen schlapp bin oder müde oder eventuell auch lustlos, immerhin stehe ich um 4.30 auf, dann vergehen diese 1020 Sekunden sehr, sehr, sehr langsam.
Umgekehrt muss ich alle 3-4 Monate wieder abstoppen, ob die Zeit von 17 Minuten noch stimmt (ich werde ja alt und nicht schneller). Nun geht es den anderen Weg: Ich zähle die Längen, und die Zeit rast, sie rennt, sie ist nicht aufzuhalten.

Sie kennen dieses Phänomen sicher vom Thema «Bus kommt». Wenn Sie einfach warten, dann sind 4 Minuten (240 Sekunden) unendlich lange, Sie haben das Gefühl, Sie könnten in der Zeitspanne, bis der 5er kommt, die ganze Welt retten oder ein 600zeiliges Epos schreiben. Weh aber, weh, weh, wenn Sie am Fahrkartenautomaten, der ja bekanntlich ein Gerät mit Sieben Siegeln ist, in dieser Zeit einen Fahrschein lösen müssen, dann rast die Zeit wie wahnsinnig…

Der Mann mit den scheusslichgefärbten Haaren – wir nannten ihn Ruedi Bitterli – steht immer unter Strom. Er hämmert auf den Halteknopf, schiebt die Tür weg und hektikt auf seinen Anschlusszug.
Und ist ein wundervolles Symbol für die Macht des Gottes Chronos.







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