Immer wieder tauchen Kuchen in unserem täglichen Leben auf und immer nach dem gleichen Schema:
Erstens: Das Thema X-Kuchen steigt am Horizont auf, meist am einem bestimmten Ort und durch ein bestimmtes Ereignis.
Zweitens: Der Beschluss «Wir backen auch einen X-Kuchen» wird gefasst.
Drittens: Wir suchen im Internet nach einem passenden Rezept.
Viertens: Ich (kein wir!) backe den X-Kuchen und alle unsere Gäste werden damit verwöhnt/belästigt.
Stand das «X» vor zwei Jahren für «Mohn» (das Thema Mohnkuchen erschien durch einen phänomenalen Mohnkuchen im Café im Städel Museum in Frankfurt a. M.), steht nun gerade «X-Kuchen» für «Tarte au citron». Das kam durch eine spassige Fiktion, auf unserer Juli-Reise waren wir in Regensburg (wissen Sie), was ich noch nicht erwähnte, ist die folgende Story:
Ich behauptete tagelang, Gloria von Thurn und Taxis hätte uns zu einem Marmorkuchen auf Schloss Emmeram eingeladen. Mein Mann meinte dann irgendwann, ich solle sie anrufen, er habe nicht gerne Marmorkuchen, habe aber bei diesen heissen Temperaturen Lust auf eine säuerlich-kühl-erfrischende Tarte au citron. Nun musste ich zugeben, dass ich gelogen hatte und die Einladung gar nicht bestand. Die gespielte Enttäuschung meines Mannes mündete in das echte Versprechen eine säuerlich-kühl-erfrischende Tarte au citron selber zu machen.
Nun also Schritt 2: Ins Internet.
Als erstes stiess ich auf eine Back-Homepage, die ein Mann gestaltet haben musste, der in seinem früheren Leben (oder jetzigen Leben?) Lehrer in einer Schule für Schlampermenschen sein muss. Man müsse, so schrieb er (wirklich ein Mann), sich genau an die Angaben halten, die er schreibe, sonst könne man es gleich lassen. Entweder genau oder gar nicht. Und wenn er 185 Gramm schreibe, dann meine er 185 und nicht 180 oder 190 oder gar 200. Weiter unten hiess es dann, wenn die Eier in die Zitronencrème, die ja die Füllung bildet, kämen, dann müsse die Temperatur exakt 84,5° betragen und man müsse ein digitales Zuckerthermometer verwenden. Ich überlegte kurz, ein solches Ding bei GALAXUS zu bestellen, dann liess ich den Lehrer Lehrer sein und suchte ein anderes Rezept.
Nachdem ich noch verschiedene Merkwürdigkeiten angeschaut hatte (auch Betty Bossy, der ich sonst sehr vertraue, liess mich hier im Stich, denn sie tut Quark in die Masse, was sicher nicht hineingehört), fand ich auf der Homepage «Backen macht glücklich» eine herrliche Anleitung, die klar und einfach war und man verstehen konnte.
Um es gleich aufzulösen:
Eine Zucker-Stärke-Zitronen-Masse wird aufgekocht, dann kommt bei mittlerer Hitze Butter dazu und bei kleiner Hitze die verquirlten Eier. Nicht zu heiss, denn sonst stockt das Ei und sie haben Zitronenmasse mit Eierstich, aber keine Tarte au citron-Crème. Keineswegs muss die Masse aber 84,5° haben und keineswegs braucht man ein Thermometer.
Die Tarte gelang (nun schon mehrere Male), aber dennoch liess mich die erste Webseite nicht los.
Warum schreibt jemand ein solches Rezept? Was für ein Mensch steckt da dahinter? Wie kann man mit einer solchen Rigorosität den Lesern allen Mut und allen Spass nehmen? Stellen wir uns einmal vor, wenn wir diese Haltung auf andere Bereiche übertragen würden:
«Wenn du DER, DIE und DAS nicht korrekt anwenden kannst, und zwar bei jedem Wort, dann lass das Deutsche lieber sein.» Niemand würde die Sprache Goethes und Schillers – aber auch die Sprache Wilhelm Buschs und Ringelnatzens, und die Sprache Nina Hagens! – mehr lernen, wir sprächen alle nur noch Englisch.
«Wenn du dir die Zeit für ALLE 12 Romanische Kirchen in Köln nicht nehmen kannst (willst?), dann lass die Reise lieber sein.» Wir würden alle zuhause bleiben, denn nirgendwo hat man die Zeit für alle Kulturschätz eines Urlaubsortes.
«Wenn nicht jede und jeder sich Zeit und Musse und Begeisterung für die politischen Themen nehmen, wenn nicht in JEDEM Haus eine Tageszeitung liegt und MINDESTENS eine halbe Stunde für politische Reflektionen ist, dann lieber Diktatur.» Da bleibe ich sprachlos.
Tarte au citron gehört inzwischen zu meinem Repertoire.
Und zwar ohne digitales Zuckerthermometer. Ich habe mich der Rigorosität widersetzt.
Manchmal sind halbe Sachen eben doch auch gut.
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