Freitag, 12. Juni 2026

Sind Sie ein Versteher?

Junge Menschen werden Horst Herold nicht mehr kennen. Horst Herold war in den Zeiten der RAF Chef des BKAs, also des Bundeskriminalamtes, er war sozusagen der Gegenspieler von Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe und den vielen weiteren. Herold versuchte in seiner Amtszeit, stets die Ursachen der totalen Radikalisierung einer zunächst friedlichen Linken zu finden. Herold sah die RAF als «Entmischungsprodukt» der Studentenbewegung. Er verstand, dass die politischen Unruhen der späten 1960er Jahre, der Vietnamkrieg und die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit der Eliten den ideologischen Nährboden für den Linksterrorismus bildeten.
Und genau das hat man ihm immer vorgeworfen.
Man warf ihm vor, sich mit Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe und den vielen weiteren ein Stück weit zu solidarisieren. Ausgerechnet ihm, der Meinhof und Baader und Mohnhaupt und so viele weitere zur Strecke gebracht hat.
Es gab das Wort nicht, aber heutzutage würde man ihn als «RAF-Versteher» bezeichnen.

Es gibt eine Liste, die Synonyme für «Weichei», also «schwacher, unmännlicher und untougher Mann» zusammenfasst:
Warmduscher
Schattenparkierer
Turnbeutelvergesser
Beckenrandschwimmer
Badekappenträger
Schiffschaukelbremser

Frauenversteher

Inzwischen ist «Putin-Versteher», «Trump-Versteher», «AfD-Versteher», «Russland-Versteher» ja zum schlimmsten Wort, geworden, dass man jemand sagen kann. Denn es wird ja stets mit der totalen Zustimmung gleichgesetzt. Ein «Putin-Versteher» finde die Bombardierung der Ukraine OK, ein «Trump-Versteher» unterstütze eine fatale Politik, ein «AfD-Versteher» wählt auch diese Partei. Und (leider) ist das ja auch häufig so. Aber vielleicht nicht IMMER. Es MUSS nicht sein.

Seit wann und warum ist «-versteher» eigentlich zum Schimpfwort geworden? Ich weiss es nicht.
Etwas Verstehen zu wollen, ist zunächst eine gute Sache. Und gerade wenn man etwas bekämpfen will, dann ist ein komplettes Verstehen doch unerlässlich.
Ich erwarte von einem Arzt, der mich behandelt, dass er die Krankheit versteht, wenn nicht, ist er ein Kurpfuscher und kein Mediziner.
Ich erwarte von einem Kammerjäger, dass er versteht, wie sich Schaben, Motten, Wanzen, Kakerlaken, Läuse und Flöhe verhalten, wie könnte er sonst gegen Schaben, Motten, Wanzen, Kakerlaken, Läuse und Flöhe vorgehen?
Ich erwarte von einem Experten für IT-Sicherheit, dass er Hacker versteht (vielleicht sogar selbst einmal einer war?).

Wir hatten es oben vom Kriminalisten Herold. Ein noch schöneres Beispiel liefert der fiktive Laienkriminalist Father Brown bei G. Chesterton. Er versetzt sich so sehr in die Lage des Möders, dass er quasi den Mord dann selbst begeht. Father Brown sagt, dass es nur die Gnade Gottes ist, in dem Moment, in der Sekunde, in dem Augenblick, in dem wir den anderen töten wollen, keine Waffe zu haben.
Brown sagt:
I am a man, and all men are men: therefore, all men are brothers and sisters; therefore, all men are my enemies. And I have committed all the crimes myself.

Hören wir doch auf, den -versteher zu demütigen. Verständnis ist immer etwas Gutes. Was wir dann daraus machen, ist eine ganz andere Sache.











 

 

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