Wir unterhalten uns über eine Folge des Verbrauchermagazins «Kassensturz», in der eine Masche gezeigt wurde, mit der Betrüger Menschen, die einen Ungezieferbefall hatten, gnadenlos abzockten – indem sie ihren Schrecken ausnützten. «Kann mir nicht passieren», meint mein Bekannter Roman, «ich sehe immer genau hin.»
Genau hinsehen. Gute Sache.
In einem anderen Gespräch dreht es sich um «Abschreiben während des Tests», Lehrerinnen und Lehrer unter sich. Wir alle mussten zugeben, dass wir beim Korrigieren immer wieder einmal ziemlich merkwürdige Übereinstimmungen feststellen mussten, A hatte von B «abgekupfert». Wir alle – ausser Helga. Helga gibt an, dass bei ihr noch niemals, nie, zu keiner Zeit und bei keiner Gelegenheit jemand abgeschrieben hätte. «Ich sehe immer genau hin.»
Gute Sache. Genau hinsehen.
Horst, ein Mediziner, den ich bei einer Vernissage treffe, rät mir (sollte man bei Vernissagen nicht über Kunst reden – und dort hinsehen?), ich sollte bei ihm mehrere Vorsorgeuntersuchungen machen. Eine dieser Vorsorgen ist ein Hautkrebsscreening, das er speziell entwickelt hat. Horst kann auch kleine Melanome (<0,0001mm) erkennen und damit sehr früh handeln. Wie er das macht? Er sieht angeblich genau hin.
Genau hinsehen. Gute Sache.
Ich frage mich allerdings: Wie wollen die Leute das machen?
Wie geht Roman auf Ungezieferjagd? Rückt er sämtliche Möbel von der Wand und schraubt die Lamperien ab? Forscht er in den Teppichritzen und kratzt an den Tapeten? Es ist praktisch unmöglich, eine einzelne Wanze zu finden, aber hat man nur eine irgendwie eingeschleppt, ist man verseucht. Dass Ungeziefer sich nur in «Drecklöchern» findet, ist ein Märchen, das jeder Kammerjäger dir widerlegt.
Wie kann sich Helga sich ihrer Sache so sicher sein? Seit es Klassenarbeiten gibt, wird abgeschrieben. Und wenn ein Jüngelchen den Spickzettel auf dem Oberschenkel unter seinen Shorts hat, kann sie den zwar entdecken und konfiszieren – ihre Stelle ist sie los. Sie wird sich dann fragen, ob es nicht vernünftiger ist, sich zu 100% neben ihn zu stellen, dann aber kupfern alle andern ab.
Horst Screening ist unschlagbar, allerdings schafft er mit seiner High-Tech-Super-Hyper-Lupe nur 3cm2 in der Minute. Man kann sich ausrechnen, wie lange eine Untersuchung bei ihm dauert und – das ist ja auch immer wieder das Thema! – was es kostet.
An die drei Menschen, an Roman, Helga und Horst muss ich denken, wenn ich lese, dass Politikerinnen und Politiker, dass Ministerinnen und Minister irgendwo «genau hinsehen».
So zum Beispiel die Sache mit dem Tankrabatt:
Ministerin Reiche betonte, dass die befristete Senkung der Energiesteuer (16,7 Cent pro Liter auf Diesel und Benzin bis Ende Juni 2026) zwingend an die Verbraucher weitergegeben werden müsse. Sie erwarte, dass das Bundeskartellamt die Weitergabe genau überwache, und drohte bei nicht erfolgter Entlastung mit Maßnahmen.
Man will also genau hinsehen, was da läuft. Die Frage ist – wie bei den Beispielen oben – wie man das anstellen will. Deutschland hat 14000 Tankstellen. Wird das Kartellamt überall vorbeilaufen? Oder Frau Reiche selber? Und was macht man, wenn der Betreiber, versichert, schwört, beteuert und bekräftigt, er habe unendliche Vorräte, die schon VOR der Steuersenkung eingekauft wurden? Geht man dann ins Büro und schaut die Bücher an?
Nein.
Man kann vereinfacht sagen, jede Regelung, bei der man GANZ GENAU hinsehen muss, ob sich überhaupt jemand dran hält, ist Murks.
So.
Jetzt gehe ich in die Küche und werde einen Kuchen backen. Butter verflüssigen, Eier trennen, Mehl…
Nein, ich muss mein Mehl nicht sieben. Ich schaue immer ganz genau hin, ob da Klümpchen sind.
Freitag, 15. Mai 2026
Ganz genau hinsehen...
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