Mitte des 16. Jahrhunderts herrschten – so geht die Sage – im Städtchen Bullhausen an der Bull desolate Zustände:
Die Leute ernährten sich nur von süssen und fetten Speisen, dazu tranken sie Unmassen an Wein, Bier, Schnaps und Most und rauchten ständig ihre Tobakspfeifen.
Jeder Mann war mindestens einmal in der Woche Gast im Badhaus «Zur geifernden Gans» im Gerberquartier, wo er sich von den Badhuren Anna, Lisa und Mona verwöhnen liess.
Der Lärm auf den Strassen war zum Teil so ohrenbetäubend, dass man auch in den Zimmern Mühe hatte, sich zu unterhalten, da hatten alle Handwerker ihre Produktionen auf die Gasse verlegt, da kamen Fuhrwerke und da schrieen Knechte. Und das praktisch rund um die Uhr.
Der Gang zur Kirche wurde auch zur Seltenheit.
Der Rat von Bullhausen an der Bull tagte etliche Frist, und dann hatten sie eine Lösung: Steuern, Gebühren und Bussen.
Auf Zucker und Fett erhob man einen Heller, auf ein Glas Most zwei, auf Bier und Wein drei und auf ein Glas Schnaps vier. Tabak wurde mit fünf Hellern besteuert.
Ein Besuch im Badhaus bei Anna, Lisa und Mona wurde mit einer Sonderabgabe von 3 Batzen belegt.
Die Ruhezeiten wurden folgendermassen definiert: Vor Sonnenaufgang, zwei Stunden am Mittag und nach Sonnenuntergang. Wer ausserhalb diesen Zeiten lärmte, musste vier Taler an die Ratskasse zahlen.
Jeder Nicht-Besuch der Kirche hatte eine Spezialabgabe von 1 Taler, 1 Batzen und 1 Heller zur Folge.
Die Massnahme hatte zwei Auswirkungen:
Völlerei und Sauferei, Hurenwesen, Lärm und Gottlosigkeit nahmen zwar nicht ab, aber wurden auch nicht mehr und hielten sich stet auf ihren Niveaus.
Bullhausen an der Bull wurde reich durch viele, viele, viele Taler, Batzen und Heller.
Aber dann…
Aber dann…
Dann kam Herbatius Volkenmeyder in die Stadt. Volkenmeyder war 1534/1535 in Münster gewesen und hatte irgendwie das Täufer-Gemetzel überlebt. Nun zog er als selbsternannter Prophet durch die Lande und rief in den Städten, in die er kam, das Reich Gottes aus. Zu seinen wichtigen Botschaften (die sich in vielen Punkten auch stark von den Münsterleuten unterschieden) zählten:
Der HERR hasst fette und süsse Speisen, er hasst Alkohol und Tabak, also ernährt euch gesund und frugal, meidet schädliche Substanzen, denn euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Der HERR schuf EINEN Mann und EINE Frau, alles andere ist Hurerei und absolut vom Teufel!
Der HERR ruhte am Siebten Tag und ihr könnt auch einmal Ruhe geben. Beten und Bibel lesen ist besser als lärmen.
Jeder Mensch muss einmal in der Woche in die Kirche.
Man könnte nun denken, dass die Bullhausener diesen Menschen sofort fortjagten, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Man hörte auf ihn, und Bullhausen erlebte eine Erweckung, wie sie sich niemand vorgestellt hatte:
Man ass gesund und trank wenig Alkohol (gar nicht ging nicht, dazu war das Wasser zu schlecht), der Tabak wurde verboten.
Das Badhaus «Zur geifernden Gans» schloss seine Pforten und Anna, Lisa und Mona zogen nach Rattelburg an der Rattel weiter.
Die Bewohner waren nachts ruhig und gingen am Sonntag in den Gottesdienst.
Und der Rat?
Er war unglücklich, todunglücklich, denn auf einmal floss ja kein Geld mehr. Wo waren die Heller, Batzen und Taler, die man als Abgaben, Bussen und Steuern eingenommen hatte? Man hatte doch die Menschen einfach mässigen wollen, es war doch nie die Idee gewesen, dass die einfach AUFHÖREN mit all ihrem schlechten Tun.
Und so beschloss der Rat von Bullhausen, dass man eingreifen müsse. Man stellte Herbatius Volkenmeyder zur Rede und ihn vor zwei Alternativen: Bleiben und als Ketzer verbrannt zu werden (immerhin taufte er, wenn auch in ärgster Heimlichkeit) oder morgen zu verschwinden.
Herbatius Volkenmeyder entschied sich fürs Gehen.
Und in Bullhausen an der Bull war wieder alles in Ordnung.
Diese Sage sei eine Warnung an alle Politiker, die Abgaben, die als Regulativ gedacht sind, gleichzeitig in den Haushalt mit einpreisen. Es kann ja nicht sein, dass die, sich falsch verhalten, darauf stolz sein können, etwas für die Allgemeinheit zu tun.
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