Dienstag, 5. Mai 2026

Politiker sind wie Künstler und sollten nicht auf der Bühne streiten...

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Ich habe noch nie erlebt, dass der Liedbegleiter in der «Winterreise» vor der «Krähe» auf einmal sagt: «Ich müsste mehr Gage bekommen» oder ein Mitglied eines Chores mitten in der Aufführung meint, das Tenue sei scheusslich und sie wolle lieber grün tragen. Künstler verhandeln keine internen Angelegenheiten vor Publikum.

Gut, es gibt Ausnahmen.
Johnny Cash unterbrach am 22. 2. 1968 in London, Ontario (Kanada) die Show und machte seiner Gesangspartnerin June Carter vor 7000 Fans einen Heiratsantrag – weil er sie im Stillen schon x-mal gefragt und sie immer abgelehnt habe. Und sie nahm an! Die Szene gilt als einer der romantischsten Momente der Showbusinessgeschichte. Sie heirateten gleich am 1. März.

Gut, es gibt Ausnahmen.
Bei einer Aufführung während der «Innsbrucker Tage für Alte Musik» trat einer der Musiker nach der Pause vor den Vorhang und gab bekannt, das Orchester würde erst weiterspielen, wenn die Schecks mit dem Honorar auf den Pulten lägen. Sie hatten nämlich mitbekommen, dass man ihnen das Geld vorenthalten wollte, und diese ungewöhnliche Aktion war die letzte verzweifelte Möglichkeit, an ihre Gage zu kommen. Es funktionierte übrigens: Nach 15 (!) Minuten waren die Schecks da und «Giulio Cesare in Egitto» (oder war es «Ariodante»?) konnte zu Ende gespielt werden.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Alle Unstimmigkeiten, seien es finanzielle, organisatorische, seien es musikalische oder literarische, alle Dinge, die den künstlerischen Prozess stören könnten, werden da verbannt.
Der Darsteller des Tybalt fällt nicht einfach aus der Rolle und meint zum Publikum, die Proben seien zu lang und zu unkonzentriert gewesen.
Die Elfe schreit nicht den Ritter an, wenn er im Ballett «Hominius im Elfenwald» einen falschen Sprung macht.

Es geht sogar die Legende, dass ein berühmtes Streichquartett dieses Wir-sind-auf-der-Bühne-anständig so weit getrieben haben, dass sie DORT sich makellos aufführten, SONST aber die Hölle los war: Der Manager musste vier verschiedene Hotels buchen, weil sie sich nicht im Frühstücksraum über den Weg laufen durften. Wie gesagt, eine Legende, sie kursiert seit Jahrzehnten in Musikerkreisen, aber niemand kann genau sagen, um welches Quatuor es sich handelt – ein Urbaner Mythos.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.

Aber nun sind Politiker ja auch so so ein bisschen so etwas wie so Künstler. (Die vielen «so» sind bewusst gesetzt):
Sie gehen auf Bühnen, sie reden, sie tragen etwas vor, dafür haben sie sich vorbereitet, sie haben sich auch schön angezogen und sich geschminkt.
Und sie dürsten nach dem Applaus des Publikums.

Warum dann machen unsere Politikerinnen und Politiker genau diese Fehler, die keine Künstlerin und kein Künstler machen würde? Warum sagt Herr A «B» und dann sagt Frau C «B auf keinen Fall» und dann versucht D zu vermitteln und meint «B und nicht-B» ist eh das gleiche, und dann…
Und das Verworrene ist ja, dass Schwarz-Rot genau den gleichen Fehler wie die Ampel macht.

Man könnte hier – wie so oft! wie so oft! wie so oft! – von den Schweizern lernen.
Bundesrat Beat Jans hatte in den letzten Jahren eine wundervolle und zauberhafte Rede, die er mehrfach bei Chorveranstaltungen gehalten hat (was nix schadete, denn sie war wirklich klasse). In dieser Rede verglich er den siebenköpfigen Bundesrat mit einem Chor: Man probt, man müht sich ab, es gibt auch einmal Dissonanzen, einer singt schräg, man hat noch nicht den gleichen Beat und den gleichen Ton. Aber dann der Auftritt! Der ist einstimmig.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Und Politiker sollten es auch nicht machen. Denn es gibt nur eine Seite, die von den CDU-SPD-Querelen profitiert.
Die Rechten.





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