Freitag, 11. Juli 2025

Der Laden "Tutti Frutti" ist Geschichte

Am 7. Juli fand im «Tutti Frutti», in einem (ehemaligen) Laden im Basler Quartier Gundeldingen (von den Einheimischen «Gundeli» genannt) eine denkwürdige Trauerfeier statt: Man gedachte Ingeborg Hermann, der Inhaberin des Geschäftes, die am 17. Juni mit über 85 Jahren verstorben war. Die Abschiedsfeier für Frau Hermann war auch die Abschiedsfeier für den Laden. Den Laden, den so viele Basler schmerzhaft vermissen werden.

Das «Tutti Frutti» war eine Legende, jeden Tag geöffnet, und offen bis tief in den Abend, man bekam dort eigentlich alles, was der Mensch liebt: Brot und Kuchen, Mineralwasser, Alkohol, Zigaretten, Eis, Butter, Konfitüre, Wein, Bier, Wurst oder Käse.
Meine Berliner Leserinnen und Leser werden jetzt aufstöhnen: Das «Tutti Frutti» ist natürlich in ihren Augen einfach ein Spätkauf, ein «Späti», wie die Spreeathener sagen, ca. 1500 gibt es in Kreuzberg, Neukölln, Spandau usw., aber selbst im grossen Berlin werden Spätis mit Inhaberinnen über 80 nicht die Regel sein…

Ich war (leider) nicht sehr oft im Laden von Ingeborg Hermann.
Nach meinen Schwimmbadaufenthalten pflege ich mir meistens ein Eis zu gönnen. Im letzten Sommer hatten sie im Gartenbad St. Jakob eine Tiefkühltruhe von «Ice Dream», einer Marke aus naturbelassenen Zutaten, die extrem lecker (und gesund, so weit Eis gesund sein kann) ist. Leider vergassen die Betreiber im Bad meistens meine Lieblingssorte nachzubestücken, sodass ich bei Frau Hermann vorbeischaute.
Wenn ich den Laden betrat, lächelte sie mir von irgendeiner Ecke zu und wünschte mir einen guten Tag, was ich auch tat. Ich ging zur Truhe, nahm mir mein Eis und stapfte zur Kasse. Sie nahm, wenn sie sah, dass ich etwas gefunden hatte, den gleichen Weg, allerdings schlurfend und langsam, so wie eine leicht bucklige Mitte-80-Frau zur Kasse geht. Ich zahlte (das Glace war noch billiger als im Bad…) und wir wünschten uns einen guten Tag.
Ich bedaure, nicht mehr mit ihr geredet zu haben.

Am 7. Juli fand im «Tutti Frutti», in einem (ehemaligen) Laden im Basler Quartier Gundeldingen (von den Einheimischen «Gundeli» genannt) eine denkwürdige Trauerfeier statt: Man gedachte Ingeborg Hermann.
Leider fand diese Feier nicht wirklich «im Laden» statt, also im originalen Interieur und mit vollen Regalen, sondern in einem «Laden im Umbau» mit Leiter an der Wand und Farbrollen, denn Frau Hermann hatte «Tutti Frutti» schon im Januar aus Gesundheitsgründen geschlossen.

Warum wird ein solch tolles Geschäft nicht weitergeführt?
Die Antwort liegt auf der Hand: Aus finanziellen. Frau Hermann musste von dem Geschäft nicht leben. Wenn Sie ehrlich rechnen, und wenn Sie Miete, Einkauf, evtl. Angestellte, Stromkosten, Versicherungen, etc., etc., etc. mit hineinnehmen, dann kommen Sie auf einen Stundenlohn, der jeder Beschreibung spottet.
Was wird hineinkommen? Was wird hineinkommen in dieses baulich tolle Geschäft, ein richtiger Eckladen mit Türe an der Spitze mit drei Stufen und an jeder Seite zwei grossen Fenstern?
Es gibt für mich mehrere Varianten:

Schlimmste Variante: Ein Geldwäsche-Nagelstudio
Die Vision, dass in dem wunderbaren Raum Metalltisch aufgestellt werden, an denen irgendwelche jungen Asiatinnen sitzen, die angeblich auf Kundschaft warten, diese Vision erregt in mir einen derartig grossen Brechreiz, dass ich sie sofort wieder ausblenden muss.

Schlimme Variante: Ein Design- oder Architektur-Büro
Auch hier stelle ich mir Tische vor, aber natürlich Vitra®-Tische an denen Vitra®-Stühle stehen. Darauf sitzen junge, dynamische Menschen, die an wahnsinnig wichtigen und wahnsinnig spannenden und wahnsinnig flotten Projekten arbeiten. Also, man geht davon aus. Denn wissen kann man es nicht – ihre Laptops und Tablets sind stets so gedreht, dass keiner den Bildschirm sieht. Wahrscheinlich gamen die meisten oder sind auf Social Media.

OK-Variante: Ein «Halbjahr-Geschäft»
Ein «Halbjahr-Geschäft» ist ein Laden, der nur ein halbes Jahr existiert. Er verkauft ein hippes Produkt, meist kulinarisch, das man einmal toll findet, aber nicht ein zweites Mal. Das hiesse zum Beispiel: Im August eröffnet dort im Gundeli ein Zutghadsa-Laden. Zutghadsa ist ein kambodschanischer Erdbeer- oder Himbeertee. Ende August explodieren die Likes auf Instagram und anderen Plattformen. Im September ist der Laden immer gerammelt voll. Ab Herbst lässt es nach, im Dezember ist der Laden pleite. 2026 startet der nächste…

Super-Variante: Ein Laden, mit Dingen, die man braucht.
Lederpflegetücher.
Kuchenformen über 32 cm Durchmesser.
Papier mit Notenlinien.
Ersatzbirnen für Ihre Design-Lampe von 2008.
Die Liste liesse sich unendlich fortsetzen, es gibt tausend Dinge, für die man sich die Hacken abläuft, wenn man nicht online bestellen will, wenn man einfach noch Beratung braucht, oder wenn man mehrerer Sachen anschauen will, und zwar live anschauen will, oder wenn man einfach Menschen treffen möchte, die sich auskennen, die Ahnung haben, usw.
Lederpflegetücher gibt es übrigens in Basel nur bei JUMBO®, also im Baumarkt – in der Auto-Abteilung. Kuchenformen gibt es nur über der Grenze, Notenpapier? keine Ahnung, aber für die Glühbirnen, da gibt es eine Adresse: Lampen-Boner, ein Laden, der wirklich noch Ahnung hat, und der in Basel beliebt ist wie kein anderer.

Der Laden «Tutti Frutti» ist Geschichte. Und seine ehemalige Inhaberin, die unvergessene Ingeborg Hermann auch.
Und man kann nur hoffen, dass für das architektonisch wunderbare Geschäft eine tolle Lösung gefunden wurde. 

P.S.: Bevor Sie jetzt wie wild googeln: Boner gibt es wirklich, den Tee gibt es nicht...





 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Dienstag, 8. Juli 2025

Die kleinen hochgestellten Zahlen

Ich stosse auf ein Plakat von SNACKPIRAT, einer Firma, die Sachen für einen Apéro anbietet:

Nussmischung 300g Sfr 4,99
Chips 500g Sfr 3,99
Salzbrezeln 400g Sfr 2,99

Das klingt ja gar nicht schlecht, denke ich, das klingt ja ganz gut, gute Firma und sehr, sehr, sehr moderate Preise, man könnte hier ja nicht nur von «preiswert», sondern sogar von «billig» reden, das klingt ja gar nicht schlecht, denke ich, bis ich die kleinen hochgestellten Zahlen sehe.
Die kleinen hochgestellten Zahlen sind im Verhältnis zu der Schrift so klein, dass sie hier schlicht und einfach nicht sichtbar wären, man spricht ja nicht umsonst vom «Kleingedruckten»; ich vergrössere jetzt hier mal, indem ich angleiche:

Nussmischung 300g Sfr 4,99 1) 2)
Chips 500g Sfr 3,99 2) 3)
Salzbrezeln 400g Sfr 2,99 1) 3)

1) nur solange Vorrat reicht
2) nur in ausgewählten Filialen
3) unverbindliche Preisempfehlung

Im Klartext heisst das: Wenn ich bei mir in der MIGROS Gellert die guten Dinge von SNACKPIRAT suche, dann kann es sein, dass es die Nussmischung gab und sie ist weg, oder es gab sie im Gellert gar nie, die Chips gab es im Gellert auch nie, oder sie kosten 14,99, und die Salzbrezeln sind schon weg, oder sie kosten 12,99.
Alles also riesengrosse Mogelpackungen.

An diese SNACKPIRAT-Produkte muss ich denken, wenn man die Diskussionen in Berlin (und in anderen Hauptstädten) mitbekommt. Man hat das Gefühl, dass hier vor den Wahlen auch Plakate mit winzigen Zahlen aufgehängt werden, Zahlen, die man nicht sieht:

SENKUNG DES STROMPREISES
SENKUNG DES WASSERPREISES
SENKUNG DES GASPREISES

Und wenn man, so wie oben, die Zahlen sichtbar macht, dann kann man die folgende Dinge lesen:

SENKUNG DES STROMPREISES 1) 2)
SENKUNG DES WASSERPREISES 2) 3)
SENKUNG DES GASPREISES 1) 3)

1) gilt nicht ab sofort
2) unter Finanzierungsvorbehalt
3) gilt nur für Unternehmen

Ausgedeutscht:
Der Strompreis sinkt ab 2026 oder 2027, wenn man das Geld im Haushalt findet (also wenn es durch die brummende Wirtschaft irgendwelche Steuern gibt, von denen niemand etwas ahnte). Der Wasserpreis sinkt, wenn man irgendwo Geld auftreibt, von dem man noch nix weiss, und auch dann nicht für Privathaushalte.
Der Gaspreis sinkt ab 2026 oder 2027, aber nur für die Industrie.
Auch hier eine riesengrosse Mogelpackung.

Wahlversprechen sollte man halten, die Bürgerinnen und Bürger werden sonst richtig sauer. Und am besten macht man Wahlversprechen, die einen nichts kosten, den Leuten aber eine ungeheure Erleichterung bringen. Gibt es nicht? Die Hundesteuer wäre hier ein solches Beispiel, sie bringt dem Staat fast nix, manche sagen sogar, sie deckt gerade die Kosten ihrer Erhebung, aber den einsamen Rentner würde es riesig freuen, wenn er für Fifi nichts mehr bezahlen müsste.
Das Stromdings ist nun das genaue Gegenteil: Es entlastet die Haushalte um nur 100 Euro, reisst aber ein Riesenloch in die Staatskasse.
Dennoch:
Wahlversprechen – und seien sie noch so ungeschickt – sollte man halten. Man macht sich sonst sehr unbeliebt.

Ich stosse auf ein Plakat von SNACKPIRAT, einer Firma, die Zeugs für einen Apéro anbietet:
Das klingt ja gar nicht schlecht, denke ich, das klingt ja ganz gut, gute Firma und sehr, sehr, sehr moderate Preise, man könnte hier ja nicht nur von «preiswert», sondern sogar von «billig» reden, das klingt ja gar nicht schlecht, denke ich, bis ich die kleinen hochgestellten Zahlen sehe.
Man spricht ja nicht umsonst vom «Kleingedruckten».

Fanden Sie diesen Text amüsant? Lustig? Belehrend?
Wenn Sie nicht zufrieden sein sollten, lesen Sie doch bitte die Angaben bei den kleinen Zahlen…



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 4. Juli 2025

Die Wissenschaft hat festgestellt...

Immer wenn ich am Morgen die Treppe zu Gleis 10 hinuntersprinte und versuche, mir einen Platz im Zug zu sichern, stelle ich fest, dass die Abteile, die sich vor Abfahrt des Zuges an der Treppe befinden, schon relativ voll sind. Ich muss immer ein wenig durch den Zug laufen, um leere Plätze zu finden.
Ist das normal?

Ein Forscherteam hat sich nun der Sache angenommen. Rund um den Ordinarius für Verkehrsplanung der Universität Erlangen, Prof. Dr. Dr. Hartmut Schöller, hat eine Gruppe von Assistenten, Dozenten, Doktoranden und Diplomanden eine Studie erstellt. Die 700 Seite starke und 3000000 Euro teure Schrift sagt nun ganz klar, dass Passagiere, wenn sie eine Treppe hinunterlaufen, eher sofort in den Zug steigen und dort Abteile belegen, als dass sie noch am Zug entlanggehen.
Für die Studie wurden 70 Tage lang 50 Bahnhöfe beobachtet und dort ca. 10000 Reisende befragt.

Das ist natürlich erfunden und totaler Blödsinn.
Aber gehen wir einmal auf die Metaebene.

Nein, keine Angst, die Metaebene ist nichts Schlimmes, das ist keine Wildnis mit Schlangen oder so eine Hochebene in 6000 Meter Höhe, auch keine Schneewüste oder ein Hitzeplateau, «auf die Metaebene gehen» heisst, wir schauen uns selber beim Diskutieren und Denken zu. Das ist so, wie wenn man aufgrund eines guten Joints sich selbst im Liegestuhl sitzen sieht. Von oben. Nur eben ohne Joint.

Also auf der Metaebene: Sie haben das geglaubt – oder fast geglaubt. Warum haben Sie das geglaubt?
Antwort: Weil diese Studie die 3 Kriterien erfüllt, die für solche Schriften gelten:

Erstens
Sie müssen möglichst teuer und aufwändig sein.
Der Leiter muss auf jeden Fall ein Lehrstuhlinhaber sein, es müssen in der Liste möglichst viele Doktortitel auftauchen und für Hilfsarbeiten werden nur, ausschliesslich und absolut notwendigerweise Menschen im Hauptstudium verwendet. Der Arbeitslose von der Strasse könnte sich ja verzählen oder zwei Daten verwechseln.

Zweitens
Sie müssen das als Ergebnis vorweisen, was jedes Kind schon weiss – oder was so einleuchtend und klar ist, dass niemand daran zweifeln würde. Wenn dann Otto Normalverbraucher oder Ottilie Normalverbraucherin aufmuckt und meint, das sei doch alles völlig klar, ja dann wird die Wissenschafts-Keule herausgeholt und geschrien: «Ja, aber jetzt können wir es endlich wissenschaftlich belegen!»

Drittens
Das Ergebnis muss einen Sachverhalt zeigen, der keinerlei Konsequenzen nach sich zieht und einen Missstand benennen, für den man keine Abhilfe schaffen kann.

Auf unseren fiktiven Fall bezogen hiesse das:
Der Aufwand war riesig, rechnet man pro Bahnhof 3 – 4 wissenschaftliche Mitarbeiter, dann wurden nach Adam Riese zwischen 84000 und 112000 Arbeitsstunden aufgeschrieben (Bahnhöfe mal Tage mal Acht mal Anzahl der Mitarbeiter).
Das Ergebnis ist so klar, dass man schreien könnte: Menschen kommen die Treppe herab und steigen in den Zug, daher füllen sich die Abteile von dort her.
Abhilfe gibt es keine, entweder müsste zu jedem Zugteil eine Treppe führen, oder der Zug müsste ständig seine Position wechseln.

Aber das ist nun leider nicht nur bei fiktiven Beispielen so.
Ich gebe bei Google «Handynutzung Kinder» in die Suchmaschine ein und stosse auf das Ergebnis mehrerer Studien (mehrerer! mehrerer! mehrerer!): Schon Kleinkinder nutzen das Smartphone – und: die Nutzungszeit nimmt mit dem Alter zu. Hätten Sie nicht gedacht, gell? Ich dachte auch immer, dass 15jährige weniger am Handy sind als 5jährige…

Ich erinnere mich an ein Lumpenlied aus Pfadi-Zeiten, das immer noch aktuell scheint:

Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt
Dass Marmelade Fett enthält, Fett enthält.
Drum Essen wir auf jeder Reise, jeder Reise, jeder Reise
Marmelade eimerweise, eimerweise.

(es folgen beliebig viele Strophen mit anderen Substanzen…)

Immer wenn ich am Morgen die Treppe zu Gleis 10 hinuntersprinte und mir versuche, einen Platz im Zug zu sichern, stelle ich fest, dass die Abteile, die sich vor Abfahrt des Zuges an der Treppe befinden, schon relativ voll sind. Ich muss immer ein wenig durch den Zug laufen, um leere Plätze zu finden.
Und das ist ein völlig logischer Sachverhalt.