Freitag, 24. Mai 2024

Südamerika (10): Fazit und Abschluss

So, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Leserinnen und Leser, es ist Zeit, Südamerika abzuschliessen und uns dann wieder aktuellen und wichtigen Themen zuzuwenden.
Immerhin ist doch einiges passiert in der Welt – zum Beispiel hat die neutrale Schweiz non-binär den ESC gewonnen…

Was ist nun das Fazit der Reise? Was habe ich gelernt, erlebt, erfahren? Ich mache das jetzt pädagogisch-didaktisch so geschickt, dass ich an allen Themen noch einmal vorbeikomme. (Dies für die Leserinnen und Leser, die (als Selber-Schreibende) hier vor allem auf der Metaebene lesen.) 

Ich habe endlich einmal wieder eine RICHTIGE Reise gemacht, eine RICHTIGE Reise, zu der langer Flug, Pass, Impfung und Geld wechseln gehört. Und auf dieser RICHTIGEN Reise bin ich insgesamt 22 Stunden (also fast einen ganzen Tag) geflogen, war geimpft, bekam tolle Stempel in meinen Pass und habe Franken in Real und Real in Pesos umgetauscht.

Ich habe mich an der Exaktheit der Brasilianer erfreut, zum Beispiel, wenn im Café mein Brownie auf das Gramm jeden Tag genau abgewogen wurde, und ich nie wusste, ob ich eventuell 7,09 Real zahlen muss – statt 7,08 Real wie gestern. Ich habe mich übrigens dann auch daran gewöhnt, dass diese Exaktheit sich nicht auf solche Dinge wie den Beginn von Veranstaltungen bezieht.

Ich habe erlebt, was für Höllenqualen ein Mensch ohne Akku bekommt und ich habe erlebt, was für ein Glücksgefühl es ist, wenn das Handy wieder funktioniert. Und ich habe auch mitbekommen, dass es Mobilfunkläden und Nagelstudios auf der ganzen Welt auch im kleinsten Ort gibt, im entlegensten Kaff, Handy-Shop und Nails sind schon da.

Ich habe erlebt, was «katholisches Land» heisst: Volle Kirchen, Konzelebration, viel Weihrauch, viel Weihwasser und viel Spiritualität; und ich habe auch erlebt, dass bei vollen Kirchen, Konzelebration, viel Weihrauch, viel Weihwasser und viel Spiritualität natürlich kein Platz für Protestanten ist und zum ersten Mal in meinem Leben musste ich beiseite stehen und durfte nicht kommunizieren.

Ich habe erlebt, wie absurd es ist, tausende Kilometer von Europa entfernt Menschen Deutsch mit Tiroler Akzent zu hören, in einem Hotel mit Holzbalkonen und Fachwerk und Geranien zu logieren und am Abend einen Handorgelspieler beim Schuhplattlermelodienspielen zuzuhören. (Begleitet von seinem Sohn, allerdings dieser auf einem japanischen Klapperinstrument)

Ich habe erlebt, wie schwierig es ist, eine Grenze zwischen zwei Staaten zu überqueren, eine Erfahrung, die man in Europa ja gar nicht mehr machen kann.

Ich habe erlebt, wie unsagbar schwierig, unsagbar kompliziert, unsagbar komplex es ist, Postkarten aus Brasilien oder aus Uruguay nach Deutschland oder in die Schweiz zu schicken.
Die Bilanz ist immer noch die gleiche:
3 Karten sind in der BRD angekommen.
2 Karten sind in der BRD noch nicht angekommen.
1 Karte ist in der Schweiz angekommen.
4 Karten sind in der Schweiz noch nicht angekommen.
Wo sich diese Schriftlichkeiten zurzeit befinden, kann niemand sagen.

Ich habe erlebt, wie lustvoll und lustig man Musik machen kann und soll, und ich habe erlebt, wie ernst Musik auch manchmal sein muss. Das Gleiche gilt für Tanz. Wer nun aber Schuhplattler zelebriert und guckt wie ein Scharfrichter, der macht etwas verkehrt, genauso wie jemand, der Tango tanzt und ständig grinst. Wer bei «Der Tod und das Mädchen» lacht, macht etwas verkehrt, aber bei Operette sollte man fröhlich sein.

Und ich habe erlebt, wie wichtig der Fussball sein kann. Vielleicht werde ich in Zukunft den Jungs und Mädels, die so eifrig dem Ball hinterherlaufen, ein bisschen mehr Respekt entgegenbringen. Zumal einer der YBler, der gerade CH-Meister wurde, ein ehemaliger Schüler von mir ist…

So.
Das war das Fazit, mit dem wir alles noch einmal repetierten.
Sie können die Metaebene jetzt verlassen.

Freundinnen und Freunde, Leserinnen und Leser, es war Zeit, Südamerika abzuschliessen und uns dann wieder aktuellen und wichtigen Themen zuzuwenden.
Immerhin ist doch einiges passiert in der Welt – zum Beispiel hat die neutrale Schweiz non-binär den ESC gewonnen…

















 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 21. Mai 2024

Südamerika (9): Der Fussball

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an einer Stadtrundfahrt teilnehmen werde, bei der zweimal ausgestiegen wurde, um Fussballstadien anzuschauen. Aber tatsächlich war das so: In Buenos Aires schauten wir (von aussen) auf das Stadion River Plate und auf das Stadion La Boca – und meine Jungs deckten sich in den Fanshops mit den entsprechenden T-Shirts ein. Ich hätte nie gedacht, dass das passiert, aber es geschah.

Denn Fussball ist wichtig in Brasilien, Uruguay und Argentinien.

Ich bin ja kein grosser Fussballfan, ich denke, das hat sich schon herumgesprochen. An der Zahl der Posts, in denen «Fussball» vorkommt, ist das nicht abzulesen, das sind nämlich erstaunlich viele, aber dennoch: Fussball interessiert mich nicht besonders. Natürlich freue ich mich aus Lokalpatriotismus, wenn der FCB Tore schiesst, und ich freue mich aus Heimatpatriotismus, wenn Stuttgart in der Ersten Bundesliga bleibt, aber wirklich, ganz wirklich habe ich nie verstanden, warum 20 Männer (oder Frauen) hinter einem Ball herrennen, wo doch jeder (oder jede) einen haben könnte.

Dass aber Fussball wichtig ist in Brasilien, Uruguay und Argentinien, das war mir dennoch sicher klar.

Die Brasilianer haben mich mit ihrer Ballakrobatik immer fasziniert, aber vielleicht eben weil sie so un-fussballerisch spielen, so ballettös, so – jetzt sind wir mal ganz unwoke – schwul. Wie die mit dem Ball jonglieren, wie er vorne und hinten bei ihnen herunterrollt, wie das tanzt auf dem Fuss und wieder in die Luft fliegt, wie beim ganzen Jonglieren und Tanzen es völlig unerheblich scheint, ob man Tore schiesst, und wie man trotz (und wegen!) der Ballakrobatik dann doch ganze viele Goals erzielt, das hat etwas Wunderbares.

Ja, und Argentinien ist mir natürlich als Austragungsort im Gedächtnis.
Immerhin war da 1978 die WM, und die deutschen Jungs sangen – mit Udo Jürgens! – den Song «Buenos Dias, Argentina», und die wenigstens wagten leise, ganz leise, ganz piano zu sagen, dass man ja eigentlich eine Militärdiktatur nicht unterstützen sollte, ganz wenige flüsterten das (und kamen gegen den Song «Buenos Dias» nicht an).
Ich wurde ganz stark an das erinnert, denn wir waren ja nicht nur an zwei Stadien, sondern auch auf der Plaza de Mayo, auf dem die Frauen schweigend ihre Schilder hochhielten, die Schilder mit den Bildern der Männer, den Ehegatten, Söhnen, Brüdern, Enkeln, schweigend, aber doch stumm schreiend: Wo sind sie? Auf dieser Plaza standen wir ja auch…

Und dann hiess es, dass Sport immer unpolitisch sei, und dass man deshalb eben fahren würde, Udo und die Elf und der Song hatten das ja schon klargemacht.
Dass dann nur zwei Jahre, nur 24 Monate später, dass nach nur 104 Wochen der Spruch nicht mehr galt und Olympia in Russland selbstverständlich boykottiert wurde, das gehört zu den sehr ironischen Sachen.

Aber ich bin völlig abgeschweift, wir waren ja in Buenos Aires, wir waren im Stadion der Reichen, im River Plate und im Stadion der Armen, in La Boca.
Ich bin ja generell kein Fussballfan – ich erwähnte es – und so musste ich mir am Morgen noch einmal die wichtigen Stars in Erinnerung rufen, um keine Fehler zu machen, und vor allem musste ich mein Wissen kontrollieren:
Neymar
Messi
Maradona
Pelé
Zum Glück habe ich alle die Herren noch einmal auf Wikipedia nachgeschlagen.
Neymar ist Brasilianer, also ganz pfui, ganz out, ganz böse und wird auf einer argentinischen Tour verschwiegen, bitte schön.
Messi ist Argentinier und wäre Präsident, wenn er kandidieren würde. Von tausenden Wänden prangt sein Bild und alle beten ihn an.
Maradona steht kurz vor seiner Seligsprechung, wenn nicht sogar Heiligsprechung, man versucht das durchzusetzen, solange ein Argentinier (!) Papst ist.
Pelé wiederum war Brasilianer, also ganz pfui, ganz out, ganz böse und wird auf einer argentinischen Tour verschwiegen, bitte schön.
Man kann das sich so merken: Die mit «m» sind die Guten.
Mir blieb also der grosse Fettnapf erspart.

Ich bin ja kein riesiger Fussballfan, ich denke, das hat sich herumgesprochen.
Natürlich freue ich mich aus Lokalpatriotismus, wenn der FCB Tore schiesst, ich freue mich aus Heimatpatriotismus, wenn Stuttgart in der Ersten Liga bleibt, aber ich habe nie verstanden, warum 20 Männer (oder Frauen) hinter einem Ball herrennen.
Und ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an einer Stadtrundfahrt teilnehmen werde, bei der zweimal Halt gemacht wurde, um Stadien anzuschauen. Aber tatsächlich war das so: In Buenos Aires schauten wir (von aussen) auf das Stadion River Plate und auf das Stadion La Boca – und meine Jungs deckten sich in den Fanshops mit bunten Shirts ein. Ich hätte nie gedacht, dass das passiert, aber es geschah.

Freitag, 17. Mai 2024

Südamerika (8): Musik machen - lustvoll oder lustlos

 
Musik macht Freude, wir hatten bei jedem Konzert viel Spass.

Das ist jetzt ein Satz, den ich nur mit grosser Vorsicht sagen und schreiben kann. Schon im Normalfall muss man ja als Musiker immer wieder darlegen, dass man für seine Kunst Geld braucht und Geld möchte. Niemand würde sich für seinen Geburtstag ein Catering bestellen und dann mit dem Hinweis, der Koch habe doch sicher Freude an seiner Kocherei und ihm würde das Herstellen von Suppen und Saucen doch Spass machen, den Preis, den man für Suppen und Saucen bezahlt, zu drücken. Aber genau mit dem Spass und Freude-Argument wird dann dem Pianisten der gerechte Lohn verweigert. (Denn von den 5000,-- Budget sind nur noch 200,-- übrig, weil das Catering fair bezahlt wird…)
Im Falle einer Tournee ist die ganze Sache noch heikler. Ich musste immer wieder – vor allem meinen Schülern – erklären, dass ich keine Ferien gemacht habe. Konzerte, Stellproben, Üben, Trainieren, all das ist hart und langwierig, auch wenn es im Ergebnis dann lustig und lustvoll war.

Musik macht Freude, wir hatten bei jedem Konzert viel Spass.
Eines unserer lustvollsten Lieder waren die «Tres Cantos», die Knaben begannen mit imitierten Vogelstimmen, dann summten die Männer einen Basston und die Buben starteten mit «Kikiki Korirare».
Witzigerweise, ironischerweise klingt «Kikiki Korirare» fast genauso wie «Kokiriko». Sie erinnern sich: Das japanische Domino-Schlag-Ding wurde von einem Buben in der Bierbeiz in Dreizehnlinden gespielt.
Und genauso lustvoll wie unsere Buben ihr «Kikiki Korirare» schmetterten, genauso lustlos spielte der Bub dort sein Kokiriko. Sie müssen sich das vorstellen: Da sitzen Vater und Sohn in der lustigen Tiroler Bierkneipe, umgeben von fröhlichen und frohsinnigen Biertrinkern, und sie spielen lüpfige Weisen im Viervierteltakt, der eine mit dem Akkordeon und der andere mit dem Kokiriko:

Dididi da da da
Dididi da da da
Didida Didida
Dididi da da

Jedenfalls, der Bub sah aus, als ob ihm ein Messer in den Rücken gehalten würde, als ob der Vater ihn zwänge, als ob er völlig verzweifelt sei. Und eigentlich hätte er doch lustig und lustvoll schauen müssen. Unser brasilianischer Reisebegleiter erklärte mir dann, dass das Duo wirklich für Geld spiele und der Sohn quasi zur Kinderarbeit gezwungen würde. Und daher eben nicht fröhlich gucke.

Unsere Männerstimmen erlösten dann den Jungen, indem sie ein «O Lux Beata» anstimmten. Als dem Lux noch das Lied vom Fährimaa und «Hinter em Minschder» folgten, war klar, dass die KKB jetzt den Abend bestreitet und Vater und Sohn heim dürfen und trotzdem ihr Geld bekommen…
Natürlich sangen unsere Tenöre und Bässe «O Lux Beata», das Lied vom Fährimaa und «Hinter em Minschder» lustig, fröhlich und lustvoll.

Musik macht Freude. Auch Tanzen macht Freude. Und wir hatten etliche Lieder mit rasanter und schwungvoller Choreographie im Gepäck, und bei den «Tres Cantos» ging genauso die Post ab wie bei «He Lives in You» oder einem Bollywood-Chorstück.

Umso erstaunter waren einige meiner Jungs, als wir Tangotänzer in Buenos Aires erlebten. Auf einem lauschigen Platz in San Telmo, dem historischen Quartier wechselten sich zwei Paare beim Tanzen ab, die Herren im Anzug und mit viel, viel, viel Pomade im Haar, die Damen im engen roten Kleid (die eine) oder im engen grünen (die andere). Die Leute taten das sehr professionell und aber auch als Profession – nach dem Tanzen liefen sie mit dem Hut umher, um Geld zu bekommen.
Meine Jungs waren nun erstaunt, dass diese Tänzer überhaupt nicht fröhlich aussahen.
Ich musste ihnen sage, dass eben Tangotänzerinnen und Tangotänzer nicht lustig oder fröhlich aussehen, niemand lächelt oder grinst, niemand strahlt, niemand zieht die Mundwinkel nach oben, nein, man ist ernst und seriös und konzentriert, und das macht eben den Reiz des Tangos aus.
Hocherotisch – aber nicht funny.
Gespannt körperlich – aber nicht einfach happy.
So muss Tango sein.

Am letzten Tag durften wir in unserer «Stammkneipe» noch einmal Vater und Sohn erleben – natürlich einen ANDEREN Vater und einen ANDEREN Sohn. Dieses Mal sang der Sohn, der Vater begleitete; und obwohl der Sohn eher düstere Lieder sang, merkte man doch, dass auch er nicht glücklich war. Leider gab es hier keine Möglichkeit für «O Lux Beata», für das Lied vom Fährimaa und «Hinter em Minschder».
Der Bub blieb unerlöst.

Musik macht Freude.
Tanzen macht Freude.
Und wir durften beides ausgiebig tun. Und wenn jemand meint, ich sei DESHALB im Urlaub gewesen:
Sei es drum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Dienstag, 14. Mai 2024

Südamerika (7): Die Postkarten


Ach ja, die Postkarten. Davon wollte ich Ihnen ja noch ausführlich erzählen.
Aber um gleich die brennendste Frage zu beantworten: Ein Teil der Karten ist angekommen, ein Teil nicht.
Aber noch einmal der Reihe nach:

Ich fand die Postkarten in einem der (schrecklichen) Souvenirläden, die sich in der «Villa Germanica» in Blumenau disneylandmässig aneinanderreihen. Es waren keine schöne Karten, teils sehr 80er, teils 90er, teils viergeteilt, teils mit grauslicher Schrift versehen, teils vergilbt. Aber: Es waren Karten. In einem Laden hatte mir eine Dame erklärt, dass man mit dem Handy Fotos verschicken könne, so nach dem Motto «Wer nach Postkarten fragt, der hat sicher keine Ahnung von digitaler Technik.» Was nicht stimmt, denn mit fast sämtlichen Postkarten-Empfängerinnen und Postkarten-Empfängern bin ich auch SMSig oder WhatsAppig unterwegs. Und dennoch hatten sich die Herren und Damen Karten gewünscht.
Was es in dem Laden nicht gab, waren Briefmarken.

Geschrieben wurden die Karten dann in Barra da Lagoa am Meer. Warum? Einfach, weil man für Postkarten ein bisschen Ferienstimmung und Musse braucht. Und erst an den zwei wohlverdienten zwei Tagen am Strand hatte ich das Feeling und die Konzentration. Es ist ja viel einfacher eine Urlaubskarte zu schreiben, wenn man auf dem Balkon sitzt und der Rücken schon ein wenig strandgerötet ist, wenn man die Wellen im Ohr hat und ein kühles Getränk vor sich, als wenn man im Bus oder beim Abendessen oder gar beim Einsingen schreibt.

In Barra da Lagoa also, ich schrieb die zehn (!) Karten in einem Rutsch, fünf nach Deutschland und fünf in die Schweiz, darunter eine an meinen Partner, meinen Ex-Partner und meinen Erzengel (fast hätte ich Ex-Engel geschrieben…)
Zehn Karten also, für die ich nun Briefmarken brauchte.

Die Suche nach den Briefmarken gestaltete sich noch schwieriger als die Suche nach Karten. Also, nein, eigentlich war es ganz einfach, als ich es – nach x Nachfragen in diversen Geschäften verstand: Es gibt gar keine Marken und keine Briefkästen, die Briefe und Karten werden direkt im Postamt gestempelt. Hier war aber das nächste Correo (bitte das Wort merken) 6 Kilometer entfernt.

Also nicht Barra, auch nicht Porto Alegre, es war dann schon in Uruguay.
Als wir um 19.00 in Montevideo ankamen (wegen Stunden an der Grenze, Sie erinnern sich…) glaubte ich, im grössten Glück zu sein. Die Verteilung auf die Gastfamilien war direkt neben einem riesengrossen Verkehrs- und Einkaufszentrum, dieses hatte ein Correo und jenes Correo hatte bis 20.00 auf. Ich erbat mir eine halbe Stunde von meinem Reiseleiter, und diese Frist wurde mir auch gewährt.
Aber ach!
Aber ach!
Vor dem Schalter (es gab nur einen) war eine Schlange von zehn Menschen und der Mensch am Counter schien ein echtes Problem zu haben, ich verstand zwar die Verhandlungen nicht, aber allein vom Tonfall war es Problem ähnlich einem Gebietskonflikt zwischen zwei Staaten oder einer Scheidung.
Aus der Traum. In 30 Minuten nicht zu schaffen.

Am nächsten Tag war das Programm «Stadtrundgang für die Kleinen – Treffen mit den Grossen im Park – nochmal Gruppenausgang und dann Bustransfer zum Konzertort» geplant. Beim Stadtrundgang – so dachte ich – muss man doch an einem Correo vorbeikommen.
Fehlanzeige.
Im Park dann fasste ich mir ein Herz und sprach den Chorleiter des dortigen Chores an und klagte mein Leid. Er versprach mir, meine Postkarten an einem der nächsten Tage zu einem Correo zu bringen. Ich umarmte ihn und war glücklich.
Der Treffpunkt nach dem Gruppenausgang – oh Ironie des Schicksals! oh Ironie des Schicksals! – war dann übrigens direkt vor einem Correo, aber nun hatte ich ein Postamt, aber keine Karten mehr.

So weit, so gut.
Das war am 8. April.
Am 16. April wurden dann die Karten im Correo abgestempelt.
Am 27. April erreichten drei Karten Menschen in Freiburg und Berlin.
Am 5. Mai erreichte eine Karte eine Frau in Biel (Kanton Bern).
Weitere Informationen haben wir noch nicht. Die 4 Karten nach Basel, eine Karte ins Westfälische und eine nach Sachsen sind noch ausstehend.

Es stellen sich nun mehrere Fragen:
Wieso braucht man eine Woche, um Postkarten abzustempeln? Und das frage ich jetzt rein interessemässig, gar nicht im Tonfall «diese Südamerikaner», für jeden Deutschen ist das ja verständlich, wenn man in der BRD 20 Jahre für einen Flughafen, 25 Jahre für einen Konzertsaal und 30 Jahre für einen Bahnhof braucht, dann hat man für solche kleine Schwankungen ja Verständnis.
Was hat man eine Woche lang mit den Karten gemacht? Wurden Sie irgendwelchen Geheimdiensten vorgelegt? Auf Codes untersucht? Wurden Sie kriminaltechnisch unter die Lupe genommen?
Warum reisten die Postkarten nicht gemeinsam? Wäre es nicht logisch gewesen, den ganzen Stapel per Flug zum Rhein-Main-Airport zu bringen und von dort zu verteilen?
Alle diese Fragen werden wir nicht lösen können…

Ja, die Postkarten. Bis die letzte ankommt, wird das ein Thema bleiben. Auf jeden Fall durfte ich das Wort «Correo» irgendwann nicht mehr sagen, weil meine Mitreisenden die Augen verdrehten und Stöhnanfälle bekamen.









Freitag, 10. Mai 2024

Südamerika (6): An der Grenze

Ich habe den ersten der Südamerika-Posts mit der frechen Bemerkung begonnen, zu einer «richtigen» Reise gehörten Pass, Impfung, Geld wechseln und Flug.
Und jetzt muss ich noch eines dazufügen: Zu einer «richtigen» Reise gehörten Pass, Impfung, Geld wechseln, Flug und ein komplizierter, langer, langwieriger und langweiliger Grenzübertritt. Und einen solchen komplizierten, langen, langwierigen und langweiligen Grenzübertritt hatten wir in Chuí, an der Grenze zwischen Brasilien und Uruguay.

«in Chuí», das ist jetzt eigentlich falsch, denn die Grenze verläuft durch den Ort, es gibt also ein brasilianisches und ein uruguayisches Chuí, man kann einfach so vom einen Staat in den anderen laufen, in Brasilien einen Kaffee holen und in Uruguay den Kuchen dazu, oder auch umgekehrt, in Uruguay den Espresso und in Brasilien einen Brownie. Da man aber mit dem Reisecar kommt, kommt man auf der Autostrasse, und bei der Autostrasse ist nun die Zollstation und an dieser Zollstation kommt es zu dem komplizierten, langen, langwierigen und langweiligen Grenzübertritt.

Morgens um 6.00 erreichten wir die Betongebäude und erste, was wir sahen, waren Hunde. Wilde Hunde. Ca. dreissig zottige und ungepflegte Viecher trotteten über das Gelände und erinnerten mich daran, dass ich natürlich meine Gelbfieber-Impfung absolviert, ohne diese hätten mich die Uruguayer gar nicht ins Land gelassen, aber eine Tollwut-Vakzination für nicht notwendig erachtet hatte. Die Köter entpuppten sich aber als völlig harmlos, ich liess sie in Ruhe und sie liessen mich in Ruhe, ich wäre sicher nicht auf die Idee gekommen sie anzufassen oder zu streicheln.

Was taten diese Gestalten an der Grenze? Wir konnten uns ihre Anwesenheit nur so erklären: Immer wieder – so dachten wir – wird Leuten die Einfuhr von Lebensmitteln untersagt. Was tun dann die Menschen mit Fleisch, Wurst, Kartoffeln oder Brot? Richtig. Sie schmeissen Fleisch, Wurst, Kartoffeln oder Brot weg. In Container an der Grenze. Und das hat sich unter den wilden Hunden herumgesprochen. Wo Grenze, da Fressen. Also sind sie an der Grenze.

An dieser Grenze in (beziehungsweise vor) Chuí, umgeben von wilden Hunden, die enttäuscht waren, dass wir eben kein Fleisch, keine Wurst, keine Kartoffeln und kein Brot dabeihatten, erfuhren wir, dass jeder von uns ein elektronisches Einreiseformular ausfüllen musste. Diese Formulare mussten dann als PDF der Behörde übermittelt werden, und erst wenn das geschehen sei, dann dürften unsere Chauffeure mit den eigentlichen Pässen in eines der Gebäude. Also sassen wir alle auf dem Boden in der Morgensonne und tippten in unsere Smartphones, umgeben von wilden Hunden, die – wie gesagt – enttäuscht waren, weil Fleisch, Wurst, Kartoffeln oder Brot nicht gereicht wurde.

Dann hiess es warten, warten, warten, warten. Wir vertrieben uns die Wartezeit mit Spielen im Kreis, «Faul Ei», «Karate-Kid» und «Ha-He-Hu», aber auch «Faul Ei», «Karate-Kid» und «Ha-He-Hu» konnten nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass es doch vier Stunden wurden.
Auf der anderen Seite, also südlich von Chuí, waren es dann noch einmal eineinhalb.

Ich glaube, ein Starbucks oder eine Espressobar, irgendein Kaffee-Dingsbums, irgendein Koffeinladen hätte ein Vermögen mit uns gemacht. Egal, ob nördlich von Chuí in Brasilien oder südlich davon in Uruguay, für Espresso und Kaffee hätten wir viel Real hingeblättert, wir brauchten sie ja jetzt eh nicht mehr. Und wenn der Starbucks, die Espressobar, das Kaffee-Dingsbums, der Koffeinladen auch noch Schokolade und Chips für die Kleinen gehabt hätte, dann hätten die Besitzer noch das Dreifache verdient.
Aber da war nichts. Gar nichts.

Es stellte sich nun die Frage, warum das alles so schwierig war.
An der Grenze sitzend, den Jungs zuschauend, wie sie «Faul Ei», «Karate-Kid» und «Ha-He-Hu» spielten, den Hunden zusehend, und es schade findend, dass ich keine Esswaren dabeihatte und nach einem Kaffee lechzend, stellte ich mir die Fragen:
Sind die beiden Länder im Krieg, wenn alles so kompliziert ist?
Oder hassen sie sich wenigstens ganz, ganz, ganz fest?
Warum gibt es keinen So-ähnlich-wie-Schengen-Dublin-Raum?
Kamen andere Grenzüberschreiter besser voran?
Und, wenn ja, was war an uns so verdächtig?

Die Antworten sind übrigens verblüffend:
Die beiden Länder sind nicht verfeindet, sie haben sich gern, sie arbeiten zusammen, sie sind sogar Mitglieder des gleichen Wirtschaftsraumes, dieser Raum, der Mercosur, zu dem Brasilien, Argentinien, Bolivien, Uru- und Paraguay gehören, ist allerdings weit von einem zollschrankenfreien Gebiet wie Europa entfernt.
Ja, andere Autos kamen schneller durch, es war das Alter unserer Leute, was scheints genaue Kontrolle nötig machte, wir hätten ja Kinderhändler sein können, die gekidnappte Jungs im anderen Land als Schornsteinfeger verkaufen – haben wir Schweizer ja Übung drin.

Ich habe den ersten der Südamerika-Posts mit der frechen Bemerkung begonnen, zu einer «richtigen» Reise gehörten Pass, Impfung, Geld wechseln und Flug.
Jetzt haben wir gelernt: Zu einer «richtigen» Reise gehörten Pass, Impfung, Geld wechseln, Flug und ein komplizierter, langer, langwieriger und langweiliger Grenzübertritt.
Und einen solchen hatten wir zwischen Brasilien und Uruguay.