Freitag, 18. September 2015

Nachträglich: Gratulation, Lisbeth!!!


Lisbeth, du altes Haus!

Du hast es geschafft! Du hast die alte Victoria überrundet und den neuen Sesselkleberrekord aufgestellt! Pardon: Thronkleberrekord. So lange wie du war noch kein Englischer König, keine Britische Monarchin im Amt.
Wir spielen – nachträglich, sorry, Mam – das Trumpet Voluntary für dich:
Daa daa dada di dam dam…

Nochmals Entschuldigung, wir sind zu spät dran, aber sicher hast du viele Gratulationen erhalten, und sicher viele von deinen Freunden der ISCS, der International Society of Chair Stickers, die ja immerhin Leute wie Helmut Kohl, Helmut Rilling beheimatet, ja, und Johannes Paul II war auch dabei, aber der konnte dir nur von Wolke 67 gratulieren.
Ja, nun hast du es geschafft, 63 Jahre und weit über 216 Tage bist du auf dem Thron, während die olle Vicky es eben nur auf 63 Jahre und 216 Tage brachte.
Ein Rule Britannia für dich:
Rule, Britannia! Britannia rule the waves…

Erinnerst du dich eigentlich an deinen Besuch in Baden-Württemberg 1965? Als du, pferdemanisch wie du bist, in das Landesgestüt Marbach bei Urach wolltest und nur „Marbach“ geschrieben hattest und man dich durch die Schillerstadt führte und du nach 2 Stunden Geburtshaus, Archiv und Glocke und Räuber die Worte sprachst: „Very nice, but where are the horses?“ Erinnerst du dich daran, dass du die Schwarenbergstrasse in Stuttgart hochfuhrst und dir von einem Fenster ein unglaublich hübscher, ja fast adonishafter Knabe zuwinkte? Ja?
Das war ich, Lizzy, das war ich, ich der dir heute das Trio von Pomp and Circumstance anstimmt:
Land ohof Hope and Gloooohohohory…

Jetzt aber mal noch ein ernstes Wort:
Wie lange willst du eigentlich auf deinem Thron noch kleben? Guck mal, als du den Thron bestiegst, da war in den Niederlanden noch die olle Juliana am Ruder, und die gab die Krone an ihre Tochter Bea weiter, das war 1980, und jetzt regiert schon der Sohn mit seiner Maximalen Gattin, und auch er wird irgendwann seinem Sohn das Zepter geben, und wahrscheinlich bist du dann ca. 115 und regierst immer noch.
Klar, wir wissen, du willst nicht, dass Charliemann King wird, der müsste verzichten, dann würdest du sofort abdanken und William bestiege den Thron. Aber du hast doch sicher Shakespeare gelesen? Erinnere dich, wie elegant und einfach das bei Henry III, IV und X, bei Richard VI, VII und XV funktionierte. Hast du dir nie überlegt, warum Heinrich und Richard, III, IV, V oder auch X und XII eben keine 63 Jahre auf dem Thron waren? Eben, weil man da nachgeholfen hat. Gut, in der Guten Alten Zeit stand der King über dem Law, aber man muss sich ja nicht erwischen lassen.
Stelle dir vor, Charlies Ross scheut und wirft ihn ab und trampelt über ihn drüber. Niemand wird die zwei schwarzgekleideten Männer gesehen haben, die das Pferd erschreckten. Und niemand wird die Verbindung über 15 Ecken der zwei Blackman zu dir nachvollziehen können.

Stelle dir vor, der Skisesselliftbügel kracht einmal und Charles kracht ziemlich unsanft in die weissverschneite Schlucht. Auch hier wird niemand die zwei Schwarzen gesehen haben, die am Abend vorher ein bisschen an der Halterung rumgeschraubt haben. Und auch hier wird niemand auf dich kommen.

Stelle dir vor, eine OP verläuft wegen Komplikationen letal, und wieder weiss niemand, dass die beiden Aushilfs-OP-Pfleger unter ihrem Grünkittel eigentlich schwarz tragen. Und niemand wird draufkommen, dass sie die Söhne des Cousins der Frau des Butlers von Lord Malcom sind, der als Sekretär für den Obermeister deiner Mutter gearbeitet hat…
So hat man es früher gemacht.
So sind Henry III, IV und XX, Richard II, IX und XI auf den Thron (und auch wieder runter davon) gekommen.
Schlag nach bei Shakespeare!

So, aber das ist deine Entscheidung. Vielleicht wirst du ja 110 und überlebst deinen Sohn, wer weiss. Deine Mutter wurde ja auch steinalt. Aber dann musst du jetzt auch zu dem Mittel greifen, das Queen Elizabeth The Queen Mum so lange leben liess:
Gin.
Mehr Gin trinken.

In diesem Sinne: 
Wir stehen jetzt auf. 
(Die Leser ausserhalb des UK. Die Briten stehen schon seit Rule Britannia.)
Da – da – da – daaaa – dam – da
Da – da – da – daaaa – dam – da
Didada – dam – dada - daaaaaa

Montag, 14. September 2015

Robotik III: Der Notizroboter

Da der Writing Robot WR 3p293746ss erst 2017 auf den Markt kommt, ich aber vor allem bei einer Sache Hilfe benötige, nämlich beim ständigen Verfassen von Texten, von Klausuren, Arbeitsblättern und Skripten, von Posts und Protokollen und Probenplänen, habe ich mir den von Kushimoto im letzten Jahr entwickelten Notizroboter NR 7d325765qq zugelegt.

Der NR 7d325765qq watschelt den ganzen Tag neben einem her und notiert, d.h. er hat ein zu 100% funktionierendes Spracherkennungsprogramm und wandelt dann die Sounddateien permanent in Textdateien um. Am Abend druckt er einem die Elogen eines Tages aus und überreicht sie feierlich, wodurch kein Bonmot, kein guter Satz, keine Formulierung, keine Idee verloren geht. Man ist durch den NR 7d325765qq in der gleichen Lage wie die Fürsten und Könige vergangener Zeiten, die ja auch ihre Permanentschreiber hatten, praktisch für die, die wie z.B. Carolus Magnus illiterat waren. Der Noticing Robot ist also der Eckermann unter den Maschinen.

Ich verbringe den ersten Tag mit meinem Notizdiener. Gut, es ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn die ganze Zeit so ein Blechkasten neben einem sitzt, steht oder läuft, es ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man keinen Schritt machen kann, ohne dass das Ding neben einem watschelt, auch meine Schüler müssen sich erst an NR 7d325765qq gewöhnen, finden ihn aber dann „saucool“ oder „saugeil“. Am Abend bekomme ich ein 65 Seiten umfassendes Dossier. Wild stürze ich mich auf meine Ergüsse und bin so enttäuscht, dass ich den ganzen Sermon sofort entsorge: Ich habe praktisch nur Stuss geredet. Ich hatte gar nicht geahnt, welche Flut von Blödsinn, von Widersinn und Trash, welche Masse von geballtem Nonsens meine armen Eleven jeden Tag ertragen müssen. (Max Reger kommt mir in den Sinn, der einmal gesagt haben soll: „Die Stunde, die ich jetzt geben werde, möchte ich nicht bekommen.“)

Den zweiten Tag ändere ich meine Strategie: NR 7d325765qq wird nur noch angeschaltet, wenn ich wirklich etwas Hörens- und Lesenswertes zum Besten gebe, der Quatsch, den ich spontan während der Lektionen rede, fällt ebenso weg wie alle Äusserungen à la Einen doppelten Espresso bitte oder Entschuldigung, ich müsste mal durch, denn das hat das Kerlchen ja auch notiert, ganz zu schweigen von einseitigen Telefonmitschnitten. (Ja –Ja – Ja – Ja …).

Am Abend freue ich mich auf die nette böse Geschichte, die mir beim Lunch einfiel und die ich NR sofort diktiert hatte. Ich muss natürlich wissen, ob sie wirklich so gut ist, wie ich sie erinnere, vielleicht ist sie ja auch Trash wie die 65 Seiten vom Vortag. Ich lese:
Die Schwarzbäuerin trat an einem Sommermorgen …
Verdammt, da habe ich „aus“ gesagt, natürlich war der 7d325765qq so brav und hat sich abgeschaltet. Also keine Sätze mehr mit diesem Wort? Sicher nicht, stellen Sie sich vor, Paul Gerhard hätte so ein Teil gehabt, und das schöne Lied Geh aus, mein Herz und suche Freud wäre nie entstanden. Ich lese noch einmal die Gebrauchsanweisung und stelle fest, dass man Phantasiewörter eingeben kann. Gut, am nächsten Tag wird der NR bei Friebel angehen und sich bei Biff abschalten (Beide Wörter sind dem Jaberwocky aus Alice in Wonderland in der Übertragung von Christian Enzensberger entlehnt.)

Am Abend des dritten Tages halte ich nun 7 Seiten in der Hand, die ausschliesslich meine Bonmots, meine guten Formulierungen, meine lesenswerten Sätze, meine Ideen, Gedanken, mein Tageswerk enthalten.
Enthalten sollen!
Enthalten sollen!
Denn trotz strenger Auslese, trotz permanentem Friebel und Biff ist nichts darunter, was man wirklich aufgeschrieben hätte haben wollen.

Die Sache funktioniert nicht.
Ein guter Gedanke kommt zustande, indem man ihn im Hirn wälzt und ändert, ändert und wälzt und dann aufschreibt.
Ich frage mich allerdings, wieso sie beim Geheimrat geklappt hat. Oder war es vielleicht so, dass der gute Eckermann ein riesiges Schlitzohr war und beim angeblichen Notieren nur Luftbewegungen gemacht hat. Und dann Eigenes aufgeschrieben, und weil Goethe die ganze Zeit delirisch quasselte, dachte er 
Alles Vergängliche 
Ist nur ein Gleichnis
und 
Über allen Gipfeln ist Ruh
In allen Wipfeln spürest du
Kaum einen Hauch
sei von ihm. 

Also wird NR 7d325765qq entsorgt, wie auch seine Kollegen.
Vielleicht ist das eh Quatsch mit den Robots: Das wirklich Schöne will man ihnen nicht überlassen, Sachen wie Sex, Schwimmen, In-der-Sonne-Liegen, Waldspaziergänge und gutes Essen. Das wirklich Blöde KÖNNEN sie einem nicht abnehmen: Zahnarzt, EKGs, Operationen und Magenspiegelungen.
Der Rest, Dinge wie Putzen, Kommunikation, Blumen giessen und Fenster putzen kriegt man irgendwie hin.


Freitag, 11. September 2015

Robotik II: Security gegen Kitchen gegen Cleaning

Ich bin ein totaler Roboter-Freak. Mich fasziniert die Präzision und die Eleganz, mit der diese technischen Helferlein unser Leben bereichern, verschönern, uns helfen und dienen. Daher habe ich auch seit 2013 einen japanischen Putzroboter, den Cleaning Robot CR 7dd546309xx der Firma Kushimoto. Wenn Sie jetzt denken, dass sei so eine dicke Scheibe, die auf dem Boden herumkriecht und herumsaugt, und dreizehn Stunden Zeit benötigt, bis sie durch Zufall alle Staubflocken aufgelesen hat, dann täuschen sie sich gewaltig. Der CS 7dd546309xx hat den gesamten Grundriss, aber auch die dreidimensionalen Gegebenheiten meiner Wohnung einprogrammiert und kann alles, was eine gute Putzfrau (oder Putzmann) auch könnte: Er entstaubt nicht nur alle Böden, nein, er pflegt sie auch ein, er reinigt Küchenarbeitsflächen, Waschbecken, Toiletten und Kühlschränke, er kann Fenster putzen und Türen abwaschen. Seit ich ihn auf der CEBIT entdeckt und sofort bei Kushimoto bestellt habe, ist er aus meinem Haushalt nicht mehr wegzudenken.

Nun hatte ich neulich den schrecklichen Gedanken, bei mir könnte eingebrochen werden. Dieser Gedanke ist zwar eigentlich absurd, weil es bei mir nichts zu holen gibt, aber wissen das die Einbrecher? Dass alle meine Schubladen aufgerissen, meine Kleider durchwühlt, dass mein Sofa umgeworfen und die Bilder (Safe dahinter?) abgehängt werden könnten, raubte mir den Schlaf. Was mir den Schlaf wieder schenkte, war eine Mail von Kushimoto, die mir kündete, dass nun endlich der Sicherheitsroboter, der Security Robot SR 8ee672956yy auf dem Markt sei. Ich bestellte sofort.

Nun sass ich 2014 an einem lauen Abend im Gartenbereich meines Lieblingsitalieners da Luigi, als ich zwischen Antipasti misti und dem Primo (Linguine al Salmone) eine SMS von meinem SR bekam:
dieb gefasst
bitte um instruktionen
Ich überlegte kurz und schrieb zurück:
dieb gefasst halten
komme um 22.00
Wer Luigis Linguine al Salmone kennt, weiss, dass ich so handeln musste, zumal ja noch ein Secondo, sein unvergleichliches Pollo con Rosmarino, auf mich wartete. Leider kam es nicht dazu. Ich hatte gerade meine Nudeln mit Parmigiano bestreut, die Gabel  fast am Mund, da erschien eine zweite SMS auf dem Display meines Handys:
hilfe hilfe hilfe
SOS
bin bewegungsunfähig
Sie war von meinem CR. Mir schwante sehr Übles, so dass ich blutenden Herzens die Linguine stehen liess, das Pollo abbestellte und nervös und hungrig nach Hause eilte.

Dort bot sich mir das befürchtete Bild: Der SR 8ee672956yy sass rittlings auf dem CR 7dd546309xx. Fast sah es so aus, als hätten die beiden die Freuden des Analsexes entdeckt, aber das war ja schlechterdings unmöglich. Nein, Fakt war, dass der SR eine Bewegung gesehen hatte und den „Eindringling“ sofort dingfest gemacht hatte. Ich löste den Knoten, indem ich beide auf Standby schaltete und einen befreundeten Informatiker anrief. Vier Stunden lang probierten wir, dem SR die Existenz eines zweiten Roboters einzugeben, erfolglos.

Nun kann man ja nicht immer essen gehen, und Zeit zum ausgiebigen Kochen hat man auch nicht immer. Da kam mir die Neuheit eines Kochroboters, des Kitchen Robot KR 9ff4978234zz gerade recht. Der KR würde mir italienische, spanische und indische Köstlichkeiten zubereiten, und ich könnte zum Hauptgang sogar noch ein drittes Glas Rotwein trinken, es käme ja aus dem heimischen Weinregal und wäre damit bezahlbar (eigentlich sogar schon bezahlt). Ich programmierte für den Abend Spaghetti Diavolo und Vitello con Melanzane und freute mich schon den ganzen Tag auf die wunderbar scharfen Nudeln und das zarte Fleisch.
Es kam anders.

Ich war gerade auf der Heimfahrt, als mich eine SMS von KR erreichte:
hilfe hilfe hilfe
kann nicht arbeiten
SOS
Als ich die Wohnung aufschloss und in die Küche blickte, sah ich, wie der CR 7dd546309xx um den KR 9ff4978234zz herumwedelte. Stellen Sie sich vor, Sie wollen kochen und neben Ihnen putzt jemand jeden Tropfen, jedes Fleckchen, jede Zwiebelschale und jeden Krümel sofort weg, ja er nimmt Ihnen sogar ständig den Löffel aus der Hand und wäscht ihn ab. So ging es dem armen KR.
Ich versuchte, nachdem die zwei drei Stunden auf Standby waren, mit Hilfe meines Kollegen die beiden umzuprogrammieren, so, dass der CR den KR in der Küche eine Stunde in Ruhe lässt und DANN putzt: Chancenlos.

Ich habe beide Robos verkauft.

Vielleicht ist die ganze Sache mit diesen Dingern einfach noch nicht ausgereift.
Was wäre gewesen, wenn der SR 8ee672956yy auch mich nicht als seinen Herrn erkannt und mich tagelang gefangen gehalten hätte? Was wäre wenn der CR 7dd546309xx alles aufgeputzt und aufgesaugt hätte, was irgendwie rumgelegen wäre? Also auch Bargeld und wichtige Zettel? Was wäre, wenn ein SR einen KR festhält und derweil schmort und brennt es, glüht und feuert es und die ganze Bude fackelt ab? Wältchrieg und Mönschheit wär jitzt nümme da?

Nein, ich lasse das mal sein mit SR und KR und CR.
Allerdings: Kushimoto hat für 2017 den Writing Robot WR 3p293746ss angekündigt.
Den werde ich kaufen.
Dann kann ich wenigstens alle Schraipfähler auf ihn abwälzen.

Dienstag, 8. September 2015

Robotik I: Das Dröhnchen


to: hans.manser@bluewin.ch


Werter Herr Manser,
Ich komme noch einmal auf den Vorfall letzten Sonntag im Waldrestaurant “Sonne” zurück. Da wir uns an Ort und Stelle nicht einigen konnten, wäre dringend geboten, uns noch einmal zu treffen und die Angelegenheit zu besprechen. Sie kommen ja um die Tatsache nicht herum, dass Sie mir eine Drohne im Wert von SFr 5000.-  kaputtgemacht haben. Das Gerät war so zerstört, ich muss sogar sagen zerquetscht, zermalmt, dass sich jeglicher Reparaturversuch verbot. Bitte kontaktieren Sie mich schnell.
Mit freundlichen Grüssen Gerd Glubser

to: glubser.g@gmx.ch

Werter Herr Glubser,
Wie ich Ihnen schon damals sagte, habe ich ihr komisches Gerät für eine Wespe gehalten. Dieses Jahr waren diese Biester besonders schlimm und ich kriege einfach Panik, wenn es um mich herum surrt und schwirrt und brummt. Dann haue ich zu. Dass ich bedauerlicherweise Ihren Flugroboter erwischt habe, tut mir leid. Weiteren Handlungs- oder Gesprächsbedarf sehe ich nicht.
Mit freundlichen Grüssen Hans Manser

to: hans.manser@bluewin.ch

Werter Herr Manser,
So leicht kommen Sie mir nicht davon. Sie hauen einfach zu, ja? Tun Sie das auch bei Hunden und Katzen und bei Ihren Kindern und bei Ihrer Frau? Man muss doch hingucken, bevor man einfach die Hand erhebt und zuschlägt. Wenn Sie einen Moment gezögert und einen einzigen Blick gewagt hätten, hätten Sie gesehen, dass das Objekt Ihrer Wut keine Wespe, Biene, keine Fliege oder Bremse, sondern ein technisches Wunderwerk ist, dass Sie in Ihrem Zorn zunichte gemacht haben. Wie gesagt, das Teil hat mich 5000.- gekostet. Bitte lassen Sie uns einen Termin vereinbaren, sonst muss ich die Sache meinem Anwalt übergeben.
Mit freundlichen Grüssen Gerd Glubser

from:hans.manser@bluewin.ch
to: glubser.g@gmx.ch

Werter Herr Glubser,
Der Vergleich hinkt. Natürlich schlage ich im täglichen Leben nicht einfach um mich und treffe dabei Frau, Kind und Katze. Ich schlage um mich, wenn in einem WALDrestaurant mir Dinge um den Kopf brummen, weil das im Normalfall Bienen und Wespen und Bremsen sind, die ich einfach nicht vertrage. Kind und Katze schwirren nicht um meinen Kopf, genausowenig technische Apparaturen, die sich dann als Hightech und Higprice entpuppen. Warum lassen Sie solche Teile nicht auf der freien Wiese los sondern auf einer Kaffeeterrasse?
Verklagen Sie mich ruhig, Sie bekommen keinen Rappen.
Mit freundlichen Grüssen Hans Manser

to: hans.manser@bluewin.ch

Werter Herr Manser,
Ich würde es sehr bedauern, wenn ich Sie verklagen müsste. Das Ziel müsste doch eine aussergerichtliche Einigung sein. Sie haben doch sicher eine Haftpflicht?
Ich wundere mich allerdings, dass Sie ein Mensch zu sein scheinen, der nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist. In der Schweiz fliegen in diesen Tagen ca. 20000 Kleinstdrohnen durch die Lüfte. Wie können Sie da noch annehmen, das Gebrumme komme von einem Insekt? Von einer Wespe oder Biene? Ein Mensch, der nicht komplett im 20. Jahrhundert stecken geblieben ist, schaut dann doch nach, wenn es brummt und surrt und schwirrt. Warum ich meine Drohne in Restaurantnähe starte? Sie sollte ja gar nicht NAH an der „Sonne“ fliegen, nein, vielmehr HINEIN. Ich lasse, wenn ich einen Gasthausbesuch vorhabe, immer mein Dröhnchen los, das mir dann Fotos von Kuchen und Torten schickt, sonst weiss ich ja nicht, was auf mich zukommt.
Bitte lassen Sie uns einen Termin machen.
Mit freundlichen Grüssen Gerd Glubser

to: glubser.g@gmx.ch

Werter Herr Glubser,
Die Sache ist erledigt. Die AVENIR-Haft übernimmt die Kosten. Nach Auskunft meiner Sachbearbeiterin ist mein Fall schon der 56. in diesem Jahr. D.h. 55 Leute haben das Geschwirre und Gebrumme dieser blöden Mini-Robots für das von Insekten gehalten. Die AVENIR-Haft hat einen Musterprozess geführt und verloren. Nennen Sie mir Ihre Kontonummer.
Dennoch halte ich Ihr Meine-Drohne-filmt-das-Kuchenbuffet-Gehabe für SINNLOS BESCHEUERT.
Ihr Hans Manser

Freitag, 4. September 2015

Zalando hat gelogen - wie alle Händler

Zalando® hat also gelogen.
Wenn bei Zalando®  Nur noch 3 Artikel vorrätig erschien, dann waren das oft mehr. Man nennt das den Verknappungstrick: Wenn man das Gefühl bekommt, eine Sache sei nicht mehr unendlich zur Verfügung, greift man panisch zu.
Zalando® wurde erwischt.
Zalando® muss das jetzt ändern.
Geschenkt.
Was man aber nicht bedenkt, ist, dass Zalando da nicht allein ist. Reporter des NDR haben eine ganze Schar von Leuten auf Hotel-Seiten zugreifen lassen. Wenn jetzt beim einen 9 Leute sehen sich gerade dieses Angebot an erschien, dann wusste er, dass es zum Teil eigentlich fast 30 waren. Die Zahl 9 ist also fiktiv.

Händler tricksen.
Händler haben schon immer getrickst.
Und das ist ihr gutes Recht. Schliesslich wollen Sie was verkaufen. Du liebe Zeit, erwarten wir wirklich, dass uns der Klamottenladen in einem Zettel am Kleiderständer den Einkaufspreis, die Kosten und seine Marge verkündet? Dass über der Kasse ein Plakat hängt DENKEN SIE VOR DEM KAUF NOCH EINMAL NACH ?

Wenn man im 19. Jahrhundert zum jüdischen Krämer ging und feilschte, verkündete er lautstark, dass ihn der Kochtopf, den er für 30.- verkaufen wollte, selber 20.- gekostet habe und dass er bei schon bei 19.- drauflegen würde, und er habe doch Frau und 7 Kinder und die würden alle verhungern… Wenn man dann den Topf für 15.- heimtrug hatte man eine grosse Familie ins Unglück gestürzt – oder auch nicht, denn Schmuel Weizenstein hatte den Pott für 10.- erstanden und so immer noch 50% Gewinn. Und die meisten Kunden wussten das auch, sonst hätten sie nicht gehandelt, schliesslich wollte man ja keineswegs, dass Frau Rahel, Sara, Lea und Rebecca, dass David, Aaron, Abraham und Levi das nächste Purim nicht erleben.

Wer denkt jetzt nicht an die Schilder
345.-
225.-
Auch hier kann man wissen, dass die Schilder nach dem Muster Hoher Preis-Durchstreichen-Tiefer Preis ODER nach dem Muster Tiefer Preis-Erfundener hoher Preis-Durchstreichen entstanden sein können. Der Trick aber funktioniert.

Genauso funktioniert der Trick mit dem 199,99.-
Warum können wir unserem blöden Hirn nicht beibringen, dass nur ein einziger Rappen, ein singuläres Räppli zur nächsten Hundert fehlt, dass wir also 200.- zahlen und nicht „ein wenig über 100“?
Unser Gehirn scheint auszusetzen, wenn der Sehnerv Schaufenster, Prospekte, wenn er Kleiderständer und Auslagen, wenn er Werbung oder Spruchtafeln meldet. Irgendein geheimes Hormon wird da ausgeschüttet, das jegliche Vernunft ausser Kraft setzt. Statt noch einmal zu rechnen, greifen wir zu Euro und Franken und Mastercard® und VISA® und machen brav das, was der Handel will: Wir zahlen.

Ich habe mir beim letzten Umzug eine wunderbare grosse Matratze gekauft. Sie kostete bei einem türkischen Möbelhändler in Kleinhüningen 700.-. TRACHTNER® hätte mir meine alte Matratze in Rechnung gestellt (100.-) und mir noch ein Zoo-Jahresabo geschenkt, allerdings kostet die Matratze dort 1500.-, ausserdem gehe ich nie in den Zoo, ich bin mir selber Affe genug. Wenn – und nun merke ich, dass dieses Hormon auch bei mir wirkt – allerdings TRACHTNER® mit einem Hallenbad-Jahresabo gewunken hätte, wäre ich schwach geworden, obwohl die Rechnung immer noch zugunsten des Türken spricht:
1500
-100 (für die alte Matratze)
-400 (Schwimmbadabo)
=1000
und das sind immer noch 300 mehr als meine Bettunterlage.

Einen der schönsten Werbetricks hatte sich ein Getränkehändler in Scheveningen ausgedacht. In seinem Schaufenster stand ein Schild mit der Inschrift
IK GEEF U MORGEN GRATIS BIER
Man kam immer wieder und das Schild war immer das gleiche, zwei Jahre lang.

Beim Kaufen, Handeln, beim Lädele und Bummeln, beim Online- und Offline-Shopping setzt unser Hirn aus, irgendein Hormon setzt den Verstand, die Ratio ausser Kraft. Das hat ZALANDO® sich zunutze gemacht. Seien wir gnädig.
Ich selbst bin gegen die meisten Tricks, vor allem gegen den mit der Verknappung, ja immun.
So.
Und jetzt muss ich schnell noch einen Post zum Thema Nixensex und Hexensex schreiben. blogger.com hat mitgeteilt, es gebe nur noch wenige X.



Montag, 31. August 2015

Ich will nicht geduzt werden - wir haben keine Schweine gehütet

Von einer unsäglichen Lust auf einen Kaffee übermannt, betrete ich einen Ami-Kaffeeladen in Oberhausen, nennen wir ihn mal zur Tarnung STURBACK®, und bestelle einen doppelten Espresso.
„Möchtest du schwache, mittlere oder starke Röstung?“
„Starke, und ich möchte gesiezt werden.“
Auf dem Gesicht der Barrista erscheint ein kleines Zucken, dann fährt sie aber unbehelligt fort:
„Möchtest du arabische oder afrikanische Bohnen?“
„Arabische, und bitte sagen Sie Sie zur mir.“
Wieder das Zucken, dann die Frage:
„Möchtest du den Espresso für hier oder to-go?“
„Ich möchte ihn für hier und ICH MÖCHTE GESIEZT WERDEN!“
Das Zucken im Barristagesicht verschwindet und macht einer ausgewachsenen Lähmung Platz:
„Das geht nicht, das ist gegen die STURBACK-Marketingstrategie.“
Ich frage süffisant, ob es nicht eine gute Marketingstrategie wäre, Kundenwünsche zu erfüllen? Das täten sie ja auch, entgegnet mir die Barrista, wenn ich zum Beispiel ins Internet wollte oder ein Glas Leitungswasser, wenn ich ein Spielzeug für mein Kind oder eine Tageszeitung wollte, all das sei kein Problem. Ich erwidere, dass ich keinen Bedarf nach Internet, Wasser, Spielzeug oder dem Tagblatt Rhein-Ruhr hätte und mein Wunsch eben sei, gesiezt zu werden.
„Nun, ALLE Wünsche erfüllen wir natürlich nicht.“
Die gute Frau sagt das in einem Ton, dass mir klar wird, mein Siezwunsch steht für sie auf einer Stufe mit irgendwelchen Obszönitäten. Als hätte ich sie gefragt, ob sie mit mir nackt duschen würde oder mich oral befriedigen. (Wobei das Siezen für mich ja schon eine mündliche Befriedigung darstellen würde.)
„Wissen Sie was, wir lassen das mit dem Kaffee. Es gibt in Oberhausen sicher noch einen zweiten Kaffeeladen.“

Wann hat diese hemmungslose Duzerei eigentlich angefangen?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin sehr für das Du bei Leuten, die ich kenne. Anderen, die einen früher einfach duzten, warf man entgegen, ob man eigentlich schon zusammen Schweine gehütet hätte? Und ich duze Menschen, mit denen ich schon Schweine hütete. Wobei „Schweine hüten“ hier für 1000000 Sachen stehen kann, angefangen von bescheuerten Matheklausuren über durchzechte Nächte bis zu Umzügen mit zu kleinen LKWs, von anstrengenden Proben über miserable Tourneequartiere bis zu nichtendenwollenden Sitzungen. Und mit den Barristas, mit den Kellnern, mit den Klamottenlädenleuten, mit den Jungspunds, die mir TRRÖLÖBÖ und BILBO und SITTOO und RAMSNU verkaufen (oder eher sagen, ob er oder sie in W13, F4 oder D11 liegt) habe ich eben nicht auf Mathe gelernt, keine Proben gemeistert und keine zu kleinen Umzugswagen beladen.

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass ich Sie immer sieze?
Eben aus dem gleichen Grund: Wir haben noch keine Schweine zusammen gehütet. Einige von Ihnen kenne ich ja wirklich, und mit denen bin ich im Realleben auch per Du, eben weil wir schon Sachen erlebt haben, aber bei der schriftlichen Ansprache gilt für mich: Sie.

Warum meinen wir eigentlich, dass wahre Kooperation, wahre Zusammenarbeit, dass echte Zuneigung und echter Respekt nur mit dem Du funktionieren?
Die grosse Slawistin und Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier empfing jede Woche einen Germanisten, mit dem sie ihr Wochenpensum durchging. Bei Tee und Gebäck diskutierten die zwei die jeweilige Sicht: Dies ist die beste Übertragung aus dem Russischen, aber geht das auch so im Deutschen? Was ist die dostojewkistisch beste Formulierung und was die deutschbeste Formulierung und bekommen wir das deckungsgleich? Die beiden älteren Herrschaften konnten dabei drei Stunden um einen Satz ringen.
Wenn das nicht Schweinehüten ist!
Aber die zwei blieben allezeit beim Sie – und sie waren ein unglaublich starkes Gespann.

Und mit den Barristas, Klamottisten und TRÖLÖBÖ-Verkäufern will ich ja auch gar kein Gespann sein, unsere Beziehung darf enden, bevor sie angefangen hat, mit dem Servieren des Latte Grande Lowfat, mit dem Bezahlen meines S-Smartshirts, mit dem Einladen von BILBO oder SITTOO. Wir hüten keine Schweine.

Gleich gegenüber von STURBACK® finde ich ein Oma-Café mit Teppichen und Ölbildern, eines mit Marmortischen und Flechtwerklehnen-Stühlen, eines, wo die Bedienungen (die sich nicht Barrista nennen) noch Häubchen tragen und man beim Kuchenbuffet noch einen Zettel bekommt. (Die über 50jährigen werden sich erinnern, es war so ein Doppel-Zettelblock, ein Zettel kam auf den Kuchenteller, einen nahm man mit und gab ihn der Bedienung.)
Dort trinke ich meinen doppelten Espresso und freue mich wie ein Schneekönig über das: „Hier, IHR Espresso bitte.“
 

Donnerstag, 27. August 2015

Die Schulreise ist gut gegangen

Gestern war die Schulreise der Klasse 3A, die ich organisiert hatte. Es war ein herrlicher Tag, und alles ist gut gegangen – zum Glück. Wenn ich mir im Nachhinein den Plan ansehe, wird mir immer noch ganz schwindlig: Was hätte da alles passieren können!

Hier meine Nach-Gedanken:

7.45                       Besammlung SBB Schalterhalle
Das war schon sehr heikel, die Schülerinnen und Schüler einfach an den Bahnhof zu bestellen, man weiss doch, wer sich an Bahnhöfen rumtreibt, Stricher und Dirnen und Zuhälter, Diebsgesindel und Drogensüchtige, von Dealern ganz zu schweigen. Besser hätte ich die 14jährigen einzeln zuhause abgeholt. Aber zum Glück ging alles gut, keine und keiner wurde zwangsprostituiert oder hing schon um 7.47 an der Nadel.

8.03                       Abfahrt Gleis 14
9.10                       Ankunft Biel
Hammer, wie kann man in diesen Tagen eigentlich noch Zugfahren? Nach den Dingen, die im THALYS passiert sind? Jede Minute in diesem verdammten ICN bangte ich, dass jetzt gleich ein schwarzvermummter Unhold auf uns zuspringt und das Feuer eröffnet und hielt meine beiden Berettas im Anschlag, ich brauchte sie allerdings nicht.

9.52                       Weiterfahrt Zug und Standseilbahn nach Prêles
Auch so eine Fahrlässigkeit, mit so einer Funiculaire den steilen Berg hinauf, ohne sich vorher die Kontrollberichte der Fahrzeugdienststelle 2005-2015 zeigen zu lassen. Was wäre gewesen, wenn das Seil das Schicksal des Nornenseils der Götterdämmerung erlitten hätte und gerissen wäre? Wir wären mit 500 km/h zur Hölle gefahren und unten in Ligerz im Gebäude der örtlichen Weingenossenschaft zerschellt. (Immerhin ein schöner Todesort)

9.10                       Ankunft Prêles
                               Wanderung nach LaNeuville
Jedes Jahr verunglücken in der Schweiz ca. 100 Wanderinnen und Wanderer tödlich. Weitere 200 werden durch die REGA, die Rettungsflugwacht, schwerverletzt geborgen. Gut, der Weg am Jura-Südfuss geht angenehm abfallend durch Weinberge und Wälder, er ist breit und gekiest, es gibt weder Steilflanken noch Schluchten, aber man weiss ja nie…

13.25                     Abfahrt Schiff nach Biel
Die ganze Zeit, wirklich die ganze Zeit, jede Minute auf diesem Kahn sah ich die Bilder der klassischen Schiffskatastrophen vor mir: Titanic und Estonia, näher mein Gott zu dir und das Wasser dringt in Luken und Bullaugen, und wenn auch Titanic und Estonia sich in anderen Gewässern bewegten, und wenn auch die Zahl der Schiffsunglücke auf Schweizer Seen gegen Null geht, und wenn, dann ohne Todesopfer, der Teufel ist, wie man weiss, ein Eichhörnchen.

 14.30                     Ankunft Biel Schiffanlegestelle
                                Fussmarsch zum Strandbad (ca. 10 Minuten)
                                Aufenthalt im Strandbad
Auch hier wieder eine total heikle Situation. Nun, alle können schwimmen und der See ist flach (nach 40 Metern kann man noch stehen) und es hat vier Bademeister, die Bieler Eltern schicken ihre Vierjährigen ins kühle Nass und meine waren 14. Aber was wäre gewesen, wenn eine oder eine beim Hineinlaufen so ungeschickt stürzt, dass er oder sie mit dem Kopf unter Wasser gerät und bewusstlos ist und keine Kollegin oder kein Kollege in Sicht? Mich schaudert…

17.20                     Abmarsch Strandbad
17.49                     AbfahrtBiel
18.53                     Ankunft Basel SBB
Hier machte ich nun wirklich drei Kreuze, als alle wieder gesund und munter in Basel waren.

Vielleicht grinsen Sie nun, aber als Lehrer steht man immer mit einem Fuss im Grab und mit einem Bein im Gefängnis. Da ist es total egal, ob gesunder Menschenverstand oder grotesker Leichtsinn gewaltet hat. – Auch das gibt es natürlich, und ich halte Freeclimbing an der Eiger-Nordwand mit Jugendlichen für nackten Wahnsinn, genauso wie 2km-Seedurchquerungen.

Aber es wird so kommen, dass eine Schulklasse das Klassenzimmer, das Schulgebäude nicht mehr verlässt. Obwohl: Die meisten Todesfälle gab es in den letzten Jahrzehnten IM Schulareal. Columbine und Winnenden lassen grüssen.

 

Vielleicht stellen wir ja bald auf Homeschooling mit Skype um.

Technisch kein Problem.