In jedem Einführungsseminar eines philologischen Faches beschäftigt man sich stets auch mit der Herkunft von Texten: Was war der Originaltext? Wo wurde von wem kopiert und welche Überlieferungsfehler wurden dabei gemacht? Und der Dozent oder die Dozentin stellt dann immer die Fangfrage: «Welcher Kopist ist für uns der geschicktere – der die Sprache KANN oder der sie NICHT KANN?»
Antwort: Der, der sie nicht kann.
Denn wenn es einen Fehler in der Vorlage hat, zum Beispiel «Dominus nova», dann kopiert der Unkundige einfach diese falsche Wendung, während der Kundige in «Dominus novus» korrigiert, von dem er meint, es sei in der Vorlage der Vorlage gestanden. Dort kann aber auch «Domina nova» gestanden haben.
Im Fall des «Dominus nova» werden wir uns auf die Suche nach der Originalquelle machen, im anderen Fall nicht, weil uns ja nicht auffällt, dass hier etwas falsch ist.
An diese Kopisten, den Ich-schreibe-einfach-ab-Kopisten und den Ich-korrigiere-Kopisten muss ich denken, wenn ich so bestimmte Textnachrichten anschaue. Da hat eine Autokorrektur Wörter verändert und der Schreiber hat es nicht bemerkt. Und manchmal, manchmal, manchmal ist man wirklich nicht sicher, welche der beiden Möglichkeiten stimmt.
Das sind dann die schönen Fälle.
Die anderen sind langweilig:
«Das wir bald der Fall sein.»
Macht so keinen Sinn, es ist völlig einleuchtend, dass hier ein D fehlt.
«Ich habe ihr gesagt, sie solle nicht anfangen zu heute.»
Auch hier eindeutig, dass «heulen» gemeint war.
Es ist ja schon die Wortart, die nicht stimmt.
Nun aber zu netten Fällen:
«Das Buch von Robert Haselbaum beschreibt den Alltag in der DDR in der besten Thomas Bernhard-Manie.»
Wirklich Manie? Gut, der legendäre Schriftsteller aus Gmunden hatte ja schon etwas Manisches, oder hat Haselbaum eine manische Beziehung zu Bernhard? Wie manisch ist das Buch? Wahrscheinlich ist aber doch eine Manier. Ganz herausfinden werden wir es nicht.
«Der Roman stammt aus den Federn der jungen polnischen Autorin Agata Dobrowski.»
Wie ist das nun zu verstehen? Ist das Buch autobiografisch? Hat Agata vielleicht wie weiland die japanische Hofdame ein Tagebuch im Kopfkissen? Hat sie den Stoff geträumt? Oder – nun müsste man wissen, wie erotisch und drastisch das Buch ist – hat Dobrowski hier ihre eigenen Erfahrungen aufgeschrieben? Ist sie eine Femme fatale, die sich bei George Sand und Colette einreiht?
Eventuell, nein, ziemlich sicher, ist hier aber «aus der Feder» gemeint.
«Seit Werner Bitterli an der Sekundarschule in Balsthal unterrichtet, lebt er nur für seine Kassen.»
Wunderschön. Hier wird doch endlich einmal Klartext geredet! Diese Lehrer! Sie sind nur hinter dem Geld her, haben seit Jahrzehnten keine Präparation mehr gemacht, suchen sich dann noch 3 Nebenjobs und streichen alles an Boni ein, was sie kriegen können! Armer Bitterli, man tut dir unrecht. Die Autokorrektur hat hier einfach ein L unterschlagen.
«Bist du wieder in der Gosse unterwegs?»
Das schreibt mir ein Kumpel – und auch hier bin ich mir im ersten Moment nicht sicher, ob er das nicht ernst meint. Oder ironisch? Er weiss doch, dass ich nichts mehr trinke, und dass deshalb auch Kneipentouren mit Absturz nicht mehr vorkommen, er weiss doch, dass ich früh ins Bett gehe und schrecklich seriös lebe.
Auf Nachfrage hin: Natürlich ging auch hier ein L verloren.
In jedem Einführungsseminar eines philologischen Faches beschäftigt man sich stets auch mit der Herkunft von Texten: Was war der Originaltext? Wo wurde von wem kopiert und welche Überlieferungsfehler wurden dabei gemacht? Und der Dozent oder die Dozentin stellt dann immer die Fangfrage: «Welcher Kopist ist für uns der geschicktere – der die Sprache KANN oder der sie NICHT KANN?»
Antwort: Der, der sie nicht kann.
Die Autokorrektur gehört leider zur anderen Fraktion.
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