Freitag, 10. April 2026

Keine Lust, einen Unsinn zu lesen...

Ich bin – wie Sie wissen – ein grosser Fan und Kenner von Heinrich Böll. Ich habe sogar in den ersten Jahren dieser Glosse in den Texten «Deutsche Utopien III / 1-4» die Bölltexte «Deutsche Utopien I» und «Deutsche Utopien II» weitergeführt und seinen Stil nachgeahmt.
Ein Bekannter schickte mir nun neulich einen Artikel über Böll und seine Texte und Theorien, der sich – so mein Bekannter – angenehm vom literaturwissenschaftlichen Mainstream unterscheidet. Fazit dieses vierseitigen Pamphletes sei, ganz kurz gesagt: Heinrich Böll würde heutzutage AfD wählen.
Ich werde diesen Text nicht lesen.

Ein anderer Bekannter schickt mir ein Video, in dem ein Berliner Allgemeinmediziner den (wahrscheinlich verblüfften) Zuschauerinnen und Zuschauern erklärt, warum das HIV nicht existiert. (Bitte nicht HIV-Virus, wie viele sagen, das ist wieder so ein Pleonasmus, wir hatten es neulich davon…) Nach Aussage von Dr. XY sterben die ganzen Schwulen an Poppers und nicht am Erreger. Und er ist stolz darauf, mehrere Homosexuelle NICHT zum Test geschickt zu haben – trotz schon sich anbahnender Kaposi-Flecken.
Ich werde dieses Video nicht angucken.

Eine Bekannte schickt mir dann noch einen Link, einen Link zu einer Seite, aus der minutiös aufgelistet ist, welche Videos ARD und ZDF in letzter Zeit so geschnitten haben, dass die Themen falsch und tendenziös dargestellt wurden, Videos zu den Themen Corona, Ukraine, Klima usw. So hatte jemand zum Beispiel gefilmt, dass die angeblichen Coronapatienten gar nicht an die Geräte angeschlossen waren.
Ich werde den Link nicht anklicken.

Warum werde ich den Text über Böll nicht lesen?
Warum werde ich das Video nicht anschauen?
Warum werde ich auf den Link nicht klicken?
Soll man nicht sich mit allem auseinandersetzen, auch andere Perspektiven kennenlernen, sich überall informieren?
Soll man nicht…?

Ich stosse auf ein wunderbares Zitat der Feministin Judith Jannberg (in «Ich bin Ich»), in dem sie erklärt, warum sie sich auf keine Diskussionen mit Total-Machos einlässt. Sie schreibt dort:

Ich habe keine Lust.

Ich finde das wundervoll. Und so kann ich das auch sagen.
Ich habe keine Lust, irgendwo zu lesen, dass Heinrich Böll heutzutage auf gemeinsamen Podien mit Alice Seidel stünde.
Ich habe keine Lust, einem Doktor zuzuschauen, der eigentlich wegen Behandlungfehler und unterlassener Hilfeleistung ins Kittchen gehört.
Ich habe keine Lust, irgendwelche Links zu klicken, die mir das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen rauben und umgekehrt Vertrauen in die «Unabhängigen» schenken soll, unabhängige Medien, in denen irgendwelche Heinis in ihrem Wohnzimmer sitzen und von anderen Wohnzimmern «Experten» zuschalten, die dann mit einer Wir-wissen-ja-alle-besser-Bescheid-Miene die Weltlage analysieren.

Ich habe keine Lust.

Dazukommt, dass die Algorithmen, wenn man irgendwo einen Quatsch online anguckt, einen mit Schwachsinn bombardieren. Auf einmal bekommt man bei YouTube Sellner-Videos angeboten, und hofft, dass der Verfassungsschutz nicht mitschaut. (Martin Sellner ist der österreichische Neonazi, der die Remigration predigt.)

Ich habe keine Lust mehr auf so Sachen.
Meine Zeit ist mir zu schade.
Und wenn mir jetzt viele Leute vorwerfen, ich sei engstirnig und festgefahren, gut, dann bin ich halt engstirnig und festgefahren. Wenn es ein Zeichen für einen eingeschränkten Horizont ist, sich mit der Frage, ob «Het Achterhuis» echt ist oder nicht, einfach nicht auseinandersetzen zu wollen, dann habe ich gerne einen eingeschränkten Horizont.

Ich habe auf gewisse Dinge keine Lust mehr.






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