Dienstag, 13. Oktober 2015

Amok verhindern - Lehrer bewaffnen

Die seit einer Woche angekündigte MTC (main teacher´s council, auf Deutsch Gesamtlehrerkonferenz oder auf Deutsch(CH) Lehrerkonvent) der Big Valley High School in Husterton (Wyoming) hat schon im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Völlig überflüssig, denn eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern hat einen sinnvollen, nützlichen Antrag gestellt, einen Antrag, der dem Frieden, der Sicherheit und dem Wohlergehen aller dient. Aber Sie kennen das ja: Nörgler gibt es immer.



Der Antrag lautet im Wortlaut:
For prevention/prohibition of any violence and murders at the Big Valley High School should every teacher have a gun in his class room desk.
(Als vorbeugende Massnahme zur Verhinderung von Gewalt und Mord an der Big Valley High School sollte jede(r) Lehrer(in) ein Gewehr im Schreibtisch haben.



Zur Begründung heisst es, dass im Falle eines Amoklaufes das Lehrpersonal die Möglichkeit hätte, den Gewalttäter noch vor dem Eintreffen der Polizei zu eliminieren.

Auf der Konferenz fliegen nun – überflüssigerweise, wie gesagt – die Fetzen.



Jim Broker, Kunstlehrer (na klar! alles verkappte Kommunisten!) schreit herum, dass es doch kompletter Wahnsinn sei, in allen 55 classrooms eine Waffe + Munition zu haben, das hiesse ja, dass ein potentieller Amokläufer nur das Lehrerpult öffnen müsse und nun an Gewehr gelangt sei. Man müsse die Knarren AUS der Schule verbannen, nicht Knarren IN die Schule schleppen.



Der Konter von Jack McTrevis, Sportlehrer (Ex-Marine, aufrechter Mann!) kommt sofort: Wenn Jim nicht in der Lage sei, sein Pult in Gegenwart von Schülerinnen und Schüler verschlossen zu halten, dann sei er wohl verkehrt im Job, schliesslich befänden sich auch zu schreibende Tests, Notenbüchlein, heikle Unterlagen etc. darin, eine Lehrkraft, die das Zimmer verliesse ohne das Pult abzusperren, sei ein(e) Chaot(in) und in diesem Beruf, der ja die jungen Leute zu Ordnung, Moral und Sauberkeit führen sollte, eh nicht zu gebrauchen.



Nun ergreift Mary O’Hill, Psychologielehrerin (O diese Psychologen! Der Teufel hole sie!) das Wort und gibt zu bedenken, dass ja auch Lehrpersonen nur Menschen seien und ob man denn für jede(n) der über 100 Lehrer(innen) mit absoluter, 100%iger, festgemauerter Sicherheit sagen könne, dass ihre Nerven über jeden Zweifel erhaben seien. Immerhin habe es im Jahre 2014 USA-weit 367 Fälle von Gewaltattacken gegeben, die von Unterrichtenden ausgegangen seien.



Harsche Erwiderung von Susan Hoblovski (Astronomielehrerin, war bei der NAVY und der NASA!): Wenn es schon so weit gekommen sei, dass Psychopathen im Schuldienst seien, dann müssten halt die Lehrpersonen getestet werden, getestet ob ihrer psychischen Gesundheit. Oder man trennte sich von vorneherein von solchen in ungefestigten Situationen: Singles, Schwule, Lesben, Leute, die nicht beim Militär waren und Leute, die in keiner Kirche seien, sie selbst sei glücklich verheiratet, 4fache Mutter, sei als Lieutenant bei der NAVY abgegangen und in der Batipste Church, SIE sei emotional gefestigt und mental stabil.



Nachdem noch eine Stunde die bösesten Bälle hin- und hergeflogen sind, bringt es der Schulleiter auf den Punkt:
„Leute, Leute, jetzt mal Ruhe im Karton. Ihr habt doch alle als Kinder Western geguckt. Und im Western gibt es die Guten, die Cowboys, Sheriffs, die Deputies und die Bürger, die Händler, Farmer, Pfarrer und die Siedler, und es gibt die Bösen, die Gauner, die Halunken, die Outlaws und die Räuber. Und die Guten müssen doch Knarren haben um sich gegen die Bösen zu verteidigen, sonst würden sie doch einfach abgeknallt. So, und WIR sind die GUTEN, wir können gar nicht falsch handeln, weil WIR Lehrer die Guten sind. Und die Amokläufer, DIE sind die SCHLECHTEN. Habt ihr’s kapiert?“



Die Abstimmung ergibt:
Annahme des Antrags
JA   88 Stimmen
NEIN 10 Stimmen
ENTHALTUNGEN 7 Stimmen



Die seit einer Woche angekündigte MTC (main teacher´s council, auf Deutsch Gesamtlehrerkonferenz oder auf Deutsch(CH) Lehrerkonvent) der Big Valley High School in Husterton (Wyoming) hat schon im Vorfeld für Diskussionen gesorgt, ist aber nun zu einem klaren und sinnvollen Ergebnis gekommen.



Die Gruppe der Nein-Sager, Broker, O’Hill und acht weitere erhalten auf das nächste Semester ihre Kündigung.



Die Gruppe, die den Antrag stellte, McTrevis, Hoblovski und noch 5 weitere wird von der eigentlichen Urheberin, der NRA (National Rifle Association) mit Familien zu einem Wochenende in DISNEYLAND eingeladen.

Freitag, 9. Oktober 2015

Keine Neuen nach Bern

Ich hatte neulich einen verrückten Traum: Ich war für die RIP ins Schweizer Parlament eingezogen. Keine Ahnung, für was RIP steht und für oder gegen was sich diese Partei einsetzt, es war ja ein Traum, auf jeden Fall erinnere mich an eine Szene, in der ich in meinem Büro sass und verzweifelt versuchte, ein Riesendossier zu bewältigen. Dieses Dossier sollte dem Anfänger, dem Neuling alles erklären, was er so in seinem Parlamentarierleben brauchen würde, von A wie Amtsgeheimnis bis Z wie Zuschauertribüne.

Merkwürdigerweise –wie gesagt, ein Traum – war das Büro in den Farben Rot-Lila-Rosa tapeziert und mit blauen Fröschen bevölkert, die mich ständig von meiner Lektüre ablenkten. Das wirklich Schlimme waren aber nicht die Amphibien, sondern die Tatsache, dass auch der Ordner zu leben schien. Ständig wuchsen neue Kapitel vorne, hinten und seitlich heraus, Kapitel, die denen widersprachen, die ich schon hinter mich gebracht hatte. Hatte ich nun gerade die grünen Seiten zur Datensicherheit gelesen, die mir ein Passwort nahelegten, wölbten sich auf der linken Seite braune heraus, die vor sämtlichen Passwörtern ausdrücklich warnten. Hatte ich die Seiten 23-25 durch, die das Prozedere bei Wahlen beinhalteten, so entsprossen dem Deckel neue Seiten 23-25, die mir klarmachten, dass es gar keine Wahlen, nur Losverfahren gebe.

Es folgte eine Art Filmschnitt.

In der nächsten Szene irrte ich durch das Bundeshaus, auf der Suche nach Raum 342, in dem der Militärausschuss tagen sollte. Jetzt fragen Sie bitte nicht, warum ich, ausgerechnet ich in der Militärkommission war, ich war es halt, und jetzt suchte ich verzweifelt den Raum 342. Es gab zwar einen dritten Stock, in diesem aber nur die Zimmer 301-337, der vierte Stock fing dann bei 503 an.
An wen ich mich auch wandte, wen ich auch fragte, wem ich die Info zu entlocken zu versuchte, alle waren Neulinge, Anfänger wie ich. Nirgends ein Oldie, ein Alter Hase, der einen mitgenommen hätte und vor die betreffende Türe gebracht.
Schliesslich tauchte die Zimmerflucht 338-342 auf, sie war einfach in dicken, schwarzen Nebel gehüllt gewesen. Da alle Kommissionsmitglieder Neue waren, war ich auch nicht zu spät, sondern wir begannen gemeinsam.

TOP 1 / Traktandum 1 brachte uns aber schon ins Schwitzen. TOP 1 / Traktandum 1 hiess nämlich AUFGABEN UND FUNKTIONEN DER MILITÄRKOMMISSION. Um es kurz zu machen, niemand hatte den leisesten Schimmer, was unser Ausschuss überhaupt machte und machen sollte. Wehrgesetze? Waffengesetze? Kontrolle der Armee? Kontrolle der Waffen im Zeughaus? Oder mussten wir selber zur Waffe greifen und Schiessübungen machen?
Ich war so himmeldämlich, den Vorschlag zu machen, Armeechef Blattmann anzurufen und ihn zu fragen. Himmeldämlich deshalb, weil natürlich alle einverstanden waren und natürlich mir den Auftrag gaben, genau dies zu tun.

Nun sass ich also in meinem rot-lila-rosa Büro zwischen den blauen Fröschen und zitterte vor Angst. Denn eins war klar: Der Anruf konnte nur peinlich werden. Entweder war Blattmann nämlich mir unterstellt, dann würde die Frage, was ich zu tun hätte, meine Autorität wie einen Luftballon zum Platzen bringen, oder ich war wiederum ihm unterstellt, dann konnte er mich furchtbar zur Sau machen. Nach langem Zögern griff ich zum Telefon, wählte, es tutete und dann hörte ich einen so lauten Blattmann-Schrei, dass die rot-rosa-lila Tapeten von den Wänden fielen und die Frösche durch die Luft wirbelten.
Schweissgebadet wachte ich auf.

Die Deutung des Traumes liegt auf der Hand:
Jemand, der eingearbeitet ist, arbeitet besser als jemand, der nicht eingearbeitet ist. Oder anders formuliert: Wenn ein Parlament zu viele Newbies bekommt, fängt man in vielen Bereichen total von vorne an. Da haben sich ja auch Leute gefunden, über Parteigrenzen hinweg, die miteinander
 können, wo „die Chemie stimmt“. Da gibt es, wie Ständerätin Fetz (SP) so schön sagt, Bretter, für deren Bohrung man mehr Zeit als eine Legislaturperiode braucht.
Abgesehen davon, dass das Nicht-zurecht-finden am Anfang auch Zeit kostet.

Also, liebe Schweizer.
Wählt doch am 18.10. einfach alle, bei denen BISHER steht.
Panaschiert einfach alle, die schon Nationalrat waren, auf eine Liste. (Welche das ist, ist ja dann egal.)
Das ist nicht die blödeste Lösung.

Dienstag, 6. Oktober 2015

25 Jahre Fehl (zu-früh)-Entscheidung

Berta und Heinz Duppertz haben neulich ihre Silberhochzeit gefeiert. Und da es eben eine Silberhochzeit war, wurde auch nicht gespart, da hatte man das Nebenzimmer vom Schützen gemietet, da hatte man alle eingeladen, Kinder und Enkel und Geschwister und den ganzen Bekanntenkreis, die Leute aus dem Taubenzüchterverein und dem Kirchenchor. Zunächst gab es einen Sektempfang und dann ein Dreigang-Menü, aber was Anständiges, schliesslich weiss man ja, was die Verwandten und Vereinsleute und Chorsänger gerne essen, also nicht so Schnickschnack, nein, es gab erst eine Nudelsuppe, dann Braten mit Gemüse und Pommes und schliesslich einen Eisbecher. Um 21.00 kam dann eine Dreimannkapelle und es wurde getanzt, auf Oldies natürlich, versteht sich fast von selbst. Und alle, die dabei waren, fanden es ein wirklich gelungenes Fest. Nur ganz selten wurde getuschelt, dass die beiden ja eigentlich, also wenn man ehrlich ist, 25 Jahre Fehlentscheidung feierten, nein, Fehlentscheidung trifft’s nicht ganz, Zu-früh-Entscheidung wäre besser. Denn es musste vor 25 Jahren halt alles so schnell gehen, Berta schon schwanger und er noch in der Ausbildung, da hätte man vielleicht noch überlegen sollen. Und man hätte eventuell auch und man hätte, man hätte…

Aber HÄTTE bringt ja nix.

Urs Vögeli hat neulich seine 25jährige Zugehörigkeit zur VONTISAR AG mit einem Apéro begangen. Die ganze Abteilung war eingeladen und es gab einen guten Fendant und einen feinen Cremant, Schnittchen und Schinkengipfeli und Chäschüechli wurden serviert und man stand zwei Stunden zusammen und plauderte. Und auch hier flüsterten nur wenige, dass Urs ja eigentlich, ganz eigentlich 25 Jahre Unglücklichsein beging, denn er habe sich ja eigentlich bei der VONTISAR AG nie richtig wohlgefühlt. Der Eintritt vor 25 Jahren sei halt eine Fehlentscheidung, nein eine Zu-früh-Entscheidung gewesen, Urs hätte vielleicht nicht so schnell unterschreiben sollen, er hätte vielleicht doch das Angebot der ECHRO AG noch prüfen sollen, vielleicht auch nicht so schnell Wohneigentum erwerben, was ihn an eine gut bezahlte Stelle band, er hätte, er hätte…

Aber HÄTTE bringt ja nix.

Und so haben auch die Deutschen 25 Jahre Zusammensein gefeiert und auch hier war es ein schönes Fest, mit viel Musik und Tanz und Reden und Feuerwerk und Würstchenbuden, Gauck war da und Angie war da und alle waren fröhlich. Und auch hier tuschelten nur wenige, flüsterten, munkelten, brabbelten, dass man ja eigentlich 25 Jahre Fehlentscheidung feiere, nein Fehlentscheidung ist das falsche Wort, Zu-früh-Entscheidung, wenn es damals nicht so rasend schnell hätte gehen müssen – warum musste es eigentlich so schnell gehen? – dann hätte man eventuell doch einiges anders machen können…

Vielleicht hätte man McDoof und Schlecker nicht so schnell nach Sachsen und Thüringen lassen sollen, vielleicht hätte man doch nicht alle Nebenstrecken-Schienen der Eisenbahn rausreissen sollen, vielleicht hätte es doch eine neue Hymne und eine neue Flagge gebraucht, vielleicht hätte sich auch im Westen etwas ändern müssen, um richtig neu zu starten, vielleicht hätte man nicht nur die Stasi-Unterlagen sichtbar machen müssen, sondern auch die des Verfassungsschutzes? Vielleicht hätte man…
hätte man…
hätte man…

Aber HÄTTE bringt ja nix.

Berta und Heinz Duppertz haben 25 Jahre geschafft, trotz allem, und nun werden sie auch den Rest ihrer Tage zusammenbleiben. Man hat sich irgendwie zusammengerauft, und nun wird man auch nix Neues mehr anfangen, bis dass der Tod euch scheidet, sagt man doch so.

Urs Vögeli ist jetzt 55 und wird sich für die letzten zehn Jahre auch nix Neues mehr suchen, die Zeit bis zur Rente bringt er auch irgendwie rum. Die ECHRO sucht zwar gerade wieder händeringend Leute, aber wer sagt denn, dass es da wirklich besser ist?

Die Deutschen werden nun auch zusammenbleiben, man hat die 25 Jahre irgendwie hingekriegt, und nun fängt man auch keine Sperenzchen mehr an.

In diesem Sinne:
Glückwunsch, Berta und Heinz, zur Silberhochzeit!
Glückwunsch, Urs, zum Silberfirmeneintritt!
Glückwunsch, ihr Deutschen, zur Silberwende!

Weil:
HÄTTE bringt ja nix.

Freitag, 2. Oktober 2015

Das Sommerende macht mich sentimental und damit vernünftig

Ich habe am Sonntag mein Kästchen im Gartenbad St. Jakob geräumt, das heisst, ich habe Badehose, Schwimmbrille und Handtuch eingepackt, habe die leeren Tuben mit Duschgel, Haargel, Lotion und Sonnencreme (sie waren genau bis zum Saisonende leer), ich habe den Schlüssel abgegeben und mein Depot wieder zurückerhalten. Bevor ich allerdings mein Kästlein verliess, stand ich noch eine Minute davor, ich streichelte noch ein bisschen die Tür, die Stange, die Haken und die Wände und seufzte. Ich seufzte ob des Sommers, der nun wirklich SEHR GROSS war, ich seufzte ob der Winde, die jetzt losgelassen werden, ich seufzte ob des Herbstes, der ja immer ein wenig wie Sterben ist, ich seufzte ob der schwindenden Sonne und der schwindenden Wärme.

Hätten Sie nicht gedacht, dass ich so sentimental sein kann?
So sensibel, sensitiv, so gefühlvoll?
Dass mich die Dinge so angehen, so berühren?
Ja, manchmal bin ich sentimental, bin ich sensibel. Meine Güte, ich bin zwar Berufszyniker, aber auch Berufszyniker dürfen doch mal sensibel sein. Ich glaube, dass selbst Thomas Bernhard an gewissen Abenden, wenn es niemand sah, nur dann(!!), zwei Tränchen verdrückte und leise ob des Sonnenunterganges seufzte.

Sensibel  und sentimental kommen ja eigentlich von sensus und sentire. Das heisst, dass ein sensibler Mensch, ein sentimentaler Mensch zunächst einfach einer ist, der intensiv wahrnimmt, der Schall und Licht, Berührung und Geruch an sich heranlässt, der also – noch so ein heikles Wort sinnlich ist.
Im Englischen bedeutet sensible ja interessanterweise vernünftig.
Und ich behaupte jetzt mal ganz frech, dass ein sensibler, ein sinnlicher Mensch auch vernünftig handelt.

Ich habe nichts gegen Blinde, mir ist aber doch wohler, wenn der Chauffeur der Linie 14 oder 8 oder 6 NICHT blind ist. Mir ist einfach wohler, wenn ich weiss, dass dieser, sollte ein Kind, ein Velo, ein Auto oder ein kleiner Elefant auf den Schienen sein, Kind, Elefant, Auto und Velo sinnlich erfassen kann und entsprechend bremsen; und damit auch Velo, Kind , Dickhäuter und Motorfahrzeug retten.

Ich habe nichts gegen Schwerhörige, mir ist aber doch wohler, wenn sich im Cockpit der Boeing 70 auf dem Flug KLM 7865 nicht folgender Dialog entspinnt:
-Boeing 70, hier Tower, sofort 500 Meter tiefer!
-Tschuldi, aber ich höre nicht mehr so gut, wie war das?
-500 Meter runter, SOFORT!
-Sorry, ich hör echt nicht mehr gut, war das rauf oder runter? Und 400 oder 500?

Ende des Dialogs, Ende des Piloten, des Fluges und auch mein Ende. Solche Befehle müssen nämlich sofort befolgt werden (ohne Nachfragen), weil es bedeutet, dass eine Maschine im Luftraum ist, die irgendwie spinnt und der man zunächst einfach den Weg freischaufelt.

Die Sinne und damit die Vernunft kommen uns immer mehr abhanden. ich habe einen Schüler, der in Aeschi (SO) wohnt und bei mir in Solothurn in die Schule geht. Als ich ihm sagte, dass wir am Nachmittag nach Subingen (SO) zum Fussballspielen gingen, war er erst einmal völlig verwirrt und ärgerlich: Wie er denn da fahren müsse und wohin er fahren solle und wie das alles ginge? Ich erklärte ihm, dass er im gleichen Bus fahren solle und einfach FRÜHER AUSSTEIGEN. Er wohnt seit einem halben Jahr in Aeschi und hatte noch nicht bemerkt, dass die Buslinie 5 von Aeschi  nach Solothurn DURCH SUBINGEN fährt! Die Ohren zugestöpselt, die Augen starr auf den Smartphone-Bildschirm geheftet, hatte er von Orten und Landschaft nichts mitbekommen.

Wir sehen nur noch die Bilder, die eigentlich nicht vor unseren Augen sind, wir nehmen die Geräusche um uns nicht mehr war.
Wir schmecken nichts mehr, weil wir unsere Knospen mit diesem blauen, grünen oder roten Matsch, der in Schwimmbädern und auf Jahrmärkten verkauft wird, verdorben haben. (Mir wird da immer schon beim Angucken schlecht.)
Wir riechen nichts mehr, weil nichts mehr riechen darf. Wohnungen dürfen nicht riechen, Kleidung darf nicht riechen, Menschen dürfen nicht riechen (ich meine nicht stinken). Letzteres kommt aus Amerika, in Arizona und Texas duschen die Leute bis zu 4mal am Tag, um ja nicht den leisesten Körpergeruch zu haben.
Wir fühlen nichts mehr, weil wir Buchseiten durch E-Book-Pages und Spielkarten durch Online-Symbole ersetzt haben.

Heute habe ich meinen Balkon geräumt, die Pflanzen kamen alle nach drinnen, auch das Regal, damit ich innen Platz für die Pflanzen habe. Mein Balkon ist jetzt leer und öde. Bevor ich allerdings meinen Balkon verliess, stand ich noch eine Minute darauf, ich streichelte noch ein bisschen die Tür, das Geländer, den Boden und die Wände und seufzte. Ich seufzte, ob des Sommers, der nun wirklich SEHR GROSS war, ich seufzte, ob der Winde, die jetzt losgelassen werden, ich seufzte ob des Herbstes, der ja immer ein wenig wie Sterben ist, ich seufzte ob der schwindenden Sonne und der schwindenden Wärme.

Hätten Sie nicht gedacht, dass ich so sentimental, so sensibel, so gefühlvoll und sinnlich bin?

Ich bin halt ein vernünftiger Mensch.











Dienstag, 29. September 2015

Winterkorn TUT ES LEID

Mein Grossvater arbeitete bei der Reichsbank. Wie alle, die nicht in einer Bankfiliale, sondern bei einer Zentralbank, bei der Bundesbank, bei der Reichsbank, bei der EZB, also nicht am Schalter und der Kasse, sondern im Büro schaffen, hatte er nicht permanent mit echtem Geld zu tun. Er verschob, kaufte und verkaufte, er registrierte und verteilte zwar Geld, aber das meiste eben auf dem Papier. Die Möglichkeit, echtes Geld in die eigene Tasche zu stecken, war also gering. Wenn aber – und das geschah doch auch immer wieder – doch echtes Geld im Spiele war, war es viel, war es sehr viel. Eine heikle Sache ist z.B. die Vernichtung von abgelaufenen, von ungültigen Geldscheinen, die durch neue ersetzt werden sollen. Hier kann ein labiler Charakter ins Wanken kommen. Mein Opa war nun ein stabiler Charakter, aber ein Kollege von ihm erlag der Versuchung und schaffte 10.000 RM auf die Seite, er machte - so sagten die Banker früher - „Tote wieder lebendig“.
Dummerweise wurde der gute Mann erwischt. Und dann tat er das Einzige, was in seinem Fall noch Sinn machte: Er stellte sich vor den Chef, die Polizei, vor den Staatsanwalt und die Öffentlichkeit und sagte die magischen Worte
ES TUT MIR LEID
Also, es sagte es nicht einfach so, er sagte es mit warmer, leidender Stimme, mit Tremolo und Tränchen im Auge, er sagte es mit weihevoller Reue und aufrichtiger Scham, er sagte es so, dass die Herzen schmelzen und die harten Sinne weich werden mussten, er sagte so schön
ES TUT MIT LEID
dass er sofort begnadigt wurde, freigesprochen, er wurde in den Ruhestand versetzt , ihm schon mit 45 Jahren seine erste Rente ausbezahlt und er lebte noch lange in Frieden.

Der erste Teil der Story ist wahr. Der zweite ist es nicht.
Wäre auch noch schöner. Ich baue so grob Scheisse (s.v.v.) und dann stelle ich mich hin und sage
ES TUT MIR LEID
?

Aber genau das hat der werte Herr Winterkorn jetzt getan. Er hat
ES TUT MIR LEID
gesagt.  Also, es sagte es nicht einfach so, er sagte es mit warmer, leidender Stimme, mit Tremolo und Tränchen im Auge, er sagte es mit weihevoller Reue und aufrichtiger Scham, er sagte es so, dass die Herzen schmelzen und die harten Sinne weich werden mussten, er sagte
ES TUT MIT LEID
und dann trat er zurück und bekommt ein paar Milliönchen Pension.

Sind wir eigentlich noch ganz bei Trost? 
Lassen wir diesen Halunken wirklich springen? 
Der Opakollege hatte etwas Schlimmes gemacht, aber er hatte dennoch nur die Inflation angetrieben. Winti hat einen gesunden Konzern an die Wand gefahren, er hat die VW-Aktie in den Marianengraben gesenkt, er hat dem DAX einen 9/11 beschert und made in Germany wieder zu dem gemacht, was es einmal war: Der Hinweis auf einem Makel. (Als England Ende des vorletzten Jahrhunderts die Länderkennzeichnung einführte, bedeutete made in Germany nämlich noch, dass das Produkt eine billige Imitation vom Festland und nicht ein qualitativ hochwertiges britisches Produkt war.)
Lassen wir Winti wirklich mit einem
ES TUT MIR LEID
gehen?

Was tut ihm eigentlich leid? Dass er so viel Mist gebaut hat – dass er von der Sache nichts wusste, was er sagt, dass glaubt sowieso kein Mensch – und so grossen Schaden angerichtet hat? Oder tat ihm leid, dass er erwischt wurde? Dass man die Manipulation gemerkt hat? Was bedeutet das
ES TUT MIR LEID
?

Der Kollege meines Opas kam natürlich sofort in U-Haft. Und das war 1930 eine relativ unschöne Sache: Enge Zellen, feucht, stinkend und kalt. Und in dieser U-Haft schaffte er es, sich das Leben zu nehmen. Durch diesen Trick, Suizid VOR der Verurteilung rettete er für seine Familie die Pension.

Winti muss sich nicht unbedingt umbringen.
Aber er sollte in den Knast.
Ich kann es nicht netter sagen,
TUT MIR LEID.




Freitag, 25. September 2015

Wer bin ich? Wir sind alle ein bisschen Bluna.

Beim so genannten post it-Spiel bekommen die Teilnehmer eines dieser gelben Klebezettelchen auf die Stirne gepinnt und müssen herausfinden, wer sie sind. Dabei dürfen nur Fragen gestellt werden, die mit JA oder NEIN zu beantworten sind, wie z.B. „Bin ich ein Mann?“, „Bin ich berühmt?“ „Bin ich tot?" oder „Bin ich ein Deutscher?“ Das Spiel ist eine philosophisch heikle Sache, da es die Menschen in den Glauben irreführt, die entscheidende Frage nach dem Sein liesse sich durch Ja-Nein-Entscheidungen herbeizaubern. Die entscheidende Frage nach dem Sein beruht ja gerade auf Ja-Jein-Nein-Ichweissnicht-Konstellationen.

Klarere Fronten herrschen da beim App-Spiel AKINATOR. Hier denken Sie sich eine Figur aus und die Maschine fragt danach. Während beim post it-Spiel man schnell weiterkommt, wenn man gezielt einkreist, also z.B. erst Kontinent, dann Land, dann Region, dann Stadt, fängt der AKINATOR, gezeichnet als kitschiger „Geist aus der Flasche“, irgendwo an und fragt dann in wildesten Sprüngen. Er hat nämlich einen Algorhythmus, der sich merkt, wie Fragen in der Vergangenheit mit anderen Fragen zusammenhingen.  Im obigen Beispiel käme, hätte man Mann, berühmt, Deutscher und tot jeweils mit ja beantwortet auf jeden Fall die Frage: „Hat Ihre Figur Juden vernichtet?“ Akilein unterstellt hier nicht allen Deutschen, Antisemiten zu sein, nein, die Kombi tot/deutsch/Mann/berühmt kam halt am meisten bei Hitler vor, der wird nämlich ständig von irgendwelchen Deppen eingegeben. Oder steckt doch mehr Weisheit in der Maschine?

Wer bin ich? Wer sind wir?
Die entscheidende Frage unseres Lebens, immer wieder gestellt, immer wieder diskutiert und eigentlich nicht wirklich beantwortet.

Wer bin ich? Wer sind wir?
Hielt und hält man die Augen offen, bekam und bekommt man eine Fülle von Antworten geliefert, die einen aber meistens in ein gewisses Erstaunen versetzten und versetzen.

DU BIST DEUTSCHLAND
prangte es vor etlichen Jahren von den Plakatwänden zwischen Flensburg und Garmisch. Sorry? Ich bin schon das ganze Land? Und mein Kumpel Pit ist dann Dänemark und Heiko ist Japan? Spielen wir gerade RISIKO? Ausserdem wurde das Plakat auch von Türkischen Einwanderern, Afrikanischen Asylbewerbern und Chinesischen Touristen gelesen. Alle waren Deutschland, wobei es mich für die beiden ersten Gruppen ja freute.
Nein, als Komplettlösung war der Slogan nicht ganz brauchbar.

ICH BIN VAUDOISE
ICH BIN ZYTGLOGGE
Gut und schön, es wäre zwar toll eine ganze Versicherung zu sein – her mit der Kohle – aber auch das ist nicht die Antwort, und eine Haltestelle – der Spruch entstammt nämlich einer Kampagne des libero, des Bernisch-Solothurnischen Verkehrsverbundes – will ich schon gar nicht sein. Ich möchte nicht, dass man auf mir herumtrampelt, mich mit Füssen tritt, nur bei mir ist, weil man von mir weg will und mich zum Ein- und Aussteigen benutzt.

SIND WIR NICHT ALLE EIN BISSCHEN BLUNA?
Das allerdings gefiel mir, ich bin gelb, fruchtig, süss und unglaublich sprudelnd, sprudelnd vor Witz und Charme und sprudelnd vor Intelligenz und Kreativität. Entscheidend ist aber das BISSCHEN, wir sind alle ein bisschen fruchtig und ein bisschen süss, und daher auch ein bisschen herb und ein bisschen bitter.
Vielleicht liegt aber die Lösung in der Kombination:

Ich bin Zyglogge, du bist Deutschland und wir sind alle ein bisschen Bluna.
Ich bin Rübe, du bist Sahne und wir sind alle ein bisschen Suppe.
Ich bin Bein, du bist Schulter und wir sind alle ein bisschen Topmodel.
Ich bin Chinese, du bist Türke und wir sind alle ein bisschen Migration.
Ich bin hier, du bist da und wir sind alle ein bisschen Haltestelle.

Wer sind wir? Wer bin ich?
Fest steht, die Fragen sind heikel und postit, AKINATOR und Werbeagenturen haben noch nicht die entscheidenden Antworten. Fest steht aber auch, dass postit, AKINATOR und Werbung mehr Spass machen als Sartre, Heidegger und Kant – die ja die wirkliche Lösung auch noch nicht fanden…

Lassen wir doch zum Schluss Tom Tykwer sprechen: In seinem unnachahmlichen Film Lola rennt fährt zu Beginn die Kamera über eine Menschenmenge und zoomt immer wieder auf Einzelne. Dazu philosophiert eine Off-Stimme über den Menschen und das Menschsein, bis Armin Rohde die klärenden Worte spricht:

Ball is rund, Spiel jeht 90 Minuten.
Alles andre is Theorie…  

Montag, 21. September 2015

Asyldrama - ein Gesellschaftsspiel für jeden

Asyldrama® – ein Spiel für die ganze Familie

Asyldrama® ist das neue Spiel von FRIEDRICHSHAFENER®, mit dem man nicht nur eine Menge Spass hat, sondern auch entscheidende Dinge über die Welt und die Menschen lernt. Schon nach ein paar Runden Asyldrama® kennt der junge Mensch nicht nur den Balkan in- und auswendig, sondern auch die politischen Winkelzüge.

4-6 Spielerinnen und Spieler

Inhalt: 1 Spielbrett (Karte Südosteuropa), 50 Flüchtlingskarten (a 1000, 2000 und 5000 Flüchtlinge), 120 Bewegungskarten, 40 Ereigniskarten, 1 Würfel mit Zahlen, 1 Würfel mit Aktionen, 60 Zaunmodule, 6 Länderkarten

Ziel des Spieles: Das Ziel des Spieles ist es, möglichst viele Asylanten entweder vom eigenen Land abzuwehren oder in ein Nachbarland zu verschieben. Gewonnen hat, wessen Land keine Flüchtlinge mehr aufweist.

Spielvorbereitung: Jede(r) Spieler(in) zieht verdeckt eine Länderkarte. (Achtung bei 4 oder 5 Personen darauf schauen, dass die Länder gemeinsame Grenzen haben)
Darauf erhält jede(r) 40.000 Flüchtlinge, 20 Bewegungskarten und 10 Zaunmodule.

Es wird im Uhrzeigersinn gespielt. Der/die Jüngste beginnt.
Ein Spielzug gestaltet sich folgendermassen: Man würfelt mit dem Aktionenwürfel eine Aktion aus. Dann würfelt man mit dem Zahlenwürfel eine Anzahl und führt die Handlung aus.
Hier eine Übersicht:

Symbole auf dem Würfel (je 2x)
Aktion
Zaun
Gemäss der gewürfelten Zahl X dürfen an einer beliebigen Grenze X Zaunmodule aufgebaut oder verschoben werden, allerdings alle am Stück.
Eisenbahn
Gemäss der gewürfelten Zahl X dürfen unter Einsatz der Bewegungskarten Xtausend Flüchtlinge in Richtung oder ins Nachbarland verschoben werden. An der Stelle, wo die Strecke das Nachbarland trifft, darf aber kein Zaun stehen.
Ausrufezeichen
Ereigniskarte ziehen (s.u.) und die Handlung durchführen.
KEINE ZAHL WÜRFELN!

Ereigniskarten:

Die Ereigniskarten teilen sich in vier Kategorien auf:
a) Flüchtlingsaufnahme: Durch verschiedene dumme Zufälle sind weitere Asylanten ins Land geraten. Der/die Spieler(in) muss entsprechend viele Asylantenkarten neu aufnehmen.
b) Zaunzerstörungskarten: Flüchtlinge haben den Zaun an einer Stelle kaputtgemacht. Er/sie muss Zaunmodule entfernen
c) Asylanten sind getötet worden. (Totgetrampelt, aus dem Zug gefallen, durch Nazis etc.) Man darf die entsprechende Menge an Karten wieder auf den Stapel legen.
d) Es kommt zu Geldknappheit, Regierungskrise oder einer internationalen Konferenz. Der/die Spieler(in) muss 1-2 Runden aussetzen.

Und nun viel Spass bei Asyldrama®, dem neuen Spiel der FRIEDRICHSHAFENER®
Ein spannendes und lehrreiches Spiel für die ganze Familie.