Dienstag, 5. November 2024

Wahlen und Unregelmässigkeiten

Bei jeder Wahl und bei jeder Abstimmung kommt es zu «Unregelmässigkeiten» – das ist gar nicht zu vermeiden.

Ein Freund von mir zog vor vielen, vielen Jahren, als die LINKE noch eine wilde und neue Partei war, in ein sehr konservatives und sehr biederes Quartier. In der nächsten Bundestagswahl wählte er die LINKE. Nun gab es in Deutschland die etwas heikle Gepflogenheit, dass die Ergebnisse pro Wahllokal veröffentlicht wurden – ich weiss nicht, ob das heute noch so ist, ist aber doof, wenn man als Neuling in ein Dorf zieht und dann etwas wählt, was noch nie genommen wurde, dann weiss jeder, es war der neue, aber ich schweife ab… Jedenfalls hatte die LINKE in der Aufstellung 0 Stimmen – heisst de facto, man hatte seine Stimme einfach weggeworfen: Zu peinlich für ein biederes und konservatives Quartier, zu schrecklich in einem Wohnviertel, in dem die CDU auf 90% kommt.

Bei jeder Wahl und bei jeder Abstimmung kommt es zu «Unregelmässigkeiten» – das ist gar nicht zu vermeiden.

Im Frühherbst 2016 nahm ich an einer Vereinsversammlung teil, in der sehr delikate Dinge besprochen und entschieden werden sollten. Man konnte hier nicht einfach so erscheinen, man musste seine Mitgliedschaft nachweisen, sprich, man musste auf einer Liste eingetragen sein und erhielt eine Stimmkarte, die man in die Höhe strecken musste. Bei der ersten Abstimmung (Tagesordnung) bemerkten wir, dass der Mann in der Reihe vor uns eine gefälschte Pappkarte in den Raum hielt. Wir nahmen sie ihm weg. Wie er sich hineingeschmuggelt hatte, blieb ein Rätsel…

Bei jeder Abstimmung, bei jeder Wahl kann es zu Dingen kommen, die nicht ganz «korrekt» und ganz «regelmässig» laufen.

Was würden Sie von einem Land halten, das mit -stan endet und bei dem während in dessen Hauptstadt es zu einem totalen Chaos kommt? Was würden Sie von Allistan, Paaristan oder Garnixstan, wenn in Allistan, Paaristan oder Garnixstan nicht einmal in der HAUPTSTADT ordentlich gewählt. Wenn zum Beispiel – um so etwas einmal völlig aus der Luft zu greifen – es zu wenig Wahlzettel hat, die Wahllisten an den falschen Orten sind, und zudem in der ganzen Metropole ein Marathon stattfindet, der einen Transport zusätzlicher Wahlzettel und Listen unmöglich macht? Nun, das ist passiert, aber nicht in Allistan, Paaristan oder Garnixstan, sondern in Berlin.
Gut, ich könnte jetzt, an den letzten Post anknüpfend und fröhlich feixend sagen, in Frankfurt wäre das nicht passiert, mache ich aber jetzt nicht.

Bei jeder Wahl… Sie wissen es.
Man findet also immer, stets und alleweil ein Haar in der Suppe, man findet immer etwas, was nicht läuft, man findet eine Störung.

Welche Auswirkungen hatten nun die Unregelmässigkeiten, die ich beschrieben habe?

Die LINKE kam damals in den Bundestag, und zwar durch drei Direktmandate, es war also völlig wurscht, ob sie 2,9%, 3,4%, ob sie 4,9% oder 5,2% erhält. Dass die Stimme meines Kumpels verschwand, war sehr ärgerlich, hatte aber auf die Zusammensetzung des Bundestages keinen Einfluss.

Welchen Einfluss hatte die gefälschte Stimmkarte? Vielleicht waren es sogar noch mehr, man weiss es ja nicht, wer da alles noch zurechtgeschnittene Pappkarten in die Luft hielt. Fest steht, «unsere» Seite hatte, das zeigte die erste Abstimmung über die Tagesordnung schon ganz klar, eine satte Mehrheit von circa 30 Stimmen, da konnte man noch so viele Kärtchen in die Luft halten.

Und was war in Berlin? Man schämte sich. Man schämte sich noch mehr. Man schämte sich bis zum Äussersten – und liess dann nachwählen. Ja, die Wahl wurde in einigen Berliner Wahlkreisen wiederholt, und sie änderte an der Zusammensetzung des Bundestages nix. Gar nix.

Bei jeder Wahl wird man nun etwas finden, was nicht lief, aber in 99,9% der Fälle ist das ein kleines, kleines, kleines Haar in der Suppe, das am Ausgang der Wahl nichts ändert.

Folgende Dinge müssen aber noch gesagt werden:

Wenn in Allistan, Paaristan oder Garnixstan ein Ergebnis von 54% zugunsten des seit 40 Jahren autoritär regierenden Präsidenten herauskommt, sind wir sehr schnell dabei, mit der Opposition «Wahlbetrug!» zu rufen. Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass die Menschen ihren Präsidenten wiedergewählt haben. Und zwar aus einem Grund: Es geht ihnen wirtschaftlich gut. Seit 40 Jahren. Also macht man keine Experimente. Mal ganz ehrlich, sagt sich der Bauer in den Weiten von Allistan, Paaristan oder Garnixstan, soll ich weniger Fleisch und Konfitüre auf dem Teller haben, nur weil ein paar Schwule sich unterdrückt fühlen? Oder weil meine Leserbriefe zensiert werden? Schwule hat es nur in der Hauptstadt, und schreiben tue ich eh nicht (das letzte Mal in der Schule).
Man kann es auch so sagen:
ERST KOMMT DAS FRESSEN, DANN KOMMT DIE MORAL.

In den USA ist es schwieriger.
Das absolut kafkaeske Wahlsystem begünstigt die Fälle, in denen eine ganz kleine Gruppe entscheidet. Wenn es hart auf hart kommt, hängt es an EINEM County. Das war – Achtung, bitte! – 2020 nicht der Fall.
Eher der Fall war es 2004, als die Sache nur an Florida hing. Und hier kam nun der Vorwurf des Wahlbetruges von linker Seite.
Ja.
Ja.
Ja, lieber von mir sonst so verehrter Herr Michael Moore, mit der Idee, die Wahl 2004 sei «gestohlen» und mit deiner Weigerung Bush «President» zu nennen, hast du uns einen Bärendienst erwiesen. Die Idee von gestohlenen Wahlen überhaupt in die Welt zu setzen, war verkehrt.

Bei jeder Wahl und bei jeder Abstimmung kommt es zu «Unregelmässigkeiten» – das ist gar nicht zu vermeiden.
So wünsche ich den USA ein EINDEUTIGES Ergebnis, ein Ergebnis, bei dem man das eine Foto, auf dem ein Wahlhelfer einen Stimmzettel zerreisst, getrost weglassen kann…





 

Freitag, 1. November 2024

Herbstreise (4): Frankfurt wäre DIE Hauptstadt!

Zum Abschluss der Herbstreise-Posts möchte ich nochmal einen Seufzer tun, den ich schon ein paar Mal getan habe:

Es ist jammerschade, dass Frankfurt nach der Wende nicht Hauptstadt geworden ist.

Mit der Wende, mit dem Mauerfall war es ja klar, dass für Bonn die Endzeit eingeläutet wurde. Es war zu klein, es war zu schnuckelig, es war zu sehr Mini-Stadt, es hatte zu wenig Wohnraum, zu wenig Anbindung, zu wenig Bekanntheitsgrad und zu wenig…
Nachtleben.
Ja, es ging sogar der Spruch von der B(undeshauptstadt) O(hne) N(ennenswertes) N(achtleben). Denn einerseits braucht man für ausländische Gäste, für Präsidenten und Diktatoren Cabarets, Strip-Schuppen und Bars, anderseits brauchen die (männlichen) Abgeordneten, die ja fern von ihren Gattinnen leben, schlicht und einfach genügend Prostitution. So simpel ist das. Und so verlogen ist die Diskussion zurzeit, die man – wieder einmal! wieder einmal! wieder einmal! – über die Prostitution führt. Man möchte hier jedem Redner übers Maul fahren, denn warum sind die werten Herren nach Berlin gezogen? Um genügend Nutten zu haben.
Bonn war also out – und Berlin war in.

Dabei wäre es so schön gewesen, Frankfurt am Main zur Hauptstadt zu küren.
Es ist jammerschade, dass Frankfurt nach der Wende nicht Hauptstadt geworden ist.

Schon allein die Verkehrsfrage hätte hier den Ausschlag geben müssen. Wir haben das erlebt, Frankfurt war als perfekter Knotenpunkt Ausgangsbasis für Ausflüge nach Mainz (Neue Synagoge und Chagall-Fenster), Wiesbaden (Museum Reinhard Ernst – ein absoluter Tipp!), Darmstadt (Mathildenhöhe – UNESCO-Erbe) und Bad Nauheim (Sprudelhoftherme, ein wenig Relaxen muss ja auch sein…).
Und vom Fliegen will ich gar nicht reden. Vom Fliegen will ich gar nicht reden. Man wundert sich ja stets am Main über die Massen von Asiaten, die in der Stadt herumschlurfen. Man wundert sich solange, bis man begreift, dass sie natürlich nicht da rumschlurfen, um FRANKFURT anzusehen, sondern weil sie schlicht und einfach dort landen, weil sie ihren Deutschlandtrip (ganze BRD in 5 Tagen) eben am Rhein-Main-Flughafen beginnen und auch dort beenden.
Gut. Berlin hat inzwischen (nach gefühlten 50 Jahren) auch seinen Airport, aber FRA ist halt auf der Liste (nach Passagieren) auf Platz 6 in Europa, und BER ist sonstwo. Punkt.

Es ist schade, dass Frankfurt am Main nicht Hauptstadt ist.
Sehr schade.

Frankfurt wäre selbstverständlich auch noch aus einem anderen Grunde prädestiniert:
Geld.
Money.
Dass Geld die Welt regiert, dass Money makes the World go around, dass zum Golde alles drängt und am Golde alles hängt, dass die Banker und Broker die wahren Könige sind, das ist ja eine Binsenwahrheit. Und das Geld sitzt halt in Frankfurt, man muss ja nur auf die Skyline schauen, die der Stadt den Spitznamen «Mainhatten» verliehen haben, da ragen die Zentralen der Deutschen Bank, der Commerzbank, der Sparkassen, der Allianz und der IHK in den Himmel, und ein bisschen verschämt abseits finden wir dann auch noch die Deutsche Bundesbank und die Europäische Zentralbank mit ihrer manchmal inkompetenten, aber immer, immer, immer und stets und alleweil exzellent gekleideten Chefin.
Und wenn man in die Oper geht, dann blickt man die ganze Pause aus dem Fenster auf ein überlebensgrosses Euro-Denkmal, das einem die Rangordnung schon klar macht.
By the way: Die Aufführung, die wir besuchten (Händels «Hercules», Cummings/Kosky) war derart fantastisch, dass man sagen muss, dass die Oper Frankfurt jedes der drei Berliner Häuser in die Tasche steckt.

Dass Frankfurt nach dem Mauerfall nicht Hauptstadt wurde, ist eine üble Sache.
Frankfurt am Main wäre eine tolle Kapitole geworden.

Aber neben den Themen genügend Verkehrsanbindung, genügend Geld, genügend Kultur, (genügend Nutten…), wäre doch das Entscheidende gewesen, dass Frankfurt noch ein anderes Signal gewesen wäre:
1848 traf sich in der Paulskirche das erste gewählte Parlament Deutschlands. Frankfurt hätte also bedeutet, man knüpft an eine gute, alte, schöne demokratische Tradition an und lässt Berlin mit seinen monarchistischen und autoritären Zeiten hinter sich. Paulskirche statt Reichstag! Natürlich wäre das Gebäude für das jetzige Parlament viel zu klein. Aber die Grösse des Bundestages ist ja eh ein Thema, die BRD leistet sich eine der riesigsten Versammlungen der Welt, wäre ganz nett, wenn man genügend Geld hätte, aber genau das hat man ja gerade nicht…

So. Das war mein Gejammer für heute.
Und das waren meine Gedanken, die durch die Herbstreise inspiriert waren.
Inzwischen stecke ich schon längst wieder in der täglichen Arbeit und auch der Blog wird sich wieder dem «Tagesgeschäft» zuwenden.

Dienstag, 29. Oktober 2024

Herbstreise (3): Bis zur Stadtgrenze

Ich schaue mir gerne Strassenbahn-, Bus-, U-Bahn-, S-Bahn- und ähnliche Pläne an.
Das hat natürlich einerseits Gründe des Fort- und Weiterkommens. Mein Hotel liegt direkt am HBF, das Schwimmbad, das jeden Tag ab 6.30 auf mich wartet, liegt am Südbahnhof. Wie diese Distanz überwinden? Mit Regionalzug? Mit der S-Bahn? Mit der U-Bahn? Mit dem Tram? Sie werden nun lachen, nach ausgiebigem und ausführlichem und eingehendem Studium der Pläne kam ich darauf, dass die Strassenbahn die beste Variante ist: Die Regionalzüge fahren direkt, aber selten, die S-Bahn fährt oft, nimmt aber einen Riesenumweg über die Konstablerwache und die U-Bahn geht nur, wenn man an der Oper umsteigt. So ist die Linie 16 der Strassenbahn die beste Lösung.

Ich schaue mir aber auch manchmal einfach so die Pläne an. Das ist natürlich etwas nerdig und autistisch, etwas nutzlos und blöd, aber mal ganz ehrlich: Wenn ich nun 20 Minuten auf TikTok wäre, und wenn ich dort 100 kurze Videos angucken würde, dann wäre das genauso doof, würde aber keinen wundern.

Der Plan also. Ich studiere die Tram- und Buslinien, lerne die U-Bahnen auswendig, lese die S-Bahnen und suche nach Schiffen und Bergbahnen. (Randbemerkung: Hier bin ich also schon ein echter Schweizer, aber natürlich gibt es im Rhein-Main-Gebiet keine Bergbahnen und keine Schiffsrouten – warum eigentlich, Wasser wäre ja da und der Taunus auch, aber wir schweifen ab…) Und während ich nun also die Buslinien und die Trams studiere und die U-Bahnen auswendig lerne und die S-Bahnen lese, da fällt mein Blick auf zwei erstaunliche Endhaltestellen der Strassenbahnen:

Offenburg Stadtgrenze
Neu-Isenburg Stadtgrenze

Die Strassenbahn fährt also scheinbar genau bis zur Markierung zwischen den Gemeinden Frankfurt am Main einerseits und den Gemeinden Offenburg und Neu-Isenburg.
Was mag das für Gründe haben?

Vielleicht – so vermutet der Märchenmensch in mir – gibt es einen magischen Kreis, einen Kreis, der an der Stadtgrenze endet, und wenn man diese magische Grenze überschreitet, dann passiert Schreckliches, dann zittert der Himmel und bebt die Erde, dann holt einen der Teufel, weil man nur bis zur Grenze durfte, so wie der Teufel bei Ramuz ja dem Soldaten eingeschärft hat, die Landesgrenze nicht zu überschreiten:

Ja, so weit ging alles gut.
Aber nun seid auf der Hut!
Bis zur Grenze, dann gebt Acht!
Seid sonst neu in meiner Macht!
Geht nicht zu weit! Sonst, Freund, ich wett
Muss Madame erneut ins Bett.
Und was euch betrifft, Herr Prinzgemahl:
Auch die Geduld des Teufels reisst einmal!
Schlepp ihn stracks hinab zur Höll,
Brat am Spiess ihn auf der Stell.

Nun, aber so eine magische und mythische Erklärung ist doch – und hier muss ich dem Märchenmenschen in mir widersprechen – sehr unwahrscheinlich. Es würde kein Monster und kein Teufel auf mich lauern, wenn ich die Stadtgrenze überschritte.

Wenn man Frankfurter, echte Frankfurter, gestandene Einheimische und wirkliche Hiesige befragte, würden die Frankfurter, die echten Frankfurter, die gestandenen Einheimischen und die wirklichen hiesigen eine klare Antwort abgeben: Es ist erstaunlich, dass die Strassenbahn überhaupt so weit fährt. Was soll der Mensch in Neu-Isenburg? Was soll der Mensch in Offenbach? Echte Frankfurter, die gestandenen Einheimischen haben eine eindeutige Meinung: dreckig, hässlich, wüst, unnötig, kriminell, scheusslich, einfach die unschöne kleine Schwester, die Lea mit den «blöden Augen», die Widerspenstige, die nicht zu zähmen ist, ein Rattenloch, eine Schlangengrube.
Die gleiche Ansicht – mit etwas anderen Worten – würden auch Mannheimer über Ludwighafen abgeben.
Und viele andere Städte über die Orte, an denen man die notwendige Industrie angesiedelt hat, die man in der eigenen Gemeinde nicht haben wollte. Oder das Klärwerk. Oder das Gefängnis. Oder die Müllverbrennungsanlage.

Der Grund für das Das-Tram-fährt-bis-zur-Stadtgrenze ist aber viel einfacher:
Man konnte sich bisher nicht über die Kosten einigen. Auch dieses Spiel ist ein sehr altes, wir haben das in Basel auch schon x-mal erlebt und erleben es noch. Die eine Stadt ist das Zentrum, die Mitte, in der man einkauft, arbeitet, Kultur und Freizeit erlebt. Die anderen Gemeinden sind die Wohn- und Schlafgemeinden. Diese erwarten nun von der grossen, das sie gefälligst die Infrastruktur zahlt, denn sie habe ja auch die Einnahmen. Das Zentrum, die Mitte sieht das genau anders, die Leute würden ja billig im Umland wohnen, nun könnten diese Gemeinden ja auch das Tram zahlen…
Und so streitet man sich.
Und streitet.
Und streitet.
Bis man sich – meistens – auf 50% / 50% der Kosten einigt.
Aber so ist der Mensch.

Nein, ich habe es nicht zu beiden Grenz-Haltestellen geschafft. Obwohl ich das sehr gerne getan hätte: Nicht nur auf dem Plan die Tramlinien abfahren, sondern in Wirklichkeit.



 

 

 


 

 

 

Freitag, 25. Oktober 2024

Herbstreise (2): Es lebe die App!

Es ging auf die Schwäbische Alb.
Es ging nach Frankfurt.
Es ging zunächst Bad Waldsee – Aulendorf – Herbertingen – Albstadt – Balingen
Dann ging es Stuttgart – Heilbronn – Heidelberg – Frankfurt.
Und von Frankfurt aus in mannigfaltige Richtungen…
Hierbei – und nun muss man dem 21. Jahrhundert auch einmal ein Kränzlein winden – sind gewisse Apps von grösstem Nutzen.

Mein Vater plante alles mit dem Bundesbahn-Kursbuch. Das Kursbuch war eigentlich eine wunderbare Sache, wenn man über zwei bestimmte Voraussetzungen verfügte: Man musste Muskeln und Zeit haben.
Die Muskeln brauchte man, um den Wälzer aus dem Regal zu heben. Denn das Ding, das ja sämtliche Eisenbahnfahrpläne der Deutschen Bundesbahn enthielt (damals noch ohne die Strecken im Osten…), war schwer. Kennen Sie die Bildbände des Taschen-Verlages? Das Kursbuch übertraf jene an Gewicht. Kennen Sie die leder- und metalleingebundene Grosymus-Bibel aus der Bibliothek St. Anton? Das Kursbuch brachte mehr auf die Waage. Kennen Sie die neue Goethe-Gesamtausgabe? Das Kursbuch war sperriger.
Zeit brauchte man, um mit dem Ding umzugehen. Man musste erst in einer der 45 Streckenkarten die Linie 341, 342 oder 357 eruieren, um dann wild hin- und herblätternd die betreffenden Linien zu begutachten. Stets musste man dabei auf Buchstaben wie a), b), c) usw. oder A, B, C usw. achten. Niemand hat das schöner beschrieben als Eugen Roth:

Ein Mensch ist der Bewundrung voll:
Nein, so ein Kursbuch einfach toll!
Mit wieviel Hirn ist es gemacht:
An jeden Anschluss ist gedacht.
Es ist der reinste Zauberschlüssel
Ob München - Kassel, Bremen - Brüssel,
Ob Bahn, ob Omnibus, ob Schiff,
Man findet's leicht auf einen Griff!
Dabei sind auch noch Güterzüge
In das verwirrende Gefüge
Des Fahrplans fleissig eingeschoben!
Die Bahn kann man genug nicht loben.
Der Mensch in eitlem Selbstbespiegeln,
Rühmt sich, dies Buch mit sieben Siegeln
Zu lesen leicht, von vorn bis hinten,
Trotz seiner vielbesprochnen Finten.
Schon fährt der Mensch nach Osnabrück
Und möcht am Abend noch zurück:
Und sieht, gedachten Zug betreffend,
Erst jetzt ein kleines f, ihn äffend;
Und ganz versteckt steht irgendwo:
"f) Zug fährt täglich außer Mo."
Der Mensch, der so die Bahn gelobt,
Sitzt jetzt im Wartesaal und tobt.
Und was er übers Kursbuch sagt,
Wird hier zu schreiben nicht gewagt.

Ganz schwierig wurde es dann mit den Busverbindungen. Denn das BAHN-Kursbuch war ja ein BAHN-Produkt und enthielt BAHN-Züge und BAHN-Busse. Also nicht die Busse der Post und der ca. 20000 örtlichen, regionalen und privaten Busunternehmen. Wenn man nun von Tuttlingen (wo einen das Kursbuch hinführte) nach Trossingen mit einem Bus der Südbaden-Bus GmbH weiterfahren wollte, hatte man keine Chance. Ich selbst habe einmal im Bahnhof Tuttlingen angerufen und den Schalterbeamten darum gebeten, seinen Platz zu verlassen und auf Bussteig 1, der 15 Meter Luftlinie von ihm entfernt war, nachzusehen, ob am Samstag ein Bus in die Hohnerstadt führe. Was er natürlich brüsk ablehnte und ich doch mit meinem Mitsubishi fuhr…
Brauchte man nun eine Verbindung, die einen Hinweg ZUM Abfahrtsbahnhof und einen Weg VOM Zielbahnhof zum Zielort enthielt, war man aufgeschmissen.

Hier muss man nun die vielen Apps, die vielen Internetseiten, die vielen Möglichkeiten einfach loben. Eine Tour wie am Freitag, den 11. Oktober wäre früher praktisch nicht denkbar gewesen: Wir reisten über Friedberg nach Bruchenbrück-Görbelheimer Mühle, wo sich Edition & Galerie Hofmann befindet (übrigens ein herrliches Areal mit Ausstellungsräumen), dann ging es von Bruchenbrück-Görbelheimer Mühle über Friedberg nach Bad Nauheim in die Therme, die Sprudelhoftherme. Alles easy und bequem vom Handy aus geplant. Mit der DB-App.
Bitte nicht lachen!
Die App ist immer zuverlässig. Die Bahn ist es nicht.

Aber um es noch einmal ganz klar zu sagen, liebe Ü-60er und Ü70er und Ü80er:
FRÜHER war nicht alles besser.
Früher war NICHT alles besser.
Früher war nicht ALLES besser.
Und wenn Sie der Ich-hole-das-Kursbuch-Fitness und dem Wie-schön-ich habe-eine-Abendbeschäftigung nachtrauern:
Ihre Muskelübungen könnten sie auch mit Brennholz machen, wäre besser als Erdgas.

Und als Abendbeschäftigung könnten Sie ja auch mal ein Gesellschaftsspiel machen.

 

Dienstag, 22. Oktober 2024

Herbstreise (1): Auf der Alb

Wie nach jeder Reise von mir werde ich Ihnen ein bisschen berichten, werde ein wenig erzählen, und ich werde die jeweiligen Stationen nutzen, um dann eine Portion ins Allgemeine aufzuholen.

Nun, die erste Station auf der Reise war ein Dorf auf der Schwäbischen Alb. Das ist jetzt schon verkehrt, denn eigentlich war es die zweite Station. Die erste Station – ich schrieb darüber – war unsere Jugendunterkunft in Bad Wurzach. Nun kann man natürlich denken, dass das Dorf auf der Schwäbischen Alb so etwas wie ein Angewöhnungs-Szenario darstellte, denn später ging es immerhin nach Frankfurt. Und ein wenig war es auch so: Wenn man eine Woche in völliger Abgeschiedenheit verbracht hat, auf einem so einsamen ehemaligen Bauernhaus, dass sogar das Taxiunternehmen vom Nachbar Ort Bad Waldsee die Adresse kaum fand (Unterhub 1), dann ist ein Dorf mit 1000 Einwohnern schon ein Kulturschock, ein Faktor Tausend, der dann durch einen Faktor 800 abgelöst wird. Man stelle sich vor, jemand ginge vom Unterhub direkt an den Frankfurter HBF, er würde das nicht verkraften…
Der wahre Grund für die Schwäbische Alb war aber ein Verwandtenbesuch.

Die Schwäbische Alb also.
Für alle, die in den Geographiestunden immer geschwänzt haben: Die Alb liegt südlich von Stuttgart und nördlich vom Bodensee und gehört zum riesengrossen Felsengarten des Jura, der sich ja praktisch von Frankreich bis Franken erstreckt. Die Juraböden haben eine Eigenschaft: Sie sind für die Landwirtschaft nicht geeignet. Macht nix, wenn man Wanderer ist, da erfreut man sich an den typischen Wacholdersträuchen und an den Schafherden (die es für den Wacholder braucht, denn die Schafe fressen das Gras, das den Wacholder ersticken würde, ihn selbst verschmähen sie). Macht sehr viel, wenn man Bauer ist, weil dann die Familie arm ist und arm bleibt. Die Albschwaben haben nun drei Strategien entwickelt, mit dieser Armut umzugehen:

Erstens: Auswandern.
Im vorigen Jahrhundert haben so viele das Land verlassen, dass man weder in Florida noch in San Francisco irgendwo hingehen kann, ohne auf einen Häberle, Pfleiderer, Hailer oder Enderle zu treffen.

Zweitens: Burgen bauen, Kaiser werden und Kriege führen.
Die Schwaben sind eigentlich das friedlichste Volk, dennoch steht bei Hechingen (und damit auch gar nicht unweit von meinem Besuchsziel) die Burg Hohenzollern. Und die Hohenzollern stellten ja die Deutschen Kaiser – die Preussen waren also Schwaben, so wie die Habsburger Schweizer sind. Sie haben die Burg sicher ein paar Male im TV gesehen, wenn über den unsäglichen aktuellen Hohenzollern-Chef berichtet wurde, der, der alles wieder haben will.

Drittens: Erfindungen
Nehmen Sie mal irgendeinen beliebigen Gegenstand in Ihrer Nähe: Die Wahrscheinlichkeit, dass er auf der Schwäbischen Alb erfunden wurde, liegt bei fast 100%.

Aber wir haben abgeschweift. Wir waren ja beim Verwandtenbesuch.
In das Dorf, das ich nun nicht näher benenne, hatte mich eine Verwandte eingeladen. Sie kennen das: Man schreibt sich, man telefoniert, man whatsappt, man SMSt, und stets betont man, dass man sich einmal sehen müsste, und dann kommt dieser wunderbare Dialog:
«Ihr dürft gerne einmal kommen, Ihr seid herzlich eingeladen…»
«Ja, da müssten wir mal schauen. Ihr seid aber auch herzlich eingeladen.»
«Ja, da müssten wir…»
Und es passiert nix.

Und nun hatte ich auf der Karte gesehen, dass wir sehr, sehr, sehr nahe an dem betreffenden Orte waren. Und ich machte Nägel mit Köpfen. Nach dem Motto:
Wann, wenn nicht jetzt – so nahe sind wir nie wieder in den nächsten Jahren.

Warum erklärt man das eigentlich nicht zum allgemeinen Prinzip?

Die Stadtkasse der Gemeinde X hat (warum auch immer) einen Überschuss von 500000 Euro. Und das Dach vom Hallenbad hat zwei grosse Löcher.
Wann, wenn nicht jetzt – so viel Geld hat man nicht so schnell wieder zur Verfügung.
Aber man diskutiert zu lange, und als man endlich entschieden hat, ist das Geld versickert.

Eigentlich sollte die Politikerin Y auf einer Konferenz in Asien sein, die wurde aber wegen Taifun abgesagt. Und sie müsste drei Akten durcharbeiten, um endlich das zu verstehen, wovon sie seit einem halben Jahr redet.
Wann, wenn nicht jetzt – so viel Zeit hat man nicht so schnell wieder zur Verfügung.
Aber natürlich verschwinden die vier Tage in einem grossen, grossen, grossen Schwarzen Loch.

Nein.
Ich habe also Nägel mit Köpfen gemacht und zwei wunderschöne Tage auf der Schwäbischen Alb verbracht.
Und an einem Abend schauten wir alte Fotos an. Mein Lieblings Foto ist eines, auf dem ich mit acht Jahren auf dem Harmonium des Vaters meiner Verwandten spiele.
Mit unmöglicher Fingerhaltung.
Aber ich hatte ja noch Zeit zum Umlernen.

So, am Freitag geht es dann weiter nach Frankfurt.

Freitag, 27. September 2024

Blogpause bis zum 22. 10. / Funkloch und Bildschirmzeit

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

wir machen wieder einmal ein Blogpause.
Und zwar aus zwei Gründen, aus zwei Gründen, die sich so beschrieben liessen: Mein Funkloch und Ihre Bildschirmzeit.

Mein Funkloch

Das klingt jetzt natürlich ein wenig komisch, so als ob ich ein Funkloch habe oder ein Funkloch bin, nein, man müsste er sagen «das Funkloch, in dem ich mich befinden werde». Ich werde, wie schon 2016, 2017 und 2018 in Bad Wurzach sein, in einer Probenwoche mit der Knabenkantorei und das Lagerhaus Unterhub befindet sich in einem der Funklöcher in der BRD. 2016 gab es übrigens darüber einen langen Post, in dem ich unter anderem schrieb:

So war ich eine Woche ohne Internet.
Und komischerweise ging es.
Am ersten Tag hat man noch Entzugserscheinungen, am zweiten auch noch, die Gedanken rasen (Ich muss doch bloggen! Was ist mit meinen E-Mails? Ich krieg’ gar nicht mit, was auf der Welt los ist – vielleicht liegen die Eidgenossen mit unserem Gastland schon im Krieg? Bloggen! Ich muss bloggen! Mails! Ich muss an meine Mails!) am dritten Tag ebbt das ab und man hat sich an den Zustand gewöhnt.
Wer wirklich etwas Dringendes hat, wird mich anrufen, notfalls auf dem Festnetz – ja, das gab es! Und ich wäre auch immer um den Weg gewesen; wo hätte ich auch hinsollen, es gab ja nur Maisfeld, Wald und Teich.

Erstaunlich an dieser Funkgeschichte ist nun aber, dass es anderen Ländern gelingt, ihre Regionen mit 5G, 6G, 7G oder 8G zu versorgen. Sie haben in der lettischen Tundra lückenlosen Handyempfang, auf dem Matterhorn sowie am Strand von Ithaka. Warum nicht im Allgäu? Aber andere Länder haben auch Züge, die fahren. Und Brücken, die nicht einstürzen. Und Schulhäuser, die nicht schimmeln.

Wir machen also nun vorbeugend Blogpause, damit das oben beschriebene Trauma sich nicht wiederholt.

Ihre Bildschirmzeit

Ich hoffe, Sie kennen Ihre Bildschirmzeit. Mit unserer Bildschirmzeit ist es wie mit vielen von unseren Zahlen, zum Beispiel
Leberwerte
Stromverbrauch
Benzinverbrauch
Blutdruck
Body Mass Index
usw.
All das ist zu hoch.

Ich habe letzten Freitag ja über die Bildschirmzeiten meiner Schüler geschrieben, die teilweise so hoch sind, dass man sich fragt, wie die überhaupt ein normales Leben hinbekommen. Wenn man davon ausgeht, dass sie Schule haben, fahren müssen, essen müssen und eigentlich doch auch 7-8 Stunden schlafen, dann könnten Zeiten von 15 oder 16 Stunden gar nicht zustande kommen. Wahrscheinlich schlafen sie nicht, das würde ihr bleiches, graues, apathisches und übernächtigtes Aussehen am Morgen erklären.

Dieser Bildschirmsucht werden wir jetzt eine Weile einen Riegel vorschieben: Ich schenke Ihnen pro Woche eine Stunde bildschirmfreie Zeit. (Ich gehe davon aus, dass Sie jeden Post 30 Minuten lang studieren und nicht einfach querlesen.)
Da wir uns erst am 22. 10. wieder sprechen (oder lesen), haben Sie 180 Minuten ohne Screen.
Machen Sie etwas Sinnvolles daraus.
Rainer Maria hat da einen tollen Vorschlag:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ach, Sie haben ein Haus? Gut, dann haben Sie sowieso genug zu tun im Herbst: Dachrinne entlauben, Garten winterfest, funktioniert die Heizung?
Auf jeden Fall eine schöne Zeit.
Bis zum 22. Oktober.