Freitag, 15. März 2019

Brexit ist wie Doodle


Sie alle kennen die Online-Umfrage Doodle. Und da kann es manchmal sein, dass man trotz aller Bemühungen nicht zu Potte, nicht zum Ziel kommt, dass man beim Erstversuch scheitert:


Mo, 18.3.
Do, 21.3.
Mo, 25.3.
Do, 28.3.
Mo, 1.4.
Do, 4.4.
Sie selbst
JA
JA
JA
JA
JA
JA
Maria
JA
NEIN
JA
NEIN
JA
NEIN
Frederic
NEIN
JA
NEIN
JA
NEIN
JA
 
Blöd ist, wenn Ihnen dann nach dem Auswerten einfällt, dass das ja gar nicht gehen konnte, weil Maria am Donnerstag ins Yoga geht, der einzige Wochentermin, den sie nie, nie, nie, nie und niemals ausfallen lässt, weil sie «ohne Yoga einfach nur ein halber Mensch» ist und Frederic am Montag auf die Kleinen aufpassen muss, weil dort seine Frau arbeitet und die Grosseltern zwar hüten würden, dafür aber aus Wien (mütterlicherseits) oder Paris (väterlicherseits) anreisen müssten.
Es war also von vorneherein klar, dass die Sache scheitert.

Mit dem Brexit ist es wie mit einem Doodle:


Vereinigtes Königreich
Europäische Union
Austritt ohne Deal
NEIN
nicht gerne, aber würde auch gehen
Deal, bei dem sich GB in allen Punkten durchsetzt
JA
NEIN
Brexit-Kompromiss
NEIN
JA
Deal, bei dem sich die EU in allen Punkten durchsetzt
NEIN
JA
GB wird im Meer versenkt
NEIN
NEIN

Haben die Briten wirklich geglaubt, das gehe so einfach? Dann sind sie noch verrückter, als man gemeinhin angenommen hat.
Doch, doch!
Die Briten sind verrückt. Wer sonst auf der Welt geht mit 5 Meter breiten Hüten, auf denen ganze Theaterszenen dargestellt sind, zu Pferderennen um dort ohne Emotion sich die galoppierenden Pferde anzuschauen? Wer sonst auf der Welt hat ein Masssystem nach dem Motto 4,75856 W sind 1 X und 17,423764 X sind dann ein Y und 2,39754 Y sind dann ein Z? Wer trinkt Tee aus Tassen mit Goldrand auf denen eine uralte hässliche kleine Frau abgebildet ist? Und tut dies jeden Tag PUNKT Fünf und unterbricht dafür jede, aber auch jede Tätigkeit?
Welche Nation hat Monty Python hervorgebracht?
Und wer Douglas Adams?
In welchem Land kann man in einem altrosa Taucheranzug durch die Strassen hüpfen und dabei Halleluja von Cohen singen und die Leute drehen sich noch nicht einmal um?

Die Briten sind verrückt, aber sie sind noch verrückter als man dachte. Sie glaubten, die gute Theres geht nach Brüssel und verhandelt auf folgende Weise:
«Wir erheben Zölle von 25% auf alle europäischen Waren.» «Ok.»
«Umgekehrt wird kein Zoll von der EU auf britische Waren erhoben.» «Ok.»
«Für die Einreise ins Königreich braucht es ein Visum.» «Ok.»
«Umgekehrt reisen die Briten ohne Visum in die EU ein.» «Ok.»
So lief das natürlich nicht.

Sie hirnen eine Weile über Ihren Doodle nach, sie befragen ihren Terminkalender und setzen einen neuen Link in Umlauf. Und erhalten ein erfreuliches Ergebnis:


Di, 2.4.
Di, 9.4.
Fr, 12.4.
Sa, 13.4.
Sie selbst
JA
JA
JA
JA
Maria
NEIN
JA
JA
JA
Frederic
JA
JA
JA
NEIN

Sie könnten nun ihre Sitzung (oder Ihr Bowling, oder Ihren Kinoabend) an zwei Termin ansetzen.

Und die Briten?
Die müssen wohl oder übel noch einmal abstimmen. Denn ein Brexit-Deal würde ein Kompromiss, und zu Kompromissen waren die Briten noch selten bereit. Ein Ascot-Hut MUSS mindestens 3 Meter Durchmesser haben und der Tee MUSS um 17.00 eingenommen werden und die Königin wird noch 30 Jahre regieren.
Sie sind eben verrückt.

Aber danke, liebe Briten, für Monty Python und Douglas Adams!



 

Dienstag, 12. März 2019

Wir brauchen neue Textsorten!


Ja, liebe Leserinnen und Leser, ich habe beim letzten Mal mich einer ganz ungewöhnlichen Textform bedient, dem karnevalistisch-paargereimten Vierzeiler mit vierhebigem Jambus, der auch als Büttenrede bezeichnet wird und in ähnlichen Formen auch in der Schweiz (Schnitzelbängg) auftaucht. Und während ich schrieb, dachte ich, dass ich doch schon so viele Textformen bedient habe, aber dass mir doch auch noch ganz schön viele fehlen.
Ich habe schon Gedichte und Sketche geschrieben, ich habe Märchen und Essays verfasst, ich schreibe Newsletter und Protokolle, ich schreibe Briefe und Storys, aber ich hatte noch nie eine Büttenrede gemacht, genauso wenig wie eine Legende, eine Gebrauchsanweisung, genauso wenig wie eine Ballade oder einen Klappentext.

Was mich aber am meisten reizen würde, das wäre die Schaffung von neuen, noch nie dagewesenen, von ganz frischen und ungekannten Textformen. Hier drei Beispiele:

1.) Das Zukunftsprotokoll

Jeder gute Protokollant, jede gute Protokollantin weiss, dass ein Sitzungsprotokoll möglichst schnell fertiggestellt werden muss. Wenn man erst eine Woche später drangeht, dann ist die Erinnerung schon viel zu sehr verblasst. Ein paar Male ist es mir geglückt, ein Protokoll schon bei Sitzungsende zu versenden. Rekord! Dummerweise ein Rekord, den man nicht überbieten kann, schliesslich kann man ja einen Sitzungsmitschrieb nicht schon vor der Sitzung versenden. Oder doch? Und hier kommt das Zukunftsprotokoll (ZK) ins Spiel. Da die meisten Sitzungen so ablaufen, wie man es erwartet, könnte man das Protokoll auch schon vorher schreiben, es ist ja oft so klar, wer dafür und wer dagegen sein wird, wer was sagen und wer sein Ceterum Censeo schmettern wird. Ein ZK wird also folgendermassen beginnen:
Paul wird um 19.07 die Sitzung eröffnen, weil Hans – wie immer – zu spät gekommen sein wird.
Zu Punkt 1: Die Traktandenliste wird, weil niemand sie wirklich bedacht haben wird, genehmigt werden.
Zu Punkt 2: Das Protokoll der letzten Sitzung wird, weil es – wie immer – niemand gelesen haben wird, genehmigt und verdankt werden.
usw.
usw.

2.) Der Hilfe-Text

Ich stiess neulich am Badischen Bahnhof in Basel auf folgendes Schild an einem Schliessfach

Achtung! Das Schliessfach ist defekt.
Bitte benützen Sie ein anderes Schliessfach.

Es scheint Menschen zu geben, die mit alltäglichen Situationen völlig überfordert sind. Und nachdem zig Leute zur Aufsicht gerannt sind, weil sie nicht wussten, was sie zu tun sollen, und dort den Hinweis bekamen, wenn das eine Fach defekt sei, könne man einfach ein anderes gebrauchen, hat man diesen Hinweis angebracht. Und hier kommt der Hilfe-Text ins Spiel. Er wird z. B. vor dem Betreten eines Gebäudes den Besuchern überreicht und leitet sie wohlbehalten an ihr Ziel.

WILLKOMMEN IM BUX-CENTER
1)  Eintritt
Unser Gebäude ist mit einer elektronisch betriebenen Schiebetür ausgestattet. Gehen Sie einfach auf die Türe zu und sie wird sich von selber für Sie öffnen. Versuchen Sie nicht, die Türe aufzuschieben oder aufzustossen, das bringt gar nichts. ACHTUNG! Laufen Sie ruhig auf den Eingang zu, da der Mechanismus ein paar Sekunden Zeit benötigt. Wenn Sie auf die Türe zusprinten, dann knallen Sie gegen das Glas.
usw.

3.) Das Porno-Hörspiel

Auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen haben ein Recht auf pornographische Inhalte. Und hier kann man natürlich abhelfen. Es entsteht ein Hörspielformat, das hauptsächlich aus Stöhnen besteht, in der reizvollen Vokalisierung aber fast ein wenig an Dada erinnert.

A:           Oooooooooo
B:            Aaaaaaaaaaa
A:           Ooooooaaaa
B:            Aaaaaooooo
A:           Aoaoaoaoao
B:            Oaoaoaoaoa
usw.

Welche Textsorte würden Sie gerne erfinden? Den/die/das ??????
Tun Sie es doch einfach.