Freitag, 16. August 2024

Special Buttons (3): Schönste Strecke / Nettestes Personal

Wir haben uns im vorletzten Post mit den ÖV- und Navigations-Apps beschäftigt und festgestellt, dass man zwar Ausgangs- und Zielort, Datum und Uhrzeit der Abfahrt oder Ankunft, sowie die Verkehrsmittel wählen kann, aber keinen Ort, den man unbedingt umgehen möchte.
Man kann natürlich noch mehr aussuchen: Zum Beispiel die Strecke – vor allem bei Google Maps – und hier werden einem «schnellste Strecke» und kürzeste Strecke» angeboten, und wer jetzt denkt, dass das ja dieselbe Sache sei, der liegt natürlich verkehrt.

Was macht aber nun ein Mensch, dem es egal ist, welches Verkehrsmittel er nimmt und an welchen Orten er vorbeikommt, der Zeit hat und Musse, der aber einfach entspannt die Fahrt geniessen möchte? Ja, der bräuchte den Button

SCHÖNSTE STRECKE.

Nun werden Sie sicher einwenden, dass dies – im Gegensatz zur kürzesten / längsten oder schnellsten / langsamsten Strecke – keine messbare Grösse sei.
Ja. Gut.
Aber mit der Schönheit ist das ja so eine Sache. Ich habe – man gestatte mir diesen mittelkleinen Exkurs – einmal wieder über die Goldener-Apfel-Geschichte nachgedacht, und bin dabei auf einen unglaublichen Widerspruch gestossen, der mir bisher nicht aufgefallen war: Die drei Zickengöttinnen können sich nicht einigen, wer die Schönste ist und wer der Apfel gebührt. Aphrodite gewinnt, weil sie den Paris mit der Liebe der schönsten Menschenfrau besticht. Nun aber: Wie kann der Paris ihr trauen? Der Streit der Damen Hera, Athene und Aphrodite belegt doch nun klar, dass «die Schönste» keine eindeutige Kategorie ist, und es könnte doch sein, dass die Frau, die von Aphrodite für die schönste gehalten wird, in Wirklichkeit ein hässliches Weib ist, und Paris hätte sich grün und blau geärgert, nicht Reichtum, Macht oder Weisheit genommen zu haben.
Aber ich schweife wieder ab.

Ich habe mir das Problem der schönsten bzw. der schöneren Strecke noch einmal durch den Kopf gehen lassen und habe auch Leute befragt. Obwohl alle, alle, alle, jedermann und jedefrau, sämtliche Menschen betonen, dass das total subjektiv sei, waren sich bezüglich zweier Routen, die ich häufig fahre, doch 100% einig:

Auf der (Zug-)Strecke von Basel nach Solothurn ist die Route durch das Laufental, also via Delémont und mit Umsteigen in Moutier eindeutig um Längen schöner und reizvoller als die Route via Olten, also durchs Oberbaselbiet und später durchs Aaretal.
Auf der Strecke von Basel nach Stuttgart gewinnt die Fahrt den Hochrhein entlang (mit Rheinfall!) und später, nach Umstieg in Singen, durch Baar und Alb, den Neckar entlang, über Rottweil und Horb noch eindeutiger gegen die Fahrt via Karlsruhe.

Es scheint also doch Kriterien zu geben, die eine Bewertung der Streckenschönheit möglich machen. Ich denke zum Beispiel, Wasserfälle, wellige Hügel, Kastanienwälder, schöne Flusstäler, Bäume, Sträucher und Burgen werden hier besser bewertet als Industrielandschaften. Es sei denn, man ist ein Fotograf der Becher-Schule, die sich ja der Industriebauten-Ablichtung verschrieben hat.

Der nächste Button, den wir hier beim Reisen auch noch brauchen, ist noch komplizierter:

NETTESTES PERSONAL

Anfragen bei der SBB, bei der ÖBB und der DB, sowie bei unzähligen Bus-, Tram- und Regionalzuggesellschaften ergaben hier den folgenden Sachverhalt: SBB, ÖBB und DB, sowie unzählige Bus-, Tram- und Regionalzuggesellschaften beschäftigen nur liebenswertes und nettes, nur freundliches und zuvorkommendes Personal.
Sagen SBB, ÖBB und DB, sowie unzählige Bus-, Tram- und Regionalzuggesellschaften. Man selber hat ja da unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Sehr schlechte – aber auch exorbitant gute.

Wie kann man aber nun die Reise so einrichten, dass einen auf der Strecke Basel – Solothurn (via Olten, denn leider, leider, leider ist die Etappe Moutier – Solothurn gerade wegen Tunnelrenovierung gesperrt) der nette Herr Suter betreut und nicht die muffige Frau Ambühl? Fast nicht machbar, denn man müsste ja Zugang zu den internen Dienstplänen haben.

Im städtischen Verkehr war das schon machbar: In Freiburg im Breisgau gab es einst auf der Buslinie 17 in Littenweiler und Kappel einen so charmanten Buschauffeur, dass die älteren Damen der östlichen Stadtteile teils ihre Fahrten nach seinem Dienstplan richteten. (Das ist echt wahr!) Mussten diese Ladies doch einmal zu einem anderen Zeitpunkt mit einem anderen Fahrer Richtung City, bestiegen sie beim nächsten Mal den Bus mit «ihrem» Chauffeur laut kichernd: «Ich bin fremdgegangen». (Auch das ist echt wahr, und alteingesessene Bobbeles können das bestätigen…)

Wir brauchen also – so fassen wir zusammen – nicht nur eine App, die Abfahrts- und Zielort regelt, Zeitrahmen, schnelle Strecke, sondern auch unbedingt die Buttons

Ort vermeiden
Schönste Strecke
Nettestes Personal

Das müsste doch für einen gewieften ITler machbar sein.



 

Dienstag, 13. August 2024

Special Buttons (2): Nachgeholtes Editorial


Ein nachgeholtes Editorial?
Ich gebe zu, das ist nun ein wenig ungewöhnlich – und es ist auch noch nie in diesem Blog vorgekommen.
Aber ich will erklären, wie das kam:

Ich hatte neulich den Post «Neuer Button: Ort vermeiden» geschrieben und gespeichert.
Ich mache das immer so, mir ist unwohl, wenn ich nicht immer Minimum einen Post in Vorrat habe, und wenn am Donnerstagmorgen noch kein Text für Freitag oder am Montagmorgen für Dienstag gespeichert ist, dann bin ich sehr, sehr unruhig und extrem nervös.
Gut, manchmal – und das ist wirklich schon passiert – machen mir die Akteure einen Strich durch die Rechnung. Da hat man eine wunderbare Satire über monatelange Koalitionsverhandlungen, und am Donnerstag vor der Veröffentlichung einigen sich die beiden Parteien, und man kann den Text in den Müll kloppen. Oder man hat ein herrliches Pamphlet «G. Z., tritt zurück!», und dann tritt G. Z. am Montag zurück und man hat nix für Dienstag…
Aber ich schweife ab.

Ich hatte also den besagten Post geschrieben und gespeichert, und dann erschien mir am Donnerstagnachmittag im Schwimmbad eine Idee, die sich auch um einen Button drehte, und später im gleichen Schwimmbad noch eine Idee, die sich auch um einen Button drehte, und jetzt lag nix näher, als ein Special zu machen.
Wundern Sie sich bitte nicht, dass mir im Schwimmbad die besten Ideen kommen. Das war schon immer so. Das ist auch ganz natürlich, denn der Mensch gehört ins Wasser, kommt aus dem Wasser und hat seine ersten Monate im Wasser verbracht. Und wenn die Idee bei der 14. Länge wie ein Blitz erschienen ist, dann wird sie beim Sonnenbaden ausgebrütet. Wobei «Ausbrüten» bei zurzeit vorherrschenden 35 Grad Celsius sehr wörtlich gemeint ist.
Aber ich schweife schon wieder ab…

Natürlich war es nun viel, viel, viel zu spät für ein Editorial, das hier gerade nachgeholt wird.
Die einzige Sache, die ich noch hinbekam, war, den Titel in «Special Buttons (1): Ort vermeiden» zu ändern.

«Special Buttons»
Das hat nun einen wunderschönen Doppelsinn, der mir aber auch erst später aufging:
Es heisst einerseits natürlich «Special zum Thema Button», also dass wir uns einige Folgen lang mit dem Thema Internet-Stelle-zum-Draufklicken beschäftigen, wie wir uns ja schon mit vielen Dingen beschäftigt haben.
Andererseits kann man «Special Buttons» aber auch als «Spezielle-Internet-Stellen-zum-Draufklicken» lesen, und genau das ist eben AUCH gemeint: Buttons, die speziell sind – und die es eben deshalb auch noch gar nicht gibt.
Drei solcher Buttons sind (bisher) geplant:

SCHÖNE STRECKE UND NETTES PERSONAL

Ein Button, der unbedingt in jede Reise-App gehört, denn man will ja vielleicht nicht nur schnell oder nur mit Nahverkehr reisen, man will ja auch eventuell auf der Reise etwas Schönes sehen und man will sicher auch einen netten Buschauffeur oder einen liebenswerten Kondukteur. Also ein Klick-Knopf, den Sie unbedingt brauchen.

AUSLIEFERN, WENN DER WAGEN VOLL IST

Wir alle wollen CO2 sparen (und Feinstaub und Abgase), aber gleichzeitig bestellen wir 10000000000000000 Sachen im Internet. Und ständig fahren Wagen herum und liefern aus – möglichst schnell. Aber eventuell wäre es eine gute Sache, wenn Amazon® erst liefert, wenn alle in der Strasse etwas bestellt haben.

FRIEDEN FÜR DIE WELT

Ein völlig sinnloser Button – aber er gibt ein wunderbares Gefühl. Das Gefühl, etwas tun zu können und auch etwas zu tun.

So viel ist geplant.
Aber haben Sie noch Ideen? Vermissen Sie auf einer Seite einen speziellen Button, den Sie gerne anklicken würden? Dann schreiben Sie. Aber nicht auf meine Mailadresse, sondern hier in die Kommentarfunktion – die wurde nämlich schon lange nicht mehr benutzt.

Ein nachgeholtes Editorial?
Ich gebe zu, das ist nun ein wenig ungewöhnlich – und es ist auch noch nie in diesem Blog vorgekommen.
Aber nun ist es passiert; und wir freuen uns auf viel über «Buttons».

























 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

Freitag, 9. August 2024

Special Buttons (1): "Ort vermeiden"

Wenn man eine Reise plant, dann plant man inzwischen mit Apps. Da gibt es zum Beispiel die DB-App, die SBB-App, die Apps aller anderen europäischen Länder, alle Verkehrsverbünde haben ihre eigenen Apps und es gibt spezielle Nahverkehrs-Applikationen. Und natürlich hat auch Google Maps einen Routenplaner mit (inzwischen) sehr gutem ÖV-Angebot.

Wenn Sie nun planen, dann können Sie die verschiedensten Faktoren eingeben:
Abfahrtszeit, Abfahrtsdatum, Ankunftszeit, Ankunftsdatum
Verkehrsmittel (nur Nahverkehr, nur schnell usw.)
Zwischenhalte

Sie können also, wenn Sie mit dem Deutschlandticket am 24. 7. von Basel nach Stuttgart fahren und auf dem Weg aber noch Freudenstadt anschauen wollen, das alles genauso eingeben:
Basel Bad. Bf. bis Stuttgart Marienplatz
Abfahrt am 24.7.2024 um 9.00
via Freudenstadt
nur Nahverkehr

Dummerweise wollen alle Apps, die DB-App, die VVS-App und auch Google Maps Sie über einen Ort leiten, den ein normal denkender Mensch um jeden Preis vermeidet:
den Stuttgarter Hauptbahnhof.
Dort liegt nämlich zwischen den DB-Gleisen und der S- und U-Bahn eine Baugrube von olympischen, von astralen und von gigantomanischen Ausmassen und um diese Baugrube von olympischen, von astralen und von gigantomanischen Ausmassen zu umgehen, muss man einen Umweg von ca. einer Stunde in Kauf nehmen.
Man muss also tricksen. Und nochmals tricksen. Und nochmals tricksen.
Und nun merkt man, dass allen Apps eine Funktion fehlt:

DIE VERMEIDUNGSFUNKTION

Mit diesem Teil der Maske können Sie einen Ort, einen Platz, einen Bahnhof, eine Haltestelle eingeben, die Sie bei Ihrer Reise unbedingt vermeiden wollen.

Sie möchten zum Beispiel mit dem Bus NICHT am Haus Ihrer Verflossenen vorbeifahren, weil dort immer Ihr Doppelgänger herumsteht und zum Fenster hinaufstarrt und es Ihnen so auf die Nerven geht, wie der bleiche Geselle ihr Liebesleid nachäfft? Gut, dann geben Sie in der DB-App bei «Ort vermeiden» ein: Liebstenstrasse 1. Und die Apps wird eine Busstrecke finden, die den Platz, wo der Doppelgänger, der bleiche Geselle, lauert, nachäffend und starrend, den Ort grosszügig umfährt.

Sie möchten zum Beispiel aus Arkansas nach Mexiko fliehen, weil Sie (in Notwehr) einen Mann erschossen haben? Wollen aber um keinen Preis, niemals, nie und unter keinen Umständen durch Texas – obwohl nur ein flüchtiger Blick auf die Karte genügt, um zu sehen, dass man jetzt einen riesengrossen Umweg durch Oklahoma fahren muss und unendlich viel Zeit verliert? Gut, dann geben Sie bei Google Maps bei «Ort vermeiden» ein: Texas. Und die App wird eine Route finden, auf der Sie nicht nach Texas müssen, denn es gibt einen psychologisch tiefen oder tiefenpsychologischen Grund: Sie sind in Texas vergewaltigt worden.

Sie möchten von Immensee nach Küssnacht? Möchten aber die Hohle Gasse vermeiden, diese Hohle Gasse, in der immer so irgendwelche Mörder herumstehen und mit Pfeil und Bogen drohen? Sie möchten von Immensee nach Küssnacht, aber ohne von irgendwelchen Freiheitshelden gemeuchelt zu werden? Gut, dann geben Sie in einer App bei «Ort vermeiden» ein: Hohle Gasse. Und es wird ein Weg gefunden werden.
Es wird ein Weg gefunden werden, obwohl der Spruch heisst: «Es führt kein anderer Weg nach Küssnacht», denn das ist ja lange her. Im 13. Jahrhundert hätte man wohl auf Google Maps keine andere Route gefunden. Aus zwei Gründen: Es führte kein anderer Weg nach Küssnacht und es gab auch noch kein Internet.

Wir brauchen unbedingt die Vermeidungsfunktion.

Egal,
ob wir das Lyrische Ich bei Heine sind, das den Doppelgänger am Haus der Liebsten nicht sehen will
ob wir Louise sind, die mit Thelma den Staat Texas umfahren muss
ob wir der Herr Gessler sind, der weiss, dass Tell lauert.
ob wir einfach ein vernünftiger Mensch sind, der den schrecklichen Ort von SUTTGART 21 vermeiden will

Wenn man eine Reise plant, dann plant man inzwischen mit Apps. Da gibt es zum Beispiel die DB-App, die SBB-App, die Apps aller anderen europäischen Länder, alle Verkehrsverbünde haben ihre eigenen Apps und es gibt spezielle Nahverkehrs-Applikationen. Und natürlich hat auch Google Maps einen Routenplaner mit (inzwischen) sehr gutem ÖV-Angebot.

Was wir aber brauchen ist der Button

ORT VERMEIDEN



Dienstag, 6. August 2024

40 Jahre Mail: Michael Rotert und die Fee

Am 3. August 1984 sass der Ingenieur Michael Rotert an seinem Schreibtisch in Karlsruhe und träumte vor sich hin. Da erschien ihm Omelina, eine Fee. Er rieb sich die Augen – aber er war wach, daran gab es nichts zu rütteln.
«Ich bin Omelina», so begann die Frau im zartsilbrigen Kleid, «und Omelina ist nicht umsonst ein Anagramm von NO E-MAIL. Ich möchte dich warnen. Eben ist im Keller auf einem Rechner die erste Mail in der BRD angekommen. Öffne sie nicht!»
«Die Mail ist da? Das ist ja fantastisch!»
«Michael! Michael! Michael! Schlimmes weiss ich! Zu unserem Wehe wahrst du die Mail!», rief da Omelina, denn sie wusste, dass Michael glühender Wagnerianer war. Und sie begann zu erzählen und zu weissagen:

«In 40 Jahren wird diese Technik unser Leben völlig in der Hand haben. Die Menschen werden keine Briefe mehr von Hand schreiben oder Karten, die wunderschöne Schrift auf edlem Papier wird verschwinden zugunsten von nacktem Bildschirm. Die Menschen werden auch nicht mehr miteinander reden, mit
ICH SCHREIB DIR NE MAIL
wird jedes Gespräch abgewürgt werden.
330000000000 solche Mails werden 2024 weltweit verschickt werden, und die Hälfte davon, also 165000000000, werden nutzloses, widerliches, blödes und störendes Zeug sein, dieses nutzlose, widerliche, blöde und störende Zeug wird Spam genannt werden und unsere Computer zum Überlaufen bringen. Aber auch von den Nicht-Spam-Mails werden ganz, ganz, ganz, ganz viele überflüssig sein.
Beziehungen werden kaputtgehen, weil man Fremdgeh-Nachrichten an die falsche Adresse schickt, Arbeitsstellen werden verlorengehen, weil jemand den Witz über den Chef eben an diesen schickt. Viel Leid wird passieren…
Michael! Michael! Michael! Schlimmes weiss ich! Zu unserem Wehe wahrst du die Mail!
Meide, Michael, Meide! Flieh den Fluch der Mail!»

Und Omelina löste sich in Luft auf, nachdem sie noch einmal die Rheintöchter in der «Götterdämmerung» zitiert und noch die Erda aus dem «Rheingold» draufgesetzt hatte.

Ja.
Rotert hätte es in der Hand gehabt.
Aber wir wissen, was er tat: Er ging zum Rechner und öffnete die Mail – und startete damit ein völlig neues Kapitel.

Nun muss man – wenn man ganz ehrlich ist – schon sagen, dass Omelina ein bisschen sehr schwarzgemalt hat.
Denn die Zahl von 165 Milliarden Spam ist korrekt, aber gleichzeitig mit der Spamtechnik hat sich ja eine phänomenale Anti-Spam-Technik entwickelt. Bestimmte Wörter, Inhalte usw. werden einfach aussortiert. Und hier ist die Mail der Post haushoch überlegen, denn der Briefträger macht das ja gerade nicht, man kann ihm 10x sagen, dass er bestimmte Wurfsendungen gleich in den Müll schmeissen könne, er darf es nicht, er darf es nicht, wenn Ihre Adresse draufsteht, muss er einwerfen. Die Anti-Spam also, ich frage mich manchmal, was gewisse Firmen mit gewissen Namen machen, dass sie nicht ständig im Spamordner landen. 1974 – also 10 Jahre vor der Mail, und auch in diesem Jahr ein Jubiläum feiernd – gegründet, ist eine Bude eine wichtige Adresse in der Leiterplattentechnik, die Schwanz GmbH in Hildesheim.

Und auch alle anderen Dinge sind nicht so katastrophal, wenn man ein wenig nachdenkt. Ich habe neulich im Post «Wir klicken zu schnell» (15. Juni) geschrieben:
Wir klicken zu schnell.
Wir klicken zu hastig.
Wir klicken zu unüberlegt.
Wir wählen aus dem Adressbuch und vertun uns sehr schnell zwischen «Jon» und «John» und «Jona» und «Joni».
Wir drücken ständig «Allen antworten» ohne zu schauen, wer eigentlich alles sich im Verteiler befindet.
Wir sind viel zu schnell.
Das kann man zum Mail-Geburtstag nur noch einmal betonen.

Am 3. August 1984 erschien dem Ingenieur Rotert die Fee Omelina und warnte ihn wagnerisch: «Michael! Michael! Michael! Schlimmes weiss ich! Zu unserem Wehe wahrst du die Mail!
Meide, Michael, Meide! Flieh den Fluch der Mail!»

Und wir wissen, dass Rotert sich nicht daran gehalten hat – und so ganz blöd ist es ja nicht gelaufen…





 

 

Freitag, 2. August 2024

Massentourismus

Kurz vor der Abreise in die Ferien hatte ich einen seltsamen Traum:
Auf der Fahrt nach Stuttgart wurden wir an der Stadtgrenze angehalten. Unsere Ausweise wurden kontrolliert, unser Gepäck wurde durchsucht und wir mussten 5 Fragen beantworten:

Woher kommt der Name «Stuttgart»?
An welchem Fluss liegt (eigentlich) die Innenstadt?
Wie heisst die Hauptkirche?
Was sind die städtebaulichen typischen Dinge der Stadt?
Was wächst auf dem Kriegsberg (100 Meter vom HBF)?

Die Fragen waren für mich als gebürtigen Stuttgarter natürlich leicht:

Der Name kommt von «Stutengarten», weil dort im Mittelalter wirklich ein Gestüt war, davon zeugt auch noch das Rössle im Wappen.
Der eigentliche Fluss ist der Nesenbach. Er ist völlig unsichtbar und zugedeckelt, so wie übrigens in Basel auch der eigentliche Fluss, der Birsig.
Die Hauptkirche ist die Stiftskirche.
Die «typischen Dinger» sind die «Stäffele», die unzähligen Freilufttreppen, die den Menschen vom oberen Rand des Kessels in die Stadt führen.
Auf dem Kriegsberg wächst Wein – auf teuerstem Cityboden. Der Wein ist nicht gut, aber speziell, und er wird an Staatsgäste ausgeschenkt, die sich nicht wehren können.

Nun musste ich aber doch fragen, warum hier solche Dinge gefragt würden. Die Antwort war klar: Mit einem kleinen Test schütze sich die Schwabenmetropole vor Massentourismus. Ob meiner Erwiderung, dass «Massentourismus» für Stuttgart nun doch nicht wirklich ein Problem sei, kam die eindeutige Replik: Wehret den Anfängen. Hätten Venedig und Barcelona schon vor 20 Jahren solche Tests eingeführt, abprüfen, ob jemand, der die Orte besucht, sich über die wichtigsten Dinge informiert hat, ja, dann gäbe es den Millionen Tourismus nicht. Die Massen von Kamera-Trägern, die Massen in schlecht sitzenden Shorts und Tanktops, die Hinter-dem-Guide-hinterher-Dackler wüssten zum Teil gar nicht einmal in welchem Land man sich befinde…

Ich erwachte.
Und ich schlief wieder ein und ich träumte erneut.

Im Traum kam ich in mein Stammcafé, setzte mich an «meinen» Tisch und winkte Bernd, dem Wirt. Das Winken bedeute «Hallo, guten Morgen», aber natürlich auch meine Bestellung, wie jeden Morgen einen doppelten Espresso und ein Glas Mineralwasser. Aber es geschah nichts. «Weisst du», muffelte Bernd auf einmal, «tagaus und tagen bediene ich dich, tagaus und tagein kommst du hierher, hockst dich hin und ich muss dem Herrn bringen, was ihm beliebt und was er wünscht. Ich habe einfach keine Lust mehr, dich zu bedienen, wer fragt denn nach MIR und MEINEN Wünschen? Hä?» Ich war sprachlos. Ich wollte gerade Luft holen, um ihm zu sagen, dass er ja Geld dafür bekomme, dass es sein JOB sei, mich zu bedienen, schliesslich seien wir in einem CAFÉ und da werde man bedient… da erwachte ich.

Träume verarbeiten ja immer das, was man am Abend zuvor erlebt hat und hier musste eine Sendung über die vielen Orte in Europa, die sich gerade dezidiert gegen den Massentourismus wehren, der Auslöser gewesen sein. Die Kanaren, die Balearen, Barcelona, Venedig, Athen und viele andere werden ja den Millionenströmen nicht mehr Herr. Und die Kanaren, die Balearen, Barcelona, Venedig, Athen und viele andere überlegen nun ständig, wie man die Sache angeht.
Venedig hat ein Eintrittssystem probiert, das – nach Aussage der Stadt oberen – ein voller Erfolg ist.
Eine glatte Lüge.
Es ist völlig egal, ob die Lagunenstadt 5 Euro, 10 Euro oder 50 Euro kostet, die Leute strömen trotzdem, vor allem, weil die meisten das in einem Pauschalarrangement eh schon mit bezahlt haben.
Vielleicht wäre hier nun doch ein Abfragen wie im Traum besser. Wer folgende Fragen nicht beantworten kann, darf nicht rein:

Wie hiessen früher die Chefs in der Stadt?
Wie viele Brücken gibt es?
Wie heisst die Friedhofsinsel?
Warum ist es der Markus-Dom?
Wie heisst das berühmteste Café?

(Und bevor Sie jetzt vor lauter Hirnen nicht weiterlesen: Dogen, ca. 400, San Michele, dort liegen seine Knochen, Florian – übrigens extrem witzig, dass die Lagunenstadt genauso viel Brücken hat wie meine Heimat Stäffele…)

Der andere Traum muss natürlich auch bedacht werden: Die Kanaren, die Balearen, Barcelona, Venedig, Athen und viele andere haben sich in jahrelanger Mühe den Tourismus aufgebaut, weil sie davon leben wollten – und jetzt davon leben. Wenn die Ströme nicht mehr strömen, dann sind die Kanaren, die Balearen, Barcelona, Venedig, Athen und viele andere zunächst einmal pleite. Genauso wie es der Job eines Wirtes ist, Menschen einen Kaffee zu servieren, ist es der Job eines Fremden-Führers Fremde durch die Stadt zu führen, der Job einer Souvenir-Händlerin Souvenirs zu verkaufen und der Job eines Hoteliers Leute zu beherbergen. All das geht nur mit Auswärtigen; welche Venezianerin lässt sich durch die Stadt führen und belehren, welcher Venezianer braucht Erinnerungen an seine eigene Stadt? Und niemand übernachtet im Hotel in seiner eigenen Stadt – es sei denn, die Partnerin oder der Partner hat ihn oder sie rausgeschmissen.

Wie viele Probleme ist dieses also auch zweischneidig. Man will Touristen. Aber nicht so viele. Am besten wenige, die sehr, sehr, sehr interessiert sind und gleichzeitig auch viel zahlen. Also Leute wie den Herrn Geheimrat, gebildet und vermögend. Einziger Nachteil an Goethe: So Menschen schreiben dann über das Land und ziehen dann wieder mehr Leute an.

Es bleibt vertrackt.
Ich jedenfalls bin froh, dass ich die Kanaren, die Balearen, Barcelona, Venedig, Athen und viele andere Orte schon gesehen habe. Als es noch leerer war.

Dienstag, 30. Juli 2024

Das Jahr der 2. Chancen

 

Das Jahr 2024 ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Wunderbar.

Es ist nicht, wie im Film «Doppelmord», in dem der Chef eines Wohnheimes für Frauen auf Bewährung kritisiert wird, weil er eine von ihnen wegen Zuspätkommens wieder in den Knast zurückbefördern lässt:
«You should have given her a second chance»
«This is not a house of second chances. This is a last chance house.»

Nein.
2024 ist kein Letze-Chance-Jahr. Es ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Nehmen wir doch ein paar Beispiele:

1)
Sie haben Ihren Job als Ballettchef verloren, weil Sie einer Kritikerin einen Shitstorm geliefert haben? (Und wir meinen nicht einen Shitstorm im neuen, übertragenen Sinn, nein, Sie haben die gute wirklich und wahrhaftig mit Scheisse beworfen.)
Kein Problem.
2024 ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Sie bekommen Ihre Zweite Chance.
Das Theater Basel gibt Ihnen den Posten der Ballettdirektion.

2)
Sie haben Ihren Posten als Dirigent verloren, weil sie zweideutige Sachen per Handy verschickt haben? Wobei hier «zweideutig» wahrscheinlich auch das falsche Wort ist. Denn ein Penis, ein Glied, ein (Entschuldigung) Schwanz ist nun ziemlich eindeutig, und man verschickt den nicht per SMS – nicht einmal an seine Urologin (siehe neulich). Sie haben nun mehrere Menschen mit Wort und Bild belästigt?
Kein Problem.
2024 ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Sie bekommen Ihre Zweite Chance.
Das Sinfonieorchester des SWR gibt Ihnen (wieder) den Posten als Chefdirigent.

3)
Sie haben Ihre Stelle als Verkäuferin bei der Migros verloren, weil Sie geklaut haben? Weil Sie als Insiderin natürlich dachten, Sie wissen, wie die Ladendetektive aussehen und wo sie gerade stehen und weil Sie der Meinung waren, dass die Migros von ein paar Edelkonserven weniger nicht arm wird? Und nun hat man Sie doch erwischt? Erwischt und rausgeworfen?
Kein Problem.
2024 ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Sie bekommen Ihre Zweite Chance.
COOP, der ewige Konkurrent der Migros, freut sich, Ihnen eine Stelle als Detailhändlerin anzubieten – trotz der hässlichen kleinen Flecken im Lebenslauf.

4)
Ihre Frau hat Sie verlassen? Weil Ihr Verhalten doch immer mehr ins Asoziale neigte? Weil zu Ihrer Muffigkeit, Mieslaunigkeit, zu Ihrer Schlamperei und Ihrem Macho-Gehabe halt noch die Sauferei dazukam und nun auch – schlimmste aller Möglichkeiten – häusliche Gewalt? Weil sie sie grün und blau geschlagen haben im Suff?
Kein Problem.
2024 ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Sie bekommen Ihre Zweite Chance.
Ihre Frau wird zu Ihnen zurückkehren und Ihnen glauben, dass Sie sich bessern können. Und zwar wirklich. Angefangen mit einem Entzug.

Wenn wir nun diese vier Beispiele anschauen, dann müsste man denken, dass 1) und 2) sicher sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich sind und 3) und 4) eher möglich.
Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt. Der Ballettchef und der Dirigent sind ja durch die Presse gegangen. Von anderen Fällen habe ich nichts gehört.
Liegt es an den Delikten?
Drehen wir doch einmal um:
Der Ballettchef stiehlt – oder er veruntreut Geld aus dem Budget.
Der Dirigent kommt besoffen aufs Podest und ohrfeigt den Konzertmeister.
Die Verkäuferin wirft einem Kunden Scheisse ins Gesicht.
Der Mann wird verlassen, weil er Penisbilder an andere Frauen verschickt hat.
Ändert nichts!
Ändert nichts!
Es scheint also doch am gesellschaftlichen Status zu liegen.

Also modifizieren wir:
Alles kein Problem.
2024 ist das Jahr der Zweiten Chancen.
Sie bekommen Ihre Zweite Chance…
… wenn Sie ein Promi sind.