Dienstag, 16. Juli 2024

Lucky, Sunny, Happy


Ach, warum sind wir nicht glücklicher?
Wir müssten doch viel glücklicher sein.

Schon am Morgen erheben wir uns von unserem LUCKY-BED®, in dem wir auf unserer HAPPY-MATRATZE® wunderbar tief geschlafen und schön geträumt haben, wir schlappen in die Küche und lassen uns einen SUNNY-COFFEE® heraus und essen zu dem wunderbaren Espresso einen LUCKY-MUFFIN®.

Wir müssten – angesichts von so viel Glück – doch auch glücklicher sein.

Was haben wir heute für Termine?
Arbeiten müssen wir heute nicht, wir haben frei, obwohl wir ja in der Gebrüder Wohlfühl GmbH arbeiten, mit genügend Work-Life-Balance und viel Glücks-Faktor, aber dennoch, heute haben wir mal einen Tag zur freien Verfügung.
Aber wir haben ihn zum Teil verplant:
Um 11.00 werden wir uns bei SUNNY FEET® verwöhnen lassen und schauen, dass auch unsere Zehen und Fersen und Ballen glücklich werden, und nachdem Zehen und Fersen und Ballen glücklich geworden sind, werden wir um 13.00 uns bei HAPPY HAIR® uns einen neuen glücklichmachenden Haarschnitt verpassen lassen.

Und dann sind wir glücklich, oder?
Müssten wir doch sein.

Vielleicht dann noch etwas shoppen?
Zu LUCKY SHIRTS®, wo wir fröhliche Hemden in Rot, Gelb, Orange, Blau und Grün erstehen können, zu HAPPY SHOES®, wo Sneakers in frohmachenden Designs auf uns warten, oder zu SUNNY HATS®, wo wir einen Hut kaufen können, bei dem entweder ein grosse Feder sehr, sehr, lustig wippt oder ein Büschel unglaublich spassig in die Höhe ragt?
Könnte man machen, wenn die Preise für die Hemden bei LUCKY SHIRTS®, die lustigen Turnschuhe bei HAPPY SHOES®, die Kappen bei SUNNY HATS® nicht so wären, dass einem das Lachen ein wenig vergeht.

Also immer noch nicht glücklich?

Dann also doch Alkohol.
Immerhin ist in vielen Bars ab 17.00 HAPPY HOUR und wir können uns mit LUCKY DAY, LUCKY NIGHT, FLORIDA SUNSHINE, MIAMI SUNSHINE, HAPPY CAT oder HAPPY DOG zuschütten…

Jetzt aber mal im Ernst:
Der Gebrauch von den Glückswörtern ist inzwischen so inflationär, dass es mir manchmal die Schweissperlen auf die Stirne treibt. Dabei ist ja nichts so schwierig zu besprechen wie das Glück. Seit mehreren tausend Jahren diskutieren Philosophen und Theologen über die Frage, was Glück ist und wie man Glück erreichen kann. Die «Vita Beata» war bei vielen geistigen Schulen ein zu erstrebendes Ziel, wenn auch die Wege dahin ganz, ganz, ganz unterschiedlich waren – so hätten die Stoiker sich bei dem oben beschriebenen Tag sich mit Ekel und Abscheu abgewendet, ein Epikureer hätte wahrscheinlich am Shoppen und (natürlich) auch am Saufen seine Freude gehabt.

Aber meinen wir mit «happy» und «lucky» und «sunny» nicht meistens eigentlich nur «zufrieden»?
Vor vielen Jahren fing man an, von «glücklichen» Kühen zu reden. Das war ein unglaublich guter Spruch, der die Menschen davon überzeugen sollte, Milch nur von Kühen zu trinken, die herumlaufen dürfen und nicht gequält werden. Aber schon damals hatte man Probleme damit, zu eruieren, ob Kühe Glück empfinden oder nicht nur schlicht und einfach zufrieden sind.
Ein Hotel, das ich besuchte, warb wirklich mit einer «Nicht-happy-Geld-zurück-Garantie». Ich habe diese «Nicht-happy-Geld-zurück-Garantie» nicht ausprobiert, aber ich bin mir relativ sicher, dass mit der «Nicht-happy-Geld-zurück-Garantie» eigentlich eine Zufriedenheitsgarantie gemeint ist. Denn natürlich bekomme ich Geld zurück, wenn meine Matratze stinkt, einfach weil ich nicht zufrieden gestellt werde.
Aber glücklich?
Auf die Spitze getrieben müsste die «Nicht-happy-Geld-zurück-Garantie» bewirken, dass eine Person mit psychischen Problemen, eine Person mit einer bipolaren Störung in der depressiven Phase, dass Personen im Burnout (das ja in der Schweiz Erschöpfungsdepression heisst), das diese Leute im Hotel X gratis wohnen können.
Das ist wahrscheinlich nicht so…

«HAPPY» und «LUCKY» und «SUNNY» werden uns um die Ohren gehauen. Aber wir werden nicht glücklicher davon.
Denn auch wenn wir dann nach vielen LUCKY DAY, LUCKY NIGHT, FLORIDA SUNSHINE, MIAMI SUNSHINE, HAPPY CAT oder HAPPY DOG im HAPPY CAB® oder LUCKY TAXI® nach Hause fahren, um uns wieder auf unsere HAPPY-MATRATZE® im LUCKY-BED® zu legen, sind wir davon nicht glücklicher geworden.

Aber ich gebe zu:
Produkte wie SATISFIED-COFFEE® oder CONTENT-SHIRTS® würden sich wesentlich schlechter verkaufen.





 

 

 

 

 

Freitag, 12. Juli 2024

Haben Sie geübt?

Haben Sie die Geste geübt?
Ja? Wie schnell sind Sie inzwischen? 8 Sekunden? 6 Sekunden?

Nein? Warum?
Es gäbe eigentlich nur einen Grund. Sie haben den Post nicht gelesen. Gut, für diejenigen, die jetzt nicht wissen, wovon ich rede, hier noch einmal die Geste, die den «Schweigefuchs» ablösen soll:

Der Kleine Finger der linken Hand streichelt über den Daumen der rechten Hand.
Der Daumen der rechten Hand streichelt über den Kleinen Finger der linken Hand.
Der Kleine Finger der rechten Hand streichelt über den Daumen der linken Hand.
Der Daumen der linken Hand streichelt über den Kleinen Finger der rechten Hand.
Der Zeigefinger der linken Hand streichelt über den Ringfinger der rechten Hand.
Der Ringfinger der rechten Hand streichelt über den Zeigefinger der linken Hand.
Der Zeigefinger der rechten Hand streichelt über den Ringfinger der linken Hand.
Der Ringfinger der linken Hand streichelt über den Zeigefinger der rechten Hand.
Der Mittelfinger der rechten Hand streichelt über den Mittelfinger der linken Hand.
Der Mittelfinger der linken Hand streichelt über den Mittelfinger der rechten Hand.

Das sollte man nun in deutlich weniger als 10 Sekunden schaffen.

Ach, Sie haben den Post gelesen und dennoch nicht geübt? Warum?
Ach, Sie hatten keine Zeit…
Ich könnte Ihnen nun einen Grauen Herren vorbeischicken, der Ihnen genau vorrechnet, wieviel Zeit Sie gehabt hätten und verplempert haben. Minuten um Minuten, die Sie ferngesehen haben, aus dem Fenster geschaut, unnötigerweise auf Facebook oder TikTok waren, Minuten um Minuten, in denen Sie eine Zigarette geraucht haben (eh ungesund) oder einfach nix gemacht haben. Aber lassen wir die Grauen Herren mal weg, lassen wir sie im Buch, im Märchen und stellen uns eine andere Frage:
Wieso sagen Sie (wieso sagen wir): «Keine Zeit»?
Denn Sie sind ja in keinster Weise verpflichtet, irgendeine blöde Geste zu üben, die Ihnen ein bescheuerter Blogger als «Hausaufgabe» gibt. Es war ja überaus frech und unverschämt, dass ich oben überhaupt danach gefragt habe.

Wieso sagen Sie nicht (wieso sagen wir nicht): «Keine Lust»?
Wieso sagen Sie nicht (wieso sagen wir nicht): «Kein Interesse»?
Wieso sagen Sie nicht (wieso sagen wir nicht): «Was geht Sie das an»?
Wieso sagen Sie nicht (wieso sagen wir nicht): «Haben Sie eigentlich einen Vogel»?

Die Antwort ist ganz einfach: Die Geschichte mit der nicht vorhanden seienden Zeit ist die einfachste und natürlichste Ausrede, die es gibt. Wir alle haben ja keine Zeit, niemand hat Zeit, kein Mensch hat ein paar Minuten oder gar Stunden übrig.
Umgekehrt ist es nämlich so, dass man sehr, sehr, sehr schief angesehen wird, wenn man Zeit hat. Ich habe ja oft Zeit, weil ich (fast pathologisch) so reichlich plane. Wenn ich einen Termin habe und vorher noch in die Migros will, dann plane ich alle Eventualitäten, wie: Tram kommt nicht, ich stürze, ich bleibe auf der Rolltreppe stecken, ich habe keine Münze für den Wagen, ich muss alle Artikel suchen, ein. Da nun meistens das Tram kommt, ich aufrecht bleibe, ich die Rolltreppe perfekt passiere, ich natürlich eine Münze habe und alle Artikel greifbar sind, bin ich so früh an der Kasse, dass ich 3-4 Leute vorlassen kann – weil sie einen sehr gestressten Eindruck machen. Spreche ich nun aber die magischen Worte «Ich habe Zeit», dann werde ich häufig sehr schräg angeguckt. Begriffe wie
Tagedieb
Rentenbetrüger
Asozialer
Arbeitsloser
schwirren im Raume herum.

Zeit zu haben ist etwas Unanständiges.

Demzufolge ist es total normal, keine Zeit zu haben – und es ist die beste Ausrede.
Insofern ist es nicht zu verstehen, dass sie nicht viel mehr benutzt wird.
Wie unglaubhaft ist ein Scholz, der sich im Cum-Ex-Skandal angeblich «nicht erinnern» kann? Es wäre doch für unser Olaflein viel geschickter, wenn er sagen würde: «Ich müsste für die Aufklärung einige alte Dokumente durchsehen, aber ich finde keine Zeit dafür.» Würde ihm jeder glauben.
Das gilt natürlich für eine Menge Amtsträger und eine Menge Unterlagen, leider gilt es für den Normalbürger nicht, man könnte sonst die Steuererklärungen 2018, 2019, 2020, 2021, 2022 und 2023 alle hinausschieben, aus Zeitmangel.

Haben Sie die Geste von neulich geübt?
Ja? Wie schnell sind Sie inzwischen? 8 Sekunden? 6 Sekunden?
Ich habe sie übrigens auch nicht geübt – wir haben als «Schweige-Tier» einfach eine flach erhobene Hand. Das ist (bis jetzt!) politisch noch unbefleckt…







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

Dienstag, 9. Juli 2024

Adieu, Schweigefuchs!

Liebe Leserinnen und Leser, bitte seien Sie doch jetzt mal ruhig. Sie müssen jetzt genau zuhören. Sehen Sie: Ich lege meinen Zeigefinger auf meine Lippen.

Ich denke, dass dies ein gutes und schönes Zeichen ist, nachdem mein geliebter Schweigefuchs ja nun verboten wird. Alle Kinder kannten ihn, den Leisefuchs, auch Flüsterfuchs, Lauschefuchs oder Schweigefuchs genannt, das Handzeichen, bei dem der Daumen über Mittel- und Ringfinger geht und der Kleine und der Zeigefinger abgestreckt werden. Nun ist aber blöderweise der Leisefuchs, auch Flüsterfuchs, Lauschefuchs oder Schweigefuchs genannt, dasselbe Zeichen wie der Wolfsgruss. Und der Wolfsgruss ist ein ja ein rechtsextremes Zeichen.

Mir tun die Kinder leid. Da bringt man ihnen doch immer mühevoll etwas bei, nur um dann in einem Moment zu sagen, dass das, was sie gelernt haben, falsch, böse, verkehrt und absolut daneben ist. Da haben sie den Schweigefuchs, Leisefuchs, Flüsterfuchs, Lauschefuchs gelernt, und jetzt ist er falsch, böse, verkehrt und daneben. Da hatte man ihnen mühevollst beigebracht, dass man Erwachsenen (Lehrerinnen und Lehrern) die Hand gibt, die Hand schüttelt, Pfötchen gibt. Der Händedruck war von einem Tag auf den anderen böse und falsch, an deiner Hand war ein Virus, das ich von dir bekomme, wenn du mir die Pfote gibst, und sollten wir doch handshaken, müsste ich mir 30 Minuten die Hände waschen, nach einer genauen Anleitung.

Bitte seien Sie doch jetzt mal ruhig. Sie müssen jetzt genau zuhören. Sehen Sie: Ich lege meinen Zeigefinger auf meine Lippen. Ich denke, dass dies ein gutes und schönes Zeichen ist, nachdem mein geliebter Schweigefuchs ja nun verboten wird.

Nun ist das aber mit Zeichen so eine Sache. Zeichen können sehr viel bedeuten und sehr missverstanden werden.
Nehmen Sie nur einmal den Ring, den wir mit Zeigefinger und Daumen bilden, das kann «super!» heissen, wird aber in anderen Ländern als «A…» gedeutet, also als totale Beleidigung.
Oder die Gesten für «Kommt her!» oder «Geht weg!», da holen wir mit der Handfläche zu uns und schicken mit der Handfläche zum anderen Menschen weg, man könnte das aber genauso umgekehrt machen, und einige Nationen tun das auch umgekehrt. Nicht schlimm, wenn man nicht bei den Blauhelmen ist, nicht schlimm, wenn nicht ein vermintes Hafenbecken zwischen einem liegt. Das hat eben bei einem UN-Einsatz schon zu einem schlimmen Unfall geführt.

Was könnte man nun an meinem Zeigefinger missverstehen?
Nichts, wenn mein Zeigefinger nichts sonst macht.
Wenn er erst eine Weile in der Luft schwebt, dann könnte man das als «Achtung – aufpassen» missdeuten, was ja nicht schlimm wäre, immerhin hängen ja Aufpassen und Zuhören zusammen.
Wenn ich ihn aus Versehen an die Nase bringe, dann heisst das «ich denke nach», auch das wäre keine Katastrophe, wenn ich Ihnen etwas sagen will, dann muss ich ja vorher nachdenken, immerhin tun das einige Leute so.
Wenn ich nun allerdings den Zeigefinger, statt ihn straight draufzulegen, ein bisschen auf der Lippe streiche, dann wird das – so habe ich mich informiert – ganz schnell eine erotische Geste. Und eine solche will man natürlich ja nicht machen, vor allem, wenn man eigentlich Kinder zum Schweigen bringen möchte.

Also doch zurück zum Schweigefuchs? Zum Lauschefuchs? Zum Flüsterfuchs? Ich habe eine wunderbare Geste entworfen, die noch in keinem kulturellen Zusammenhang auftaucht:

Der Kleine Finger der linken Hand streichelt über den Daumen der rechten Hand.
Der Daumen der rechten Hand streichelt über den Kleinen Finger der linken Hand.
Der Kleine Finger der rechten Hand streichelt über den Daumen der linken Hand.
Der Daumen der linken Hand streichelt über den Kleinen Finger der rechten Hand.
Der Zeigefinger der linken Hand streichelt über den Ringfinger der rechten Hand.
Der Ringfinger der rechten Hand streichelt über den Zeigefinger der linken Hand.
Der Zeigefinger der rechten Hand streichelt über den Ringfinger der linken Hand.
Der Ringfinger der linken Hand streichelt über den Zeigefinger der rechten Hand.
Der Mittelfinger der rechten Hand streichelt über den Mittelfinger der linken Hand.
Der Mittelfinger der linken Hand streichelt über den Mittelfinger der rechten Hand.

Wunderbar, nicht?
Sie müssen allerdings ein wenig üben, denn diese Geste sollte ja den Schweigefuchs UND den Lippen-Zeigefinger ersetzen, und Sie sollten sie schon in weniger als 10 Sekunden hinbringen – ganz ehrlich: ich schaffe das auch noch nicht, aber Übung macht ja bekanntlich den Meister.
Und:
Ich denke, dass dies ein gutes Zeichen wird, nachdem mein geliebter Schweigefuchs ja nun verboten wird, der Leisefuchs, auch Flüsterfuchs, Lauschefuchs oder Schweigefuchs genannt, das Handzeichen, bei dem der Daumen über Mittel- und Ringfinger geht und der Kleine und der Zeigefinger abgestreckt werden.
Denn der Schweigefuchs ist eben auch der Wolfsgruss und so böse Zeichen wollen wir ja nicht machen, oder?

Freitag, 5. Juli 2024

Niemals den Anbieter wechseln!

Und wir hatten Herbert noch gewarnt. Wir hatten ihn gewarnt, dass eine solche Veränderung, ein solcher Vorgang, ein solcher Wechsel sein Leben komplett aus der Bahn werfen würde…

Es war im Mai 23, wir sassen zu fünft in der Kneipe, und wir redeten über dies und das und das und dies, als mein Kumpel Mark mich fragte, ob es nicht wieder mal eine Veränderung bei mir gebe. Es sei so still um mich geworden. Ich warf ein, dass ich ja im Herbst 2022 die Wohnung gewechselt hätte und dass zurzeit keine Veränderung anstehe.
Gut, meinte Mark, aber bei ihm, bei ihm stehe ein Wohnungswechsel an, er ziehe im September nach Binningen. Gut, bei seinem kleinen Haushalt in einer kleinen Zweizimmerwohnung keine Sache, keine grosse Sache und wir boten alle an zu helfen.
Jetzt war Beat an der Reihe. Nach längeren Diskussionen habe er sich von Maja getrennt und sei nun auf Gay-Dating-Plattformen unterwegs. Wir stöhnten ein bisschen, und Mark meinte nur: «Zum wievielten Mal?», womit er die Zahl der Comingouts und Comingins, oder die Wechsel von Hetero- zu Schwulbeziehung meinte, wir konnten sie schon nicht mehr zählen. Also auch keine grosse Sache.
Fred kam dann noch mit einer Umschulung. Nach etlichen Jahren im Schuldienst, so meinte er, habe er angefangen die Jugendlichen so zu hassen, dass er bald eine Gefahr für deren Leib und Leben darstelle. Er habe sich deshalb entschieden, sich ab Winter zum Floristen ausbilden zu lassen. Und er werde auch Marks neue Wohnung gerne mit Blumen bestücken und auch Beat beim Daten mit Rosen und Nelken unterstützen…

Und dann liess Herbert die Bombe platzen.
Er wechsele zum 1. August 2023 den Digitalen Anbieter, Telefon, Handy, Mail und TV von SUGAR zu RAINCLOUD. Das würde ihm 150,-- im Monat sparen.
Wir sassen fassungslos da. Wie konnte jemand so leichtsinnig sein? Wie konnte man ohne Not eine so fundamentale Drehung einfach in die Wege leiten? Ein Wohnungswechsel, geschenkt. Einfach ein paar Kisten einpacken, in die neue Bude fahren und Kisten auspacken, gut ist. Die Ausrichtung wechseln? Einfach sich bei RED HEARTS ab- und bei PINK HEARTS anmelden und bei ein paar anderen Plattformen den Button von «straight» zu «queer» ändern, gemacht.
Und Umschulungen? Lebenslanges Lernen, so ist ja die Devise.
Aber der Wechsel des Digitalanbieters, das ist eine grosse, grosse, grosse Sache.

Und wir hatten Herbert noch gewarnt. Wir hatten ihn gewarnt, dass eine solche Veränderung, ein solcher Vorgang, ein solcher Wechsel sein Leben komplett aus der Bahn werfen würde…

Aber er wollte nicht hören, es sei – so Herbert – ganz einfach.
Er werde sich gleich am 2. 8. 2023 melden, mit neuer Festnetznummer, mit neuer Mailadresse und mit neuer Handynummer, kurz, mit neuer digitaler Identität.

Als wir am 6. August noch nichts von ihm gehört hatten, gingen wir bei ihm vorbei – alle bisherigen Kommunikationskanäle meldeten uns ja stets «…seit dem 1.8. nicht mehr gültig…».
Wir kamen an die Wohnung und staunten nicht schlecht, als wir sahen, dass alle Fensterläden heruntergelassen waren. War Herbert in Urlaub gefahren? Das hätte er uns aber sicher gesagt, und es wäre ja auch sehr unklug, einfach wegzureisen und zu hoffen, dass die RAINCLOUD-Leute in der Zeit alles richtig machen. Wir klingelten also und hörten von drinnen eine Stimme: «Tür einschlagen». Tür einschlagen? Hatten wir richtig gehört? Aber Herbert schien wirklich in Not zu sein. Also gingen wir, kamen aber nach einer halben Stunde mit einer Axt zurück und demolierten die Tür. Wir fanden ihn im Dunklen im Sessel sitzen, bleich vor Hunger, also erst einmal zum Supermarkt, Wurst, Käse und Brot kaufen. Und Bier. Durch Bier, Wurst, Käse und Brot gestärkt, konnte der Arme uns alles erzählen:

Man hatte ihm absolut sicher zugesagt, versichert und geschworen, dass ab 2.8. 0.00 Uhr auf jeden Fall das Handy täte, zu 98% auch die anderen Sachen, notfalls könne er anrufen. Als Herbert um 8.00 aufstand (er hatte sich den Tag wohlweislich freigehalten), tat nichts, kein Festnetz, kein TV, kein Handy und kein Internet. Also machte er sich in den RAINCLOUD-Shop auf und schaffte es, dass man ihm für den Abend an jenem Tag einen Techniker zusagte, versicherte und beschwor. Dieser Techniker kam dann tatsächlich um 19.00. Er fuhrwerkte eine Stunde herum – und alles tat.
Wunderbar.
So dachte man.
Als Herbert um 22.00 die Nachrichten gucken wollte, tat wieder nichts. Nein, das ist jetzt nicht ganz korrekt: Der Fernseher ging an, gleichzeitig gingen alle Rollläden herunter und die Tür verschloss sich. (Sein Vermieter hatte das vor zwei Jahren elektronisch aufgemotzt.) Dann ging der Fernseher aus, die Storen blieben unten und die Türe hermetisch zu. Gleichzeitig waren alle Kommunikationsmethoden ihm versperrt.
Hätte er nicht so gute Freunde wie uns – er wäre verhungert. Zum Glück, zum guten und wahren und echten Glück, Fortuna sei Dank und dem Schicksal Lob und Preis, die Wasserzufuhr hing nicht an der Elektrik, sonst wäre er verdurstet…

Und wir hatten Herbert noch gewarnt. Wir hatten ihn gewarnt, dass eine solche Veränderung, ein solcher Vorgang, ein solcher Wechsel sein Leben komplett aus der Bahn werfen würde…
Wir hatten ihm gesagt: Wechsel deine Wohnung – kein Problem. Wechsel deine sexuelle Orientierung – nichts leichter als das. Wechsel deinen Beruf – jeder macht das. Wechsel also Adresse, von gay auf straight und mache eine neue Ausbildung.
Aber wechsele niemals ohne Not deinen Anbieter.
Das führt zur Katastrophe.







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 3. Juli 2024

Wir klicken zu schnell, wenn man uns Geld schenken will

Ich muss einen Satz aus einem Post relativieren:
Ich hatte neulich gesagt, ich habe Verständnis für Menschen, die auf Links klicken, wenn Dinge sie betreffen – oder meinen, sie beträfen sie.
Ja, das gilt, wenn man Ihnen Angst macht mit «Kreditkarte gesperrt».
Nein, das gilt nicht, wenn man Ihnen Geld schenken will.
Wie als Ergänzung zum Post vom 25. Juni mit dem Titel «Wir klicken zu schnell» bekam ich eine Mail an meine Firmenadresse:

Hallo,
Mein Name ist Warren E. Buffett, ein amerikanischer Wirtschaftsmagnat, Investor und Philanthrop. Ich bin der erfolgreichste Investor der Welt und CEO von Berkshire Hathaway. Ich glaube fest daran, dass man im Leben geben sollte. Ich hatte eine Idee, die sich nie geändert hat: dass man sein Vermögen nutzen sollte, um Menschen zu helfen, und ich habe beschlossen, {1.500.000,00 Euro} eine Million fünfhunderttausend Euro an zufällig ausgewählte Personen weltweit zu spenden. Wenn Sie diese E-Mail erhalten, können Sie sich zu den glücklichen Menschen zählen. Ihre E-Mail-Adresse wurde bei einer zufälligen Online-Suche ausgewählt. Bitte melden Sie sich so bald wie möglich bei mir, damit ich weiß, dass Ihre E-Mail-Adresse gültig ist.
Ich warte auf Ihre Antwort an meine persönliche E-Mail-Adresse: xxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Das ist jetzt nicht erfunden, Leute! Das ist echt wahr. So schön könnte ich gar keinen Stuss erfinden. Und deshalb habe ich auch die 20 x gesetzt und nicht die Mailadresse gelassen, Sie sind ja gewohnt, dass alle meine blau gesetzten Links zu nix führen, weil sie erstunken und erlogen sind, hier hätte aber ein Klicken auf die Adresse (Name des angeblichen Absenders, alles klein, dreistellige Zahl und das bei Gmail) zu einem Absturz Ihres PCs geführt.

Was ist aber nun mit Leuten, die so eine Mail glauben? Mit welchem Wort kann man sie beschreiben? Ich muss an eine Passage bei Böll denken, in der es um einen Kleriker geht:

…als ich die Stimme des Bischofs aus dem Lautsprecher hörte, fiel mir plötzlich das Adjektiv ein, nach dem ich immer gesucht hatte. Ich hatte gewusst, dass es ein einfaches Adjektiv war, es hatte mir auf der Zunge geschwebt, war weggerutscht…und ich wusste plötzlich das Wort, das ich jahrelang gesucht hatte, das aber zu einfach war, um mir einzufallen: Der Bischof war dumm.
(aus: «Und sagte kein einziges Wort»)

Manchmal ist es eben so einfach:
Dumm.
Wer meint, dass Menschen wie Mister Buffet, der bei jeder Investition sich genau, genauest, ganz sorgfältig, sorgfältigst überlegt, einen Beschenkten einfach auslost, der oder die ist dumm.
Wer überhaupt meint, dass 100000000000000000 Euro einfach so verschenkt werden, der oder die ist dumm.
Wer auf einen Link klickt, weil dort ein Haufen Gold wartet, der oder die ist dumm.

Das gilt nun sicher auch für den folgenden Fall, über den SRF berichtete:
Im September 2021 erhielt ein 78-jähriger St. Galler eine E-Mail von einem angeblichen afrikanischen Anwalt. Er teilte ihm mit, dass ihm eine Erbschaft in Kolumbien zusteht – Reise inklusive. Der Ehemann sah die optimale Chance, um das 30-jährige Ehejubiläum zu feiern. Seine damals 68-jährige Frau zögerte zunächst, folgte ihrem Mann aber.
Am 18. September 2021 landete das Paar in Bogotá. Nach ein paar Tagen informierte die Kontaktperson vor Ort das Paar über eine Planänderung: Sie sollten mit einem Paket im Gepäck nach Belgrad reisen, um das Erbe anzutreten. Die Frau hatte erneut Bedenken, aber ihr Mann überzeugte sie dennoch.
Am Flughafen von Bogotá entdeckte die Polizei dann mehr als drei Kilogramm reines Kokain in einem Koffer. Das Gepäckstück trug den Namen der Frau. Sie wurde festgenommen, als sie bereits im Flugzeug sass.

Wie blöd muss man sein, um zu glauben, dass einem eine Erbschaft in Kolumbien zusteht?
In Kolumbien, obwohl man niemand dort kennt?
Dass man persönlich dorthin reisen muss, um das Geld zu erhalten?
Dass einem der Flug auch noch spendiert wird?
Dass der Flug spendiert wird, wenn man via Belgrad fliegt?
Und dort noch ein kleines Päckchen mitnimmt?

Ich muss einen Satz aus einem Post relativieren:
Ich hatte neulich gesagt, ich habe Verständnis für Menschen, die auf Links klicken, wenn Dinge sie betreffen – oder meinen, sie beträfen sie.
Ja, das gilt, wenn man Ihnen Angst macht mit «Kreditkarte gesperrt».
Nein, das gilt nicht, wenn man Ihnen Geld schenken will.

Denn man bekommt nix geschenkt.
Und erst recht nicht per Mail.