Dienstag, 19. März 2024

Blogpause - Aufgaben - schöne Ostern

Wir machen wieder einmal eine (längere) Blogpause.
Der Grund: Ich bin drei Wochen auf der anderen Seite des Atlantiks. Nein, aber nicht – wie Sie jetzt vielleicht denken – in den USA. Ich werde mit meinen Singknaben eine Tournee nach Brasilien, Uruguay und Argentinien machen. Seit langem ist dort jetzt wieder eine grosse Reise angesagt.

Sie dürfen sich also, wenn ich wieder komme, auf etliche Posts zum Thema «Südamerika» freuen. Bitte freuen Sie sich aber nicht auf Themen wie «Drogen und Waffen in den Metropolen» oder «Im Kanu auf dem Amazonas», freuen Sie sich nicht auf Sujets wie «Atmen in 5000 Meter Höhe» oder «Schlangen und Spinnen im Dschungel», wir reisen (ganz un-abenteuerlich) mit dem Bus von Sao Paolo über Montevideo nach Buenos Aires. Schliesslich sind wir mit Kindern unterwegs, und wir haben den Eltern versprochen, dass wir diese von sowohl von Kokain wie Anakondas fernhalten…
Was dann meine Themen ab 23. April sein werden (dann geht es weiter)? Nun, genau gesagt, ich weiss es nicht, das ist ja das Schöne und Überraschende an solch einer Reise. Wer hätte bei meinem letzten Tournee-Post aus Slowenien am 4. 11. 2022 gedacht, dass ich über den Grottenolm schreiben würde? Ich wusste ja bei Reiseantritt selber nicht, dass mir ein solches Tier begegnen würde.

Natürlich hätte ich – theoretisch gesprochen – Zeit, im Hotelzimmer noch jeweils einen Text zu schreiben. Auch die längeren Busreisen böten eine schöne Phase, um ausgiebig an meinen Texten zu feilen, schliesslich werden wir ca. 3000 Kilometer im Car zurücklegen. Ich werde aber – ganz ehrlich gesagt – keinen Nerv haben. Das weiss ich. Da wird so viel an Eindrücken sein, so viel an Erlebnissen, so viel an Begegnungen, und schlussendlich habe ich auch noch 15 Konzerte zu spielen, es ist keine Urlaubsfahrt, das darf man nicht vergessen.
Nein, ich verabschiede mich für einen Monat und melde mich in fünf Wochen frohgemut zurück.

Und wie immer habe ich noch ein paar Aufgaben für Sie, damit Sie die gewonnene freie Zeit richtig nutzen können:

1.) Lesen Sie die Posts, die Ihnen noch fehlen.

Seien Sie ehrlich: Wir haben heute den – Achtung, heilige Zahl – 1200. Post. Haben Sie alle gelesen? Haben Sie alle begriffen? Haben Sie alle noch parat? Könnte ich Sie abfragen, zum Beispiel in welcher Höhle mir der Grottenolm begegnete? (Wobei «begegnen» hier ein grosses Wort ist, wenn man ein Tier im Halbdunkel in einem Glasfenster sieht.)
Aber ich kann natürlich nicht von Ihnen verlangen, dass Sie alle 1200 noch einmal durcharbeiten, aber ich schlage Ihnen vor, dass Sie die Posts aufschaffen, die Sie verpasst haben.

2.) Machen Sie einmal wieder richtig Ostern.

Mit «richtig Ostern» meine ich ein Osterfest, einen Osterbrunch, ein Osterkaffeetrinken, bei dem Sie sich mal wieder richtig Mühe geben und nicht so schludern wie im letzten Jahr. Ein riesiger Osterstrauss mit selbstausgeblasenen und selbstbemalten Eiern ist hier nur der Anfang, ein selbstgebackener Zopf und ein selbstgebackener Osterfladen sind genauso dabei wie 20 wunderschöne Osternestchen für die Kinder, die dieses im Garten suchen dürfen – und der Garten ist, bitte schön, natürlich auch auf dem aktuellen Frühlingsstand. (Alte Blätter weg? Alles geschnitten? Gepflanzt?)
Das sollte Sie von Gründonnerstag bis Ostermontag beschäftigen…

3.) Suchen Sie sich neue Freunde und eine neue Familie

Sie werfen mir entgegen, dass Sie ein solches Traumosterfest schon letztes Jahr versucht haben, und dass Ihre Leute das gar nicht zu schätzen wussten:
Sie haben den Osterstrauss, der Sie immerhin 5 Stunden Ihres Lebens gekostet hatte, mit keinem Blick gewürdigt.
Sie haben von Zopf und Osterfladen nur ganz, ganz, ganz, ganz wenig gekostet, weil chronische Magenprobleme, Diäten und (bei den Menschen unter 20) das völlige Fehlen von chemischen Zusatzstoffen im Wege standen.
Die Kinder haben kein einziges Nest gefunden, weil sie nur auf ihr Handy schauten und natürlich nicht dazu bewegen waren, ihr Mobilgerät in der Stube zu lassen.
Ein solches Fiasko muss nicht sein, nutzen Sie also die Zeit, eine neue Familie und neue Freunde zu suchen. (Ich gebe zu, dass «neue Familie» schwieriger ist als «neue Freunde», aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.)

So, das wär es für heute.
Ich verabschiede mich in die Ferne – am 23. April lesen wir uns wieder. 

Adeus e feliz Páscoa. / Adiós y feliz Pascua.

P.S. Die Höhle war die von Postojna




Freitag, 15. März 2024

Swifties

Liebe Leserinnen und Leser

wissen Sie, was «Swifties» sind?
(Kleine Randbemerkung: Mein Korrekturprogramm weiss es auch nicht, ist nicht up to date, es macht mir die rote Linie und bietet mir «Sixties» oder «Stiftes» an.)

«Swifties» sind die Fans von Taylor Swift.
Sie lieben Taylor mehr als ihre Familie und ihre besten Freunde, sie haben alle Songs von ihr im Kopf, sie folgen ihr auf allen Kanälen, und sie sagen, Taylor sei für sie «wie eine gute Freundin, eine Schwester».
Und sie reihen sich in ihrem Fanatismus, ihrer Sturheit, ihrer Gutgläubigkeit, ihrer Sehnsucht und ihrem Gemeinschaftsstreben in eine lange Reihe der Fankultur ein. Von der «Beatlemania» über die «Belieber» (Justin Bieber-Fans) geht eine ewige und traurige Strecke bis zu den Swifties. Aber nicht nur die Popmusik lebt ja von der Fankultur; auch im Sport haben wir ähnliche Phänomene, und ebenfalls ein Nurejew hatte eine wilde und brausende Gemeinde von Anhängern: Beim Applaus wurden ihm nicht nur Blumen, sondern auch Briefchen, Unterwäsche und Hotelzimmerschlüssel auf die Bühne geworfen.

Mir ist das Fan-Gehabe fremd.

Jetzt tu doch nicht so, höre ich einige sagen, du bist ja auch Wagnerianer. Und dem muss ich nun ganz, ganz, ganz, ganz deutlich widersprechen.
Ich mag Wagner-Opern und brauche jedes Jahr meinen «Ring des Nibelungen», aber ein Wagnerianer ist etwas anderes. Ich habe mich bei meinem letzten Tribschen-Besuch extrem aufgeregt, dass in der einen Vitrine sämtliche Wagner-Schriften unkommentiert aufgereiht sind – inklusive der Text «Das Judenthum in der Musik». Ein echter Wagnerianer hätte meine Aufregung nicht verstanden, er hält jeden Ton des Meisters für einen göttlichen Ton und jedes Wort des Meisters für ein göttliches Wort. Für einen Wagnerianer soll Tribschen eben auch kein Ort der kritischen Aufarbeitung sein, sondern ein Wallfahrtsort. Ich kenne – das ist jetzt wirklich wahr – Menschen, die, wenn sie im Boot auf dem Vierwaldstätter See an Tribschen vorbeifahren, im Schiff aufstehen, in allem Ernst.
Warum ich dann das Buch «Wagners Musikdramen» auf einem kleinen schwarzen Tischlein speziell drapiert präsentiere? Weil dieses Buch über 100 Jahre alt ist, weil es eine Widmung meiner Grossmutter an meinen Grossvater enthält, die einzige schriftliche Erinnerung, die ich habe, und weil das Buch mich ein Schweinegeld fürs Neubinden gekostet hat, darum steht es nicht im Bücherschrank, sondern liegt da.
Nein.
Ich bin Ring-Fan und Ring-Hörer und reihe mich ein in die grosse Truppe der Ring-Touristen.
Wagnerianer bin ich nicht.

Aber wir waren bei den «Swifties».
Der Hype um diese Frau hat Züge angenommen, die ein normaler Mensch nicht mehr versteht. Sie ist ja klare Demokratin, und so hat Trump Angst, dass sie massiv in den Wahlkampf eingreifen wird, aber beide, Trump UND Biden, sie haben Angst, dass die Songwriterin irgendwann auf die Idee kommt, sie könnte ja auch selber kandidieren. Dann wäre nämlich aus mit den Herren, dann hiesse der nächste, der 47. Präsident der USA Taylor Swift.
Und dass sie keine Ahnung vom wirklichen Regieren hat, was soll es, wir haben so viele Schauspieler im Politikgewerbe (von Reagan bis Selenskyj), dass es auf einen Sänger oder eine Sängerin auch nicht ankommt; Karel Gott wäre übrigens mit über 70% zum Staatspräsidenten von Tschechien gewählt worden – er hat nur nicht kandidiert.

Aber vielleicht bin ich auch nur neidisch.
Ja.
Ja, wahrscheinlich.
Wahrscheinlich stimmt das.
Ich hätte gerne auch eine solche Fangemeinde. Und ich werde sie auch bald gründen. Ich benötige – und hier wird es schwierig – nur noch einen guten Namen.
«Rolfies», einerseits klingt das zu sehr nach «Rolfing», was eine Behandlungsmethode ist, die man mit «therapeutisches Foltern» übersetzen könnte, andererseits ist «Rolfi» ja ein Spitzname, den niemand auf der ganzen Welt zu mir sagen dürfte.
«Herties», das klingt jetzt wieder sehr nach einem ehemaligen Kaufhaus, zumindest für Boomer, die ja auch die Möglichkeit haben sollten, bei mir mitzumachen.
Sollen wir vielleicht «Tuesdayies», «Frydayies» oder «Glossies» anstreben? Alles das ist irgendwie doof; aber klar ist, dass ich eine Fangruppe brauche…

Es ist also der Neid, der mich treibt. Lassen wir also die Swifties Swifties sein, sollen sie jubeln, sollen sie feiern, und wenn Taylor beschliesst, dass sie selbst Präsidentin der USA werden will, dann hat sie schon mal einen klaren Vorteil:
Sie braucht, wenn sie ein Statement abgeben will, tänzerische und geschmeidige 10 Sekunden vom Sitz zum Rednerpult – und nicht 10 Minuten wie unsere beiden (!) Altersheimbewohner.





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

Dienstag, 12. März 2024

Warum ist der Mensch so kompliziert?

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht aufzuschreiben, was ich jeden Morgen tue, bevor ich aus dem Haus gehe. Und ich war und bin entsetzt, wie viel Schritte es braucht, um mich in einen Zustand zu versetzen, der ein Verlassen des Wohngebäudes rechtfertigt:

Ich erhebe mich aus dem Bett.
Ich gehe auf die Toilette.
Ich schlurfe in die Küche.
Ich stelle die Kaffeemaschine an, lege eine Kapsel ein, warte eine Weile, bis das Blinken aufhört und mache dann eine Tasse Kaffee.
Ich trinke diesen Kaffee.
Ich gehe ins Bad, putze meine Zähne (elektrisch), ich rasiere mich (elektrisch), nehme tüchtig Deo und verlasse das Badezimmer wieder.
Ich ziehe Unterhose, Hose und Pulli an.
Jetzt muss ich noch einmal kurz ins Bad, denn die Haare wollen gegelt werden.
Ich ziehe Armbanduhr, Ringe und Brille an, dann Strümpfe und Schuhe.
Ich packe das Handy in meine Umhängetasche, Portemonnaie, Lektüre, Schwimmsachen und Schlüssel habe ich schon gestern Abend reingetan.
Ich ziehe den Anorak an und verlasse die Wohnung, ich gehe die Treppe hinunter und verlasse das Haus.

Das ist eine sehr, sehr, sehr, sehr, sehr lange Liste.
Und obwohl ich lange darauf schaue, kommen mir keinen Ideen, wie ich dieses ausgedehnte Verfahren abkürzen könnte. Ja, es gibt sogar Sachen, die hier gar nicht auftauchen und die die Phase extrem verlängern würden:
Ich dusche morgens nicht, weil ich in der Mittagspause schwimmen gehe und im Hallenbad Kirschgarten ausgiebig dusche, vor dem Schwimmen (muss ich vom Hallenbadreglement her) und danach (will ich – wegen des Chlors).
Das Packen, ich habe mir angewöhnt, meine Tasche am Abend schon am Abend schon zu richten (mit Ausnahme des Mobilphones, das laden muss), nach langem Zögern und Hadern habe ich gemerkt, dass meine Eltern hier doch recht hatten…
Ich rauche nicht mehr, früher kam zum Morgenkaffee noch die Morgenzigarette.

Also keine Dinge, die man weglassen kann, es bleibt eine lange Prozedur, ein langes Verfahren, und so muss man sich fragen, ob der Mensch hier nicht eine Fehlkonstruktion ist?
Wenn die Kaffeemaschine, die ich am Morgen bediene, eine solch lange Prozedur bräuchte, bis ich sie bedienen könnte (z. B. einschalten – aufwärmen – spülen – wieder ausschalten – wieder einschalten – erneut spülen – Kapsel aufwärmen – Kapsel anpieksen – Kapsel einlegen – Kaffee herstellen…), dann wäre die Maschine unbrauchbar.
Wenn der elektrische Rasierer an jedem Abend komplett gereinigt werden müsste, also jedes einzelne Barthaar mit der Pinzette entfernt werden müsste, weil er sonst kaputtginge, dann wäre der Grün X098 ein blödes Teil und ich würde ihn durch den Blau Y765 ersetzen, bei der eben NICHT an jedem Abend komplett gereinigt werden müsste, also jedes einzelne Barthaar mit der Pinzette entfernt werden müsste.
Wenn das Handy sich bei jedem Aufladen ausschalten würde, und wenn man zum Einschalten eine 16stellige Pin bräuchte, zum Entsperren der SIM-Karte eine 14stellige Pin und zum Farbigmachen des Bildschirms eine 20stellige Pin, dann hätte ich dieses Handy nicht.

Warum ist der Mensch nun so kompliziert?
Man ist versucht, sich zu überlegen, wie man aus dem Dilemma herauskommt.

Eine Lösung wäre sicher, einfach morgens nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Das würde sehr, sehr, sehr viele Arbeitsgänge einsparen:
Hose anziehen.
Schuhe binden.
Uhr anlegen.
Anorak zumachen.
usw.
usw.
Nun arbeite ich im Kontext von Schülerinnen und Schülern, die (wieder) lernen sollen, regelmässig in die Schule zu gehen und dort zu arbeiten. Es wäre also pädagogisch sehr unsinnig, wenn die Teenager in eine Institution müssten, wo dann ein Monitor stünde, mit dem sie den Lehrer sehen, der im Homeoffice arbeitet. Das wäre Quatsch.
So wie mir geht es natürlich auch vielen anderen, jedes Handwerk und auch die meisten Dienstleistungen sind im Homeoffice nicht zu bewerkstelligen.

Nein. Wir kommen – glaube ich – da nicht weiter.
Die Komplexität, die der Mensch hat und evoziert, wenn er versucht, in die Gänge zu kommen, das muss irgendwie ein evolutionärer Vorteil gewesen sein. Eine Amöbe ist immer parat. Eine Spinne braucht keinen Kaffee, um wach zu werden. Ein Elefant muss sich nicht rasieren. Eine Schnecke geht nicht aus dem Haus. Ein Adler zieht keinen Anorak an.
Aber wir haben der Fauna irgendetwas voraus, also muss man die lange Liste, die ich oben beschrieben habe, irgendwie in Ordnung sein.

Nun habe ich doch noch einen Punkt entdeckt, der mir 5 Sekunden spart:
Ich werde die Kaffeekapsel schon am Abend einlegen.







 

Freitag, 8. März 2024

Warum gehen nur Fussballtrainer?

Und wieder kreist das Trainerkarussell und wirft einige ab. Etliche Coaches müssen gehen:
Hans Maus beim FC Katzenberg
Franz Miez beim SC Hundehausen
Dirk Mops beim VFL Kuhdorf
Tim Muh beim VFB Käsetal.
Und man fragt sich, was diese Männer so falsch gemacht haben, was ihr Vergehen war, warum sie gefeuert wurden, Hans Maus beim FC Katzenberg, Franz Miez beim SC Hundehausen, Dirk Mops beim VFL Kuhdorf und Tim Muh beim VFB Käsetal?

Warum werden so viele Trainer entlassen, ich frage meinen Kumpel Horst, einen Kenner der Materie, er hat selber gespielt, kennt stets die aktuellen Tabellen der Bundesliga, aber auch der anderen Nationen und weiss natürlich auch um die Weggänge von Hans Maus beim FC Katzenberg, Franz Miez beim SC Hundehausen, Dirk Mops beim VFL Kuhdorf und Tim Muh beim VFB Käsetal Bescheid.

Seine Antwort ist so simpel, dass es mir den Atem verschlägt: Weil im Sport Leistungen sofort messbar sind.
Ja, klar.
Klar.
Eine Fussballmannschaft hat immer nur ein Ziel, das ist, das nächste Spiel zu gewinnen. Und das Spiel gewinnt man, indem man Tore schiesst. Und zwar immer mehr Tore als der Gegner. Egal, ob der Endstand 1:0, 2:0, 2:1 oder 3:0 ist, man hat gewonnen und der Trainer war erfolgreich. Wenn der Endstand 0:1, 0:2, 1:2 oder 0:3 ist, hat man verloren und der Coach hat nicht geliefert.
Da kann man dann auch viel diskutieren, viel herumreden, viel labern, viel lamentieren, aus einem 0:1 wird kein 1:0 und aus einem 1:3 kein 3:1.

Trainer werden also gefeuert, weil ihre Leistung messbar ist und man sofort merkt, wenn diese Leistung nicht erbracht wird.
Wie wäre das denn, wenn man dieses Vorgehen auf andere Bereiche ausweiten würde? Da wäre etwas los.

Nehmen wir einmal das Bildungssystem.
Da gibt es eine Studie, die feststellt, dass 30% der Achtjährigen nicht lesen kann, also nicht Texte verstehen, sondern wirklich ein O und ein U und ein Q nicht unterscheiden. Die Studie erregt Besorgnis, immerhin scheinen da einige geschlafen zu haben, Primarlehrer, Schulleiter, Bildungsdirektoren und Kultusminister. Und diese Primarlehrer, Schulleiter, Bildungsdirektoren und Kultusminister hocken sich dann zusammen und beschliessen ein 10 Punkte-Programm, dass dies alles ändern soll. Und nach der Durchsetzung dieses 10 Punkte-Programms wird eine erneute Studie durchgeführt, die dann herausfindet, dass nun 45% der Achtjährigen nicht lesen kann, inzwischen kann man ein O und ein U und ein Q und ein V und ein A nicht unterscheiden.
Diesmal gibt es ein 20 Punkte-Programm…
Nach dem Trainerprinzip müssten hier Köpfe rollen. Aber man zweifelt die Studie an, man bringt x Ausreden, dabei sind 40% Analphabeten eigentlich ein 0:8 oder 0:9, Primarlehrer, Schulleiter, Bildungsdirektoren und Kultusminister müssten gehen.

Oder nehmen wir eine ganz normale grosse Firma.
Auch hier wäre eigentlich alles messbar, man könnte ja mit klaren Zahlen hantieren, aber auch hier wird versucht zu verwischen und verwaschen. Dabei ist ein Verlust von 10 Millionen in der Jahresbilanz eben wie ein 0:7 und ein Rückgang der Produktivität um 20% ist wie ein 0:6, und wenn die Aktie schwankt, dann ist das eine Schwankung, aber wenn sie jeden Monat 5 Dollar verliert, dann ist das keine Schwankung, sondern ein Absturz.
Nein.
Auch hier müssten, legten wir Kriterien wie bei den Trainern an, Köpfe rollen.

Ebenso in vielen anderen Branchen.
Der Lektor, dessen Bücher nie verkauft werden, ist wie Hans Maus vom FC Katzenberg.
Der Intendant, dessen Ensembles vor leeren Reihen spielen, ist wie Franz Miez vom SC Hundehausen.
Der Klinikleiter, dessen Patienten nur flach das Spital verlassen, ist wie Dirk Mops vom VFL Kuhdorf.
Und der Politiker, der dann eben nur 4,5% für seine Partei bringt, ist wie Tim Muh vom VFB Käsetal.

Überhaupt Politiker!
Man stelle sich vor, dass nach einem Champions League-Spiel beide Coaches verkünden, sie hätten gewonnen – unmöglich, einer hat ja mehr Tore. Nach einer Wahl erklären sich ALLE Parteien zum Sieger, denn jede hat irgendetwas erreicht: Erhalt der Mehrheit, Zugewinn, ins Parlament kommen, im Parlament bleiben, usw., usw.

Und wieder kreist das Trainerkarussell und wirft einige ab und etliche Coaches müssen gehen, denn im Fussball kann man nix schönreden – aber in anderen Branchen eigentlich auch nicht, und so wünscht man sich viel, viel, viel, viel mehr Entlassungen.













 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 5. März 2024

Also bitte, wir Boomer haben nichts verschwitzt!

Eine meine Schülerinnen ist nicht ganz einverstanden mit meinem Boomer-Blog. Die Boomer hätten alles verschlafen. Die Boomer hätten sich um nichts gekümmert. Sie wandelt sogar einen bekannten Witz um:
Sagt der Chef zur Sekretärin: «Sie sind entlassen.» «Aber warum», ruft sie, «ich habe doch nichts getan.» «Ja, eben», so der Chef.
Sagen die Millennials zu den Boomern: «Ihr müsst in Rente, geht endlich.» «Aber warum», rufen sie, «wir haben doch nichts getan.» «Ja, eben», so die Millennials.

Haben wir Boomer wirklich Dinge übersehen? Haben wir Sachen liegen lassen? Haben wir etwas verschwitzt?
Klare Antwort: Nein.

Nehmen wir ein Bespiel:
Wir haben Brücken gebaut; und ich meine das nun gar nicht spirituell oder übertragen («Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen…»), sondern richtig und wahrhaftig und realiter. Wir haben nicht nur Brücken gebaut, sondern auch welche übernommen, und das ganze deutsche Land durchziehen Betonbrücken über Täler und Höhen und Dörfer.
Wir haben nun angenommen, dass Brücken 1000 Jahre halten. Das war vielleicht etwas optimistisch gerechnet, aber der Pont du Gard, der hält doch nun auch schon 2000 Jahre, oder? Oder andere Römerbrücken. Konnten wir irgendwann davon ausgehen, dass eine in den 70er Jahren errichtete Brücke nur 50 Jahre hält? Und jetzt einfach gesprengt werden muss? Konnten wir nicht.

Oder nehmen wir das Handynetz.
Wir Boomer wuchsen als erste Generation mit einer «Telefon-Vollversorgung» auf. Meine Grundschullehrerin wies auf dem ersten Elternabend darauf hin, dass sie erwarte, dass alle Eltern ein eigenes Telefon besässen. Das war in den frühen 50ern ja nicht unbedingt selbstverständlich, häufig hatte nur der Laden im Erdgeschoss eines, und dann schickte man den Ladenbuben die betreffenden Leute zu holen, zum Anrufen ging man zur Post oder in eine Telefonzelle. Nun wurde also das nicht mehr akzeptiert, ein Telefon war Pflicht.
Und dann kam das Fax für schriftliche Nachrichten, eine Technik, die sich inzwischen überholt hat, aber auch das schafften wir an.
Ja, wer hätte denken können, dass sich das Handy so durchsetzen wird und das man ein völlig neues Netz benötigen würde? Die Telefone und die Faxe funktionierten mit Bodenkabeln, selbst ein Internet wäre doch vielleicht ohne irgendeine Drahtlosigkeit ausgekommen. Aber daran, dass man jetzt an Funklöchern verzweifelt, darauf konnten wir Boomer nicht kommen.

Sagen die Millennials zu den Boomern: «Ihr müsst in Rente, geht endlich.» «Aber warum», rufen sie, «wir haben doch nichts getan.» «Ja, eben», so die Millennials.
So gemeine Sprüche machen die Jungen, dabei ist das so unfair, wir konnten nicht an alles denken.

Ja, und der Klimawandel.
Der ist ja wirklich erst seit Greta Thunberg bekannt, das konnten wir echt nicht wissen.
Ja, da gab es angeblich eine Sendung namens «Querschnitt», in dem ein zerstreuter Professor mit sehr scheusslichem Backenbart den Leuten die verschiedensten Dinge erklärte und in der schon 1978 der Treibhauseffekt erläutert wurde. Hätten wir also etwas wissen können? Nein, denn Ditfurth war auch gegen Waffen, ein NATO-Doppelbeschluss-Gegner und Pazifist, das zeigt ja schon, dass er ständig irrte, auch mit seiner Weltuntergangsstimmung, die ja von vielen Wissenschaftler dann erst einmal abgelehnt wurde…
So war es doch logisch, dass wir Boomer warteten, bis sich alle Experten einig sind, das ist eh immer das Beste, warten, bis sich alle, alle, aber auch alle Experten einig sind, dann kann man nichts falsch machen.
Das entscheidende Argument ist nun aber der Zeitpunkt der Sendung «Querschnitt». Das kam um 20.15 im Fernsehen, ja und ich war 13 und musste damals um 19.00 ins Bett. Nach dem Sandmännchen, das damals noch ein West-Sandmännchen war und wo «Kommt ein Wölkchen angeflogen» gesungen wurde und nicht «Sandmann, lieber Sandmann», aber das ist eine andere Geschichte.

Und die kaputten deutschen Schulen.
Ich selbst habe als Mitglied der Orff-Gruppe, der Tanz-Gruppe und des Schulchores die Einweihung der neuen Fuchsrainschule in Stuttgart mitgestaltet. Das war 1975; das Zusammenleben von Grundschule und Gymnasium, also von Sechsjährigen und Neunzehnjährigen im gleichen Gebäude der Wagenburg-Schule war nicht mehr gegangen, also baute man (sehr zu meinem Leidwesen, weil ich für 1 Jahr einen 45 Minuten-Schulweg bekam) das neue Gebäude am Waldrand.
Das war vor nur 50 Jahren alles neu! Alles pikobello, alles fein, schön gemacht, mit viel Glas und viel Beton und einer Skulptur auf dem Schulhof. Und wie sieht es jetzt aus? Nicht mehr schön.
Was haben die Nach-Boomer mit den Schulen gemacht?
Schulen, die vor 50 Jahren tipptopp waren, sind jetzt alt und gammelig und versaut, aber nicht, weil wir Boomer da irgendetwas hätten renovieren sollen, sondern, weil die Nach-Boomer nicht mit den Sachen umgehen können, weil sie alles zerstören und ruinieren.
Das ist die Wahrheit. Nicht normale Abnutzung, sondern kriminelle Schludrigkeit.

Eine meine Schülerinnen ist nicht ganz einverstanden mit meinem Boomer-Blog. Die Boomer hätten alles verschlafen. Die Boomer hätten sich um nichts gekümmert.
Haben wir Boomer wirklich Dinge übersehen? Haben wir Sachen liegen lassen? Haben wir etwas verschwitzt?
Klare Antwort: Nein.

 

 

 

Freitag, 1. März 2024

Eigenlob stinkt nicht


Man sagt mir, der letzte Post sei Eigenlob gewesen.
Und Eigenlob stinke.
Ich habe das Wort «Eigenlob» noch nie in einem Post verwendet, also wird es nach über 1100 Texten doch mal Zeit, über dieses Phänomen zu schreiben.

«Guck mal», sagt Carla zu ihrem Götti, «guck mal, dieses Bild habe ich in der Schule gemalt und das ist richtig schön, endlich habe ich mal die Sonne so schön gelb hingekriegt und die Bäume so schön grün.» «Eigenlob stinkt», sagt der Götti mit einem ganz, ganz, ganz strengen Blick.
«Gestern mussten wir vorsingen», sagt Marco zu seiner Gotte, «und ich habe so schön gesungen, der Vers war noch ein wenig wacklig, aber der Refrain war aller erste Sahne.» «Eigenlob stinkt», meint die Gotte mit einem bösen Grinsen.

Warum trichtern wir den Kindern ein, dass man niemals sagen darf, eine Sache sei einem gut gelungen, auf das oder jenes sei man stolz, diese oder jene Kiste sei jetzt richtig gut? Wir heissen die Youngsters immer noch wie vor 100 Jahren in tiefer Demut auf dem Boden herumrutschen. Völlig unnötig, zumal ja Carla durchaus kritisch ist, sie sagt ja nicht, dass sie immer male wie Rembrandt oder Monet, sondern, dass sie «endlich mal» die Sonne hinbekommen habe; und Marco lobt den Refrain, meint aber, der Vers sei «noch wacklig» gewesen.
Warum also nicht klar sagen: Wenn du auf etwas stolz bist, dann darfst du es auch äussern?

Ja, und dann…
Dann…
Dann…
Dann kommen die Herrschaften zu mir in die Berufskunde und müssen genau das lernen. Ja, sie bekommen bei mir die Portion Eigenlob eingetrichtert, die sie vorher verloren haben.
Denn was ist eine Bewerbung anderes als ein permanentes Eigenlob?
Würden Sie jemand eine Lehrstelle geben, der Ihnen das folgende Schreiben vorlegt:

Guten Tag,
obwohl ich weiss, dass Sie 1000 andere und bessere Bewerber haben, möchte ich mich auf die Lehrstelle als Florist EZF bewerben. Mein Name ist Tim Schubert und ich gehe in die 9. Klasse. Alle meine Noten sind durchschnittlich – so wie ich. Ich bin nicht unzuverlässig, kann aber schon mal auch Sachen verschusseln. Ich habe nicht zwei linke Hände, bin aber nicht unbedingt total praktisch. Hobbys habe ich keine, ich mache zwar viele Dinge gerne, es fehlt mir einfach die Ausdauer, um zum Beispiel eine Sportart im Verein zu machen oder mich sonstwie zu engagieren…

Niemand will so jemand. Nein, im Gegenteil, in einem Bewerbungsschreiben muss man sich selber loben. Man muss sagen, dass man pünktlich, zuverlässig, sauber usw., usw. ist. Auch wenn es nur zur Hälfte stimmt. «Heisst Bewerben denn Lügen?» werde ich immer wieder gefragt – und ich kann es nicht ganz verneinen…

Aber noch mal an den Anfang:
Eigenlob stinkt nicht.
Wenn man etwas gut hinbekommen hat, wenn man eine Leistung erbracht hat, wenn man erfolgreich war, dann darf man stolz sein – und darf das auch sagen.
Wenn nicht, dann soll man schweigen. So einfach ist das.

Das genaue Gegenteil von Carla und Marco ist ja jeder Politiker und jede Politikerin. Wenn solch ein Mensch vor die Medien tritt, dann wird er ja immer Erfolge und Siege verkünden, was soll er auch anderes tun. Er wird sich und seine Arbeit loben – auch wenn es wenig zu loben gibt. Oder haben Sie so etwas schon einmal gehört:

Ich habe Ihnen letztes Jahr Wohnungen und Kita-Plätze versprochen. Ja, und mehr Handynetz. Ach ja, und auch einen Ausbau des ÖV. Und das ganze ohne Steuererhöhung. Und nun muss ich Ihnen sagen, dass nichts von alledem passiert ist: Keine Wohnungen. Keine Kita-Plätze. Kein Netz. Kein ÖV. Denn ich habe herausgefunden, dass solche Dinge Geld kosten. Und deshalb habe ich die Steuern erhöht. Um 35%. Jetzt gucken Sie.

Nein, das wird niemand so sagen. Nein, man wird jeden kleinen Erfolg herausheben. (3 statt 3000 Wohnungen wurden ja doch gebaut und 2 statt 200 Kita-Plätze gab es ja auch, und die Netzdeckung ging von 0,8% auf 1,3% und EINEN E-Bus (20 Plätze) hat man ja auch gekauft.) und die Misserfolge wird man verschweigen.

Die Wahrheit liegt also – wie immer – in der Mitte:
Erlogenes Eigenlob stinkt echt.
Ehrliches Eigenlob stinkt nicht.

Ich habe das Wort «Eigenlob» noch nie in einem Post verwendet, also wurde es nach über 1100 Texten doch mal Zeit, über dieses Phänomen zu schreiben.
Was ich hiermit getan habe.