Freitag, 10. März 2023

G8 / G9

IdidZl

Wenn Sie sich bei der Überschrift gefragt haben, was sie soll, dann sind Sie nicht in Deutschland zuhause.
Vielleicht haben Sie gedacht, G8 oder G9, das heisst doch G7 oder G20, diese Treffen von wichtigen Leuten, die viel kosten und überhaupt nichts bringen.
Vielleicht dachten Sie aber auch geschwind an Schach, aber auch nur dann, wenn Sie überhaupt kein Schachspieler sind, denn ein Feld G9 gibt es nicht, es geht auf 64 Feldern von A1 bis H8.
Nein, wenn Sie nicht aus Deutschland sind, haben Sie eventuell überlegt, wenn Sie aber aus diesem Staate kommen, dann wissen Sie sicher, wovon hier die Rede sein wird.
G8 meint das achtjährige, G9 meint das neunjährige Gymnasium. Und es tobt ein Kampf in deutschen Landen, welche Form nun die richtige sein soll. Einige Bundesländer haben G8 gleich auf der Seite gelassen, einige Bundesländer haben G8 ausprobiert und sind reumütig zu G9 wieder zurückgekehrt, einige Bundesländer halten verbissen am G8 fest.

Es stellt sich ja nun die Frage, warum man überhaupt die Schulzeit verkürzen muss.
Natürlich, wenn man einen IQ von 210 hat, dann wäre man gelangweilt, wenn die Schule zu lange dauert, aber um solche Einsteins, Fauste, da Vincis und Hegels geht es nicht, denn solche Einsteins, Fauste, da Vincis und Hegels konnten immer (ich betone: immer) schon ihre Schulzeit durch Überspringen von Schuljahren verkürzen.
Vielleicht geht es darum, früher in die Karriere einzusteigen. Das könnte für Ökonomen oder Techniker bedeuten: Mit 17 Abi, mit 22 Master, mit 25 Promotion, mit 29 CEO. Das würde aber für Geisteswissenschaftler heissen: Mit 17 Abi, mit 22 Master, mit 25 Promotion, mit 26 jobben. Ob der Kunsthistoriker nun mit 26 oder erst mit 32 Luftballons verkauft, ob die Assyriologin mit 26 oder erst mit 32 in der Boutique steht oder ob der Musikwissenschaftler schon mit 26 bei McDonald's ® an der Kasse steht, oder erst später, das spielt überhaupt keine Rolle…

Eigentlich müsste ja die Schulzeit verlängert und nicht verkürzt werden, denn das Wissen hat sich ja vermehrt und nicht verkleinert. Als ich zur Schule ging, war der Umgang mit dem Internet kein Thema, denn es existierte noch nicht. Die Geschichte endete in den 70er Jahren und ein Atom bestand aus einem Kern und den Elektronen, die um diesen Kern herumrasen. Heute ist die gesamte IT und der Umgang mit Medien meist ein eigenes Fach, die Historiker müssen sich noch mit der Wiedervereinigung herumschlagen und ein Atom besteht aus tausenden Arten von Elementarteilchen.
Nein, man müsste angesichts dieser Stofffülle das G10 oder G11 einführen – was ja einige meiner Mitschüler (ja, es waren vor allem männliche Wesen) schon damals taten: Durch Repetition bestimmter Abschnitte (auf Deutsch: Sitzenbleiben) konnte man damals rein juristisch die Gymnasialzeit auf G13 verlängern (man durfte einmal in der Unterstufe, einmal in der Mittelstufe, einmal die Elfte Klasse und einmal in der Reformierten Oberstufe wiederholen. Auch wenn einem nach dem zweiten Mal Hockenbleiben natürlich dringend, dringend, dringend geraten wurde, eine Lehre zu machen, per Gesetz war es drin. Ein späteingeschulter Abiturient konnte also schon 25 sein, ein Alter, in dem man heutzutage ja schon die Promotion haben sollte…

Es tobt ein Kampf in deutschen Landen, welche Form nun die richtige sein soll. Einige Bundesländer haben G8 gleich auf der Seite gelassen, einige Bundesländer haben G8 ausprobiert und sind reumütig zu G9 wieder zurückgekehrt, einige Bundesländer halten verbissen am G8 fest.
Wie kommt man aus dem Dilemma heraus?

Nun.
Alle Fächer müssten natürlich gewaltig entschlackt werden. Es ist ja die Frage, ob man noch AUSWENDIG lernen muss, wenn das reine Wissen jederzeit auf dem Handy, auf der Armbanduhr und bald auch in der Brille abrufbar sein werden. Die Hauptstadt von Ternikistan? Ein Klick. Die Lebensdaten von Zacharias Brehms? Ein Klick. Aber hier hält jeder Fachbereich an seinem Kanon fest, und er verteidigt ihn mit Zähnen und Klauen. Hauptstädte? Nicht wichtig, sagt der Kulturhistoriker, aber natürlich die Lebensdaten grosser Künstler! Lebensdaten grosser Künstler? Nicht wichtig, sagt der Geograph, aber natürlich die Hauptstädte!

Ich habe neulich einen Text gefunden, der sich wunderbar als Lehrplan für eine verkürzte Schulzeit eignen würde, hier könnten übrigens auch die Quereinsteiger (wir haben darüber gepostet) locker mithalten:

Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohlentragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit, die kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund.

Mit diesen einfachen Lerninhalten könnte man auf ein G3 oder G4 kommen.

 

P.S. Das Gedicht heisst «Was ein Kind gesagt bekommt», Brecht 1937

Dienstag, 7. März 2023

Passwort vergessen?

Wissen Sie noch, wie mein Passwort hiess?
Ich meine, mein Passwort für die Seite www.zweige-fuer-alle.ch?

Ich habe nämlich festgestellt, dass ich noch mehr Zweige als die für meine Ostereier brauche, ich brauche von Apfelblüten einen Kranz, um im Land zu lächeln, ich brauche Palmzweige für das Hosianna vor Ostern und ich brauche die Zweiglein der Glückseligkeit, die ich mit Andacht, Lust und Freud aufstecken werde. Und alle die Zweige könnte ich auf der Site ordern, ich müsste nur das Passwort wissen…

Es war etwas mit Böll, Böll plus Zahlen und Zeichen.
Billard930!!
Schön gedacht, aber Fehlanzeige
Blum--68
Auch nicht, obwohl passend.
War es Cl00wn!?
Auch nicht.

Nachdem ich nun Billard930!!, Blum--68 und Cl00wn!? durchprobiert habe, will ich einen kurzen Moment lang aufgeben. Nun ist es aber doch so, dass ich das Zeug brauche. Ich brauche von Apfelblüten einen Kranz, um im Land zu lächeln, ich brauche Palmzweige für das Hosianna vor Ostern und ich brauche die Zweiglein der Glückseligkeit, die ich mit Andacht, Lust und Freud aufstecken will.
Also gehe ich auf den berühmten Button: «Passwort vergessen».

Eine Untersuchung der Forschungsstelle Internet der Uni Braunschweig hat neulich eine Rangliste der meistgeklickten Buttons veröffentlicht. Demnach ist der meistgeklickte Button nicht etwa das «Like» oder das «Dislike», nein die kommen erst auf den Plätzen 5 und 6, nein die Rangliste, die Top Ten lauten:
Platz 1: Zurück
Platz 2: Weiter
Platz 3: Überspringen
Platz 4: Passwort vergessen
Platz 5: Like
Platz 6: Dislike
Platz 7: Login
Platz 8: Cookies erlauben
Platz 9: Cookies nicht erlauben
Platz 10: Ich bin kein Roboter

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass wir im Durchschnitt 10 Minuten pro Woche für das Neusetzen von Passwörtern verbringen.
Ich mache eine Rechnung auf:
Im Jahr macht das 520 Minuten, das sind aufgerundet 8,7 Stunden. Multipliziert mit den Einwohnern der Schweiz sind das 77`430`000 Stunden im Jahr. Teilen wir nun diese Zahl durch die 1974 Stunden, die ein Mensch arbeiten sollte (42 Stunden mal 47 Arbeitswochen), dann erhalten wir 38`715 Arbeitsstellen.
Anders formuliert:
Wenn ihr uns vorstellen, dass sämtliche und alle (sämtliche und alle!) Mitarbeiter der SBB ein Jahr lang nur Passwörter setzen würden, dann käme es auf das Gleiche heraus…

Gut, manchmal können Passwörter sinnvoll sein. Aber es gibt genügend Fälle, bei denen es wirklich Quatsch ist, solche zu setzen.
Ein Beispiel? OK.
Die Seite www.geburt-leichtgemacht.ch vertreibt Artikel, die man für natürliche und angenehme Geburten braucht, zum Beispiel Wannen. Wie oft rufen Sie diese Seite auf? Wenn Sie nicht (wie noch unsere Urgrosseltern) Zeugungs- und Gebärmaschinen sind, dann brauchen Sie 1x, 2x oder 3x die Artikel. Aber wissen Sie beim zweiten Kind (wenn es das überhaupt gibt) das Passwort noch? Das ist ja dann Minimum 9 Monate her.
Ähnliches gilt für die Homepage www.urnen-und.ch; auch gestorben wird ja nicht permanent.
Etliche Leute könnten auf Passwörter verzichten.

Wissen Sie noch, wie mein Passwort hiess?
Ich habe nämlich festgestellt, dass ich noch mehr Zweige als die für meine Ostereier brauche, ich brauche von Apfelblüten einen Kranz, ich brauche Palmzweige und ich brauche die Zweiglein der Glückseligkeit, Und alle die Zweige könnte ich auf der Site ordern.
Es war etwas mit Böll, Böll plus Zahlen und Zeichen.

Jetzt habe ich es:
Birglar77!!



 

    

Freitag, 3. März 2023

MoiFs: Menschen ohne irgendwelche Fähigkeiten

Wir hatten es vorletzte Woche von ORKs. Sie erinnern sich. Wer den Post nicht gelesen hat: ORKs sind die Leute, die Security für die Firma ORKO® machen und auf den Baustellen herumlaufen. ORKs sind MoiFs. Menschen ohne irgendwelche Fähigkeiten. Und mit solchen MoiFs wollen wir uns heute beschäftigen. Es ist ja nun nicht so, dass das Herumstehen an Baustellen das Blödeste ist, was ein solcher MoiF machen kann. Er könnte ganz andere Sachen machen:

Der MoiF könnte Zeitungen austragen.

Wir haben im Geschäft in Solothurn die Solothurner Zeitung abonniert. Ob das ein Fehler ist oder nicht, das soll hier nicht entschieden werden. Auf jeden Fall, wir haben einen neuen Austräger und mit dem – die Story ist wirklich wahr – hatten wir unsere liebe Mühe. An seinem ersten Tag fand er den Haupteingang nicht (wie auch immer das möglich war…), wohl aber den versteckten Seiteneingang. Da dieser Eingang zu meinem Zimmer führt, entdeckte ich die Zeitung als erster und trug sie zum Büro in der Hauptetage. Das machte ich zwei Tage so, dann schrieb ich einen netten Zettel:
Die Solothurner Zeitung bitte nicht hier, sondern in den Briefkasten am Haupteingang!
Vielen Dank!

Und tatsächlich, tatsächlich und faktisch lag das Journal (um mal ein wenig synonymisch zu werden) am nächsten Tag auf der Treppe am Haupteingang. Das spricht sehr für die Schweiz, in Deutschland wäre sie längst geklaut gewesen, aber es gibt ja nicht nur Diebe, sondern auch schlechtes Wetter und wenn die SZ im Regen läge, könnte man zwar Kasperlefiguren damit modellieren, sie aber nicht mehr lesen. Gut, der Briefschlitz liegt auf der Seite des Eingangs, man muss den Kopf drehen, aber er ist deutlich sichtbar. Also nochmal ein Zettel, direkt unter den Briefkasten:
↑Briefkasten↑
Und, siehe da: Am nächsten Morgen war die Zeitung korrekt ausgetragen.
Klammer auf: Ich habe hier in der männlichen Form geschrieben, weil ich einfach davon ausgehe, dass das ein Mann ist, Frauen würden mehr nachdenken. Klammer zu.

Der MoiF könnte laubblasen.

Ich habe Ihnen bei den beiden Posts über Slowenien damals verschwiegen, dass wir einen kleinen Abstecher in die Steiermark gemacht hatten: Wir waren zwei Nächte in Graz. Graz hat mir ausnehmend gut gefallen, eine wirklich wunderbare Stadt. Aber auch aus einem anderen Grund wäre ich gerne in der Steiermark geblieben: In drei steirischen Städten (welch schöne Alliteration) sind Laubbläser verboten, nämlich in Graz, in Leibnitz und in Kaindorf an der Sulm. Grazer, Leibnitzer und Kaindorfer müssen die glücklichsten Menschen der Welt sein.
Ich habe mich vor dem Schreiben kundig gemacht und den Wikipedia-Artikel über Laubbläser gelesen. (Natürlich gibt es den, es gibt Artikel über alles…) Was dort fehlt, ist der historische Abschnitt. Ja, Wiki verschweigt, wer das Höllenteil erfand und wann er (Ausrufezeichen. Es muss ein Mann gewesen sein.) das tat. Und Wikipedia schweigt hier, weil, wenn er noch lebt, würde der Hass der Menschheit ihn zermalmen. Nie ist ein furchtbareres und grausameres Teil entwickelt worden.

Der MoiF könnte bei einer Hotline arbeiten

Hier muss man differenzieren: Ich habe schon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erlebt, die an Freundlichkeit und Kompetenz nicht zu übertreffen waren. Ich habe aber auch schon das Gegenteil erlebt und Sie wahrscheinlich auch.
Das ergab dann immer Dialoge wie:
«Jetzt müsste es schnell rot blinken.»
«Nein.»
«Es blinkt langsam rot?»
«Nein.»
«Es blinkt weiss?»
«Es blinkt überhaupt nicht.»
«Es muss aber irgendwie blinken.»
«So leid es mir tut, es blinkt weder rot noch weiss, weder schnell noch langsam.»
«Sind Sie ganz sicher?»
Spätestens jetzt kann das Gegenüber sehr froh sein, dass es uns nicht direkt gegenüber sitzt…

Der MoiF könnte Lehrperson werden

Bei dem Lehrermangel zurzeit ist die Gefahr ja sehr gross, dass man die fehlenden Pädagoginnen und Pädagogen überall sucht. Ich weiss von Menschen, die in der Lehrerausbildung Deutsch arbeiten und den Lehrpersonen, die selber schon vor Klassen stehen, die vier Fälle, die fünf Wortarten und die Verbzeiten erklären müssen – und jene Neu-Lehrpersonen finden das sooooooooo schwierig.

Wir hatten es neulich von ORKs. Sie erinnern sich. ORKs sind auf jeden Fall MoiFs: Menschen ohne irgendwelche Fähigkeiten. Und mit solchen MoiFs haben wir uns heute beschäftigt. Es ist ja nun nicht so, dass das Herumstehen an Baustellen das Blödeste ist, was ein solcher MoiF machen kann. Er könnte ganz andere Sachen machen.



  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 28. Februar 2023

Passwörter und kein Ende

Ich habe letztes Jahr wunderbare Ostereier im Internet bestellt. Und ich habe dieses Jahr weitere dazugeordert. Die Eier sind Unikate in Schwarz, Rot oder Blau, in Wachs- oder Batiktechnik, die in Osteuropa gefertigt und von einem Menschen in Deutschland vertrieben werden, einem Menschen, der selber keinen Profit machen muss – und der auch sehr vertrauensvoll ist. Man bestellt einfach mit Angabe der Adresse und bekommt eine Rechnung mitgeschickt, die man dann bezahlt. Man muss natürlich auch keine Anmeldung vollziehen und – das ist das Beste! – auch kein Passwort erstellen.

Nun brauche ich für die Ostereier eine Menge Zweige. Einerseits, weil ich noch mehr Eier bestellt habe und andererseits, weil die alten Zweige natürlich nicht mit umgezogen wurden. Da alle Basler Blumenhäuser mir nicht nach Hause liefern, finde ich die herrliche Seite www.zweige-fuer-alle, auf der man Zweige aller Baumarten und in allen Grössen findet. Allerdings: Zahlung wird mit Kreditkarte gemacht und – der Himmel hilf! – man braucht eine Anmeldung und dann ein Passwort. Ich registriere mich mit meinem Lieblingspasswort
Birglar7!
und werde sehr erstaunt: «Sie verwenden ein häufig benutztes Passwort. Bitte verwenden Sie ein anderes.»

Nun muss ich ein wenig ausholen: Zunächst hatte ich vor Jahren nur den einfachen Namen von Birglar, der «Perle des Duhrtales», verwendet und als Passwort
birglar
genommen. Dann kam die Mode auf, einen Grossbuchstaben zu verlangen, und ich schrieb
Birglar
Dann, es wurde immer komplizierter und komplizierter, verlangte man zum Grossbuchstaben auch noch eine Zahl. Die «Perle des Duhrtales» bekam noch die Glückszahl 7:
Birglar7
Dann, wir sind nun am Ende der Komplexität, brauchte es noch ein Sonderzeichen und es entstand
Birglar7!

Und dieses Passwort wird extrem viel benutzt? Nun, werden Sie sagen, wenn alle (wie viele sind es?) Einwohner von Birglar ihre Stadt verpassworden, dann gibt es natürlich auch die Kombi mit 7 und ! schon. Das Spannende ist nun, dass es Birglar nicht gibt. Es ist der Schauplatz der Erzählung «Ende einer Dienstfahrt» und Heinrich Böll hat die Gemeinde komplett erfunden. Wie übrigens auch das romantisch-reizende Flüsschen Duhr, wie auch dessen Tal.

Für den Hinweis mit dem häufigen Passwort gibt es nun zwei mögliche Erklärungen:
Die erste: Es gibt viel, viel, viel, viel, viel mehr Böll-Fans, als ich dachte. Es gibt Millionen von Menschen, die die Story über den ausgebrannten Jeep gelesen haben und lieben, und Hunderte von denen haben die Location als Passwort genommen.
Die zweite: Der Hinweis ist Blödsinn oder meint eigentlich «Passwort nicht sicher genug».
Ich halte – leider, als Böll-Fan, leider, leider – die zweite Möglichkeit für wahrscheinlicher.

Ich biete zweige-fuer-alle.de
Birglar77!!
an. Und die Seite akzeptiert.

Die Frage ist doch nun: Warum muss es immer Registrierung und Anmeldung und Passwort sein? Ich hätte kein Problem damit, wenn Sie in meinem Namen auf die Zweigeseite gehen und sich die Angebote ansehen, ich hätte nicht einmal ein Problem damit, wenn Sie alle meine Bestellungen sich ansehen und die Info weiterverbreiten. Oder versuchen. Denn wenn Sie in Runde würfen (oder werfen würden, ich bin ein Fan altmodischer korrekter Konjunktive): «Will jemand wissen, ob RH Buchen-, Eichen, Hasel- oder Weidenzweige bestellt?», es würde keine Sau interessieren.
Ich hätte ein Problem damit, wenn Sie in meinem Namen bestellten und mit meinem Geld bezahlten. Aber das ist ja mit einem anderen Passwort geschützt, nein, gar nicht mit einem Passwort, sondern das geht mit der 2-Faktor-Authenzifizierung.

Nein. Es muss doch nicht immer Passwort sein. Zumal man ja eigentlich immer sein Passwort ständig wechseln sollte und auch ja nicht (ja nicht!, ja nicht!) für verschiedene Anwendungen das gleiche Passwort setzen.
Deshalb haben viele Leute immer eine Liste von allen aktuellen und aktuellsten Passwörtern und diese Liste von aktuellen und aktuellsten Passwörtern liegt dann in ihrer obersten Schreibtischschublade. Was so sinnvoll ist, wie den Hausschlüssel unter die Fussmatte zu legen – was ja auch viele Leute machen…

Ich habe letztes Jahr herrliche Ostereier im Internet bestellt. Und ich habe jetzt weitere dazubestellt. Die Eier sind Unikate und einfach zu haben: Man bestellt einfach mit Angabe der Adresse und bekommt eine Rechnung mitgeschickt, die man dann bezahlt. Man muss natürlich auch keine Anmeldung vollziehen und – das ist das Beste! – auch kein Passwort erstellen.

Und dieses Verfahren sollte doch (wieder) Schule machen.











Freitag, 24. Februar 2023

Max Goldt und der Besen

Ich lese gerade das Buch «Ä» und ich fege zwischendurch mein Zimmer.

Verstehen Sie das? Nein? Ok, dann drücke ich das mal anders aus:

Ich lese gerade Max Goldt und man reiche mir einen Besen.

Klar? Nein?
Gut, dann fangen wir ganz von vorne an:

Es ist interessant, dass man die Redewendung «man reiche mir einen Besen» nicht bei Google findet. Für mich – und für etliche Kommilitonen – war sie eine Zeit lang sehr bedeutend. Ursprünglich kommt das aus einem Asterix-Band, und zwar dem Band «Asterix bei den Olympischen Spielen». Hier trainiert der römische Legionär, ein gestählter und eitler Muskelprotz im Wald und ist begeistert von sich – bis er den beiden Galliern begegnet. Obelix wirft weiter und ist stärker und schneller und so kommt Musculus heim und sagt zu seinem Mentor Tullius Redefluss, er sei er Versager. Er holt einen Besen («aber keinen schweren!») und beginnt, niedrigste Arbeit zu tun. Wie so oft bei Goscinny und Uderzo bleibt der Spruch als Running-Gag im Buch.

Während des Studiums wurde das nun ein beliebter Spruch. Fragte jemand: «Wie war deine Klavierstunde?», antwortete der oder die andere: «Man reiche mir einen Besen.» Fragte jemand, wie das Konzert von dem oder der gewesen sei, und der oder die andere hatte deprimierend gut gespielt, sagte man: «Man reiche mir einen Besen.» «Bereit für den Auftritt?» wurde mit «Wo ist der Besen?» gekontert.

Nun lese ich also gerade das Buch «Ä» von Max Goldt. Und ich habe ständig das Bedürfnis, einen Besen zu schnappen und meine Ecken zu fegen. Der Mann ist einfach verdammt gut.

Nun habe ich schon ein gesundes Selbstbewusstsein. Sehr häufig lese ich Glossen oder Kolumnen oder Satiren oder andere Textlein und beim Lesen dieser Glossen oder Kolumnen oder Satiren oder anderen Textlein denke ich: Diese Glossen, Satiren, Kolumnen, Textlein, Anekdoten, Geschichtlein hätte ich besser gekonnt. Und das auch bei bekannten Leuten.
Ich habe zum Beispiel zu Weihnachten ein Buch von dem Kolumnisten, der ALLES IMMER GROSSSCHREIBT bekommen. Und ich habe die Kolumnen von jenem, der ALLES IMMER GROSSSCHREIBT gelesen und es nicht mehr gut gefunden – wenn ich es jemals gut fand. Gut, der Mensch hat sich zur Ruhe gesetzt, das hat er auch verdient – und wir.

Ich finde also längst nicht alles gut und bei vielen Autoren denke ich, das hätte ich auch hingebracht. Aber Goldt… das ist erste Sahne.

Nur ein paar kleine Kostproben:

…der Titel «Ä» kommt nicht – wie erwartet – vom Sprach- und Sprechfüller, er kommt von den schönen Feiertagen mit «MariAE…». Und Goldt schlägt auch ein wunderbares neues Ritual vor: Die muttergöttlichen Ä-Feiertage … sollte das ganze Volk begehen. Die einen preisen Maria, die anderen den Umlaut. Schöne Prozessionen sind denkbar: Vornweg gehen die Frommen und rufen «Mari-, Mari-, Mari-«, die weniger Frommen schreiten hintenan und rufen «Ä, Ä, Ä».

…in einem Text kommt eine Definition von «Eleganz» vor: Eleganz ist eine Form der Komplexität, die sich nicht über die Einfachheit erhaben fühlt. Goldt meint dann, dass viele Leser denken würden, dass ein solches Wort von einem grossen Denker oder Philosophen stammt, schreibt aber dann: Weit gefehlt! Es ist eine selbstgemachte Definition, die ich mit viel Liebe in meinem Privatkopf hergestellt habe. Selbst die gequälteste selbstgemachte Definition ist immerhin etwas Besseres als selbstgemachte Schweinskopfsülze.

…Goldt berichtet von Menschen, die ständig über ihre Stadt meckern, ihre Stadt sei ja so provinziell, langweilig, blöde, spiessig usw., usw., usw. Goldt findet hier ein wunderschönes Wort für dieses Verhalten: Im Gegensatz zum «Lokalpatriotismus», der die eigene Gemeinde oder Metropole über allen Klee lobt, nennt er das hier «Lokalmasochismus».

…und wie würde Goldt die ORKs nennen, über wir im vorletzten Post nachgedacht haben? Goldt nennt solche Dinge eine verlässliche Quelle des Missvergnügens.

Ach, man könnte noch viel mehr sagen, aber: Lesen Sie selber.

Ich lese gerade das Buch «Ä» und ich fege zwischendurch mein Zimmer.
Ich lese gerade Max Goldt und man reiche mir einen Besen.

Menschen, die mich kennen, werden jetzt ganz böse sagen: Wenn du immer fegst, wenn eine andere Autorin oder ein anderer Autor besser ist, dann wissen wir jetzt auch, warum es bei dir so sauber ist…



Dienstag, 21. Februar 2023

Ideen für mehr Vermeer-Karten

Das Rijksmuseum Amsterdam hat ein Luxusproblem: Die Vermeer-Ausstellung ist vier Tage nach Beginn (Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen) komplett ausverkauft. Auf Deutsch (Niederländisch verstehen Sie ja nicht) gesagt: Von jetzt ab bis 10. Juni ist trotz 7 Tage offen und Öffnungszeiten 9.00 – 22.00 kein einziger kleiner Time-Slot zu haben. Laut ihrer Homepage arbeiten die Ausstellungsmacher an Lösungen. Aber werden hier wirklich kreative Lösungen gefunden? Hier ein paar schöne Ideen für das Rijksmuseum:

DIE LESSING-IDEE

Es werden ab heute die vier besten Kunstfälscherinnen und Kunstfälscher der Welt engagiert. Sie werden in kurzer Zeit jeweils Kopien der 28 Bilder herstellen. Mit diesen 4 x 28 Gemälden werden nun vier weitere, komplett identische Ausstellungen aufgebaut. Die Besucherin oder der Besucher – und das ist der tolle Gag! – wird aber nun nicht wissen, in welche Ausstellung er oder sie geht. So wie die drei Brüder in Lessings Ring-Parabel (You remember? Mussten Sie in der Schule lesen, «Nathan der Weise») jeweils nicht wissen, ob sie den echten Ring oder die völlig identische Kopie in Händen halten, werden die Leute nicht wissen, ob sie den echten Geographen oder die echte Briefschreiberin oder nur eine sehr, sehr, sehr, sehr gute Fälschung sehen.

DIE COMPUTER-IDEE

Die Hard- und Software des Rijksmuseum war beim Ticketverkauf ein wenig überfordert. So haben Menschen nach ihrer Bestellung um 7.35 den Hinweis «hat nicht geklappt» bekommen und dann um 7.45 noch einmal bestellt. Nach zwei Minuten konnten sie glücklich eine E-Mail empfangen, die ihnen um 7.47 die Tickets brachte. Und um 7.57 kam dann noch mal eine. Die Antworten brauchten also ganze zwölf Minuten. Hier waren übrigens die Sprachkundigen im Nachteil: In der englischen Version erschien: «We need time. Please wait for an E-Mail. Don´t order again.» In der niederländischen Version hiess es: «Dat werkte niet.»
So, und nun muss es doch möglich sein, ich meine algorhythmisch (sic!) möglich, die Menschen herauszufinden, denen diese Panne passiert ist. So in der Art: Hallo, Software, finde mir alle Mailadressen, von denen aus im Abstand von 5-10 Minuten die gleiche Menge Tickets bestellt wurde. Und dann schreibt man die an. Und bietet denen das an, was eigentlich nicht geht: Eine Rücknahme.

DIE PRÜFUNGS-IDEE

Blockbuster-Ausstellungen werden häufig von Menschen besucht, die sonst mit Kunst nichts am Hut haben. Und die sollten eigentlich auch zuhause bleiben. Also schlage ich folgendes Verfahren vor: Man verkauft 3 x so viel Tickets wie möglich und macht dann am Eingang Kurztests mit Fragen nach dem Zufallsprinzip. Nein, nein, nein, nicht über Vermeer, es geht ja nicht darum, sich über den Maler etwas angelesen zu haben, sondern generell an Kunst interessiert zu sein. Also Fragen wie
Was bedeutet «pastos»?
Wo malte Monet seine Seerosen?
Wie heissen die Kunstmuseen Ihrer Heimatstadt?
Wie hiess die erste Frau Jean Tinguelys?


Wer die Fragen nicht weiss, hat leider seine Tickets umsonst gekauft.

DIE REISE-IDEE

Statt weiteren Tickets für die aktuelle Ausstellung verkauft man Museumspässe und Jahreskarten für alle Museen, die einen Vermeer geliefert haben. Allerdings: Die Reisen dorthin müssen von den Interessierten selber organisiert werden. So gäbe das eine schöne Tournee durch Deutschland und die USA. Man könnte ja dann einen Besuch in Berlin oder New York auch noch für andere Dinge nutzen…
Ich gebe aber zu, dass natürlich dieses Verfahren klimatechnisch eine Katastrophe wäre, es sei denn, man führe mit dem Schiff zum Big Apple. Hätte auch noch den Vorteil, dass einen die Statue of Liberty so toll begrüsst, wie sie es mit Fluggästen nicht macht.

Das Rijksmuseum Amsterdam hat ein Luxusproblem: Die Vermeer-Ausstellung ist vier Tage nach Beginn (Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen) komplett ausverkauft. Auf Deutsch (Niederländisch verstehen Sie ja nicht) gesagt: Von jetzt ab bis 10. Juni ist trotz 7 Tage offen und Öffnungszeiten 9.00 – 22.00 kein einziger kleiner Time-Slot zu haben.
Aber hier waren ja nun einige schöne Ideen, ich hoffe, die Kuratoren werden sie beherzigen.

P.S.
Die Antworten sind:
mit dickem Farbauftrag
Giverny
variiert
Eva Aeppli (Ätsch, Niki war die zweite Frau.)
Wären Sie reingekommen?