Am Huttenplatz und am Zwinglikreisel und in der Calvinstrasse und in Oekolampadallee sind wieder grosse Baustellen.
Am Huttenplatz wird ein Kiosk um 5 Meter versetzt, am Zwinglikreisel werden 20 Meter Tramschienen verlegt, in der Calvinstrasse gräbt die Telefongesellschaft und in der Oekolampadallee ist der Strassenbelag auf 50 Quadratmetern zu erneuern. Klar, dass es pro Baustelle ca. 10 grosse Geräte, ca. 20 Arbeiterinnen und Arbeiter und mindestens 7 Arbeitstage braucht.
Und natürlich braucht es am Huttenplatz und am Zwinglikreisel und in der Calvinstrasse und in Oekolampadallee viele, viele, viele, viele, viele Sicherheitsleute. Diese müssen verhindern, dass das Tram in die nicht verlegten Schienen fährt, dass Menschen von einem herabstürzenden Kiosk erschlagen werden, dass Leute in den frisch verschmierten Teer rennen, dass Hunde in die Kabelgrube stürzen. Natürlich sind solche Kioskerschlagungen, solche Schienenunglücke, solche Teerberennungen und solche Hundefälle selten, aber man weiss ja nie.
Und hier kommt ORKO® ins Spiel.
Die Firma ORKO® bietet Security auf höchstem Niveau. Sie verhindert, dass die Strassenbahn in die nicht verlegten Schienen fährt, dass Menschen von herabstürzenden Kiosken erschlagen werden, dass Leute in den Teer rasen, dass Katzen und Hunde und Kühe in die Kabelgrube stürzen.
Wenn nun also ein ORKO®-Mitarbeiter oder eine ORKO®-Mitarbeiterin (wir nennen ihn oder sie ab jetzt als nettes Wortspiel ORK), wenn nun ein oder eine ORK sieht, dass eine kleine Möglichkeit der Gefährdung bestünde, wird der oder die ORK aktiv, sehr aktiv, äusserst aktiv.
Nun muss man, um als ORK zu arbeiten, alle Menschen der Stadt für komplette Idioten halten. Denn normale Tramführer fahren nicht in Schienen, die nicht verlegt sind, normale Menschen halten sich nicht unter Kioskhäuschen auf, die in der Luft schweben, normale Leute rennen nicht in frischen Teer und halten ihre Hunde an der Leine, wenn eine Grube droht. Aber den ORKs hat man eingeschärft, dass alle Bewohner der Stadt Vollidioten und Geisteskranke sind, und so verhalten sich die ORKs auch.
Und nun greift ein Paradoxon: Wer sich stets so verhält, als ob sein oder ihr Gegenüber ein Totalschwachsinniger ist, wirkt selber wie einer oder wie eine.
Beispiele? Wenn ich mit der Schere zugange bin und Sie hüpfen die ganze Zeit mit einem Verbandskasten um mich herum, dann wird man Sie mit komischen Augen ansehen und nicht mich. Wenn Sie Ihr Gegenüber ständig zwingen, in die Luft zu sehen, weil ja eine Taube oder eine Drohne lauern könnte, dann holt man wegen IHNEN die Ambulanz und nicht wegen der anderen.
Um nun auf die ORKs zurückzukommen:
Da wird nun eine Fläche geteert und man sollte verhindern, dass jemand reinrennt. Und weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, macht man das vielleicht auch schon vorher – und hinterher, weil Teer ja 3 Tage braucht um zu trocknen. Klarer gesagt: Am Mittwoch wird geteert, das heisst, die ganze Woche werden Passantinnen und Passanten um die Stelle umgeleitet. Das stösst natürlich auf Unverständnis, und so versuchen am Montag etliche, rechts am Pfosten und nicht, wie die ORKs es wollen, links am Pfosten vorbeizulaufen. Genauso am Dienstag und genauso am Donnerstag und Freitag. Die ORKs – und das ist hier das Besondere – reden aber nicht mit den Leuten, sondern stupfen sie nur an und stossen Laute wie «Hrmpf», «Grmmk» und «Trsgb» aus. Dies führt zu diversen sehr grotesken, manchmal lustigen und manchmal sehr nervigen Szenen.
Wer sich stets so verhält, als ob sein oder ihr Gegenüber ein Totalschwachsinniger ist, wirkt selber wie einer oder wie eine.
Da ist ein Arbeiter an den Schienen und er muss aufhören, wenn ein Tram kommt. Normalerweise könnte man ja davon ausgehen, dass sowohl der Arbeiter als auch die Person, die das Tram chauffiert, Augen im Kopf haben.
Die ORKs gehen nicht davon aus. Ein(e) ORK pustet wie wild in eine Art Tröte, ein Stierhorn oder ein Schofar, während ein(e) andere(r) ORK den Arbeiter von den Schienen drängt. Zwei weitere ORKs wedeln währenddessen mit roten Fahnen, damit das Tram nicht weiterfährt. Wenn Sie eine solche Szene beobachten, zweifeln sie an der Menschheit.
Nun könnte man natürlich denken, dass die Firma ORKO® eine Art karitativer Einrichtung ist, die sich um Menschen bemüht, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. So eine Art «Geschützte Werkstatt». Ein Besuch auf www.orko.ch lehrt aber das Gegenteil: ORKO® legt Wert darauf, voll ausgebildete, fähige und topmotivierte Kräfte zu haben…
Am Huttenplatz und am Zwinglikreisel und in der Calvinstrasse und in Oekolampadallee sind wieder grosse Baustellen.
Am Huttenplatz wird ein Kiosk um 5 Meter versetzt, am Zwinglikreisel werden 20 Meter Tramschienen verlegt, in der Calvinstrasse gräbt die Telefongesellschaft und in der Oekolampadallee ist der Strassenbelag auf 50 Quadratmetern zu erneuern. Klar, dass es pro Baustelle ca. 10 grosse Geräte, ca. 20 Arbeiterinnen und Arbeiter und mindestens 7 Arbeitstage braucht.
Und natürlich Hunderte von ORKs.
Freitag, 17. Februar 2023
Die Firma ORKO und die Baustellen
Dienstag, 14. Februar 2023
Wer bekommt meine Liebe? Ein Post zum Valentinstag.
Da war eine Zeit, in der folgende Aufstellung galt:
Meine Liebe Frau und Kindern.
Meine Kraft der Arbeit.
Meine Verehrung dem Kaiser.
Meine Zeit in Gottes Händen.
Das war wohl so bei meinem Gross- und Urgrossvater (oder so ähnlich). Ich selbst würde es bei mir und für mich eher so beschreiben:
Meine Liebe Partner und Freunden.
Mein Respekt anderen Menschen.
Meine Begeisterung der Arbeit.
Meine Zeit den Hobbys.
Meine Sorgfalt den Geräten und der Wohnung.
Nun entdecke ich aber, dass immer mehr Dinge und Organisationen meine Liebe verlangen. «Es ist Zeit, Ihrer IT mehr Liebe zu schenken.» So erblicke ich es auf einem Plakat der Swisscom. «Aus Liebe zum Velo», so wirbt die Werkstatt Velo-Virus. Wird die Liste in Zukunft wie folgt aussehen?
Meine Liebe dem Partner und den Freunden.
Meine Liebe dem Computer und der IT.
Meine Liebe Auto und Velo.
Meine Liebe der Wohnung.
Meine Liebe der Arbeit.
Meine Liebe den Hobbys.
Meine Liebe dem Klimaschutz.
Meine Liebe der Rettung der Welt.
???
Ich stelle mir einen zukünftigen Tag vor:
Ich stehe auf, gehe in die Küche und werfe der Nespresso®-Maschine drei Kusshände zu, bevor ich sie anstelle. Während ich meinen Kaffee schlürfe, sage ich noch einmal mündlich, wie wundervoll der Espresso ist. Meine Zahnbürste bekommt einen Kuss. Mein Rasierer bekommt einen Kuss. Und wenn ich die Wohnung verlasse, sage ich ihr noch einmal, dass sie die schönste und liebste Wohnung der Welt ist – und wische noch einmal kurz über mein Schränkchen im Flur.
Bei der Fahrt nach Solothurn begebe ich mich mehrmals in Lebensgefahr, weil ich versuche, das Tram 11, die S-Bahn nach Olten und später die S-Bahn nach Solothurn zu umarmen. Das ist nämlich gar nicht so ungefährlich…
In der Schule streichle ich meinen Drucker, küsse meinen Computer, herze auch die Kaffeemaschine dort und liebkose den Fotokopierer. Meinen Kolleginnen und Kollegen stelle ich Blumen auf ihre Schreibtische – oder Schokolade. Alle Schüler bekommen von mir zu hören, dass sie die besten, schönsten, liebsten und tollsten sind. Und natürlich erhalten alle eine 6 – einfach aus Liebe.
Auf der Heimfahrt – nachdem ich noch einmal erfolglos versucht habe die S-Bahnen zu umarmen – schlafe ich. Und tanke auf. Denn zuhause wartet nicht nur mein Partner, sondern auch meine Schwimmsachen, das Hallenbad Kirschgarten mit der Bademeisterin, der Fernseher und das Abendessen.
Und alle wollen und bekommen Liebe.
Nein.
Nein und nochmals nein.
So viel Liebe habe ich nicht.
Wirklich nicht.
Ich müsste oder muss einteilen. Aber wie soll das gehen? Soll ich eine Liste machen und jedem Punkt 10 bis 15 % Liebe zuteilen? Oder soll ich einfach drauflos schenken und dann unserem Besuch sagen: «Also, entschuldigt, wenn ich gerade ein wenig muffig bin, ich habe keine Liebe mehr für euch, weil mein Laptop heute so viel bekommen hat.»?
Ich glaube, ich kehre doch zu einem alten Modell zurück:
Mein Beruf bekommt Kraft und Begeisterung.
Mein Hobby bekommt Zeit.
Wohnung, Geräte, IT, Verkehrsmittel, Haushalt etc. bekommen Aufmerksamkeit und Sorgfalt.
Und Freunde und vor allem mein Partner bekommen die Liebe.
Freitag, 10. Februar 2023
Lehrermangel?
Alle Lehrpersonen sollen 100% arbeiten MÜSSEN.
Wir machen die Klassen grösser.
Wir nehmen auch Quereinsteiger ohne JEGLICHE pädagogische Eignung, zahlen ihnen aber das Doppelte wie einem studierten Lehrer.
Dabei gäbe es eine einfache Lösung, eine Lösung, die jede(r) kennt, aber niemand wahrhaben will.
Die Zeitschrift «Bildung gestern heute morgen» hat eine Umfrage mit einer einzigen Frage unter Lehrpersonen gemacht. Die einzelne einzige simple Frage lautete:
Wie viel Beruhigungsmittel (in Einheiten à 10 Milligramm) brauchen Sie vor folgenden Ereignissen?
Normale Unterrichtsstunde
Besuch vom Schulleiter
Schulreise
Schullandheim (Schullager)
Elterntelefonat
Elterngespräch
Elternabend
So einfach und so klar. 1000 Lehrpersonen wurden befragt und ergaben folgende Auswertung:
|
Ereignis |
Menge Beruhigungsmittel (in 10 mg) |
|
Schulstunde |
2,1 |
|
Schulleiterbesuch |
3,2 |
|
Schulreise |
5,8 |
|
Schullandheim (Schullager) |
6,4 |
|
Elterntelefonat |
15,7 |
|
Elterngespräch |
31,9 |
|
Elternabend |
57,8 |
Damit ist eigentlich alles gesagt. Jeder Lehrer und jede Lehrerin könnte hier Lieder singen.
Nun hat es bestimmte Formen bzw. Unformen und Arten bzw. Unarten von Eltern immer schon gegeben, nur dass diese Formen bzw. Unformen und Arten bzw. Unarten in der absoluten Unterzahl waren. Im ersten Elternabend der 5. Klasse – so berichtete meine Mutter – bat eine Mutter, nach dem Schwimmunterricht einzeln bei jeder Schülerin und bei jedem Schüler zu kontrollieren, ob die Kappe oder Mütze korrekt aufgesetzt wurde. Einfach zu sagen «setzt eure Mützen auf» würde nicht genügen, die Kinder würden ständig krank. Eine halbe Stunde rollten die Eltern vor Lachen auf dem Boden. Heute…ja, heute würde diese Mutter viel Zustimmung bekommen, 11-jährige Kinder sind mit dem Aufsetzen einer Pudelmütze ja auch überfordert.
(Ja, ich habe diese Geschichte schon einmal erzählt, vor 1 ½ Jahren, aber sie passt heute halt zu schön…)
Sam Levenson stellt in seinem Buch «Kein Geld, aber glücklich» die – wie er sie nennt – alte Zeit der – wie er sie nennt – neuen Zeit gegenüber:
|
Alte Zeit |
Neue Zeit |
|
Wenn ich aus der Schule kam, stellte die Mutter zwei Fragen: «Warst du heute brav?» und «Was hast du heute gelernt?» |
Die Mutter im Zweitwagen stellt nur eine Frage: «Warst du heute glücklich?» |
|
Wenn ein Kind schlechte Noten hatte, hiess es, dass es a) faul oder b) unaufmerksam war. |
Wenn ein Kind schlechte Noten hat, heisst es, dass der Lehrer a) faul oder b) unaufmerksam ist. |
|
Beide Dinge konnten nur von einer Person bekämpft werden: dem Schüler / der Schülerin |
Beide Dinge können nur von einer Person bekämpft werden: dem Lehrer / der Lehrerin |
Zugespitzt, aber wahr.
So kann doch das Rezept nur lauten: Entmachtet die Eltern. Zum Beispiel durch folgende Massnahmen:
Eltern-Lehrer-WhatsApp-Chats mit einer Zeitbegrenzung (ohne Nacht, ohne Wochenenden)
Geheimnummern für Lehrerinnen und Lehrer
Gesetzliches Verbot von Privatkontakten von Eltern und Schulleitungen
Zentrale Prüfungen und zentral geregelte Übertritte
Entmachtet die Eltern. Hart, aber klar.
Denn: 570 Milligramm Barbiturat sind wahrscheinlich letal – und das verstärkt den Lehrermangel noch mehr…
Dienstag, 7. Februar 2023
KI kann doch helfen
IdidZl (1)
Also, ich wollte ja nicht generell etwas gegen künstliche Intelligenz und gegen Programme, die
Texte schreiben, Bilder malen und Stücke arrangieren, sagen. Ich habe nur betont, dass ICH niemals auf so was zurückgreife, aber ich denke, dass es durchaus Verwendungsmöglichkeiten für die Text-App, die Picture-App und die Song-App gibt.
Wollen Sie Beispiele?
DIE LITERATUR
Da finden wir im örtlichen Wochen-Regional-Heft im Anzeigenteil ein Gedicht:
Der Opa wird heut 80 Jahr,
Da freuen sich die Kinder, Enkel und alle weiteren Verwandten ganz wunderbar.
Unser Opa ist unbestritten der Grösste,
Deshalb wünschen wir ihm das Allerbeste.
Und kommen gerne und mit vielen Geschenken zum Hock:
Unser Opa lebe hoch!
Man muss sich schon sehr anstrengen, um bei einem Sechszeiler so den Rhythmus zu versauen (keiner der Verse 2 bis 6 schafft die vier Jamben des ersten Verses) und von drei Paarreimen sind zwei unrein. Hier sollte und könnte man doch durchaus die ChatGPT-App zum Zuge kommen lassen. Eine gute Software würde auch keinen Goethe und keinen George, keinen Heine und keinen Hesse fabrizieren, aber wenn man ChatGPT sagte: «6 Zeilen zum 80. Geburtstag, Paarreim», dann käme vielleicht das heraus:
Der Opa wird heut 80 Jahr
Das freut doch alle wunderbar.
Der Opa ist doch stets der Beste,
Und wir kommen zu dem Feste.
In der Ferne schallt es noch:
Unser Opa lebe hoch.
Auch nicht genial, aber ordentlich gemacht.
DIE MALEREI
Marga Müller-Miller malt.
Sie malt Herzen und Wolken und Blumen in Acryl.
Bilder, die zu Herzen gehen und Ihr Wohnzimmer verzaubern.
So jedenfalls steht es auf ihrer Homepage. Mir gehen die Machwerke eher auf den Magen als zu Herzen und sie würden mein Zimmer zwar verzaubern, aber in eine Folterkammer. Aber es soll ja Leute geben, die Kitsch mögen, und wenn Sie goldene Schalen mit Riesennüssen, Blumentöpfe mit künstlichen Sukkulenten, Lichterketten in Glaskugeln und verzinkte sonnenförmige Uhren haben (das, was man so als DEKO bezeichnet), dann werden «Herz fliegt» (150 x 200, 3000.--) oder «Blume und Wolken» (250 x 250, 4000.--) über Ihren goldenen Schalen mit Riesennüssen, Ihren Blumentöpfen mit künstlichen Sukkulenten, Ihren Lichterketten in Glaskugeln und Ihren verzinkten sonnenförmigen Uhren ganz nett aussehen.
Das Problem ist der Preis: Für ein paar Tausend Franken bekommen Sie ganz hübsche Grafiken wirklich guter Künstler, das ist für eine Müller-Miller einfach zu viel Knete. Und hier kommt wieder die KI ins Spiel. «Male mir ein Bild mit Herzen und Blumen, Acryl auf Leinwand, 300 x 300, Stil: Deko-Kitsch». Nach vier Stunden hängt ein Bild bei Ihnen an der Wand
DIE MUSIK
Jeder Kirchenmusiker kennt das Problem: Man bräuchte schnell einen vierstimmigen Satz zu «Wohl denen, die da wandeln», aber einen, bei dem der Tenor nicht so hoch ist (und notfalls auch wegfallen könnte…) Selbstverständlich könnte man diesen Satz auch selber schreiben, aber man hat gerade keine Zeit. Nun geht man auf die Suche – und stellt fest, dass es im Internet drei Arrangements gibt, die aber alle nicht kostenfrei. Frank Schmid will für seinen Satz 15 Euro, Hans Dampf für sein Arrangement 25,-- und Marion Schneider will ihr Gesamtpaket «Aus der Chorpraxis» verkaufen (einzeln gibt es also keine Stücke), und das kostet 50 Mäuse.
Sie ärgern sich grün und blau, und dann finden Sie eine App, die Ihnen in 2 Minuten ein Arrangement zu jedem Kirchenlied schreibt – gratis.
Also, ich wollte ja nicht generell etwas gegen künstliche Intelligenz und gegen Programme, die
Texte schreiben, Bilder malen und Stücke arrangieren, sagen.
Nein, echte Kunst machen wir Menschen lieber selber. Aber Gebrauchskunst und Kunsthandwerk können wir gerne der KI überlassen.
(1) IdidZl = Ihr, die ihr diese Zeilen lest. Siehe Post vom 31. Januar 2023
Freitag, 3. Februar 2023
Wer schreibt die Posts?
«Stich mich mit einem Messer ins Herz, das tut nicht so weh.» Dieser wunderbare Satz stammt aus der herrlichen Serie Golden Girls und findet immer dann Verwendung, wenn das Gegenüber in einen heiklen Fettnapf gesprungen ist.
Wenn man zum Beispiel Helga, die immer am Stricken ist und ihre Kreationen auch selber entwirft, die stets mit Wollknäuel und Nadeln anzutreffen ist und himmlische Pullis im Mondrian-Stil und Kappen im Pollock-Look zaubert, wenn man also Helga fragt, ob dieser Pulli oder diese Kappe von C&A oder aus der MANOR sei, dann seufzt sie: «Stich mich mit einem Messer ins Herz, das tut nicht so weh.»
Wenn man Robi, den grossen Hobbybäcker, Robi, der tage- und nächtelang in seiner Küche hantiert und dort Brand-, Mürb-, Rühr-, Hefe- oder Biskuitteig vorbereitet und aus Brand-, Mürb-, Rühr-, Hefe- oder Biskuitteig die göttlichsten Kreationen macht, Schokotrüffeltorten und Vierobstwähen und solche Dinge, wenn man nun also diesen Robi fragt, ob er Backmischungen verwende, dann stöhnt er: «Stich mich mit einem Messer ins Herz, das tut nicht so weh.»
Und genauso schreit auch Janina, die grosse Velofahrerin, Janina, die jede Etappe der Tour de Suisse nicht mit- aber nachgefahren ist, Janina, die wie ein Blitz den Gotthard hochrast, wenn man im Zusammenhang mit ihr das Wort E-Bike verwendet. (Das E-Bike ist laut Alex Capus die Vorstufe zum Rollator…)
Genauso entsetzt ruft auch Peter, der seit 40 Jahren Menschen durchs Emmental führt, den Menschen alles zeigt und sie auf die Naturschönheiten aufmerksam macht, Peter, der im Schlafe einen Plan von Trubschachen oder Langnau zeichnen könnte, der jedes Bächlein dort am Klang erkennt, wenn man ihn fragt, ob er Google Maps® verwende…
«Stich mich mit einem Messer ins Herz, das tut nicht so weh.»
Und genauso habe ich gestern geschrien, als mein Nachbar mich fragte, ob meine Posts von ChatGTP geschrieben würden.
«Stich mich mit einem Messer ins Herz, das tut nicht so weh.»
Genauso wie eine Handarbeit-Fanatikerin nicht bei H&M oder C&A oder D&G oder sonstwo kauft, so wie ein Hobbybäcker keine Backmischung verwendet, so wie eine Bikerin kein E-Bike fährt und ein Naturkenner die Karte im Kopf, so benutze ich kein ChatGPT.
Ich will mich jetzt gar nicht auf die Diskussion einlassen, ob diese App vernünftige Texte macht.
Sondern ich stelle mir die Frage, warum so viele Menschen jetzt jubeln, dass dieses Programm ihnen das Schreiben abnimmt.
Begreifen zum Beispiel Schülerinnen und Schüler nicht, weshalb man ihnen die Aufgabe «Schreibe einen Text über die Weimarer Republik im Jahre 1922, 4 Seiten» stellt? Man tut es ja nicht, weil man einen Text über die Weimarer Republik im Jahre 1922 braucht, man tut es nicht, weil es noch keine Texte über die Weimarer Republik im Jahre 1922 gibt. Natürlich gibt es die. Man stellt den Schülerinnen und Schülern auch nicht diese Aufgabe, um sie zu quälen oder zu foltern. Nein, sie sollen lernen, sie sollen lernen zu lesen, zu verstehen, zu denken, sie sollen lernen zu recherchieren und zusammenzufassen, dann lernen einen guten Text zu schreiben. So blöde es klingt: Der alte Spruch vom NON SCHOLAE SED VITAE DISCIMUS kommt hier voll zur Geltung. Und der Lerneffekt ist eben gleich Null, wenn ChatGPT für dich liest, denkt, zusammenfasst und schreibt.
Ich fände es aus einem anderen Grunde grauenhaft, wenn ich nicht selber schriebe: Ich schreibe wahnsinnig gern. Ich würde mir ja ein Hobby kaputtmachen, wenn ich ChatGPT an meine Glossen liesse. Schreiben ist kreativ, Schreiben regt an, Schreiben macht froh. Wir lassen ja auch keinen Roboter für uns ins Fitnessstudio gehen.
Sehen Sie.
Abgesehen davon: Manchmal kann die App auch schön danebenliegen. Ein befreundeter Musiker liess ChatGPT an das Thema «Verbot von Quintparallelen».
Das kam heraus:
Quintparallelen sind in Deutschland nicht verboten. Es gibt jedoch Regeln, die den Einsatz von Quintparallelen einschränken oder verbieten können, z. B. im Strassenverkehr.
«Stich mich mit einem Messer ins Herz, das tut nicht so weh.» Dieser wunderbare Satz aus jener herrlichen Serie findet immer dann Verwendung, wenn das Gegenüber in einen heiklen Fettnapf gesprungen ist.
Also fragen Sie mich nie, ob mein Text von mir ist.