Freitag, 16. September 2022

Konstante Queen

Ich habe es neulich schon erwähnt und möchte es hier noch einmal erwähnen: Die Queen ist die grosse Konstante in meinem Leben.

Ich wurde 1965 geboren, da war sie schon im Amt.
Ich wurde getauft, und die Queen war im Amt. Ich wurde konfirmiert und die Queen war im Amt. Ich schloss erfolgreich den Kindergarten, die Grundschule, das Gymnasium und mehrere Studiengänge ab, und die Queen war im Amt. (Kann man eigentlich den Kindergarten nicht erfolgreich abschliessen, und muss man ihn dann wiederholen?)
Hochzeit – und die Queen war im Amt. Scheidung – und die Queen war im Amt. Coming-out und sie amtete. Ich zog von Stuttgart nach Schwäbisch Hall, von Hall nach Freiburg, und die Queen war im Amt; ich zog von Freiburg nach Lörrach und von Lörrach nach Basel, und die Queen war im Amt.

Die Queen als die grosse Konstante in meinem Leben.

Ich habe acht Bundeskanzler und elf Bundespräsidenten erlebt.
Also, wirklich erlebt habe ich nicht alle, die Erinnerung beginnt ja mit 4 oder 5; als ich geboren wurde, war – glaubt man fast nicht – noch der feistgesichtige Erhard im Amt, auch an Kiesinger erinnere mich nicht, was ein Glück ist, denn der war ein Ex-Nazi und wurde ja von Frau Klarsfeld geohrfeigt, das Schreckliche ist, dass ich mit Kiesinger um 10 Ecken verschwägert bin, aber das steht auf einem anderen Blatt; dann kamen erst die Kanzler, an die ich mich wirklich entsinne: Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel und Scholz.
Und die Queen war immer da.
Ähnliches bei den Präsidenten: An Lübke keine Erinnerung (natürlich, die Ich-kann-kein-Englisch-Storys, aber die habe ich nachträglich gehört), dunkle Memorien an den unvergessenen Heinemann, der einzige Revoluzzer in diesem Amt, später der erste, den ich nun echt begriff, Scheel, der Singe-Scheel, der Hoch-auf-dem-gelben-Wagen-Scheel, wegen dem Thomas Bernhard aus der Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung austrat, viele weitere (also Bundespräsidenten) folgten, und nun Steinmeyer.
Und die Queen amtete die ganze Zeit.

Die Queen als die grosse, riesige Konstante in meinem Leben.

Päpste?
Auch hier ein ähnliches Bild: An den ersten, Pillen-Paule, keine wirkliche Erinnerung, was komisch ist, denn ich war 13 als er starb, dann kam Johannes Paul I, der ja nur einen Monat im Amt war, was etliche Legenden und Theorien heraufbeschworen hat – ich kann nur so viel sagen: FÄHIG wäre die Kurie zu einem Mord, und ICH war es nicht… – dann Reise-Papst Giovanni Paolo Secondo, Ratzi, der Wir-sind-Papst-Ratzi und nun Franziskus.
Und immer die Queen.

Elizabeth II als die Mega-Konstante meines Lebens.

Als ich aufwuchs, gab es zwei deutsche Staaten, dafür sonst viel weniger, was im Geographie-Unterricht recht praktisch war. (De facto ignorierten wir sowieso sämtliche Länder hinter dem Vorhang als Bös-Gebiet, das vereinfachte enorm…) Also BRD und DDR, sonst aber Jugoslawien (heute gefühlt 20 Staaten) und die UDSSR (heute gefühlt 30 Länder), dann geriet alles ins Wanken, und man musste unzählige neue Hauptstädte lernen, die man eigentlich bis heute nicht kann, oder wissen Sie die Hauptstadt von Usbekistan?
Weniger Länder, aber dafür viele, viele, viele, viele Währungen, der Gulden, der Franc, die Lira, die Peseta, der Escudo, und natürlich der Schilling, der mit seinem Kurs einen immer in die Verzweiflung trieb, 7 Schilling eine D-Mark, und wer meiner Generation erinnert sich nicht an das unvergessene Dalli-Dalli mit Mady Riehl, und die Frage von Hänschen Rosenthal: Mady, was ist das in Schilling?
Und England bezahlte seit 1000 Jahren in Pfund und die Queen war schon da.

Die Queen als Konstante.

Als ich jung war, sah es technisch anders aus. Bevor meine Schüler nun anfangen zu feixen: Ja, es gab schon Strom und auch schon Autos. Aber es gab keine Handys und nichts Digitales, man schrieb keine SMS und keine Mails. Das Internet war noch nicht erfunden. Meinen ersten Computer sah ich mit 18 im Grundkurs Informatik, wo wir ein Programm in BASIC erstellten. Dieses Ding war allerdings so sensibel, dass es bei der kleinsten Sache (Wärme, Kälte Erschütterung) ausfiel.
Und die Queen war schon im Amt – auch noch ohne Handy. (Hatte sie je eines?)

Ich habe es neulich schon erwähnt und habe es hier noch einmal ausgebreitet: Die Queen ist die grosse Konstante in meinem Leben. 

P.S. Die Hauptstadt Usbekistans heisst Taschkent.





  

Dienstag, 13. September 2022

Gratulation, Charles III !

Wir gratulieren dem ehemaligen Prince of Wales, Ihrer Majestät Charles III, zur bevorstehenden Krönung zum König von Grossbritannien.

Ich habe mal nachgeschaut, wie oft ich Charles einen Post widmete, indem ich «Charles» in die Suchfunktion meines Dashboards eingegeben habe. Es waren gar nicht so viele, und die wenigsten haben mich erstaunt. Sehr erstaunt war ich über die Connection zu Ennio Morricone, eifriges Suchen ergab natürlich, dass hier nicht der Prinz von Wales gemeint war, sondern Charles BRONSON, der in dem Filmklassiker am Anfang (und dann auch die ganze Zeit) so unnachahmlich die Mundharmonika spielt…
Schön ist der Beitrag, in dem ich ein Schachspiel zwischen Carl Gustav von Schweden und Charles beschreibe, und den ich mit den Worten «aber vielleicht ist das auch erfunden, vielleicht sogar von mir» beende.
Die meisten Posts über den echten Charles gehen über zwei Dinge: Seine Hochzeit und sein Warten.

Wir gratulieren dem ehemaligen Prince of Wales, Ihrer Majestät Charles III, zur bevorstehenden Krönung zum König von Grossbritannien.

Die Hochzeit von Charles und Diana musste in den Posts immer dann herhalten, wenn es um die Inszenierung einer Traumhochzeit ging. Traumhochzeiten bringen ja meistens keine glücklichen Ehen, das kann man nun beinahe so festhalten. Trumpet Voluntary und Kutsche und weisses Duftkleid haben nichts genützt, denn jeder Paartherapeut wird Ihnen bestätigen, dass es nicht auf Trumpet Voluntary und Kutsche und weisses Duftkleid ankommt, weil Trompete, Kutsche und weisse Spitze eben nicht die Grundlage einer Beziehung sind. Es wäre alles nicht so gekommen, wenn Karli die Frau, die er seit Jugend liebte, gleich hätte heiraten dürfen, jene Dame die nun tatsächlich Queen Consort wird, erste Frau des Landes, und wir müssen uns in manchen Dingen gar nicht umgewöhnen: In der Freizeit Rösser, Hunde, Anorak und in den Staatsgeschäften auffälliges Kleid und sehr grosser und sehr schräger Hut…
Also auch herzliche Gratulation dir, Camilla!

Wir gratulieren dem ehemaligen Prince of Wales, Ihrer Majestät Charles III, zur bevorstehenden Krönung zum König von Grossbritannien.

Meine meisten Posts über Charles gingen natürlich über sein Warten – das war nicht nur bei mir so. Schon im vorigen Jahrhundert quatschte Else Stratmann alias Elke Heidenreich in ihrem «Anruf im Schloss» mit Di darüber, dass Charles immer noch keine Arbeitsstelle besitze, nicht anderes gelernt habe als König und sein Los mit vielen anderen Arbeitslosen teile. Ja, Charles hat lange gewartet. Wahrscheinlich ist der König von England, Schottland, Wales und Nordirland der Mensch auf der Welt mit der längsten Ausbildungszeit. Aber das könnte auch seine Vorteile haben; in seiner langen Lehrzeit hat Charles III Dinge erlebt, die ein sonstiges Staatsoberhaupt beim Amtsantritt nicht kann. Staaten lösen sich auf? Können wir. Deutsche Mauer fällt? Haben wir erlebt. Pandemie? Kriegen wir hin. Schloss brennt? Alles schon dagewesen. Charles III ist also mit allen Wassern gewaschen.

Wir gratulieren dem ehemaligen Prince of Wales, Ihrer Majestät Charles III, zur bevorstehenden Krönung zum König von Grossbritannien.

Jetzt müssten wir nur noch über die Ohren reden, die ich ja auch schon – der Monarch verzeihe es mir – zum Thema machte.
In dem Chansonprogramm, das ich eine Zeit lang begleitete, führte eine Liedzeile immer zu grösstem Gelächter:
…der König Alfons ist mein Boy,
der Prinz of Wales mein schönster Traum…
Aber natürlich war hier nicht Charles, sondern sein Grossonkel Edward gemeint, jener bildhübsche Kerl, hinter dem alle Hochadlige her waren, und der dann wegen seiner grossen Liebe abdankte.
Nein, Charles war hier nicht gemeint, aber jetzt einmal ehrlich: Wer mich kennt, wird, wenn ich hier über grosse Ohren geschrieben habe, mir den Spruch vom Glashaus und den Steinen sagen, denn meine Ohren tendieren nun auch eher zu XXL als zu XXS. Und: Habe ich nicht Barak Obama immer und stets und ewig gefeiert? Und wie sind dem seine Ohren? Na, sehen Sie.

Wir gratulieren dem ehemaligen Prince of Wales, Ihrer Majestät Charles III, zur bevorstehenden Krönung zum König von Grossbritannien.

Wir sind gespannt, so gespannt, extrem gespannt auf seine Amtszeit. Und zwar aus einem Grund: Wir können uns kein anderes britisches Staatsoberhaupt als Elizabeth vorstellen. Und dies aus einem Grund: Wir haben niemand anderes erlebt. Wir, also die meisten. Ein Mensch, der sich an die Krönung Elizabeth II erinnert, ist Ü 75 (und davon gibt es ja nun auch schon genug…) Nein, wir sind gespannt und Charlie macht es sicher gut, lange gelernt hat er ja – siehe oben.

Wir gratulieren dem ehemaligen Prince of Wales, Ihrer Majestät Charles III, zur Krönung zum König von Grossbritannien.
Und Camilla zur Queen Consort.





  

  

 

 

Freitag, 9. September 2022

The Queen - warum es heute keinen Post gibt (oder nur diesen kurzen)

Das Leben ist manchmal schon merkwürdig.

Ich hatte für heute einen Post über die neue Premierministerin vorgesehen. Und im zweiten Teil dieses Posts wäre es um die Namensgleichheit von Liz und Liz, Regierungschefin und Staatsoberhaupt gegangen.

Und nun stirbt die Queen.
An einem Donnerstag.

Und jetzt geht heute irgendwie nix, den Truss-Post werde ich nachholen, für einen Charles-Post ist es zu früh, und der noch in der Pipeline seiende Post übers Energiesparen geht irgendwie auch nicht.

ARD und ZDF haben alle alte Beiträge (zu Geburtstagen, zum Thronjubiläum) wiederholt. Aber das geht auch nicht. Die sind bei mir sämtlich zu böse.

Die Queen ist tot. Und damit irgendwie eine Konstante in meinem Leben, denn sie war immer da, während Länder fusionierten oder sich auflösten, Präsidenten kamen und gingen, die Queen war immer da. Und jetzt ist sie nicht mehr da.

Das Leben ist manchmal sehr merkwürdig.
Und daher gibt es heute nicht mehr.



Dienstag, 6. September 2022

Wie bekomme ich etwas, was mir nicht zusteht?

Jarmin, ein Freund von mir (keine Posts mit dem Namen, rote Linie), schreibt auch einen Blog. An einem Tag letzten Jahres, dem 15. Mai 2021, machte er einen Test; er schrieb, die Menschen, die an diesem Tag Geburtstag hätten, könnten sich unten auf der Seite melden und würden ein Geschenk erhalten.
Am Ende des Tages hatten sich 521 Personen gemeldet und hofften auf ein (ja nicht einmal genauer definiertes) Präsent. Da Jarmin im Schnitt von 1034 Leuten gelesen wird, ist dies eine Zahl, die man praktisch nicht glauben kann; die Wahrscheinlichkeit für «Geburtstag heute» liegt bei 1/365, das heisst 3-4 Leute hatten wirklich Geburtstag, vielleicht auch 10 oder 20, aber der Grossteil hatte gelogen.
Das und nur das wollte Jarmin zeigen…

Für eine Eltern-Aufführung des Kindergartens Sonnenwiese bittet Holga (keine Posts mit dem Namen, rote Linie) die Kinder der roten Gruppe (die ältesten) beim Einrichten, Bestuhlen des Saales, Aufhängen von zwei Girlanden, Hinstellen von Kaffee und Kuchen etc. zu helfen.
Alle legen Hand an – ausser Tamir und Tumir (keine Posts mit den Namen, rote Linie). Für die beiden wären Einrichten, Bestuhlen des Saales, Aufhängen von zwei Girlanden, Hinstellen von Kaffee und Kuchen etc. der Unterbruch ihres Fussballspiels, und niemals würden sie einen Kick für Einrichten, Bestuhlen des Saales, Aufhängen von zwei Girlanden, Hinstellen von Kaffee und Kuchen etc. unterbrechen.
Nach dem Fest bekommen alle Kinder der roten Gruppe einen grossen, sehr grossen roten Lolli. Als nun auch Tamir und Tumir sich anstellen, ist das Geschrei gross.
Natürlich bekommen die beiden nichts, weil sie ja nicht geholfen haben, aber die allein die Tatsache, dass sie trotz Faulheit ihre Belohnung wollen, genügt für ein paar Nasenstüber…

Als Ladila (keine Posts mit dem Namen, rote Linie) mit 11 Jahren in die Schweiz kommt, ist klar, dass sie eine schulische Sonderbehandlung braucht.
Nicht ganz einig ist man sich, wer diese Sonderbehandlung finanziert. Es ist nämlich in der örtlichen Schule gerade kein DAZ-Platz frei, und auch mit Nachhilfe Basis Französisch sieht es kompliziert aus. (In Englisch ist sie ihren Mitschülern und Mitschülerinnen voraus.) Nun hat der Schulleiter die Idee, Ladilas Familie könnte das selbst finanzieren, also eine Nachhilfelehrperson in D und F zahlen.
Eine absurde Idee?
Nun, da Ladilas Vater CEO der MINZAG ist und 4 Millionen im Jahr verdient, ihre Mutter aber CEO der LENZAG und mit 5,1 Millionen sogar noch über ihrem Mann liegt, wäre der Vorschlag, hier privat zu zahlen, nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber mitnichten: Ladilas Eltern bestehen auf dem Unterricht und die Gemeinde muss noch Lehrpersonal einstellen…

Wenn man Fälle wie diese drei vermeiden will, dann geht das (leider) nur mit härtester Kontrolle. Das ist eigentlich absurd, denn warum streben wir ständig nach Dingen, die uns nicht zustehen? Aber ist es so, und so müsste Jarmin verlangen, dass eine Ausweiskopie hochgeladen wird, um zu belegen, dass man wirklich das Wiegenfest feiert.
Holga müsste ihre Lollis gleich nach dem Aufstellen verteilen und könnte so ganz leicht die beiden Halunken ausklammern, die noch am Fussballspielen sind.
Und die Gemeinde, in der Ladila zur Schule geht, müsste einen Beschluss fassen, nach dem Zusatzleistungen ab einem Jahreslohn von 2 Millionen kostenpflichtig sind.

Noch einmal: Es ist mir unverständlich, wie Menschen, denen etwas ganz klar nicht zusteht, auf einmal «hier» schreien, wie sie sich melden, wie sie aufstrecken, und wie sie sich vordrängeln, und wie diejenigen, die etwas zu verteilen haben, aufpassen müssen, dass sie denen, die unerlaubt «hier» schreien, die sich melden, die aufstrecken, die sich vordrängeln, nicht aus Versehen eine Sache zukommen lassen.

Und dieses Problem zeigt sich gerade auch in der deutschen Energie-Förderung. Man muss die Leute entlasten, die sich das Heizen nicht mehr leisten können und man muss die Stromunternehmen retten, die pleitegehen könnten. Man darf nicht den Menschen, die eh schon im Geld schwimmen, auch noch Stromgeld zustecken, und man darf sicher nicht diejenigen Firmen mit Unsummen versorgen, die durch die Energiekrise mehr und mehr und mehr verdienen.
Was einen jetzt aber so wahnsinnig macht, ist, dass die Unberechtigten «hier» schreien, sich melden, aufstrecken, sich vordrängeln und dass Habeck alle Hände voll zu tun hat, diejenigen abzuwimmeln. Sein Gesetz habe «handwerkliche Fehler», so motzt man. Aber man motzt viel weniger über die Firmen, die einfach versuchen, Abzocke zu betreiben.
Vielleicht sollte man ein Gesetz machen, vielleicht BGB § 12345, dass auf «Unerlaubtes Anmelden für Geldgaben» eine Gefängnisstrafe von mindestens 5 Jahren vorsieht, und zwar für die gesamte Führungsspitze?

Bei Jarmin hatten sich über 500 Personen gemeldet und hofften auf ein Geburtstagsgeschenk. Da Jarmin im Schnitt von über 1000 Leuten gelesen wird, ist dies eine Zahl, die man nicht glauben kann; die Wahrscheinlichkeit für «Geburtstag heute» liegt bei 1/365, das heisst 3-4 Leute hatten wirklich Geburtstag, vielleicht auch 10 oder 20, aber der Grossteil hatte gelogen.

Unbegreiflich.





 

    

Freitag, 2. September 2022

Darf ich ein Kenianisches Lied singen?

Simba, der Mann meiner Cousine Rea stammt aus Kenia. Er frönt – soweit ihm sein Job als Leiter der Neurochirurgie am Spital in Wanne-Eickel dazu Zeit lässt – zwei Hobbys: Er spielt Volleyball und er singt.
Für den Geburtstag meiner Tante (also der Mutter Reas) hatte Simba jetzt eine tolle Idee, er schlug vor, wir könnten doch zwei Lieder vortragen, wir könnten sie zusammen singen oder auch einzeln. Simba schlug dafür «Kein schöner Land» und «Jambo Bwana» vor.

Bevor Sie mir jetzt mit «Keiner schöner Land» und dessen Ihrer Ansicht nach problematischem Verhältnis zu 1933–1945 kommen, ein Vorwurf, der sich ja vor allem daraus resultiert, dass im Untergang von Bernd Eichinger Frau Goebbels alias Corinna Harfouch bei diesem Lied ihre Kinder dirigiert, lassen Sie es sich gesagt sein: Man hätte hier auch jedes andere Liedchen nehmen können, «Kein schöner Land» stammt aus dem 19. Jahrhundert von Herrn Zuccalmaglio.

Aber wir wollten eigentlich etwas ganz anderes erzählen:
Simba schlug die beiden Lieder vor, und er hatte die Positionen «einzeln» und «zusammen» erwähnt. Wir machten nun eine Liste:

a) Wir singen beide beide Lieder.
b) Wir singen beide «Kein schöner Land» und er allein «Jambo Bwana»
c) Wir singen beide «Kein schöner Land» und ich allein «Jambo Bwana»
d) Wir singen beide «Jambo Bwana» und er allein «Kein schöner Land»
e) Wir singen beide «Jambo Bwana» und ich allein «Kein schöner Land»
f) Ich singe «Kein schöner Land» und er «Jambo Bwana»
g) Er singt «Kein schöner Land» und ich «Jambo Bwana»

Nun sassen wir über den Ergebnissen.
b) und f) waren als einzige unproblematisch.
a), d) und e) waren grenzwertig.
c) und g) waren gänzlich unmöglich.
Warum? Nun, weil ich als Europäer keine Afrikanischen Lieder singen darf, das ist Kulturelle Aneignung, Simba darf sehr wohl deutsche Volkslieder interpretieren, das ist dann Integration.

Totaler Quatsch. Aber:
Wir hatten nun echt Bedenken, dass irgendjemand unser Kulturprogramm unterbricht und entschieden uns für Variante f). Obwohl natürlich andere Varianten viel spannender gewesen wären.

Nun kommen Sie mir bitte nicht mit Kopfschmuck und Baströckchen. Ich hatte nie vor, den Auftritt in einem Baströckchen und mit Kopfschmuck zu singen. Ich hatte vor, ein afrikanisches Lied vorzutragen, einfach weil ich es für ein schönes Lied halte. Übrigens hätte auch Simba niemals Baströckchen und Kopfschmuck getragen, einfach weil er in Nairobi auch nie Kopfschmuck und Baströckchen getragen hat.
Natürlich wäre Baströckchen und Kopfschmuck die übelste Form von Kultureller Aneignung, sie wären aber vor allem ziemlich blöd und doof.

Vor vielen, vielen, vielen Jahren, als ich ein Kind war, also nicht nur im letzten Jahrhundert, sondern auch im letzten Jahrtausend, war ich auf einem Aktionsnachmittag von Brot für die Welt. Ein afrikanisches Land stand im Mittelpunkt, ich habe aber vergessen, welches. Mit drei Aktionen versuchten die Mitarbeiter uns Kindern das Land, die Menschen, die Not und die Projekte (Brot für die Welt arbeitete stets nach dem Motto «Hilfe zur Selbsthilfe») nahezubringen:
Wir schauten uns eine Dia-Show an.
Wir assen afrikanisches Essen.
Wir lernten ein afrikanisches Lied.
Zweites und Drittes wäre wahrscheinlich heute gar nicht mehr möglich, aber Hand aufs Herz: Hätte ich diesen Nachmittag heute noch in Erinnerung – er ist immerhin 50 Jahre her – wenn Brot für die Welt einfach die Fakten erklärt hätte? Wahrscheinlich nicht…

Ich finde, wir sollten bei dem Thema das walten lassen, was immer mehr verschwindet: Augenmass und Gesunden Menschenverstand. Sonst können wir bald alle Kultur in den Müll kippen.

Simba, der Mann meiner Cousine Rea stammt aus Kenia. Er widmet sich – insoweit sein Beruf als Neurochirurg ihn das lässt – zwei Hobbys: Volleyball und Singen.
Für den Geburtstag meiner Tante hatte Simba jetzt die tolle Idee, er schlug vor, wir könnten doch zwei Lieder vortragen, wir könnten sie zusammen singen oder auch einzeln. Simba schlug dafür «Kein schöner Land» und «Jambo Bwana» vor.

Wir sangen dann beide zusammen «Yesterday» und «I have a dream»…

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 30. August 2022

Alois und Mildred

Ich habe die beiden Personen im letzten Post Paul und Rina genannt.

«Du benutzt immer die gleichen Namen in deinen Posts.»
Das wirft mir ein Kumpel vor die Füsse, als wir über das Personal in meinen Texten reden. «Das stimmt überhaupt nicht», werfe ich zurück, und so werfen wir eine Zeit lang hin und her, bis wir auf die Idee kommen, via mein Dashboard und dessen Suchfunktion eine Kontrolle zu machen.
Und siehe da: So Unrecht hat mein Kumpel nicht. Karl, nur so als Beispiel, kommt x-mal vor, das liegt nun aber auch an diesem unsäglichen Lauterbach, ohne Corona und die Folgen hätte ich den Namen Karl wahrscheinlich nie verwendet. Aber bei anderen Namen ist es merkwürdig, komischerweise kommt Paul relativ häufig vor, Peter aber viel weniger. Dabei müssten doch Peter und Paul, die auf eine heilige Weise zusammengehören, die sogar einen Feiertag zusammen haben, paritätisch verteilt sein…
«Gut», sage ich zu meinem Kumpel, «gut, im nächsten Post brauche ich eine Frau und einen Mann, und wenn ich mich recht entsinne, habe ich Alfred und Mia noch nie benutzt.» Die Suchfunktion belehrt uns eines Besseren. Alfred kam 4x und Mia erstaunliche 14x dran. «Gut», so ich, «testen wir doch ähnliche Namen, also Al- und Mi-.»

Das Ergebnis sieht folgendermassen aus:

Alfred 4
Albrecht 3
Alfons 1
Alois 0

Mia 14
Milena 1
Michaela 2
Mildred 0

Das Paar wird also Alois und Mildred heissen.

Aber schon eine halbe Stunde später kommen mir Bedenken. Namen sind ja immer sprechend, Namen haben immer einen Touch, einen Geschmack, und es ist entscheidend, wie man die Figuren in einer Geschichte benennt. Könnten Sie sich vorstellen, dass ein weicher, femininer, schwuler (!) Hans Hansen der Fan von einem blonden, starken, blauäugigen Tonio Kröger ist? Sicher nicht. Es ist bei Mann natürlich auch umgekehrt. Büchner hat eine Weile umgestellt, bis die Geliebte Wozzecks Marie und die Nachbarin Margret hiess, zuerst war es umgekehrt. Der Name einer Figur ist also wichtig.
Nun aber: Alois und Mildred?
Es ist noch kein Wort geschrieben, aber schon geben wir dem Paar irgendwie keine Chance…

Alois, das klingt nach Tanzboden und Schuhplattler, nach Krachlederner und Seppelhut, das stinkt ein wenig nach Kuhstall, auf jeden Fall und ganz sicher süddeutsch (oder österreichisch). Mildred, das klingt norddeutsch, bebrillt und ein wenig verschnupft. Alois isst sicher zu viel und spricht auch dem Alkohol und der Pfeife zu, während Mildred zu ihren veganen Menüs eher Wasser – oder sogar Kamillentee – trinkt. Alois ist Bauer, oder Polizist oder Briefträger, Mildred Lehrerin, für Handarbeit und Französisch.
usw.
usw.

Hinzu kommt ja, dass wir bei allen Namen Bezugspunkte haben. Die können sehr persönlich sein, wenn sie sich gerade mit vielen Tränen und viel Streit von einem Horst oder einer Brigitta getrennt haben, werden Sie keinen Text lesen wollen, in dem ein Horst oder eine Brigitta eine wichtige Rolle spielt, die Hauptfigur wird Ihnen von vornherein unsympathisch sein.
Kann man von einem Oskar lesen, ohne dass man im Hintergrund eine kleine Trommel rattern und klingen hört?
Kann man von einer Lucrezia lesen, ohne dass ein goldgeschmücktes Bett mit einer Giftphiole daneben vor dem geistigen Auge auftaucht?
Kann man von einer Emilia lesen, ohne dass man Appiani und Marinelli mitliest?

Und so haben Alois und Mildred nun auch Leute im Schlepptau, für mich als Kind der 60er, das mit Preussler aufwuchs natürlich den Alois Dimpfelmoser, den etwas unterbelichteten Wachtmeister aus der Hotzenplotz-Trilogie, und Mildred Scheel, die Frau des «singenden Bundespräsidenten», die die Deutsche Krebshilfe gegründet hat.

Nein, Alois und Mildred sind keine gute Idee.

Vielleicht muss ich mehr das machen, was ich auch immer wieder schon praktiziert habe: Namen einfach erfinden, wenn Karl schon 30x vorkam, warum dann keinen Kral, Klar oder Lark?, Wenn Anne schon 40x erschien, warum dann keine Enna, Nena oder Nane? Und wenn ich bei Plorg oder Mula rote Linien bekomme, damit kann ich leben…

«Du benutzt immer die gleichen Namen in deinen Posts.»
Das wirft mir ein Kumpel vor die Füsse, als wir über das Personal in meinen Texten reden.

Gut, wir werden das ändern.

Haben Sie einen hübschen Vornamen?



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

Freitag, 26. August 2022

Rostige Rohre und unverputzte Wände

Ich war neulich zur Hochzeit meines Urgrossneffen Paul in Grossheimen-Schwarzbach, einer mittleren Stadt im Ruhrgebiet, eingeladen. Und da ich ja Urlaub hatte, plante ich nicht nur eine Übernachtung, sondern drei ein, dies ermöglichte mir einen Besuch in der örtlichen Galerie, das Anhören einer Aufführung von Musik der 2. Wiener Schule und (Sie ahnen es längst, Sie wissen es, ich muss gar nichts sagen…) den Besuch des Hallenbades.

Nun arbeitet Paul – wie seine Verlobte Rina – in der Werbung.
Und wenn man in der Werbung arbeitet, dann muss alles ein wenig schicker und hipper sein wie bei anderen Leuten, nur nicht normal und nur nicht gewöhnlich. So fand die Trauung in einem stillgelegten Wasserwerk statt, die Trauung ebenso wie der Apéro und das Essen. Eine witzige Location, die viel Platz bot, die einzelnen Abschnitte vorzubereiten und sich bei den Beiträgen auch akustisch als sehr angenehm erwies.
Der Predigttext war übrigens (Sie ahnen es längst, Sie wissen es, ich muss gar nichts sagen…) Johannes 4, 5-42, Jesus und die Frau am Brunnen, der Text, in dem Jesus über das «Wasser des Lebens» redet.

Weil Paul und Rina in der Werbung arbeiten, und weil da alles ein bisschen hip und schick ist, hatten sie auch keine gewöhnlichen Hotels organisiert. Ich war im Art-Hotel untergebracht, einem renovierten und umgebautem Stahlwerk, in dem jedes Zimmer anders gestaltet war. Das Besondere war, dass die tonnenweisen Reste, die man vor der Renovation vorgefunden hatte, zu Kunstwerken umgeschweisst worden waren, von denen in jedem Zimmer eines stand.
In Raum 103, in dem ich logierte, war das ein grosser Vogel aus Stahlblech, der an der Decke schwebte, ein wenig kitschig, ein wenig gewollt, aber was soll`s, das Bett war hervorragend und das Frühstücksbuffet sucht seinesgleichen.

Am nächsten Tag nun der Weg in die Galerie. Ich war nun nicht wenig erstaunt, dass auch die Städtische Galerie sich in einem Altindustriebau befindet, sie hat sich in einem E-Werk aus den frühen 50er Jahren etabliert.
Ich versuchte mich auf die Bilder (vor allem regionale Maler des 19. und 20. Jahrhunderts, sowie eine Ausstellung eines jungen Schwarzbacher Fotografen) zu konzentrieren, ich wurde aber von den rostigen Rohren und unverputzten Wänden sehr abgelenkt, und zwar nicht, weil sie so daneben waren, sondern weil ich seit dem vorherigen Tag nichts anderes als rostige Rohre und unverputzte Wände gesehen hatte und sie mich zu stören begannen.

Auch das Konzert am Abend (Sie ahnen es längst, Sie wissen es, ich muss gar nichts sagen…) fand nicht in klassisch-normalem Ambiente statt. Ich hätte mir für Schoenberg, Berg und Webern etwas Jugendstilmässiges, eventuell auch Gründerzeit gewünscht, oder sogar noch älter, ich fand mich aber in einem stillgelegten Hallenbad der 60er wieder, natürlich wieder Rohre, rostig, mehr als in den anderen Etablissements, wenig Unverputztes, dafür aber Kacheln, weiss, blau und schwarz, die meisten beschädigt und vergilbt.
Nie konnte ich mich weniger auf Pierrot Lunaire und die Variationen op.27 konzentrieren, einfach, weil das Gebäude in mir einen Brechreiz verursachte, den ich kaum unterdrücken konnte.

Vor der Abreise am nächsten Tag dann noch der Schwimmbadbesuch. Auch hier wieder (Sie ahnen es längst, Sie wissen es, ich muss gar nichts sagen…) Enttäuschung. Das Schwimmbad war in einer stillgelegten Eisengiesserei von 1880.
Hier war ich nun völlig vor den Kopf gestossen, denn wieso legt man das 1960 erbaute Städtische Hallenbad trocken und macht dann in einem Gebäude von 1880 ein Bad auf, während man das eigentliche Hallenbad für Konzerte nutzt?

Auf der Heimfahrt von Grossheimen-Schwarzbach via Essen, Köln und Frankfurt versuchte ich, ein Wort zu finden, das diese Tage beschreibt. Ich brauchte eine Weile, aber dann war es da.
Gleichförmig.
Gleichförmig, ja diese Tage waren in der ewigen Wiederholung gleichförmig gewesen, mit dem Hotel, das eigentlich ein Stahlwerk, der Trauungslocation, die eigentlich ein Wasserwerk, dem Museum, das eigentlich ein E-Werk, dem Konzertsaal, der eigentlich ein Hallenbad und dem Hallenbad, das eigentlich eine Giesserei sein sollte…
Gleichförmig.
Und das, obwohl doch alles so hip, so aufregend, so besonders, so speziell, so extravagant sein will.

Aber es ist doch nun mal so: Wenn alle Ausstellungen nicht mehr in Galerien stattfinden, dann ist die EINE, die es wieder tut, wahnsinnig modern. Wenn alle Konzerte nicht mehr in Konzertsälen stattfinden, ist das eine, das eben doch dort erklingt, wahnsinnig aufregend. Und in 10 Jahren wird eine Hochzeit in einer Kirche und im Nebenzimmer des Goldenen Ochsen das Hippeste sein, was es gibt.

Ich war neulich zur Hochzeit meines Urgrossneffen Paul in Grossheimen-Schwarzbach eingeladen. Und da ich ja Urlaub hatte, plante ich nicht nur eine Übernachtung, sondern drei ein, dies ermöglichte mir einen Besuch in der örtlichen Galerie, das Anhören einer Aufführung von Musik der 2. Wiener Schule und den Besuch des Hallenbades. Und dieser Aufenthalt hat mein Verlangen nach Eisenrohren und unverputzten Wänden für 30 Jahre gestillt.