Freitag, 17. Juni 2022

Warum ich 70 Jahre Queen überging

Liebe Leserinnen und Leser

Nun werden sich einige doch gewundert haben, dass ich diesen komischen Weg mit Gelübde und Schwur und Eid gegangen bin, diesen Satz genommen habe, den mir das Schicksal vorgab, diese Jephta-Geschichte gemacht habe, dabei hätte es doch ein so wichtiges Thema gegeben, das ich verpasst hätte:
Die Queen.
Wegen dieser ganzen Story mit Gelübde und Schwur und Eid und Versprechen hätte ich es verpasst, Elizabeth II zum 70sten Thronjubiläum zu gratulieren.

Nein, liebe Leserinnen und Leser, das ist ganz bewusst geschehen. Ich habe alte Post durchforstet, was ich über Lizzy schon so geschrieben habe und stiess dabei auf einen Post vom 15. 9. 2015. In diesem habe ich Lisbeth nicht nur gebührend, ich habe sie überschwänglich gefeiert. Ich habe ihr alle grossen Lieder gesungen (im Stile von da-da-damm usw…) und sie hochleben lassen. In jenem Sommer brach die gute Queen nämlich den Sesselkleberrekord, das heisst, sie war länger im Amt als alle ihre Vorgängerinnen und Vorgänger.

Und nun habe ich mal meine Post und meine Mails durchforstet und beim Durchforsten meiner Mails und meiner Post stellte ich fest: Windsor hat sich nie bedankt. Es wäre doch angebracht gewesen, einen so triumphalen, so überschwänglichen, einen so grandiosen, einen so mit Glückwünschen und Hurra-Liedern gespickten Post mit einem kleinen Zweizeiler, mit einer kleinen Notiz zu verdanken.

Jetzt werden Sie einwenden, dass Lizzy nun wirklich keine Zeit hat, die 1000 Briefe, die sie jeden Tag bekommt, selbst zu beantworten. Das verlangt nun aber auch keiner. Aber je älter sie wird, je länger sie auf dem Thron ist, umso mehr schreiben ihr die Leute, und da muss sie halt noch ein paar Leute einstellen. Wenn ihre Poststelle zum Beispiel mit 50 Jahren Amt 50 Leute hatte, dann muss sie mit 70 Jahren Amt halt 70 Leute haben.
Geld?
Gute Güte, Lizzy ist die reichste Frau des Landes, da wird ja wohl ein bisschen Money für Fanarbeit übrig sein. Ja, und das Vereinigte Königreich hat zurzeit genügend Arbeitslose, da könnte man echt die Arbeitslosenquote ein wenig nach unten drücken.

Und für den Job eines Queen-Fan-Post-Beantworter (oder in deutscher Manier Queenfanpostbeantworter) muss man nicht studiert haben, die meisten der Menschen, deren Briefe und Mails, deren Pakete und Päckchen, die Leute, deren Schreiben und Nachrichten man hier beantworten soll und muss, sind so dumm, dass sie grammatikalische oder orthografische Fehler nicht bemerken würden.
Das war jetzt ein Eigentor – das habe ich wohl bemerkt.

Aber zurück zu meiner Posterei: Weil Lisbeth den Post vom 15. 9. 2015 unbeantwortet liess, habe ich mich entschlossen, ihr zum 70sten Jubiläum nicht zu gratulieren.
So einfach.

Aber es kommt noch etwas hinzu.
Ich erwähnte in jenem Text von vor 7 Jahren, dass ich mit 1 Jahr der Queen zugewinkt habe. Und auf einmal, ganz plötzlich, ganz unvermittelt stand diese Szene wieder vor meinen Augen. (Also natürlich, erinnere ich mich nicht, sondern ich erinnere mich an das, was meine Mutter mir erzählte: Dass wir am Fenster der Wohnung meiner Grossmutter in der Schwarenbergstrasse standen und Lisbeth, von der Innenstadt kommend und zum Fernsehturm fahrend, vorbeifuhr. Und dass ich ihr gewinkt habe.)
Nun fiel es mir aber beim Lesen des Posts wie Schuppen von den Augen: Lisbeth hat nicht zurückgewinkt!
Einfach nicht.
Ignoriert hat sie mich.

Ob das – auch im alten Post erwähnte – Marbach-Ereignis vorher war, also ob Lisbeth schon sowieso sauer war, das lässt sich nicht mehr eruieren. Das Marbach-Ereignis war so, dass sie in das Landesgestüt Marbach bei Urach wollte und nur „Marbach“ geschrieben hatte und man sie durch die Schillerstadt führte und sie nach 2 Stunden Geburtshaus, Archiv und Glocke und Räuber die Worte sprach: „Very nice, but where are the horses?“
Ob sie nun deshalb stinkig war und mich deshalb übersah oder aus anderem Grund:
Sie hat mich ignoriert.

Bei Jonas Jonasson wird iin einem seiner Bücher aus einem glühenden schwedischen Monarchisten ein Anarchist, weil der König ihn nicht grüsst. Er arbeitet Jahre auf den Moment hin, auf der Kurpromenade dem Monarchen zu salutieren, und der schwedische König läuft einfach weiter. Da wird er zum erbitterten Feind der Monarchie.
So schlimm ist es bei mir nicht.
Aber ich gratuliere deshalb nicht.

Liebe Leserinnen und Leser
Einige waren erstaunt, dass ich diesen komischen Weg mit Gelübde genommen habe, diese Jephta-Geschichte gemacht habe, dabei hätte es doch ein zentrales Thema gegeben, das ich versäumt hätte:
Die Queen.
Nein. Ich habe es bewusst ignoriert. Und wenn Lizzy eine Gratulation will, dann soll sie mir winken. Auf zoom. Oder Skype. Oder Teams.







 

Dienstag, 14. Juni 2022

Der Satz-Post

 
Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Dies ist der Satz, der mir entgegensprang, als ich gelobt und gelübdet hatte, den ersten Satz, der mir entgegenspringt, zu einem Post zu verarbeiten. Und das, obwohl ich wusste, was in den Geschichten von Jephta und Idomeneo passiert: Das erste Lebewesen, das einem entgegenkommt, wird geopfert und das ist das eigene Kind. Bei den Gebrüdern Grimm wird die Tochter nur einem Igel verheiratet, aber das ist auch nicht so lustig.
Nichtsdestotrotz, ich habe es gelobt und geeidet, habe geschworen und gelübdet, nun wohlan, es bleibt dabei (wie Papageno singt), hier ist der Post:

Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Wer ist eigentlich dieser «Ich»? Das bin ja nicht ich, das ist ja sozusagen ein anderes. Man könnte Episches Ich sagen, wenn es diesen Begriff gäbe. (Warum gibt es das eigentlich nicht, es gibt ja auch ein Lyrisches Ich…) Dieses «Ich» ist gewissermassen mein Alter Ego, und ich habe in 1000 Posts mein Alter Ego so ausgebaut, dass ich mein echtes Ich verloren habe. Mein Alter Ego ist ein 57-jähriger Lehrer und Musiker, der in Basel wohnt und in Solothurn arbeitet, er ist schwul und begeisterter Schwimmer, liebt Holland und hat mit dem Rauchen und Trinken aufgehört. Er ist 1,78 gross und 72 Kilo schwer, hat kurze graue Haare und braune Augen.
Schön und gut.
Inzwischen habe ich mich aber so verwoben, dass ich immer mehr der Meinung bin, dieses Alter Ego sei ich selbst. Wer bin ich aber wirklich? Wenn ich kein 57-jähriger Lehrer und Musiker, der in Basel wohnt und in Solothurn arbeitet, bin, was bin ich dann? Älter? Jünger? Mit welchem Job? Wenn ich nicht schwul und begeisterter Schwimmer bin, bin ich dann Hetero und Jogger? Liebe ich Frankreich? Rauche und saufe ich noch? Gewicht? Grösse? Augenfarbe? Haare? Es ist zum Verzweifeln. Oder wie Heiner Müller es einst sagte:

Wenn ich sage:
Ich
Gehen die Probleme schon los.

Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Wieso eigentlich „auf und ab“?
Das heisst ja, ich bewege mich von einem tieferen Punkt zu einem höheren Punkt und dann wieder zurück. Das macht in einem Zimmer keinen Sinn, eher in der freien Landschaft, wo es wirklich ein Auf und Ab gibt. Oder ist mein Raum schräg? Ich mache die Probe aufs Exempel und hole meine Wasserwaage. Bingo! Mein Zimmer ist eben. Zu 100%. Ein «auf und ab» gibt es eben nicht in einem ebenen Raum. (Man verzeihe mir dieses blöde, aber nicht vermeidbare Wortspiel…)
Vielleicht ist es aber wie mit Stuttgart und Berlin.
Stuttgart liegt in einem Talkessel, dort sind die Höhen und Tiefen völlig klar. Man geht vom Olgaeck zum Eugensplatz die Alexanderstrasse «nauf», und man geht vom Eugensplatz zum Olgaeck die Alexanderstrasse «nonder», man geht vom Lindenmuseum zum Killesberg den Herdweg «nauf», und man geht vom Killesberg zum Lindenmuseum den Herdweg «nonder». Für einen Berliner oder eine Berlinerin ist die Sache schwieriger: Die Stadt ist topfeben. (ja, der Kreuzberg, das lassen wir jetzt mal weg…) Wenn jetzt alles eben ist, dann muss man festlegen, und das tut der Berliner oder die Berlinerin folgendermassen: Wo ich bin, ist oben, ich gehe also immer «runter», wer zu mir kommt, der kommt zu mir «rauf».
Meine Mutter, die Berlinerin in Stuttgart war, erntete nun einiges Unverständnis, denn sie ging Olgaeck zum Eugensplatz die Alexanderstrasse «runter» und vom Lindenmuseum zum Killesberg den Herdweg «runter». Obwohl das Steigungen sind, für die man keine Wasserwaage braucht…

Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Nun müssten wir noch den Begriff des Zimmers klären.
Als Zimmer wird ein Raum bezeichnet, der einen von Wänden, Boden und Decke umschlossenen Teil einer Wohnung oder eines Gebäudes, insbesondere eines Wohngebäudes bildet, eine gewisse Größe bzw. Grundfläche aufweist (in der Regel mindestens circa 10 m²) und üblicherweise über Fenster verfügt.
So Wikipedia.
Auweia.
Da müssten nun einige Vermieter über die Bücher, die Zimmer vermieten. Räume, die laut Internetlexikon gar keine Zimmer sind, sondern Kammern oder Kabüffe (sic).

Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Warum eigentlich? Tigere ich nervös hin und her, weil ich meine Pillen nicht genommen habe? Diktiere ich meinem Eckermann? Telefoniere ich?
Nein.
Ich denke über meinen Satz nach. Den Satz, der mir entgegensprang, als ich gelobt und gelübdet hatte, den ersten Satz, der mir entgegenspringt, zu einem Post zu verarbeiten. Und dass obwohl ich wusste, was in den Geschichten von Jephta und Idomeneo passiert.

Was hiermit geschehen ist.



 

 

Freitag, 10. Juni 2022

Der Satz, der mir entgegenkommt - Jephta lässt grüssen

Ich sitze und brüte über einem Satz. Dieser Satz soll das Zentrum eines neuen Posts sein. Ist aber ein komischer Satz. Wie ich zu ihm kam? Das kam so:

Ich hatte mal wieder eine Ideenblockade. Also kein Thema in Sicht. Was macht man, wenn man kein Thema hat? Wenn keine Idee, kein Plot und kein Motto kommt?

Man kann natürlich Blogpause machen. Aber mit den Pausen ist das ja so eine Sache. Sie wirken nur, wenn darum herum etwas ist. Und mehrere Pausen aneinandergehängt ergeben eben eine grosse Pause. Oder haben Sie schon einmal ein Musikstück mit je 4 Viertelpausen hintereinander gesehen? Eben nicht, da schreibt man eine Ganze Pause. Oder fragen Sie Ihren Chef, ob Sie zwischen den 2 Wochen zu Pfingsten und den 3 Wochen im Juli frei nehmen könnten? (Das wären dann 9 Wochen.) Tun Sie wahrscheinlich nicht, das könnte dann nämlich das Ende der Arbeitsbeziehung sein. Also ewig lange Blogpausen sind nicht die Lösung – wirklich nicht.

Man kann es mit den Musen probieren. Aber da ich neulich folgende Erfahrung machte:
Eine halbe Stunde später erschien dann doch Thalia. Anscheinend hatten die Damen sich nun doch geeinigt, dass Glossen in den Bereich der Komödie fallen. Thalia ging als erstes an meine Hausbar und schenkte sich einen Whiskey ein, sie hockte sich auf meinen Besuchersessel und packte ihre Marlboro aus. «Rauchen bitte auf dem Balkon», knurrte ich, aber das war ihr völlig wurscht, sie zündete ihre Kippe an und es blieb mir nichts anderes übrig, als den Aschenbecher zu holen, die gute Frau – so schätzte ich sie ein – hätte erbarmungslos auf meinen Teppich geascht.
liess ich es doch lieber sein. (Post von 22.10.2019)

Jemand fragen? Gut, da kommen Ideen, aber kann ich über sie schreiben? Maja möchte einen Post über FKK-Ferien, Knut möchte, dass ich über die Baha`i-Religion schreibe, Vreni wünscht sich einen Text über Lautenmusik und Jörg einen Post über Grunge-Musik. Von allem habe ich keine Ahnung, und ich habe keine Lust mich stunden-, tage- und wochenlang über FKK, Baha`i, Lauten oder Grunge weiterzubilden.

Was also? Ich hatte eine Idee, die ich zunächst für super und spitze hielt:
Der erste Satz des Buches, das ich als nächstes lesen würde, würde mein Postthema geben.
Das schwor ich.

Nun hätte ich als antikenkundiger, märchenkundiger, bibelkundiger Mensch natürlich wissen müssen, dass das schief geht. Denn ein antikenkundiger, märchenkundiger, bibelkundiger Mensch kennt die Storys.
Jephta, der Richter Israels, schwört, dass er, wenn er gegen die Ammoniter gewinnt, das erste Lebewesen, das ihm zuhause entgegenläuft, Jahwe opfert. Das ist dann blöderweise seine Tochter. Und er muss sie opfern – Händel hat das dann abgewandelt und einen Deus ex Machina in Gestalt eines Engels auftreten lassen.
Dem gleichen Schema folgt die Geschichte des Idomeneo. Hier ist es ein Sohn, Idamantes, aber der blöde, blöde, blöde, blöde Schwur ist der gleiche.
Im Märchen ist es meistens ein wenig milder, da wird der oder die erste, die da entgegenkommt, nicht getötet, sondern nur verheiratet, da ist jetzt die Frage, was ist schlimmer, geopfert werden oder einen Igel oder einen Frosch heiraten…

Auf jeden Fall hätte ich es wissen müssen.
Als antikenkundiger, märchenkundiger, bibelkundiger Mensch hätte ich es wissen müssen. Ich hätte wissen müssen, dass man solche Versprechen, solche Schwüre, dass man solche Eide, solche Gelübde nicht ungestraft macht. Denn solche Versprechen, solche Schwüre, solche Eide oder solche Gelübde können ins Auge gehen.

Ich schlage also das Buch auf, es ist Bindungen von Barbara Frischmuth, einer tollen österreichischen Autorin, und ich lese mit Schrecken den ersten Satz

Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Dieser Satz ist nun also jenes Erste, was mir entgegenkommt. Er ist meine Iphis (bei Händel heisst sie so, in der Bibel ist sie namenlos), er ist mein Idamantes, mein Hans-mein-Igel. Er ist nun mein Schicksal.

Ich gehe im Zimmer auf und ab.

Nun, so ist das halt, wenn man auf Blogpause, auf Musen und Kollegenbefragung verzichtet. Und einen Eid leistet. Einen Schwur. Ein Versprechen. Ein Gelübde.
Sehen wir, was ich aus diesem Satz machen werde.

Dienstag, 7. Juni 2022

Führe uns nicht in die Waffen-Versuchung

Mein Freund Klaus hat ein Problem mit seinem Sohn Jan (5 Jahre). Jan hat eine Phase, die man als „Entdeckung kreativen Potentials“ bezeichnen könnte, die aber von Klaus einfach als Schmier- und Sudelphase gesehen wird.
Jan entdeckte neulich ein Glas Himbeerkonfitüre und gestaltete damit die Wohnzimmerwand. Er fand eine Tube Färbemittel und entwarf damit „Ohne Titel I“ auf der Küchentür. Jan entdeckte Motorenöl und Schuhcreme, die dem Sofa zu einem völlig neuen Aussehen verhalfen. Und er machte aus Nutella und Nagellack auf dem Fussboden des Gästezimmers das Kunstwerk «Von Gut und Böse».
Völlig genervt und erledigt wendet sich Klaus an eine Erziehungsberatung. Und die gibt ihm einen einfachen Rat: Bis die Phase vorüber ist, alle Flüssigkeiten und Cremes wegschliessen.

Meine Freundin Carla macht gerne Partys, hat aber immer ein Problem, wenn Urs auftaucht.
Urs macht sich sofort über die Hausbar her und findet dort auch immer genug Hochprozentiges. Nach seinem dritten Whiskey fängt er an über Hegel und die Junghegelianer zu dozieren, kommt dann zu Gin und Schnaps, nach denen er auf dem Tisch Habanera tanzt und nach dem vierten Absacker (Rioja, komischerweise Rioja, Urs kehrt, wenn er ganz besoffen ist, wieder zu den milderen Sachen zurück, die aber immer noch genügend Alkohol haben…) fängt er an, Leute zu beleidigen. Da fällt dann schon einmal eine «blöde Sau», eine «gottverdammte Schwuchtel», da wird schon einmal von «Nigger» oder «idiotischer Fotze» gelallt.
Der Rat an Carla ist so eindeutig wie der Rat der Erziehungsberatung an Klaus: Alkohol wegsperren, alle Gäste bekommen ihre Getränke nur direkt von ihr. Was den Erfolg hat, dass Urs nicht mehr auftaucht und man diese Regel dann wieder fallen lässt.

An der Gymnasialen Oberstufe in Helmdodden (Holstein) hat man sich nach langem Hin und Her nun doch entschlossen, die Handys wieder komplett aus dem Schulgebäude zu verbannen.
Das Gunther von Bluden-Gymnasium führt zu diesem Behufe sogar extra eine Abgabestelle im Foyer ein: Vor dem Unterricht deponieren Schülerinnen und Schüler dort gegen eine Quittung ihre Mobilgeräte und erhalten sie am Nachmittag zurück. Das Telefonieren, Whattsappen, Googeln, Mailen, Chatten und Instagrammen während der Lektionen hatte dermassen überhandgenommen, dass ein sinnvoller Unterricht nicht mehr möglich war.

Im Vater Unser beten wir jeden Sonntag:

…und führe mich nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Die Ewiggestrigen und Vorkonziliaren beten vielleicht noch so:

…et ne nos inducas in tentationem
sed libera nos a malo.

Sollten wir dann aber nicht auch alles verbannen, was uns in Versuchung führt?
Sollte nicht Klaus einfach alle Schmiermasse wegschliessen, die Jan in die Versuchung des Herumsudelns führt?
Sollte Carla Urs nur noch kleine Gläser geben (oder eventuell eh nur noch Wasser), wenn ihn das in die Versuchung des hemmungslosen Saufens führt?
Sollten wir die Handys nicht ausschalten, wenn wir in die Versuchung geführt werden sie ständig zu benutzen?
Sollte ein Raucher nicht am besten gar keine Zigaretten daheim haben?
Sollten wir nicht das Auto abschaffen, wenn die Versuchung zu gross ist, jeden Kioskbesuch mit ihm zu bestreiten?

Und was machen wir, wenn wir manchmal Lust haben, wild durch die Gegend zu ballern?
Ja, dann ist es am besten, wenn keine Waffen greifbar sind.
Sollte Jan mit 15 Jahren und schwer schulgefrustet nicht nur Bock haben, die Schule zu besudeln, sprich zu besprayen, sondern auch an einem schönen Tag ein paar Leute umzulegen, wäre es gut, wenn Klaus nicht nur die Farbe, sondern eben auch die MGs in den Tresor sperrt.
Wenn Urs nach 12 Einheiten Whiskey, Gin und Wein aggressiv würde, dann wäre es gut, wenn Carla keine Waffen daheim hat.
Vom Gunther von Bluden-Gymnasium müssen wir jetzt nicht reden.

Nein, nicht ein mehr an Waffen, sondern ein weniger an Waffen ist die Lösung der sich alle Jahre wiederholenden Amokläufe in den USA. Und dass die Waffenlobby einen Tag nach einem solchen Amoklauf einen Kongress beginnt, ist die grösste Frechheit der Geschichte.

…and lead us not to temptation
but deliver us from evil

So beten die Frommen in Amerika. Und das gerade sie dann Trump wählen und den Schrank voller Knarren haben, um sich gegen die Bösen, gegen das Böse, gegen den Teufel und den ungläubigen Nachbarn zu verteidigen, das macht einen rasend.
Vielleicht sollten die liberalen Christen der USA beten:

…but deliver us from NRA.

P.S. Wer Bowling for Columbine von Michael Moore noch nicht 10x gesehen hat: Unbedingt jetzt wieder schauen.

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 3. Juni 2022

Mein Dosett

 
Mein Lieblingsgegenstand zurzeit ist mein Dosett.
Sie wissen nicht, was ein Dosett ist?
Nun, ein Dosett, das auch unter den Namen Dosette, Medikamentendosierer, Pillenbox, Pillendosierer, Medikamentenbox oder Tablettendosett angeboten wird, ist eine Kombination von sieben Boxen in einer Halterung. Die sieben Boxen sind mit Montag – Dienstag – Mittwoch – Donnerstag – Freitag – Samstag – Sonntag beschriftet und ihrerseits noch einmal in vier Fächer morgens / mittags / abends / nachts unterteilt.
Ah, jetzt wissen Sie, was das ist, gell? Vielleicht haben Sie sogar selber eines?

Zu meinem Dosett, das auch unter den Namen Dosette, Medikamentendosierer, Pillenbox, Pillendosierer, Medikamentenbox oder Tablettendosett angeboten wird, kam ich auf lustige Weise. Seit meinem Alkoholentzug muss ich morgens eine Reihe stärkende Präparate einnehmen und auf die Nacht hin eine halbe Temesta zum Herunterfahren. (Wahrscheinlich noch bis zum Sommer.)
Nun hatte ich zu meinem Partner, der selber sich solche Dosetts, Medikamentendosierer, Pillenboxen, Pillendosierer, Medikamentenboxen oder Tablettendosetts füllen lässt, gesagt, dass ich auch gerne eines hätte, mir aber der Preis zu hoch sei – er meinte lustig, dann werde er mir eines schenken.

Ich bekam tatsächlich eines geschenkt.
Ein Dosett, das auch unter dem Namen Dosette, Medikamentendosierer, Pillenbox, Altersheimböxchen, Seniorenschachtel oder Tablettenverteiler bekannt ist. Mein Partner kaufte in unserer Stammapotheke eines und liess es als Geschenk verpacken. Dies stellte eine grosse Herausforderung für die Apothekerinnen und Apotheker dar, denn die Apotheke hatte kein Geschenkpapier vorrätig.

Zum Glück, glücklicherweise, aber auch lustigerweise liegt genau neben der Spalenapotheke die Papeterie Humbel. Jenes Papiergeschäft ist dafür bekannt, dass es alles hat, auch Waren wie Briefmarkenbefeuchter oder Löschpapierwaagen, die man sonst nirgendwo mehr kriegt, aber natürlich hat Herr Humbel auch Geschenkpapier.
In dieses Papier der Papeterie Humbel wurde nun das Dosett, oder Medikamentendosierer, Pillenbox, Altersheimböxchen, Seniorenschachtel oder Tablettenverteiler verpackt und mir überreicht.

Voll Freude füllte ich die Fächer, von Montag bis Sonntag je gleich:
morgens – 3 Tabletten Vitamine, 1 Tablette Folsäure, 1 Tablette Magenschoner
abends – 1 halbe Temesta
Warum mich der Dosierer und das Füllen so glücklich machten?
Ich will es Ihnen erzählen:

Zum einen machen Geschenke glücklich. Egal, ob es das grosse Weihnachtsgeschenk, das riesige Geburtstagspräsent oder einfach eine Kleinigkeit zwischendurch ist, ich liebe es, Glanzpapier aufzureissen und Bändel aufzuziehen. Und mich dann über den Inhalt zu freuen.

Zum zweiten ist es natürlich einfach praktisch. Ich stehe früh am Morgen, manche sagen, mitten in der Nacht auf, und da ist es ganz gut, wenn man nicht x Dosen aufmachen muss und Pillen rausfischen, sondern wenn man gleich in den Dosierer langen kann und alles gleichzeitig parat hat. Es ist schwierig genug, vom Zähneputzen bis zum Rasieren, vom Hose anziehen bis zum Schlüssel langen alles hinzubekommen, da ist es gut, wenn neben Zähneputzen, Rasieren, Hose anziehen, Schlüssel langen, Geldbeutel einpacken, Haare gelen und Brille aufsetzen, die Medikamente kein Thema mehr sind.

Drittens aber macht ein solches Dosette reif, weise und erfahren. Man fühlt sich als Erwachsener.
Es gibt Gegenstände, die machen jung und dynamisch, teenagerhaft und kindisch. Dazu gehören Kopfhörer, Gameboys und Baseballkappen, dazu gehören Comichefte und Energy-Drinks, dazu gehören Sneakers und Tattoos.
Es gibt aber auch Gegenstände, die machen einen reif und erwachsen. Dazu gehören Krawatten und Sakkos, dazu gehören Brillen und Hörgeräte und eben auch Tablettendosierer. 

Viertens und letztens: Man hat mit so einem Dosierer das Gefühl, richtig krank zu sein. Nachdem viele Leute einem die Probleme ja nicht ganz abnehmen, weiss man wenigstens selbst: Man ist ein Patient.

Mein Lieblingsgegenstand zurzeit ist mein Dosett.
Dieser Gegenstand, der auch unter den Namen Dosette, Medikamentendosierer, Pillenbox, Pillendosierer, Medikamentenbox oder Tablettendosett angeboten wird, der auch Altersheimböxchen, Seniorenschachtel oder Tablettenverteiler genannt wird, ist gerade mein absoluter Favorit.





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 31. Mai 2022

SBB am Ende oder: Die Züge sind das Problem

Da habe ich jetzt einen ganzen Post über die Verschiebungen auf der Passerelle geschrieben. Also den vom letzten Mal. Einen ganzen Post.
So, als ob das ein Problem wäre.
Zugegeben, das ständige Bäumchen-Wechsel-Dich auf der Passerelle, auf jener Überführung, die von der Schalterhalle über die Gleise zum Hinterausgang führt, jener Lädentausch ist lustig, aber er ist nicht das Problem.
Nein, das Problem sitzt tiefer.
Das Problem sind die Züge.

Ich meine damit jetzt nicht, dass die Züge die Ursache für das Wechseln auf der Passerelle sind, so im Sinne eines Organs, Leber oder Galle, die erkrankt einen Hautausschlag als Symptom entwickeln, sondern ich meine es im Sinne eines Hauses, in dem im 2. Stock ein schwieriger Mensch wohnt, aber im ersten Stock ein ganz schwieriger.
Das Problem ist ebenerdig.
Das Problem sind die Züge.

Schauen wir doch einmal Statistiken an:
Der absolute Grossteil der Nicht-Zugfahrer in der Schweiz ist der Meinung, dass die SBB einen guten Job macht, die Züge sind pünktlich und ordentlich, die DB aber einen schlechten, die Züge sind pfui und unpünktlich.
Der absolute Grossteil der Nicht-Zugfahrer in Deutschland ist der Meinung, dass die SBB einen guten Job macht, die Züge sind pünktlich und ordentlich, die DB aber einen schlechten, die Züge sind pfui und unpünktlich.
Der absolute Grossteil der Zugfahrer in Deutschland ist der Meinung, dass die SBB einen guten Job macht, die Züge sind pünktlich und ordentlich, die DB aber einen schlechten, die Züge sind pfui und unpünktlich.
Der absolute Grossteil der Zugfahrer in der Schweiz ist der Meinung, dass die DB eine Katastrophe ist mit Zugverspätungen bis 3 Stunden und vollen, dreckigen Zügen, und dass allerdings die SBB einen guten Job
…machte
Und dass die Züge sauber und pünktlich
…waren

Wem glauben wir nun?
Glauben wir einem deutschen Nicht-Zugfahrer oder glauben wir dem gehbehinderten Basel-Olten-Pendler, der jeden Tag einen Umweg von 70 Metern zum Lift machen muss, weil die Rolltreppe bei Gleis 9 immer noch nicht (!! Post von vor 4 Wochen) repariert ist?
Glauben wir dem Schweizer Nicht-Zugfahrer oder glauben wir dem Zürich-Winterthur-Pendler, dessen S-Bahn seit Monaten nicht pünktlich gefahren ist und der in Winterthur einen olympiareifen Spurt hinlegen muss, um den Vorortbus zu bekommen?
Glauben wir dem deutschen Zugfahrer oder dem Solothurn-Emmental-Pendler, der ja nicht mit voller Blase in den Bummelzug steigen darf, weil das Zugklo aussieht, als hätte es etwas Falsches gepostet und einen Shitstorm abbekommen?
Wem glauben wir?

Als ich neulich in Solothurn auf die S20 auf Gleis 1 um 12.16 wartete und nach dem 12.01 Richtung Zürich nicht meine S-Bahn, sondern der 11.34 nach Zürich kam, da wusste ich:
Wir haben deutsches Niveau erreicht.
Dieses Phänomen, dass Züge, die fahrplanmässig VOR anderen fahren, dann NACH diesen anderen in den Bahnhof einlaufen, kannte ich bisher nur von Deutschland.

Die SBB befindet sich qualitätsmässig auf einem Sinkflug, auf einer schiefen Ebene, in freiem Fall und im Lift nach unten.
Warum ist das so?
An was liegt es?
Vielleicht – und das ist jetzt aber nur eine ganz vage Vermutung – liegt es am Geld. Vielleicht müsste man Leute anstellen, die die Klos putzen – die wollen aber Lohn. Vielleicht müsste man jemand haben, der Rolltreppen repariert und Weichen ersetzt – der will aber auch Lohn. Und vielleicht müsste man ein paar Teilstrecken noch besser ausbauen, all das kostet.
Ich sage das jetzt nur mit vorgehaltener Hand: Ich zahle 335.-- pro Monat für mein GA, das ja nicht nur für die Züge, sondern auch für Busse, Bergbahnen, Trams und Schiffe gilt. Ich wäre auch bereit, 400.-- zu zahlen, wenn damit eine Deutschisierung (oder DBisierung) der SBB aufgehalten würde.

Einen ganzen Text habe ich über die Verschiebungen auf der Passerelle geschrieben. Einen ganzen Post.
So, als ob das ein Problem wäre.
Zugegeben, das ständige Hin und her und her und hin, das Bäumchen-Wechsel-Dich auf der Passerelle, auf jener Überführung, die von der Schalterhalle über die Gleise zum Hinterausgang führt, ist lustig, aber er ist nicht das Problem.
Nein, das Problem sitzt tiefer.
Das Problem sind die Züge.
Das Problem ist die SBB.