Dienstag, 1. Oktober 2019

Blackout 2


Halt, stopp!
Sie haben da etwas missverstanden im letzten Post!
Sie benützen jetzt ständig das Wort BLACKOUT, wo es nicht hingehört.

Sie sitzen im Restaurant, und jemand erzählt von einer Reise nach Tadschikistan und auf einmal sagen Sie: «Jetzt habe ich einen Blackout – ich habe keine Ahnung mehr, wo das liegt und wie die Hauptstadt heisst.» Seien Sie ehrlich, Sie haben noch nie gewusst, wo Tadschikistan liegt, und dass die Hauptstadt Duschanbe heisst, hatten Sie auch noch nie gespeichert. Das ist also kein Blackout, sondern einfach mangelnde Allgemeinbildung.  

Genauso ist es kein Blackout, wenn man in den H&M rennt und dann nicht weiss, was man da will. Das In-die-Modeboutique-Rennen ist fundamental vom In-die-MANOR-wegen-Schraubenzieher-Gehen zu unterscheiden. Im zweiten Fall geht man mit einem klaren Ziel in ein Kaufhaus, und beim Betreten hat man vergessen, was eigentlich kaufen wollte, im ersten Fall rennt man einfach sinnlos in den H&M, den NEW YORKER, rennt zu TALLY WEIJL oder zu… BLACKOUT! Aber man hat dann eben im Blackout keinen Blackout, sondern es weiss ja keine(r), warum er oder sie in solche Läden rennt.

Sie sitzen in einer Prüfung, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden und dann geben Sie ein halbleeres Blatt ab, und Sie verkünden später in der Kneipe: «Ich hatte einen Blackout! Nummer 1 ging noch, aber Nummer 2 hatte ich keine Ahnung und bei 3 und 4 habe ich nicht einmal die Aufgabe verstanden, 5 und 6 ging so zu 1/6.»  
Auch hier das Wort Blackout völlig fehl am Platze, Sie hatten keinen Blackout, Sie haben einfach nicht (oder zu wenig oder auf jeden Fall nicht genug) gelernt, und da ist das normal, wenn man nichts weiss. Die Lösungen sind Ihnen nicht entfallen, sondern sind nie und niemals in Sie hineingefallen, dazu hätten Sie einen Tag (oder zwei oder drei oder vier) am Schreibtisch verbringen müssen und nicht im Schwimmbad oder im Wald.

Und der «Blackout» um 4.00 morgens vor der Kneipentüre, wenn Sie nicht mehr wissen
a)       wo Sie wohnen
b)      ob es in Ihrer Stadt Taxis gibt
c)       wie man ein solches ruft
d)      ob Sie noch Bargeld besitzen
ist kein solcher, sondern eine durch mehrere hochprozentige Getränke hervorgerufene Orientierungslosigkeit, man könnte auch Vollrausch, Filmriss, Extremdusel usw. dazu sagen.   

Nein, noch einmal gesagt: Wenn Ihnen spontan etwas entfällt, was Sie vorher stets präsent hatten, und dieses Entfallen aus den Umständen nicht erklärt werden kann, dann ist das ein Blackout, sonst nicht.
Wir benutzen aber bestimmte Wörter schlicht und einfach als Alibi.
Nicht alles, was wir Blackout nennen, ist auch einer.
Nicht alles, was wir Burnout nennen, ist auch eines.
Nicht alles, was wir Amnesie nennen, ist auch eine.

Gerade die Amnesie ist schon häufig missbraucht worden. Da hat Dr. David Luberl, Politiker aus St. Höllgen, sich mit obskuren Geschäftsleuten aus Zomsk getroffen und diese haben ihm einen Aktenkoffer voller Banknoten mitgebracht, leider (für ihn) bekommt die Presse davon Wind. Der gute Herr Doktor aber hat einen Gedächtnisverlust: Just an dieses Treffen kann er sich partout nicht erinnern, es ist in seinem Kopf wie ausradiert, wie ausgelöscht, es sind alle Daten und Fakten weg. Als hätte ihm man gerade dieses kleine Hirnteil, in dem Ereignisse gespeichert werden, die ca. 1 Jahr her sind, herausgeschnitten.
David Luberl kann sich auch unter grössten Anstrengungen nicht erinnern
·         ob und wo ein Treffen stattfand
·         wer die Herren waren
·         woher sie kamen
·         ob sie einen Aktenkoffer dabeihatten und was darinnen war
Luberl hat keinen Gedächtnisverlust und keine Amnesie und auch sonst keinerlei mentale Probleme, er lügt einfach. Ohne rot zu werden und wie gedruckt.

Versuchen wir doch alle etwas ehrlicher zu sein. Es bricht Ihnen kein Zacken aus der Krone, wenn Sie sagen:
«Ich könnte jetzt sagen, ich habe einen Blackout, weil ich die Hauptstadt von Usbekistan nicht weiss, aber ich kenne weder die von Usbekistan, noch die von Tadschikistan, auch die von Aserbeidschan und von Kirgisistan kenne ich nicht, ich habe von den GUS-Staaten keinen blassen Schimmer, nie gehabt.»
«Ich könnte jetzt sagen, ich habe einen Blackout, weil ich im FASHION-TEMPLE® herumstehe und nicht weiss, was ich da soll, aber ich renne einfach in jeden Modeladen, der mir über den Weg läuft, ohne Plan und hemmungslos, obwohl meine Kleiderschränke bersten.»
«Ich könnte jetzt sagen, ich habe einen Blackout, weil ich den Test verkacke, aber ich habe einfach nicht gelernt, das Wetter war zu schön und das Bier zu kalt, und im Fernsehen kamen auch viel zu tolle Filme.»

Und Herr Dr. David Luberl könnte durch seinen Pressesprecher mitteilen lassen:
«Der Herr Abgeordnete KÖNNTE sich erinnern, aber er WILL sich nicht erinnern, und er wird solange alles abstreiten, bis ihm die Fakten so um die Ohren fliegen, dass er zurücktritt. Und dann wird er sich in der Regenbogenpresse ein Jahr lang als Opfer einer Rufmordkampagne verkaufen.»




Freitag, 27. September 2019

Bierbiker, Scuddy und E-Scooter


Gestern stiess ich auf www.pobo-online.de das ist die Online-Ausgabe des Popelheimer Boten, auf folgende interessante Meldung:
Letzten Montag wurde die Popelheimer Polizei zu einem heiklen Unfall gerufen; mehrere Scuddy-Touristen waren mit einem Bier-Bike zusammengestossen. Durch den heftigen Aufprall war das Bier-Bike gekippt und mehrere hundert Liter Popelheimer Altbier ausgeflossen. Zwei Bier-Biker und drei Scuddy-Touristen mussten zur Beobachtung ins Krankenhaus, ernsthaft verletzt wurde niemand.

Haben Sie verstanden, worum es in dem Text geht? Oder denken Sie, was unsere Strassen betrifft, immer noch in der Trias Fussgänger – Fahrrad (Velo) – Auto? Dann sind Sie nämlich so was von hoffnungslos im 20. Jahrhundert stecken geblieben. Unsere Innenstädte werden inzwischen von geschätzten 70 verschiedenen Mobilitätsmöglichkeiten bevölkert, und jedes Jahr kommen zwei neue hinzu. Ja, liebe Leserin und lieber Leser, man muss flexibel bleiben im Denken, unsere Welt wird komplexer! Wer noch von der Trias Fussgänger – Fahrrad (Velo) – Auto ausgeht, ist genauso hinterm Mars wie der- oder diejenige mit der Einteilung Fleischesser – Vegetarier (auch hier sind ja die Veganer, Fructarier, Rohköstler usw., usw., usw. dazugekommen) oder genauso hinter der Venus wie jemand, der oder die von den Programmen ARD, ZDF und Drittes redet.

Aber nun kurz zur Erklärung: Ein Bier-Bike ist eigentlich nichts anderes als eine Kneipentheke mit Rädern und Pedalen; an der Kneipentheke sitzt dann eine Horde Männer (oder Frauen?), tritt in die Pedale und säuft, grölt und singt laute Lieder und stört damit alle: Die Passanten, die Verkehrsteilnehmer und die Anwohner. Besonders beliebt sind Bier-Bikes bei den sogenannten Junggesellenabenden, Anlässe, die das BGB sowieso schon längst hätte verbieten müssen.
Scuddy-Touren sind Touristenführungen mit E-Gefährten, auf denen man steht und durch Bedienung eines Griffes Gas gibt und lenkt. Sie sind genauso lästig und blödsinnig wie Bier-Bikes, wer schon einmal warten musste, bis eine solche Deppentour vorbei war, kann das bestätigen, der einzige Vorteil ist, dass die Scuddy-Tour-Teilnehmer nicht singen (und auch kein Bier trinken können, man hat beide Pfoten am Lenkstab.)

Ein Freund von mir arbeitet bei der Stadtverwaltung einer deutschen Grossstadt und sollte vor ein paar Monaten eine Broschüre MOBILITÄT FÜR ALLE – WIE KOMMEN WIR ANEINANDER VORBEI herausgeben, er begann mit einer Liste der unüberschaubaren Möglichkeiten:
·         Fussgänger normal, Fussgänger mit Gehhilfe, Fussgänger mit Rollator
·         Inliner*, Skateboard
·         Fahrrad normal, Liegefahrrad, Tandem, Fahrrad mit Anhänger, E-Bike, E-Liegefahrrad (gibt’s das?), E-Bike mit Anhänger (gibt’s das?)
·         Rollstühle geschoben, Elektrorollstühle, Senioren-Golfplatzwagen
·         Trottinett, E-Scooter, Touristen-Scuddy
*für Altmodische: Rollschuhe

Dann brach er ab, gab auf und liess sich in eine gute Burnout-Klinik einweisen, inzwischen geht es ihm wieder ganz passabel, seinen Job in der Verkehrsplanung wird er aber nicht mehr ausüben, er hat sich in eine ruhigere Position versetzen lassen, in die Überwachung der Striplokale und Bordelle. Tatsächlich hat sich im Rotlichtmilieu in den letzten 100 Jahren weniger geändert als auf unseren Strassen in den letzten 20.

Was mich so wundert, ist das: Ein Medikament, das im Handel auftauchen darf, hat sich die folgenden Fragen gefallen lassen müssen:
Bin ich nützlich und für wen?  
Bin ich gefährlich und für wen?
Wie wendet man mich an?
Ein Medikament ohne Wirkung, das aber scharlachrote Ausschläge verursacht und von dem nicht klar ist, ob man es essen oder auf den Arm schmieren soll, darf nicht verkauft werden.
Ganz anders bei den Fahrzeugen: Erst einmal wird fröhlich verkauft, dann überlegt man sich die Fragen:
Wo soll das Ding fahren? Strasse, Radweg, Trottoir?
Wo kann man es parkieren?
Welche Bedingungen muss der Fahrer / die Fahrerin erfüllen?
Diese Fragen könnte man sich aber auch VORHER stellen, bevor 10'000 solche Dinger in den Innenstädten herumturnen.

Ein anderes Problem ist das Nichtvorhandensein von gewissen Möglichkeiten. Wenn man diskutiert, ob z.B. E-Scooter auf die Radwege sollen, muss man sich überlegen, ob es überhaupt Radwege hat. 

Letzten Montag kam es in Popelheim zu einem Unfall; Scuddy-Touristen waren mit einem Bier-Bike zusammengeprallt. Durch den heftigen Stoss kippte das Bier-Bike gekippt und 250 Liter Popelheimer Altbier flossen aus. Zwei Bier-Biker und drei Scuddy-Touristen klagten über Übelkeit und Bauschmerzen und wurden im Popelheimer St. Alban-Spital untersucht, ernsthaft verletzt wurde niemand.

Was sind die nächsten Unfälle?
E-Scooter kollidiert mit Liegefahrrad?
Rollatorgänger mit Inliner?
LKW mit Rikscha?

Dienstag, 24. September 2019

Önologen-Quatsch


Es ist schon spannend, wie die Posts sich gerade verzahnen und wie ich in jedem Beitrag wieder etwas von anderen aufnehmen kann, so hat uns die Dieffenbachie zu der schwachsinnigen Nomenklatur in der Botanik geführt und dann das Wort blattpupsen zum Unvermögen der WORD-Germanisten, später stiessen wir dann beim Wort rostschimmern auf die Önologen.

Ach, die Weinkundler!
Von allen Formulierungs-Künstlern und Wortjongleuren sind sie die, die die Grenze zum Schwachsinn am weitesten überschritten haben. Keiner schreibt und redet einen solchen Stuss, keiner hat einen solch überbordend unsinnigen Stil wie sie.
Wollen Sie ein Beispiel?
Wir nehmen uns die Texte einer Homepage vor, auf der jeweils zwei Önologen je einen Wein besprechen, wir nennen die beiden Vollaffen A und B. 

A:
Gereiftes Rot mit besorgniserregenden Braunreflexen.
O Gott! Worum muss ich mir Sorgen machen? Brauche ich einen Schutzraum, Vorräte oder eine kugelsichere Weste?
Dann aber schon in der Nase der Eindruck von frischer Präsenz,
Präsenz oder nur der Eindruck? Ich habe 2 Stunden überlegt und komme nicht dahinter, was der Unsinn soll, entweder ist was da oder nicht, oder?
gereift zwar, aber auch einnehmend mit einem Hauch von Peperoni. Am Gaumen zeigen sich Kaffee- und Lakritznoten, auch Leder. Dahinter lauert jedoch eine noch sehr vife Brombeer- und Pflaumenmarmelade-Frucht.
Deshalb die Besorgnis, da lauert eine Frucht! Sie lauert wie ein Attentäter! Ich werde ihr ein Messer in den Leib rammen – in berechtigter Notwehr…
Elegant, seidig, relaxed, souverän. Ganz grosses und sehr zugängliches Bordeaux-Kino.
Ganz, ganz, ganz sehr grosses Sprachquatsch-Kino!

B:
Mittleres, ins Orange-Braune ziehendes Rubinrot mit hellen Rändern. In der Nase beeindruckende St-Estèphe-Typizität
Ok, ok, das Wort «Typizität» existiert. Aber ist es nicht ein blöder Ausdruck? Ist es nicht bescheuert «du hast Basel-Typizität» zu sagen statt «du bist ein typischer Basler»?
mit Aromen nach Zedernholz, Leder, Tabak und Bouillon, aber wenig Frucht und minimalen oxidativen Anflügen.
Wahrscheinlich werden die Leute sogar diese ganzen Aromen schmecken. Die Frage ist nur: Warum? Weil man die wirklich schmeckt oder weil man sie schmeckt, weil man es vorher gesagt bekam? Wahrscheinlich das zweite.
Am Gaumen dann voll da: extraktreich, breit und ausladend bei traumhafter Eleganz und Länge und allerhöchstem Genussfaktor. Befindet sich auf dem absoluten Peak – und das nach 31 Jahren in der Schöppli-Flasche!


A:
Die Vignerons Catalans sind ein Zusammenschluss von rund 1000 (!) Winzerinnen und Winzern, die rund 10'000 Hektaren (!) bewirtschaften und vorwiegend Weine im Billigsektor produzieren. Der Red Domus mit viel Toasting,
«Toasting» ist ein Begriff aus der Popmusik, es bedeutet einen im Reggae verwendeten Sprechgesang, gut, wenn man genug von dem Red Domus getrunken hat, ist man vielleicht wirklich am Toasten.
sehr viel Frucht, etwas Pfeffer und stoffiger Opulenz.
Das Wort stoffig existiert jetzt wirklich ganz und gar nicht. Die Önologenfraktion interessieren aber solche Details nicht, jedes Nomen wird hier mit einem -ig versehen: stoffig, rosinig, rumig, ginig, orangig. Natürlich sind diese Wortbildungen im Deutschen möglich, aber muss man alles machen, was möglich ist? 
Dabei durchaus gut strukturiert, nicht zu üppig. Die Gerbstoffe dürften ihn sogar noch etwas zulegen lassen. Moderner, gekonnt gemachter Spasswein für sehr wenig Geld.

B:
Mittleres Granatrot. Umwerfende Nase mit Reifenoten, Frucht und leichten Röstaromen vom zurückhaltenden Holzeinsatz. Am Gaumen fruchtig und mundfüllend, aber noch ziemlich gerbstofflastig. Die Länge und die Eleganz gehen diesem professionell vinifizierten Wein etwas ab.
Verben mit -ieren bedeuten, dass mit einer Sache etwas gemacht wird oder eine Sache zu etwas gemacht wird. Heisst das also, dass Wein mit Wein verschnitten wurde oder dass Traubensaft zu Wein wurde? Gibt es nicht-vinifizierten Wein?

Fazit:
Lieber A, lieber B!
Schön, dass ihr Weine probiert und schön, dass ihr Notizen macht. Klar auch, dass ihr nach dem Probieren besoffen seid. Sollte aber das Ausarbeiten der Notizen nicht am nächsten Tag und nüchtern, ausgeschlafen und mit einer Tasse Kaffee erfolgen? Würde eurer Sprache guttun.