Dienstag, 7. Mai 2019

Manche Chefs sind richtig blöd



Hallo Hans,
Wie ich gestern vernahm, soll ich die Projektleitung im Berlin-Projekt übernehmen. Ich glaube, das ist keine gute Idee. Ich habe schon drei Projekte am Laufen und mein Arbeitstag hat auch nur 8 Stunden. Von meinen 276 Überstunden und meinen nicht genommenen 6 Wochen Ferien möchte ich gar nicht reden. Ruedi, Fritz und Marga haben zurzeit keine PL. Warum macht es niemand von denen?
LG Beat



Lieber Beat,
Danke für dein Feedback. Ich werde mich baldmöglichst bei dir melden.
LG Hans



Hans,
Das war kein Feedback, das war eine Beschwerde, war ein Hilferuf, war ein Aufschrei, ein Flehen, nenne es wie du willst, nur nicht Feedback. Und: Was heisst baldmöglichst? Ich war schon am Paris- und am London-Projekt als du mir das Rom-Projekt auf die Schultern geladen hast, und da lief es genauso, du hast mich vertröstet, bis die Sache schon am Laufen war und ich sie nicht mehr abgeben konnte, jetzt musst du SOFORT handeln, denn die erste Telefonkonferenz ist schon in 5 Tagen und bis dahin braucht es einen anderen Projektleiter.
LG Beat



Lieber Beat,
Danke für deinen Hilferuf/Aufschrei. Ich werde mich ab übermorgen darum kümmern. (Wenn ich dazu komme.)
LG Hans



Hans!!!
Verdammte Scheisse, aber so geht das nicht. Ich möchte HEUTE Bescheid haben, wer das Berlin-Projekt managt, und ich möchte HEUTE Bescheid haben, dass nicht ICH es bin. Ist das so schwierig, jemand anderem aus dem Team mal PL zu geben???? Wir sind alle studiert, promoviert, haben viele Jahre Erfahrung und sind hierarchisch gleich. Was machst du, wenn ich wegen Überlastung ausfalle? Dann muss ja auch eine andere oder ein anderer her, warum also nicht gleich????
Beat



Lieber Beat, es besteht kein Grund, sich aufzuregen. Es wird alles gut.
LG Hans



Hans,
Wenn du vor mir sässest, hätte ich dir schon lange eine geknallt. Was bist du nur für ein Mensch? Alles, aber auch alles prallt an dir ab. Alles rinnt an dir einfach runter. Ich glaube, du hast keine Haut, sondern eine Schicht aus Plexiglas. Oder Alu, oder PVC. Vielleicht bist du aber auch einfach ein Roboter. Ich weiss nicht, was ich tun müsste, um irgendwie zu dir vorzudringen.
Jedenfalls, auf den Punkt gebracht: Ich werde Berlin nicht übernehmen, und wenn es bei deiner Entscheidung bleibt, werde ich kündigen.



Lieber Beat, es besteht kein Grund, sich aufzuregen. Ich werde mich bald um alles kümmern.
LG Hans








(Der Inhalt musste aus Gründen des Jugendschutzes unkenntlich gemacht werden.)


 

Freitag, 3. Mai 2019

Hin und her und zurück mit Zalando


Gabi hat beschlossen, wieder mehr Sport zu treiben. Gabi hat beschlossen, regelmässig schwimmen zu gehen. Sie braucht nur noch einen Badeanzug. Nichts leichter als das, Gabi geht auf www.zalando und schaut sich Badeanzüge an. Nun aber wird es schwer: Welche Farbe wird ihr am besten stehen? Rot, blau, grün oder schwarz? Mit Streifen an der Seite oder ohne? Und braucht sie M, L oder die Zwischengrösse M/L? Egal, Gabi bestellt einfach mal alles, ergibt bei der Kombination von 4 Farben, Streifen ja/nein und 3 Grössen 24 Badeanzüge, aber es gibt ja die kostenlosen Retouren.

Auch Max hat beschlossen, wieder mehr Sport zu machen. Früher ist er regelmässig mit seiner Lebenspartnerin schwimmen gegangen, aber nach dem viel zu frühen Tod von Karin hat er sich ein wenig hängen lassen, ausserdem hat er das Auto abgeschafft, das nur sie brauchte und mit dem ÖV ist das Hallenbad schlecht zu erreichen (3x umsteigen und 54 Minuten Fahrzeit). Nun aber will er wieder Sport treiben, er weiss nur noch gar nicht, welcher Sport ihm wirklich gefallen könnte, Laufen oder Krafttraining, Velofahren oder Gymnastik, alles wäre möglich. So lässt er sich von Zalando® Joggingoutfits, Kraftrainingskleidung, Velosachen und Gymnastikdresses kommen, in L, XL und der Zwischengrösse L/XL sowie in 5 verschiedenen Designs (schwarz uni, grau mit roten Streifen, Tiger, Army und blau/gelb), ergibt bei der Kombination von vier Sportarten, drei Grössen und fünf Designs satte 60 Päckchen, aber zum Glück kann man ja bei Zalando® alles gratis zurücksenden.

Nun bekommt Max einen Anruf von Gabi, er sei doch ein guter Schwimmer gewesen, und sie habe beschlossen, sich nun auch diesem Sport zu widmen, ob er nicht mit ihr regelmässig ins Hallenbad gehen würde, also nicht gehen, man könne mit ihrem Auto fahren, sie müsste nur noch Badebekleidung finden. Max sagt sofort zu und teilt Gabi mit, dass er gerne mitkomme und dass sie unter den 19 verwaisten Badeanzügen von Karin sicher einen finden werde. Und so wandern Badeanzüge in 4 Farben, mit oder ohne Streifen und 3 Grössen sowie Joggingoutfits, Kraftrainingskleidung, Velosachen und Gymnastikdresses in L, XL und der Zwischengrösse L/XL sowie in 5 verschiedenen Designs (schwarz uni, grau mit roten Streifen, Tiger, Army und blau/gelb) zurück zu Zalando®.
Nein.
Falsch.
Wenn die Pakete wandern könnten, müsste man ihnen ja nur ein Ziel sagen, Karte und Kompass geben und die Dinger würden frisch und frei, auf Schusters Rappen, zu Fuss und Wanderlieder singend zur Zalandozentrale marschieren – CO2-neutral. Tun sie aber nicht, man muss sie fahren und das verursacht im Jahr einen Ausstoss von 9000 Tonnen.
Denn Max und Gabi sind keine Einzelfälle.
10 Millionen Zalando®-Päckchen wandern (sorry, sorry, sorry – eben nicht) im Jahr wieder retour, praktisch jede zweite Sendung.

Nun könnte man einwenden, und hätte damit nicht ganz unrecht, dass in manchen Boutiquen der Service so schlecht ist, dass man lieber daheim vor dem Spiegel probiert:
* Eben, der Spiegel! Daheim lügt er nicht, das heisst, er ist nicht so schräg aufgestellt, dass man aussieht wie bulimisch, so schlank wie man nie im Leben ist, und wenn man das Personal darauf anspricht, dann haben sie keine Ahnung, von was man redet…
* Das Ansinnen, einen Stoff bei Tageslicht betrachten zu dürfen, wird mit der gleichen Vehemenz abgelehnt, als hätte man gefragt, ob man der Verkäuferin an die Brüste fassen dürfe. Aber ein Rot und ein Blau sieht halt manchmal im Sonnenlicht ganz anders aus als im Kunstlicht.
* Wenn man nachfragt, ob die Hose auch in M vorrätig sei, bekommt man nach einem langgezogenen Seufzer zu hören: «Da müsste ich im Lager nachsehen». Warum Konjunktiv? Warum «müsste»? Und nicht indikativisch: «Ich sehe mal im Lager nach.

Aber das sind doch nur Nebengründe, der Hauptgrund ist:
Faulheit.
Stinkende Faulheit.
Faulheit und nochmals Faulheit.
In mein Hinterhaus werden pro Tag 4 Zalando®-Pakete geliefert und ich wohne fünf Gehminuten von der Basler Innenstadt entfernt.

Wer also Zalando®-Kunde und vor allem Zalando®-Zurückschicker ist, der muss von Klima und Klimawandel nicht reden. Und er (oder sie!) braucht sich auch nicht auf einer Freitag-Streik-Demonstration blicken lassen.
Er oder sie sind schlichtweg unglaubwürdig.

Max und Gabi haben neben dem Sportschwimmen übrigens auch das Wellnessen entdeckt, und da wäre doch so ein flauschiger Bademantel schön. Es gibt sie in drei Grössen und in 5 Designs und 12 verschiedenen Farben, darunter allein drei Weisstöne (Schaumolweiss, Mattweiss, Schneeweiss), also alle mal bestellt, für 2 Personen dann 360 Bademäntel.
Manche werden einfach nicht klug.
     

Dienstag, 30. April 2019

Sex-Special (6 und letztes): Man darf auch normal sein!


Hans und Marga leben ein normales Leben, das, was man so als normales Leben empfindet. Hans ist Architekt, Marga Ärztin, sie haben gute Stellen und ein solides Einkommen, vor drei Jahren haben sie sich ein kleines Reihenhaus am Stadtrand gekauft, das sie mit viel Liebe und Geschmack eingerichtet haben. Am Haus hat es ein kleines Gärtchen, in dem sie Bohnen und Tomaten ziehen und viele bunte Blumen blühen lassen. Hans und Marga fahren zwei Mal im Jahr in die Ferien, meistens einmal in die Alpen und einmal auf irgendeine Insel am Meer, Abenteuerferien im Dschungel brauchen sie nicht. Die beiden lesen sehr gerne und haben ein Abo für das Städtische Theater, sie gehen in die Ausstellungen des Kunstvereins und gelegentlich ins Kino; beide treiben in Massen Sport, Hans geht zweimal die Woche ins Hallenbad und Marga zweimal die Woche laufen.

Ein normales Leben also, und die beiden finden das auch ganz in Ordnung. Was immer mehr zum Problem wird, ist ihr Sexleben, das genauso normal wie ihr anderes Leben ist. Und zwar nicht zum Problem für die beiden – der Himmel bewahre! – sondern weil die Ansprüche, die die Gesellschaft an unsere Bettkultur stellt, so immens hoch sind. Gerade bei einem so gewöhnlichen Aussenleben erwartet man doch, dass im Schlafzimmer die Post in alle Richtungen abgeht. Und genau das können die beiden nicht bieten: Hans und Marga tun es ein- bis zweimal die Woche, immer im Bett und immer in Missionarsstellung, dabei kommen meistens beide und sie haben Spass und Lust dabei. Aber darum geht es ja nicht, es geht darum, dass man so normal einfach nicht sein darf.

Nicht, dass die zwei nicht alles probiert hätten, das haben sie!
Sie haben sich das Kamasutra gekauft und fleissig geübt, aber nach mehreren Verdrehungen, Zerrungen und Quetschungen, nach Schmerzen und blauen Flecken haben sie dies wieder aufgegeben und beschlossen, dass der Schlangenmensch-Sex nichts für sie ist. Genauso ging es ihnen mit ungewöhnlichen Orten wie Küchenboden oder Schreibtisch, wie Badewanne oder Geräteschuppen, richtig gefährlich wurde es, als Hans eine Schaufel auf den Kopf flog.

Hans und Marga haben Fesselspiele und leichtes Schlagen probiert.
Und keinen Gefallen daran gefunden.
Sie haben schwule und lesbische Erfahrungen gemacht.
Und keinen Gefallen daran gefunden.
Sie haben Swingerclubs und Fetischbars besucht.
Und keinen Gefallen daran gefunden.
Es ist einfach zum Verzweifeln, aber das einzige, was ihnen beiden Spass macht, ist das, was schon ihre Eltern und ihre Grosseltern und ihre Urgrosseltern taten, langweilig und öde und völlig normal.

Seit einiger Zeit sind die beiden nun bei einem Sex- und Paartherapeuten, der sich alle Mühe gibt, Hans und Marga auf einen neuen, einen spannenden, auf einen ausgefallenen, extrovertierten, auf einen unnormalen und witzigen Weg zu bringen. Aber auch Dr. Blumsteder, so sein Name, wird irgendwann mit seinem Latein am Ende sein. Was soll man auch mit einem Paar machen, das seinen Fragebogen so ausfüllt:


Hans
Marga
Mit wem hatten Sie Ihren besten Sex?
Marga
Hans
Ihre schönste sexuelle Phantasie?
mit Marga im Bett
mit Hans im Bett
Was müsste am Partner/an der Partnerin anders sein?
nichts
nichts
An wen denken Sie beim masturbieren?
Marga
Hans

Nun sind die zwei aber auf ein Buch gestossen, das sicher zum Renner werden wird:

Dr. Gernold Schleiber / Dr. Myrtha Köbler:
RÜCKKEHR AUS EROTIKON – Warum wir ganz normal sein können
Verlag Foppler & Guppler, Zürich   
160 Seiten, gebunden – Sfr 25.- / 22.-
ISBN 786-8-432-76543-9

In diesem grandiosen Ratgeber schreiben der Arzt und die Psychologin eine klare und wissenschaftlich fundierte Streitschrift für ein Erlauben der sexuellen Gewöhnlichkeit.
«Sie müssen sich keine sexuellen Phantasien zulegen, wenn Sie keine haben. Und Sie müssen erst recht keine ausleben, wenn Sie keine haben. Sie dürfen es wo Sie wollen tun, wann Sie wollen tun, wie Sie wollen tun, also auch nachts im Bett in der Missionarsstellung.»

Und mit dieser Erkenntnis verabschieden wir uns vom Thema Sex.