Dienstag, 9. April 2019

Sex-Special (2): Gibt es Asexualität?


Das Ungeheuer von Loch Ness, der Weihnachtsmann, der Yeti, ein schneller Bratscher, Sophia Loren und ein asexueller Mensch machen einen Wettlauf. Wer gewinnt?
Natürlich die Filmdiva, trotz ihres hohen Alters, denn alle anderen Figuren gibt es gar nicht. Den schottischen See hat nie ein Monster bevölkert, an den Weihnachtsmann glaubt man nur als Kind, der Yeti ist eine Erfindung und es gibt keine Bratscher, die über MM Viertel=40 hinauskommen.
Und natürlich gibt es keine asexuellen Menschen.
Ich glaube einfach nicht daran, ebenso wenig wie ich an den Klapperstorch, den Wolpertinger oder an Einhörner glaube.

Natürlich kommen Sie jetzt mit dem Argument, dass man bei bestimmten Menschen sich sexuelle Handlungen einfach nicht vorstellen kann. Gut, man kann sich bei vielen Menschen viele Sachen eigentlich auch nicht vorstellen, und weiss doch, dass sie stimmen.

Während ich hier im Café schreibe, sitzt zwei Tische weiter eine lederhäutige Spätblondine in einem roten Kleid, für das sie 30 Jahre zu alt ist, und während Sie denken würden, sie ist Barmaid im RED SNAKE, weiss ich doch, dass sie emeritierte Professorin für Schweizer Literatur ist. Der älteren Dame im C&A, die an der Kleiderstange nach Mänteln sucht, in denen sie wie ihre eigene Putzfrau aussehen wird, würden Sie die mehreren Milliarden auf dem Konto nicht zutrauen, ebenso wenig würden sie denken, dass der Alte mit dem Hündchen und den Jogginghosen einer der prominentesten Basler ist und eine eigene Fernsehserie hatte.
Auch wenn Sie sich bei Herrn B. und Frau F., bei Herrn G. und Frau X., bei Robi und Gerd und Tine und Trine nicht vorstellen können, dass diese sich irgendwie mit ihrem Körper jemandem hingeben (und sei es nur sich selbst), wird es dennoch so sein.
Sie können z.B. sich ihre eigenen Eltern auch nicht beim Sex vorstellen, aber ich kann Ihnen versichern: Mindestens einmal haben Ihre Eltern miteinander geschlafen, das ist sicher. Es sei denn, man glaubt an den Klapperstorch, an den ich nicht glaube – ebenso wenig wie an Yetis, Seeungeheuer oder Einhörner.
Und an Asexualität.

Natürlich gibt es Professionen, gibt es Jobs und Aufgaben, gibt es Arbeitsbereiche und Berufe, in denen es ganz praktisch wäre, asexuell zu sein: Soldaten, Ölbohrinselarbeiter und Priester. Aber in keinem der Berufe, das kann ich Ihnen sicher sagen, ist die Sexualität ausgeblendet. Ich weiss nicht wie man das Problem mit der sexuellen Not auf einer Ölbohrinsel löst (Kommen da regelmässig Nutten vorbei? Werden die alle schwul? Oder wird nur masturbiert?), aber welche Not und welches Leid, welche Schrecken sexuell ausgehungerte Soldaten über Frauen gebracht haben, darüber sind schon Bände geschrieben worden.
Und Priester?
Nun, seit neuestem weiss man, dass die auch der Sache mit dem Sex nicht abgeschworen haben.
Seit neuestem?
Schon ein Lumpenlied aus dem 19. Jahrhundert berichtet vom Pater Gabriel, der der Anna Dunzinger eine nagelneue Seele verspricht, und dann seine geweihte Hand auf ihre Knie legt und sich langsam bis ins gelobte Land vorarbeitet. Und am Ende vom Lied hat Anna eine nagelneue Seele, aber eben nicht im Kopf oder Herz, sondern im Bauch.
Nein, der Skandal ist seit Hunderten von Jahren bekannt, nur das Ausmass, das in den letzten Monaten und die Ranghöhe der Schuldigen hat einen doch überrascht. Und ich rede hier nur vom Missbrauch, Priester dürften ja eigentlich gar nicht, nicht mit der Haushälterin und auch nicht mit dem Mesner.
  
Wir sind keine Urmenschen mehr, aber die Natur hat uns doch ein paar Bedürfnisse übriggelassen, die einfach befriedigt werden wollen: Wir müssen essen, wir müssen trinken und wir müssen dann wieder aufs Klo. Und wir haben einen – mehr oder weniger grossen, in der Jugend grösseren und im Alter etwas kleineren – Sexualtrieb.
Und genauso wenig wie man sich Hunger oder Durst einfach abtrainieren kann, kann man sich den einfach wegüben.

Was haben der Berliner Flughafen, eine anständige FIFA, die Asexualität, eine fromme Kurie, Elefant Dumbo und ein Perpetuum Mobile gemeinsam?
Sie ahnen die Antwort: Es gibt sie nicht und es wird sie nie geben.  


Noch einmal der Hinweis: In der Karwoche machen wir aus Pietätsgründen eine Woche Pause. 

Freitag, 5. April 2019

Sex-Special (1): Editorial / Es wird ganz harmlos


Sie erinnern sich wahrscheinlich noch an diesen Song:

Let’s talk about sex, Baby,
Let’s talk about you and me,
About all the good things and the bad things that may be
Let’s talk aboooooooouuuuuuuuut sex…

Ja, und genau das wollen wir die nächsten Posts tun. Über Sex reden. Es ist ja erstaunlich, dass wir uns in den letzten Jahren nie mit diesem Thema befasst haben oder wenn, dann nur am Rande, schliesslich denken wir alle 2-3 Minuten an Sex, das hat die Hirnforschung herausgefunden, also ist es doch auch angebracht darüber zu schreiben, oder nicht?

Aber keine Angst: Wir werden uns dem Thema ganz intellektuell nähern, wir werden philosophisch und philosophistisch, wir werden soziologisch und soziologistisch an es herangehen, wir werden Medizin und Juristerei (und leider auch Theologie) zu Rate ziehen, wir werden Politologie und natürlich die Psychologie beimengen.

Ich werde Ihnen keine wüsten Geschichten erzählen.
Nicht die Geschichte von dem Kloster, in dem die Äbtissin irgendwann feststellt, dass ihre Nonnen relativ oft in den Garten gehen, angeblich um sich vom Gärtner in Kräuterkunde unterweisen zu lassen, dann aber auffallend errötet und erhitzt zurückkommen, weil der gute Mann ihnen keine biologischen Fakten erklärt, sondern etwas sehr Biologistisches mit ihnen anstellt.
Nicht die Geschichte von der jungen Adligen, die beim Ansturm auf ihr schloss in Ohnmacht fällt und während ihrer Absence von einem jungen Offizier bestiegen wird, dabei geschwängert und die später per Zeitungsinserat den Vater ihres ungeborenen Kindes sucht.
Nicht die Geschichte von dem jungen Internatsschüler, der nachts beobachtet, wie Kollegen mit einem nackten Mitschüler Sado-Maso-Spiele machen, um dann zu bemerken, dass es auch ihn ziemlich antörnt, dass er, während er auf dem Boden liegt, eine Wahnsinnserektion an sich bemerkt.
Nicht die Geschichte von dem Mann, der eine Onaniesucht hat, wie er seinem Psychiater erzählt, eine Sucht, die so stark ist, dass er z.B. als Teenager schon auf der Heimfahrt im Bus sich seinen Anorak auf den Schoss gelegt hat und darunter seinen Hosenschlitz öffnete, um sich hemmungslos zu befriedigen.
Nicht die Geschichte von dem Wrack, zu dem die Ostseejungs hinschwimmen, um oben ihre Badehosen auszuziehen und einen Wettbewerb zu veranstalten, wer am schnellsten seinen Samen herausbekommt.

Und diese Storys werde ich nicht deshalb unterlassen, weil sie obszön sind, sondern weil es sie schon gibt.
Die Weltliteratur ist auf meiner Seite.
(Wer nicht alles erkannt hat: Es sind der Decamerone, die Marquise von O., dann die Verwirrungen des Zöglings Törleß, schliesslich Portnoys Beschwerden von Philipp Roth und Katz und Maus von Grass.) 
Und ich rede hier nur von grosser Literatur, von anderer rede ich gar nicht, wenn ich also vorhätte, Sie zu schockieren, dann müsste ich starke Mittel anwenden, ich müsste noch tiefer sinken, als die deutsche Belletristik in Feuchtgebiete gesunken ist, und das geht ja wahrscheinlich wirklich nicht.

Nein, und natürlich wird es – wie immer – keine Fotos geben.
Ich könnte Ihnen zwar meine untere Hälfte zeigen, waschbrettbebaucht, durchtrainiert, fettfrei, braungebrannt und wirklich gut bestückt, aber das würde das Niveau dieses Blogs sicherlich nicht heben, sondern senken.
Und ich habe keine Zeit für die fünf Stunden Foto-Shop, die ich bräuchte, um mich so aussehen zu lassen…

Wir werden also ganz wissenschaftlich und gesittet an die Sache herangehen. Wenn Sie Schweinereien wollen, das Internet ist gross und weit.

Und da wir vorhin ja schon Faust zitiert haben, lassen wir unseren Herrn Goethe zum Schluss noch einmal zu Worte kommen:

Mephisto:
Einst hatt ich einen wüsten Traum;
da sah ich einen gespaltenen Baum,
der hatt´ ein ungeheures Loch;
so groß es war, gefiel mir´s doch.

Die alte Hexe:
Ich biete meinen besten Gruß,
dem Ritter mit dem Pferdefuß!
Halt´ Er einen rechten Pfropf bereit,
wenn Er das große Loch nicht scheut.

Übrigens: In der Karwoche werden wir aus Pietätsgründen eine Pause machen.


Dienstag, 2. April 2019

Braucht die Nordseeregion einen Alpenpark?


Die Gemeinde Vollwuppensted im Kreis Husum hat Grosses vor. Bis zum Jahre 2028 entsteht auf der Gemarkung des kleinen Fischerortes die neueste und grösste Touristenattraktion Schleswig-Holsteins, ALPAVOWU®, der Alpenpark Vollwuppensted. Auf einem Gelände von 150 Hektaren können die Menschen, die kommen sich an einer Reihe von Attraktionen erfreuen:

* den getreuen Nachbildungen der Dobblispitze (CH) und des Riberhorns (A) mit Sesselliften, Gondelbahn, Wanderwegen und Mountainbike-Routen
*  dem Alpen-Vergnügungspark mit Bahnen und Boxauto, Geisterbahn, Schiessbuden und Game-Center
* dem Alpenmuseum mit einer grossen Ausstellung zum Thema Alpen, natürlich hochmodern, hochpädagogisch und in höchstem Masse interaktiv
* dem Alpenzoo mit Steinböcken und Gämsen, und natürlich mit Hunderten von Marmotten, Murmeltieren, die gestreichelt und gefüttert werden können.

Ergänzt wird das Angebot durch 6 Restaurants mit alpenländischen Spezialitäten von Savoyen bis Slowenien, sowie dem ALPAVOWU-Shop.

Die Kosten sind zurzeit mit 200 Millionen Euro veranschlagt, werden aber, mit der ElPhi-Zahl multipliziert auf ca. 3,2 Milliarden steigen. (Die ElPhi-Zahl ist der Faktor, um den sich die Bauausgaben bei der Elbphilharmonie verteuerten, ungefähr ein Faktor 16.)

Das ist jetzt alles Quatsch, sagen Sie.
Das ist grosser Unsinn, nicht einmal gut erfunden, das ist erstunken und erlogen, das ist ein Märchen, eine Legende, eine Sage, das ist Nonsens und Pillepalle.
Denn – so argumentieren Sie – ein solcher Park im Flachland am Meer mache keinen Sinn, man sollte Attraktionen immer örtlich beziehen. Man würde ja auch nicht
- einen Skilauf-Hang mit Schnee und Liften irgendwo im Ruhrgebiet bauen 
- ein Fussballstadion in einer arabischen Wüste errichten
- eine Oper oder ein Konzerthaus im südamerikanischen Urwald erstellen
- ein Meeresaquarium in einer alpenländischen Grossstadt planen
usw.

Aber das ist doch fast alles schon passiert!

Im 2001 eröffneten Alpincenter Bottrop kann man auf einer Pistenlänge von 640 Metern Ski laufen oder snowboarden, kann rasant und mit Pep durch den Schnee brettern und angeblich viel Spass haben, es ist die grösste Skihalle der Welt.
Die Geschichte mit den Fussballstadien ist ja schon genügend diskutiert worden. Es ist ein totaler Unsinn, aber er ist leider Realität: Die WM 2022 wird in der arabischen Wüste stattfinden, die FIFA hat entschieden, man hat gemunkelt, geflüstert, man hat getuschelt und gegossipt, dass hier gewisse Annehmlichkeiten, gewisse Zuwendungen und Gelder im Spiele gewesen seien, man will hier ja nicht gleich das hässliche Wort Korruption ins Spiel bringen, aber man weiss ja, wie leicht Unterlegene solche Dinge sagen, und man weiss auch, wie anständig die FIFA ist, schliesslich wurde sie von einem Schweizer geleitet und die sind per se anständig. 
Die Sache mit dem Opernhaus ist natürlich Fiktion, aber zumindest eine legendäre: In Fitzcarraldo lässt Werner Herzog seine Helden durch den Urwald reisen, um an unmöglicher Lage ein Opernhaus zu errichten, aber das ist in Wirklichkeit nie so passiert.

Und das Meeresaquarium?

Das befindet sich zurzeit noch im Zwischenstadium zwischen Wunsch und Wirklichkeit, in einem Sowohl-als-auch-Zustand wie die berühmte Katze, es ist angedacht und geplant, es liegen Entwürfe und Zeichnungen und Animationen vor, aber es ist zu hoffen, dass das Basler Stimmvolk das Projekt am 19. 5. Verwirft, «bachab schickt», wie es hier so schön heisst. In einer Stadt, die von allen Europäischen Meeren Hunderte von Kilometern entfernt liegt, egal ob man Nordsee oder Ostsee, egal ob man Mittelmeer oder Atlantik nimmt, es sind immer weiteste Distanzen, macht es keinen Sinn, irgendwelche bunte Fische und Krabben anzuglotzen. Ein Ozeanium (so der geplante Name) ist absurd, und wenn man schon am angedachten Ort irgendetwas Öffentliches bauen muss, warum nicht einen Museumsneubau oder ein zweites Hallenbad?

Vollwuppensted gibt es (leider) nicht, aber wenn es existieren würde, dann könnte man sich einen Tausch vorstellen: Ein Ozeanium an der Nordsee und ein Alpenpark in Basel, das wäre zwar auch nicht wirklich lokal bezogen, aber nur halb so widersinnig, nur halb so blöde.