Freitag, 25. Mai 2018

Liebe Eltern: Bitte keine Lehrer schlagen


Diejenigen meiner Leserinnen und Leser, die mit dem Buch Ready for English jene Fremdsprache erlernt haben, werden sich eventuell noch an folgende Übung erinnern:

a) London / Zürich (big)                                          b) a train / a bike (fast)
c) a dance party / a movie (exiting)                         d) a bus driver’s job / a teacher’s job (dangerous)

Hier sollten die beiden verschiedenen Steigerungsformen des Englischen geübt werden, die dem Deutschen ähnliche auf -er und -est und die den Romanischen Sprachen ähnliche mit more und most.
Die Beispiele a) und b) waren nun leicht zu lösen:

a) London is bigger than Zürich.
b) A Train is faster than a bike.

Selbst wenn man bei der Limmatstadt die Agglo dazurechnet und bei der Themsestadt nicht, ob man von Fläche ausgeht oder von Einwohnern, wie man es dreht oder wendet, wie man es sieht oder anschaut: London ist stets grösser als Zürich, da beisst keine Maus einen Faden ab, da gibt es keinen Diskussionsbedarf. Genauso beim Verkehrsmittel, selbst wenn man einen Regionalbummelzug nimmt (und nicht den TGV oder ICE) und das Velo von einem schwergedopten Tour de France-Teilnehmer (gibt es eigentlich andere?) fahren lässt, auch hier ist die Lösung eindeutig.

c) und d) sind da schwieriger.
Von was für einer Tanzveranstaltung und von was für einem Film gehen wir aus? Reden wir von der Summer Pool Party im Badecenter, wo sich knackige Körper in Badehosen in Schaum und Wasserstrahl tummeln, von einer Ü 40-Neue Deutsche-Welle-Party oder vom «Tanz in den Mai» in Worgingen (AR)? Und welchem Film stellen wir das gegenüber, einem polnischen Autorenfilm oder einem Action-Thriller, und schauen wir den Film allein an oder in der Gruppe?
Die ersten beiden Partys wären für mich übrigens klar more exiting, die Wasserschaumplanschveranstaltung zum Gucken und der NDW-Abend zum Mitdancen und Mitgrölen, bevor ich allerdings am 30.4. in die Mehrzweckhalle nach Worgingen gehe, schaue ich mir lieber einen James Bond an.
d) ist nun extrem kompliziert, weil man so genau weiss, was das Lösungsbuch vorschlagen wird:

A bus driver’s job is more dangerous than a teacher’s job.

Und man selber aber genau weiss, dass es umgekehrt ist:

A teacher’s job is more dangerous than a bus driver’s job.

Stellen Sie sich vor, sie machen als Deutschlehrer einen unangesagten Test über die Kapitel 1-3 der aktuellen Klassenlektüre, das erste Kapitel ist bereits besprochen, die Kapitel 2 und 3 waren als Hausaufgabe zu lesen. Sie stellen ganz einfache Fragen, so z.B. die nach dem Namen der Hauptperson und dem Ort des Geschehens; dennoch sind 80% der Klasse schwer ungenügend, einfach weil sie die Kapitel nicht gelesen haben und in der Stunde, in der man das erste besprach, schliefen. Nun kommt es darauf an, WO Sie unterrichten; lehren Sie in einem Dorf in der Innerschweiz oder auf der Schwäbischen Alb, werden Ihre Schülerinnen und Schüler die Schuld bei sich suchen und Ihnen nicht grollen, in Basel oder Freiburg wird es schon einen gewissen Unmut geben, dass Sie sich so etwas Fieses wie eine Kontrolle ausgedacht haben.
Schwieriger wird es in Grossstädten, vor allem in bestimmten Bezirken, hier fliegen dann Beschimpfungen und Drohungen durch das Klassenzimmer, hier werden Fäuste geballt und auf die Tische gehauen. Sollten Sie das Pech haben, in Neukölln zu lehren, dann müsste man Ihnen empfehlen, nur mit Personenschutz nach Hause zu gehen, zu viele Kollegen sind in ähnlichen Fällen verprügelt oder mit Messern attackiert worden.

All das ist bekannt; was neuer scheint, ist die Gewalt, die inzwischen von Eltern ausgeht.
Der Filius bekommt keine Gymnasiumsempfehlung? Das wollen wir doch mal sehen, mit einer platten Nase und mit zwei Zähnen weniger denkt die Lehrperson vielleicht anders – es könnte ja auch noch die Ohren und zwei weitere Beisserchen treffen.
Die Lehrerin hat die Tochter an der Tafel abgefragt? Das hat sie sicher zum letzten Mal getan, ein ausgekugelter Arm wird ihr das schon klar machen.
Der Pädagoge schickt die Kinder vom Schullager heim, weil sie Alkohol getrunken haben? Er wird sein blaues Wunder erleben…

Das Schreckliche ist, dass diese Schlägereltern, dass diese Gewaltfamilien bei der Bevölkerung eine ganz kleine, eine ganz winzige, eine nur zu 5% vorhandene, aber eben doch daseiende Zustimmung finden. «Man kann ja schon verstehen, dass die Müllers ausgerastet sind, so wie der Klassenlehrer den Bernd auf dem Kieker hatte und…»
Nein.
Kann man nicht.
Lehrer schlagen geht gar nicht.

London is much bigger than Zürich.
A train is much faster than a bike.
The Bourne Identity is much more exiting than the Tanz in den Mai in Worgingen.

A teacher's job is much, much, much more dangerous than a bus driver's job.

Dienstag, 22. Mai 2018

Postflut nach den Ferien: Wer braucht Kundenzeitschriften?


Zum Glück habe ich meine Nachbarin gebeten, während meines einwöchigen Triest-Aufenthaltes nicht nur meine Pflanzen zu giessen und meinen Kater zu füttern, sondern auch meinen Briefkasten zu leeren. Und Tippa ist eine zuverlässige Frau, als ich aus Venetia Giulia heimkehre, prangen Fici, Asparagi und Schefflerae in üppigstem Grün, Cicero streicht satt und zufrieden um meine Beine und auf meinem Esstisch stapelt sich ein Kubikmeter Post – man stelle sich vor, der Pöstler hätte versucht, die Menge in meinen Kasten zu quetschen, das arme Teil wäre schlicht und einfach gesprengt worden. Ich mache nun etwas, was ich immer schon einmal machen wollte, ich schmeisse den Kubikmeter Papier nicht einfach nach Durchsicht fort, sondern notiere, was sich da in der Woche angesammelt hat:
1 Bettelbrief «Rettung der Grünwale im Ostpazifik»
1 Bettelbrief «Rettung der Bergregion Dschulp – Romgnin – Fucaccia»
1 Bettelbrief «Rettung der Rotwale im Südatlantik»
1 Bettelbrief «Rettung der Martin Bilser-Fresken in der Kirche von Wurglingen»
1 Bettelbrief «Rettung der Kleinstschule in Saint Urtance sur le Rhone (VD)»
1 Bettelbrief «Rettung der Zugstrecke Zutikon (ZG) – Hupfikon (ZH)»
1 Traktat «Bist du glücklich?»
1 Traktat «Warum werden wir krank?»
1 Traktat «Die erstaunliche Geschichte des Jona – lerne vom Wal!»
1 Traktat «Bist du zufrieden?»
1 Traktat «Die 10 Gebote – heute noch gültig»
1 Abrechnung von meinem 3. Säule-Fonds vom 17. 5. 2018 über den Kauf einer Aktie (Humer AG)
1 Abrechnung von meinem 3. Säule-Fonds vom 18. 5. 2018 über den Kauf einer Aktie (Hirtz AG)
1 Abrechnung von meinem 3. Säule-Fonds vom 19. 5. 2018 über den Kauf einer Aktie (Holb AG)
1 Abrechnung von meinem 3. Säule-Fonds vom 20. 5. 2018 über den Kauf einer Aktie (WAL-Markt)
Eine Wahlwerbung der Postsinnlich-Freiamtlichen Partei (FPF)
Eine Wahlwerbung der Zivilstarken-Hypermotorischen Partei (ZHP)
Die Quartalszeitschrift STARKSTROM meines Energieanbieters
Die Quartalszeitschrift FREUDENQUELL meines Wasseranbieters
Die Quartalszeitschrift VERBUNDEN meines Telekommunikationsanbieters
Die Quartalszeitschrift FIT UND FRÖHLICH meiner Krankenkasse
Die Quartalszeitschrift TÖLPEL meiner Haftpflichtversicherung
Die Quartalszeitschrift WALLFAHRT der SBB (für GA-Inhaber)
Eine unanständige Urlaubspostkarte mit nackten Männern von J. und K.
Ein lieber Brief meiner Kusine
13 Rechnungen

Ich grüble eine Weile über die merkwürdige Häufung von Wal/WAL/Wahl-/Wall- nach, lege dann die Rechnungen auf den To-do-Stapel, den Brief auf den Erfreuliches-Stapel, ich hänge die unanständige Postkarte an meine Pinnwand (die Kerle sind wirklich knackig) und werfe den ganzen Rest weg,
Während des Wegwerfens allerdings beginne ich nachzudenken, warum sich in einer Woche, in sieben Tagen, in solch kurzer Zeit eine solche Menge an Papier ansammeln kann.
Ich habe Verständnis für die Bettelbriefe, wer sich zum Ziel gesetzt hat, für die Bergregion Dschulp – Romgnin – Fucaccia, für die Bilser-Malerei, für die Schule in Saint Urtance sur le Rhone, wer sich vorgenommen hat für den ÖV zwischen Zutikon und Hupfikon oder für die Rot-, Grün-, Gelb- und Blauwale zu sammeln, muss irgendwie an Geld kommen. Entweder man schreibt solche Briefe, in denen die Wichtigkeit von Fresken, Bergdörfern und vom Aussterben bedrohten Tierarten aufs Schillerndste geschildert wird, oder man setzt diese Haben-Sie-Einen-Moment-Zeit-Leute ein, die einem an Bahnhöfen und Markplätzen in den Weg hüpfen, genauso nervig.
Ich habe Verständnis für religiöse Traktate, wer absolut davon überzeugt ist, dass die Menschheit zum Glauben gebracht werden muss, dass eine Person die Johannes 3, 16 nicht akzeptiert, muss solche Schriften verteilen. Dass Johannes 3, 16 und andere Bibelstellen nicht komplett zitiert werden, man also in der Bibel nachschlagen müsste, der Bibel, die ein Ungläubiger ja sicher nicht griffbereit hat, gehört zu den grossen Merkwürdigkeiten solcher Traktätlein. (Johannes 3, 16 ist übrigens Also hat Gott die Welt geliebt…).
Meine Bank muss übrigens jeden Kauf schriftlich und einzeln anzeigen, das sagte mir eine Dame am Telefon, das stehe auch in den AGB, womit Sie bewies, dass – im Gegensatz zu mir – SIE ihre eigenen AGB gelesen hatte.

Wofür ich kein Verständnis habe, wofür ich keine Empathie aufbringe, was mich zur Weissglut und zum Wahnsinn treibt, sind die teilweise zentimeterdicken Zeitschriften von Versicherungen und Verkehrsunternehmen. STARKSTROM, FREUDENQUELL und VERBUNDEN, FIT&FRÖHLICH und TÖLPEL, und natürlich auch WALLFAHRT bringen mir weder Spass noch Unterhaltung, bringen mir keine Information und keinen Nutzen. Es gibt immer eine Titelgeschichte wie z.B. «Jetzt kommt der Sommer» (würde man ohne den Text nicht merken) oder «Singen macht Freude», auf den restlichen 2/3 der Seiten wird einem klargemacht, wie toll die Firma ist. Aber das weiss ich doch schon! Sonst wäre ich ja nicht Kunde. Warum muss man die eigene Klientel bewerben?
Mal ganz ehrlich:
Wer STARKSTROM, FREUDENQUELL und VERBUNDEN, FIT&FRÖHLICH, TÖLPEL, und WALLFAHRT liest, hat ein Problem, ein Einsamkeitsproblem, er oder sie ist so hobbylos, wie man nicht sein sollte.
Übrigens ist auch die Suizidrate bei Redakteurinnen und Redakteuren von Kundenzeitschriften relativ hoch – wer schreibt schon gerne permanent für den Müll?

Wenn mir also eine Bank oder Versicherung, einen Wasser- oder Stromanbieter wissen, der KEINE interne Zeitschrift herausgibt…
Ich wechsle sofort.

Freitag, 18. Mai 2018

Die beiden Brautleute werden morgen keinen Spass haben


Dam drrrrrrrrrr dada / dam di dam, dam
dam dam dam dada / daaa dada dada dada
Dam drrrrrrrrrr dada / dam di dam, dam
Dada dada drrrrrrrrrrrr dada daaa

Der Tag morgen wird den beiden Brautleuten keinen Spass machen. Schon im Vorfeld hörte man ja ständig von Querelen, von Streitereien, hörte man von Stress und Hetze, von Hektik und Panik; allein der Brautvater trieb den Adrenalinspiegel in die Höhe, wahrscheinlich wollte er den Guinness-Rekord im Zu- und Absagen brechen, übrigens ohne Chance, er liegt bei 56 Zu- und 57 Absagen für die gleiche Veranstaltung.

Der Tag morgen wird den beiden Brautleuten keinen Spass machen.
Eine Bekannte fragte mich am Montag, ob ich glaube, dass eine(r) der beiden auch «No» sagen könnte, worauf ich ihr versicherte, dass das nicht der Fall sein kann; weder Harry noch Meghan werden «No» sagen, sie werden allerdings auch nicht «Yes» sagen und wenn Sie sich jetzt schon auf einen Skandal freuen: In England sagt man – je nach Frage – «I do» oder «I will» . Es wird aber dann am Ende doch immer bejaht, oder haben Sie je eine Trauung erlebt, bei der die berühmte Frage mit einer Verneinung beantwortet wurde? Und wenn Sie sich nun an jene Hochzeit erinnern, bei der der Bräutigam zögerte, dann von seinem tauben Bruder (den er selber übersetzte) aufgeklärt wurde, dass er doch in Wirklichkeit eine andere liebe, worauf er von der Braut k.o. geschlagen wurde… Das war ein Film.
Man kann nun hoffen, dass die beiden Hübschen sich Four Weddings and a Funeral» in letzter Zeit nicht angeschaut haben, dann wäre ihre Panik noch grösser. Man wünscht ihnen ja wirklich keine Tischrede wie die von Herrn Grant und auch keinen Neupriester, der «Holy Goat» sagt…

Der Tag morgen wird den beiden Brautleuten keinen Spass machen.
Grösster Stress- und Hektik-, stärkster Hetze- und Panikfaktor sind sicher ihre Verwandten. Ältere Semester erinnern sich sicher noch an die Hochzeit von Fürst Rainier und Grace Kelly, die spätere Gracia Patricia von Monaco, bei der ihre Hollywoodfreunde sich danebenbenahmen, wie sie nur konnten, sie drehten die Gläser um, die sie nicht benutzen wollten und bestellten zu den exzellenten und deliziösen Pommes de Saint-Urbache – Sie ahnen es? – jawohl, Ketchup.
Aber das war ja nur Tiefstadel, untere Schiene, das war in den Niederungen der europäischen Nobilität, immerhin waren die Grimaldis im 19. Jahrhundert Piraten, Seeräuber, waren Kriminelle; morgen sind wir in der obersten Schicht, im Hochadel.
Dem Anhang von Meghan wurde ein 345 Seiten starkes Dossier überreicht, mit dem die schlimmsten Fauxpas verhindert werden sollen, hier ein paar der schönstes Paragraphen:
§45
Es ist niemandem, keinem Menschen, keiner Person erlaubt, Ihre Majestät mit «Elizabeth» oder gar «Liz» / «Lizzy» anzusprechen. Verwandte 1. Grades dürfen «Madam» sagen, Verwandte 2. Grades sagen «Royal Highness», entferntere Familienmitglieder sagen «Her Majesty» wie allen anderen auch.
§67
Das Handy hat in der Tasche zu bleiben! Jegliche fotografische Festhaltung von offiziellen Teilen des Tages ist strikt verboten. Natürlich dürfen beim Empfang ein paar Bilder geschossen werden, auf das Strengste untersagt sind Selfies mit der Queen, she will be not amused, und Sie müssen ein paar Tage hinter Gitter.
§102
Beim Dinner darf der Speisesaal niemals verlassen werden, nicht, um ein Örtlein aufzusuchen und erst recht nicht für Telefonate oder – for heaven´s sake – zum Rauchen. Die einzigen Gründe für ein Aufstehen vom Tisch sind a) ein Brand, dann werden Sie dazu aufgefordert, oder b) lebensgefährliche Erkrankungen Ihrerseits. Damit meinen wir z.B. Infarkte, Kleinigkeiten wie Fieber, Krämpfe und Blinddarmentzündungen stehen Sie bitte bis zum Plumpudding durch.

Der Tag morgen wird den beiden Brautleuten keinen Spass machen.
Aber:
Er braucht ihnen auch keinen Spass machen, er soll ihnen gar keinen Spass machen.
Mal ganz ehrlich: Wofür füttert man eine Horde degenerierter Prinzessinnen und Prinzen durch? Doch nur für Tage wie diesen. Sie werden für die Show bezahlt, und morgen müssen sie die Show liefern. Anders formuliert: Nicht Harry und Meghan sollen ihren Spass haben, sondern Britt Miller, die die Trauung vor dem heimischen TV verfolgen wird, ausgerüstet mit 5 Litern Tea und diversem Gebäck oder George, Jim und Walter, die sich im Pub treffen werden und beim «I will» schon sehr betrunken sein werden, nicht Meghan und Harry sollen fun haben, sondern alle diese Leute, von Penzance bis Dover, von Brighton bis Nottingham und von Liverpool bis Oxford.
Denn sie finanzieren schliesslich das Ganze.

Und so wünschen wir den beiden alles Gute, ihm mehr Glück, als seine Eltern hatten und ihr ein gutes Einleben in das strenge Hofzeremoniell (sie sagte neulich, es wäre leichter gewesen, in ein Dorf in Nepal einzuheiraten, und hatte damit völlig recht…)
Wir wünschen den beiden einen erträglichen Tag und dann eine erholsame Hochzeitsreise.

May The Lord bless you.
God save the Queen.

Dam drrrrrrrrrr dada / dam di dam, dam
dam dam dam dada / daaa dada dada dada
Dam drrrrrrrrrr dada / dam di dam, dam
Dada dada drrrrrrrrrrrr dada daaa