Freitag, 9. März 2018

Mike, der Promoter (3): Ich will keine Schönheits-OP!!!



Mike, mein Promoter kommt wieder einmal mit einer glänzenden Idee: YouTube. 
«Rolf», brüllt er ins Telefon, und ich rieche dieses Mal nichts, «Rolf, wir machen YouTube-Videos. Du liest einfach deine Texte, vor schöner Kulisse und gut ist. Vorlesen wirst du ja wohl können.» Das finde ich jetzt zum ersten Mal eine wirklich gute Sache. Ich sehe mich schon vor einer Bücherwand sitzen, in einem dezenten, aber modischen Jackett und intellektuellem schwarzen Pulli, mit meiner graumelierten Kurzhaarfrisur und aus meinen schönsten Glossen rezitieren. Und das sage ich Mike auch so.
Aber die Sache hat natürlich einen Haken.
Wie alles bei Mike einen Haken hat.
«Rolf, Rolf, Rolf», kichert er, «das mit der Bücherwand vielleicht auch. Aber natürlich nicht nur. Wir brauchen x verschiedene Hintergründe und Outfits. Auf jeden Fall Beach, Strand, See, für die sommerlichen Glossen.» Ich wende ein, dass Jackett und Pulli, der Tisch mit meinen Manuskripten und das ganze Zeug an einem Strand ziemlich blöde aussieht. Und dann schlägt der Hammer auf mich nieder: Mike will, dass ich mich im Liegestuhl räkele, braungebrannt und elastisch und in rotweisser Badehose. «Mike», stöhne ich, «ich sehe zwar noch ganz passabel aus, aber gegen andere Youtuber, die 25 sind und im Vollbesitz ihrer körperlichen Schönheit, die all ihr Collagen und alle ihre Straffheit noch haben, kann ich nicht anstinken.» «Papperlapapp! Da müssen wir halt ein bisschen etwas investieren, ich maile dir mal eine Liste…»

Am Nachmittag stosse ich in meinem Posteingang unter dem Betreff «Veränderung Rolf» auf die folgende Zusammenstellung:

Ohren anlegen                3450.- inkl. MwSt.
Nase kürzen                    750.- inkl. MwSt.
Schultern heben              6100.- inkl. MwSt.
Bauchnabel ebnen          1750.- inkl. MwSt.
Fettabsaugung Hüfte     3600.- inkl. MwSt.
Fettabsaugung Bauch    5000.- inkl. MwSt.
Po runden                       1560.- inkl. MwSt.
Schenkel verstärken       7800.-  inkl. MwSt.

Alles in allem also runde 30'000 Franken – in Worten dreissigtausend. 

Am Abend rufe ich Mike noch einmal an. «Mike», jammere ich, «Mike, ich bin eigentlich nicht bereit dazu, ein halbes Jahr an mir rumschnippeln zu lassen, und wenn du jetzt – wie jedes Mal – sagst, dass das allgemein üblich ist, dass man das überall sieht, dann…» «Was, dann? Schätzchen, du kannst jammern und blöken, du kannst stöhnen und möhnen, aber es lassen wirklich alle etwas an sich machen, ich will jetzt gar nicht von der Kardashian reden, die schon runde 3 Millionen in ihren Po investiert hat, ich rede von normalen Youtubern, Bloggern, Instagrammern, ich rede vom 0815-Social-Media-Typen, ein Investiönchen von 30'000 ist da absolut normal. Ich meine, wenn selbst die Merkel…»
Ich schreie auf. Nicht nur, weil mir der Gedanke so absurd vorkommt, sondern auch, weil Mike sich gerade eine von diesen javanischen Kräuterzigaretten angesteckt hat, die ich nicht vertrage (ich kann durchs Telefon Gerüche wahrnehmen, siehe letzter Post).
«DIE MERKEL?»
«Ja, meinst du, die Mundwinkel seien echt? Nee, das war eine PR-Idee zum Thema
Unverwechselbares Image. Übrigens ist auch der Knackbody vom Putin nicht mehr ohne OPs zu machen, von Berlusconi will ich gar nicht reden. Also: Stell dich mal vor deinen Spiegel und melde dich dann morgen wieder.»

Eine halbe Stunde später stehe ich nackt vor meinem Flurspiegel. Und nun kommt mir etwas in die Quere, was einer wirklichen Veränderung im Wege steht: Ich finde mich hübsch, nein, ich finde mich sogar ziemlich schön. Ich finde das so OK, was ich da sehe, OK für ein dreiundfünfzigjähriges männliches Wesen, dass mir der Gedanke an ein Schnippeln so seltsam vorkommt wie Schnee im Juli. Ich nehme die Liste nochmals zur Hand und mache meine Kommentare.

Ohren anlegen                 Quatsch, wenn meine Ohren anliegen, sehe ich aus wie Spock aus STAR TREK.
Nase kürzen                      Nix, Nase ist schön.
Schultern heben              Blödsinn, dann sehe ich aus wie Angela Merkel
Bauchnabel ebnen          Ist der Flachnabel überhaupt noch in? Oder darf man wieder Grübchen?
Fettabsaugung Hüfte     Gerade Seitkontur wäre super, aber meine Hüftknochen stehen raus
Fettabsaugung Bauch    Blödsinn, die 200 Gramm Fett können bleiben.
Po runden                          Mein Po ist perfekt! Da darf niemand etwas machen.
Schenkel verstärken      Wäre notwendig, aber mit Muskeln, nicht mit Silikon.

Aber überhaupt: Selbst wenn alle Schnippelei gelänge, und 53,76% der Schönheits-OPs tun das nicht, man denke nur an die Leute, die hinterher wie ein Gorilla aussehen oder wie Kater Carlo, wie ein Leguan oder wie ein Postbeamter, selbst wenn alles gelänge:

Es wäre nicht mehr der gleiche Mensch.

Ich wäre nicht mehr ich.

Also wird das auch nix mit dem YouTube. Es sei denn, Mike liesse sich überreden, dass wir uns auf die Rolf-vor-Bücherwand-im-Jackett-und-schwarzem-Pulli-Kiste beschränkten. Und die Beach Beach sein lassen. Abgesehen davon: Rotweiss steht mir gar nicht.



Dienstag, 6. März 2018

Mike, der Promoter (2): Guuute Glooosse



Mike, mein Promoter ist am Telefon. Wie immer schreit er förmlich, und ich muss den Hörer weit weg von meinem Ohr halten, damit ich keinen Trommelfellschaden bekomme. «Rolf», brüllt er, «Rolf, geniale Idee, geniale Idee, wir nennen das Ding ab jetzt DIIENSTAAG-FREIITAAG-GLOOSSE, verstehst du, Dienstag mit zwei I und zwei A und Freitag mit zwei I und zwei A und dann die Glosse mit zwei O, verstehst du? Alles gedehnt, alles gedehnt, Dienst gedehnt und Frei gedehnt und Tag gedehnt und Glosse gedehnt.»
Mike hat eine Tendenz, alles zweimal und dreimal zu sagen, die einen rasend macht. Ausserdem hat er wieder seine Erdbeer-Schoko-Mango-Zahncreme benutzt, die ich nicht vertrage und ich habe die seltene Eigenschaft, Gerüche durchs Telefon hindurch wahrnehmen zu können.
«Mike», sage ich, «kannst du bitte ein wenig weg vom Hörer, du brüllst wahnsinnig und ich vertrage deine Zahnpasta nicht. Ausserdem ist das mit der Dehnung totaler Quatsch. Warum denn überall zwei Buchstaben.» «Ist wegen der Betonung, man sagt doch auch staaark.» So ein Höllenschwachsinn, aber immerhin hat er den Hörer etwas weiter weg, sodass man sich normal unterhalten kann, ohne einen Hörschaden oder ein Magenproblem zu bekommen.
«Nein, Mike», und nun muss ich doch den Germanisten heraushängen, «wir bessern im Deutschen Adjektive durch Zusätze wie weiss – schneeweiss / schwarz – kohlrabenschwarz oder mit «wie», also stark wie ein Löwe, aber sicher nicht staaaark.» «Nicht?» «Nein, Mikey.» «Geh aber mal in die Stadt, siehst du überall…»

Ich gehe also in die Stadt und bin verblüfft, wie recht mein Promoter hat. Da gibt es den Kaffeeladen SUPER GUUD, da gibt es ein Geschäft KUUUHL, da gibt es SCHÖÖÖNE KLEIDER und SCHÖÖÖNE MÄNTEL, da kann man im Fitnessstudio SACKSTAAAARK trainieren und im Beauty-Tempel JUUUUNG UND GLÄÄÄÄNZEND Teint und Nägel richten lassen. Der eine Friseur nennt sich HAAAARSPAAALTER und der andere FRISUUURKING.
Was ist nur bloss mit der Sprache passiert?

Der einzige Grund für eine solch schwachsinnige Orthografie ist die Wiedergabe von wörtlicher Rede in einem Roman oder einer Kurzgeschichte. Da kann es Sinn machen. 
«Guuuuuuuuuuuut», sagte Heinz, «aber dann bekomme ich auch meinen Anteil…»
«Das ist so schöööööööööööööön», kreischte Ellie und hüpfte auf und ab.
«Maaaaaaaaaarcooooooooo», drohte die Mutter, «das machst du noch einmal und dann knallt’s»
Aber selbst in fiktiven Texten, in denen eine betonte und gedehnte Sprache wiedergegeben wird, sieht es blöde aus.

Man kann nur hoffen, dass es eine Mode ist, die schnell wieder vergeht.
Denken die Erfinder von solchem Unsinn gar nicht an die armen Kinder, die lernen müssen, korrekt zu schreiben. Wird nicht ein Kind, dass gegenüber von SUPER GUUD wohnt, «gut» nie richtig schreiben, wird nicht ein Kind, dessen Mutter bei SCHÖÖÖNE KLEIDER arbeitet, sich die im Deutschen nicht existente Häufung von Umlauten angewöhnen? Werden die armen Kleinen in ein paar Jahren ständig «staark» und «juung» angestrichen bekommen?
Dabei ist der Grund für den Blödsinn natürlich völlig klar: Wir haben verlernt, durch Bilder und Zusätze zu betonen, früher waren Dinge eben nicht schööön, sondern bildschön, sie waren nicht staaark, sondern bärenstark, man war nicht juuung, sonder blutjung und nicht aaalt, sondern uralt. Es gab tonnenschwer und federleicht, es gab mucksmäuschenstill und klitzeklein, man war blind wie ein Maulwurf und fit wie ein Turnschuh, man war schön wie der Morgen und jung wie der Tag.

Ich rufe also Mike nochmal an.
Leider brüllt er wieder in den Hörer und raucht eine Zigarre. «Mike», sage ich, «schrei nicht so und halt deinen Stumpen nicht so nah am Telefon, du weisst, ich vertrage das nicht. Und deine Idee ist auch Mist. Ich bin nicht bereit in einem Textblog die Sprache so zu verunstalten.»
«Guuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut», kichert Mike, «ich habe noch viele Ideen.»

Was zu befürchten ist.

P.S.
Die Telefongeruchserkennung ist geklaut.
Ich verneige mich vor Heinrich für diese Idee aus Ansichten eines Clowns. 










Freitag, 2. März 2018

Mike, der Promoter (1): Glossen und Texte



Ich habe seit Beginn 2018 einen Promoter, der mir helfen wird, diesen Blog an die Weltspitze zu bringen und ab 2020 davon leben zu können. Von Mike Vonflach, so heisst der Gute, werde ich diesen und die nächsten Posts erzählen.

«Name», sagte er neulich, «Name, der Name ist nicht gut». Ich erteilte ihm den Auftrag, nach einem neuen Titel der Dienstag-Freitag-Glosse zu suchen, und er kam schon zwei Tage später mit einem Ergebnis:

FROM TUESDAY TO FRIDAY
Glossen & Texte

Ich besah mir die Sache eine Weile, rief ihn an, weil ich dann doch ein paar Fragen hatte; «Warum Englisch?», so lautete meine erste. «Rolf, Rolf, Rolf», lachte Mike, «komme im 21. Jahrhundert an! Alles ist Englisch, alles ist so Englisch, dass die meisten Menschen schon das deutsche Wort gar nicht mehr kennen.» Musste ich ihm recht geben. Meine zweite Frage bezog sich auf das «from – to». Das sei doch eigentlich sachlich falsch. «Macht nichts», so Mike, «macht gar nichts. Klingt einfach gut, so nach Ziel, nach Richtung, das finden alle gut: VON – NACH, VON – NACH, from dust to dawn, from hell to heaven, from earth to the stars…» Ich sah ihn förmlich vor mir, wie er, er tut das immer, mit seinen Händen herumfuchtelte und die beiden Pole anzeigte.
«Und die Kombi von Ober- und Unterbegriff ist auch Blödsinn», so mein dritter Einwand, «die Glosse IST eine Textform, also ist es totaler Quatsch, von Glossen UND Texten zu reden.» Mike lachte wieder: «Klar, machen aber alle.»

Ja, da hatte er recht.
Machen alle.
Macht es aber nicht besser.

In meiner Strasse kann man sich z.B. bei NAILS & BEAUTY verschönern lassen. Auch SWIMMING & SPORTS habe ich schon gesehen. Und in Zürich wurde mal YOGA & ENTSPANNUNG angeboten. Was hiesse das jetzt im Einzelnen?
Wenn ich mir in besagtem Studio die Nägel machen liesse, dann wäre das eben keine Beauty, die gute Frau bietet also hässliche Nägel an, oder man kann sich sonst verschönern lassen, dann aber ohne Pedicure. Im Swimming & Sports kann ich scheinbar schwimmen, aber dann nur ganz langsam, mit Ruhepuls, im anaeroben Bereich, denn es darf ja kein Sport sein, wenn nebenbei auch Sport angeboten wird, das Sportangebot ist dann schweisstreibend und wild, beinhaltet aber keinen Wassersport. Und das Yoga? Es ist alles, aber nicht entspannend, denn nebenbei wird ja auch Entspannung angeboten.

Es ist ein unglaublicher Quatsch, der sich da auf dem Titelmarkt ausgebreitet hat. Wenn ich zwei Wörter mit einem «und» verbinde, kann das eine nicht ein Teil des anderen sein.
anderen…
anderen…
Warum setzt man nicht eben dieses Wort? Nägel und andere Schönheit? Schwimmen und andere Sportarten? Yoga und andere Entspannung? Dann gäbe das Ganze wieder Sinn.

Ich rief Mike an und teilte ihm mit, dass wir bis auf Weiteres bei der Dienstag-Freitag-Benennung blieben.
Um mich ein wenig abzureagieren, ging ich in den Park spazieren. Dort traf ich Christine, eine Bekannte von mir.
«Wohin des Weges?»
«Ins Frauen- und Lesbencafé»
«Wohin?»
«Bist du schwerhörig? Ins Frauen- und Lesbencafé.»

Ich brach zusammen und es brauchte eine Stunde, bis ich mich von meinem Weinkrampf erholt hatte.