Montag, 25. Dezember 2017

Das Ende des Choix du Roi in der Werbung



Ich stehe vor einem Werbeplakat eines Internet-Kaufhauses; wäre es ein Gemälde, müsste es den Titel Glückliche Familie unter dem Tannenbaum tragen. Das Plakat erfüllt so ziemliche alle Klischees, die wir von einem Weihnachtswerbeplakat erwarten, in einer geschmackvollen Wohnung ist ein nicht üppig, sondern geschmackvoll dekorierter Tannenbaum aufgestellt, unter dem geschmackvoll eingepackte Päckchen lagern. Vor dem geschmackvollen Ensemble Wand-Baum-Geschenke hat sich die Familie malerisch gelagert, der Mann zu einer 500 Franken-Jeans ein schickes weisses Hemd und (man will ja auch Lässigkeit zeigen) einen Dreitagebart. Die Frau ist ein wenig edler gestylt, Kleines Schwarzes und Perlenkette. Vor den glücklichen Eltern sind ihre glücklichen Kinder zu sehen, das Mädchen im entzückenden weissen Kleidchen und der Bub in einem roten Strickpulli.
Und jetzt, nun, in diesem Moment, beim genaueren Hinsehen wird einem die Modernität, wird einem die umwerfende Liberalität der Werbung bewusst. Nun, jetzt, beim exakten Gucken und beim genauen Studium ahnt man die gesellschaftliche Umwälzung, in der wir uns befinden, denn:

Der Bub ist jünger als das Mädchen.

Bislang galt nämlich bei allen Familiendarstellungen die Regel «Vater – Mutter (jünger als Vater) – Knabe – Mädchen (jünger als Knabe)». Die Herstellung von zwei Nachkommen, die beide Geschlechter abdecken und bei der der männliche Nachkomme 1-2 Jahre älter, ist wird als «Choix du Roi» bezeichnet. Ein König musste nämlich schauen, dass er a) einen Thronfolger hat und b) eine Tochter, die er an einen Regenten eines Nachbarreiches, mit dem man gute und freundschaftliche Beziehungen wünschte, verheiraten konnte.
Und nun dies.
Ein Umbruch, eine Revolution, eine fundamentale Neuerung, der Bub darf auch jünger als das Mädchen sein.
Merken Sie, wie viel emanzipatorisches Denken in einem solchen Weihnachtsplakat steckt? Hier werden alte Regeln auf den Kopf gestellt, hier werden Gesetze gebrochen, hier wird der Frau, hier wird dem weiblichen Geschlecht endlich zu seinem Recht verholfen.

Nun gibt es natürlich die Ewignörgler, gibt es die Dauermotzer, nun existieren die Progressivspinner, denen das nicht weit genug geht. Jene Leute, die den Werten einer christlich-abendländischen Kultur generell an den Kragen wollen. Menschen, die es wagen, ganz frech die folgenden Fragen zu stellen:
Warum Vater und Mutter und nicht zwei Männer oder zwei Frauen?
Warum überhaupt zwei und nicht nur ein(e) Erwachsene(r)?
Warum gerade zwei Kinder und warum eigene? Und nicht ein paar adoptierte, am besten noch aussereuropäisch?
Das Stellen solcher Fragen wird immer mit dem gleichen Sermon begründet, nämlich mit dem Argument das die Viererfamilie mit Choix du Roi (oder umgedrehter Königswahl) nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entspreche.
Aber ich bitte Sie!
Es geht doch drum, eine glückliche Gemeinschaft unter dem Weihnachtsbaum darzustellen. Und man muss ganz klar sagen, dass alle im letzten Jahrhundert aufgekommenen Parallelformen keine glücklichen Gemeinschaften hervorgebracht haben.
Zwei Männer können miteinander nicht glücklich werden, hier fehlt doch völlig das Sanfte, das Liebliche, hier fehlt das Ewige, Ruhende und Seiende.
Zwei Frauen können miteinander nicht glücklich werden, hier fehlt doch völlig das Strebende, das Tuende, hier fehlt der Ehrgeiz, der Blick nach vorne, die Kraft.
Alleinerziehende sind per se nicht glücklich.

Und mal ganz ehrlich: Wollen Sie wirklich ein Plakat angucken, auf dem zwei Schwuchteln sich mit gespreizten Fingern zuprosten? Wollen Sie ein Plakat, auf dem zwei Kampflesben sich Werkzeug und Motorradklamotten schenken? Wollen Sie einer unglücklichen, einsamen Frau mit ihrer verwahrlosten Brut zusehen? Wollen Sie schwarze oder gelbe Kinder unter dem Tannenbaum?
Ich nicht.

Nein, hören wir auf, immer das Verrückteste zu fordern. Freuen wir uns über die fortschrittliche und emanzipatorische Kraft, die in diesem Plakat liegt: Ein uraltes Gebot ist aufgehoben, ein Gesetz ist ausser Kraft, der Junge darf jünger, das Mädchen darf älter sein.

Das ist doch schon extrem viel.

In diesem Sinne: MERRY CHRISTMAS!!!!










Donnerstag, 21. Dezember 2017

Leichte Sprache

Wir machen jetzt ein kleines Quiz: Kennen Sie diese Passagen?

Ich bin sehr glücklich.
Ich bin nämlich weg.
Lieber Freund!
Das Herz von uns Menschen ist merkwürdig.
Ich mag dich.
Ich bin oft mit dir zusammen.
Und trotzdem gehe ich weg.
Und bin glücklich.

Alphons Clenin war Dorf*polizist in Twann.
Er fand am 3.11.1948 ein Auto.
Das Auto stand an der Strasse von Lamboing.
Die kommt an dieser Stelle aus dem Wald.
Der Wald gehört zur Twann*bach*schlucht.
Das Auto war ein blauer Mercedes.



Er stand oben auf seinem Dach.
Er sah auf die Insel.
Er war der Insel*herrscher.
Er war sehr vergnügten.
Er hatte einen Gast: den König von Ägypten.
Zu dem sagte er: «Das alles regiere ich! Ich bin sehr glücklich!»

Haben Sie die Beispiele erkannt?
Nein?
Es waren die Anfänge von Die Leiden des jungen Werthers von Goethe, Der Richter und sein Henker von Dürrenmatt und Der Ring des Polykrates von Schiller.

Zugegebenermassen in einer etwas anderen Form.

Man nennt das «Leichte Sprache», und eben diese ist ein Wunderding, das sich hoffentlich bald durchsetzen wird. Die Leichte Sprache wird unser Leben vereinfachen, simplifizieren, sie wird es erleichtern und beglücken, sie wird uns Zeit und Nerven zurückschenken. Nie mehr vor einem Amtsbrief sitzen, den nur ein Jurist verstünde, nie mehr vor den Klassikern zurückschrecken, endlich auch bei Diskussionen über Adorno oder Hegel mitreden können, endlich alles kapieren. Die Leichte Sprache ist also sozusagen der Sprühreiniger der Linguistik, sie ist der Reissverschluss der Sprachwissenschaft, sie ist der Allesaufeinenruckzerkleinerer der Deutschdidaktik.

Die Leichte Sprache funktioniert nach wenigen, aber klaren Grundregeln:
Kurze Sätze.
Hauptsätze.
Wenig Fremdwörter.
Zusammengesetzte Wörter werden durch einen Punkt getrennt, den Medio*punkt.

Und nun hören wir natürlich schon wieder die Ewiggestrigen, die Berufsnörgler, wir hören die Stetsquerulanten und die Altbackenen, hören die Bildungsbürger und Sprachfetischisten jammern:
Verarmung der Sprache! Ende des Deutschen!


Und nun hören wir auch wieder die Vergeistigten, die Philosophischen, die Schöngeister, wir hören die Steinerleute und die Lyrikfetischisten, die anmerken, dass eine komplexe und schwierige Sprache für einen schönen Text eben manchmal nötig sei, dass es eben das Literarische an der Sprache ausmache, nicht immer einfach zu sein.

Aber wir werden uns nicht diesen Leuten richten. Die Rettet-die-Deutsche-Sprache-Fraktion ist nämlich eindeutig in der Minderheit.
Zum Glück.
Was sind denn das für Heinis, die «heterogen» sagen, wenn man auch «nicht einheitlich» sagen könnte, die von «Anthropologie» reden, wenn es «Menschen*kunde» gibt? Was sind das für Deppen, die Gedichte auswendig lernen oder – viel, viel schlimmer – sie auch noch tanzen? Was sind das für Leute, die in jedem Satz einen Nebensatz, der einen Nebensatz, der ebenfalls einen Nebensatz provoziert, einhält, einbauen müssen?
Es sind verquaste, blutarme und körperlose Typen.
Typen, die mit ihrer komplexen Sprache die Schwachheit ihres restlichen Lebens kaschieren. Machen Sie den Test! Lassen Sie mal einen Kerl, der «heterogen» und Anthropologie» sagt, der Ihnen Gedichte vortanzen will und in jeden Satz einen Nebensatz, der einen Nebensatz, der ebenfalls einen Nebensatz provoziert, einhält, einbaut, sein T-Shirt ausziehen. Werden Sie dort ein stahlhartes, definiertes Sixpack sehen, einen Waschbrettbauch, der auf jedes CK-Plakat könnte?
Mitnichten.
Da schwabbelt es.
Mit der scheinbar schönen und komplizierten Sprache wird nur vom untrainierten Körper abgelenkt.

Freuen wir uns also auf den Einzug der Leichten Sprache.
Freuen wir uns auf einfache, unverquaste, auf lesbare Texte.

Auch dieser Blog wird ab 2018 in Leichter Sprache geschrieben.


Gelegentlich.