Montag, 21. November 2016

Alle 12 Minuten verlieben? Vom Internetdaten



Alle 12 Minuten verliebt sich ein Single über LOVEFOREVER®

Das lese ich auf einem Plakat am SBB und ich denke, wie blöde muss denn dieser Single sein, dass er sich alle 12 Minuten verguckt, und vor allem wie unbeständig, alle 12 Minuten, das ist ja eine unglaubliche Frequenz, bis ich irgendwann begreife, dass es nicht derselbe Single ist, sondern das Ganze eine statistische Angabe.

Also rechne ich noch einmal ein wenig herum: LOVEFOREVER® hat als grösste Online-Partnerbörse nach eigenen Angaben 132.000 User, wenn also alle 12 Minuten ein Verliebungsvorgang stattfindet, dann bedeutet das für jede(n) Einzelne(n) einmal Verlieben pro Woche, laut meiner Rechnung, mein Erzengel kommt auf andere Daten. Ist das normal? Wahrscheinlich schon. Man muss natürlich von Singles ausgehen. Für einen verheirateten Menschen wäre es ja ziemlich doof, sich jede Woche zu verlieben, es sei denn – Romantik herrscht! – jede Woche erneut in die eigene Frau, in den eigenen Mann. Aber für einen Single ist die Wochenfrequenz sicher eine gute Rechenbasis.

Nehmen wir zum Beispiel meinen Kumpel Herbert, der verliebt sich permanent und aus den diffusesten Gründen. Er verliebt sich in den Mann an der Supermarktkasse, weil der so geile Grübchen hat, er verliebt sich in den Schalterbeamten wegen dessen Händen, er verliebt sich in die Stimme des Busfahrers der Linie 97 und in das Sixpack des Kerles in der Schwimmbaddusche. Er verliebt sich, wenn ihn ein Typ anlächelt, wenn ein Typ ein gutes Buch liest und wenn ein Typ ihn auf der Rolltreppe vorlässt. Neulich hat er sogar den Koch vom Ristorante Roma, von dem er nur seine Produkte kannte, wunderbare Gnocchi al Salmone und ein hauchzartes Bistecca, aus der Küche holen lassen, um ihm einen Heiratsantrag zu machen. Allerdings musste er ob des Alters (70), des Aussehens und der eklatanten Heterosexualität von Giovanni Hibardi dann doch davon absehen.

Alle 12 Minuten verliebt sich ein Single über LOVEFOREVER®

Kann also sein.
Aber wäre es nicht spannender herauszufinden, wie oft sich Menschen ineinander verlieben? Ich meine, das ganze Problem bei der Liebe liegt doch in der Einseitigkeit. Dass ich mich verliebe, ist nur die eine Seite, die andere ist, wer sich in mich verliebt.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Das hat einen andern erwählt
Der andere liebt eine andere
Und hat sich mit dieser vermählt.

So dichtet Heine. Oder nehmen sie doch nur einmal den Sommernachtstraum, der ganze Schlamassel beginnt damit, dass Demetrius in Hermia verknallt ist, die aber Lysander nachrennt, Demetius aber nun von Helena verehrt wird, die aber keine Chance hat, weil ja…

Es ist eine alte Geschichte
Doch ist sie immer neu
Und wem sie jüngst passierte
Dem bricht das Herz entzwei.

Wäre es also nicht viel spannender, wenn man angeben würde, wie oft sich Menschen ineinander verlieben? Oder gibt es darüber keine Infos? Oder passiert das bei LOVEFOREVER® gar nicht? Das wäre für eine Partnerfindungsheimseite allerdings ziemlich doof. Manchmal frage ich mich, ob diese Datingportale es überhaupt bringen. Was erfahren Sie dort überhaupt über einen Menschen? Gut, Sie sehen sein Foto. Das sieht meistens erfrischend nett aus, Fotoshop sei Dank. Und Sie erfahren die Basics, hat er oder sie einen Hund, lebt sie oder er auf dem Land oder in der Stadt, sie können sich über Beruf, Hoobys, über Lieblingsreiseziele oder Lieblingsessen informieren, über (positive) Charaktereigenschaften und (positive) Ziele. Die entscheidenden Fakten, die für die Anbahnung einer Beziehung doch ganz hilfreich wären, wird man tunlichst verschweigen. «Schnarcher.» oder «Bin pleite.» oder «Kann nicht aufräumen.»

Was völlig fehlt, sind Stimme und Geruch. In einem seiner unglaublich witzigen Programme lässt das Kabarettpaar Maul- & Clownseuche den Mann beim ersten Date in breitestem und widerlichstem Schwäbisch sagen: «Bisch du die Loolaa? I ben dr Wenfried.» Später meint Lola zu ihrem Roommate, dieses Detail sei ihr beim Chatten gar nicht aufgefallen. Kunststück.
Gut, aber das könnte man mit Sounddateien ja noch regeln; völlig verborgen bleibt das Odeur. Dabei weiss man doch inzwischen, dass der Geruch, die ausgesendeten feinen Duftpartikel, über Sympathie oder Antipathie entscheiden. Der Satz Ich kann ihn nicht riechen ist also absolut wörtlich gemeint. Was nützt es also, wenn die Profile zweier Menschen so unglaublich schön zu einander passen, so passen wie Topf und Deckel, wie ein Puzzlestück zum anderen, aber die Nase beim Date sofort verkündet: Nein, den/die nicht!

 Alle 12 Minuten verliebt sich ein Single über LOVEFOREVER®

Es wäre hilfreicher, die anderen Statistiken zu erfahren: Wie oft verlieben sich zwei Menschen ineinander? Wie oft entsteht wirklich eine Beziehung? Und wie oft eine, die länger als drei Tage hält? Aber den Machern von LOVEFOREVER® geht es ja nicht darum, Leute glücklich zu machen. Es geht um Klicks, und der verzweifelt Suchende, die verzweifelt Spähende klickt eben dauernd, wer gefunden hat, klickt nicht mehr.  
   

Freitag, 18. November 2016

Trumpeltier III: Wie weiter? oder: Er ist wie das Wetter

Wie geht man nun mit dem Trumpeltier um? Das ist doch eigentlich the most important question, die sich uns in den nächsten Wochen stellt. Ganz sicher nicht so, wie es einige Amis machen. Es ist absolut inkorrekt und undemokratisch, sich mit

THIS ASSHOLE IS NOT MY PRESIDENT

auf die Strasse zu stellen. Immerhin ist Donnie the elected President er USA. Bei Bush hätte man das noch tun können, der war ja wahrscheinlich gar nicht gewählt, wobei man das nie herausfinden wird, die Nachzählung im Südoststaat wurden gestoppt.
Das Einzige, was jemand unternehmen kann, der nun so ganz und gar nicht in einem Trump-Amerika wohnen will, ist auswandern. Und genau dies haben ja etliche Promis angekündigt. Man darf also gespannt sein, ob sie es wahrmachen; wird also Matt in realiter an die Spree ziehen? Als grosser Damonianer freue ich mich schon darauf, ihn beim Muschelkaufen im KaDeWe zu treffen oder in einer Spunte in Neukölln, I’m looking forward to meet him, während er am Paul Lincke-Ufer joggt, während er über den Kudamm schlendert oder am Wannsee Berliner Weisse trinkt. Oder vielleicht sogar in einem der über 30 Hallenbäder, am Helene Weigel-Platz, auf der Fischerinsel oder am Anton Saefkow-Platz unter der Dusche steht. (Ja, liebe Onliner, geschenkt, darüber würde ich mich natürlich besonders freuen…) Aber eventuell war die Ankündigung auch nur heisse Luft.

Was machen wir also nun mit Donnie? Man könnte ihn natürlich stürzen. Immerhin haben die Vereinigten Staaten von Amerika im Beseitigen von gewählten Präsidenten eine grosse Übung, ganze Abteilungen in der CIA waren jahrelang mit nichts anderem beschäftigt. Allerdings schubste man stets die Staatsoberhäupter anderer Nationen vom Sockel und nicht die eigenen. Würde die CIA nun auch die Ermordung des Präsidenten der USA anzetteln, oder müsste man da z.B. die Chilenen anfragen? Als Revanche für Allende sozusagen? Nach dem Motto: Gewählte Politiker um die Ecke bringen macht so Spass, jetzt dürft ihr auch mal? Aber wahrscheinlich werden weder die CIA noch der Secret Service Chiles sich auf so etwas einlassen.

Was ist also zu tun?
Sie wollen wirklich eine Antwort?
Gut.
Die Antwort lautet:
Nichts.

Wir müssen das Trumpeltier hinnehmen.
So wie wir vieles hinnehmen.

Denken Sie doch beispielsweise ans Wetter. Wir klagen völlig ohne Sinn und Zweck über Regen, Schnee, Sturm, wir motzen über zu hohe und jammern über zu tiefe Temperaturen, wir hadern mit Nebel und Reif, mit Graupel und Niesel. Dabei ist dies völlig nutzlos, denn ÄNDERN können wir das Wetter nicht.
Nehmen wir Trump also hin, wie einen verregneten Sommer, einen viel zu lauen Winter, nehmen wir ihn hin wie Glatteis, zähen Nebel oder Hagel, erdulden wir ihn wie einen Kälteausbruch im Mai, der den schon erblühten Bäumen die Blüten killt, ertragen wir ihn wie einen Sturm, der uns die Blätter und alte Papierfetzen ins Gesicht weht.

Oder denken Sie an eine der vielen Krankheiten, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Sagen Sie jetzt bitte nicht, Krankheiten seien heilbar, man weiss doch, ein grippaler Infekt geht MIT Medizin eine Woche und OHNE 7 Tage. Nein, wenn uns die Bazillen wirklich erwischt haben, dann hilft nur das gute alte Bett, reinliegen, schwitzen, Tee trinken, da hilft schlafen und dösen und warten. Auf keinen Fall hilft Jammerei oder Motzerei, die Erreger toben sich aus, ganz egal, ob wir wütend oder stoisch reagieren. Nehmen wir Donnie also wie eine Krankheit, eine schon ein bisschen chronische, aber eine, die in 48 Monaten auch überstanden sein wird.

Oder denken Sie an einen Verkehrsstau: Wenn Sie drinstecken, dann nützt Ihnen die ganze Flucherei nix, Sie können wütend auf das Lenkrad hauen, Sie können sich in den Finger beissen, Sie können ein ganzes Arsenal von unflätigen Ausdrücken loslassen, weiterkommen tun Sie damit keinen Meter. Nehmen wir Donnie also hin, hin wie ein fetter Stau auf der A8 bei Pforzheim, wie einen High Noon auf dem Kölner Ring, hin wie eine Baustelle auf der A2 oder ein Auffahrunfall auf der Basler Nordtangente.

The most important question, die sich uns in den nächsten Wochen stellt, ist doch eigentlich:
Wie geht man nun mit dem Trumpeltier um?

Sie wollen wirklich eine Antwort?
Gut.
Die Antwort lautet:
Erdulden. Erleiden. Ertragen.
Wie einen Regentag.
Wie eine Grippe.
Wie einen langen, fetten, sichnichtauflösenden Verkehrsstau.


Dienstag, 15. November 2016

Trumpeltier II: Das unbegreifbare Wahlsystem



Wenn ich hier vom Begreifen von Wahlsystemen schreibe, meine ich nicht, dass wir kapieren, wie das Wahlsystem eines Landes funktioniert. Das ist ja kompliziert genug und Strassenumfragen zeigen, wie wenig manche Zeitgenossen eigentlich checken, was sie da an der Urne tun. So hielten schon 67% der in der BRD befragten die Erststimme für wichtiger als die Zeitstimme (das Gegenteil ist der Fall), nur 35% konnten die Begriffe «kumulieren» und «panaschieren» erläutern und 71% gaben an, wem sie bei der Bundespräsidentenwahl ihre Stimme geben würden (er wird nicht vom Volke gewählt).

Nein, wenn ich vom Begreifen rede, meine ich, dass wir irgendwie verstehen, warum ein Wahlsystem so ist, wie es ist, praktisch, skurril, widersinnig, lustig, schräg oder geheimnisvoll oder alles zusammen. Und ich rede nicht von der Wahl in sogenannten Demokratien, in denen es eh nur einen Kandidaten gibt (der Rest wurde erschossen), der dann – Wunder über Wunder über Wunder – 98% der Stimmen erhält. (Warum eigentlich nur 98%, wenn alle Konkurrenten tot sind?) Nein, ich rede vom Wahlsystem der USA, das uns alle vier Jahre wieder masslos in Erstaunen versetzt.

Stellen Sie sich vor, die Deutschen dürften wirklich den Bewohner von Schloss Bellevue selber bestimmen. Und zwei sehr unterschiedliche Kandidaten stünden zur Elektion: Wilhelm Genazino und Dieter Bohlen. Jetzt gäbe es natürlich die simpelste Möglichkeit, einfach die Prozente aller in der BRD abgegebenen Stimmen zu errechnen. Da erhöbe sich aber die Firma, die immer das Catering nach der Bundesversammlung macht und wiese auf einen 30 Jahre-Vertrag hin. Also gut, dann macht man eben eine Versammlung und jedes Bundesland schickt eine Anzahl Leute, proportional ihrer Einwohner, das Saarland z.B. 10 für Dieter und 5 für Wilhelm.

Aber dann käme jemand auf die Idee, dass, wenn die Wahlleute im gleichen Zug von Saarbrücken nach Berlin sässen, sie vielleicht Streit bekämen und schlüge vor: Jedes Bundesland schickt ALLE seine Leute für den im Land Gewonnenhabenden, also alle 15 für Didi. Das Drittel Saarländer, das den Büchnerpreisträger wollte, wird unter den Tisch gefegt.

Blöd, gell?

Aber genau ist das US-System.
Hier stimmt ein Bundesstaat immer geschlossen, Sie haben also ALLE Elektoren aus Texas oder Ohio oder Sie haben KEINEN Elektor aus Texas oder Ohio, so einfach ist das. Und so wenig zu begreifen. Hinzukommt, dass es Staaten gibt, die immer gleich abstimmen, klare Demokraten- oder Republikanerstaaten und nur wenige, die mal so und mal so entscheiden, die sogenannten Swing States. Wenn Sie nun also in Texas für die Demokraten stimmen möchten, können Sie es genauso gut sein lassen, sich gemütlich eine Tasse Tee machen und MTV gucken, Ihre Meinung fällt unter alle Tische. Wenn Sie in Kalifornien republikanisch wählen möchten, ist das ebenso unsinnig, Sie brauchen Ihr Votum nicht abzugeben, es taucht nirgendwo auf, gehen Sie in schönes Restaurant, essen Sie ein Steak und vergessen Sie die Angelegenheit.

Aber warum ist das so?
Weil das typisch amerikanisch ist.
Es gibt nur schwarz oder weiss, gut oder böse. Schauen Sie sich mal einen klassischen Western an. Der Sheriff und seine Helfer sind glattrasiert, gut angezogen und 100% gut, ohne Fehl und Tadel und die Schurken sind zerlumpt und dreitagesbärtig und 100% böse. Und die Guten gewinnen natürlich.
Ein Mensch ist entweder ein treuer Bürger oder er ist aufmüpfig und lästerlich, dann ist er Kommunist. Mit dieser feindifferenzierten Methode hat McCarthy seinerzeit selbst Grössen wie Charlie Chaplin vor seine furchtbare Kommission gezerrt.
Für die gefühlten 80% Evangelikalen im Land sind Sie Christ, das heisst wiedergeboren, born again, oder Sie sind es nicht, eine verlorene Seele, a lost soul. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so interessante Menschen wie Böll, wie Hüsch, wie die Ranke-Heinemann oder die Sölle, ob ein Gollwitzer oder ein Geissler, oder selbst ein Anselm Grün das Siegel «born again christian» erhalten hätten oder erhalten würden, nein, wahrscheinlich würde man sie zu den verlorenen Seelen zählen und sie mit Traktaten und Einladungen überschütten.
Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.
Und so kann ein Staat eben auch nicht geteilter Meinung sein, er ist immer GANZ Rep oder GANZ Demo.

Das amerikanische Wahlsystem kann man technisch durschauen.
Aber begreifen kann man es nicht.