Donnerstag, 6. August 2015

Nolde in Lindau: Viel BLAU, viel Nazi

Jedes Jahr um die Bregenzer Festspielzeit rüstet auch das Oberbayrische Lindau kulturell auf: Im Stadtmuseum wird eine grosse Ausstellung organisiert, nach der Devise „Bekannter Name – viele Besucher“, also keineswegs wie das Kunsthaus Bregenz, das dieses Jahr eine unglaublich spannende Retrospektive der Malerin Joan Mitchell präsentierte, nein, in Lindau hält man sich an Leute, die auch Kleinfritz und Kleinliese kennen. Zu der Ausstellung wird jeweils eine Farbe ausgesucht, die einen dann in der ganzen Stadt nervt, parallel dazu wird auch der wunderschöne Renaissance-Neptun-Brunnen künstlerisch verschandelt.

Im letzten Jahr war dies Miró und ROT, ROT waren die Plakate und Flyer, ROT war der Teppich, der zum alten Stadthaus führte, ROT waren die überlebensgrossen, affenhässlichen Blumenpötte, die man auf Platz und rund um den Meeresherrscher platziert hatte.

Dieses Jahr war es Nolde und BLAU. Augenschmerzend BLAU waren die Hinweise, Werbetafeln und Aushänge, BLAU war die Treppe, BLAU waren die Strandkörbe, die den Sand zierten, den man um das Renaissancekunstwerk gestreut hatte – für diese Massnahme gehört ein Kurator schlicht und einfach geköpft, zumal es nichts, gar nichts mit Nolde zu tun hat, ausser das Stichwort norddeutsch, aber na ja.

Die Retrospektive stand unter dem Motto Der ungezähmte Strom der Farbe, was natürlich auch schon ein Schwachsinn ist, denn ich erwarte ja von einem Maler, dass er die Farbe zähmt, ungezähmte Farbe kriegt auch meine Katze hin, wenn sie einen Lacktopf umschmeisst oder jedes Kind, wenn man ihm genügend Zeit und Material lässt. Spannend war aber, was da als Text unter der Headline Der ungezähmte Strom der Farbe stand: Auch auf die widersprüchliche Rolle des Künstlers im Dritten Reich – er sei verfemt gewesen, obwohl er gewisse Sympathien gehegt habe – werde eingegangen.

Nun läuteten bei mir ganz leise die Alarmglocken (ja, auch Alarmglocken können leise läuten) und ich ging ein wenig an die Recherche, vor allem, weil ich neulich in den Raddatz-Tagebüchern (Pflichtlektüre, liebe Leserinnen und Leser!) schon sehr viel sehr Übles über den guten Emil gelesen hatte. Die Faktenlage ist relativ klar: Herr N. war glühender Nazi, NSDAP-Mitglied ab 1934, Verfechter einer germanisch-nordischen Kunst, er war Antisemit, Hetzer z.B. gegen Liebermann (zu dem übrigens die Strandkörbe gut gepasst hätten) und er war ein Protegé von Goebbels und Speer. Einen kleinen Schönheitsfleck gab es allerdings, weil der Führer die Bilder nicht mochte, er fand sie zu abstrakt, zu wild, zu klecksig, mit einem Wort: entartet. So bekam der gute Emil nicht, was er sich so sehnlichst wünschte: Die bedingungslose Liebe Adolf Hitlers.

Nach dem Krieg konnte man dann die Geschichte natürlich einfach um 180° drehen: Der arme Herr N. wurde zum Entartet-Verfemten, zum künstlerisch Verfolgten, damit wurde verhindert, dass seine Bilder in die Keller gekommen wären, wo sie hingehören, und er konnte weiter malen.
 
Es gab viele, zu viele solche Biografien, 1945 wimmelte es ja geradezu von Verfemten, Verfolgten, man konnte die Schar der Leute, die sichtbar oder unsichtbar im Widerstand gewesen waren, gar nicht abzählen. Alle, alle, alle hatte Hitler nicht gemocht, geliebt, er hatte sie beschimpft und gemieden, und dass sie selber um seine Liebe gebuhlt hatten, konnte man ja getrost verschweigen. Ich habe einen abstrusen Fall in der eigenen Verwandtschaft: Ca. 1936 bot sich in der Familie meiner Mutter das folgende Bild: Grosspapi deutschnationaler Exmilitär, Mutter Teenie, Grossmami glühende Nazi. Als nun die Oma in die NSDAP eintreten wollte, meinte der Opa, dass er als Beamter drin sein müsse und die Tochter zwangsweise im BDM, und 2 von 3 sei jetzt wahrlich genug und er würde es ihr schlicht und einfach verbieten. So trug 1945 die einzige Hitlerianerin der family eine makelos weisse Weste.

Ich habe mich lange gefragt, angesichts dieser Historien, angesichts auch des widerlich-permanenten BLAUS, angesichts der Strandkörbe, die mich so nervten (unser Hotelfenster geht direkt auf den Neptunbrunnen), ich habe mich gefragt, ob ich mir die Ausstellung antun sollte oder nicht.
Ich hatte Glück, das Wetter war zu schön, und so blieb zwischen Frühstück und Festspielhaus (Contes d'Hoffmann) bzw. zwischen Zmorge und Seebühne (Turandot) nur Zeit für die herrlichen Strandbäder, immerhin 30° im Schatten und einen der schönsten Seen in Schnupperweite, und für Joan Mitchell.

Mitchell, die übrigens mit der Sängerin Joni Mitchell NICHT verwandt ist, hat Bilder gemalt, die nun wirklich einen ungezähmten Strom der Farbe zeigen, das ist wunderbar wild und explosiv und kraftvoll, die Österreicher hätten sich aber ein so saublöden Titel nie einfallen lassen, denn die Malerin hat jedes auch noch so heftige Aufknallen des Pinsels klar gesetzt. Überhaupt: Schöne Plakate mit einem Foto der Künstlerin mit Hund, kein ROT oder BLAU (ich schaudere: Kommt nächstes Jahr GELB? Oder GRÜN?), keine Scheusslichkeitspötte und keine deplatzierten Strandkörbe. Manchmal sollte man halt als Oberbayer über die Grenze fahren und von den doch etwas kultivierteren Nachbarn lernen.

Auf jeden Fall habe ich nun ein Lebensziel: Viel Kohle machen, alle Noldes aufkaufen und dann kommen sie in den Keller.

P.S. Vielleicht brennt Ihnen nun eine Frage auf der Seele, die ich unbedingt beantworten will: Ich habe mir keine Badehose gekauft. (s. Post vom 22.6.2015)   

      

Dienstag, 4. August 2015

Was steht auf Ihrem T-Shirt?

Eine Mutter kommt mir entgegen, an der Hand zwei Söhne, vielleicht vier und sechs, der ältere trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck RULES ARE THERE TO BE BROKEN. Gut, denke  ich, gut, aber die Frau muss sich nicht wundern, wenn ihr Filius sich ein wenig rebellisch gebärdet, schickt sie ihn so eigentlich auch in die Schule?
Ein paar Schritte weiter ein junges Mädchen, vielleicht sieben, acht Jahre alt, mit dem T-Shirt-Schriftzug LOST IN LOVE. Weiss es eigentlich, was das heisst, wissen es die Eltern und wer lässt so ein junges Ding mit so was rumspringen?

Die meisten meiner Schüler haben keinen blassen Schimmer, was sie auf Bauch, Brust und Rücken stehen haben und fallen dann meistens aus ihren blauäugigen Wolken, wenn ich es ihnen sage.
Und Sie?
Machen wir doch mal einen Test: Ziehen Sie bitte Ihr T-Shirt aus.
Jetzt zieren Sie sich doch nicht, ich gucke Ihnen nix weg, kann ich ja gar nicht. Ach so, Sie sind im Bus, im Tram, Sie sind in einem Café, einem Restaurant oder in der DB-Lounge. Dann holen Sie das zuhause nach. Alle anderen aber jetzt: Ausziehen! So, und jetzt legen Sie ihr Kleidungsstück mal vor sich auf den Tisch und betrachten den Schriftzug, die Schriftzüge.

Wenn wir Glück haben, steht da nix. Wenn wir fast Glück haben, steht da nur eine Marke. Schön, weiter nicht schlimm, ich verstehe zwar nicht ganz, wieso Sie bei D&G oder A&F oder sonst einem &-Label teure Sachen kaufen und dann für D&G, A&F oder X&Y auch noch Reklame laufen, eigentlich müssten DIE Ihnen ja das Shirt schenken und Sie für die Werbung bezahlen, aber gut und schön, des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Weniger Glück haben wir, wenn da auf die blaue oder rote oder schwarze Baumwolle das Logo einer Amerikanischen Uni oder eines Amerikanischen College aufgedruckt ist. Jetzt müssen Sie nämlich ein wenig googeln. Wo liegt dieses Teil, was wird dort unterrichtet und von wem? Haben Sie z.B. FOSTER COLLEGE – THURTOWN MICHIGAN – FOUNDED 1950 auf Ihrer roten, blauen oder schwarzen Baumwolle, dann sollten Sie wissen, dass Thurtown ein Kaff im hintersten Winkel von Michigan ist, und das dort beheimatete College eine Kaderschmiede für Militärs. (Deshalb liegt es auch so mitten im Wald.) Viele Irak- und Golfkrieger, Wüstenstürmer und Ölkämpfer haben dort studiert und gelernt. Eventuell mögen Sie nun Ihr T-Shirt nicht mehr so arg, aber das war es mir wert. Und wenn Ihnen einfällt, dass Sie genau dieses rote, schwarze, blaue oder gelbe Teil zum letzten Ostermarsch getragen haben, machen Sie sich keine Sorgen: Niemand kennt das FOSTER COLLEGE, aber vielleicht ziehen zur nächsten Anti-Kriegs-Demo ein anderes Oberteil an.

Ganz kompliziert wird es, wenn da Sprüche und Sentenzen, Verse und Slogans in fremden Sprachen stehen. Können Sie gut genug Englisch um den Doppelsinn in Spruch und Sentenz zu verstehen? Ist Ihr Französisch perfekt genug, um zu begreifen, was da in Vers und Slogan wirklich gemeint ist?
Vielleicht fallen auch Sie aus einer blauäugigen Wolke, wenn Ihnen ein Muttersprachler dann mal erklärt, was Sie in Wirklichkeit da auf Brust, Bauch und Rücken herumtragen.

Unendlich schwierig wird es bei fremden Schriften. Eine junge Frau hatte einmal Schriftzeichen von einer Speisekarte eines China-Restaurants abgemalt und sie auf ihr T-Shirt übertragen, einfach, weil ihr die Dinger so gefielen. Als sie merkte, dass Chinesen immer so merkwürdig grinsten, wenn sie vorbeiging, liess sie sich den Satz doch einmal übersetzen: Auf ihren Brüsten stand BESONDERS LECKERE UND PREISWERTE NASCHEREI. Eventuell ein Urbaner Mythos, aber ein guter.

Nein, mir wäre unwohl, wenn ich nicht wüsste, was da auf Rücken, Bauch oder Brust steht. Arabische Schrift sieht klasse aus, aber kann es dann nicht sein, dass ich da einen Koranvers verkünde? Ich wüsste dann gerne, welchen, gegen das Lob der Schöpfung habe ich nichts, es gibt aber nun auch ein paar etwas problematische.
Was heisst das Kyrillische auf meinem Hemd? Feiere ich da gerade Stalin oder Trotzki, Lenin oder Chrustschow?
Mein Partner trägt ein Hemd mit Sanskrit darauf. Sieht toll aus, richtig toll, und Sanskrit ist ja nun eine heilige, reine Sprache.
Ist es das aber garantiert immer?
Gibt es vielleicht nicht doch auch in Sanskrit geschriebene Hässlichkeiten?

So, nun dürfen Sie ihr T-Shirt wieder anziehen, dürfen Brust, Bauch und Rücken wieder bedecken.

Wenn Sie den Spruch darauf noch mögen.
Wenn nicht: Es gibt texaid-Container.
Und zu ihrer chaotischgemusterten Short sieht uni OHNE SCHRIFT eh am besten aus.

 

Freitag, 31. Juli 2015

Alles immer besser ausgedrückt...

Ein Wort, das ich für meine Germanistikprüfung wie ein Schwein geübt habe, ich konnte es wochenlang nicht ohne Stocken aussprechen, war das Wort Determinativkompositum. Es bezeichnet ein zusammengesetztes Wort, bei dem die erste Hälfte die zweite erklärt. Oft wird der Inhalt angegeben, wie z.B. bei Mango-Mousse, oder aber auch die Funktion. So ist ein Koch-Topf ein Topf, in dem man Sachen kocht, meistens essbare, und eine Brat-Pfanne eine Pfanne, in der man brät, auch meistens essbare Dinge.

Wie ich im letzten Post erwähnte, vermeiden wir bei unangenehmen Dingen aber genau diese genaue Angabe. Was ist ein Fallbeil? Ein Beil, das fällt. Aber wozu? Müsste es nicht Tötungsbeil, Kopf-ab-Beil oder Nackentrennbeil heissen? Müssten wir nicht Hexenvernichtungs-, Ketzerverbrennungs- oder Hinrichtungshaufen statt Scheiterhaufen sagen, was ja determinativkompositumstechnisch einfach ein Haufen aus Holzscheiten ist? Müssten wir nicht Vergiftungsspritze statt Giftspritze sagen?

Besonders nett ist es, wenn die Worte französisch sind.
Guillotine. Klingt das nicht nach Frauenname?
J’aime deux filles galantes: Marie-Claire et Guillotine…
Vielleicht auch nach einem Nahrungsstoff : Bitte geben Sie, nachdem Sie die Eier untergerührt haben, noch ein wenig Guillotine in die Créme…
Dabei ist das Ding ein Turbofallbeil, mit dem man in den wilden Pariser Zeiten die Anzahl an abgetrennten Köpfen pro Tag um ein Vielfaches steigern konnte.
Genauso schön klingt Garotte.
Ein Tanz? Den fulminanten Abschluss des Balles bildete eine extra für das Fest von Hofcompositeur Lalaix geschriebene Garotte… Oder ein Fluss? Vielleicht hat man die Ferien in einem entzückenden Mittelalterstädtchen im Midi verbracht, dem so überaus reizenden Bourg de Blussaux, malerisch an der Garotte gelegen… Ist es ein Gemüse?  Escalope de cerf avec Pommes alumettes et Garottes…
Keineswegs. Die Garotte ist eine der fiesesten Tötungsarten, eine Schlinge um den Hals, die dann ganz, ganz, ganz in Zeitlupe zugedreht wird. Diese Hinrichtungsmethode ist besonders qualvoll und wurde bei angeblichen Staatsfeinden und Juden angewandt, umso mehr, wenn sie beides waren, so wie Joseph Süss Oppenheimer.

Warum sagen wir nicht Kopf-ab-Beil oder Turbo-Kopf-ab-Beil oder Hexenverbrennungshaufen , Vergiftungsspritze und Hinrichtungsstuhl, wenn doch allen klar ist, was gemeint ist? Weil wir Euphemismen lieben. Die Welt ist so grausam und fies und hässlich, dass wir meinen, sie wird ein Stückelein besser, wenn wir sie nicht auch noch als grausam, fies und hässlich titulieren.

Das treibt manchmal so wunderbare Blüten, dass man sich vor Lachen kringeln könnte.
Da meinte neulich ein Mann zu mir, er habe während der Hitzewelle ziemlich transpiriert.
Transpiriert? Ich habe geschwitzt, geschwitzt und nochmal geschwitzt, bei 39° im Schatten transpiriert man nicht mehr.
Da sagt neulich jemand, der und der sei eher praktisch veranlagt. Was auf Deutsch heisst: Dumm.
Da redet jemand von Inneren Werten und meint: Die Aussenansicht ist nicht gerade fototauglich, also auf Deutsch hässlich.

Während die Toilette, die eigentlich die Gesamtaufmachung einer Dame benamste (Grosse oder Kleine Toilette), bei uns das exakte Determinativkompositum  Scheisshaus verdrängt hat, dürfen Sie in Amerika auch nicht mehr toilet sagen sondern bathroom. 

Nein, manchmal sollten wir die Dinge wirklich beim Namen nennen. Sache und klaren Zweck.
Dafür haben wir das Determinativkompositum ja erfunden.
Das übrigens selber auch eines ist...

Dienstag, 28. Juli 2015

Hus zum 600. Todestag: Ist selber denken noch in?

Wäre der Griechische Ex-Finanzminister 600 Jahre früher zu einer internationalen Konferenz erschienen, hätte man ihn wahrscheinlich auf das Gerät bugsiert, das so herrlich euphemistisch als Scheiterhaufen bezeichnet wird. (Die Holzscheite sind ja nicht das Problem, das Problem ist, dass sie brennen, aber es kommt ja in allen Tötungsmaschinen das Wort TOD nicht vor, dazu ein anderes Mal etwas.) Jedenfalls kommen, wenn man in einer unterlegenen Position ist, freche Schnauze und Stinkefinger nicht so gut an. Dem guten Jan hatte man 1415 Jahren freies Geleit zugesichert, in der Hoffnung, er benehme sich anständig, was er auch teilweise tat, er zeigte keinen Mittelfinger (gab es den schon?), war aber ansonsten frech. Und so sah man sich gezwungen ihn – trotz der Zusicherung freien Geleites – auf das bucerium zu befördern. (Es gibt dieses Wort nicht, aber es klingt mehr nach Latein. als das korrekte "rogus", das ist so wie mit Handy und mobil phone)

Hus hatte alle verärgert, die Kardinäle und Bischöfe, die Könige und Päpste (ja, Plural, es gab derzeit 3 davon), aber sicher auch die wichtigste Person, die Nutte Imperia, die Sie heute am Eingang des Konstanzer Hafens sehen können, frech ihre Scham zeigend und Kaiser und Papst in der Hand haltend. Imperia war auf jeden Fall sauer auf den Ketzer, dennn Männer, die die Oberen der Unmoral zeihen, sind schlecht fürs Geschäft. Man stelle sich vor, die Kirchenleute hätten sich auf einmal ihres Gelübdes erinnert…

Hus‘ Botschaft war so simpel wie heikel: Untertanentum und Unterwerfung  müssten aus freiem Willen geschehen und die Menschen sollten mit ihrem Verstand prüfen, wem sie dienen, sollten ihren Grips also benutzen, er war also quasi ein Vorreiter der Reformation und der Aufklärung. Was mich aber an den Beiträgen, die in der NZZ und ZEIT, in SRF und SWR zum 600. Jubiläums seiner Verbrennung erschienen, so stört, ist, dass alle betonen, in unseren Zeiten seien seine Ideen verwirklicht.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen am Freitag eine Mail, die Sie zu einem völlig überflüssigen Meeting (Pleonasmus?) am Montag einlädt, und Sie schlagen bei Hus nach. Danach schreiben Sie Ihrem Chef, Sie hätten nachgedacht (Fehler!), die Frage sei nur bilateral zu klären (Fehler!) und das ganze Meeting sei unnotwendig (grober Fehler!). Gut, man wird Sie nicht verbrennen oder sonstwie Ihren Körper traktieren. Es gibt zwar Gerüchte, dass in den ursprünglichen Entwürfen des Novartis-Campus bucerien geplant gewesen seien, die man dann nur aus architekturästhetischen, nicht aus ethischen Gründen nicht gebaut habe, aber das sind Gerüchte. Man weiss auch nicht, was im Kellergeschoss des Roche-Towers alles sein wird, es wird ja keinen Publikumszugang geben, von Streckbänken und Nagelbrettern, von Verliessen und Folterkammern wird da gemunkelt, aber eben nur gemunkelt.
Fest steht, man wird Sie böse abstrafen, selbst gedacht, Verstand gebraucht, Chef widersprochen, das gibt (best case) eine Sozialnote C und damit einen Bonusabzug von 10.000.- oder man macht (worst case) kurzen Prozess und schmeisst Sie raus. (Erinnert die Phrase „kurzer Prozess“  wiederum nicht sehr an die Inquisition?)

Nein, nach der kurzen Zeit der Illumination, bei der der Mensch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit trat, sind wir wieder im Mittelalter angekommen.
Was würde Jan zu einem Autofahrer sagen, der um 12.00 auf der A5, von Freiburg nach Karlsruhe wollend, in die Sonne hineinfährt, weil sein Navi das sagt? (You remember: Im Norden ist sie nie zu sehn…)
Was würde Jan dazu sagen, dass Leute 4 Wochen lang nur gegrillte Pfifferlinge essen, weil irgendein Star in seinem Pilz-Blitz-Diät-Buch das vorschlägt, und dann von einer Mangelerscheinung in die andere kippen?
Was würde Hus dazu meinen, dass in einem Online-Knigge die SMS  muss nachdenken, melde mich LG als unhöflich gebrandmarkt wird, weil man eine SMS innert 3 Sekunden zu beantworten habe? Was würde der 1415 für das Denken Gestorbene zu unserer Zeit äussern, wo eben nicht mehr gedacht, überlegt, sinniert, wo nicht mehr gegrübelt, philosophiert und in Ruhe dargelegt wird?

Käme er zurück und würde er sein „Prüfe, wem du folgst“ in die Runde werfen, er bekäme einen solchen Shitstorm ab, dass er freiwillig nach Konstanz fahren, dort starke Scheite aufschichten und sich selbst verbrennen würde.
Oder er würde einer der vielen anderen Tötungsarten wählen, die wir alle so nett umschreiben.    

   

Freitag, 24. Juli 2015

Wer darf welche Waffen haben?

In der 9F gibt es bei den Jungs eine zentrale Clique, eine Gruppe der „Wichtigen“, der „Coolen“, die Regeln und Zusammenleben bestimmen. Die Wichtigen und Coolen, genauer Ronnie, Marc, Tobi, Mehmed und Giovanni haben schon mal ein Mädchen geküsst (Ronnie auch schon mehr als das), haben schon geraucht und Alkohol getrunken (Tobi auch schon mehr als das) und sind immer wieder mit den Ordnungshütern ihres Kantons und ihrer Gemeinde zusammengeprallt (Mehmed auch schon mehr als das). Die „Wichtigen und Coolen“ tragen die richtigen Kappen und Shirts, sie hören die richtige Musik und gehen an die richtigen Orte. Als Zeichen ihrer Macht haben sie alle ein Klappmesser dabei, das zwar die Lehrer nicht sehen dürfen, von dem die Mitschüler aber wissen, dass es existiert.

Neben Marc, Ronnie, Mehmed, Giovanni und Tobi gibt es noch eine genauso grosse Gruppe der „Normalen“, die noch kein Mädchen geküsst haben, jedenfalls in echt, nur in ihren pubertären Träumen, Jungs, die noch Cola trinken und Gummibären essen, die Fussball spielen und gamen und sonst halt einfach normale Buben sind. Sie sind nie an den richtigen Orten, tragen die falschen Klamotten und hören die falsche Musik, es ist ihnen aber (bislang) relativ wurscht. Diesen Buben (Fabio, Ali, Flo, Joel und Dominik) wird von den Wichtigen und Coolen erlaubt, Schweizer Armeemesser, also die roten aufklappbaren Teile, mit in die Schule zu bringen.

Ja, und dann gibt es noch das Duo Robby und Timmy. Die beiden Aussenseiter sind irgendwie schwierig, seltsam, sie brüten manchmal dumpf vor sich hin und prügeln manchmal auch einfach los, sie sind weder wichtig noch cool, aber auch nicht ganze Normalos, sie schauen seltsame Videos  auf YouTube und haben seltsame Dinge in der Tasche.  Ihnen ist das Tragen, Mitnehmen oder Benutzen  jeglicher Messer seitens der Zentralclique grundsätzlich verboten.

Nun wurde Robby neulich beobachtet, wie er seine Nase am Schaufenster des örtlichen Victorinox-Händlers plattdrückte. Daraufhin nahmen sich Ronnie und Mehmed ihn zur Brust und machten ihm noch einmal sehr deutlich, dass er sich den Erwerb eines  solchen Teiles von vorneherein abschminken könne. Robby flehte die beiden daraufhin an, ihm doch wenigstens die Funktionen wie Schere, Ahle, Zahnstocher und Lupe zu erlauben, natürlich auch den Flaschenöffner, manchmal müsse man eben einen Faden abschneiden, manchmal müsse man ein Loch bohren, manchmal sei eine Fleischfaser aus dem Gebiss zu entfernen oder eine Winzschrift zu lesen. Und gelegentlich gebe es doch auch noch Kronkorken. 
Nach langen Beratungen gab die Wichtig-Cool-Clique ein paar Tage später den beiden Losern Bescheid: Sie dürften beide ein Armeemesser kaufen und tragen, müssten aber auf die Verwendung der beiden Klingen verzichten und sich regelmässigen Kontrollen unterziehen, ob sie nicht doch noch weitere Dinge mit in die Schule schleppten…

Abstruse Story?
Vielleicht.
Aber geht es auf internationalem Parkett nicht genauso zu? Wer hat eigentlich den Atommächten erlaubt, Atomwaffen zu haben? Und wieso spielt sich die einzige Nation, die echte Scheisse (s.v.v.) mit diesem Zeug gebaut hat, jetzt als Aufpasser und Richter auf?
Wieso dürfen USA und Russland und China Atom in Raketen und Reaktoren haben und die Schweiz und Holland nur in Reaktoren und andere Länder gar nicht? Gut, die Eidgenossen haben keine Verwendung für Nuklearwaffen, ihr Land ist zu klein, aber was wäre, wenn sie einfach welche wollten, nur so zum Spass?
Wer legt denn fest, wer was darf und wer nicht?

Ok, einverstanden, ein Iran mit Atomwaffen wäre mir nicht geheuer, ein Iran mit AKWs aber auch nicht, mir ist die ganze Spalterei nicht geheuer, ich traue dem Atom nicht, militärisch und zivil und in jedem Land.

Das ist doch alles ein bisschen schräg gelaufen, da fangen die USA in der Wüste ein wenig mit Basteleien an, sagen aber, das gibt keine Bombe, das ist nur als Versuch gedacht, und – schwupps – fliegt so ein Ding auf Japan. Gut, sagt man, ab jetzt nur zur Abschreckung, aber friedlich, friedlich können wir die Sache ja nutzen, friedlich macht nix, da kann gar und überhaupt nix passieren, und dann geht in der Ukraine so ein Ding in die Luft und man kann keine Milch und kein Gemüse mehr zu sich nehmen. Alter Bau, sagt man dann, alter Bau, war eben UdSSR, kann in einem Hightech-Land auf keinen Fall passieren, und später geht dann in Japan was hoch und jetzt weiss man gar nicht, was man sagen soll…

An der Pestalozzi-Schule werden, nachdem die Messergeschichte herausgekommen ist, alle Messer verboten, die Klappmesser von Tobi, Ronnie, Mehmed, Giovanni und Marc genauso wie die Schweizermesser der anderen. Messer seien Waffen und die wolle man nicht in der Schule. Scheren und Zahnstocher  könne man im Etui haben und Lupen bräuchte ein 17jähriger nicht. Die Löcher könne man zuhause bohren und die in der Schule verkauften Flaschen hätten Drehverschlüsse. So verschwinden alle echten und potentiellen Waffen vom Schulgelände. 

Wünschte man sich für die Welt auch.

Montag, 20. Juli 2015

Filmszene: Mr. and Mrs. Money


Wäre das Folgende eventuell eine gute Filmszene?

Ein etwas heruntergekommenes Motelzimmer mit einer Standardeinrichtung,
Halbtotale.

Alex sitzt gefesselt auf einem roten, gepolsterten Stuhl. Er schaut gequält in die Runde. Wulf sitzt ihm gegenüber. Angie lehnt ruhig an der Wand.

Wulf:         
 
Also, Schätzchen, du hast drei Möglichkeiten.
Möglichkeit A:
Du sparst jetzt richtig, verkaufst alle Staatsunternehmen, die etwas bringen, an Privatleute, du setzt das Rentenalter auf 67 hoch, du erhöhst die Mehrwert-, die Tabak-, die Alkohol- und die Hundesteuer, du entlässt 2/3 der Beamten und schliesst die Athener Oper, dann gibt es Kohle, richtig Kohle, Mäuse, Zaster.
Variante B:
Du machst das alles nicht und ihr fliegt aus der EU, Grexit, Ende der Fahnenstange, aus die Maus, Klappe zu, Affe tot.
Variante C:
Ich gehe nicht in Details, aber am Schluss existiert dein Land nicht mehr. Doch, ich gehe in Details: Den Westen bekommen wieder die Italiener, den Osten wieder die Türken und die ca. 4000 Inseln bekommen die Eidgenossen, die zahlen gut und brauchen als Segelnation eh ein Meer.

Alex hat mit offenem Mund zugehört und verfällt für eine Weile in dumpfes Brüten.

Alex:            
 
Was war noch einmal B?

Angie stösst sich vehement von der Wand ab und fasst das Telefon. Mit einem Satz springt sie zu
Alex  und schlägt ihm den Apparat auf den Kopf. Dieser schreit auf.

Alex:            
 
A!
A!
Ich nehme A!
Ich spare jetzt!
Ja! A!
Ich spare richtig, ich fange morgen gleich an! Ich werde auch noch die Vergnügungs- und die Benzin- und die Katzensteuer erhöhen, ich schliesse nicht nur die Athener Oper, sondern alle Museen und Theater, ich veräussere alle Häfen und vor allem die Akropolis, da gibt es ja schon tolle Angebote von Disney und den Warner Brothers. Ausserdem geht das Rentenalter auf 70 und ich werde  3/4 der Beamten entlassen!
Nur schmeisst mich nicht raus!
Zerschlagt mein Land nicht!
Ich flehe euch an!
A!
Ich nehme A!

Angie ist wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückgekehrt  und grinst dümmlich in die Gegend.

Wulf:         
 
Guter Schlag!

Schnitt.

Ja, ich glaube, dass das eine gute Filmszene würde. Das ist schön fies, jemand, der gefesselt und angebunden vor einem sitzt, mit Alternativen zu behelligen, die keine sind. Und dann auch noch zuzuschlagen, bis er die richtige wählt.
Zum Glück kommen solche Dinge, wo man mit der Pistole an der Schläfe verhandelt, in Wirklichkeit nicht vor, sondern nur in Thrillern, Krimis und Western. 

 

 

 

 

 

Montag, 6. Juli 2015

Post-Ferien wegen Hitze, sogenannte Hitze-Ferien

Alte Hasen, alte Leute, Alte und Ältere, also Leute wie ich werden sich sicher noch erinnern: Wenn das Thermometer ausserhalb des Rektorats zu Beginn der grossen Pause auf 30°C kletterte, gab es schulfrei. Man konnte einfach nach Hause und den Rest des Tages im Schwimmbad verbringen.
Diese gute alte Tradition ist jetzt leider abgeschafft. Aber ich lasse sie wieder aufleben: Wir machen eine Blog-Pause bis 21.7.
Grund ist die Hitze.
Leute, es ist einfach zu heiss zum Schreiben. Meine Finger, meine in Schweiss gebadeten Finger rutschen auf der Tastatur meines Laptops ab wie Winterspaziergänger auf dem Eis, nehme ich einen Kuli, rutscht auch der in meiner Hand  und ich verbrenne mich an dem Metallring.
Aber:
Es ist auch zu heiss zum Denken. Meine Synapsen scheinen zu schmelzen wie die Weichen der DB und genau wie bei der Bundesbahn fahren dann gewisse Gedankenzüge einfach nicht mehr. Meine grauen Zellen haben Sonnenbrand, meine grauen Zellen sind eingeschmurgelt wie kleine pikante Würstchen auf dem Grill, mein Gehirn hat den Geist aufgegeben.

Um es jetzt aber einmal klarzustellen: Ich liebe die Hitze. Ich liebe die Hitze und kann gar nicht genug davon bekommen. Ab 40°C lebe ich auf - unter bestimmten Bedingungen:
* Ich bin den ganzen Tag an kühlem Wasser (See oder Badi).
* Zuhause wartet ein kaltes Bier auf mich.
* Ich muss nichts denken, schreiben oder arbeiten.

Und genau das sollte ich jetzt ja machen.

Nein, man kann jetzt nicht denken oder schreiben.
Über was sollte man denn auch schreiben? Soll ich vielleicht ein Heisses Eisen anfassen? Soll ich über eine hitzige Debatte berichten, über schweisstreibende Verhandlungen, über heisse Sachen, die den Leuten rote Köpfe machen? Soll ich über die AfD schreiben, wo es ja wirklich heiss hergeht oder über die heisse Sache Griechenland? Nein, das ist alles zu hitzig, zu warm, zu heiss.

Was wären dann aber coole, kalte, kühlende Themen? Was wären Themen, die einen erfrischen, kühlen, abkühlen? Gibt es doch fast nicht mehr.

Nein, wir machen jetzt erst einmal eine kleine Pause. Und daran denken:
* Viel trinken.
* Kopf immer wieder einmal ins Wasser.
* Wohnung tagsüber abdunkeln.
* Kaltes Lesen, vielleicht einen Bericht über den Himalaya oder den Südpol.

In dem Sinne: Bis bald.
Für die Älteren: Freuen Sie sich, dass Sie nach 40 Jahren einmal wieder hitzefrei bekommen, auch wenn mein Zimmer kein Rektorat ist und ich auch gar kein Celsiometer besitze.